Historische Waffenkunde für Rollenspieler

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In jedem Rollenspiel wird irgendein Waffensystem eingeführt, was dann natürlich noch realistischer als alle Vorgänger sein soll. Aber wie sieht es mit der Waffenkunde wirklich aus. Der AKF befragte in zwei langen Gespräch einen Experten und Kampfschul-Leiter aus Kiel. Die Ergebnisse waren ziemlich ernüchternd, um es vorweg zu nehmen. Ich werde hier die Tatsachen aufzählen und jeder kann dann sein Rollenspiel einschätzen, ob es diese Fakten berücksichtigt oder nicht.

Als aller Erstes und als Hauptunterscheidungsmerkmal ist die Technik beim Treffen zu nennen: Es wird der Schlag, der Hieb und der Stich unterschieden. Der Schlag wird in den Körper des Gegner hineingetrieben und soll ihn eventuell auch aus seiner Position verdrängen. Der Hieb ist dem Schlag ähnlich und beginnt wie dieser. Nach dem Treffer aber wird die Waffe wie ein Messer über einem Schleifstein abgezogen, was den Getroffenen schneiden soll. Während der Schlag und der Hieb mit einer kreisenden Bewegung der Waffe ausgeführt werden, ist der Stich völlig anders. Beim ihm wird in der Vorwärtsbewegung die Waffe in den Körper hineingestoßen und danach beim zurückziehen herausgezogen. Alle diese Techniken können von Meistern auf zweierlei Weise ausgeführt werden: Zum einen kann eine starke Verletzung erreicht werden und zum anderen eine starke Schockwirkung, was auch wirkungsvoll sein kann.

In der Geschichte gab es zunächst nur Schlag oder Hiebwaffen, praktisch also das Schwert. Durch Faltungen konnte schon früher die Härte und Flexibilität der heutigen Schwertstähle nahezu erreicht werden. Rüstungen halfen nicht, da sie durchschlugen wurden. Zusätzlich machten sie den Kämpfer zu schwer und damit zu unbeweglich. Der Papst verbot nun gefaltete Schwerter und das damalige Eisen war zu weich: Die Waffen zerbrachen an Rüstungen, die damit wieder an Bedeutung gewannen. Die Rüstungen wurden zunehmend dicker und schwerer und gipfelten am Ende in der Ritterrüstung. Diese waren jetzt nur mit Stichwaffen zu brechen! Erst jetzt kam es zu einer Entwicklung von Stichwaffen. Gegen diese Waffen waren die schweren Rüstungen nutzlos, ja sogar hinderlich bei der Parade. Die Rüstungen verschwanden. Eine Renaissance der Schlagwaffen gab es zwar noch, doch das war Schwarzpulver erfunden worden und gewann immer mehr an Bedeutung im Kampf. Ein Vergleich von Schlag, Hieb und Stich ist nicht möglich, da sie in verschiedenen Zeiten entwickelt wurden und die jeweiligen Kampftechniken nie gegen die andere bestehen mußte.

Das, was nun eine Kampfschule ausmacht, ist das Wissen um ihre Techniken! die Art der Waffe ist dabei nebensächlich. Die Technik wird dann nur noch auf die im Moment benutzte Waffe angepaßt. Mit dem Angriffstechniken geht auch immer die Verteidigungstechnik einher: Die Waffe dient immer auch als Deckung, mit der die gegnerische Waffe abgelenkt wird. Das weit verbreitete Schild wurde nur zur Abwehr von Pfeilen und Speeren genutzt! Im Nahkampf war das Schild praktisch wertlos. Zwar bremste es einen Treffer des Gegner, doch die Wucht brachte ihm trotzdem zu Fall! Zudem ist es unhandlich. Das wichtigste ist jedoch, daß man mit einem Schild nicht angreifen konnte. Nur im Mittelalter, wo die Ritterrüstungen getragen wurden, konnte das Schild vor dem Schlag auf die Körperrüstung schützen, der sonst schwere Prellungen verursachen würde. In der Zeit war ein Fall zu Boden auch nicht tödlich. Die Kämpfe wurden eher dadurch entschieden, daß einer der beiden Kämpfer vor Erschöpfung die Waffe nicht mehr zum Schlag heben konnte.

Als nächster Aspekt ist die Länge einer Waffe zu nennen, auf die jeweilige Technik abgestimmt werden muß: Kurze Waffen so bis zu 50cm waren für eine Parade zu klein und deswegen als allein geführte Waffe zwecklos. Waffen mit einer Schwertlänge (ca. 55-80cm) waren hier viel besser. Mit ihnen konnte genug Raum schnell genug gedeckt werden. So war auch das Schwert die Waffe, die auf allen Kontinenten bekannt und verbreitet war. Mit den längeren Langschwertern (ca. 75-90cm) wird wegen der Schwere der Waffe eine gute Parade schwieriger, so daß ein Schild in der linken Hand diese Aufgabe übernahm. Waffen bis zu 115cm Länge werden als Anderthalbhänder bezeichnet und mal in einer, mal in beiden Händen geführt. Das Tragen eines Schildes ist jetzt nicht möglich und die Parade ist nur durch eine ausgefeilte Ausweichtechnik (Fußarbeit...) und mit Schnelligkeit in der Bedienung der Waffe möglich. Noch längere Waffen wie der Bihänder waren im Einzelkampf Mann gegen Mann unbrauchbar und sind somit als Exoten anzusehen. Nur in speziellen Situationen wie z.B. vom Schlachtroß oder bei Hinrichtungen wurden sie verwendet. Alle diese Längenangaben sind natürlich relativ zur Körpergröße zu sehen. So waren die Anderthalbhänder der Thais kleiner als die der Germanen. In diesem Zusammenhang will ich noch etwas ueber den beidhändigen Kampf sagen. Hier wird grob bei der zweiten, links geführten Waffe unter kurzen Handwaffen und gleichlangen Einhandwaffen unterschieden. Da man in den Kampfschulen die Techniken mit beiden Händen lernt, kann man ohne großen Unterschied ein Schwert je nach Situation links oder rechts führen. Wird links nur eine Kurzwaffe verwendet, so greift mit dieser Waffe meistens nur unterstützend an. Dabei ist das Hauptziel die Waffenhand des Gegners während eines Angriffes. Ist man z.B. Beispiel im Wald nur mit einem Messer bewaffnet, so wird der Kenner sich sofort einen Stock in Schwertlänge verschaffen. Diesen führt er zum Angriff und zur Verteidigung in der rechten Hand. Links führt er mit dem Messer die gerade beschriebenen Angriffe. Ein echter beidhändiger Kampf mit zwei langen Waffen ist selbst für Meister nicht durchführbar, da man sich sonst auf zwei Punkte gleichzeitig voll konzentrieren müßte. Dies aber ist nicht zu schaffen! Der Verlust an Koordination und Geschwindigkeit wird dann schnell gefährlich.

Schließlich muß noch die Bauart einer Waffe berücksichtigt werden. Als ein Merkmal ist z.B. die ein- oder beidseitige Schärfe von Waffen zu nennen. An einer Waffe kann man schon im gewissen Maße den Entwicklungsstand der Kampftechnik erkennen, wobei einschneidige Waffen mit kleiner Parierstange einen hohen Entwicklungsstand anzeigen.

Zusammenfassend ist festzustellen, daß es mehr auf die Angriffstechniken als auf die einzelne Waffen ankommt: Wie schnell folgen die einzelnen Angriffe? Wie gut ist die Verteidigung währenddessen gewährleistet? Wie ist der Ausdauerverlust beim Bewegen der Waffe klein zu halten? Welche Schrittechnik erlaubt schnelles Ausweichen? Für spezielle Situationen oder Waffen sind dann spezielle Techniken entwickelt worden. Hier möchte ich nur das Handgemenge und den Kampfstab nennen.

Das Erlernen von diesen Techniken dauert bis zu 20 Jahre. In einem halben Jahr sind erste Grundtechniken (z.B. als Vorbereitung zum Bestehen in einer Schlacht) erlernbar, doch Duellreife erreicht man erst nach ca. 5-10 Jahren. In Schlachten waren diese Meister enorm wichtig, da ein einziger unter normalen Fußvolk in ein paar Stunden bis zu 500 Personen ausschalten konnte.

Doch was bewirkt ein Treffer, wenn die Parade mißlang. Bei einem Meister, der seine Waffe bedienen kann, ist ein Treffer sofort tödlich oder erzielt den Effekt, den der Meister haben wollte. Anfänger hingegen benötigen noch 2 bis 3 Treffer, um einen Gegner zu besiegen. Im Normalfall ist hier der erste Treffer so verletzend, daß der Gegner einen Rückzug dem Tod vorzieht. Ausnahmen ergeben sich durch die Rüstungen. Nur im Mittelalter, wo plump mit schlechten Waffen oder dickste Panzerungen geschlagen wurde, sind bis zu 50-60 Treffer möglich, bis ein Gegner - meistens aus Erschöpfung - besiegt ist.

Trefferwahrscheinlichkeiten kann man realistisch so beschreiben: Nach einer Grundausbildung hat man eine persönliche Trefferchance von ca. 30%, wobei man dann das Ziel trifft, was man treffen wollte. Mit steigender Ausbildung kann diese persönliche Wahrscheinlichkeit auf 100% gesteigert werden. Hinzu kommen aber Veränderungen der Chance auf einen Treffer durch die verwendeten Waffen, die getragenen Rüstungen, der körperliche Zustand und die Ausbildung des Gegners! Wenn z.B. zwei Meister kämpfen, haben sie nur noch 50% Chance, einen Treffer zu landen.

Ein Kampf ist grob in zwei Phasen zu unterteilen: In der ersten Phase wird der Gegner beobachtet und eine Chance zum Angriff gesucht. langsam kommt man auf eine Schwertlänge an den Gegner heran. Dann beginnt plötzlich die zweite Phase des Kampfes, das Schlagen und Parieren. Hier kommt es bis zu 3 Schlägen pro Sekunde, also sehr schnell! Ist der Kampf jetzt noch nicht entschieden, so kann es zur Trennung kommen und die erste Phase beginnt wieder. Dies kommt oft bei Anfängern mit niedriger Trefferchance vor. Natürlich ergibt sich hier auch die Gelegenheit zur Flucht.

Kämpft man zu Pferd, ist dies natürlich völlig anders. Kurze Waffen sind vom Pferderücken unbrauchbar.

Überhaupt kommt es hier mehr auf das Pferd, als auf den Reiter an. Das Pferd muß in eine langwierigen Schule auf den Kampf zugeritten werden. Auf der anderen Seite ist es für den Reiter unumgänglich, sich zum Reiterkämpfer auszubilden lassen, was viele Jahre dauert.

Diese Informationen waren bestimmt für viele überraschend, jedenfalls für mich! Diese Tatsachen, die doch eigentlich recht gut in einem System eingebaut werden könnten, sind so nirgendwo zu finden! Hoffentlich kommt bald ein realistisches Spiel auf den Markt...

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Hendrik 'Panther' S. Röpcke

Der Digest (MD/DRoSI/Archont)

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