Der Troß der Fogelvreien in Willich

Das ist die "kleine" Version meines Nachberichts. Eine andere Version mit den von mir geschossenen Photos (35 Stück mit insgesamt 520 kB) findet man [hier].

Wenn man in Krefeld lebt, hat man zwangsläufig auch schon mindestens einmal den traditionellen Flachsmarkt besucht, der seit Ewigkeiten alljährlich zu Pfingsten die Massen mit historischen Handwerkern und Ritterspielen anlockt. Zwar ist das Angebot reichhaltig, doch die Veranstaltung ist inzwischen sehr kommerziell und stellenweise auch sehr unatmosphärisch, was nicht allein daran liegt, daß die Massen sich gegenseitig zertrampeln.

Wesentlich weniger bekannt ist dagegen (noch) die just vergangene Veranstaltung am Schloß Neersen in Willich (zwischen Mönchengladbach und Krefeld). Hier fiel am Wochenende vom 22. bis zum 25. April 2000 der Troß der Fogelvreien ein und schuf in dem weitläufigen aber verwinkelten Park rings um das Schlößchen eine mittelalterliche Kulisse, in der man die hochtechnisierte Umwelt schnell vergessen konnte.

Nachdem man den Park durch einen der vielen Eingänge betreten hatte, empfingen einen schon die ersten mittelalterlichen Großzelte und Holzbauten, in denen ebenso mittelalterlich Gewandete ihrem Tagwerk nachgingen. Das konnte Holzhacken sein, wie auch das Zubereiten des Essens und Handwerken. Natürlich gab es bereits hier schon zahlreiche kleine Attraktionen, wie die beiden Falknerinnen mit ihrem Wolfshund und dem Frettchen oder die vielen Edelleute, die hinter langen Tischen thronten.
Neben den vielen offenen Zelten, in denen sich die Leute einfach aufhielten und nur wenig vom vorbeiziehenden Volk beirren ließen (aber gerne auf Fragen antworteten), gab es natürlich auch eine Vielzahl von Verkaufsständen, die - und das muß man gutheißen - wirklich nur zum Ambiente passende Waren anboten. Wer nach einer Pizza oder einem Döner Ausschau hielt, suchte vergebens. Statt dessen gab es Knoblauchbrot (Fladen mit Kräuterquarkmischung, gerösteten Zwiebeln und Tomatensoße), Gebratenes vom Schwein, Würste, Früchte, besondere Backwaren (z.B. mit eingebackenem Speck), Süßigkeiten, uvm. Passend dazu gab es natürlich Gerstensaft und (noch besser) süffigen Met aus dem Tonbecher, aber natürlich auch Alkoholfreies.

Bei den zahlreichen Händlern konnte man fast alles erwerben - von der Waffe oder dem Rüstungsteil, über Felle und Stoffe bis hin zum hölzernen Eßgeschirr. Meiner Meinung nach waren auch die Preise recht moderat, wenn man auch schon ein wenig Erfahrung bei der Auswahl mitbringen sollte, weil die Qualität doch sehr unterschiedlich war. Wer zu handeln versuchte und dabei auch noch gewandet war, war klar im Vorteil.

Die dritte Nische des kommerziellen Sektors füllten die "Erlebnis-Dienstleister". So bot ein Barbier vor seinem Zelt Rasuren an und an einem anderen Stand, dem Badehaus, konnte man sogar entkleidet in einen großen Badezuber steigen. Vermutlich wurde dieser Spaß jedoch nur von den Fogelvreien selbst genutzt.
Wer seine Rasur morgens in nur wenigen Minuten erledigt und auch hier diese Schnelligkeit erwartete, war im falschen Film. Der Barbier verstand es meisterlich sein Tun mit Unmengen von wissenswertem Geschwätz zu füllen und die Rasur damit für alle Umstehenden zum Erlebnis zu machen.
Ebenso erlebnisreich werden für die Kleinsten das Reiterturnier und das Karussell gewesen sein. Das Karussell erregte Aufsehen, weil es statt mit einem Motor, von zwei Kräftigen (meist Vätern) per Kurbel angetrieben wurde. Beim Reiter- oder Ritterturnier schlüpften je vier Kinder in die umhängbaren Pferde und ritten mit nach vorn gerichteter Lanze auf das bewegliche Ziel zu. Als Hauptpreis winkte ein hölzernes Schwert und die Ritterehre für alle die ihr Können bewiesen hatten.

Aber die bisher aufgeführte Liste wäre einem 'normalen' Mittelaltermarkt noch viel zu ähnlich. Richtig attraktiv wurde der Troß rund um das Schlößchen erst durch die zahlreichen Gaukler, Musiker, Schaukämpfer und Redner die für eine sehr dichte Atmosphäre sorgten. Besondere Attraktionen wurden mit Paukenschlag, Trommellei und Böllerknall angekündigt, so daß das Volk zusammenströmen konnte.

Eine große Bühne wurde dem Programm entsprechend mit magischen Vorführungen eines Fakirs, einer Entfesselungskünstlerin und den Klängen historischer Instrumente gefüllt. Auf einem umrahmten Stück Wiese kamen fast stündlich Schaukämpfer zusammen, die mit den unterschiedlichsten Waffenarten (z.B. Schwert, Stab und Morgenstern) gegeneinander antraten. Da dabei gute Technik mit viel Humor gepaart wurde, blieb kein Auge trocken. Durch das Waffenscheppern verschreckte Kinder wurden schon mal extra besänftigt. Überhaupt: sobald Unverständnis beim (meist jungen) Betrachter aufkam, scheuten die Fogelvreien sich nicht, durch behutsame Aufklärung die Unkenntnis oder gar Angst zu beseitigen. Sehr vorbildlich.

Eine etwas kleinere Bühne im Zentrum des Marktes war den ganzen Tag über mit Artisten und Gauklern gefüllt. Nach der frühen Eröffnung des Marktes durch Herold und Bürgermeister wurden einige Musiker und Handwerker geprüft, ob ihr Können dem Markt auch angemessen sei. So spielten die Musiker (Fiedel, Trommeln, Dudelsäcke, Flöten) vor, und das Badewasser des Badehauses wurde scherzhaft durch den unfreiwilligen Vorkoster (eine der Stadtwachen) auf Reinheit geprüft. Eine besondere Attraktion waren auch die patroulierenden hochgerüsteten Wachen und - mit Abstand voran: Der Hofnarr. Was sich da unter der Narrenkappe verbarg, zog göttliche Grimassen und suchte ständig neue Ziele für seine gelungenen Possen.

Ich hatte am Samstag Unmengen von Glück, nach einem feuchten Morgen lichtete sich der Himmel kurz nach meiner Ankunft und gab der Sonne freien Lauf. Die Stimmung war dementsprechend überall gut, zumal sich das schöne Wetter bis zum späten Abend hielt. Wer es so lange ausgehalten hatte, wurde durch die vielen Fackeln, Kerzen und Öllichter belohnt, die die Szenerie in den Abendstunden ausleuchtete.

Zur Organisation läßt sich folgendes sagen: Der Eintritt ist mit 13.-DM (pro Erwachsenem und Tag) sicherlich nicht gerade Nachgeworfen - dafür waren aber die meisten Leistungen (Parken, Shuttle und Toilette) auch im Preis enthalten. Genug Parkraum war organisiert (und vorbildlich ausgeschildert!) und Pendelbusse sorgten, ohne allzu lange Wartezeiten, für An- und Abtransporte zum sehr zentral gelegenen Schloß Neersen. Zudem konnte man das Gelände dank eines Stempels jederzeit wieder verlassen um sich z.B. Zigaretten oder Geld aus dem Automaten zu holen.

Ich habe beim Troß einen supergenialen Tag verlebt, was natürlich auch am guten Wetter lag, denn für den Rest sorgten die unzähligen (angeblich 600) Fogelvreien und die vielen Gewandeten Besucher. Ich werde diesen Besuch beim Troß noch lange in sehr guter Erinnerung behalten und das nicht zuletzt, weil ich nette Leute kennengelernt habe, mit denen ich sehr viel Zeit am Met-Stand verbracht habe, so daß der Tag (8 Stunden) zu schnell vorüberging.

Ich weiß auf jeden Fall, daß ich auch nächstes Jahr wieder beim Troß einkehren werde, wenn sie in Willich ihr Quartier aufschlagen. Das ich hiermit meine Empfehlung für einen Besuch bei den Fogelvreien gebe, brauche ich wohl nicht mehr extra zu betonen.

Dogio the Witch

Was sind die "Fogelvreien" ?
Die Fogelvreien begannen einst als "reisendes Rittertunier". Die Idee zum "Troß der Fogelvreien" entstand 1988 aus dem Wunsch heraus, mittelalterliche Spielmannskunst nicht mehr zwischen Pommes- und Bierbuden oder auf modernen Bühnen darzubieten. Für ein Engagement in Japan (!) bildete ein Kern von 15 Handwerkern (allesamt Meister oder Gesellen ihres Handwerks) den ersten mittelalterlichen Markt dem sich Künstler anschlossen. 1991 entstand dann das Projekt "Die Fogelvreien" mit bereits 35 Ständen und etwa 160 Akteuren, die bei größeren Projekten (wie z.B. Willich) auch auf die stattliche Zahl von 600 anwachsen können. Von April bis Oktober gastiert der Troß mittlerweile bereits fast jedes Wochenende an anderer Stelle in Deutschland. Die Winterzeit wird möglichst mit mittelalterlichen Konzerten und Gaukeleien gefüllt, wofür man sich auch gerne z.B. für Firmenfeste anheuern läßt.
Typische Stationen: Bodenteich, Bremen, Rastede, Dortmund, Hohenwestedt, Lich, Bückeburg, Telgte, Kassel, Hamburg, Goslar und Willich.
Mehr Informationen über weitere Spektakel der Fogelvreien gibt es unter:

Der Digest (MD/DRoSI/Archont)

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