Route ins Irsirraland

Bei Raubzügen entlang der nordwestlamaranischen Küste stieß vor vielen Monaten der Drakar des kühnen Seewolfes Boltar in der Bucht der Farben vor Elhaddar auf ein mit der Flut des Ozeans hereintreibendes Schiff, dessen Besatzung im Fieber, hungernd und durstend war. Für ihre Hilfe gab der dankbare Kapitän den Waelingern eine Karte, die den Weg zu einem sagenhaften Goldschatz weisen sollte. Er und seine Männer hatten genug von dem Abenteuer gehabt und wollten nur mehr ihre Heimat lebend wiedersehen. Derartiger Pessimismus war einem Mann wie Boltar natürlich fremd, so daß wenige Wochen später bereits ein waelisches Langschiff vom Delta des Ikenga kommend dem großen Strom flußauf in die Tiefen des von üppig immergrünem Regenwald bedeckten Landesinneren folgte.

So gelangten die Nordländer, der Gefahr von vergifteten, auf Deck niederprasselnden Pfeilen unsichtbarer Gegner aus dem Uferdickicht trotzend, in ein Gebiet, das von Schönheit und Schrecken zugleich beherrscht wurde.

Schlammig und von mehreren Zubringern verstärkt, wälzte und schlängelte sich der Fluß träge durch unzugängliche Mangrovensümpfe. Vögel jeder erdenklichen Gestalt und Farbe füllten die schwüle Luft mit ihrem Geschrei und strichen über die faul auf den Schlammbänken dösenden, graugrün geschuppten Riesenechsen und die plumpen Dickhäuter hinweg, die zwischen den Seerosen weideten.

Selbst nachts kamen die Entdecker kaum zur Ruhe, als geisterhafte Stimmen unheimlich und abschreckend - oft ganz nah, dann wiederum wie aus weiter Ferne - über den Wipfeln der mächtigen, von Schlingpflanzen und Lianen überwucherten Baumriesen des dampfenden Dschungels klangen, wenn die Eingeborenen in die hohlen Stämme von Riesenfarnen hineinbliesen, um sich über weite Entfernungen zu verständigen und benachbarte Völker vor der in diesem Land stets von Eindringlingen und Fremden drohenden Gefahr zu warnen.

Bald wurde der große Fluß unschiffbar, aber vom gelben Edelmetall hatte sich keine Spur gefunden. Während nun ein kleiner Trupp der Leute zur Bewachung des Langschiffes zurückblieb, brach Boltar mit dem Gros der Mannschaft zur Erforschung des Urwaldes auf.

Doch was versteckt sich hinter dem Begriff "Urwald" überhaupt. Wer die Bedeutung dieses Wortes erkannt hat, hört das Kreischen der Affen, riecht den Duft exotischer Blüten und erfährt, das Grün eine Milliarde an Schattierungen besitzt.

Darf man den Skalden glauben, sind jene Gefilde in der Tiefe des Ikengabeckens jedoch kein gewöhnlicher Urwald: in einer Höhe von 45m bilden die ineinander verwobenen Äste der Baumkronen ein derartig dichtes Geflecht, daß eine Art durchgängiger Ebene daraus entstanden ist. Auf diesem Untergrund aus lebendigem Grün, stets nur einen tödlichen Sturz vom Erdboden entfernt, leben Eingeborene nahe dem Sonnenlicht und dem offenen Himmel. Hier liegen die Dörfer der friedlichen Obongo, der kriegerischen Tarwussi und, irgendwo versteckt, befindet sich sicher auch der geheime Tempel der gefürchteten Diener Jurugus.

Doch nicht nur die Baumkronen sind bewohnt. Auch der Boden des Dschungels ist voller Leben - einem widerlichen, faulenden und unheiligen Leben, dem nur die angeblich kannibalistischen Okawonga in ihren Kraalen zu trotzen wagen. Diese Unterwelt ist das Reich von Nenga-Uboke, dem kinderfressenden obongischen Totengott, von dem selbst die Medizinmänner nur mit Schaudern sprechen. Und Nenga-Uboke gelüstet es nach mehr als nur der Herrschaft über sein düsteres Reich. Seine ekelerregenden Horden der bleichen, haarlosen Ngoru sind auch für die Welt der Baumwipfel eine stete Bedrohung.

Und obwohl die dunkelhäutigen Jäger vom Stamm der Fumbani sicher keine furchtsamen Männer waren und ihnen Dzikile, der Gott der Schlangen mit den sieben Frauen, Schutz versprochen hatte, würden sie bei diesen letzten Worten doch ihre Stimme senken, um keine bösen Geister anzulocken.

Es war dieses freundliche Eingeborenenvolk der am Rande eines großen Sumpfloches in kleinen runden Lehmhütten hausenden Fumbani, bei dem die hellhäutigen Fremden mit Furcht und Verehrung als Geistervolk aufgenommen, und ihre waffentragenden Frauen gar wie Göttinnen behandelt wurden.

Die goldenen Armreifen des uralten Häuptlings erzählten eine eigene Geschichte: es war die des legendenumwobenen und unermeßlich reichen Schatzes von Opar, einer Ruinenstadt, viele beschwerliche Tagesreisen entfernt. Die Männer des Dorfes hatten sie einst vor Generationen überfallen. Er, damals noch ein junger Krieger, war als einzig Überlebender mit dem Schrecken davongekommen, nachdem einer nach dem anderen seiner Begleiter auf unheimliche Weise spurlos verschwunden war. Alleine und von maßloser Furcht vor den Geistern des Ortes ergriffen, irrte er durch das Labyrinth der zyklopischen Mauern, um nach einer Ewigkeit von den gellenden Todesschreien der eigenen Gefährten geleitet, auf einen riesigen Platz im Zentrum der zuvor noch so verlassen dagelegenen Anlage hinauszutreten, wo seine Stammesbrüder von gräßlich behaarten Wächtern zu einem erhöhten Steinaltar hochgezerrt und dort von einer über allem thronenden weißen Frau geopfert wurden. Die weiße Göttin hatte dann zu ihm gesprochen: er würde leben, um zu berichten, was er gesehen habe, doch sei ihm und seinem Stamm verboten, jemals zurückzukehren...

In ihren Gesängen erzählten die Fumbani auch von einem ganzen Reich solcher Frauen, das von Westen her nur betreten könnte, wer nach den wilden Stämmen des Dschungels, auch einen Wall fleischfressender Pflanzen überwand.

Obwohl dieses Gerede von einem bisher unbekannten oder vielleicht auch wegen seiner Gefährlichkeit in Vergessenheit geratenen Weges ins Land der Amazonen durchaus vielversprechend klang, und auch das Gold und die Juwelen von Opar lockten, mochte ein Großteil der Seewölfe nicht mehr länger den Strapazen der hohen Luftfeuchtigkeit, der unerträglichen Hitze und des peinsamen Fiebers, das viele unter ihnen befallen hatte, trotzen und sie überstimmten Kapitän Boltar, der darauf schweren Herzens den Rückzug zur offenen See anordnete; natürlich nicht ohne den freundlichen Fumbani ein baldiges Wiedersehen zu versprechen - ein Unterfangen, für das es aber wackerer Gefährten bedürfte, als ein paar noch hinter den Ohren grüner Vidhingfahrer... !

Ich hoffe, auch Ihr nehmt an Boltars zweiter Expedition in die Tiefen des Ikenga-Beckens teil!!!

(Inspirationsquellen: Hal Fosters Geschichten um Prinz Eisenherz und seinen Freund Boltar, Edgar Rice Burroughs Abenteuer um Tarzan und die Juwelen von Opar, sowie ein Artikel aus der guten alten ZauberZeit (ZZ 24), in dem bei einer stimmungsvollen Beschreibung der Welt Taltanis auch eine Dschungelregion namens Bongandanga-Lopori beschrieben wurde, die hier als Vorbild diente)

Greetinx

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Robert Eibl

Der Digest (MD/DRoSI/Archont)

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