Die Verschlingerin
Charlotte Engmann

Seit dem Morgen regnete es, und Andromache überlegte ernsthaft, wie lange es dauerte, bis Schwimmhäute zwischen ihren Fingern wachsen würden. Oder den Zehen, denn das Regenwasser hatte inzwischen seinen Weg in ihre Stiefel gefunden. Die Amazone mußte über sich selbst lächeln und schalt sich eine Närrin. Sie sollte besser Ausschau halten, ob sie nicht ein trockenes Plätzchen für die Nacht fand.

Als hätte sich Hera der durchnäßten Reiterin erbarmt, schälte sich aus dem alles verhüllenden Regen allmählich ein dunkler Umriß heraus, der alsbald die Konturen eines Tempels annahm. Vorsichtig näherte sich die Amazone dem Gebäude, das allem Anschein nach verlassen war, und fand nach kurzer Zeit ihre Vermutung bestätigt: Der baufällige Tempel war schon vor längerer Zeit aufgegeben worden, und außer den Blättern und der Erde, die der Wind hineingeweht hatte, vollkommen leer. Hier kam niemand mehr her, hier wurde keine Gottheit mehr verehrt.

Dennoch blieb ein ungutes Gefühl, und als sich Andromaches Stute weigerte, den Innenraum zu betreten, wäre die Kriegerin beinahe weitergeritten. Aber ein greller Blitz, gefolgt von einem betäubenden Donnerschlag, änderte ihre Meinung. Aus dem Regen war ein Gewitter geworden, und Andromache wollte nicht ohne Schutz in der Mitte des Unwetters sein. Also sprach sie beruhigend auf ihr Pferd ein, bis es sich im Innenraum nahe der Tür anbinden ließ und rasch von seiner Reiterin abgesattelt, trockengerieben und gefüttert wurde.

Jetzt werde ich wirklich kein trockenes Holz mehr finden, dachte Andromache, als sie sich ein eigenes Lager bereitete. Ob Diomedes einen trockenen Unterschlupf gefunden hat? Geschähe ihm recht, im Regen zu übernachten. Ein hämisches Lächeln verzog ihr dunkles Gesicht. Gestern abend war dieser reisende Händler an ihrem Lagerfeuer aufgetaucht, hatte um Gastfreundschaft gebeten, und Andromache hatte sie ihm gewährt, ohne zu ahnen, daß Diomedes dies als eine mehr als kameradschaftliche Einladung auslegen würde. Später in der Nacht war Diomedes aufdringlich geworden, und nur mit Mühe hatte sich Andromache mit Worten seiner erwehrt — nicht willens, die Heiligkeit der Gastfreundschaft zu beflecken, in dem sie den Mann niederschlug. Am nächsten Morgen war sie mit dem ersten Sonnenlicht aufgebrochen und hatte Diomedes hinter sich gelassen.

Mit einem Seufzen schob sie die trüben Gedanken von sich, legte sich nieder und wickelte sich in ihre Lederdecke. Vor dem Einschlafen wollte sie lieber an etwas Schöneres denken, sonst würde sie gar von Diomedes träumen…

Ein kühler Körper schmiegte sich an ihre Seite, eine Hand glitt über ihre Brust, während ein Lippenpaar ihre Halsbeuge zärtlich erkundete.

"Nicht", murmelte Andromache. Nur langsam hoben sich die Schleier des Schlafes von ihrem Geist, und erst allmählich wurde ihr bewußt, wo sie war. Und das sie allein sein sollte!

Mit einem Schrei fuhr die Kriegerin auf, stieß den Kopf, der an ihrer Schulter ruhte, zur Seite, rollte herum und griff nach dem Dolch.

"Aber Andromache", murmelte der nächtliche Besucher. "Ich bin es doch, Diomedes. Erkennst du mich nicht?"

"Doch", antwortete die Kriegerin ruppig, nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Vor ihr stand tatsächlich Diomedes.

"Was machst du hier?"

"Ich bin dir gefolgt. Ich wollte — ich mußte dich einfach wiedersehen." Er streckte ihr die waffenlose Hand entgegen, auf den Dolch zeigend. "Ist das eine Art, seine Freunde zu begrüßen?"

"Freunde? Du bist nicht mein Freund."

"Aber du bist doch allein. Genauso einsam wie ich. Komm, laß uns Freunde sein." Seine dunklen Augen flehten Andromache an. Sie versprachen Wärme und Gesellschaft. Zumindest für eine Nacht würde Andromache nicht mehr einsam sein.

Aber Diomedes war der Falsche. "Nein, ich will nicht deine Freundin sein!" fauchte sie, den Dolch fester greifend. "Und das hatte ich dir schon gestern gesagt." Ohne Diomedes treffen zu wollen, stach sie in seine Richtung, und der Händler wich zurück.

Doch er gab sich nicht geschlagen: "Bitte. Ich weiß, daß du es willst. Ich kann es fühlen, in deiner Brust schlägt ein Herz, das sich sehnt nach Liebe und Freundschaft. Du bist nicht so hart, wie du erscheinen willst."

"Halt's Maul", zischte Andromache. Ohne das sie es zugeben wollte, hatte Diomedes ihren wunden Punkt getroffen. Doch sie würde sich ihm nicht anvertrauen. Ihm nicht!

Den Händler mit dem Dolch in Schach haltend, raffte sie ihre Sachen zusammen, warf ihrer Stute den Sattel über und verließ fluchtartig den Tempel. Kaum spürte sie den sanften Regen, zu dem das Unwetter abgeflaut war, zu aufgewühlt war sie. Immer wieder schob sich Diomedes' Antlitz vor ihr inneres Auge, seine bittenden Augen, sein athletischer Körper, und immer wieder wurde Andromache schwankend. Mehrmals bemerkte sie, wie sie stehengeblieben war und ihre Stute zurücklenken wollte. Aber jedes Mal widerstand sie dem unheimlichen Drang, zu dem verlassenen Tempel zurückzukehren.

An einem kleinen See machte Andromache Rast. Schon längst hatte die Sonne ihren uneingeschränkten Platz am Himmel zurückerobert, und es war warm geworden, so daß die Amazone ihre regennasse Ausrüstung zum Trockenen über die Büsche am Ufer hing. Sie schlüpfte aus ihrem feuchten Chiton, um sich kurz zu waschen, und rieb sich anschließend mit einem Tuch trocken. Da bemerkte sie einen Blutfleck auf dem hellen Stoff.

Von mir? fragte sich Andromache. Das kann doch nicht sein. Verwirrt suchte sie nach einer Wunde, denn anders konnte sie sich die Herkunft des Blutes nicht erklären, und überrascht fand sie eine Verletzung am Hals. Sie kniete am Ufer nieder, und das stille Wasser als Spiegel benutzend besah sie sich die Stelle: Am Ansatz ihres Halses entdeckte sie ein rundes Mal, wie die Wunde eines Blutegels, aus dessen Rändern Blutstropfen quollen. Aufgeschreckt suchte Andromache nach weiteren Wunden, doch sie fand keine. Stammt die Verletzung wirklich von einem Blutegel? Aber woher sollte sie sonst kommen? Was… Gütige Hera! Sie zuckte zusammen. Eine Lamia!

Die Erlebnisse der letzten Nacht standen ihr plötzlich klar vor Augen, wie sie Diomedes von sich gestoßen hatte. Wie sein Kopf an ihrem Hals geruht hatte! Er… er mußte eine Lamia sein, eines jener grauenhaften Geschöpfe, die nur des Nachts hervorkamen, um sich am Blut der Menschen zu laben.

Andromaches Magen krampfte sich zusammen, als sie daran dachte, wie knapp sie dem Tode entronnen war. Sie rollte sich zusammen, umschlang mit den Armen ihre Beine, und am ganze Leib zitternd vergrub sie den Kopf zwischen den Knien.

Irgendwann ließ der Schrecken nach, und Andromaches Gedanken klärten sich. Sie konnte nicht zulassen, daß andere Reisende der 'Verschlingerin' zu Opfer fielen, nicht, nachdem sie nun wußte, wo der Unterschlupf der Lamia lag. Sie würde umkehren und ihrem Treiben ein Ende setzen.

Langsam stand die Amazone auf, streckte sich und schüttelte ihre steifgewordenen Glieder. Ein wenig fürchtete sie sich vor dem, was kommen würde, aber sie hatte sich einmal der Verführung der Lamia entzogen, sie würde es auch ein zweites Mal schaffen. Immerhin wußte sie nun, wen — oder besser: was — sie vor sich hatte.

Den Sagen zufolge war Königin Lamia einst die Geliebte des Zeus gewesen, woraufhin sie von der zu Recht eifersüchtigen Hera mit Wahnsinn geschlagen wurde, so daß sie ihre eigenen Kinder tötete. Seitdem rauben sie und ihre unnatürliche Brut die Kinder anderer, glücklicher Frauen und ernähren sich von dem Blut der Menschen, unter denen sie unentdeckt wandeln, da sie jede beliebige Gestalt annehmen können.

Der Rückweg zur Ruine war länger, als die Amazone gedacht hatte, und so erreichte sie den verfallenen Tempel erst bei Einbruch der Dunkelheit. Dennoch nahm sie sich die Zeit, die Umgebung nach Spuren abzusuchen und wurde auch fündig: Im hellen Mondschein zeichneten sich die Hufe ihrer Stute in der weichen Erde ab, daneben fand Andromache die eigenen Fußabdrücke, aber auch die größeren, tieferen eines Mannes führten auf die Ruine zu.

Die Amazone war sich plötzlich sicher, daß diese von Diomedes stammten, dessen Weg schon wieder den ihrigen kreuzte, und für einen kurzen Augenblick überlegte sie, ob sie vielleicht nicht erst am nächsten Morgen… Mit einem Seufzen schob sie den Gedanken von sich. Nein, ich kann ihn nicht der Lamia überlassen, auch wenn er Strafe dafür verdient hätte, daß er meine Gastfreundschaft mißachtet hat.

Ohne weiter nach Spuren zu suchen, ließ sie ihr Pferd an einen Baum gebunden zurück und schlich zum Tempel, das blanke Schwert in der Hand. Entschlossen betrat sie die Ruine, doch der Anblick, der sich ihren Augen bot, ließ sie erstaunt innehalten. Der Schein eines kleinen Lagerfeuers fiel auf Diomedes nackten Körper, auf seine muskulösen Beine, seine festen Pobacken und auf seinen breiten Rücken, eng umschlungen von schmalen, weiblichen, aber kräftigen Gliedmaßen.

Mit zwei Schritten war Andromache neben dem im Liebesspiel vereinten Paar. Sie packte Diomedes' Haare, riß seinen Kopf nach hinten, und dicht vor seinen Augen ließ sie ihr Schwert hinabsausen, direkt in die Kehle der Lamia.

Entsetzen stand in Diomedes' Augen. Stumm sah er erst die Amazone an, die wie eine Erinnye über ihm emporragte, dann blickte er hinunter auf… Andromache schluckte hart. Unter dem Mann lag sie selbst. Und ihr Schwert steckte in einem Hals, der aussah wie der ihrige. Die Lamia hatte ihre Gestalt angenommen, um den Händler zu verführen!

Die Kriegerin biß sich auf die Lippen, bis sie Blut schmeckte, und noch während sie versuchte, über die erschreckende Entdeckung hinwegzukommen, verwandelte sich ihre Doppelgängerin. Die Haut bekam Falten und Flecken, die Gesichtszüge verzogen sich zu einer runzeligen Fratze, und die Hände, die eben noch Dio

Charlotte Engmann

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