Geschichtsgräber
Von Jörn „Heimi“ Heimeshoff

„Ich hab hier was. Schnell seht euch das an!“
Aufgeregt sprang das junge Mädchen auf und ab und deutete auf einen Gegenstand, der sich vielleicht 10 Finger breit aus dem Boden erhob. Langsam erhob sich Gaal. Solche Situationen hatte er in den letzten 30 Jahren schon so oft erlebt. Und jetzt, mit 42 Jahren, zählte er zu einem der erfahrensten der Geschichtsgräber. Wieder spürte er die stechenden Schmerzen, die ihm schon seit Jahren jede Bewegung erschwerten. Er achtete sorgsam darauf, die einzelnen Tonscherben, die er in den letzen Stunden mit viel Mühe aus dem Sand gegraben und nach und nach zu einem Teller zusammengefügt hatte, nicht zu bewegen. Sein Blick glitt forschend über die Ausgrabungsstätte. Er folgte dem Hügel hinunter, an dessen Rand sich das Basislager mit seiner Handvoll Zelten und dem hölzernen Wassersilo befand, und glitt weiter über das Dutzend weitgehend junger Leute, die an verschiedenen Stellen des Geländes vorsichtig mit Schaufeln, Besen und anderen Instrumenten die Erde nach weiteren Fundstücken durchwühlten. Sie waren erst wenige Tage an dieser Stelle und so waren erst wenige Fundstücke gefunden worden. Am interessantesten waren die Grundmauern eines Gebäudes. Und die meisten der schon etwas erfahrenen Gräber waren an diesem Haus beschäftigt und legten vorsichtig und sorgsam eine Schicht Erde nach der anderen frei, immer darauf bedacht nicht durch ein Versehen irgendeinen der Schätze zu zerstören, die die Erde hier vor ihnen verbergen konnte. Das Mädchen - wie war noch mal sein Name? Lasa, Kasa, Lasi, ... , Nein Kasi war ihr Name - deutete aufgeregt auf eine Steinplatte, die sie freigelegt hatte und jetzt sah Gaal auch, warum das Mädchen immer wieder auf den Gegenstand deutete. Und dabei Geräusche ausstieß, die ihn mehr an ein Pferd als an einen Menschen erinnerten. Am oberen Ende der Steinplatte prangte ein Symbol, welches Gaal beim näherkommen als Haus oder Zelt deuten konnte. Jetzt wurde selbst Gaal ein wenig aufgeregt und er beschleunigte seine Schritte und drängte das Mädchen mit einer energischen Handbewegung zur Seite.
„Lass mich das mal sehen Lasi.“
Er bekam den leisen Protest des Mädchens nur unterschwellig mit und auch den Hinweis, das sie Kasi und nicht Lasi hieß, überging er geflissentlich. Er kniete sich vor die Steinplatte, hielt seine Hand hinter sich und verlangte nach einem Handbesen. Kasi überschlug sich fast um ihm ihren Besen zu geben und nach und nach drängten auch die anderen Gräber heran, angelockt von dem ständigen aufgeregten und langsam doch lästigen Fragen Kasis: „Gaal, da habe ich doch was Wichtiges gefunden, oder? Es war doch gut, dass ich dich gerufen habe? So ein Symbol habe ich noch nie gesehen und du?“ Mit gekonnten und durch jahrelange Erfahrungen geschulten Handbewegungen legte Gaal noch weitere Teile der Steinplatte frei und stellte fest, dass die Steinplatte erheblich größer war als er eigentlich angenommen hatte. Einer seiner Assistenten hatte - dem Schöpfer sein Dank - inzwischen die junge Kasi an die Seite genommen und ihr erklärt, dass alle mit ihr sehr zufrieden seien und dass sie sich doch jetzt erst mal einen Moment zurückziehen sollte und einen Schluck trinken dürfte. Der Teil der Steinplatte, den er bis zu diesem Zeitpunkt bereits freigelegt hatte war übersät mit Symbolen und ihm bekannt aussehenden Schriftzeichen, die in mehreren Reihen untereinander gegliedert waren. Einen Teil dieser Schriftzeichen kannte er. Er und die anderen Geschichtsgräber hatten sie schon an anderen Stellen gefunden. Aber es war ihnen bis zum heutigen Tag nicht gelungen zu entziffern wofür die einzelnen Schriftzeichen standen. Jetzt schien er die gesamte Platte ausgegraben zu haben. Sie war ca. zwei Schritte breit ,einen Schritt lang und vielleicht 3 Finger dick. Vorsichtig hob er sie ein Stück aus der Erde und befreite sie mit dem Besen von den letzen Erdresten. Einige Sekunden lang blickte er die Platte an und hatte dann einen Entschluss gefasst. „Ich erwarte, dass ich bis zum Morgengrauen eine komplette und detailgetreue Kopie dieser Platte auf Reispapier habe. Weiterhin werde ich morgen nach Hakuh zurückkehren um diesen Fund dem Rat der Wissenschaftler zu übergeben. Einige der jungen Gräber stöhnten. Die eben erteilte Anweisung bedeutete für sie, das eine schlafflose Nacht vor ihnen lag. Ein Teil würde die Steinplatte bei Kerzen und Lampenlicht kopieren müssen und das sehr genau, weil Gaal dafür bekannt war sofort jede kleine Abweichung zu finden und dem betreffenden Zeichner stundenlange Vorträge darüber zu halten was schon eine solch kleine Abweichung für Auswirkungen auf das Gesamtergebnis haben könnte. Der andere Teil der Gräber würde die ganze Nacht damit zubringen eine Karawane zusammen zu stellen, weil jedem bewusst war, dass, wenn Gaal sagte, er wolle morgen abreisen, er damit direkt nach dem ersten Hahnenschrei beginne wollte.
Gaal selbst schaffte es fast die gesamte Nacht nicht schlafen, da er die ganze Zeit darüber nachdenken musste, was wohl auf dieser Platte stand. Seit er zum ersten Mal als sehr junger Mann, die Schriftzeichen auf dem Boden der Halle des Rates gesehen hatte, war es immer sein Bestreben gewesen zu entschlüsseln, was diese Zeichen bedeuteten. Vielleicht war er mit dieser Steinplatte seinem Ziel ein Stück näher gerückt.

Hakuh breitete sich vor ihm im Tal aus er blickte über die einzelnen Gebäude und Stadtteile. Direkt vor ihm erstreckte sich das Händler- und Fuhrerviertel. Hier lebten die Personen, die in den letzen Jahren damit begonnen hatten, zwischen Hakuh und den neuen Städten und Dörfern hin und her zu pendeln. Sie benutzen dazu Wagen, die von Rindern und Ochsen gezogen wurden. Die Gebäude waren meist so angelegt, dass sich mehrere Lagerhallen und ein Haupthaus sowie die Ställe um einen Hof gruppierten. Sie zeichneten sich weiterhin dadurch aus, dass sie meist noch außen keine oder nur kleine vergitterte Fenster hatten, so dass es Dieben und anderen schwer fiel in die Gebäude einzudringen. Direkt dahinter befanden sich die Wohnhäuser der Wissenschaftler: große Häuser, jedes mit einem kleinen Stall und einem kleinen Garten dabei. Hier waren viele zusätzliche Wachtürme und Wachstationen zwischen die Gebäude gelegt worden um die Wissenschaftler zu schützen. In der Mitte des Viertels der Wissenschaftler befand sich das Ende einer Pipeline, die Wasser in das große steinerne Reservoir beförderten. Viele der Häuser hatten sogar eine eigene Zuleitung vom Reservoir in die Häuser; und so spannte sich ca. 3-4 Meter über den Straßen ein komplexes Rohrleitungssystem. Genauso faszinierend waren die Versuchsapparaturen, die in manchen der Gärten aufgebaut waren: verspiegelte Platten oder Rohrsysteme und große Maschinen mit vielen kleinen Zahnrädern, deren einzelne Funktionen wahrscheinlich die Erfinder selbst nicht mehr komplett wussten. Auch das Haus von Gaal war in diesem Viertel. Er sehnte sich danach wieder in seinem Sessel vor dem Kamin zu sitzen oder einige Funde auf seinem Schreibtisch zu untersuchen. Sein Blick glitt weiter über die Stadt und fand die Halle der Wissenschaftler. Das imposante Gebäude, welches das Stadtbild beherrschte, war ein Rätsel für die Wissenschaftler. Es bestand ganz aus einer eigenartigen grauen steinartigen Substanz, welche über die Jahre hinweg aber immer unsolider wurde. Festgestellt worden war, dass die Gründer das Gebäude unbewusst oder bewusst über einer Ausgrabungsstätte errichtet hatten. Es war ein großer grauer Klotz. In ihm befanden sich die Büros der Administration und die große Halle der Wissenschaftler, das Gremium das sich um die Gesetze in Hakuh kümmerte. Es erließ sie und sorgte dafür, dass sie durchgesetzt wurden. Hinter der Halle der Wissenschaft befanden sich die Viertel, in denen die Arbeiter wohnten: lange Gebäude, in denen sich jeweils mehrere Wohnungen befanden. Hier patroullierten Wachen des Rates. Dahinter erhob sich der große Kegel des Kraftwerkes. Gaal hatte einmal gehört, dass das Kraftwerk eigentlich genug Energie erzeugen müsste um jedes Gebäude in der Stadt mit Wärme zu versorgen. Aber das konnte Gaal sich nicht vorstellen. Tatsache aber war, dass die Energie aus dem großen Gebäude das von außen aussah wie ein ca. 10 Meter hoher Kegel und in das nur Personen hinein durften, die der Rat dazu bevollmächtigt hatte, ausreichend war um die direkt daneben angesiedelten Manufakturen zu versorgen. In diesen Gebäuden wurden allerlei Werkzeuge und Maschinen gefertigt, die genutzt wurden, um z.B. den Bauern, die auf Höfen im Umland verteilt für die Nahrungsmittelversorgung der Stadt sorgten, zu helfen ihre Felder zu bestellen. Einige dieser Manufakturen waren noch von den Gründern errichtet worden. Ihn ihnen arbeiteten Maschinen die keiner mehr verstand und bei denen das Wissen von der Bedienung vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde. Hier wurden sehr komplizierte Dinge produziert, wie z.B. die Rohverbindungen, die es erlaubten Rohre so zu verbinden, dass kein Wasser dabei verloren ging. Hier stand aber auch das Sägewerk, ein Gebäude, auf das der Rat besonders stolz war, es wurde mit Wasser betrieben und konnte Bäume schneller zersägen als jeder Mann das konnte. Direkt hinter den Manufakturen befand sich der merkwürdigste Teil von Hakuh. Hier lagen die Reste des großen Eisenschiffes, das die Gründer damals hierher gebracht hatte: inzwischen nicht mehr als eine leere verrostete Hülle, da im Laufe der Jahre die Manufakturanten alle verwertbaren Teile in die Manufakturen geschafft hatten. Links und rechts von den Arbeitervierteln befanden sich Geschäfte und Vergnügungseinrichtungen: einzelne Häuser, dicht aneinander gedrängt und von schmalen Gassen durchzogen. Nach Einbruch der Dunkelheit würde Gaal niemandem empfehlen noch in diesen Bereichen der Stadt zu sein, da sich hier die Bürger aufhielten, die nicht gerade zum produktiven Teil der Stadt gehörten. Gaal sah, dass die Sonne bereits begann auf den Horizont zuzustreben. Es hatte keinen Sinn mehr jetzt noch in die Halle der Wissenschaftler zu gehen, keiner würde ihm jetzt noch Gehör schenken. Also entschloss er sich die nächste Nacht in seinem Haus zu verbringen. Er wies den Rest der Karawane an sich nach Hause zu begeben und strebte auf das Wissenschaftlerviertel zu. Er hatte sein Haus fast erreicht, als er plötzlich das Lachen und Geschrei einer Kinderstimme vernahm. „Sieh mal Mama, da kommt Opa!“ Und plötzlich schoss aus der Haustür ein kleiner Blitz auf ihn zu, den Gaal unschwer als seinen Enkel Mussar erkennen konnte. Mussar warf sich ihm um den Hals und überhäufte ihn mit Fragen, von denen sich die eine Hälfte mit einem eventuellen Geschenk befassten, das sein Opa ihm hoffentlich mitgebracht hatte, und die andere Hälfte sich darum drehte, was Gaal alles auf seiner Reise erlebt hatte. Die nächsten Stunden verbrachte Gaal damit seiner Tochter und ihrem Ehemann zu erzählen, was er bei der Ausgrabung alles gefunden und entdeckt hatte. Aber plötzlich verlangte sein Enkel Mussar wieder nach seiner Aufmerksamkeit, dieser musste ins Bett und bestand darauf, dass sein Opa ihm noch eine Gute-Nacht-Geschichte erzählte. Gaal lächelte leicht und ging mit seinem Enkel in dessen Zimmer und fragte ihn, was für eine Geschichte dieser denn hören wollte. Er staunte nicht schlecht, als dieser sagte, er wolle etwas über die Gründer hören. Aber egal, Gaal begann zu erzählen:
„Es war zu der Zeit, als die Kälte über die Welt herein brach und die Menschen erfroren. Die Menschen begannen aufgrund der Kälte Krieg zu führen und fast alle starben, als sie ihre unglaublichen Waffen einsetzten und sich gegenseitig vernichteten. Keiner gewann diesen Krieg, außer dem Eis, das noch schneller wuchs. Die Meere wurden kleiner und neune Lande entstanden und so beschlossen die Gründer in die Wärme zu ziehen. Sie fanden diesen Platz hier. nd wir denken heute das sie herausfanden, dass hier schon einmal Menschen gelebt hatten. Also beschlossen sie sich hier niederzulassen und erließen das Gesetz, das immer die Wissenschaftler über die Bürger wachen sollten, damit nie wieder ein Krieg unter ihnen ausbrach. Und so entstand Hakuh, als erste Stadt der neuen Erde. Und hier leben wir nun. Und hat dir die Geschichte gefallen?“ Mussar bejahte dies und war aber noch ganz aufgeregt, weil er seinem Opa unbedingt noch etwas vor dem Schlafengehen zeigen wollte. Schnell huschte Mussar noch einmal aus dem Bett und brachte voller Stolz ein Buch zu Gaal, wobei er feierlich erklärte, er wäre jetzt schon fast erwachsen, denn er ginge jetzt zur Schule und lerne lesen. Gaal betrachtete das Buch und stellte fest, dass es eine Art Alphabet war: Jedem Buchstaben war ein Bild zu geordnet. Neben dem A war ein Apfel abgebildet, neben dem B ein Baum und so weiter. Plötzlich stutze Gaal. Konnte es sein, dass die Steinplatte etwas ganz ähnliches .... Erschrocken blickten seine Tochter und ihr Mann auf, als Gaal ins Zimmer hineingestürmt kam und in seiner Tasche zu wühlen begann. Als er die Kopie der Platte gefunden hatte, nickte er den beiden kurz zu und steuerte auf sein Arbeitszimmer zu. Schnell griff er sich Papier und Stift und begann einige der Zeichen zu übertragen. Tatsächlich, wenn dieses Symbol ein Vogel seinen sollte, könnte das hier ein V sein, aber das konnte doch nicht so einfach sein? Oder? Und was sollte dann dieses Symbol darstellen?

„Vater, seit über einer Woche sitzt du jetzt Tag und Nacht an deinem Schreibtisch, du hast kein bisschen geschlafen und kaum etwas gegessen. Selbst die Boten vom Rat hast du ignoriert.“ Ja, Gaal hatte den Boten ignoriert und jetzt ignorierte er seine Tochter ebenso, er wollte jetzt nur noch in die Ratshalle. Gaal stand auf und griff sich einen Stapel Papiere. Er stürmte an seiner Tochter vorbei ohne auf ihren merkwürdigen Gesichtsausdruck zu achten und verlies das Haus in Richtung der Halle der Wissenschaftler. Er stürmte an den Wachen vor dem Eingangstor vorbei, die zwar verdutzt blickten, denn es war noch viel zu früh für eine Versammlung. Aber Gaal war ein Wissenschaftler und durfte das Gebäude jederzeit betreten. Gaal hastete weiter in den Ratssaal und dort angekommen blieb er einen Moment verdutzt stehen, und begann dann auf das Podest zu klettern, von dem der Ratsvorsitzende normalerweise seine Ansprachen hielt. Ja, von hier konnte er alle Zeichen sehen. Schnell begann er sie zu kopieren und mit seinem zusammengebastelten Alphabet zu vergleichen. Ja tatsächlich, alles ergab einen Sinn. Also was stand da? Oh, beim Schöpfer, hatten die Gründer das gewusst? Er selbst konnte es kaum glauben. Wenn der Rat erfuhr, wie passed dieser Platz war! Und wieder schöpfte Gaal Hoffnung, dass sie hier in Hakuh nicht nur die letzten einer sterbenden Rasse seien, sondern viel mehr der Beginn einer neuen. Langsam las er noch einmal die Worte, die er aus dem Text auf dem Boden übersetzt hatte.

Diese Halle soll ein Hort des Wissens sein, hier soll es erblühen, das Volk von Atlantis.

Heimi
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