Der Traktat Middoth

Der folgende längere Vortrag ist mir vor einiger Zeit durch Zufall auf den Schreibtisch gekommen, als mein Freund von einem kleinen psychologischen Kongreß aus Wien zurückgekommen ist und plötzlich in meiner Türe stand. Er warf mir einen kleinen Packen maschinegeschriebener Blätter hin, mit der Bemerkung, einer der Kongreßreferenten, hätte sie an die wenigen Zuhörer seines kleinen am Schluß stattfindenden Vortrags verteilt. "Der Inhalt ist vielleicht nach deinem Geschmack", sagte mein Freund. "Ein absonderliches Thema und ein absonderlicher Umstand. Der Referent hat bei uns jedenfalls damit nicht viel Gehör gefunden." Nun, ich las die Seiten mit den Augen eines Liebhabers phantastischer Erscheinungen, geschult von den Meistern der abseitigen Literatur und entdeckte ein Mosaiksteinchen im Gefüge der Cthulhu-Mythologie, die, wer weiß, vielleicht zu Unrecht nur ein Untersuchungsobjekt der Anglisten ist. Ich fand, der Vortrag verdiente eine bessere Aufnahme als die, welche ihm bei den Kollegen meines Freundes widerfahren war, und somit ist er nun hier zum erstenmal abgedruckt worden.


Der Traktat Middoth
Ausblick und Versuch über den Wert eines Buchfundes aus Prof. Sadowskys Nachlaß

Forschungserfolge der Paläomythographie sind bekanntermaßen selten, und den wenigen wird allzu oft außerhalb der engen fachlichen Grenzen keine Anerkennung zuteil. Das Dilemma liegt natürlich zum einen an dem extrem speziellen Querschnitt ihres Interesses, ihrer Beobachtung höchst seltener Objekte unterschiedlichster Herkunft. Zum anderen aber an der Dominanz literaturkritischer Methoden innerhalb der Richtung, die einen Ausweg aus der mangelhaften und problematischen Quellenlage weisen sollen. Namentlich H.P. Lovecrafts erzählerische Werke als herausragendes Beispiel trivialer "Sekundärliteratur" haben sehr zu einer Popularisierung der Paläomythographie beigetragen, ihr jedoch zugleich den ignoranten Vorwurf einer absonderlichen Spielart der Literaturkritik oder sogar der Unwissenschaftlichkeit eingetragen. Das Fach selbst muß freilich vorläufig eher als ein interdisziplinärer Teil der Bibliologie und Philopseudologie angesehen werden. Die sogenannte mythonomische Epigraphik scheint sich mittlerweile zu einer selbständigen Disziplin innerhalb oder daneben zu entwickeln.

Die Fachbezeichnung Paläomythographie gibt ihrerseits Anlaß zur Verwirrung und zum Mißverständnis, sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Kollegium. Die moderne Paläomythographie beschäftigt sich grundsätzlich mit den Mythen der vorschriftlichen Kulturen und Epochen. Das bedeutet nicht, daß dieser Gegenstand nicht Eingang in die später entstandenen und schriftlich tradierten Mythen gefunden hat, die damit ebenfalls zum Fachgebiet zu zählen sind. Es liegt in der Natur dieses Gegenstands, daß er als geschlossene und fixierte Mythologie, also ein äußeres anschauliches Bildersystem, praktisch nicht vorhanden ist, denn er datiert radikal in der vor- und frühmenschlichen Erdgeschichte und darüber hinaus in der Geschichte des Universums vor der Genesis des terrestrischen Sonnensystems. Insofern "schreiben" die Paläomythographen diese Mythologie nach, denn es gilt, diese nur partikelhafte und vielschichtig überlagerte, von der die These einer Ur-Mythologie oder Mutter-Mythologie abgeleitet wird, zu rekonstruieren. Sie erfinden sie jedoch keineswegs; sie ist kein Phantasieprodukt, sondern ein anhand jüngerer und damit differenzierterer Systeme, z.B. der griechischen Mythologie, durch Intuition und Assoziation induktiv erstelltes Grundmuster, ein mythologisches Skelett.

Man sieht in den Geschichten Lovecrafts verständlicherweise nur eine Fiktion, doch im Grunde stellen sie ebensolche Rekonstruktionsmodelle in hochgradiger Exaktheit dar, und als Schriftsteller holt Lovecraft unbestreitbar vieles aus seinem Seelenleben hervor, was vielleicht dem Spott der Wissenschaftler zum Opfer fällt. Doch bedenken wir, daß Mythos genau wie Wissenschaft Schablonen der Wirklichkeitsbetrachtung sind, und "...eine wirklich zwingende praktische Entscheidung zwischen Mythos und Wissenschaft ebenso unmöglich (ist), wie eine theoretische." 1

Damit, hoffe ich, sind die Ausgangsprobleme dieser Forschung annähernd skizziert worden. In diesem Zusammenhang ist der nun folgende Abhandlungsauszug ein besonderer Moment für mich und nicht zuletzt und wohl auch im besonderen für die Quellenkritik. Die Quellen der Paläomythographen sind ja hinlänglich bekannt und haben sogar, was die Disziplin einmal mehr der sensationsbewußten Unseriösität verdächtig macht, eine überraschende Popularität dank der sie aufgreifenden Magazinautoren wie Lovecraft, C.A.Smith und Derleth erlangt, ihre Aussagekraft und Echtheit ist aber sehr umstritten. Es fehlt bislang eine umfassende oder nur teilweise Studie mit Anspruch auf philologische Genauigkeit. Hierin sind glücklicherweise Phileus Sadowskys Untersuchungen ein engagierter Versuch gewesen, doch der viel zu frühe Tod des Professors hat zum Bedauern der Kollegen einen Torso von Hunderten von Blättern in seiner undeutlichen Handschrift hinterlassen, den zu ordnen und zu redigieren noch eine Aufgabe in der Zukunft bleibt. Bis vor kurzem oblag diese Tätigkeit Wilhelm von Hambern, der auch die Herausgeberschaft für die Ergebnisse übernommen hat. Leider hat ihn aber eine länger als erwartet andauernde nervöse Zerrüttung2 und ein unglücklicher Sturz auf der Kellertreppe seines Hauses ans Krankenbett gefesselt. Eine baldige Genesung scheint nicht in Aussicht zu sein.

Das Auftauchen einer der Fachwelt noch nicht bekannten Quelle muß also als ein extraordinäres Ereignis und stichhaltiger Beweis für den ernsthaften Hintergrund unserer Arbeit angesehen werden. Man wird sich erinnern, mit welcher Tragik jenes von Sadowsky aufgefundene Necronomicon-Fragment im Urtext durch behördliches Verschulden wieder verlorengegangen ist3. Die Pietät gegenüber dem Verstorbenen verlangt es, von einer fruchtlosen Erörterung über die Glaubwürdigkeit des Funds in diesem Vortrag Abstand zu nehmen; diesbezügliche Zweifel scheinen mir in erster Linie von gewissen konservativen Universitätsangehörigen lanciert worden zu sein, mit dem Ziel, Professor Sadowskys Reputation zu untergraben (bleibt zu hoffen, daß dieser Rufmord nach dem Tod seines Opfers nun endgültig aus der Welt verschwindet). Ebenso unverzeihlich ist der Verlust der einzigen arabischen Ausgabe, die vollständig in Europa verfügbar war, durch das Feuer, in dem auch der Professor sein Ende gefunden hat.

Ist ein kurzes Forscherleben wie das seine durch solche Mißerfolge und eine Katastrophe gekennzeichnet, stehe ich trotzdem nicht an, seinen beschrittenen Weg weiterzugehen. Wie Phönix immer neu aus seiner Asche geboren wurde, hält uns auch der Brand in Sofia noch Überraschungen bereit. Es ist mehr vor dem Feuer gerettet worden, als jetzt schon offiziell ist. Herr von Hambern ist aus den oben genannten Gründen nicht mehr in der Lage das, was einer Veröffentlichung harrt, aufzubereiten, weshalb diese Pflicht nun in meinen Händen liegt. Unter Sadowskys ungeregeltem Nachlaß befindet sich eine kleine niederländische Druckschrift aus dem 18. Jahrhundert, von deren Existenz bisher kein Beleg existierte. Eine kurze Recherche im National Union Catalogue, im Katalog des British Museum sowie der Haager Königlichen Bibliothek verlief erfolglos. Die nur lose zusammengehaltenen Blätter, die augenscheinlich ein früherer Besitzer in ein anderes Buch einbinden ließ (wahrscheinlich als Anhang, denn die Blätter weisen eine doppelte Paginierung auf: eine gedruckte römische bis XXII und eine handschriftliche in arabischen Zahlen von 802 bis 823, um die Einheit mit dem ursprünglichen Buchblock herzustellen), sind nur schwach angesengt in einem halbverkohlten Stapel aus verschiedenen Papieren in Sadowskys Aktenschrank entdeckt worden. Sie befanden sich in einer ledernen zugebundenen Mappe mit der Deckbeschriftung "London, B.M. * TBS '21 - App.IVa". Neben anderen Schriften betreffs Sadowskys Hauptarbeit ging auch diese Mappe Herrn von Hambern in Leipzig zu, was auf die Unsicherheit in der Ordnung der Manuskripte des Verstorbenen zurückzuführen ist, denn ihr Inhalt hat keinen direkten Bezug zu Sadowskys philopseudologischen Untersuchungen. Die Mappe enthält ein einfaches stichpunktartiges Skript mit Anmerkungen, das man oberflächlich für einen Kapitelentwurf für das Hauptwerk gehalten hat. Von Hambern zeigte aber später, daß Sadowsky wohl den Anfang einer anderen Arbeit solcherart skizziert und zurückgelegt hatte. Der größte Teil des Skripts führt Sadowskys Gedanken über Herkunft und Geschichte des holländischen Kleindrucks aus, die hier sinngemäß und der Lesbarkeit zuliebe überarbeitet vorgestellt werden:


"Der Titel der vorliegenden Abhandlung lautet TRACTATUS MIDDOTH CUM COMMENTARIO NACHMANIDES4, gedruckt A.D. 1707 in Amsterdam von Niclas Hoboeken. Der Text ist in Holländisch abgefaßt und steht in der Form des Dialogs. Ein Kolophon (Schlußtitel) weist auf einen gewissen Van Houten hin, der im Jahre 1631 in Löwen das Buch aus dem englischen Manuskript des Doctor angelicus übersetzt habe.

Der Doctor angelicus (= Thomas von Aquin) ist offensichtlich ein irreführendes Wortspiel, denn der klassische katholische Kirchenlehrer (1225-1274) hat natürlich nie über einen talmudischen Traktat5 mit einem rabbinischen Kommentar geschrieben. Ein Widerspruch, der den eigentlichen Verfasser verschleiern soll. Ebenso unsinnig ist der Titel selbst, der einen hebräischen Text des Talmuds erwarten läßt, aber als Translation aus einer englischen Handschrift ausgegeben wird. Die bibliographischen Angaben nützen also wenig, um Verfasser und Herkunft festzustellen, da sie bewußt verfälscht oder verzerrt sind.

Der vielgeschmähte "literarische Ansatz", die Annahme, aus den trivialen Texten eines bestimmten Autorenkreises würden sich reale Parallelen extrahieren lassen, führt in diesem Fall zu einem verblüffenden Ergebnis. Die Erzählung von Montague Rhodes James (1862-1936) Der Traktat Middoth enthält das helfende Analogon. Der für uns relevante Kern der Geschichte ist folgender: der besagte Traktat ist Gegenstand einer Suche nach einem versteckten Testament, das sich als ein eingefügtes Blatt mit hebräischen Schriftzeichen, in Wahrheit aber englisch geschrieben ist, entpuppt. Es geht also um einen Text, der als der Traktat Middoth (genauer ein Teil) ausgegeben wird, der tatsächlich jedoch ein Testament darstellt. Die Ähnlichkeit zu unserem Problem ist augenfällig, so daß wir davon ausgehen können, daß James unseren Druck zum Vorbild hatte. Wie erlangte er dann Kenntnis von ihm?

Nun war James vor allem Gelehrter. Er lehrte in Cambridge und Eton und hatte neben seinen unambitiösen Arbeiten als Schriftsteller von Geistergeschichten auch Gelegenheit, die Bibliothek eines der größten englischen Okkultisten zu studieren, des John Dee (1527-1608). Das Dictionary of Scientific Biography gibt ihn als Verfasser eines Verzeichnisses der Schriften aus Dees Besitz an.6 Im Appendix dieser Arbeit unter der Nummer IVa findet man die Eintragung: "Traktat Middoth, Amsterdam 1707, Druck bei N. Hoboeken. Vgl. Abtlg. 11 Nr.334." Unter der verwiesenen Nummer in Abteilung 11 lesen wir: "Handschrift auf Pergament, 12 Blätter 30x20, ungezählt. Kelley und Dee: Aussagen Nachmanides' über N. Späterer Druck vgl. App. IVa."

Edward Kelley war das Medium, mit dessen Unterstützung Dee Totenbeschwörungen bewerkstelligt und Kontakt zu den Engeln hergestellt haben soll. Im übrigen war Dee zu Lebzeiten als "Doktor John Dee" berühmt, obwohl er diesen akademischen Grad nicht besessen hat. In gewissem Sinn ist er also der Doctor angelicus, nicht der engelgleiche Doktor wie Thomas, sondern der mit den engelhaften Geistern verkehrende.

Bekanntlich ist laut der von Lovecraft zusammengefaßten Historie des Necronomicons John Dee der Übersetzer der englischen Ausgabe, die nur fragmentarisch überliefert ist.7 Man mag zu diesem angeblich der Phantasie Lovecrafts entstammenden Faktum kritisch stehen oder nicht: jedenfalls erklärt die Berührung mit dem Maior Opus der Paläomythographie Dees späte Zuwendung zum Okkultismus einleuchtend, war Dee doch in erster Linie Naturwissenschaftler in Astronomie und Geometrie, kundig in der Navigation und Mathematiker. Man halte sich vor Augen, daß Dee mit seinem Vorwort zur ersten englischen Euklidübersetzung von Billingsley (London 1570) das Studium der Mathematik zu seiner Zeit mit Erfolg angeregt hat. Sind nicht die häufig wiederkehrenden Bemerkungen Lovecrafts zu der nichteuklidischen Geometrie der Alten in diesem Zusammenhang erhellend? Wollte Dee etwa durch die Beschäftigung mit dem Okkultismus und insbesondere mit dem Necronomicon über die wissenschaftlichen Grenzen seiner Epoche hinausgelangen und in fremde Dimensionen vordringen? Von Kelley weiß man, daß er keine Ohrmuscheln mehr besaß - ein Schutz vor extremen akustischen Bedingungen, die auf der Erde nicht existieren? 8

Wir haben nun gesehen, daß der Traktat Middoth ganz offensichtlich aus John Dees Bibliothek stammt, wenn auch zuerst als ein unbetiteltes Pergament in Dees Handschrift. M.R. James hatte es aus Anlaß seiner Arbeit am Verzeichnis der Manuskripte Dees entdeckt und in einer seiner Geschichten verarbeitet: dabei zitierte er die Abteilungsnummer 11-334, die er in der Erzählung in die laufende Katalognummer 11.33.4 umwandelte, mit der der Held das Testament wiederfinden kann. Eine Frage stellt sich: warum spart M.R.James, da er doch bis in die Einzelheiten des Titels, des Druckvermerks und der Listennummer parallelisiert, den Namen Dees aus, und warum spricht er von einem Testament anstatt von einem okkulten Text (wie noch gezeigt werden wird)? Zwei Antworten sind vielleicht befriedigend. Genau genommen ist John Dee nur der Schreiber, nicht der Verfasser, denn James bezeichnet den Inhalt des Manuskripts als "Aussagen von Nachmanides über N". Kelley und Dee sind also als die Herausgeber aufzufassen. Wir wissen freilich nicht, was N. bedeutet (wir werden aber auf eine Vermutung zu sprechen kommen). Nachmanides allein kann aufgrund der Angaben als Urheber angesprochen werden, und James verschweigt seinen Namen ja auch nicht. Die Variante mit dem Testament sollte unserer Meinung nach wörtlich aufgefaßt werden, denn ein Testament ist auch eine Überlieferung, und genau dies ist Dees Schrift.

Es ist wahrscheinlich, daß Dee erst nach 1583 seine englische Übersetzung des Necronomicons anfertigte. Sie wurde nie gedruckt (abgesehen von einem späteren Liebhaberdruck aus dem 19.Jahrhundert) und ist nur in Bruchstücken erhalten. Zur Zeit des Elisabethanischen England wäre eine Drucklegung zweifellos sehr riskant, wenn nicht schlicht unmöglich gewesen. Dee muß gewußt haben, daß das Buch bereits seit mehr als 300 Jahren auf dem Index librorum prohibitorum stand, und hätte das den Druck auch nicht verhindert, so doch sicher seine Verbreitung. Dee konnte es sich nicht leisten, öffentlich mit einem so häretischen Objekt in Verbindung gebracht zu werden, hatte er sich doch trotz seiner Protektion vor dem Londoner Mob in Acht zu nehmen. Vielmehr wäre eine Übersetzung nur für den privaten Gebrauch und die Weiterreichung an Vertrauensmänner bestimmt gewesen - soviel politische Vernunft sollte man Dee bescheinigen. Natürlich bestand die Alternative einer anonymen Veröffentlichung. Vor der Kongregation der Inquisition und der Ächtung hätte dies das Buch jedoch ebensowenig gerettet.

Schließlich ist noch zu untersuchen, wieviel von Dees Studium des Necronomicons in seine bekannteren Werke eingegangen ist, und für einen Mann seiner Intelligenz wäre die Idee, Teile des Necronomicons in Bücher harmloserer und gewöhnlicher Art einzuschleusen, naheliegend gewesen. Daß so ein Fall von geheimer Überlieferung beim Traktat Middoth höchstwahrscheinlich besteht, wird später zu zeigen sein. So betrachtet hätte Dee uns beileibe nicht nur seine Übersetzung bewahrt, sondern sein Verständnis und Eindringen in dieses Werk hinterbracht.

Völlig im Dunkeln liegt, auf welche Weise jenem Van Houten der Text in Löwen zugekommen ist. Der Originaltext aus Dees Bibliothek muß sich zumindest kurz vor bis einschließlich 1921 im Nachlaßarchiv des British Museum befunden haben, wo James es zufällig entdeckte. Wäre es nach 1753, dem Gründungsjahr des British Museum, und vor 1921 zwischendurch außer Landes gewesen, müßte es im Katalog bzw. in einer Nachlaßkartei verzeichnet sein, doch ist dies nicht der Fall. Eine Erwerbung nach 1753 ist fast auszuschließen, denn dies impliziert ebenfalls eine ordnungsgemäße Katalogisierung. Möglicherweise war das Manuskript ein Bestandteil der Sammlung Cotton9 oder Harley10, aus denen mit anderen der Gründungsbestand der Bibliothek hervorging. Es ist vorstellbar, daß die Verzeichnung ihrer Sammlungen durch die Hand dieser Privatmänner unvollständig war und die bibliothekarische Nachbearbeitung bei der Masse schleppend vonstatten ging. Wir haben leider nicht mehr die Möglichkeit, den späteren Druck mit Dees Pergament zu vergleichen, damit Van Houtens Übersetzung auf Hinzufügungen und Auslassungen überprüft werden kann. Die 11-334 ist frühestens seit 1921 verschollen, und James' Liste ist der späte und einzige Existenzbeleg. Der Traktat Middoth wurde im Archiv des British Museum gefunden. Ob James ihn ebenda oder an einem anderen Ort entdeckt hat, ist ungeklärt. Letzteres ist wahrscheinlicher, da ja auch er nicht im Katalog zu finden ist. Ein Druckwerk mit Titelblatt ist auffälliger und allemal leichter zu erfassen, als eine zu archivierende Handschrift. Der fehlende Nachweis im Katalog deutet an, daß der Traktat, bald nachdem James ihn ausgegraben hatte, unauffindbar war. Man konnte ihn also nicht katalogisieren, und es blieb bei dem Nachweis in James' Liste. Ironischerweise wurde der Traktat wohl gar nicht gestohlen und befand sich immer noch in der Bibliothek, nur mußte ihn jemand verstellt und damit praktisch unauffindbar gemacht haben, bis er dann zum zweitenmal entdeckt wurde. 11

1547-51 unternahm der junge Dee Studienreisen nach Löwen und Paris. In späteren Jahren war er noch oft auf dem Kontinent. Van Houten kann ihm demnach ohne weiteres vor 1608 begegnet sein, und er war vielleicht einer seiner Schüler oder pflegte Kontakte mit solchen. Eine persönliche Verbindung mit Dee ist rein chronologisch und geographisch plausibel, doch muß sie Spekulation bleiben, weil wir weiter nichts über Van Houtens Leben wissen.

Am Ende unserer hypothetischen Betrachtung stellt sich die Entstehung und Entdeckung des Traktats Middoth in Zusammenfassung dar:

Wohl nicht vor 1583 entstand ein Pergament aus Dees Hand, an dem er und Kelley nach dem Zitat von M.R.James beteiligt waren. Es handelt sich aufgrund der Nennung von Kelley möglicherweise um das Protokoll einer okkulten Séance. In diesem Sinne kann "Aussagen Nachmanides' über N." interpretiert werden, wobei N. wahrscheinlich für Necronomicon steht.

1631 übersetzte ein Van Houten in (aus?) Löwen es ins Holländische.

1707 druckte Niclas Hoboeken in Amsterdam die Übersetzung unter dem Titel Traktat Middoth mit dem Kommentar des Nachmanides.

1921 erschien von M.R.James Lists of Manuscripts Formerly Owned by John Dee, in der der Zusammenhang zwischen Dees Pergament und Hoboekens Druck festgestellt wird. James beweist damit indirekt, daß er das Pergament und den Druck wiederentdeckt hat.


Ausblick auf eine Hypothese

Wir haben bereits angedeutet, daß der Traktat Middoth zu Dees Studium des Necronomicons in einer engen Beziehung stehen könnte, insofern er ein Glied der von Dee vielleicht absichtlich verstreuten Bruchstücke seiner Übersetzung darstellt. Seine Absicht war, die Übersetzung vor der sakralen und säkularen Zensur zu hüten und sie zur weiteren Unkenntlichmachung mit seinen eigenen Aussagen und Kenntnissen zu verschmelzen. Dieser Zusammenhang scheint auch von M.R.James gesehen worden zu sein - dafür sprechen folgende Punkte:

  1. Er konnte Dees Pergament und den Traktat Middoth direkt miteinander vergleichen.
  2. In seiner Liste bezeichnet er den Traktat Middoth als späteren Druck des Pergaments.
  3. Im British Museum hätte er (einen nicht nachgewiesenen, da wahrscheinlich kompromittierbaren) Zugang zu einer lateinischen Ausgabe des Necronomicons gehabt.
  4. Er gibt den Inhalt des Pergaments mit "Aussagen Nachmanides' über N." wieder; wenn N. für Necronomicon steht, gibt es für diese Abbreviatur zwei alternative Erklärungen:
      4.1 Die Bibliographical Society als Abteilung des British Museum fügte sie mit oder ohne James' Wissen vor Herausgabe anstelle des vollen Titels ein, weil sie kein Interesse an einer Flut neugieriger Leser hatte. Bibliotheken errichten bekanntlich mehr oder weniger wirksame Barrieren, geht es darum, ungeliebte Bestände einer breiten Öffentlichkeit (nicht) zu vermitteln. Nicht alle sind so liberal wie Arkham.
      4.2 Dee und Kelley sprachen in ihrem Pergament nur andeutungsweise von N., weil sie Vorsicht walten lassen wollten. Nicht allein, daß ein schriftlicher Beleg ihrer Neugier auf einen derartig tabuisierten Gegenstand töricht gewesen wäre; man hätte darin auch ein schwerwiegendes Indiz für eine nekromantische Invokation sehen können, denn wie anders hätten sie zu Aus-Sagen des Nachmanides über das Necronomicon kommen können?

Es ist nicht zu leugnen, daß diese Argumente nur Wahrscheinlichkeitsgründe sein können, die durch die textkritische Analyse erhärtet werden müssen. Dabei sollten diese Fragen primär Beachtung finden:

  1. Lassen sich Zitate bzw. Details ermitteln, die nur oder sehr wahrscheinlich aus dem Necronomicon entnommen sein können?
  2. Erfüllt der Hinweis auf Nachmanides die Erwartung, manche dieser Entnahmen, die nur Reminiszenzcharakter besitzen, stammen aus arabischer Quelle. Weil Dee Zugang zu einem geheimen arabischen Text besaß, der von Nachmanides überliefert wurde? Oder weil Dee glaubte, mittels Magie von Nachmanides selbst Informationen bekommen zu haben?"


Soweit die Einführung, in der uns der geschlossenste Eindruck von Sadowskys Überlegungen begegnet. Die nächsten Seiten des Skripts enthalten vielfach schwer zuweisbare und entzifferbare Anmerkungen zum Text des Traktats Middoth, denn Sadowsky arbeitete nicht mit Fußnoten, sondern gibt (gelegentlich) nur die Seitenzahlen an. Es handelt sich in jeder Hinsicht um einen vorläufigen Entwurf, und ich bin mir der Fragwürdigkeit des Versuchs bewußt, diesen auszuarbeiten und im Sinne des Urhebers erscheinen zu lassen. Die Leser müssen selbst entscheiden, ob Sadowskys Argumente für sich sprechen und ihn gegen alle Kritteleien rehabilitieren oder ob er zu Recht bornierter Vernachlässigung anheimfallen darf!


Auszüge aus dem Traktat Middoth - verdeutscht im Idiom der Zeit von Wilhelm von Hambern und kommentiert von Phileus P. Sadowsky:

Untertitel

Weydlicher Exkurs und gelahrter Dialogus über das hier genomene Thema, item zu zeygen, daß dieselbigen Daemones, dieweil in die Huendlyn des Philosophen gefahrn, selbige auch sonst sind, welche zu dem Rufe der Nigromanten, Schwartzkynstler, Teuffelsbeschwörer und Häksenmeystern durch die Lüffte fliegen und gegen die Wend klopffen. Daß zur Genze der Beweyss ist zu erbringen, jedwed schlechter Geist hübe sich darnach wider von der Erde, worinne man klar erkennet, daß Gott sie nicht in selbige gesezzet - an keynem der siben Tagen, auch nicht spater, wie die Hayden sagen. Also will heyssen, daß der verbreytet Glaub, die Daemones seyen verfluchte Totenseeln und von Gott verdammte Engel, welche jener fürwizzige Luzzifer in ein erschröckliches Unglück führte, nur ein Aberglaub ist. Zum Schlusse sich in der Conclusio ergebet, daß Gott nicht Gewalt hat über die Daemones und er nicht ihr Herr ist - welcher Punkt zweyffellos von den Doctores in Paris für genzlich falsch befunden wird, derethalben selbiger hierin gleych an den Anfang gesezzet worden ist, damit solche, die sich in der Klugheit der Doctores fühlen wie in Abrahams Schoss, dies Büchlyn nicht gar lesen und dem Auctori vorwerfen mögen, er führe sie irre und verwikkele ihre frommen Seelen in eine schändliche Disputatio.

Der Untertitel zeigt einen mottoartigen Charakter, und zugleich enthält er die Quintessenz des folgenden Dialogs. Mit Sicherheit stammt er nicht von Dee oder Kelley, sondern eher aus der Feder des šbersetzers, und er dokumentiert eine Ansicht, die so auf den Punkt gebracht kaum aus dem Haupttext herauszulesen ist. Vielmehr wird der Leser von der Absicht der Veröffentlichung unterrichtet, die offenbar als eine Art Lehrstück ausgegeben werden soll. Der Schreiber formuliert seinen Standpunkt einigermaßen klar. Die Passage über die "Huendlyn des Philosophen" ist eine Anspielung auf den Magier Agrippa von Nettesheim (Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim 1486-1535), den seine Gegner wegen seines Auftretens als Verteidiger in Hexenprozessen und Kritiker der Inquisitoren der Teufelsbuhlschaft bezichtigten. Die Gerüchte und Verdächtigungen konzentrierten sich seinerzeit auf Agrippas schwarzen Pudel, der der Teufel in Person gewesen sein soll. Noch Jean Bodin läßt uns in seiner Démonomanie (De la Démonomanie des Sorciers aveque la réfutation des opinions de Jean Wier, Paris 1580) Spekulationen über die Natur dieses Tiers nachlesen, und Goethe läßt es im Faust literarisch auftreten.

Der Tenor des Verfassers und die besagte Stelle, die irritierenderweise von mehr als einem Hund spricht, erinnern an eine ähnliche aus dem Necronomicon:

"Von denen, die da sagen, sie rufen nur reine Geister, so Gott ihnen die Macht verliehen hat, steht geschrieben: Wehe, ihr Eigenholden und wehe der Hand, die Pforten aufstößt, zu denen es keinen Schlüssel geben sollte. Denn wahrhaft weise, wer das Gewand nicht sieht, sondern den Körper darunter und wahrhaft klug, wer die Maske des Fleisches erkennt und IHN, der dahinter ist und in einem alles. Die Tiere dünken dem Gelehrten niedrig, dumm und gefügig, aber achtet wohl auf das, was in ihrem Balg einhergeht und eure Knöchel umschmeichelt, auf daß es euch zeige, wie das Tor, das ER ist, zu öffnen sei. Als Kalem-Bei IHN, der da kommen wird, erkannte, waren seine Hunde nicht mehr die, die sie schienen, und sie zerfleischten jeder den andern, bis ihre Herzen in der tropfenden Schnauze brachen. So ist das Schicksal derer, die wie Würmer im fauligen Erdreich nagen. Und bleiben wird nur ein stinkender Balg, der eklen Unrat geboren hat." [Zitiert nach Dee]. 12

Die Intention des Verfassers wird nur mit dem Hintergrund des Necronomicon-Auszugs völlig klar, ja offenbar in Bezug auf die Quelle seiner Überzeugungen, die er gegen den Agrippa vertritt. Dieser hatte in seiner Okkulten Philosophie (De Occulta Philosophia, Köln 1510) ein Weltbild der magia naturalis geschaffen, wonach Gott das Reich der Erde, das des Himmels und das der Geister am Anfang der Zeit schuf. Der weiße Magier rief die guten Geister herbei, doch konnte er nie gewiß sein, ob nicht ein böser erscheinen würde, denn das dritte Reich beherbergte auch die Dämonen. 13 Die Aussage des Necronomicons ist eine andere. Der Magier ruft Geister herbei, die weder als gut noch als böse klassifiziert werden können. Man kann sagen, solche Einteilungen sind einzig Erfindungen des Menschen, und da es demnach keine guten Geister gibt, die Gottes Diener sind, warum sollte Gott dann nur böse geschaffen haben? Da dies inakzeptabel ist, haben die Geister also ihren Ursprung nicht in Gott und müssen nicht seine Diener sein. Aus der Sicht des Magiers sind die Geister deshalb gottähnlich oder sogar selbst Götter, die sich den Menschen nicht von sich aus offenbaren, sondern angesprochen werden müssen.

Der Verfasser des Untertitels hat diese Necronomicon-Stelle sehr wahrscheinlich gekannt. Doch ist sein Begriff von Geistern offensichtlich mehr metaphysisch-christlich geprägt, und er deckt sich nicht ganz mit dem von Abd al-Azrad. Unter "rein" ist nämlich bei dem arabischen Dichter soviel wie "einfach", "ungemischt" zu verstehen. Bei Olaus Wormius ist nie von spiriti integri (im Sinne von "gute" Geister) die Rede, aber immer von spiriti puri, womit eine besondere substantielle Qualität bezeichnet ist. In der uns interessierenden Stelle meint "reine Geister" also keine irgendwie moralische Beschaffenheit, sondern wahrscheinlich körperlose Geister bzw. Geister mit unbekannter materieller Hülle, die kein Körper im irdischen Sinne ist. Wenn die Magier reine Geister rufen, heißt das nichts anderes, als daß die dimensionale Grenze erhalten bleibt, die die Geister hindert, vollständig in die Sphäre des Magiers einzutreten. Abd al-Azrad bestreitet freilich, daß die Magier den Geistern hierin gebieten können.

Andere Interpreten haben sich darum bemüht, Olaus' spiritus-Begriff als anima, also die menschliche Seele, zu identifizieren. Solche freudianischen Spielereien mögen ganz abwechslungsreich sein, doch warum spricht Olaus dann nicht gefälligst von anima? Spiritus ist eine recht genaue Entsprechung dessen, was bei Abd al-Azrad Zif meint. Bekanntlich heißt Kitab al Azif "Buch vom Heulen der Wüstendämonen". Im Lateinischen nun kann spiritus auch mit Seufzen, Lufthauch, Zischen (der Schlange=Wüstentier) übersetzt werden, was zusammengenommen recht gut nächtliche Wüstengeräusche umschreibt, die die Araber Zif nannten und als das Geheul der Dämonen auffaßten. Mit spiritus hat Olaus folglich eine recht gute semantische Entsprechung für Zif gefunden, und man kann sie getrost als Synonym für Dämon gebrauchen. Bezeichnenderweise hat Olaus sich nicht für daemon entschieden, das zu sehr von der kirchlichen Theologie besetzt war und leicht mißverstanden worden wäre.


II. Haupttext: 1.Abschnitt
(Um den Auszug übersichtlicher zu strukturieren, sind für die Positionen der Fragenden und des Befragten zur Kennzeichnung * bzw. ** angegeben.)

* Was zu tun nötig ist, damit es im Feletanis erscheyne, wovon als Mar-Chabab bey Thebit berichtet wird. Ferner welcher Worte es bedürfe, daß es in der richtigen Form sey und keyne Transmutation geschehe, die das Werk verdürbe?
** Wollte nicht hören, auch daß er nichts wisse von solchen Dingen.
* Ob er nicht viele gekennet, von denen er es gelernet und auch gesehen habe?
** Er wueste nichts von den Sachen. Hätte auch die Tag seines Lebens Gott nicht abgesagt, vielweniger dem Äußeren sich zu dienen verpflichtet, noch einige Commixtion mit ihm gehabt.
* Wurden ihm ob seyner Störrigkeyt Schmerzen angedrohet; auch daß es keyn Erlösung sey, wenn er darob stürbe, da man nach Belieben von neuem und überdies wieder und wieder repetierlich mit ihm verfahren könne.
** Wiederholte sich abermals und knirschte sehr mit den Zähnen, als die Glieder umgewendt wurden. Seufzete und schrie zu dem Gotte Abrahams und Isaaks vielmals Ach und Wehe und schlug die Nägel in die Brust. Sah aber wohl, daß fyr ein Entfleuchen keyn Raum war und ihm mit brennendem Schwefel würd beizukommen seyn. Daher er abließ vom Kreischen und Klagen, zumalen ihm die Stimme schwer wurd und das Herz eng (das wirkte der Bann, und leyse verfluchte er jenes Weib, das Saul zu Gehorsam war, und Salomonem, der die Zeychen nicht geschmähet hatte14).
* Wurde nachmalen aufgefordert, das procedere nicht zu hemmen.
** Wolle sich bemühen, sey aber zu zerknirschet und verzwyffelt, was mit ihm geschehe, auch daß, was zu wissen der Herren Begehr ist, ihn nicht loslasse und itzo eingeholet habe, ihn bekümmere. Sehe aber wohl, daß Edelmänner mit ihm schafften, weshalben der Dienst ein rechter ist und man sich der Fährnisse bewußt ist.
* Von wem ihm die Kunst geleufig sey?
** Der, welchen man Thebit heysset und den man als Thabit Ben Quomrhan auch kennet. Aus Feletanis sey zu ihm nichts gekommen, was durch seyne Anwesenheit ihn eingeweyhet habe, aber er verschaffte sich die geeygneten Worte und Gesten aus dem N. und in der Wissenschaft der Gestirne fand er nicht seynesgleichen.
* Wann und wie er es von ihm gelernet?
** Nicht offen sey es geschehen und viel ward in vertraulicher Unterredung nach der Lesung gleichnishaft ausgetauschet worden. Mit zwanzig Jahren war er zugegen, als Mar-Chabab im Dunkel beschworen wurde. Doch da war es nicht recht geschehen, und des Verhandelns war der gekommene nicht Willens. Die Worte schienen falsch, doch später zeygete sich, daß die Wahl des Ortes es gewesen war, und der Fehler davon kam, daß die Worte ehemals an einem dunklen Ort in Kasar-Batubil gelesen wurden. Thebit wußte aber nun, daß keynes Menschen Hand sie da gezeychnet hatte und zu IHren Tagen mag die Kraft noch stärker und daselbst wirksam gewesen seyn, wie Ibn Shacabao aus dem Geflüster hinter dem Vorhang entnahm.
* Wie er zum erstenmal ihn gesehen habe?
** Der Malkhut erwies sich als eine in der Nacht leuchtende Blähung aus der Luft, doch war es fest und viel Weiß stieb es unten voran, das verwirrend und farbenreich schillerte. Und das Haupt war keyn Haupt, sondern eine Unzahl von vielen Schädeln, ebenfalls aus dem Weiß. Und ein rotes Licht tropfte vom obersten Schädel in den unteren Schädel und von diesem in den nächstunteren und durch alle weiteren Schädel ganz hindurch. Und zwischen den Schädeln wuchsen Zungen, durchsichtig wie Quallen und am Ende spitz. Wo sie nach unten wuchsen, waren sie schwarz und dick und tauscheten vielfach ihre Form und stützeten so das schwankende Haupt.
* Er solle sagen, was Thebit von diesem verlangte.
** Thebit lechzte nach der Weyse, die ihn zu Kether führen könnte, denn der Imam hatte ihm das N. entzogen, wo die Vermutung, den Schlüssel zu finden, sich bewahrheyten würde. Der Imam strafete ihn so und ließ ihn das Brandeisen fühlen, auf daß die Türen ihm verschlossen blieben. Er erfuhr es aber von jenem Ding.
* Wo die Weysheit, die Thebit erlangte, geschrieben stehe?
** Sie stehe nirgends geschrieben und das, was er festhielt, sey verlorengegangen. Es sagte ihm aber, daß manches später niedergeschrieben würde in verschleyerter Art und in Bildern.
* Ob er es selber auch versucht habe mit den Worten?
** Nein, den Schlüssel dazu und das was folgt, berge quabbalah und das Sepher Jezirah und der Sohar.
* Welches die Worte und Gesten sind, die Thebit erfuhr?

Der Anfang des Dialogs ist ausgesprochen rätselhaft und könnte bei einer herkömmlichen Betrachtungsweise die Deutung des gesamten nachfolgenden Passus fehlleiten. Der Begriff der Transmutation stammt aus der Alchimie. Er meint typischerweise die Umwandlung von Blei in Gold, also vom unedlen zum edlen Stoff, vom niederen zum höheren. Global besehen ist die Transmutation das höchste Ziel des Alchimisten, das Geheimnis Gottes, der Stein der Weisen, mit dem er sich über die menschlichen Grenzen hinausbegeben, ja Zeit und Raum, Alter und Tod überwinden kann. Nach dieser alchimistischen Lesart würde "Mar-Chabab" als der Stein der Weisen oder die materia prima interpretiert werden. Der ganze Text schließlich würde als Dialog zwischen dem forschenden Alchimisten und einem heidnischen Araber, auf dessen Wissen dieser aufbauen will, aufgefaßt werden. Noch unklare Stellen erschienen als Allegorien und Symbole, die einfache chemische Reaktionen in magischen Begriffen repräsentieren.

Diese Interpreten aber irren sich. Es geht ja ganz offensichtlich darum die Transmutation zu vermeiden. Der Begriff ist also einfach wörtlich als Veränderung oder Vertauschung gemeint. Der weitere Verlauf des Dialogs erinnert stark an ein Untersuchungsprotokoll eines Hexenprozesses, in dem der Delinquent genau über die Art und Weise seiner ketzerischen Praktiken befragt wird. Das Abstreiten der Unterstellungen fehlt ebensowenig wie der Hinweis auf die Anwendung von Folter. Bemerkenswerterweise ist der Delinquent Jude und stammt aus einem gelehrten Umfeld. Das beweist seine genaue Kenntnis arabischer Literatur: er kennt den präzisen Namen des Astrologen und Mystikers Thabit ben Quorrah (826-901) 15 und macht Andeutungen bezüglich der Kabbala und ihrer zwei Hauptschriften, dem Sohar und dem Sepher Jesira.

Interessant ist, daß die "Untersuchungsrichter" ihrerseits mit der verbotenen Kunst vertraut sind, weshalb man in ihnen ohne weiteres Dee und Kelley vermuten kann. Nur eine oberflächliche Begutachtung kann zu dem Schluß kommen, es handle sich wirklich um ein Prozeßprotokoll. Besonders dann, wenn man wieder einen Auszug aus dem Necronomicon querliest, wird der Zusammenhang zwischen beiden Werken deutlich:

"Weidet nicht im Schatten, der nicht das Schlupfloch der Eidechse ist und setzt eure Fersen nur auf die Wege, die des Nachts nicht anderen Gliedern zum schlüpfrigen Tappen, Knickern und Zittern dienen. Denn nicht tot ist, was den Tod nicht kennt, und welcher Mensch lebt auf, dessen Leib vergangen ist? In toten Körpern quillt noch der Saft, und die Herzen schwimmen noch immer in Fett und Fleisch. Die früheren Dinge sind alt und von der Feuchte der Unendlichkeit betaut. Wo aber gackernde Kehlen IHRE Namen krächzen, flieht die Schwüle des Windes, und das Dröhnen IHRER taumelnden Leiber wellt den Sand. In Irem waren sie, als Irem jung war, und vorher waren sie auch schon. Sie waren da, als die präadamitischen Geschlechter die Länder beherrschten, und wer weiß noch die Namen ihrer Götterbilder, die von Träumen beschwert in dunklen Tempeln dahindämmerten? Und sie waren, als der, welcher ewig währt und alles in einem ist, das Licht hinabschickte - wandernd durch alle Emanationen des Seins und des Nicht-Seins von oben nach unten und dazwischen durch. 16 [Zitiert nach Dee]

Falsch ist der Gedanke, das Geschöpf Mensch regiere als erstes oder als letztes die Welt und außer ihm seien keine anderen gewesen oder treten nach ihm auf. Auch ist zu verwerfen, daß, was lebt und (greifbare) Substanz hat, bestünde aus sich heraus. Die alten Dinge waren, die alten Dinge sind (anwesend), und die alten Dinge werden sein. Nicht in den Sphären, die uns bekannt sind, sondern dazwischen wandeln sie umher, ohne Ausmaß und Form, die für unser Auge sichtbar wären. Yog-Sothoth ist das Tor. Yog-Sothoth ist der Schlüssel und der Wächter des Tores. Was war, ist und noch nicht ist, alles ist Yog-Sothoth. Er weiß, wo die alten Dinge einst herausbrachen und wo Sie wieder in Stärke herausbrechen werden. Wo Ihr Tritt die Länder der Erde erschütterte, wo Sie in diesen Tagen noch Ihre Leiber bewegen und warum wir Ihr Dröhnen und Stampfen nicht hören können. An ihrem Geruch kann der Mensch Sie um sich wissen, und ihr Äußeres ist ein unmenschliches Geheimnis, das nur in den Zügen derer, die Sie auf Erden gezeugt haben, offenbart wird. Sie haben mannigfache Gestalt: vom Ebenbild des Menschen bis zu jener unsichtbaren Materie ohne Anblick und ohne Substanz (materia non videnda sine aspectu et sine substantia), die Sie ist. Verborgen vor dem Auge und üble Gerüche verbreitend wandern Sie an einsamen Orten umher, wo die Worte ausgesprochen und die Riten in Ihre Zeiten herübergerufen wurden. Der Wind heult mit Ihren Stimmen, und die Erde grollt durch Ihr Denken. Sie beugen Wälder und zermalmen Städte, aber die Hand, die zuschlägt, wird nicht gesehen.17 Kadath in der kalten Einöde hat Sie gekannt, und wer kennt Kadath? Die Eiswüsten im Süden und die untergetauchten Inseln der Meere besitzen Steine, die Ihr Siegel eingegraben tragen. Wer aber hat je die tödliche Stadt der Tiefe oder den versiegelten Turm geschaut, der mit Seetang und Entenmuscheln geschmückt ist? Der Große Cthulhu ist Ihr Vetter, doch auch er kann nur Ihre Schemen erkennen. Iä! Shub-Niggurath! An ihrem Geruch sollt Ihr Sie erkennen. Ihre Hand ist an eurer Kehle und doch seht ihr Sie nicht. Und ihre Wohnstatt ist hinter eurer behüteten Schwelle. Yog-Sothoth ist der Schlüssel zu dem Tor, an dem die zweite Sphäre sich auftun wird. Der Mensch herrscht nun, wo Sie einst herrschten. Sie werden bald wieder sein, wo der Mensch heute ist. Auf den Sommer folgt der Winter, und auf den Winter der Sommer. Sie warten geduldig und stark, denn hier sollen Sie wieder herrschen. [Zitiert nach Olaus. Die Passage ist bei Dee verlorengegangen] 18

Wer kennt die Myriaden von Erscheinungen, in denen Yog-Sothoth Gestalt annimmt? Ich aber sah, wie ein von IHM Auserwählter neu unter der Sonne ging und Fleisch von seinem Fleisch, Blut von seinem Blut, Odem von seinem Odem hatte das Gebein wieder bekleidet, die Adern wieder erfüllt und die Brust wieder gehoben. Die Inkarnation ist ein Teil und doch alles, und vergänglich ist das, was nur als Hülle für ein widerliches Lebendiges gedacht war. SEIN Same senkt sich herab, wenn der Schoß, der ihn empfangen soll, bereit ist nach den Worten, die Ibn Schacabao geschrieben hat und die in Quasr ad-Tubel in Stein geritzt sind, wo ein Mensch nichts mehr sehen kann und alte unbekannte Feste gefeiert wurden - und das Ding wird in den oberen Lüften erscheinen und, aus seinen mehrfachen Lenden, die rot und vielartig anzusehen sind, wird geboren werden, was nicht bleiben wird, was es scheint. Siehe, es lebt aus beiderlei Fleisch und verbirgt sich auch der Anteil, der anders und fremdartig ist, wird es doch von allen gemieden, denn einen Schatten der Beklemmung wirft es auf die Herzen, und die Gewißheit des ewigen Währens steht ihm auf der Stirn. Denn nicht menschlich ist, was nur zur Hälfte nach Menschen-Gesetz empfangen wurde. Und es drängt dahin, woher die andere Hälfte kam, damit es wieder eins werde mit dem Ursprung und dem Abgrund zwischen den Sphären, aus dem es empfangen wurde, damit das Tor zwischen Raum und Zeit für Yog-Sothoth geöffnet werde. Ich habe es den Bergen anvertraut, was gesprochen werden muß, und SEINE Rache wird Staub aus den Steinen der menschlichen Behausungen malmen." 19 [Zitiert nach Dee].

Die Stelle über das Licht, das durch die Emanationen geht, ist eindeutig von der Kabbala inspiriert, die die Ausstrahlungslehre (Emanationslehre) vertritt, in der das Absolute als reines Sein höchste Energie (Licht) ist, aus dem wiederum alle niederen Sphären ausgeströmt (emaniert) sind. So gibt es nach der ersten absoluten Sphäre drei weitere: die der Schöpfung (All), die der Ausgestaltung (Sphäre der Geister) und die der Materie. Mit der Kabbala lassen sich auch die hebräischen Begriffe Malkhut und Kether deuten, die im kabbalistischen Baum des Lebens die unterste und die oberste der Positionen, der Sephiroth, bezeichnen. Malkhut (Königreich) steht für Materialisation, Kether (Krone) für höchste Spiritualität. Beide Sephiroth werden nach Athanasius Kircher der Intelligenz der Sphären Mittatron, Fürst der Welt, zugeordnet, in der man Lovecrafts Metraton aus Der Fall Charles Dexter Ward unschwer wiedererkennt ("Bruder in Almonsin-Metraton").

"Der weise und tugendsame Chanoch [Henoch] stieg ebenfalls zum Himmel auf, wo er zu Gottes wichtigstem Berater wurde; seither ist er als "Metatron" bekannt. Gott setzte Seine eigene Krone auf Chanochs Haupt und gab ihm zweiundsiebzig Flügel und ebenso viele Augen. Sein Fleisch wurde in Flammen verwandelt, seine Sehnen in Feuer, seine Knochen in Funken, seine Augen in Fackeln, seine Haare in Lichtstrahlen, und er wurde von Sturm, Wirbelwind, Donner und Blitz umgeben." 20 Metatron bzw. Metraton ist der mächtigste der Engel und wird als der Vertraute seines Herrn angesehen. Da ihm Malkhut wie Kether zugeordnet sind, die höchste und die niedrigste Sephira, umspannt er wie ein Kreis alle Sphären. Der Malkhut im Traktat Middoth markiert also den Versuch, mit der Sphäre des Übersinnlichen in Kontakt zu treten. Zugleich bezeichnet er die materielle für den Menschen sichtbare Erscheinungsform Metatrons. Kether zu erreichen heißt, die Grenze zu überschreiten und der höchsten Erscheinungsform Metratons zu begegnen. In dieser Emanation steht Metraton dem Thron am nächsten, das heißt dem Absoluten: "Es war ein Alles-in-Einem und Eines-in-Allem von grenzenlosem Sein und Selbst - nicht nur die Erscheinung eines einzigen Raum-Zeit-Kontinuums, sondern verbunden mit der allerletzten, lebensspendenden Essenz des ganzen endlosen Daseinsbereichs - des endgültigen, äußersten Bereichs, der keiner Beschränkung unterliegt, und Phantasie wie Mathematik gleichwohl übersteigt. Es war vielleicht das, wovon gewisse Geheimkulte auf der Erde als Yog-Sothoth gewispert hatten, und was unter anderen Namen eine Gottheit war;..." Dieses Zitat aus Lovecrafts Durch die Tore der Silberschlüssel beschreibt diesen Übergang zur absoluten Sphäre, und wir finden bei ihm auch einen Vermittler, einen Führer über die Grenze, den Wächter des Tores - also Metatron, der nur eine Erscheinungsform der Essenz Yog-Sothoth, des ultimaten Bereichs, der materia prima ist. Der überzeugendste Beweis, daß wir es beim Traktat Middoth mit einem verschlüsselten Traktat über Yog-Sothoth zu tun haben, liefert aber der seltsame und unbekannte Name "Mar-Chabab". Professor Julius Hermann Tleitwitz von der Deutschen Orient-Gesellschaft hat dankenswerterweise "Mar-Chabab" mit Hilfe des Atbash-Codes entschlüsseln können, und die Lösung ist erhellend wie beunruhigend.

A	B	G	D	H	V	Z	Ch	T	I	K
Th	Sh	R	Q	Tz	P	O	S	N	M	L

Durch das Austauschen der Buchstaben mit dem jeweils koordinierten Zeichen ergibt sich für Mar-Cahab:

M	R	Ch	B	B
I	G	S	Sh	Sh

IGSShSh aber ist Jogsoschosch oder Yog-Sothoth.


Am Ende dieses Abschnitts seien zur Untermauerung alles bisher Gesagten noch folgende Punkte ohne Zusammenhang angeführt. Es dürfte ersichtlich sein, daß sie die Schlußfolgerungen zu einer These abrunden.

Die Sprache, die Dee und Kelley zur Kommunikation mit den Engeln benutzten war Henochisch: "Madariatza das perifa Lil cabisa micaolazoda saanire caosago of fifia balzodizodarasa iada - O ihr Himmel, die ihr lebt in der ersten Luft, ihr seid mächtig in den Teilen der Erde und führt das Gericht der höchsten aus." 21 (Aus den Anrufungen Dees an die Engel).

Feletanis ist wahrscheinlich eine Verballhornung des arabischen felek thani, was etwa "die zweite Sphäre" bedeutet. Außerdem soll felek thani der Titel eines verschollenen astronomischen Werkes gewesen sein, das niemand anderer als Thabit ben Quorrah verfaßt haben soll. Es wird angenommen, daß Thabit ältere Quellen bearbeitet hat, und sein Buch soll nach der islamischen Eroberung Spaniens nach Toledo gelangt sein.

Nachmanides soll aus seinem Exil in Palästina eine Abschrift des Sohar nach Spanien gesandt haben. Das Werk wurde so erst durch ihn im Abendland bekannt.



Einem Leiter eines Nervensanatoriums ist es normalerweise nur höchst selten möglich, in anderer als nur dokumentierender Absicht in das Licht der Öffentlichkeit zu treten, insbesondere, wenn es sich um die hauptsächlich nichtfachliche Öffentlichkeit handelt. Zwar kennt man die übliche Form psychologischer Falldarstellungen aus den einschlägigen Spezialreihen zur Genüge, doch ist die Resonanz auf die als "klassisch" apostrophierten Phänomene - wie das vorliegende - erfahrungsgemäß sehr gering. Dies scheint mir in einer generellen Vernachlässigung der individuellen Symptome begründet zu sein. Mein diesbezüglich sensibilisiertes Interesse ist wohl meiner langjährigen berufspraktischen Arbeit zuzuschreiben. Gerade das Schicksal von Herrn Hambern verdient meiner Meinung nach eine unorthodoxe Präsentationsform, auch wenn es längst kein Einzelschicksal in seinem Berufsstand mehr zu sein scheint.

Bei Herrn Hambern bot es sich an, der Methode seines Wahnsinns zu folgen, die darin besteht in immerwährender unermüdlicher Wiederholung, den Wortlaut desselben Vortrags gegen die Zimmerwand zu sprechen. Der Grad der Schizophrenie schlägt in diesem Zustand in eine totale Persönlichkeitsverdrängung um. Der Patient redet von sich in der dritten Person als Versuch einer Abwehrreaktion gegen starke innere Zwänge. Es scheint, als könnte er nur so seinen eigenen Vortrag rezitieren, indem er zugleich seine persönliche Bindung dazu leugnen will. Herr Hambern bricht den Sermon stets exakt an der Stelle ab, die in seinem Manuskript mit "II. Haupttext: 2. Abschnitt - Invokationsformel" überschrieben ist. Leider ließ mich die Universität keinen tieferen Einblick in das Manuskript nehmen, um eine Hypothese über die Art dieser Blockade, an der der Kranke immer wieder scheitert und in dumpfe Betäubung fällt, entwickeln zu können. Jeder weitere Beginn erscheint wie ein verzweifelter Anlauf, um diese Blockade einzureißen.

Der obige Text ist eine wortgetreue Wiedergabe der hundertmal gemurmelten Worte des Patienten, die von mir nur noch in die äußere Form gebracht worden sind. Es sei noch erwähnt, daß ich um der Verständlichkeit und meines Bemühens zur Übereinstimmung willen, den Patienten seinen Vortrag eine Zeitlang in ein Mikrophon sprechen ließ, um seiner schwachen Stimme wenigstens Zimmerlautstärke zu geben. Nachdem aber die angrenzenden Zimmerinsassen mehrmals in Panikzustände geraten waren vor dem, worauf die Rede am Schluß hinsteuert, aber nicht zu erfüllen vermag, habe ich einer Bandaufnahme den Vorrang eingeräumt.

1 Kurt Hübner, Die moderne Mythos-Forschung - eine noch nicht erkannte Revolution, in: Wege des Mythos in der Moderne, eine Münchner Ringvorlesung, hrsg. von Dieter Borchmeyer, München: dtv, 1987, S. 252.

2 Der behandelnde Facharzt hat die Symptome einer beginnenden Dementia praecox (Schizophrenie) mit Paranoia diagnostiziert. Ein trauriges Beispiel für eine häufige Krankheit unter den "Paläomythographen" (G.H.).

3 Vgl. Phileus P. Sadowsky, Anmerkungen zu einem Fragment des Necronomicon, in: H.P.Lovecrafts Cthulhu, Der Mythos, Hamburg: Laurin-Verl., 1991, S. 58-60.

4 Rabbi Moses ben Nachman, 1194-1270, Verfasser mystischer und kabbalistischer Bibelerklärungen und Arzt, der von Jakob I. von Aragonien gezwungen wurde, als Vertreter des Judentums 1263 an einem öffentlichen Disput über das Verhältnis von Christentum und Judentum teilzunehmen. Danach wurde er aus Aragonien verbannt und wanderte 1267 nach Palästina aus.

5 Der Traktat Middoth gehört zu den elf Traktaten der Kodashim, einer der sechs Sedarim (Anweisungen), die die Mishna des Talmuds bilden.

6 Joy B. Easton: "Dee had a remarkable library, and many MSS [manuscripts] owned by him are extant. M.R.James, Lists of MSS Formerly Owned by John Dee, a supplement to Transactions of the Bibliographical Society (1921), is the basic work, but many others have been located."

7 Vgl. Geschichte und Chronologie des Necronomicons, in: H.P. Lovecraft, Azathoth, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1989, S. 298-299.

8 Zum Zusammenhang zwischen Musik (Klang) und dem Eintritt in andere Dimensionen siehe auch H.P.Lovecraft, Die Musik des Erich Zann.

9 Robert Bruce Cotton (1571-1631) war Antiquar und Sammler alter Handschriften.

10 Robert Harley (1661-1724), britischer Staatsmann und ab 1711 Earl of Oxford.

11 Sadowsky befand sich selbst zwei Jahre lang zu Studienzwecken in London. Er verdiente sich seinen bescheidenen Unterhalt als Hilfsarchivar im British Museum, und vielleicht ist er selbst der verschwiegene zweite Entdecker.

12 Gemäß der lateinischen Ausgabe ist noch ein Nachsatz zu ergänzen, der in der englischen fehlt: "Die Weisen hüten das alte Wissen in brüchigen Rollen, aus denen sie das ätzende Gift vordenklicher Zeitalter trinken. Wie der Hirte den Speichel der Natter aus der Wunde saugt und daran stirbt."

13 Hans Biedermann, Handlexikon der magischen Künste, München 1976: "Die Engelbeschwörer [Magier] lockten mit ihrem Stolz sich verbündende Machthaber dieses Luftkreises herbei und wurden von ihnen durch magische Mittel betrogen, während sie doch nach dem Mittler suchten, der sie reinigen sollte. Der Gerufene war es aber nicht, es war der Teufel in Gestalt eines Lichtengels."

14 Erstes Buch Samuel 28, 3-25, Saul und die Hexe von Endor. Nach der jüdischen Überlieferung besaß Salomon Macht über die Geister und Dämonen, die er zum Bau des Tempels zwang.

15 Der sabäische Arzt und Mathematiker Thabit ibn Qurra ibn Marwan, Abu al-Hasan (834/35 oder 826/27 - 901) war einer der bedeutendsten arabischen Mathematiker. Er übersetzte griechische mathematische und astronomische Werke ins Arabische.

16 Bei Olaus: "Et erant cum ex supero in inferum lumen perambulans et interfusum HIC demitteret qui aeternus atque summa in unitate est omnibus emanationibus eorum quae sunt et non sunt."

17 Prinn bringt in De Vermis Mysteriis eine ähnliche Sentenz als anagrammatisches Akrostichon: "Truncos Opprimunt, Oppida Obterunt, Sed Invisitatus Terror Grassans." (Etwa: Sie drücken Wälder [Baumstämme] nieder, zertreten Städte, aber das schreckenerregende Ding, das einherschreitet [zu Werke geht] bleibt unsichtbar). Die Anfangsbuchstaben T-O-O-O-S-I-T-G ergeben vertauscht IOG-SOTOT = YOG-SOTHOTH.

18 Lovecraft-Leser kennen dieses Zitat aus seiner Geschichte Das Grauen von Dunwich. Wir müssen Lovecraft zugute halten, daß seine Übersetzung des lateinischen Texts frei aus dem Gedächtnis erfolgt ist. Hier präsentiert sich Sadowskys getreuere Version im Kontext.

19 Vgl. Poe, Schlußmotto des Arthur Gordon Pym: "Ich habe es eingegraben in das Antlitz der Berge und meine Rache in den Staub der Felsen."

20 Robert von Ranke-Graves, Raphael Patai, Hebräische Mythologie, Über die Schöpfungsgeschichte und andere Mythen aus dem Alten Testament, Reinbeck bei Hamburg, 1986, S.126. Graves kommentiert: "Metatron ist entweder eine hebräische Verballhornung des griechischen metadromos, "derjenige, der mit Rachsucht verfolgt", oder von meta tom thronom, "dem göttlichen Thron am nächsten"." (S. 132). Das Jüdische Lexikon nennt Metatron den Namen eines "höchsten Engelwesens, das gelegentlich mit dem "Fürsten des Angesichts", dem Erzengel Michael, auch mit dem in ein himmliches Wesen verwandelten Henoch identifiziert wird."

21 Bonin, Werner F., Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete, Fischer, 1981, S. 226.

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Gerd Hupperich

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