Bogenbauen

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Weihnachten '96 hatte ich auf dem mittelalterlichen Markt in Siegburg einen Zettel mitgenommen, wo AGIL (Institut für angewandte Archäologie oder sowas) in Hamburg Kurse anbot - Kochen wie im Mittelalter, Bogenbauen nach steinzeitlichen Vorbildern, Herstellen von Silberschmuck nach historischen Vorlagen. Als ich bei AGIL angerufen habe, sagte man mir, daß es auch (genau) einen Kurs in Bonn gäbe, und zwar den Flitzebogen-Bauer. Aha! Bonn ist bei mir um die Ecke, also hab ich den Kurs in der Bundeskunsthalle gebucht.

Am 22./23. März ging's dann los. (Und knapp 3 Monate später habe ich auch mal Zeit und Ruhe, darüber zu berichten .)

Einführung

In der Einführung mit Diashow lernte man dann alles mögliche:

Handwerkeln

Nächster Schritt: jeder sucht sich ein gut 2m langes, eckiges Stück Holz aus, das vage an einen Bogen erinnert: es ist in der Mitte dicker als an den Enden. Dazu gibt's pro Person eine grobe Raspel (Feile?) und Schmirgelpapier. Die nächsten 5 Stunden (zwischendurch noch Pause) gings dann los. Erst wird die dem Schützen abgewandte Seite (ich glaube, sie heißt Rücken) abgescheuert, d.h. rund gefeilt. Sie wird 'runder' als die andere Seite.

Das wesentliche am Schmirgeln ist aber, daß der Bogen gleichmäßig stark ist, denn jede schwache Stelle wird zur potentiellen Bruchstelle (der Bogen ist nur so stark wie seine schwächste Stelle). Um das Gleichgewicht zu prüfen, wird der Bogen 'getillert', d.h. mit dem sogenannten Tillerholz geprüft. Dieses Holz ist quaderförmig und hat an einer Längsseite Einkerbungen, am unteren Ende eine halbkreisförmige Aussparung. Der Bogen wird auf den Boden gelegt, das Tillerholz mit der halbkreisförmigen Aussparung auf die Mitte gestellt und eine an den Enden des Bogens befestigte Hilfssehne in die Kerben im Tillerstab eingehängt. Dann braucht man gutes Augenmaß, um zu sehen, wo der gespannte Bogen sich stärker biegt. Alle anderen Stellen markiert man, denn hier muß man nun Holz wegnehmen, damit alle Stellen gleich stark werden. Holz wieder drankleben geht ja dummerweise nicht - wer Pech hat und grob motorisch veranlagt ist, produziert also Sägemehl, keinen Bogen.

Der ausgelotete (getillerte) Bogen wird dann mit einer Sehne versehen (in unserem Fall eine Kunst-Sehne, die reißfester ist und von Feuchtigkeit unberührt).

Schiessen

Praktisch zu einer Ausstellung in der Bundeskunsthalle konnte der normale Museeumsbesucher dort einen Bogen mieten und auf eine Zielscheibe aus Stroh schiessen. Diese Möglichkeit stand uns auch zur Verfügung, sodaß wir die eigenen Mordwaffen mit einem Pfeil, den wir geschenkt bekamen, ausprobieren konnten. (Dieser Pfeil ist übrigens recht heftig: mit Befiederung und Eisenspitze - könnte tödlich werden!)

Auch zum Schiessen gab's noch interessante Neuigkeiten:

Und sonst...

Nach dem Zielschießen (Trefferquote eher zufallsbedingt) habe ich meinen Bogen auf freiem Feld ausprobiert. Man kann gut 50 bis 60 Meter weit schießen, wobei Wind den Pfeil allerdings stark ablenkt. Mein Bogen (er ist mit 1, 90m größer als ich) hat ein Zuggewicht von 16 Pfund, wenn er nicht ganz gespannt ist. In jedem Fall ist Zielen mit einem Bogen eine Sache für sich: wer dabei die ganze Zeit dieses Gewicht halten muß, wartet im Gegensatz zu Armbrustschützen nicht, bis der Gegner nach 5 Runden vielleicht etwas günstiger steht - Hinterhalt hin oder her!

Zusätzlich habe ich den Griff meines Bogens noch mit Lederschnur umwickelt - mit etwa 4m Schnur habe ich doch gut 12cm Bogengriff hingekriegt. Das Schwierige war, die Schnur ohne Knoten zu befestigen, denn sowas hält angeblich zu schlecht. (Diese Wickelungstechniken hat der Kursleiter nachher auch noch kurz gezeigt - ist aber nichts, was man gut mit Worten beschreiben kann.)

Und jetzt hängt das gute Ding an der Wand, die Blasen an den Händen sind langsam wieder abgeklungen und das Gefühl der Großwildjagd hat sich gelegt. Wenn aber der nächste Abenteurer beim Bogenkauf feilschen will, fällt ihm ein Amboß auf den Kopf. Wer vom Pferd aus mit dem Ding schießen will, soll erst mal demonstrieren, wie er das aus dem Sessel schaffen will. Und wer seinen Bogen in einer Runde einsatzbereit haben will, soll erst mal versuchen, ihn überhaupt zu spannen (die Sehne einzuhängen) Dafür muß man nämlich beide Hände frei haben und (je nach Technik) mit einem Bein in den Bogen steigen. Sehnen müssen immer ausgehängt werden, sonst wird der Bogen zu lange zu stark belastet und ist nach kürzester Zeit nur noch für's Lagerfeuer zu verwenden. AGIL
Büro für angewandte Archäologie
Postfach 1115 ind D-21391 Reppenstedt bei Lüneburg
Tel und Fax: 04131 / 681706
Email: agilant@-SPAMSCHUTZ-aol.com
Homepage: http://www.hendrix.de/agil

Der neue Katalog sieht nicht uninteressant aus, allerdings ist fast alles im hohen Norden (Hamburg, ...) und auch nicht wirklich billig. Aber - schaut's euch selbst an.

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Robert Wenner

Der Digest (MD/DRoSI/Archont)

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