Recht und Gesetz im Rollenspiel

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Einleitung:

Ich habe im letzten Semester eine sehr interessante Vorlesung gehört deren Erkenntnisse ich nun auf die Fantasywelt übertragen möchte. Es geht um das Recht, das die Abenteurer auf Midgard (hier vornehmlich Vesternesse, denn der Rest interessiert MICH überhaupt nicht) um gibt. Da Midgard sehr historisch angelegt ist, können die Erkenntnisse über Römer und Germanen gut als Grundlage für die ganze Geschichte dienen. Als Einführung könnte ich denen empfehlen, die an einer Uni sitzen, sie dortige Jura-Fachschaft aufzusuchen und nach einem Alpmann Schmidt Skript "Deutsche Rechtsgeschichte" zu fragen. Da ist das ganze einmal etwas ausführlicher aufgeschrieben. Natürlich gibt es daneben noch viel "wissenschaftlichere" Quellen, aber das wird wohl keinen interessieren. Ich werde es eventuell zu gegebener Zeit mal am Rande erwähnen. Alles was ich hier so schreibe ist nicht unbedingt wissenschaftlich gesichert. Man möge es als mögliche Wahrheit abtun und sich nur für die Übertragung auf Midgard interessieren. Wer Unwahrheiten usw. entdeckt, schriebe mir doch und wir können diskutieren, ob das wesentlich wäre. Ebenso möchte ich sagen, daß das ganze nur eine kurze Einführung sein kann, da wir hier schließlich durch ca. 1500 Jahre Geschichte rasen.

I. Teil Valian, Chrysea = Römer, auch Küstenstaaten

1. Einleitung
Ich will zunächst einmal ein paar Grundlagen klären. Recht, so wie es heute besteht baut vor allem im Zivilrecht (also in den Streitigkeit zwischen einem Bürger mit einem anderen) im wesentlichen auf dem römischen Recht auf. Das liegt daran, das dieses Recht sehr weit entwickelt und auf die Bedürfnisse eines Staates mit einem großen Umfang an Warenverkehr zugeschnitten war. Zum anderen war das römische Recht relativ umfassend niedergeschrieben worden. Ich will jetzt hier nicht in die Tiefe dringen, für uns Rollenspieler ist interessant, daß wir mit dem valianischen Imperium die Römer quasi auf Midgard haben. Vor einigen Hundert Jahren beherrschten sie ebenso wie die Römer den größten Teil der bekannten Welt und dürften ein ebenso weit entwickeltes Rechtssystem haben, das teilweise in den ehemaligen Kolonien noch immer als Vorbild dient. Valianisches Recht selbst wird direkt immer noch natürlich in Valian und Chrysea praktiziert, wenn auch natürlich in anderer Form, die Küstenstaaten dagegen dürften sich dagegen (wie Italien zur Zeit der Renaissance) auf das valianische Recht gerade wieder besonnen haben und das ganze wiederentdecken und benutzen.

2. Beispielssituationen
Folgende Fälle sollen mal illustrieren wie die Abenteurer mit dem Gesetz in Konflikt oder Berührung geraten können.
a) Handel
Endlich ist Herewulf Vorasund, der Händler aus Birka, in Candranor angekommen. Zusammen mit seinen Kameraden hat er das letzte Schiff aus dem Hohen Norden genommen und will seine Ladung Pelze gegen valianischen Wein und Gold tauschen.
b) Strafen
Bei einem Bummel über den Markt von Candranor hat der Hund des Waldläufers Kenneth MacArdoch ein wenig Hunger und erleichtert einen Fleischer um eine riesige Keule. Während Kenneth sich noch lachend über den plumpen Metzger den Bauch hält verteidigt der Hund erbittert seine Beute und verbeißt sich dabei in den Unterarm des armen Tropfes.
c) Verwaltung
Unsere Heldengruppe reist nun in das schöne Tevarra ein, was haben sie hier zu beachten?

3. Hintergrund bei den Römern
Die Römer waren wie schon gesagt eine hochentwickelte Verkehrsgesellschaft, die sich schon früh mit den heute alltäglichen Problemen befassen mußte. Was war wenn ein Sklave (Auto) nicht wie versprochen kinderlieb (unfallfrei) war, sondern zu schlechte Zähne hatte und zur Gewalt neigte. Römische Juristen haben zu diesen Fällen ihre Gedanken zwischen 100 und 250 n. Chr. zu diesen Problemen niedergelegt, die von den Prätoren in den genannten Fällen angewendet wurden. So konnte jeder in solchen Fällen klage erheben und diese wurde dann nach Vortrag der Sache und Anhörung der Parteien auf Grund dieser Meinungen der Juristen entschieden. Dabei konnten sich natürlich die Meinungen der "Weisen" durchaus widersprechen, sie waren jedoch für das Gericht bindend, die Juristen bildeten also eine Gutachterstelle. Sie waren meist entweder mächtige oder reiche Männer die sich aus Muße mit dem Thema beschäftigen, man sollte keineswegs denken diese seien notwendigerweise an juristischen Schulen ausgebildet worden. Für Streitfälle konnte man sich natürlich zusätzlich solche in Rhetorik geschulten Anwälte engagieren. Das Zivilrecht galt in Rom und später auch in Byzanz als hohe Kunst, es wurde, nachdem in Westrom alles den Bach runter ging im Jahre 529 durch Kaiser Justinian noch einmal wiederbelebt und aufgezeichnet. Das heißt, daß so etwas wie ein Gesetzbuch (Codex) mit dem geltenden Recht existierte, eine ergänzende Darstellung aller möglichen problematischen Fälle im Zivilrecht plus deren Erläuterung durch die besten der alten römischen Gelehrten (der bei weitem umfangreichste Teil auch Digesten oder Pandekten genannt) und ein kleines Lehrbuch zu dem ganzen.
Nicht sehr hochentwickelt war das sogenannte öffentliche Recht (also die Beziehungen zwischen Staat und seinem Bürger). Es sollte erwähnt sein, daß der Staat (wie auch nun in den in den "zivilisierten" Ländern) das Gewaltmonopol hatte, also nur er durfte strafen (legal). Anders als im gemeinen Recht in Deutschland, war die Blutrache im spätrömischen Reich verboten und Räuberei nicht so sehr an der Tagesordnung. Die Römer schafften ein relativ gewaltfreies Klima, d.h. man konnte ziemlich sicher reisen, ohne wie später üblich, sich bis an die Zähne zu bewaffnen. In einer Stadt gab es Polizei, die sich um die Sicherheit der Bürger kümmerte, jeder war für sein (und auch das seiner Sachen=Tiere und Sklaven) Tun verantwortlich. Es bestand ein Strafanspruch der Öffentlichkeit gegen den Täter, der einfach mal so wen umlegte. Unsere Gruppe befindet sich also in einem Umfeld das rohe Gewalt nicht gerade

4. Anwendung
Was hat das für Folgen? Nun, man kann sich als Ausländer nicht wie die Axt im Walde benehmen. Als erstes müssen sich die Barbaren aus den vesternessischen Ländern an diese ganz andere Rechtsauffassung gewöhnen. Ein Verbrechen wird in Valian oder Chrysea nicht ungestraft bleiben. Da auch beide Länder schon seit langer Zeit mit Zauberei zu tun haben gibt es auch für diese Gesetze, die einzuhalten sind. Diese dürften ebenso weit ausgebaut sein, wie der Rest. Ich will die Anwendung mal ein wenig verdeutlichen.
a) Wir haben also den wälischen Kaufmann, der seine Ware loswerden will. Nun in welche Schwierigkeiten könnte er geraten und was kann er machen. Als erstes muß er natürlich die Waren verzollen, dort wird dann entsprechend Buch geführt und die Ware mit einem Stempel versehen. Was geschieht weiter. Auf dem Markt betätigt er sich dann als Ausrufer, und die feinen Herren und Damen der Gesellschaft traben an. Ein fein angezogener Mann kauft im ein wertvolles Eisbärfell ab. Nach zwei Stunden erscheint dann auch ein weiterer Mann (nennen wir ihn Augustus) der den feinangezogenen Mann mitschleift und erklärt dieser Mann sei sein Sklave und habe einfach so die Ladung Felle gekauft, ohne seine Erlaubnis und zum anderen seien die Felle auch von minderer Qualität (was stimmt, denn auf der Fähre hatten Ratten dort eine Familie gegründet). Augustus möchte jetzt sein Geld zurück. (vielleicht wurde die Felle auch noch geklaut). Was also tun: Augustus hat gegen unseren armen Händler Klage erhoben und dieser muß auch vor Gericht erscheinen, sonst hat er von vornherein Unrecht. Nun muß jeder natürlich was beweisen, es kommt auf den Gesetzestext an der angewendet werden kann, die Spieler können nach einem Gelehrten suchen, der eine ihnen weiterhelfende Meinung vertritt. Der Spielleiter kann den armen Händler auch mit all dem konfrontieren, was wir aus dem heutigen Recht und was wohl auch jeder von uns schon einmal gemacht hat. Da wäre die Garantie für Ware oder die verspätete Zahlung, verdorbener Wein. Die Lieferung von kranken Tieren, die dann den Rest der Herde anstecken oder auch der Verkauf von "massiven" Goldgegenständen. Die Lösungen können dann auch einfach der Phantasie des Spielleiters entspringen, denn in solchen Fällen wird so gut wie jede Meinung vertreten. Ein leichter Weg unsere armen Helden um ein wenig Reichtum zu bringen und in die Mühlen der Justiz geraten zu lassen.
b) Das Strafrecht in Valian (Chrysea oder den Küstenstaaten) ist nicht sehr ausgeprägt. Es gibt aber keine Privatfehde sondern es herrscht "Ordnung". Kenneth und auch sein Hund werden wohl von der Marktpolizei geschnappt und vor Gericht gestellt. Ja, es findet auch eine Gerichtsverhandlung gegen den Hund statt, und da kann es schon sein das dieser zum Tode verurteilt wird. Kenneth selbst dürfte ein saftiges Schmerzensgeld zahlen dürfen. Für den Fall das er sich einer Verhaftung widersetzt hat, sieht es nicht sehr rosig aus. Das gleiche kann man dann auf die Hexer und ihre Vertrauten übertragen. Zauberer sind für diese (ebenso wie für beschworene Wesen voll verantwortlich).
Die Strafverfolgung dürfte sogar über magische Mittel verfügen, wenn auch nur im geringen Ausmaß. Die Großen Gilden werden die Obrigkeit bei besonders schwierigen Fällen unterstützen. So könnte bei einem Mord an dem Haupt der reichsten Familie Candranors, es durch aus geschehen, daß ein Magier den Geist des Toten beschwört. In einem wichtigen Prozeß könnte der Zeuge unter den Einfluß von Macht über Menschen gestellt werden. Das sollte aber die Ausnahme bleiben, niemand wird einen Magier wegen eines kleinen Diebstahls bemühen.
c) Wenden wir uns nun einem effizienten Verwaltungsapparat zu. Wer schon einmal den Gildenbriefartikel über den Convedeo gelesen hat (müßte GB Anfang 20er sein). Der weiß, das hier nun ungewöhnliche magische Artefakte registriert werden, die Waren, die eingeführt werden, müssen mit dem Siegel des Fürsten/Seekönigs/Stadtrates versehen werden. Die Verwaltung war ist ziemlich effizient, kennt Akten und allerlei bürokratische Genehmigungen und Vorschriften. Gesetze werden erlassen und umgesetzt. Ein sadistischer Spielleiter kann hier seine eigenen Erlebnisse mit deutschen Behörden leicht einbringen.

5. Literatur
Für einen Überblick reicht eigentlich das Lesen des entsprechenden Abschnitts (z.B. römisches Recht) im Brockhaus oder so, sollte ein bißchen größeres Lexikon sein. Sonst seht mal in der Bibliothek nach, ob ihr da was in der Abteilung Rechtsgeschichte findet.


II. Teil Germanen, Clanngadarn, Fuardain, Waeland, Ywerrddon

Im zweiten Teil dieses Artikels geht es nun um das krasse Gegensatz zu den Römern, wir befassen uns mit den sogenannten Barbaren, als Vorbild sollen uns die Gegner derselbigen und deren Nachfahren dienen. Auf Midgard würden diese Kriterien wohl Clanngadarn, Fuardain, Ywerrddon und Waeland erfüllen.

1. Beispielsfälle
Wieder stellen wir uns als erstes Mal Situationen vor in denen unsere armen Abenteurer stecken.
a) Erbenstreit
Ruth ap Whys, gestandener Abenteurer kehrt nun nach langen Jahren im Ausland mal wieder nach Hause zurück. Hier stellt er dann fest, daß sein Vater beim jagen nach albischen Köpfen plötzlich verstarb. Math, der Bruder von Ruth hat den Hof übernommen und weigert sich nun ihn herauszugeben. Klärung innerhalb der Sippe
b) Wieder wenden wir uns Ruth zu, der bei einem Besuch bei Nachbarn einige heftige Worte mit Donnar ap Nai wechselte. Was wird nun passieren?

Überfall einer Sippe auf eine andere, Beleidigung und die darauf folgende Antwort

c) Unsere Abenteuer haben sich zur Erholung in diesem kleinen wälischen Dorf niedergelassen und wollten sich doch nur ein wenig ausruhen, als die vorher etwas reservierten Dorfbewohner sich der Unterkunft nähern und die Versenkung der "Tempelschänder" im Moor verlangen. Was wird hier nun passieren Gerichtsverhandlung gegen einen Tempelschänder, grundsätzliche Verdächtigung von Fremden und der Reinigungseid, mündliche Verhandlung, keine Profis und kein Text

2. Hintergrund auf der Erde
Als Hintergrund soll wie gesagt die Stammeskultur der ausgehenden Antike in Nord- und Mitteleuropa dienen. Hier lebten in einer bäuerlichen Gesellschaft in kleinen Dörfern die Menschen. So gut wie keiner kam über mehr als eine Tagesreise aus dem Dorfe fort. Man lebte unter sich. Rechtsstreite wurden sofort mit dem Schwert oder auf sogenannten Thingen ausgetragen. das Recht wurde von den Stammesführern und rechtserfahrenden Laien mündlich erläutert und gesprochen, sowie dann sofort vollstreckt. Die Verhandlung fand unter freiem Himmel, meist an einem herausragenden Platz (Gerichtseiche) unter freiem Himmel statt. Beweis wurde nicht erhoben sondern meist nur Anklage und Abstreiten, dann wurde jeder Partei aufgegeben eine bestimmte Anzahl an Eideshelfern beizubringen, die die Schuld oder Unschuld bezeugen würden. Dies klingt nach heutigem Denken ziemlich absurd, weil ein Schwur heute nicht viel ist. Damals jedoch war ein Schwur etwas. Man schwor nicht leichtsinnig es drohte doch die Hölle für den Eidbrecher. So ist überliefert, daß auch der Täter, der sich durch seinen eigenen Schwur hätte vom Vorwurf befreien können, lieber die Strafe auf dich nahm, statt falsch zu schwören. Manchmal wurden auch Gottesurteile eingeholt, Kämpfe bis zum ersten Blutstropfen, bis zum Tod, das laufen über glühende Pflugscharen oder die Ölprobe waren beliebte Mittel.

Normalerweise wurde jedoch das Recht in die eigene Hand genommen, Blutrache war Pflicht und wurde schon bei (aus unserer Sicht) Kleinigkeiten geübt. Die Beleidigung konnte schnell ein Schwert in den Rippen nach sich ziehen. Später (so um 500 n. Chr. wollte man die Blutrache zurückdrängen und legte ausführliche Bußgeldkataloge an. Für einen Toten gab es 600 Schillinge, eine abgeschlagene Hand kostete...., die Beleidigung als "Hundsfott" kostete .. Dabei wurde der Ersatz dann meist nicht in Geld sondern in Naturalien geleistet. Ein Toter kostete so an die 60 Rinder. Man konnte also nicht einfach so zu schlagen, denn nicht nur der einzelne sondern die ganze Sippe haftet für die Untat eines Mitgliedes. Eine Familie wird also bestrebt sein, die eigenen Pappenheimer unter Kontrolle zu halten.

3. Übertragung auf Midgard
Für Midgard bietet sich bei Betrachtung der unterschiedlichen Stadien der Kulturen auch eine differenzierte Einteilung an. So würde das Recht der Blutrache wohl je weiter man nach Süden kommt vom Recht auf Entschädigung und Kompensation verdrängt. Reste existieren aber immer noch, so wird im Norden von Alba fleißig der feindliche Clan geschädigt.
Die Gerichtsverhandlungen bieten eine schöne Möglichkeit den Spielern klar zu machen, daß Götter existieren. Ein falscher Schwur im Heilen Hain der Druiden und ein strafender Blitz dürfte die Schuldfrage eindeutig klären können. Aber natürlich haben auch die Götter noch mehr zu tun als Court TV zu sehen. Der normale Mensch wird diese Überlegung jedoch immer anstellen. Auch Gottesurteile sind für diese Gedanken schöne Möglichkeiten.
Die Abenteurer sind aus der Sicht der meisten Dorfbewohner Vagabunden, die seltsam und ausländisch sind. Für diese Gesellen wird so schnell niemand die Hand ins Feuer (das kann man unter Umständen auch wörtlich nehmen) legen.

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Till "Eulenspiegel" Elgeti

Der Digest (MD/DRoSI/Archont)

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