Kommentar zum Thema "Religionen"

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Hallo,

Also das in diesem Artikel geschilderte Problem taucht wohl irgendwann in jeder Gruppe auf. Was folgt sind enttäuschte Priester-Spieler, eine zersplitterte Gruppe und ein mehr oder weniger frustrierter SL. Woran es liegt ist schon oft diskutiert worden. Hier ein paar Gedankenansätze was man dagegen machen kann. Ich bin der Meinung, daß diese Konflikte nicht durch den Spieler des Priesters zu lösen sind, sondern durch den Rest der Gruppe und vor allem durch den SL. Sie alle gehen - im Gegensatz zum Priester-Spieler- zu sehr von unserer heutigen Sicht aus: Götter gibts nicht (Man kann es jedenfalls nicht beweisen).

Kleines Beispiel gefällig?

Dirk schrieb:

>Was passiert, wenn ein Priester aus gruppendynamischen Gründen einen Dieb
>heilen soll, sein Gott dessen Lebensweise jedoch ablehnt, oder zu ihrer
>Bekämpfung aufruft?

Der Priester überlegt nun folgendes: Ich errette ihn mit der Macht meines Gottes, da wird er zwar nicht gleich sein Diebeshandwerk aufgeben, aber zumindestens wird er nachdenklich werden und über das nachdenken, was passiert ist und meinem Gott dankbar sein. Steter Tropfen höhlt den Stein, entweder er sieht sein schändliches Tun irgendwann ein, oder er ist verdammt und muß in der Hölle schmoren. Wir (Mein Gott und ich) haben jedenfalls das Beste versucht.

Wie man sieht, ist dies durchaus gottgefällig, denn eigentlich sollte man davon ausgehen, daß auch der abgebrühteste Assassine irgendwie reagiert. Aber was geschieht? Der Spieler des Diebes (Assassinen, Zauberer, egal was, ) notiert sich seine neuen Punkte und man geht zur Tagesordnung über. Die anderen Spieler und auch der SL machen sich in den seltensten Fällen klar, was da überhaupt geschehen ist. Und wenn die Spieler nicht von selbst drauf kommen, ist es Sache des Priesters und des SLs, die anderen drauf aufmerksam zu machen. Der SL sollte den Priester einige NPC heilen lassen, und deren Reaktionen ausspielen! Das kann von Kniefällen über ewige Freundschaft bis zu rufen wie Ein Wunder ein Wunder ist geschehen! Reichen. Übertriebene Reaktion, da Magie doch so alltäglich ist? Mitnichten, da es zwar Magie gibt, bei MIDGARD aber ganz eindeutig gesagt wird, daß Magie für den Durschnittsbürger nicht alltäglich ist.

Wie sollen sich nun die geheilten Spieler verhalten? Sollen sie gleich konvertieren? Natürlich nicht. Aber auch ein Dieb, der ja normalerweise etwas lockerer mit den Göttern umgeht, bricht sich kein Zacken aus der Krone, wenn er in der nächsten Stadt dem Gott für seine Heilung dankt. Oder er richtet nur den Blick nach oben und sagt: Danke. Wie der Geheilte reagiert, hängt ja von seinem Charakter ab. Hauptsache, die Gruppe geht nicht sofort zum Alltagsgeschehen über.

> Noch schlimmer wird es ja, wen meine Gruppe ein Grab plündern will, das
> einem Gott geweiht ist, dessen Priester ebenfalls anwesend ist.

Nun dazu würde ich sagen, sowas darf nicht geschehen. Solche Situationen sollte der SL vermeiden. Es ist sowieso ein ziemlich seltsame Konstruktion, die nur dadurch zu Stande kommen kann, wenn in einer Gruppe böse und gute Charaktere sind. Also mit böse meine ich jetzt nicht Assassine, sondern die MIDGARDS Definition der Finsternis.

Meine Erfahrungen haben gezeigt, daß RSP nur dann konstruktiv ist, wenn die Gruppe einigermassen kooperativ ist, und kooperativ kann sie nur sein, wenn die Gesinnungen einigermaßen ähnlich sind. Ich will jetzt hier nicht den Moralapostel spielen, aber ich habe oft erlebt, daß nach kürzester Zeit, die halbe Gruppe tot war, weil die Spieler von bösen Charakteren meinten, alles niedermetzeln zu müssen (Was sie oft ins Grab gebracht hat).

Aber das ist ein anderes (nicht uninteressantes Thema):

Zurück zum Beispiel: Warum sollte eine Gruppe ein dem Ylathor geweihtes Grab plündern, wenn ein Ylathorpriester anwesend ist? Da muß der SL vorher überlegen. Wenn es wirklich in das Grab gehen muß (und das gilt eigentlich für alle gute Kulte), warum sollte der Priester nicht mit Erlaubnis der Götter eintreten, solange er etwas wichtiges dort braucht (einen bestimmten Gegenstand). Natürlich zieht er sich den Zorn eines jeden Gottes zu, wenn das anvertraute Stück mißbraucht wird. Wenn schon Grab plündern, dann doch am Besten das einer Chaos-Gottheit. (oder wie wäre es mit dem Grab eines dunklen Meisters aus dem Magierkrieg?). Andersherum muß ein böser Charakter/Priester nicht meinen, er dürfe das Grab einer anderen Chaosgottheit nicht plündern. Grade das ist ja ein Aspekt von böse : Sich über Bündnisse, Vereinbarungen hinwegzusetzen.

> Wie kann ein Priester glaubwürdig bleiben, wenn er seine Überzeugungen,
> und sei es auch nur in Einzelfällen, hinter die Gruppenbedürfnisse
> zurückstellt? Wie reagiert sein Gott darauf?

Hmm, ich glaube, das beginnt schon bei der Erschaffung des Charakters und des Kultes. Ich glaube nicht, daß es sinnvoll ist, einen Chaospriester zu spielen, außer in Ausnahmen. Beim Ausarbeiten des Charakters sollten sich Spieler und SL gemeinsam einige Glaubensfragen, Gebote und Verbote überlegen.

Und wenn der Spieler dann in eine Situation kommt, wo er seine Überzeugungen zurückstellen muß, ist der SL gefragt. ER muß sich klar machen, daß die Götter zwar Prinzipien haben, aber (je nach Gottheit mehr oder weniger) auch mal ein Auge zudrücken, wenn es für die Gruppe (und damit auch für den Priester und im Endeffekt für den Gott des Priesters) nicht anders geht.

Beispiel? Der Priester einer Lebensgöttin hat die Aufgabe, Leben überall wo er kann zu retten, schützen und zu hegen, Frauen und Kinder zu schützen.

Nun habt die Gruppe in der Orkhöhle Ogerkinder gefangengenommen. Die Gruppe will sie töten, da sie später sowieso nur Menschen überfallen und fressen. Der Priester ist dagegen, von wegen Leben schützen und Kinder und überhaupt.

Wie nun verfahren? Zum einen könnte der Spieler mit dem SL, abklären, ob Oger überhaupt unter den Schutz der Göttin fallen, oder vielleicht nur Elfen, Menschen, Zwerge, Gnome.

Zweitens könnte man sie fesseln und knebeln, wenn die Oger z.B. nur den Eingang zu einer Schwarzmagierhöhle bewachen. Drittens könnte der Priester argumentieren (und der SL könnte als Gott dem zustimmen), daß die ganze Mission gefährdet ist, und der Schwarzmagier viel mehr Unheil bringt wenn er nicht gestoppt wird, daß der Tod der Ogerkinder das kleinere Übel ist (wenn sie denn nun wirklich getötet werden müssen).

Ist das nun ein Kungeln zwischen Gott und Spieler? Nun ich denke nicht. Jeder Orden/Kult hat Glaubenssätze, die in jeder neuen Situation neu überdacht werden müssen. Das war in der Geschichte nicht anders. Auch die Kirche mußte sich zu neuen Themen äußern. Und da der Priester der Vertreter des Gottes auf MIDGARD ist, ist er es, der die Glaubenssätze prüft. Und wenn die Begründung, warum der Priester jetzt soundso handelt, gut ist, sollte der SL das auch akzeptieren. Warum sollte der Gott des Priesters seinen Priester für jede Auslegung der Glaubensregeln strafen? Da hat auch der Gott nicht von. Natürlich, bei ständigen Beugen und Brechen der Regeln werden die Folgen nicht auf sich warten lassen. Aber da kommt es wieder auf den SL an, der schon bei der Charaktererschaffung überlegen sollte, ob dieser Priester mit seinen Glaubensregeln in diese Kampagne paßt. Außerdem sollte der Sl den Priester nicht ständig vor Gewissensentscheidungen stellen, die der Priester nicht lösen kann.

Was ist dagegen zu sagen, wenn der Priester (in schweren Situationen) sagt: Mein Gott, ich weiß nicht was ich tun soll, gib mir ein Zeichen! Hilf mir in Deiner Weitsicht und Gnade Und warum soll der SL dann nicht ein Zeichen geben? Wie der Spieler das interpretiert, ist dann eine andere Sache. Oder wie wäre es so:

Da die Götter in MIDGARD präsent sind, könnte es ja sein, daß der Priester den Willen des Gottes spürt. Aber es ist immer besser, wenn der SL überlegt, ob die Argumentation des Priester schlüssig war, und es akzeptiert(oder nicht), als wenn der Sl dem Spieler bedeutet, was dem Gott recht ist und was nicht.

Zum Abschluß noch ein paar weitere Gedanken: Warum soll ich als Priester nicht einen Dieb oder Söldner, oder Assassinen in der Gruppe heilen, auch wenn mein Glauben sagt, ich habe Assassinen zu bekämpfen? Es ist ja so, daß ich auch auf ihn angewiesen bin, bis das Abenteuer zu Ende ist. Dann wird in diesem Fall ein eine Ausnahme gemacht, der der Gott sicherlich zustimmen wird, denn auch ihm ist ein erfolgreiches Abenteuer mit einem lebenden Dieb und lebenden Priester sicher wichtiger, als zwei tote, oder evtl. nur einen toten Priester.

Vielleicht hat der Dieb ja auch was daraus gelernt! (Und gute Rollenspieler sollten ihren Dieb zumindestens irgendwie reagieren lassen).

Und letztens: Warum muß der Priester den Assassinen unbedingt heilen? ER kann ja auch dem SL mitteilen, er tut nur so, um dann der Gruppe zu verkünden: Tut mir leid, aber unser Herr scheint diesen Mann nicht helfen zu können. Es scheint, als hätte er ein großes Verbrechen begangen. Und hier ist wieder das Spiel der Anderen gefragt: Kein halbwegs vernünftiger Charakter würde in einer Welt, in der Götter so präsent sind sagen: Ach , dein Gott, der kann ja Nichts!, sondern sie würden überlegen, ob es nicht einen Weg gibt, doch das Wohlgefallen des Gottes zu erregen. Und dann sollte der Priester es auch noch mal versuchen, denn wenn die Leute ein wenig über das nachgedacht haben, was sie so angestellt haben, ist das ein erster Schritt und Gott und Priester können zufrieden sein.

Wie gesagt, ich denke, daß die Schwierigkeiten eines Priester nicht nur beim Spieler liegen, sondern vor allem Bei den Mitspielern und dem SL.

Just my two pennies,

Li Harden Coonor

Der Digest (MD/DRoSI/Archont)

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