Der Gläserne Berg
Gewidmet meinem Harfenspieler,
der so manche Saite in mir zum Klingen bringt;
meinen Töchtern Angela, Astrid und Almut,
die mir ihre Farben geliehen haben für das Bild der Myriam;
meiner Mutter,
welche die Magie der Worte tief in meine Seele gepflanzt hat,
meinem lieben Freund Edwin,
dessen Computer die Gestalten dieses Buches entsprungen sind;
Marilly,
der jetzigen Hüterin des Gläsernen Berges;
und allen, die mit mir die Welt ins Leben träumen...

EINLEITUNG

Das Museum liegt im Licht eines milden Spätsommertages. Es ist aus Holz erbaut, und es gibt daran keinerlei elektrische Leitungen. Das gilt auch für die übrigen Häuser, die inmitten von Wiesen und lockerem Buschwerk stehen. Autos gibt es ebenfalls nicht in dieser Stadt. Dafür sieht man jede Menge spielender Kinder, deren fröhliches Geschrei überall zu hören ist. Zwischen Gemüsepflanzungen und kleinen, eingezäunten Weiden mit Schafen, Ziegen und einigen Rindern sind hier und da runde, konkave Spiegel aufgestellt, und Windräder drehen sich mit leisem Schwirrton. Es ist wohl eine Stadt, aber eine des 25. Jahrhunderts, und auf einen Bewohner heutiger Ballungszentren würde sie wohl etwas provinziell wirken.

Vor dem Museum wartet eine Gruppe von etwa fünfundzwanzig Menschen. Sie sind von eher kleinem Wuchs und zart von Gestalt und haben grosse, glänzende Augen. Anscheinend beginnt gleich eine Führung. Die Türe öffnet sich, eine Frau in mittleren Jahren tritt heraus und begrüsst die Gruppe mit freundlichen Worten. Wollen wir nun etwas näher herankommen und an der Führung teilnehmen, als unsichtbare Gäste aus der Vergangenheit, die einen kleinen Nachmittagsausflug in eine ihrer möglichen Zukünfte unternehmen?

Gut, folgen wir also dieser Gruppe! Sie geht mit ihrer Führerin in einen grossen, hellen Raum, der keine sichtbare Lichtquelle hat. Vielleicht erkennen wir sie aber auch nicht, weil wir ja nicht wissen, wie eine solche im Jahre 2497 aussehen könnte. Der Raum ist vollkommen leer, nur in der Mitte steht eine Vitrine, deren einziger Inhalt ein aufgeschlagenes Buch ist, das auf einer Unterlage aus weichen Stoff liegt. Das Museum scheint nur aus diesem einzigen Raum zu bestehen. Die Menschen, wir in ihrer Mitte, stellen sich jetzt kreisförmig um die Vitrine auf und warten auf die Ausführungen der Museumsbediensteten. Auffällig ist die ehrfürchtige Miene, mit der die Meisten auf das Buch blicken. Es muss sich um eine grosse Kostbarkeit handeln, obwohl es reichlich alt und zerfleddert wirkt.

Die Sprache, in welcher die Führerin zu der Gruppe spricht, können wir Heutigen wahrscheinlich nicht verstehen. Sie ist der Unseren ganz und gar unähnlich, die meisten unserer Begriffe kommen in ihrem Idiom einfach nicht vor. Ich übersetze also, reichlich frei und simultan:

"Liebe Mitbürger, Sie geniessen das besondere Vorrecht, heute als erste Besucher das Original der alten Schriften sehen zu können, aufgrund derer wir wenigstens etwas über die versunkene Kultur unserer Vorfahren wissen. Bisher glaubte ja die ganze Welt, dass diese unzivilisierte, geistig unentwickelte Wilde gewesen seien, die uns als einzige Hinterlassenschaft vergiftete Böden, abgeholzte Wälder, Berge unverrottbaren Mülls und ähnliche Segnungen zurück liessen und einen seltsamen, an ein Kreuz genagelten Gott mit leidenden Zügen anbeteten, der ihnen offenbar all dies aufgetragen hatte. Sie bewegten sich in Kisten aus Blech fort, die grauenerregende Dämpfe ausstiessen und sehr gesundheitsschädliche Wirkungen gehabt haben mussten. Archäologen gruben zuletzt riesige Trümmerstätten aus, die sich über hunderte Quadratkilometer hinziehen und ganz offensichtlich keinerlei Anbauflächen oder Gartenfelder zwischen den Häusern besassen.(ungläubiges Erstaunen in den Gesichtern der Zuhörer).

Anscheinend waren solche Stadtmonster einst über die ganze Welt verstreut. Jedes Kind weiss doch heute, dass man, was man verbraucht, wieder erneuern muss. Ihnen war diese einfache Tatsache anscheinend nicht vertraut, stellen sie sich das nur einmal vor!

So vergifteten sie die Luft, verbrauchten die Bodenschätze, holzten blindlings die Wälder ab, anscheinend ohne sich je zu fragen, wie ihre Nachkommen später leben sollten. Nun, ich will ihre Vorstellungskraft nicht weiter mit solchen Ungeheuerlichkeiten überfordern. Unsere Wissenschafter sind eben gerade dabei, zu untersuchen, wie sie solche Monströsitäten entwickeln konnten wie etwa unverrottbare Pflanzen, oder gar Menschen mit Schweinegenen. Was, Sie schütteln den Kopf? Nun ja, es klingt ja wirklich unglaublich, aber so etwas dürfte es, den neuesten Funden nach, gegeben haben, wenn unsere Wissenschaft da nicht einem Irrtum unterliegt. Sie konzentrierten sich anscheinend nur auf die Aussenseite der Dinge. So reisten sie zum Beispiel nur im Körper, also mit energiefressenden Verkehrsmitteln, oder verständigten sich nur über die Sprache, auch über weite Distanzen, ohne ihre inneren Verbindungswege zu nutzen. So erscheint es fast unglaublich, dass diese unzivilisierte Periode erst fünfhundert Jahre zurückliegen soll.

Aber, um zum Ende meiner Ausführungen zu kommen, wie wir alle wissen, wurde durch "Zufall" dieses Buch bei einer Expedition eines Forscherteams gefunden, und es grenzt wirklich an ein Wunder, dass sich das Material so lange halten hatte können.

Ein junger Forscher brach bei Grabungen an einer Ruine des zwanzigsten Jahrhunderts durch die Decke einer Erdhöhle und fand dort, unter einer kleinen, seltsam unausgeformten Frauenstatuette, welche Sie gleich hier daneben besichtigen können, eine Kasette mit diesem Buch. Die Sprachwissenschafter haben sich lange Zeit bemüht, es zu entschlüsseln; aber, die Wissenschaft ist auf diesem Gebiet ja sehr weit fortgeschritten, wie wir alle wissen." Sie sagt das im Vollgefühl ihrer Zugehörigkeit zu einer überlegenen Zivilisation, diese kleine Schwäche der Überheblichkeit ist den Zukünftigen anscheinend auch noch eigen, was sie uns ein wenig näherbringt, da wir offenbar nur fähig sind zu lieben, wo wir auch kleine Schwächen finden. Sie fährt fort: "Ja, und dieses Buch nun erzählt von Menschen, die auf Orten, die sie "Lebensinseln" nannten, dafür sorgten, dass wenigstens einige, wenige Gebiete mit einer einigermassen intakten Natur erhalten blieben, auf denen unsere Vorfahren wieder eine funktionierende Landwirtschaft aufbauen konnten, die dann zum Fundament unserer heutigen Zivilisation werden konnte. Ihnen verdanken wir es, dass wir nach dem grossen Zusammenbruch im 21. Jahrhundert nicht vom Punkt Null wieder beginnen mussten. Sie wussten anscheinend, was bei uns heute Allgemeinwissen ist, nämlich, dass die Erde ein lebendiger Organismus ist - sie nannten sie die Erdmutter - ein sensibles Netzwerk vieler, zusammenwirkender Lebensformen, und wir sie nicht ausbeuten dürfen.

Ausserdem lässt uns dieses Buch Einblick in das Leben von Menschen des 20. Jahrhunderts nehmen, die, wie wir von archäologischen Ausgrabungen wissen, auch anders ausgesehen haben, als wir Heutigen, nämlich wesentlich robuster und muskulöser. Wenn auch Vieles in diesem Buch für uns heute nicht mehr verständlich ist, stellt es doch ein einmaliges, historisches Zeitdokument dar.

Zum Schluss darf ich Sie noch darauf aufmerksam machen, dass Sie beim Kiosk am Ausgang die Übersetzung dieser Schriften um fünf Kreditpunkte erwerben können. Ich kann ihnen das Buch nur wärmstens empfehlen, es wird ihr Bild von der Vergangenheit sehr bereichern. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, und kommen Sie gut nach Hause, auf Wiedersehen!"

Erstes Buch

DIE ZAUNREITERIN

Vorwort

Dieses Buch ist die Strophe eines Liedes, das durch die Zeiten klingt oder das Glied einer Kette, einer Kette ohne Anfang und Ende. Wir glauben allgemein, die Zeit sei eine Linie, die von hier nach dort führt, von einem Anfang zu einem, wenn auch fernen Ende, doch das ist ein Kindermärchen. Hätte ich nicht selbst erlebt, was ich hier niederschreibe, würde ich wahrscheinlich noch heute an diese Torenweisheit glauben, und das relativ unangefochten von allen möglichen anderen Erklärungen der "Wirklichkeit",

Ich schreibe meine Erlebnisse auf in der Hoffnung, dass nachfolgende Generationen noch in der Lage sein werden, diese Schrift und diese Sprache auch zu verstehen - ja überhaupt noch Schrift und so etwas wie Sprache besitzen, denn es zeichnet sich ab, dass diese Zivilisation ihrem nahen Ende entgegengeht.

So wie vor uns schon andere Kulturen und Zivilisationen aus dem Nebel der Zeiten aufgetaucht und wieder darin versunken sind, werden auch nach uns noch ungezählte Menschheiten ihr Kindheitsstadium, ihre Hochblüte und ihren Verfall erleben. Mit diesem Buch will ich versuchen, ihnen eine Botschaft zu hinterlassen: "He, hallo, wir waren auch schon da, macht's gut, vielleicht auch besser; alles Gute für Euch!"

Doch wahrscheinlich erreicht meine Botschaft nie ihr angepeiltes Ziel. Dann wird sie hoffentlich in der jetzigen Zeit bei einigen Menschen zum besseren und tieferen Verstehen unseres Daseins beitragen. Deshalb werde ich auch mein erlebtes Wissen nicht vergraben, um es zu erhalten, denn Wissen muss lebendig sein und weitergegeben werden, sonst verschwindet es aus dem Hauptstrom der Zeit und wird nur mehr von einigen Eingeweihten verstanden. Doch auch das liegt nicht mehr in meiner Macht, nun da ich alt bin und das Ende dieses meines Erdenlebens schon in Sichtweite vor mir liegt.

Ich weiss, meine Erzählung wird für Viele unglaubwürdig klingen. Doch ist es nur unsere beschränkte Sicht der Wirklichkeit, die uns Manches ins Reich der Sage verweisen lässt.

Wenn sich auch die Ereignisse in meiner Erinnerung ein wenig in ihrer Abfolge verschoben haben, ich habe nichts davon vergessen. Und wenn ich die Augen schliesse, sehe ich....., nein, ich sehe sie nicht vor mir, ich bin wieder da, wo alles begann, in meiner kleinen Wohnung, in einem Wiener Vorortebezirk......

Samhain

Allerheiligen

Viel zu laut und schrill läutet mein mechanischer Wecker. Eigentlich würde ich ihn gar nicht mehr brauchen, jetzt, da ich in vorgerückten Jahren nicht mehr so tief und fest schlafe wie in meiner Jugend, aber, na ja, es ist ein beruhigendes Gefühl, nicht verschlafen zu können. Für mein Pflichtbewusstsein ist das sehr wichtig. Ich muss leise lächeln bei der Erinnerung an unzählige Auseinandersetzungen, die ich früher mit meinem geschiedenen Mann über die essentielle Bedeutung von Pünktlichkeit im Zusammenleben von Menschen geführt hatte. Seltsam, es war mir bisher noch nicht bewusst geworden, dass ich über damals so schmerzhafte Zwistigkeiten heute schon lächeln kann.

"Wieder ein Stück Sterben" denke ich, doch es löst in mir keine Panik aus, wie sonst der Gedanke an Alter und Tod. Vielleicht kann ich meiner Jugend ja doch einmal auf Wiedersehen sagen, ohne dabei in tiefste Depression zu fallen, wie das bisher bei jeder Falte und bei jedem schwabbeligen Stück Haut, die der unbarmherzige Gegner im Badezimmer mir präsentierte, der Fall gewesen war.

Dabei fällt mir ein, dass ich heute noch unbedingt auf dem Markt vorbei schauen muss, um für das Grab meiner Eltern ein Gesteck zu besorgen, denn morgen ist Allerheiligen, und da geht man in Wien unbedingt zu den Gräbern seiner Angehörigen, und sei es in Stau und Verkehrsgewühl. Ich frage mich kurz, ob ich mir das wirklich antun möchte, es könnte ja auch ein anderer Tag sein, ohne Menschenmassen und überlastete Verkehrsmittel. Doch dann verwerfe ich den Gedanken schnell wieder; es bleibt bei morgen, so gehört es sich schliesslich. Zwischen einem Schluck Kaffee, meinem unverzichtbaren Lebenselexier und einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel denke ich noch kurz daran, meine Tochter Myriam anzurufen und sie daran zu erinnern, sich den Tag morgen für den Gräberbesuch freizuhalten. Dann fällt mir aber ein, dass zu so früher Morgenstunde (meine Arbeit als Heilmasseurin beginnt schon um 6h30) höchstens empörte Verärgerung die Folge wäre und verwerfe auch diesen Gedanken wieder.

Ach, meine kleine Myriam, Tochter meines Herzens, wo bist du nur, ich kann dich nicht mehr finden in der distanzierten, jungen Frau, die du, ich weiss nicht mehr wann, geworden bist! Wie musste ich damals, vor ziemlich genau zwanzig Jahren, als ich mit dir ungewollt schwanger wurde, gegen meine Eltern kämpfen, die gegen meine allzufrühe Schwangerschaft gewesen waren. Eigentlich galt der Kampf ja mir selbst, denn ich wollte noch so Vieles erleben, lernen; wollte nach meiner Ausbildung die Flügel entfalten, fliegen..... doch dann holte ich die eben Entfalteten wieder ein und verschob den Start auf später, wenn du erwachsen wärst.

Als ich sie in den folgenden Jahren zu Trainingszwecken öfter einmal erproben wollte, klemmten sie, als wäre es wichtig gewesen, sie genau zu dem damaligen Zeitpunkt zu gebrauchen. Habe ich dich das spüren lassen, stammt die Entfremdung daher, oder ist sie einfach ein notwendiger Ablösungsprozess; ist die Nabelschnur als Phantom noch vorhanden und muss jetzt endgültig und unwiderruflich durchschnitten werden? Sei es wie es wolle, es tut weh, und diesmal kann ich nicht leise darüber lächeln, nein, jeder Schnitt treibt mir die Tränen in die Augen.

Durch eine Tränenschleier hindurch sehe ich, als ich auf die Strasse trete, um zur nahen Bushaltestelle zu gehen, dass der Tag heute sonnig zu werden verspricht. Das mahnt mich, beizeiten ebenfalls eine sonnigere Miene aufzusetzen. Bei Schönwetter sind sehr viele Patienten zu erwarten, sie wollen aufgeheitert werden und etwas abgelenkt von ihren Leiden. Auch das gehört zu einem guten Therapeuten, die Seele zu streicheln, während man sich dem Körper widmet.

Werde ich mit meinen vierzig Jahren und meinem nicht unbedingt aufregenden Aussehen auch noch jemanden finden, der mir Körper und Seele streichelt? Vielleicht bin ich jetzt noch nicht bereit dafür, die Wunden der unmittelbaren Vergangenheit sind noch nicht verheilt, doch wird später nicht zu spät sein? Ganz schön viel für diesen frühen Morgen, was durch meinen noch etwas morgendämmrigen Kopf geistert. Fast unbewusst nehme ich die ebenfalls noch schläfrigen Gesichter der übrigen Menschen im Bus wahr. Einer döst mit offenem Mund. Er versucht offenbar, dem tyrranischen Tag noch eine kurze, ihm allein gehörende Spanne Zeit abzutrotzen und verschliesst die Fenster zu seinem Inneren mit seinen Augenlidern, dabei vergisst er die Tür des Mundes zu versperren, sodass sie klaffend offensteht. Noch nie war mir bis jetzt die Freudlosigkeit in den Gesichtern der Menschen so deutlich bewusst geworden wie in diesem Augenblick, und erschreckt wende ich mich zum Fenster, um meinen eigenen Ausdruck zu erforschen. "Ein Gespenst unter Gespenstern!" durchzuckt es mich, als ich mich in der trüben Scheibe erblicke. Plötzlich erscheint mir alles, ich selbst und meine Gedanken, ja selbst meine Erinnerungen, die Gefühle dieses Morgens als flach, zweidimensional und unwirklich. War das wirklich schon mein Leben gewesen und vor allem, würde dieses Leben auch so weitergehen, absehbar bis zum Ende, zwar in relativer Sicherheit doch ohne Höhen und Tiefen, ohne Rausch und Ekstase, ohne die atemlosen Momente der Erfüllung, die ausserhalb von Zeit und Raum standen? Woher kommen denn plötzlich diese Gedanken, die ich in dieser klaren Bewusstheit noch nie vorher in meinem Leben gehabt hatte? Sollte das vielleicht die berühmte "midlife crisis" sein, Sinnkrise in der Mitte des Lebens, ohne die man als moderner Zeitgenosse überhaupt nicht zählte? Fragen über Fragen und ungewohnte Gedanken in meinem Kopf und das Alles um sechs Uhr morgens in einem Autobus inmitten unausgeschlafener Werktätiger! Na, das konnte ja noch ein Tag werden! Gottlob wäre morgen ein Feiertag und der Tag darauf ein Samstag. Ich könnte also drei Tage dazu nutzen, wieder Ordnung in meinem Kopf zu schaffen.

Doch, was ich damals nicht wissen konnte: dieser kurze Augenblick ist der Moment, der mein Leben wendet. Diese Zeit um Allerheiligen, zu der des Todes gedacht wird, sollte auch den Tod meines bisherigen Lebens bedeuten. So, wie aus dem Tod neues Leben entsteht, ist dieser Augenblick ein Neubeginn für mich. Noch ist keine Richtung und Bestimmung zu erkennen, noch bin ich wie ein Kind im Moment seiner Geburt, voller potentieller offener Wege, bis einer gegangen wird und damit die anderen verschliesst. Und der Schmerz seiner Geburt gleicht meinem, der dieser plötzlichen Selbsterkenntnis folgt.

Der Tag verläuft so, wie es zu erwarten gewesen war. Mehr oder weniger mechanisch verrichte ich meine Arbeit, freundlich und zuvorkommend zwar, wie man es von mir gewohnt ist, doch meine Gefühle und Gedanken sind bei mir, ich bin konzentriert auf mich selbst, auch wenn ich gerade einen Patienten behandle. Es geschieht Unglaubliches! In diesem Bei mir Sein bin ich plötzlich auch viel hellhöriger als je zuvor. Wie sonst auch immer, erzählen sie mir ihre grossen und kleinen Leiden. Dabei fällt mir auf, bei Vielen ist es immer die gleiche Geschichte. Habe ich eigentlich einem von ihnen schon jemals wirklich helfen können? "Frau Anna, heute hören Sie mir aber gar nicht zu!" schnappe ich gerade noch auf, nachdem ich alles Andere an mir vorüberplätschern lasse. "Oh doch" denke ich bei mir, "heute höre ich dir das erste Mal richtig zu". Mit einem Mal spüre ich ein seltsames, hartes, kaltes Gefühl in meinem Magen - ZORN! WUT! Meine Verwirrung spült es gleich darauf wieder weg, gleichwohl war es da gewesen. Dieses typisch wienerische "Frau Anna" stört mich schon lange. Es ist für mich ein subtiles Symbol meiner subalternen Stellung als Vertreterin eines Dienstleistungberufes. Trotz meiner menschlichen und beruflichen Kompetenz bin ich ein Nichts im weissen Mantel, gut genug als seelischer Abfallkübel. Habe ich mir bisher vorgegaukelt, eine wichtigen Heilberuf auszuüben, sehe ich es jetzt glasklar vor mir: so nicht mehr! Aber wie dann?

Wieder im Autobus, wieder müde, abgekämpfte Menschen um mich her, abgesehen von einigen Kindern mit lebendigen Augen, Mündern und Herzen. Dafür ernten sie auch strafende Blicke von den anderen Fahrgästen. Wir alle waren doch einst solch lebendige, klare Wesen, was ist nur mit uns geschehen?

Wo ich immer aussteige, steht ein Obststand, die einzige Gelegenheit, noch etwas einzukaufen, denn es ist schon spät, und die Geschäfte sind geschlossen. Ich habe plötzlich Verlangen nach diesen wunderbar rot - gelben Äpfeln, glänzend in ihrer glatten Schale, welche die Verkäuferin anbietet. Nachdem ich sie gekauft habe, - teuer genug sind sie ja -, halte ich einen an mein Gesicht und rieche daran. Aber, oh grosse Enttäuschung! Der Duft, den ich erwartet habe, der Duft nach Wachstum, Reife, Lebendigkeit, der Duft nach sattem, prallen Leben, nach dem mich so verlangt, fehlt. Ohne es verhindern zu können oder es auch nur zu wollen, kommen mir die Tränen.

Heulend gehe ich die letzten Schritte zu meinem Haus, - hoffentlich begegnet mir niemand, das muss ja doch keiner sehen -, und so endet dieser seltsame Tag so wie er begonnen hat, mit Tränen. In diesen Tränen fliesst alles aus mir heraus: Enttäuschung über ein nicht wirklich voll gelebtes Leben, über die vermeintlich unerwiderte Liebe zu meiner Tochter, über das Zerbrechen meiner Ehe, die nie aufgearbeitete Beziehung zu meinen zu früh verstorbenen Eltern, Wut, Zorn, Trauer.....

Wie Sturzbäche fliessen diese Tränen, und Heulkrämpfe schütteln mich mit beängstigender Gewalt. Wie kann nur diese Menge Wasser in mir sein!

Als die Tränen dann irgendwann doch versiegen, kann ich mich nur noch erschöpft in mein Bett zurückziehen. Dabei habe ich weder ein Grabgesteck besorgt noch Myriam angerufen; das ist jetzt alles wie weggewischt, ich will nur noch schlafen.

Ich erwache an einem mir fremden Ort. Um mich herum sind Bäume. Bei näherem Hinsehen erkenne ich, dass es Apfelbäume sind; ich liege auf einer wunderschönen Apfelwiese. Es ist warm, lauer, leiser Wind umspielt meinen Körper und verfängt sich in meinem langen, glänzenden roten Haar. Dies alles nehme ich in einem kurzen Augenblick wahr. Als ich an mir hinuntersehe, bemerke ich, dass meine schlanke, junge Figur in ein fliessendes Gewand aus einem seidenartigen, glänzenden Stoff gehüllt ist. Die Blätter der Apfelbäume rascheln leise im Wind. Sonst kann ich kein Geräusch hören. Ich kann auch nicht erkennen, welche Jahreszeit gerade ist, auch die Tageszeit ist ungewiss, und ich kann keine Sonne sehen. Es herrscht ein eigenartiges, diffuses Licht. Ach, ich fühle mich so wohl und friedvoll! Der zarte Geruch von reifen Äpfeln, der plötzlich in meine Nase steigt, weckt in mir den Wunsch, einen Apfel zu essen, doch trotz genauen Hinsehens kann ich keinen entdecken. Auch in der Umgebung kann ich nichts erkennen, ausserhalb der Apfelwiese ist alles in einen lichten Nebel gehüllt, der aussieht, als wolle gerade eben die Sonne durchbrechen.

Da erheben sich, wie aus dem Wind geboren, leise, zarte Töne, ja es sind die einzigen Töne, die hierhergehören, andere wären hier ganz und gar unpassend. Jemand spielt Harfe, so schön und wunderbar, dass mein ganzer Körper in einem seltsam ziehenden Schmerz mitschwingt. Ich habe das Gefühl, mich in Sehnsucht, Glück und Traurigkeit aufzulösen. Was geschieht denn nur mit mir? Woher kommen diese Töne?

Auf einem Baumstumpf sitzt eine Gestalt in einem weissen, langen Gewand. Sein Haar ist ebenfalls weiss und fällt über seine Schultern. Der untere Teil des Gesichtes ist von einem weissen Bart bedeckt. Er ist es, der so wundersame Musik auf seiner Harfe hervorbringt, dass mir fast das Herz zerspringt. Als er weiterspielt, brechen an allen Zweigen Blüten hervor, Vögel singen und fliegen von Ast zu Ast, Bienen summen von Blüte zu Blüte, und die Sonne löst den Nebel auf.

Da beginnt der Bärtige mit volltönender, weicher Stimme auch noch sein Harfenspiel zu begleiten. Nun schneit es Blütenblätter auf mich herab, dass ich ganz davon bedeckt bin. In Windeseile reifen herrliche Äpfel, und die Zweige biegen sich unter ihrer Last. Einer davon fällt in meinen Schoss. Sein Duft betäubt mich fast mit seiner Intensität, ich hebe ihn auf und beisse hinein.....

Ja, so, nur so muss ein Apfel schmecken! Nie wieder will ich einen anderen kosten! Das hier muss das Paradies sein!

Der Bärtige hat sein Spiel unterbrochen und sieht zu mir her. Er lächelt warm und geheimnisvoll, sein Blick scheint mir in seiner Intensität irgend etwas sagen zu wollen, ich weiss aber nicht was, seine Augen, seine Augen, ach, seine Augen.....

.....Seine Augen sind noch bei mir und rühren mein Herz an, als ich erwache. Vielleicht, wenn ich meine Lider noch einmal schliesse, wenn ich mich dem beginnenden Tag verweigere, wenn ich noch einmal einschlafe, vielleicht kann ich noch einmal dorthin zurückkehren, doch es gelingt nicht. "Solche Träume sollten nicht in meinem Traumrepertoire vorkommen, nein, nicht solche Träume! Wie soll man denn da die Wirklichkeit durchstehen!" denke ich, als ich nun endgültig wach bin. Resolut, wie ich es gewohnt bin, stelle ich die Füsse auf den Boden der Tatsachen und stehe auf. Mein Tagesprogramm lautet: 1.) Myriam anrufen, 2.) Friedhofsbesuch. Vorher will ich mich noch mit einem ausgiebigen Frühstück verwöhnen, darauf kann ich mich immerhin freuen.

Ich wähle Myriams Telefonnummer. Ich höre das Freizeichen ihres Apparates wieder und wieder, endlich wird abgehoben, doch es ist nicht sie, die sich meldet. Eine verschlafene Stimme tönt aus dem Hörer, Billy oder Lilly oder so ähnlich, eine Mitbewohnerin aus ihrer Wohngemeinschaft, wie sich herausstellt. Myriam sei nicht hier, sie sei gestern nach der Vorlesung mit einem gewissen Sascha weggefahren, zu Freunden aufs Land, wie sie sagte. Mehr wisse sie leider auch nicht, sagt die schläfrige Unbekannte, dann hängt sie ein.

Da stehe ich nun und weiss nicht ob ich denn nun verärgert bin - nein, eigentlich nicht. Gehe ich eben alleine auf den Friedhof! Was sollen denn auch junge Leute an einem so schönen Tag dort, ich will doch selbst auch nicht so gerne, ich hatte in der Kindheit eine fast phobische Abneigung gegen Friedhöfe. Heute, als Erwachsene habe ich diese Angst schon überwunden, ein leichtes Unbehagen aber ist immer noch da. Ausserdem wirken diese abgegrenzten, penibel gepflegten Gräber immer wie Schrebergärten für tote Kleingärtner auf mich. In Wien ist diese Mentalität sehr ausgeprägt. Diese Mischung aus Sentimentalität, Kleingartenatmosphäre und Verbrüderung mit dem " Freunderl" Tod ist für mich die Essenz des sogenannten " Gmüats" ( für Nicht- Wiener: Gemüt, aber eigentlich unübersetzbar), dieses Ausflusses des Goldenen Wiener Herzens, das ich oftmals als ziemlich hart empfunden habe, höchstens Katzengold. Aber einer in der Familie muss ja, man kann ja nicht immer tun, was man gerade will - kann man nicht? - Wer ist "man"? Bin ich "man"? Wenn ich nicht "man" bin, wer bin ich dann? Ich, die mittelalterliche, pflichterfüllende Durchschnittsfrau oder ich, die wunderschöne, schlanke, begehrenswerte Frau auf der Apfelbaumwiese? Plötzlich verspüre ich wieder diesen unvergesslichen Apfelgeschmack auf der Zunge, und mir ist so gar nicht nach Friedhof zumute.

An diesem Tag ging ich nicht auf den Friedhof. Ich holte mein Rad aus dem Keller und fuhr zum westlichen Ende der Stadt, von wo aus ich auf einen Berg stieg, auf dem ich als Kind mit meinen Eltern oft gewesen war. Beim Aufstieg liess ich das geschlossene Siedlungsgebiet langsam hinter mir, später ging der Weg durch eine Villensiedlung, und zuletzt blieben auch die Schrebergärten hinter mir zurück. Wie durch ein Tor trat ich zwischen zwei Eichen, die den Weg säumten, in den stillen Herbstwald ein. Das abgefallene Laub raschelte unter meinen Füssen, als ich darinnen watete wie in flachem Wasser.

Als Kind hatte ich dieses versunkene Waten im Laubmeer so sehr geliebt, meine Strümpfe und Kleider waren davon immer ganz staubig gewesen, zum Leidwesen meiner Mutter, die damals noch einmal im Monat in der Zentralwaschküche unseres Städtischen Wohnhauses am Waschtrog die Familienwäsche waschen hatte müssen.

Bald war ich auf dem Gipfel angelangt und setzte mich auf einen umgefallenen Baum auf einer kleinen Lichtung, die wie eine Tonsur den höchsten Punkt des Berges krönte. Durch die entlaubten Baumkronen der Buchen und Eichen fielen wärmende Herbstsonnenstrahlen auf das fahle Gras. Hier war ein besonderer Platz, wie eine Insel, ein kleines Stück abgerückt nur vom Normalalltag, doch irgendwie verzaubert. Ganz still blieb ich sitzen. Ich rührte mich nicht, denn ich wusste, dass ich mit der geringsten Bewegung den Zauber unweigerlich gebrochen hätte, der diesen Ort umsponnen hielt.

Ich wusste nicht, wie lange Zeit ich an diesem Platz verbracht hatte. Ich bemerkte nur, dass die Sonne verschwunden war und es schnell kalt wurde. Als ich wieder zu meinem Fahrrad kam, war es schon dunkel.

Zu Hause zündete ich eine Kerze an, stellte sie auf meinen kleinen Couchtisch und legte eine CD mit einem Flötenkonzert von Vivaldi auf, bevor ich mich mit einem Glas Wein niederliess. Im Geist leistete ich meinen Eltern Abbitte, weil ich nicht an ihrem Grab gewesen war. So Vieles war zwischen uns ungesagt geblieben, als sie viel zu schnell und rasch hintereinander gestorben waren.

Kennengelernt hatten sie einander in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Es war eine Zeit voller revolutionärer Aufbruchstimmung, Arbeitslosigkeit und Freikörperkultur gewesen. Auf alten Fotos, die ich mir immer wieder gerne anschaue, blicken mir forsche, junge Frauen mit Bubiköpfen und Wanderoutfit entgegen, junge Männer mit sportgestählten Körpern bilden Menschenpyramiden oder fahren Rhönrad. Grundsätzlich waren sie immer in Gruppen aufgetreten. Privatheit hatte als reaktionär gegolten und war ob der Wohnungsnot auch unmöglich gewesen. Die politischen Gruppierungen von Rechts und Links hatten einander mehr und mehr polarisiert, die Folge, der Bürgerkrieg hatte auch meine zukünftigen Eltern in verschiedene politische Gruppen geteilt: mein Vater trat in die Kommunistische Partei ein, meine Mutter blieb bei den Sozialisten. Sie war immer weniger kämpferisch gewesen. Die Jugendbewegung war in diesen Jahren trotzdem beider Heimat geblieben. Dann waren die Jahre des wachsenden Faschismus gefolgt. Mein Vater war immer mehr in die Widerstandsbewegung hineingewachsen. So war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er nach dem sogenannten Anschluss, durch Denunziation aufgeflogen war, er und eine Gruppe von Genossen.

Im Morgen - grauen - (und Grauen war ab diesem Zeitpunkt alles gewesen) war die Gestapo gekommen und hatte ihn mitgenommen.....

Meine Eltern waren schon relativ alt gewesen, als ich als spätes Einzelkind zwei Jahre nach dem Kriegsende zur Welt gekommen war. Mein Vater hatte als politischer Häftling fünf Jahre lang im Zuchthaus verbracht, nachdem sein Todesurteil in Haft umgewandelt worden war. Nach dem Zusammenbruch des Tausendjährigen Reiches waren er und seine Haftgenossen von den Amerikanern befreit worden und auf abenteuerlichen Wegen nach Hause zurückgekehrt, krank an Leib und Seele. Meine Geburt war für ihn zum Symbol für eine neuere, hellere Zukunft geworden, in seinem Kind sollten alle seine Träume und Ideale wieder lebendig werden. Diese Erwartungen hatte ich unbewusst gespürt, deshalb war ich ein sehr "braves" Kind gewesen, bis ich viel zu früh, von meinem späteren Mann schwanger geworden war. Seine Tochter, von der er sich so viel erhofft hatte, sollte nicht als halbes Kind selbst ein Kind haben und sich damit "die Zukunft verbauen", wie er es nannte. Beide Eltern waren sehr dagegen gewesen, dass ich das Kind zur Welt brachte.

Aber ich, die ich daran gewöhnt gewesen war, Erwartungen zu erfüllen, wollte nun den Erwartungen meines Liebsten entsprechen, und der wollte, dass ich das Kind bekäme. Obwohl meine Eltern sich später mit der Situation abgefunden hatten, war das der letzte Anstoss zu der schweren, bösartigen Erkrankung gewesen, die meinen Vater in wenigen Jahren dahingerafft hatte.

Damit war der Lebensinhalt meiner Mutter dahin, wohl hatte sie sich auch damit verausgabt, meinen kranken Vater zu pflegen und sein Dahinschwinden machtlos miterleben zu müssen. Obwohl sie, trotz ihrer anfänglichen Ablehnung, zärtlich an ihrer Enkeltochter gehangen hatte, war sie einige Jahre später an einer Herzerkrankung gestorben.

Dies alles war mir seither schwer auf der Seele gelegen. Wie ein zu enges Kettenhemd hatte es mir den Raum zum freien Atem genommen. Mit der Zeit hatte ich aufgehört, es bewusst zu spüren, dennoch war es unterschwellig immer da gewesen. Den seinerzeitigen Auftrag meiner Eltern an mich, unausgesprochen zwar, doch unmissverständlich, versuchte ich heute noch zu erfüllen. Er lautete: "Entspreche!"

Der Abend war über diese Erinnerungen unbemerkt in eine bewölkte, etwas neblige Nacht übergegangen. Nun würde das Wetter sich, nachdem es noch eine kurze Spanne Sommer gespielt hatte, der eigentlichen Jahreszeit entsinnen und rasch auf Spätherbst umschalten.

Ich war wieder auf meiner Apfelbaumwiese. Diesmal war die Jahreszeit eindeutig zu erkennen; es war Herbst. Laub bedeckte das fahle Gras, einige Äpfel hingen noch wie eine Verheissung wiederkehrender Ernten in den Zweigen. Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit war es mild und auch etwas sonnig. Leise rascheltet noch an den Ästen verbliebenes Laub in der leichten Brise. Eigentlich hätte ich mich sehr wohl fühlen müssen, jedoch irgend etwas hinderte mich ganz entschieden daran. Warum konnte ich mir nicht darüber klar werden, was es war? Bedrückt und schwer atmend setzt ich mich auf den umgefallenen Baum, der in meinem letzten Traum dem Harfenspieler als Sitz gedient hatte. Der war diesmal nicht zu sehen, schade. Irgendein Gewicht zog an mir, als wollte es mich in die Erde hineindrücken. Gleichzeitg wuchs in mir ein Gefühl, das ich gut kannte: das Gefühl meiner Unzulänglichkeit, das Bedauern, irgendwo versagt zu haben und nicht zu wissen, worin. Wohin könnte ich mich jetzt noch zurückziehen, wenn mich diese Dinge jetzt auch in dieses Refugium verfolgten? Da bemerke ich, dass ich nicht mehr allein bin. Zwei Menschen, ein Mann und eine Frau in etwa mittlerem Alter kommen Hand in Hand auf mich zu. Beide haben ausgeglichene, harmonische Züge, die, als sie mich erblicken, freudiges Erstaunen erkennen lassen. Sie wirken, als würden sie mich kennen. "Annerle, bist du's? Wie siehst du denn nur aus!" ruft die Frau aus. "Annerle," wie lange hat mich so niemand mehr genannt? Seit ich ein kleines Mädchen gewesen war, hat nie wieder jemand so liebevoll "Annerle" zu mir gesagt wie meine Mutter. "Mama?" frage ich leise und zögernd "Papa? seid ihr das wirklich? Ihr seid doch lange tot, und wieso seid ihr so jung?" "Das Kind stellt noch immer so viele Fragen wie früher", sagt mein Vater mit gespielter Missbilligung, dann lacht er laut und schallend, wie ich es, als er noch lebte, nie von ihm gehört hatte. "Zu glauben, wir seien tot, das schlägt doch dem Fass den Boden aus! Du siehst doch, dass wir nicht tot sind, Mama und ich!" Und dann umarmt er mich mit einer Wärme und Herzlichkeit, dass ich glaube, zerschmelzen zu müssen. Tränen laufen über meine Wangen wie Bäche. "Warum weinst du denn, Annerle?" fragt meine Mutter." "Ach Mama, Papa, ich habe es euch nie sagen können, wie leid es mir tut, dass ich euch damals so weh getan habe. Ich habe euch enttäuscht, weil ich nicht so war, wie ihr euch das erträumt habt!" Da wird mein Vater ernst. "Ich sehe nun, dass wir Einiges an dir gutzumachen haben", spricht er bekümmert. "Geh, Franzi", sagt er zu meiner Mutter," zieh ihr doch das viel zu enge Hemd aus. Sie ist doch schon längst herausgewachsen!" Meine Mutter zieht ein altmodisches Taschentuch aus ihrem Sack, schneuzt mir die Nase und wischt mir die Tränen ab, als wäre ich ein kleines Mädchen, dann hat sie plötzlich eine Schere in der Hand (woher bloss?). Sie schneidet an meinem Kettenhemd (das war es also, was mich so beschwert hatte!) einen Faden durch und beginnt es aufzutrennen und die Fäden aufzuwickeln. Und sie dreht mich immer schneller herum, bis mir schwindelt. Dabei spricht sie mit eintönigem Sing - Sang: "Ich löse, löse, was ich gebunden, was krank war, das soll gesunden, was zu eng war, werde weit, du bist nun bereit für ein neues Kleid. Verschlungener Knoten, löse dich, gib sie frei für ein neues Ich!" Ich drehe, drehe und drehe mich wie ein Kreisel, alles verschwimmt vor meinen Augen.

Ich höre nur noch die sich entfernenden Stimmen meiner Eltern, leise und doch ganz deutlich kann ich sie, mehr in meinem Kopf als mit den Ohren, wahrnehmen: "Verzeih uns, werde, wachse, sei ganz Du, fürchte dich nicht, es gibt keinen Tod, es gibt nur die Liebe. Lebe, liebe, liebe,.....liebe.....liebe!" Zuletzt ist ihre Stimme nur mehr ein undeutliches Flüstern.

Ich erwachte mit diesem leisen Flüstern im Ohr und konnte eine Zeitlang nicht genau sagen, wo ich nun war, noch auf meiner Traumwiese oder wieder in meinem Bett. Die Realitäten mischten sich noch einige Augenblicke lang, so als wären die Koordinaten von Zeit und Raum nicht genau festzulegen. Ich genoss dieses unbestimmte, schwebende Gefühl, und mir war, als könnte ich noch eine kurze Spanne lang hin - und herüberwechseln, je nach Lust und Laune. Ich konnte es in diesem kostbaren Augenblick genau fühlen. Etwas war abgefallen, irgend etwas Enges, Schweres, das am Abend noch da gewesen war, war jetzt weg. Kaum getraute ich mich zu bewegen, fürchtend, diesen Zauber zu zerstören. Es war ähnlich wie damals, bei meinem Ausflug auf den Berg.

Später, ich weiss nicht mehr wie lange ich so zwischen Traum und Wirklichkeit befangen gelegen hatte, stand ich auf. Das Gefühl der Leichtigkeit war immer noch da. Es sollte mich nie wieder ganz verlassen, auch in Momenten von Ungewissheit und Zweifel fühlte ich mich nie wieder so beschwert wie vor diesem herzbewegenden Traum. Meine Eltern, lebendig nun für mich in liebender Erinnerung, hatten mir geholfen, die alte Hülle abzustreifen. Nun konnte ich ein neues, passendes Kleid für mein Ich finden. Das musste ich nun aber selbst tun, sie hatten ihre Aufgabe erfüllt, sollten sie auf meiner Traumwiese glücklich sein!

Es war nun an der Zeit, auch wieder die Dinge des Alltags zu erledigen. Also nahm ich meine Tasche und überlegte, was einzukaufen wäre. Nicht weit von meiner Wohngegend war eine ganz passable Einkaufsstrasse, wo man alles Nötige finden konnte, ausserdem gab es auch einen lauten und quirlig, lebendigen Markt. Ich beschloss, zuerst das Nötige an Lebensmitteln dort einzukaufen und später, quasi als Belohnung, noch ein bisschen auf der Einkaufsstrasse zu bummeln. Das tat ich dann auch, trotz des etwas unfreundlichen Novemberwetters, mit ziemlichen Vergnügen. Trotzdem war ich nachdenklich. Meine Erlebnisse und besonders meine Träume waren doch sehr ungewöhnlich gewesen in letzter Zeit. So ging ich, versunken in meine Gedanken, von Auslage zu Auslage, ohne wirklich wahrzunehmen, was dort zu sehen war. Deshalb fiel mir erst nach einiger Zeit auf, dass ich vor der Auslage einer Buchhandlung stehengeblieben war. Ich war mir dessen sicher, dieses Geschäft war mir noch nie vorher aufgefallen, das hätte ich mir bestimmt gemerkt, oder doch nicht? In letzter Zeit konnte ich ja nichts mehr mit Bestimmtheit sagen!

"AVALON - Buchhandlung und Antiquariat" war auf dem Firmenschild zu lesen. Avalon, was war das nur, was mich so seltsam anrührte, als wehte ein Duft nach Äpfeln von meiner Traumwiese zu mir her? "Ach ja, das übliche esoterische Gelaber" schoss es mir kurz durch den Kopf, trotzdem wurde ich diesmal doch von den angebotenen Büchern angezogen. Da gab es Bücher für Lebenshilfe, in der Art von: "Selbstbehauptung im Alltag" oder "Die Kraft des positiven Denkens", Astrologische Ratgeber, Fantasyromane, Prophezeiungen verschiedener Medien usw. Ganz hinten, ziemlich unscheinbar und unpretentiös stand ein Band mit nur einem Wort als Titel: "Magie". Als Autor war nur eine Abkürzung angegeben: G.L.. Nicht wissend, warum eigentlich, wurde ich von diesem Titel "magisch" angezogen.

Ich betrat den Laden, ein zartes Glockenspiel ertönte beim Öffnen der Tür, es duftete betörend nach irgendeiner Räucherung, deren weissliche Rauchwolken einem feinzieselierten Messinggefäss entströmten und mich zusammen mit Harfenmusik!!! in eine wunderbar schwebende Stimmung versetzte. Mein anerzogener Realitätssinn meldete sich kurz noch einmal zu Wort und rief alarmiert: "Achtung, Kaufverführung!" Dann war es vorbei mit ihm. Er ging mit fliegenden Fahnen in Duft- und Klangwolken unter.

Niemand war im Raum, so konnte ich mich ohne Beeinflussung durch verkaufslüsternes Personal ganz dem Schmökern hingeben, zumindest kurzfristig, denn bald würde ja doch jemand auftauchen, um mich zu fragen, was ich denn gern hätte. So ging ich, verschiedene Titel aufschlagend, kurz hineinlesend, von Regal zu Regal, nicht wissend, dass ich bereits beobachtet wurde. Hinter dem Vorhang, der den Verkaufsraum vom Lager abtrennte, stand jemand, der bald daruf eintrat. "Guten Tag" sagte der Jemand, der, wie sich gleich herausstellte, ein stattlicher; schon weisshaariger Mann mit ebenfalls weissem Bart und mit Brille war. Ein gemütlicher Bauchansatz wölbte sich unter seinem Gürtel. Das alles stellte ich in einem Augenblick fest, als ich gleich darauf von seinen Augen in Bann gezogen wurde. Seine Augen, seine Augen, seine Augen..... sie waren mir so seltsam vertraut. Nie hätte ich die Augen des Harfenspielers je vergessen können, der mir bei meinem ersten Wiesentraum direkt ins Herz geblickt hatte!

Dieses setzte einen Augenblick lang aus, um gleich darauf einen Satz und noch einen holprigen Ruck zu machen. Was geschah hier, das konnte es doch nicht geben! Um mir meine Verwirrung nicht anmerken zu lassen, blickte ich nur ganz kurz noch einmal auf, um dann abgewendet zu sagen: "Ich suche das Buch mit dem Titel MAGIE, bitte". Stille. Dann eine warme, angenehme Stimme neben mir: "Sie sind die erste Kundschaft, die nach diesem Buch fragt. Ich habe es selbst geschrieben. Leider habe ich keine Verlag gefunden, der es gedruckt hätte. Es verspricht den Menschen nämlich keine Luftschlösser, im Gegenteil, es verlangt vor allem Selbsterkenntnis. So habe ich es im Eigenverlag herausgebracht. Ihre Meinung darüber als erste Leserin wäre mir sehr wichtig, deshalb werde ich ihnen eine Widmung hineinschreiben und es ihnen schenken". Wieder die Augen des Harfenspielers in den meinen. Wieder lässt dieser Blick mein Innerstes erbeben. - Er bemerkt bereits meine Verwirrung, oh Gott, was mach ich nur, ich bin doch kein junges, unerfahrenes Mädchen mehr, ich bin doch eine reife Frau, jetzt reiss dich doch zusammen, verdammt noch mal ! "Sie können es ruhig annehmen, das muss Ihnen nicht unangenehm sein", hilft er mir aus der Misere. "Meine einzige Bedingung ist, dass Sie es, nachdem Sie es gelesen haben, mit mir besprechen und dabei mit Ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten". Um der Situation zu entkommen, murmle ich undeutlich etwas von "werde ich bestimmt" und "danke sehr" und verlasse eiligst den Buchladen. Völlig verstört eile ich nach Hause. Fast wäre ich unter die Räder eines Autos gekommen, das gerade noch mit quietschenden Reifen knapp vor mir zum Stehen kommt. Ich hatte es nicht bemerkt. Der Fahrer flucht und zeigt mir den Vogel. Er ruft etwas von blinder Vogelscheuche oder so. Ich kann es ihm nicht verdenken.

An die Tage danach erinnere ich mich nur mehr undeutlich. Wie im Nebel, der damals, der Jahreszeit angemessen, die Grenzen zwischen Erde und Himmel verwischte, sind diese Tage in meiner Erinnerung undeutlich geworden. Wenn ich nicht arbeitete, versenkte ich mich in die Lektüre des neuen Buches. Ich empfand es wie das Betreten eines unbekannten, faszinierenden Landes, dessen Existenz mir irgendwo in meinem Inneren immer schon bekannt gewesen war und darauf gewartet hatte, zum richtigen Zeitpunkt von mir entdeckt zu werden. Der Weg zur Apfelbaumwiese war mir zu dieser Zeit verschlossen. Ich fürchtete sogar, ihn nie wieder zu finden. An ein Ereignis erinnere ich mich aber noch genau: Bei der Station der Strassenbahnlinie, die ich häufig benutzte, wenn ich in die Stadt fuhr, um mich ab und zu mit meiner Tochter zu treffen, gab es einen Kopierladen. Man konnte dort auch Schilder prägen lassen. Ich liess mir ein Namensschildchen mit meinem Familiennamen prägen: Fr. Waldstein.

Auf der Rückseite war eine Nadel angebracht, mit der man es an der Kleidung befestigen konnte. Damit steckte ich es an meinen weissen Anzug. Am nächsten Morgen betrat ich damit klopfenden Herzens meinen Arbeitsplatz. Natürlich musste es meinen Kolleginnen, die mit mir an diesem Morgen Dienst hatten, sofort auffallen.

"Du Anna, was hat das denn zu bedeuten? Willst du vielleicht was Besseres sein als wir hier? Da wirst du aber mit der Chefin Probleme bekommen. Die ist doch die Einzige, die hier mit dem Familiennamen angesprochen wird", redete mich meine jüngere Kollegin Lucie sofort daraufhin an. Die Chefin, das war die Fachärztin für Physikalische Medizin, welcher diese Ordination gehörte. Ich hatte bisher mit allen Mitarbeitern hier ein sehr gutes, kollegiales Verhältnis gehabt. Wir bildeten ein gut eingespieltes, aufeinander abgestimmtes Team. Das war auch notwendig bei dieser Menge an Patienten, die jeden Tag hier behandelt wurden. Deshalb war es mir auch wichtig, meinen Kollegen meine Motive verständlich zu machen. Sie sollten nicht glauben, dass ich mich von ihnen absetzen wollte. Natürlich war mir aber auch bewusst, dass ich mit dieser Aktion genau diesen Eindruck erwecken musste. "Schau, Lucie stell dir einmal vor, du littest unter einem bestimmten Zustand, und du fändest eine Möglichkeit, ihn zu ändern, würdest du es nicht tun, auch gegen so manche Widerstände?" fragte ich die Kollegin. "Ich leide nun einmal unter der Anrede mit dem Vornamen. Ich bin doch kein Oberkellner. Vielleicht stört es den ja auch, aber das muss er selbst für sich ändern, so wie ich es jetzt für mich mache. Und was die Chefin betrifft, so wird sie sich daran gewöhnen, mich als erwachsene freie Persönlichkeit mit meinem Familiennamen anzusprechen, wie sie es ja auch mit Leuten tut, die nicht bei ihr angestellt sind.", erklärte ich mein Verhalten. War ich am Beginn meiner Rede noch sehr aufgeregt gewesen, wurde ich jetzt mit jedem Wort ruhiger und gelassener. Obwohl ich doch meine weisse Arbeitskleidung trug, hatte ich immer wieder die verschwommene Vision von einem langen, fliessenden Kleid, das meine Figur umspielte. Dabei spürte ich mich wachsen, wenn ich auch natürlich real blieb wie ich war. Und wer hätte das gedacht, die "Chefin" akzeptierte ohne eine Bemerkung meine Entscheidung. Wenn Patienten mich "Frau Anna" riefen, machte ich sie freundlich, doch bestimmt, auf die von mir gewünschte Anrede aufmerksam. Keiner beklagte sich. Bald war es bei uns normal, alle Angestellten mit ihrem Familiennamen anzusprechen. Meine neue Persönlichkeit, mir selbst noch weitgehend unbekannt, wie eine Fremde, die man erst nach und nach kennenlernt, war allem Anschein nach wesentlich selbstbewusster als die alte. Das konnte ja noch aufregend werden, wenn ich mich von der Neuen vertrauensvoll führen lassen würde, ohne dabei zu sehr nachzudenken. Mein Leben begann allmählich spannend zu werden, wie es bisher nie gewesen war.

YUL

Weihnachten

Wochen um Wochen waren vergangen. Allmählich war es Winter geworden, ein paar Tage vor Weihnachten. Diese Jahreszeit ist in einer Grossstadt äusserst hektisch, keine Spur von der sogenannten "Stillsten Zeit des Jahres". Jeder Stadtbewohner weiss, wovon ich spreche. Es hatte bereits zwei Tage lang ohne Unterbrechung geschneit, was bedeutete, dass öffentliche Verkehrsmittel ihre Fahrpläne nicht einhalten konnten, Autofahrer eifersüchtig wie Liebhaber ihre eigenhändig freigeschaufelten Parkplätze bewachten, Kinder die weisse Pracht mit Rodelorgien begrüssten und mürrische Hausbesorger zu noch nächtlicher Stunde die Gehsteige säubern mussten. Die Einkaufszentren am Stadtrand waren Tollhäuser voll "Stille Nacht..." und "Oh Tannenbaum" Gedröhn rund um die Uhr. Die Folge davon waren superbe Verkehrsstaus, die jeden Abend in den TV - Nachrichten ausgiebig gefeiert wurden. Weihnachten konnte also kommen, der Boden war vorbereitet, hallelujah!

Die Patienten trugen die Hektik in unsere Ordination, da sie ihre Behandlungsserie alle noch vor den Feiertagen abschliessen wollten. Die älteren von ihnen waren aus verständlichen Gründen missmutig, weil sie durch die Witterung in ihrer Mobilität sehr behindert waren. Ausserdem zwickte das Rheuma an kalten, nassen Tagen besonders. Die Aussicht auf eine ganze arbeitsfreie Woche liess mich diese Zeit ohne nennenswerte nervliche Beschädigung überstehen.

Ich hatte ein grosses Bedürfnis nach Stille, am liebsten wäre ich ein paar Tage auf eine einsame Almhütte gefahren. Aber Almhütten pflegten um dies Jahreszeit selten einsam zu sein, sie waren zu Weihnachten meist überfüllt mit anderen Einsamkeitssuchern, die sich dann verzweifelt an ihren Glühweingläsern anklammerten und Hüttenzauber spielten. Mir schwebte allerdings ein anderer Zauber vor, der von stillen, verschneiten Wäldern und ruhigen aber interessanten Gesprächen am Kamin. Eine solche segensreiche Einrichtung hatte ich sogar zu Hause, da ich mir, Krone der Exklusivität, voriges Jahr einen dieser Birnenöfen aus Ton geleistet hatte, die man wie einen offenen Kamin benutzen kann. Die Gespräche waren da schon das grössere Problem. Wem hätte ich schon über meine merkwürdigen Erlebnisse der letzten Zeit erzählen können? Ich wusste niemanden. Mit einer Deutlichkeit wie nie zuvor fiel mir plötzlich meine Einsamkeit auf. Da waren Kolleginen und Kollegen, wir verstanden uns wirklich gut, doch nahe befreundet war ich mit keinem von ihnen. Da war meine Tochter Myriam, gerade in einer heissen Phase der Abnabelung begriffen, sie hielt mich auf Distanz. Da waren verschiedene Freundinnen aus Jugendtagen, bei keiner konnte ich mir vorstellen, ihr von meinen Träumen zu erzählen. Ausserdem waren von ihnen die Meisten Mittelpunkt einer mehr oder weniger zahlreichen Familie, also fielen sie für mich in der Weihnachtszeit sowieso aus. Was ich mir wünschte, war wirkliche, innere Verbundenheit, eine Vertrautheit, die keiner erklärenden Worte bedurfte. Ich würde also die Feiertage alleine verbringen, auch keine schlechte Aussicht, wenn man sich beizeiten innerlich darauf einstellte. Manchmal ertappte ich mich jetzt dabei, dass ich einen imaginären Dialog mit "meinem" Harfenspieler führte, dem vom Buchladen. Ich hatte sein Buch fertiggelesen und wünschte mir eigentlich, mit ihm darüber zu sprechen, da mich Einiges sehr berührt, Manches aufgewühlt und Vieles Fragen in mir aufgeworfen hatte. Da ich noch ein passendes Geschenk für Myriam aussuchen wollte - ich sollte sie vor dem Heiligen Abend noch treffen, da sie mit ihrem Freund über die Feiertage wegfahren würde -, hatte ich einen Vorwand, die Buchhandlung aufzusuchen. Heiliges Rhinozeros, warum brauchte ich denn noch immer einen Vorwand? Konnte ich nicht einfach hingehen und sagen: "Guten Tag, da bin ich wieder, gehen wir doch nach Geschäftsschluss etwas trinken und reden wir über ihr Buch!" Warum half es mir in dieser Angelegenheit nicht weiter, mich innerlich in die Frau von der Wiese zu verwandeln?

Ich betrat also die Buchhandlung, etwas aufgeregt zwar, aber mit dem festen Vorsatz, mir das nicht anmerken zu lassen. Eine Frau, etwa dreissig Jahre alt, dunkelhaarig und hübsch, war gerade damit beschäftigt, kleine Säckchen mit Räucherwerk auf einem der Tische anzuordnen. Nun war ich aus dem Konzept gebracht. Wo war mein Harfenspieler? Ja, natürlich, sicher war er verheiratet, und dies war seine Frau! Meine Stimmung sank ins Bodenlose. Gerade hatte ich noch die Kraft, einen Gedichtband mit wunderschönen Aquarellen als Illustrationen dazu für meine Tochter zu erstehen, dann verliess ich fluchtartig die Buchhandlung. Warum war ich eigentlich so enttäuscht? Was wollte ich denn von diesem Mann? Berechtigte mich denn die Tatsache, dass er dem Harfenspieler in meinen Träumen so ähnlich war, zu irgendeinem Anspruch an ihn? Bei einem Mann in seinem Alter musste man doch die Wahrscheinlichkeit einkalkulieren, dass er nicht alleinstehend war. Das waren natürlich alles rationale Überlegungen. Sie halfen mir in dieser Stimmung überhaupt nicht weiter. "Dumme, alte Kuh". schimpfte ich mich in einem Anfall von Selbsthass, den ich glaubte, längst überwunden zu haben, verguckst dich in einen Mann wegen seiner Augen und glaubst, der hätte nur auf dich gewartet. Das kam von Träumen und Ahnungen und solchem Unsinn, ich würde wieder realistisch sein, das nahm ich mir vor. Doch etwas in meinem Inneren wusste, dass ich den einmal eingeschlagenen Weg nicht mehr verlassen würde, es war der einzig Richtige für mich, Einsamkeit und Enttäuschungen würden mich nicht davon abbringen können, sonst würde ich mich selbst verlieren.

In dieser Nacht träumte ich wieder von meiner Apfelbaumwiese.

Wieder trug ich dieses fliessende. glänzende Gewand. Wieder lag dieser seltsam diffuse, helle Nebel über der Landschaft. Ich ging langsam auf einen kleinen, klaren Teich zu, der mir bei meinen bisherigen Besuchen nie aufgefallen war. Schilf und Binsen bestanden sein Ufer, Seerosen blühten auf seiner Oberfläche, die glatt unter diesem seltsamen Himmel dalag wie ein metallener Spiegel. Tiefe Stille lag über der ganzen Szene. Ich verspürte plötzlich Lust, in diesem Teich zu baden, deshalb streifte ich mein Kleid über den Kopf und stieg nackt in das kalte, kristallklare Wasser. Die Kälte nahm mir fast den Atem, als ich bis über den Kopf darin eintauchte. Trotzdem, es war einfach köstlich, in dieses Wasser zu tauchen! Immer hatte ich bisher kaltes, klares Wasser zum Schwimmen bevorzugt, doch dieses hier war einfach der Inbegriff von Wasser, ja die Essenz dieses Elementes selbst. Ich fühlte, wie alles Unklare, Unechte von mir weggespült wurde. Wie ein neugeborenes Kind stieg ich wieder aus dem herrlichen Nass, um mich an der linden, milden Luft zu trocknen.

Die Gestalt war vorher nicht dagewesen. Jetzt stand sie in einem dunkelblauen, langen Kleid am Ufer, als wäre sie daraus hervorgewachsen. Sie war klein, dunkelhaarig, von zarter Gestalt, und sie hielt etwas in ihrer Hand, es war einer dieser köstlichen Äpfel, die hier wuchsen. An ihrem Gürtel hing ein kleines, sichelförmiges Messer. Damit schnitt sie den Apfel jetzt waagrecht durch und hielt ihn mir mit der Schnittfläche entgegen, so dass das Kerngehäuse sichtbar war. Die Kerne bildeten einen fünfzackigen Stern. Stumm und mit bedeutsamer Miene zeigte sie mit dem Zeigefinger der anderen Hand auf dieses Muster, als wollte sie mir etwas mitteilen, das sich mit Worten so nicht sagen liesse. Dabei fiel mir erst jetzt auf, dass ich sie schon einmal gesehen hatte. Aber natürlich, das war die Frau aus dem Buchladen! Was wollte ausgerechnet sie von mir? Jetzt kam sie zu mir her, sah mir mit einem warmen, zärtlichen Ausdruck in die Augen und legte mir den halben, aufgeschnittenen Apfel in die Hände. Eine Welle der Zuneigung erfasste mich, und ich umarmte sie lange und liebevoll. Mit diesem Gefühl erwachte ich, verwirrt und doch seltsam ruhig und ausgeglichen.

Langsam begann ich mich bereits mit dieser Vermischung der Realitäten abzufinden, obwohl ich mir diesmal absolut keinen Reim auf die Bedeutung dieses Traumes machen konnte. Interessant war für mich das plötzliche Gefühl der Zuneigung zu dieser Frau, wo sie doch gleichsam meine Fast - Nebenbuhlerin war. Seltsamerweise war das Gefühl eifersüchtiger Enttäuschung jetzt aber verschwunden.

Es blieb mir keine Zeit, lange meinen Gedanken nachzuhängen, da mein Telefon fordernd klingelte. Meine Tochter war am anderen Ende der Leitung. Sie klang sehr zerknirscht und kläglich, als sie sich meldete. "Myriam, was ist los?" fragte ich. "Mama, kann ich zu dir kommen, mir geht's nicht gut!" Glücklicherweise war gerade heute mein erster freier Tag. Ich freute mich, dass sie zu mir kam, sie war schon eine Ewigkeit nicht bei mir gewesen. Darüber vergass ich fast, was der Anlass dafür war, nämlich dass es ihr schlecht ging.

Als sie dann kam, war sie ein Häufchen Elend, und ich fühlte mich wieder in die Zeit der aufgeschlagenen Knie und der beschädigten Spielsachen zurückversetzt. Ich umarmte sie, strich ihr über das Haar wie früher, als ein kleines Mädchen gewesen war und nahm ihr Mantel und Mütze ab. "Setz dich erst einmal nieder und wärm dich auf, ich mach uns einstweilen einen heissen Kräutertee, oder trinkst du noch so gerne heisse Schokolade wie früher? Ja? Also Schokolade". Sie hatte sich inzwischen ein wenig gefasst. "Mama, stell dir vor, der Sascha betrügt mich mit einer Kollegin! So ein Schuft! Dabei wollten wir doch morgen wegfahren, aber jetzt ist alles aus!" Sie brach in Tränen aus. Als der erste Tränenschub vorbei war, erzählte sie mir, schon etwas ruhiger jetzt, von der ganzen Misere. Es stellte sich heraus, dass Sascha, die ganz grosse Liebe, offenbar ein Problem mit dem Zulassen von Nähe hatte und diesem durch Beziehungen zu mehreren Frauen aus dem Weg zu gehen trachtete. Bei Männern zeigt sich diese Form der Pseudolösung relativ häufig, auch mein Exmann war dafür ein Beispiel gewesen, ein für mich sehr Schmerzhaftes.

Ach, Myriam, mein Kleines, musst du die gleichen Spielchen wie deine Eltern durchspielen, war unser Vorbild so prägend? Aber natürlich war es das, doch diese Einsicht nützt ihr ja jetzt gar nichts, also behalte ich sie für mich.

"Mama, es tut so weh, was soll ich denn tun!" "Das kann ich dir leider nicht sagen, und das weisst du ja auch. Ich kann dir nur sagen, was ich vermutlich tun würde, aber eben jetzt, zu genau diesem Zeitpunkt meines Lebens. Für mich ist Treue ganz wichtig, ja sie ist Ausdruck der Liebe. Und zwar nicht nur geistig - seelisch, wie manche Männer uns weismachen wollen, sondern eben auch körperlich. In meinem Gefühlsleben kann ich das nicht trennen, ich will es auch gar nicht versuchen. Deshalb würde ich ihn vor die Wahl stellen: Ich - dann aber nur ich alleine, oder Trennung, auch wenn es noch so weh tun sollte. Lieber ein Ende mit Schrecken, als Schrecken ohne Ende! Aber, vergiss nicht, so würde ich mich entscheiden. Vielleicht hast du dazu eine andere Meinung. "Mama, ich liebe ihn doch so!" "Ja, ich weiss, aber kannst du diese Situation aushalten, und willst du das auch? Denn eines ist klar, er wird es immer wieder tun, glaub mir!" Dann erzähle ich ihr von meinen Problemen während der Ehe mit ihrem Vater, und ich bin dabei so ehrlich, wie es mir nur möglich ist, auch, wenn ich dabei nicht immer gut wegkomme. Dabei merke ich, wie sich auch für mich einiges dabei klärt. Gespannt und bewegt hört mir meine Tochter zu. Sie war ja zu jeder Zeit ihres Lebens involviert gewesen in unsere turbulente Ehe. Ich bekomme allmählich den Eindruck, dass wir gar nicht mehr ihre oder meine Beziehung besprechen, sondern dass das wirkliche Thema die zwischen uns beiden ist.

Es ist darüber dunkel geworden. In der Intimität dieser Dunkelheit schwindet mit jeder Minute ein Stückchen Distanz zwischen uns. Das spüren wir beide. Ich fürchte mich, das Licht anzudrehen. Die Situation erinnert mich ein wenig an Kino, wenn alle weinen, und dann wird es hell, und keiner traut sich aufzublicken vor Befangenheit. Also bleiben wir in der Dunkelheit sitzen und hängen unseren Gedanken nach. Plötzlich sagt Myriam unvermittelt. "Mama, hast du eigentlich einen Geliebten?" Wie vom Donner gerührt, fahre ich zusammen; warum eigentlich?.....Pause.....Schweigen..... "Hast du? Du kannst es mir ruhig sagen". "Nein, Myriam, ich habe nicht. Nicht weil ich nicht will. Ich kann nur momentan nicht. Seit der Scheidung von deinem Vater vor zwei Jahren, konnte ich mich nicht mehr für eine neue Liebe öffnen. Da waren Zweifel an meiner weiblichen Attraktivität, Angst, den Ansprüchen eines Mannes nicht zu genügen. Sie sind wohl nicht erst während der Ehe entstanden, nein, sie waren wahrscheinlich immer schon da und haben dadurch auch meine Partnerwahl beeinflusst". "Mama, du hast dich so verändert. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit dir so reden könnte. Oder habe ich mich so verändert, dass ich dich jetzt ganz anders sehe?" Weder noch, Myriam, wir haben uns beide weiterentwickelt und werden das auch weiterhin tun, das macht das Leben aus. Diesen Gedanken behalte ich für mich, er hört sich zu sehr nach seichter Plattitüde an.

Als wir uns an diesem Spätnachmittag trennten, wussten wir beide, dass die Zeit der Entfremdung vorbei war. Es würde nie wieder so werden wie früher, als sie mein kleines Mädchen gewesen war, das sollte auch nicht sein. Aber wir würden eine neue Form der Zuneigung finden, die unserem erwachsenen Frausein entspräche. Was konnte es Besseres geben?

Seltsam waren diese Weihnachtsfeiertage! Das Gespräch mit Myriam hatte irgendwelche Barrieren in mir eingerissen. Ich konnte direkt körperlich fühlen, wie sich Schale um Schale wie bei einer Zwiebel lösten und immer zartere, empfindlichere Schichten meiner Persönlichkeit zutage traten. Ängstlich fragte ich mich, ob ich mich wohl auflösen würde, wenn die letzte Schale sich gelöst hätte. Was bliebe von mir dann über? Dinge und Begebenheiten, die ich sonst nie ganz an mich herangelassen hatte, weil ich nicht wusste, wie nahe sie mir dann kommen würden, wühlten nun mein Innerstes auf wie nie vorher. Ich fühlte Mitleid mit Pennern auf der Strasse, was diese wohl auch spürten, denn ich wurde angebettelt wie nie zuvor, meistens erfolgreich.

Einmal ging ich des Nachts in den Park vor meinem Haus und deckte einen von ihnen mit einer Wolldecke zu, damit er nicht erfröre, wohl wissend, dass ich ihm damit nicht wirklich helfen konnte. Heiterkeit und Tränen wechselten in schneller Folge, es war ein Wechselbad der Gefühle. Ich fühlte mich lebendig wie nie.

Oft musste ich an den Traum mit dem aufgeschnittenen Apfel denken, doch ich kam nicht hinter seine Bedeutung. Eines Tages, auf meinem Heimweg von der Arbeit, sah ich ein Plakat an der Wand der Autobushaltestelle. Es fiel mir sofort auf, denn ein fünfzackiger Stern, ein Pentagramm oder Drudenfuss war drauf zu sehen und erinnerte mich an das Muster des Kerngehäuses in meinem Traum. Darunter war zu lesen: DIANA, DEMETER, HEKATE - die andere Hälfte des Himmels oder GOTTES WEIBLICHE SEITE. Vortrag von Mag. Sowieso. Ort: Buchhandlung AVALON, dann die Adresse usw. "Gott", diesem Thema war ich mein ganzes Leben mehr oder weniger erfolgreich ausgewichen. Vom Elternhaus atheistisch erzogen, hatte das Numinose immer schon eine, gewissermassen verbotene Anziehung auf mich ausgeübt, doch zum allgemein verbreiteten Gottesbild hatte ich nie Zugang gefunden, ohne genau sagen zu können, warum. Jetzt wusste ich plötzlich in einem Aufblitzen der Erkenntnis, dass ich mich als Frau in diesem, wie für Männer erfundenen Gott nie spiegeln hatte können. Niemals hatte mein Inneres geantwortet auf einen Ruf von ihm, sollte jemals einer an mich ergangen sein. Würden meine Erkenntnisse mich jetzt wohl immer in oder bei öffentlichen Verkehrsmitteln ereilen? Ich beschloss jedenfalls, diesen Vortrag auf keinen Fall zu versäumen.

Am Abend des Vortrages richtete ich mein Äusseres mit besonderer Sorgfalt her. Ich behandelte mein Haar sogar wieder einmal mit rotem Henna, weil, wie ich festgestellt hatte, der Haaransatz schon in meiner dunkelblonden Naturfarbe nachgewachsen war. Einige graue Häärchen waren auch schon darunter. Noch ein letzter, prüfender Blick in den Spiegel: nun, eigentlich sah ich gar nicht so übel aus, ich gefiel mir heute sogar recht gut. "Anna," meldete sich die Stimme meiner allgegenwärtigen inneren Zwillingsschwester mit gewohnter Geringschätzung: "wem willst du denn heute gefallen, etwa dem Bärtigen aus der Buchhandlung? Gib's auf, du hast doch keine Chance. Dein Harfenspieler ist schon vergeben und zwar an eine Hübschere und Jüngere als du bist!" "Halt den Mund!" schrie ich unhörbar der Feindin in mir zu, "na, wenn schon, ich will mir selbst gefallen und mich schön finden; und ich will auch von anderen schön gefunden werden, auch wenn ich nicht perfekt bin!" Es wirkte. Sie war still und meldete sich für den heutigen Tag nicht mehr. Das war immerhin schon etwas, oder?

Der kleine Saal hinter dem Ladenraum füllte sich immer mehr mit Zuhörern. Kein mir bekanntes Gesicht war darunter. Gleich würde die Vortragende heraustreten und zu sprechen beginnen. Die Leute unterhielten sich leise murmelnd, bereit ihre Gespräche einzustellen, wenn der Vortrag begann. Ich war aufgeregt und hoffte immer noch, den Bärtigen doch noch zu sehen. Doch er kam nicht. Wer kam, war die Frau aus meinen Traum. Sie war es, da bestand kein Zweifel. Sie blickte mich an, und Erkennen leuchtete in ihrem Blick auf. Gleich darauf glaubte ich, leichte Verwirrung an ihrer Miene ablesen zu können. Sie wusste wohl nicht mehr, woher sie mich kannte, ich war nur einmal ganz kurz mit ihr im Gespräch gewesen, damals, in der Buchhandlung . Sie kam auf mich zu: "Es freut mich sehr, dass Sie heute gekommen sind." sagte sie wie zu einer alten Bekannten zu mir. Dabei blickte sie mir lächelnd in die Augen. "Sie werden sehen, dieser Vortrag wird sehr interessant für Sie sein", und sie sah mich mit den Augen der Frau vom Teichufer an. Verwirrt fragte ich sie: "Verwechseln Sie mich mit jemandem? Wir beide kennen uns doch nur vom Sehen". Ihr Lachen war glockenhell, und ich hatte den Eindruck, man müsse es im ganzen Saal hören. Das schien sie aber nicht im geringsten zu stören, nein, es gefiel ihr allem Anschein nach sogar. Sie war sich ihrer selbst offensichtlich so sicher, das sie geradezu davon erstrahlte. Dabei war sie, wie ich nun feststellen konnte, da ich sie ganz nahe sah, genauso wenig perfekt, wie ich selbst.

Mein Erstaunen darüber versuchte ich zu verbergen, es gelang mir nicht ganz, glaube ich. Sie setzte sich neben mich. "Sie sind heute nicht mit ihrem Mann hier?" getraute ich mich zu fragen und fand mich dabei sehr mutig. Sie sah mich mit schelmischer Belustigung an. "Aber ja, mein Mann ist auch da, kennen Sie ihn denn?" Und sie zeigte auf einen mir unbekannten, blonden, jüngeren Mann in einer der vorderen Reihen. "Jetzt müssen Sie mich aber kurz entschuldigen, als Besitzerin dieses Ladens muss ich die Vortragende begrüssen".

Der Vortrag selbst war so interessant, wie ich es erwartet hatte. Die Anthropologin referierte über die Entwicklung eines weiblichen Gottesbildes vom Paläolithikum bis zum Griechischen Altertum, über die Religion der Magna Mater, die Gebärerin und Todesbringerin in einer Person gewesen war und deren spätere Aufspaltung in viele verschiedene Göttinnen. Sie sprach von den grossen Megalithkulturen, die, besonders in Küstenregionen, überall mit dieser Religion im Zusammenhang aufgetreten war. Doch immer wieder schweiften meine Gedanken vom Thema ab, um sich mit der umwerfenden Erkenntnis zu beschäftigen, dass meine neue Bekannte nicht mit "meinem" Harfenspieler liiert war.

Nach dem Ende des Vortrages wartete ich noch, bis alle Gäste gegangen waren. Die Ladenbesitzerin lud mich ein, noch ein wenig mit ihr zu plaudern. "Wollen wir uns noch ein bisschen zusammensetzen? Ich habe drüben eine Flasche Wein, was sagen Sie dazu?" "Und Ihr Mann, schicken Sie ihn alleine nach Hause?" "Ach wir wohnen hier gleich um die Ecke, das ist kein Problem, machen Sie sich keine Gedanken!"

Wir setzten uns in eine gemütliche, kleine Sitzecke im hinteren Teil des Geschäftes, und sie schenkte mir Rotwein ein. Dann zündete sie ein paar Kerzen an. "Ich heisse Margot," stellte sie sich vor. "Ich heisse Anna", sagte ich. "Ich habe von Ihnen geträumt, wissen Sie?" Sie sah mich lange, mit forschendem Blick an. "Sie standen am Ufer eines Teiches auf einer Apfelbaumwiese, von der ich immer wieder träume. Sie hatten ein blaues, langes Kleid an und zeigten mir einen aufgeschnittenen Apfel." Die Dämme meiner Zurückhaltung brachen, und ich erzählte ihr alle meine eigenartigen Erlebnisse seit diesem denkwürdigen Tag, an dem dies Alles begonnen hatte. Und diesmal hatte ich nicht im geringsten Angst, nicht verstanden zu werden. Ich wusste ganz sicher, dass sie, wie kein anderer Mensch sonst, nachvollziehen konnte, was ich ihr da erzählte. Als ich geendet hatte, war es weit nach Mitternacht. Die Fluten hatten sich, nachdem sie die Dämme meiner Zurückhaltung durchbrochen und sich in meiner Erzählung kanalisiert hatten, endlich verlaufen, und Stille trat ein. Es war nicht die Stille, in welcher man krampfhaft überlegt, worüber man sich denn nun weiter unterhalten soll, und die mit zunehmender Dauer immer lastender wird. Nein es war eine Stille, in der das Gesagte noch in Gedanken weiterschwang. Es breitete sich wie Wellenkreise im Raum aus. Die Weinflasche war fast leer, die Kerzen herabgebrannt. "Wissen Sie, was Sie da geträumt haben", fragte sie mit bewegter Anteilnahme in der Stimme, "Sie waren im Traum auf der Sommerinsel, in der Sage Avalon genannt. Es ist das Reich der Feen, die keltische Anderswelt. Haben Sie sich je mit dem Gralsmythos und den Artus - Erzählungen befasst?" Etwas beschämt ob meiner Unbildung dieses Thema betreffend, verneinte ich. Sie stand auf und gab mir ein Buch. "Das borge ich Ihnen, Sie werden in ihm all das finden, was Sie geträumt haben und noch sehr viel anderes Interessantes. Sie sollten sich auch Gedanken über unser eigenartiges Zusammentreffen machen, hier in der Buchhandlung Avalon und dort auf der Insel Avalon, auf Ynis Vytrin, der Glasinsel. Anscheinend haben wir beide eine starke innere Verbindung zu diesem Mythos. Oft treffen auch Menschen wieder aufeinander, die einander aus einem oder mehreren Leben kennen, um wieder gemeinsam an etwas zu arbeiten. Eines scheint mir jedenfalls ziemlich sicher, für Sie ist es die Heimat Ihrer Seele, wo Sie Heilung finden, und woher Ihnen Ihre Kraft zuwächst". Ich sah sie entgeistert an. "Glauben Sie denn an Wiedergeburt?" "Ich w e i s s, dass wir immer wiedergeboren werden. Aber darüber werden wir uns sicher ein Andermal ausführlich unterhalten". Es war nun wirklich Zeit zum Aufbruch.

Ich wollte nicht mehr zu Fuss nach Hause gehen, und eine Strassenbahn fuhr zu dieser späten Stunde nicht mehr, also rief Margot mir ein Taxi. Lächelnd verabschiedete sie sich von mir "Bis bald" und "Blessed be!" Ich verzichtete darauf, sie zu fragen, was das bedeuten sollte. Noch mehr Rätselhaftes glaubte ich an diesem Tag nicht mehr verkraften zu können. Das Taxi kam, als ich schon wartend auf der Strasse stand. Ich setzte mich auf den Rücksitz, der Fahrer drehte sich um und fragte mit einem leicht belustigten Unterton in der Stimme nach meinem Fahrziel. Es war der Harfenspieler.....!

Als wir bei meiner Wohnung angelangt waren und ich den Fahrpreis bezahlt hatte, sagte er mit einer Sicherheit, die in diesem, einem Augenblick meine ganze Zukunft umfasste "Wir werden uns von jetzt an oft wiedersehen". Dabei nahm er meine beiden Hände und hielt sie in den Seinen; sie waren warm und fest, und die Meinen wollten diese neue Behausung nicht gerne verlassen. Seit diesem Moment sollten sie sich Tag und Nacht nach ihr sehnen. In mir waren Gewissheit auf der einen Seite, Unsicherheit und Unruhe auf der anderen Seite gleich verteilt wie auf einer Waage, die sich in labilem Gleichgewicht befindet. Beim kleinsten Anstoss schwankten die Waagschalen wild zwischen oben und unten hin und her.

Es war aber auch eine Zeit des Lesens und Lernens. Mit inbrünstiger Begierde las ich alles, was ich über das Thema Avalon, den Sagenkreis um Artus, die Alte Religion, Mythologie, Reinkarnationstheorien und all diese Dinge finden konnte. Ich begann regelmässig zu meditieren, magische Übungen beendeten meine Tag. Pyramiden standen an allen möglichen Plätzen, weil ich über ihre besonderen Energien gelesen hatte. Ich verteilte Kristalle an allen neuralgischen Punkten der Wohnung. In dieser Zeit musste ich einfach alles erproben, was ich irgendwo aufgeschnappt hatte. Und das war Vieles, denn ich war wie ein Schwamm, ich sog alles in mich auf. Etwas trieb mich zu suchen, wonach genau, wusste ich nicht. Aber ich war dem Geheimnis, welchem auch immer, auf der Fährte, und ich kam ihm näher.... Wie leicht hätte ich mich damals in esoterische Betriebsamkeit verirren können! Doch diesen Vorteil hatte meine kritische Anlage: sie liess mich die Spreu vom Weizen sondern, ich überprüfte jede mir neue Sache sehr genau. Letztlich war aber diese starke, neu erwachte Verbindung mit meinem inneren Selbst ausschlaggebend dafür, dass ich sehr bald wusste, was für mich das Richtige war. Ich fühlte mich zum Alten Weg des europäischen Westens hingezogen. Das hatten mir ja letztlich auch meine Träume gezeigt. Doch mein Verstand musste noch eine Zeitlang seine eigenen Wege gehen, bis ihn die Intuition an der Hand nahm, wie eine geduldige Mutter, die ein Kind liebevoll bei seinen kleinen und grösseren Ausflügen beobachtet und nur eingreift, wenn es notwendig ist. Meine Überspanntheiten fielen von mir ab, von einem Tag auf den anderen. Ich war bereit. Wie ein Same, der, wenn es Frühling wird, darauf wartet, Wasser aufzunehmen und sein Wesen zu entfalten, harrte ich auf etwas, auf die Initialzündung gleichsam, um in mein neues Medium hineinzuwachsen.

Das alles hatte sich in der unglaublich kurzen Zeit von nur drei Wochen vollzogen, wie in einem Zeitraffer, stellte ich mit ungläubigem Staunen fest. Es war mittlerweile die dritte Jännerwoche, ich hatte gar nicht bemerkt, dass die Weihnachtsdekoration von den Strassen verschwunden war und in den Auslagen der Fasching mit all seinen anscheinend unvermeidlichen Versatzstücken ausgebrochen war.

EINSCHUB: So mancher meiner Leser wird sich mit Recht fragen, warum ich mich in meiner Erzählung so ausschliesslich auf mich selbst beziehe, warum ich nicht über die evidenten sozialen, wirtschaftlichen oder Umweltprobleme schreibe, die doch für alle Menschen relevant, auf ihre Lösung warten. Denen, die so fragen, muss ich natürlich Recht geben, jedoch über diese Probleme haben schon Andere und werden noch Andere wesentlich kompetenter als ich schreiben. Ich bin mir dieser Dinge so bewusst wie nur Irgendeiner. Doch Eines kann ich mit Gewissheit sagen: Wir haben die Probleme, die wir aufgrund unseres geistigen Entwicklungsstandes auf uns ziehen.

Deshalb halte ich es für wichtig, unsere innere Entwicklung voranzutreiben, dann werden sich auch äussere Bedingungen ändern. Dann das Innere erschafft das Aussen, der Geist kreiert die Materie, nichts weiss ich so gewiss wie diese Tatsache, deshalb gestatte ich mir in dieser Erzählung, mich auf das für mich wesentliche zu beschränken.

Der Winter nahm den Verlauf, den er auch in den Jahren vorher immer genommen hatte. Schneefall wechselte mit Tauwetter und dieses mit Glatteis ab, ein unerschöpfliches Thema für small talk und Gesprächsanbahnung, der Tenor dabei natürlich, dass dies alles ganz fürchterlich war. Doch wer nahm die Zunahme der Tageshelligkeit wahr, bemerkte das Steigen der Säfte in den Bäumen, das zu dieser Zeit gerade begonnen hatte oder fühlte die Bereitschaft der im Boden wartenden Samen, zu keimen und zu spriessen? Wie nie zuvor schmerzte mich der freudlose Ausdruck in vielen Gesichtern, welch ein Kontrast zur forcierten Lustigkeit des Faschings! Immer mehr wurde ich gewahr, dass die Stadt mit ihren speziellen Lebensbedingungen zwar scheinbar vor Lebendigkeit pulsierte, die einfachen Tatsachen des Lebens aber vor uns verbarg. Leise zwar, doch mit zunehmender Dringlichkeit wuchs in mir der Wunsch nach mehr selbstverständlichem Kontakt mit der Natur. Immer öfter fuhr ich mit der Strassenbahn in den Wienerwald hinaus und unternahm lange Spaziergänge. Dabei fiel mir auf, dass viele Bäume keinen Namen für mich hatten. Kräuter und Blumen gab es zu dieser Jahreszeit ja nicht. Ich besorgte mir einen Baumführer und aus anonymen Gehölzen wurden gute Bekannte, die man herzlich begrüsst, wenn man sie trifft. Ich beobachtete die Vögel bei ihrer Futtersuche, manchmal begegnete mir auch ein Reh oder ein Hase bei meinen stillen Wanderungen.

Als ich eines Abends von einer dieser Wanderungen heimkam, fand ich im Postkasten einen Brief mit dem Absender: Buchhandlung Avalon. Ach ja, ich hatte das Buch noch nicht zurückgegeben, das Margot mir geborgt hatte, peinlich, dass ich mich mahnen lassen musste. Schuldbewusst öffnete ich den Brief. Es war eine Einladung. "Liebe Anna," stand da "am kommenden Mittwoch ist Vollmond. Möchten Sie an unserem Vollmondfest teilnehmen? Wir treffen uns um 19 Uhr in der Buchhandlung. Bitte ziehen Sie sich sehr warm an, es findet nämlich im Freien statt. Wir würden uns sehr freuen über Ihre Teilnahme. Unterschrift: Der Yniis Vytrin Coven." Was war denn das schon wieder, ein Coven? Diese Buchhandlung barg jedes Mal Überraschungen für mich! Aber ich würde teilnehmen, das stand fest. Manchmal, so auch diesmal, meldete sich noch die altvertraute, kritische Stimme zu Wort, die mich lange Zeit von vielen lebensvollen Erfahrungen abgehalten hatte, indem sie mich mit der sogenannten Realität konfrontierte. Ich hatte bereits gelernt, sie in ihre Schranken zu weisen, doch ganz vertreiben wollte ich sie nicht. Oftmals war sie auch ganz nützlich. "Musst auf deine alten Tage noch den Mond anheulen, dummes Ding! Machst wohl jetzt auf übersinnlich, da sich mit sinnlich nichts abspielt, was? Hast du denn keine anderen Probleme? Engagiere dich lieber politisch oder lerne Sprachen!" Irgendwie klang die Stimme ähnlich wie die meiner Mutter, aber es war doch unverwechselbar meine eigene. "Du bist auf diesem Gebiet nicht kompetent, also halt den Mund," entgegnete ich barsch, jedoch leicht verunsichert. Da hakte sie sofort nach, sie hatte an Terrain gewonnen. "Für deinen bärtigen, harfenspielenden Taxifahrer bist du wahrscheinlich ohnehin nur so eine unbefriedigte, mittelalterliche Tussi, die ihre sexuelle Frustration esoterisch aufputzt. Da solltest du doch darüberstehen!" Jetzt war es aber genug, sie musste lernen, wer der Herr, nein, die Frau im Haus war! Wütend schmiss ich eine Tasse, die ich gerade vom Bord genommen hatte, um mir Tee einzuschenken, auf den Boden, wo sie klirrend zersprang. "Raus aus mir, du bösartige Megäre, und lass dich nie wieder hören! Komm erst wieder, wenn du mir wirklich helfen willst, sonst brauch ich dich nicht! Und dass du's nur weisst, und wenn du zerspringst, du eifersüchtige Fuchtel, ich geh' dorthin, und wenn ich tausendmal eine unbefriedigte, alte Tussi bin!" Weg war sie, und weg blieb sie, wenigstens für längere Zeit.

In der Buchhandlung waren schon einige Personen versammelt, als ich eintrat. Ich versuchte, mir meine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen und ging lächelnd auf Margot zu. Diese stellte mich gleich den Anwesenden vor. "Das ist Anna, eine Bewohnerin von Avalon. Sie ist von Merlin zu uns geführt worden." Anscheinend hatte sie den Anderen schon vorher über mich erzählt, denn sie wirkten über diese Worte gar nicht erstaunt. Ich war es schon. Warm und freundlich wurde ich von allen aufgenommen.

"Bitte, wer ist Merlin?" Ich wusste natürlich, wer oder was Merlin war, da ich mit dem Thema ja intensiv beschäftigt hatte. Aber, er hatte mich doch nicht hergeführt, er war eine Figur der Artuslegende, und ich war doch von selbst gekommen, damals, als ich die Buchhandlung entdeckt hatte!"

"Das kannst du natürlich nicht wissen, aber wir haben hier im Coven besondere Namen, und Georg, der dir im Traum als Merlin erschienen ist, heisst mit seinem Covennamen wirklich so." Ganz selbstverständlich sprach sie mich ab nun mit dem vertraulichen "Du" an. "Und er hat dich auch hergebracht, denn er hat mit seinem magischen Blick dein Herz und dein inneres Sehen geöffnet." Das klang absolut märchenhaft und unglaublich, doch was war mein Leben seit diesem ersten Traum anderes gewesen als ein gelebtes Märchen? Mittlerweile hatte sich mein Begriff der Realität so gewandelt, dass es mich auch nicht sonderlich gewundert hätte, wären plötzlich irgendwo Zwerge oder Elfen aufgetaucht. Die tauchten nicht auf, dafür aber kam Georg, und das war für mich Märchen genug. Wenn Sie einmal im Kino so eine Szene gesehen haben, wo er und sie in Superzeitlupe aufeinander zuschweben, dann wissen Sie, was ich meine. Von da ab spielte sich der ganze Abend für mich in dieser Stimmung ab. Kein Wort über unsere Gefühle fiel, keine zärtliche Berührung fand statt, doch unsere Nähe hätte nicht grösser sein können, als sie es bereits war. Wir stiegen alle in Autos ein und fuhren entlang der Strassenbahnlinie an den westlichen Stadtrand. Da war es nur mehr ein weiteres, fast unbedeutendes, trotzdem aber verwirrendes Faktum, dass wir genau auf den Berg fuhren, auf den mich mein Ausflug zu Allerheiligen auch geführt hatte. Wir gingen genau zu jenem Platz, auf dem ich auch damals einen besonderen Zauber gespürt hatte. Jetzt wusste ich, warum.

Margot wandte sich an mich: "Anna, bitte verlange jetzt keine Erklärungen für das, was du hier miterleben wirst. Wir müssen uns jetzt auf das Ritual konzentrieren, dabei ist es wichtig, den Verstand, den grossen Zensor, na, sagen wir, ein bisschen zum Schweigen zu bringen. Erklärungen sind aber Verstandesarbeit, verstehst du? Lass dich einfach, soweit es dir möglich ist, auf alles hier ein und blockier dich nicht durch Nachdenken über einzelne Sequenzen. Später können wir über alles sprechen. Ich glaube aber, dass das bei dir nicht mehr so sehr notwendig sein wird." Damit liess sie mich stehen, um in ihrer grossen Tasche zu kramen, während einige Andere Feuerholz aus dem Wald holten und es zu einem Stoss aufschichteten. Ich hatte mich schon gefragt, welche geheimnisvollen Sachen sie darinnen wohl verborgen haben könnte. Es erschienen, im hellen Licht des Vollmondes deutlich zu erkennen: ein in allen Farben irisierendes Seidentuch, ein wunderschön ziselierter Silberkelch, eine runde Scheibe aus einer Art Stein mit einem eingeritzten Pentagramm, ein geschnitzter Stab mit einem roten Kristall an seiner Spitze, ein Dolch in einer verzierten Lederscheide und zuletzt ein silberner Kopfschmuck, den sie gleich aufsetzte, aus lauter Silberdrähten fein verflochten, mit einem hellen, im Mondlicht schimmernden Stein und einem ebensolchen Schwarzen, ihm gegenüber angebracht. Nun würde die Wundertasche wohl leer sein? Nein, sie war es nicht, jedenfalls noch nicht zur Gänze. Es folgten noch eine flache Handtrommel, eine kleine Holzflöte, ein durchbrochener Kelch (wozu?), eine Staniolpapierrolle, eine Dose, eine Flasche mit Rotwein, so sah es jedenfalls aus und ein besenartiges Kräuterbüschel.

Mich erinnerte das Ganze an eine Szene des Filmes "MARY POPPINS", in welcher diese wahre Unwahrscheinlichkeiten aus ihrer Reisetasche zaubert; und wie in einem Märchenfilm kam ich mir auch vor. Aber das habe ich bereits erwähnt.

Währenddessen hatten die Männer das Feuer entzündet. Es knackte und prasselte und begann schon, seinen Umkreis angenehm zu erwärmen. Einen Schritt aus seinem Radius hinaus herrschte die frostig, klare Winternacht eines Jännervollmondes. Er war bereits auf der Höhe seiner Ekliptik angelangt, wo er, in ziemlicher Erdnähe, über der Lichtung zu sehen war.

Die Teilnehmer, so fiel mir erst jetzt auf, waren ziemlich genau gleichviel Männer wie Frauen. Wir waren fünf Frauen; ein junges Mädchen, es mochte etwa achtzehn Jahre alt sein, zwei junge Frauen um die dreissig, eine Frau ungefähr in meinem Alter oder sogar älter, so genau liess sich das nicht sagen, ich und vier Männer. Zwei von ihnen waren mir bereits bekannt: Der Mann von Margot, Franz mit Vornamen und Georg, mein Harfenspieler. Dann noch ein jüngerer, sehr schlanker, grosser Mann mit dunklem Haar und Bartstoppeln, mit intellektuellem Aussehen und ein kleinerer, rundlicher Mann so um die vierzig, wie ich schätzte.

Alles in allem keine Menschen, die sich in ihrem Aussehen merklich von anderen Durchschnittsmenschen abgehoben hätten. Wäre ich einem von ihnen auf der Strasse begegnet, hätte ich ihn nicht weiter beachtet. Paare waren, soweit ich das erkennen konnte, nicht darunter, ausser natürlich Franz und Margot. Die Beiden begannen nun, zur Einstimmung, wie sie mir sagten, zu musizieren. Franz schlug einen stereotypen Rhythmus auf der Handtrommel, die Anderen spielten auf ihren mitgebrachten Perkussionsinstrumenten, darunter eine afrikanische Djembe von Alfred, dem Kleinen, Rundlichen. Es musste ihn ganz schön Kraft gekostet haben, sie den Berg heraufzuschleppen, weil sie ziemlich gross war. Die beiden Frauen, Rita und Nora, schlugen Synkopen auf kleineren Tontrommeln zu dem Hauptrhythmus von Franz; das junge Mädchen, Helga, hatte eine Kürbisrassel, und der Lange blies ein sonderbares Rohr, das ganz dumpfe, eigenartig archaische Töne hervorbrachte. Später erfuhr ich, dass es ein sogenanntes Didgeridoo, ein heiliges Instrument der Australischen Ureinwohner war. Ich hatte nichts. Oder doch? Ich hatte etwas, doch ich ahnte es noch nicht. Erst, als mich die magische Atmosphäre des Festes mehr und mehr berauschte, wurde mir der eigenartig rauhen und kehligen Töne bewusst, die irgendwo in der Runde aufstiegen. Sie bildeten eine manchmal unterschwellige, manchmal dominierende Begleitung zu den Instrumenten. In fremd klingenden Halb - und Vierteltonschritten schraubten sie sich in Kopfstimmlage hoch, um gleich darauf übergangslos wieder in gutturale Bruststimme zu verfallen. Ich war fasziniert, wem mochte sie wohl gehören? Es traf mich fast wie ein Blitzschlag, als ich bemerkte, das sie von mir kam. Wie fremd ich mir plötzlich war! Was sang da in mir, wenn man das Singen nennen konnte? Singen war Schöngesang, bei Frauen mit Kopfstimme, bei Männern mit Bruststimme in verschiedenen Stimmlagen, immer harmonisch in Terzen, Quinten oder sonstigen erlaubten Harmonien, doch niemals so etwas Anarchisches!

Ich konnte oder wollte nicht damit aufhören, jetzt, da ich die Tatsache, dass ich für diese Laute verantwortlich war, zu akzeptieren begonnen hatte. Aus vollstem Herzen und aus ganzer Kehle sang ich, ohne jede Scheu oder Angst, "falsch" zu singen, dieser herrlichen Mondnacht zu Ehren alle meine Sehnsüchte, Wünsche, mein Verlangen nach Leben aus mir heraus. Ich sang und sang, so Vieles war noch an Emotion in mir. Wo kam das her, so unerwartet und gewaltig? Nach und nach wurde das Singen in mir leiser, mit verhauchender Stimme, mehr fühl - als hörbar nun, kamen die letzten Töne. Dann Stille. Dann knackendes Holz im Feuer, Windrauschen, Menschen, einander umarmend, mich umarmend, verstehend. Ich war wieder da. Wo war ich denn gewesen?

"Du hast deine Initiation schon erlebt, was später noch kommen kann, dient nur mehr der Bestätigung," sagte Margot zu mir. Ich sagte und fragte nichts, ich musste diesem fremdartigen Erlebnis hinterherspüren wie ein Jagdhund, mit der inneren Nase auf der Fährte meines mir immer mehr entschwindenden Zustandes des Aus mir Getretenseins. Oder war es ein stärkeres Bei mir Sein gewesen? Oder beides gleichermassen? Oder galten diese Kategorien hier nicht?

"Komm in den Kreis," flüsterte Georg mir zu. Die anderen Teilnehmer hatten schon um das Feuer Aufstellung genommen, immer Mann und Frau abwechselnd. "Wer möchte heute den Kreis ziehen?" fragte Margot leise. Das junge Mädchen trat hervor. Es hielt einen blitzenden Dolch mit der Spitze abwärts gerichtet, umschritt den Platz dreimal und sprach dabei leise, doch volltönend: "Ich errichte einen Tempel, zwischen den Welten und jenseits der Zeit. Sei du ein Platz der Liebe und des Vertrauens, ein wehrhafter Schild gegen Böswilligkeit und Feindschaft, ein Ort der Verbindung zwischen der Menschenwelt und dem Reich der mächtigen Götter, ein Gefäss der Kraft und des Wachstums, innen wie aussen. Darum segne ich dich im Namen von....... und.......

(Meine Leser mögen es mir, bitte, nachsehen, dass ich die Namen der hier angerufenen Götter nicht nenne. Ich fragte mich auch bei der Beschreibung der Rituale, ob dies nicht eine Überschreitung der angemessenen Geheimhaltung wäre. Mittlerweile kann aber jeder Interessierte Dieselben in diversen Büchern nachlesen. Nun. Namen beinhalten Kräfte, und säkularisiert man sie, können sie diese verlieren. Also werde ich dabei bleiben und sie nicht nennen. Auch diverse Bestandteile von Ritualen werde ich für mich behalten.)

Einer der Männer besprengte den so geschaffenen Kreis mit geweihtem Wasser, eine Frau versah seine imaginierten Grenzen mit einer Räucherung. Anschliessend wurden die vier Himmelsrichtungen, denen die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde entsprechen, mit speziellen Formeln angerufen und in den Kreis geholt. Dieser Ritus war so machtvoll und rührte mein Herz so sehr, dass ich von da an wusste, meinen Weg gefunden zu haben.

Mein ganzes Leben hatte ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, auf dies hier gewartet.

Margot, die anscheinend eine führende Rolle in dieser Gruppe spielte, stand mit vor der Brust gekreuzten Armen vor einem kleinen improvisierten Altar, auf dem die Dinge, die sie zuvor aus ihrer Tasche geholt hatte, angeordnet lagen. Ihr Mann Franz kniete vor ihr nieder und ehrte sie mit den Worten: "Gesegnet seien Deine Füsse, die Dich hierhergetragen haben." Dabei küsste er ihre Füsse. Dann folgte: "Gesegnet seien Deine Knie, die vor dem heiligen Altar knien sollen." Es folgten weiters Schoss, Brüste und zuletzt die Lippen. Das alles geschah mit einer grossen Ehrfurcht und war weit entfernt von jeglicher persönlichen, sexuellen Annäherung, aber gleichzeitig schloss es auch die Liebesbeziehung der Beiden mit ein. Ja, jubelte ich innerlich, so sollte die Beziehung der Geschlechter zueinander sein! Die wirkliche Bedeutung dieser Handlung sollte mir in weiterer Folge immer mehr aufgehen. Nach dieser Ehrung der Frau fuhr er fort: "Ich rufe Dich an, unser aller mächtige Mutter, Spenderin aller Fruchtbarkeit; bei Same und Wurzel, bei Knospe und Stamm, bei Blatt, Blüte und Frucht, bei Leben und Liebe rufe ich Dich an, steig herab in den Körper dieser Deiner Dienerin und Priesterin!" "Priesterin", dachte ich erstaunt, "wo gibt es denn Priesterinnen heutzutage?" Dann konnte ich nichts mehr denken, denn es ging weiter. "Von der dunklen und göttlichen Mutter, mein ist die Geissel und mein ist der Kuss, der fünfzackige Stern der Liebe und des Glücks, deshalb segne ich Dich in diesem Zeichen," sprach Margot und zeichnete ein Pentagramm auf die Stirn von Franz. Dann drehte sie sich zum Altar, hob ihre Hände zum Himmel und begann eine Anrufung zu intonieren, die mir Schauer um Schauer über den Rücken jagten und mein Innerstes vor Ergriffenheit vibrieren liessen. Als sie sich umwendete, sprach Franz noch: "Hört nun die Worte der grossen Mutter, die seit altersher unter den Menschen bekannt war als Arthemis, Astarte, Athene, Diana, Aphrodite, Ceridwen, Isis und unter vielen anderen Namen." Diese Worte wären allerdings nicht nötig gewesen, denn sie strahlte etwas aus, das es jedermann unmöglich machte, nicht zuzuhören. Sie war ja eindeutig "meine" Margot, aber gleichzeitig etwas ganz Anderes, das weit hinausging über ihre Person, ja über alles Personale, etwas, das hinter dem allem stand: sie war die Göttin, da bestand kein Zweifel. Was sie sagte, war offenbar eine alte, rituelle Formel, feststehend in ihren Worten. Diese berührten mich so tief, dass ich sie trotz ihrer Länge, hier wiedergeben will:

"Ich, die ich die Schönheit der grünenden Erde bin und die weisse Mondin unter den Sternen, ich rufe Deine Seele an, erhebe Dich und komm zu mir; denn ich bin Geist und Seele der Natur, die dem All das Leben gibt. Aus mir entspringen alle Dinge, und zu mir kehren sie wieder zurück. Und vor meinem Angesicht, von Göttern geliebt und von Menschen, lass Deine tiefste, göttliche Seele umhüllt sein von der Entzückung des Unendlichen. Möge das jauchzende Herz mich verehren; denn siehe, alle Taten der Liebe und der Freude sind Taten zu meinen Ehren. Und also lasset in Euch sein Schönheit und Kraft, Macht und Mitgefühl, Stolz und Demut, Freude und Ehrfurcht. Und Du, der Du danach trachtest, mich zu finden, wisse, dass all Dein Suchen und Sehnen vergeblich sein werden, wenn Du das Mysterium nicht kennst: so Du was Du suchest, in Deinem Inneren nicht finden solltest, Du es im Aussen nimmer finden wirst. Denn siehe, ich bin bei Dir vom Anbeginn der Zeiten, und ich bin die Erfüllung allen Verlangens. Seid gesegnet!"

Sie nahm den Kelch mit dem Wein und tauchte ihren Dolch hinein, in dem sich das Mondlicht spiegelte. Dann reichte sie den Kelch an Franz weiter, küsste ihn und sprach:

"Trinkt das Blut der grossen Göttin, gebe es Euch Kraft!"

Der trank, reichte ihn an seine Nachbarin weiter und küsste sie, usw, bis die Reihe an mich kam. Ich brauche wohl nicht extra zu sagen, dass ich den Kelch von Georg entgegennahm, desgleichen auch den Kuss. Mir schwindelte vor Wonne, und ich trank einen grossen Schluck, um meiner Verwirrung Herr zu werden. Es half aber nicht. Dieser erste Kuss, überpersönlich und intim zugleich, gegeben im Zeichen der Göttin; ja, so musste es sein, so und nicht anders!

Anschliessend gab es einen ziemlich turbulenten Rundtanz, dessen Sinn mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz einsichtig war, zumal uns der unebene Boden mehr als einmal stolpern liess. Aber gemäss der Anweisungen Margots, nicht zu fragen, stolperte ich einfach mit. Nun sagte Margot "Wir haben heute nacht etwas zu entscheiden, wahrscheinlich könnt ihr Euch denken, was. Eine Frau ist zu uns geführt worden, und es sieht ganz so aus, als wäre sie die geborene Hexe und könnte also noch an diesem kommenden Imbolcfest initiiert werden. Hat jemand einen Einwand dagegen?" Niemand hatte. Ausser mir. Und nun musste ich die Abmachung, nicht zu fragen, doch brechen. Also hob ich die Hand. "Ich wusste bis jetzt nicht, dass Ihr Hexen seid. Hexen sind doch alte Frauen mit Warzen auf der Nase, sie hexen anderen Menschen Buckel an und so, wieso machen sie so ergreifend schöne Sachen wie hier und heute?" Ich war schon wieder verwirrt, und diese Verwirrung wuchs noch, als alle begannen, schallend zu lachen, die Margot - Göttin lachte mit. Eine Göttin, die lachte, nicht auszudenken! Der Kelch kreiste ein ums andere Mal, bis er leer war. dabei sagte Alfred, der kleine Dicke: "Mädel, geborene Hexe hin oder her, in diesem Leben hast du noch viel zu lernen!" Ich erfuhr an diesem Abend nicht, warum Göttinen lachen, denn der Kreis wurde aufgelöst mit den Worten: "Bei der Erde, welcher Ihr Leib ist, bei den Wassern, welche Ihr Blut sind; bei der Luft, welche Ihr Atem ist, beim Feuer, welches Ihre brennende Liebe zu Ihren Geschöpfen ist, der Kreis ist nun geöffnet, doch ungebrochen. Blessed be!"

Der Kreis umfasste, wie ich plötzlich vor meinem inneren Auge sah, alle Realitäten und alle Zeiten. Er war endlich und unendlich gleichermassen, wieder eines dieser Paradoxa meines gegenwärtigen Lebens. BLESSED BE!!!

Am nächsten Tag rief mich Margot zu Hause an. Ich war gerade dabei, mir das Abendessen zuzubereiten und freute mich schon auf einige ruhige Stunden, um meine gestrigen Erlebnissen nachzuhängen und etwas Ordnung in meine verwirrten Gedanken und Gefühle zu bringen, die wie ein aufgeschreckter Taubenschwarm in meinem Kopf und Herzen herumflatterten. "Hallo, Anna, ich bin's, Margot. Hast du etwas Zeit, wir sollten uns über Einiges unterhalten, und die Zeit bis Imbolc wird verdammt knapp."

"Weisst du, Margot, ich hatte bisher noch nicht die Zeit, meine Gedanken zu ordnen und das Ganze ein bisschen zu verdauen. Ich weiss nicht, ob ich schon mit dir darüber sprechen kann." Trotzdem lud ich sie zu mir ein. Sie kam bald darauf, hielt sich nicht lange mit Plauderei auf und begann eindringlich zu fragen "Wie hat es dir gestern gefallen, Anna." "Gefallen? Es hat mir nicht 'gefallen', es war die Antwort auf mein Suchen und Sehnen, es war wie ein Heimkommen nach langem Herumirren." "Ich wusste es, alle konnten es erleben und spüren," stellte sie fest. "Deshalb bin ich gekommen, um mit dir über deine Initiation zu sprechen. Ich glaube, da gibt es noch einige offene Fragen." "Wenn ich ehrlich bin," erwiderte ich lachend "ich fühle mich wie ein einziges Fragezeichen, ich bestehe zur Zeit nur aus Fragen." "Ich würde mich wundern, wenn es anders wäre," antwortete sie, ebenfalls lachend. "Dann fang also mit deinen Fragen an, bis zum Morgen werden wir ja hoffentlich fertig sein, ich muss ja das Geschäft aufsperren, und du musst wohl auch zur Arbeit gehen." Ich wusste nicht genau, wie ich anfangen sollte, also begann ich mit dem, was mir zuerst einfiel: "Du bist die erste Göttin, die ich lachen gehört habe," begann ich ziemlich wirr. "Wieviel Göttinen kennst du denn?" fragte sie, wobei sie ein Kichern gerade noch unterdrücken konnte. Gemeinsam brachen wir in ein wieherndes Gelächter aus, das immer wieder aufflammte, wenn wir ernst zu werden versuchten. "Das mit den Hexen ist mir auch nicht ganz klar, wieso nennt ihr euch so, da entsteht doch ein ganz falsches Bild." Nun wurde sie ernst: "Nicht wir erzeugen ein falsches Bild, nein es ist schon da. Ich muss ein wenig in die Geschichte zurückgehen, um dir das besser verständlich zu machen. Du weisst doch jetzt schon einiges über die Alte Religion der Grossen Göttin. Jede Religion ist ja der Ausdruck der geistigen Haltung der Menschen, die sie kreiert haben. Diese Völker waren friedlich und naturverbunden, das heisst, sie empfanden sich noch nicht als getrennt von den Naturerscheinungen. Sie konnten mit einem Bach fliessen, als Stein fühlen, oder sich als Baum erleben. Natürliche Vorgänge wie Zeugung und Geburt waren ihnen heilig, und da sie in der Natur eine Mutter sahen, die sie mit allem Notwendigen versorgte, ja, die die ganze sichtbare Welt immer wieder neu hervorbrachte und sie am Ende auch wieder zu sich nahm, war die Frau für sie als deren Verkörperung sakrosankt. Später wurde die zeugende Rolle des Vaters dann ebenfalls gewürdigt, aber das Gleichgewicht schlug bald in eine männliche Vorherrschaft um. Damit war es auch vorbei mit dem allgemeinen Frieden. Kampf und Durchsetzung waren wichtig geworden. Weibliche Götter wurden vermännlicht oder einfach zu Ehefrauen der Götter umgedeutet. Denke an das Beispiel Zeus und Hera, das ist nur Eines von Vielen." "Und was hat das alles mit Hexen zu tun," fragte ich, schon etwas ungeduldig geworden. "Warte, ich komme gleich dazu. Also, für das Christentum; - ich mache hier einen grösseren Zeitsprung, damit du endlich Antwort auf deine Fragen erhältst -, für das Christentum, für die Kirche war dieser alte Glaube dämonisch. Sie musste ja ihr Dogma vom Gefallensein der Schöpfung durchsetzen und sich selbst als einzige Errettungsinstitution installieren. Dazu kam die Haltung und der Anspruch, H e r r über die Natur und damit auch über die Frau sein zu müssen, die diese Natur für sie verkörperte. Alles Naturhafte war für sie des Teufels, und der übernahm damit eine zentrale Rolle in ihrem Denken. So kam es, quasi zwangsläufig zu Unterdrückung und Verfolgung des alten Glaubens, vor allem seiner Anhänger. Das alte, magische Weltbild wurde, weil auch nicht mehr verstanden, zum Hexen - und Dämonenkult erklärt! Der Gehörnte Gott, die wichtigste und zentralste männliche Gottesfigur, degenerierte zum Teufel. Alles Andere, was es darüber hinaus noch an Verunglimpfungen gibt, erklärt sich zwangsläufig daraus. Unter der Folter sagten die Verfolgten natürlich alles, was man von ihnen hören wollte, aber einen wahren Kern haben alle diese Aussagen. So handelt es sich zum Beispiel beim Besenflug um eine alte, schamanistische Technik, und auch psychotrope Kräuter fanden sicher ihre Anwendung. Aber, jetzt komme ich endlich zum Schluss meiner langen Rede, um etwas beurteilen zu können, muss man es doch immer im richtigen Kontext sehen, sonst gerät man auf falsche Fährten. Nun also, wir nennen uns Hexen, weil wir uns als Träger einer ununterbrochenen Tradition betrachten, die aus dieser alten Kultur bis zum Mittelalter reicht, wo man uns eben so nannte, bis in die heutige Zeit, in der wir diesen Namen nicht mehr ändern wollten. Wir sind ZaunreiterInnen, das ist die wahre Bedeutung des Wortes Hexe."

"Wir sitzen auf dem Zaun, der Tagesbewusstsein und Unbewusstes voneinander trennt und sehen in beide Bereiche unseres Wesens hinein. Wir können auch hier und dort wirken."

"Aber Margot, das Eine verstehe ich nicht, wir leben in einer ganz anderen, technischen Zeit. Was soll da ein alter Glaube aus der Steinzeit, ist das nicht ein Anachronismus?"

"Das ist sicher nicht ganz falsch. Aber denk doch an die starke Entfremdung von der Natur, unter der wir heute leiden, mit all ihren Problemen, wie Waldsterben, Luftverschmutzung, Klimaverschiebungen, Genmanipulation und vieles mehr. Kann da nicht eine, wenn auch bewusst wiedererweckte Religion ein gewisses Regulativ sein? Wir sehen uns als Kinder der Grossen Mutter, die wir wieder, zumindest ansatzweise, in ihre alten Rechte einsetzen wollen. Und, Anna, das weisst du ganz genau, die innere Realität erschafft die äussere, also, wenn du bereit bist, schaffe mit uns. Wirst du?" "Das will ich, aber ich möchte noch Genaueres über diese Initiation wissen. Was bedeutet sie, und wozu verpflichte ich mich damit? Ich will ein freier Mensch bleiben, Gedankenkontrolle oder Dogmatismus kann ich schlecht vertragen!"

"Ja, natürlich, deshalb bin ich ja jetzt da, um dir alles Wichtige zu erklären, denn sonst kannst du diese Entscheidung nicht treffen. Normalerweise geht das auch nicht so schnell mit der Initiation, weisst du, aber in deinem Fall, nun das ist ganz anders als sonst, mit allen diesen Realitätsüberschneidungen, die du ständig erlebst. Also, die Initiation. Damit trittst du ein in den Kreis. Der Kreis ist das Symbol für das Universum, ohne Anfang und Ende umschliesst er alle Zeiten, alle Realitäten. Er bedeutet auch das Rad des Jahres: die Göttin gebiert zu Mittwinter das Sonnenkind, zu Imbolc oder Lichtmess wir die Zunahme des Lichtes spürbar, zum Frühlingsequinox, ungefähr um Ostern beginnt das Licht das Dunkel zu überwinden, denk an die Auferstehung. Zu Beltane, in der Walpurgisnacht, vermählen sich Gott, das ist der kosmische Aspekt der Schöpfung und Göttin, ihr irdischer Aspekt und bringen Fruchtbarkeit und Wachstum hervor. Mitsommer wendet sich das Rad des Jahres. Wir sagen, der Gott des sinkenden Jahres kommt zu seiner Herrschaft, Lughnasadh entspricht dem Erntefest, das Herbstequinox steht den Frühlingsequinox gegenüber, die dunkle Jahreshälfte beginnt. Zu Samhain feiern wir das Fest der Toten - Die Schleier der Realitäten sind durchlässig und erlauben den Kontakt mit den Abgeschiedenen; dann beginnt alles wieder von neuem. Der Kreis hat sich geschlossen. Alle unsere Aktivitäten finden in diesem Kreis statt, er ist einfach ein Sinnbild der Ganzheit. Wenn du zu uns kommst, verpflichtest du dich dazu, die Dinge, die im Coven getan und gesagt werden, nicht an Aussenstehende weiterzugeben, weiters in deinen Covengeschwistern die Göttin und den Gott zu ehren, auch wenn es manchmal schwerfallen sollte und ausserdem, und das halte ich für das Wichtigste, dein Gesicht sei für die Welt das Gesicht der Göttin! Und das erkläre ich dir jetzt nicht, denk darüber nach, du wirst sicher hinter die Bedeutung dieses Satzes kommen. So, für heute habe ich dir genug zum Nachdenken gegeben. Grüble aber nicht zu viel. Wenn es für dich richtig sein sollte, zu uns zu kommen, wirst du es wissen. Ich werde dich nicht drängen, denn unser Wahlspruch lautet: LIEBE, FREIHEIT und VERTRAUEN. Und bitte, frag mich jetzt nichts mehr, ich kann einfach nicht mehr reden, mir hängt der Mund in Fetzen. Gib mir, bitte, was zu trinken, sonst verdurste ich!"

Oh Göttin, was war ich nur für eine Gastgeberin! Vor lauter Neugier und Faszination hatte ich die einfachsten Gesetze der Gastfreundschaft nicht beachtet! Ich holte ihr einen Saft und sie trank gierig. Dann sagte sie noch, schon halb im Gehen "Ach ja, überlege dir eine Covennamen bis nächste Woche, und verständige mich bis Donnerstag, ob du diesen Termin einhalten willst, also dann, gute Nacht!" Weg war sie.

Daran hatte ich ja noch gar nicht gedacht, Himmel, wo sollte ich denn einen Namen hernehmen! Ich beschloss, das Problem zu vertagen, heute war ich schon zu müde. Vielleicht käme mir ja auch wieder ein Traum zu Hilfe. Er kam nicht. Natürlich liessen sich die inneren Welten nicht zwingen, man musste schon in Ehrfurcht mit ihnen in Kontakt treten, oder abwarten, bis sie sich von selbst öffneten.

Tage der Ungewissheit vergingen. Ich konnte und konnte die richtige Entscheidung einfach nicht treffen. Wollte ich die Initiation wirklich, oder war meine Begeisterung nur ein Strohfeuer gewesen? Eines Abends stand ich nackt vor meinem grossen Spiegel. Das tat ich jetzt öfter. Prüfend betrachtete ich mich von allen Seiten, von der "Schokoladenseite" etwas öfter. Versonnen strich ich über diverse Rundungen, freute mich über meine glatte Haut. Bilder von Zärtlichkeit und Leidenschaft stiegen in mir auf, Bilder, die mit Georg zu tun hatten und mein Körper begann, spürbar darauf zu reagieren. Auf diesen Moment, der ihr ob meiner mangelnden Wachsamkeit Tür und Tor öffnete, hatte sie offenbar nur gewartet. "Du lässt dich sowieso nur initiieren, weil du dir dann mehr Chancen bei Georg ausrechnest." Bumm, glatt erwischt, volle Breitseite! Ich ging, bildlich gesprochen, zu Boden und fühlte mich wie eine auslaufende Badewanne, der Stöpsel war sozusagen heraussen. Jetzt musste ich handeln, oder ich ging unter. Meine alte Widersacherin, die Destrukive, hatte wieder einmal zugeschlagen. Sie war also noch nicht endgültig besiegt. Nun, diesmal würde ich mich von ihr nicht mehr zornig machen lassen, nein, diesmal würde ich sie mit meiner souveränen Überlegenheit klein kriegen!

"Schau," sagte ich herablassend "du hast natürlich nicht ganz unrecht, ich bin in ihn verliebt (das hatte ich mir bis jetzt noch nie so dezidiert eingestanden). Aber, auch wenn er meine Gefühle nicht erwiderte, liesse ich mich von diesem, meinem Weg nicht mehr abbringen, denn, das weiss ich jetzt, es ist für mich der richtige." Nun war es heraussen, im Kampf mit meiner überstrengen inneren Mitbewohnerin hatte ich die Wahrheit ausgesprochen. "Danke, diesmal hast du mir ja direkt geholfen, weisst du das?" Ganz entgegen meiner Erwartung zersprang sie nicht vor Zorn, nein, ich spürte sogar etwas wie eine freundschaftliche Regung von ihr. Vielleicht musste man seine negativen Anteile ja gar nicht bekämpfen. Vielleicht konnte man mit ihnen Frieden schliessen, oder sie sogar für sich arbeiten lassen? Konnte sie zähmen und sich zu Freunden machen?

In dieser Nacht träumte ich wieder. Es war nicht die vertraute Apfelwiese, auf der ich mich befand, nein, diesmal war ich auf sumpfigem Gelände, meine Füsse machten bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch, und das Gehen fiel mir auf diesem nassen, nachgiebigen Untergrund sehr schwer. Und doch musste ich weiter, musste irgendwohin, es war von zentraler Wichtigkeit, doch wo und was es war, wusste ich nicht. Es trieb mich weiter, nur immer weiter, ich musste etwas finden, mein weiteres Leben hing davon ab. Mit jedem Schritt wurden meine Füsse schwerer, bleierne Müdigkeit begann an mir zu ziehen, ich wollte nur mehr rasten, schlafen, später konnte ich dann immer noch weitersuchen.....

Der Nebel hüllte mich und alles Andere ringsumher ein. Nur mehr die Schemen einzelner, knorriger Bruchweiden lösten sich ab und zu aus dem milchigen Weiss. Ich war mutlos und wusste nicht weiter. Würde ich dieses mir unbekannte und doch anscheinend so wichtige Ziel verfehlen? Ich fühlte mich verloren und hilflos wie ein kleines Kind. "Mutter, Mama, ich brauche Hilfe, bitte!" flüsterte ich in den undurchdringlichen Nebel. Da, mit einem Male hörte ich, ganz leise zwar, aber deutlich, mit meinem inneren Ohr, ein Raunen, Flüstern "..... und wisse, dass du, was du in deinem Inneren nicht findest, im Aussen nie finden wirst....." Es waren die Worte der Göttin beim Ritual gewesen. Was konnten sie nur bedeuten? Sie konnten nur bedeuten, dass ich das Ziel, welches ich noch nicht kannte, in meinem Inneren suchen musste, ja das musste es sein! Ich blieb also stehen, schloss die Augen, versuchte meinen Atem zu beruhigen und meinen Geist leer zu machen, wie es die Anleitungen zur Meditation lehren.

Ich hatte es ja schon einige Zeit geübt. Vorerst geschah nichts, absolut nichts. Dann aber bildete sich vor meinen Lidern ein weisser Schein, der wurde heller und heller und dann, mit einem Mal, wie wenn ein Vorhang weggezogen wird, war eine Szene sichtbar: der Gipfel eines Hügels, den ich noch nie gesehen hatte. Auf ihm standen, zu einem Kreis angeordnet, hohe, unbehauene Steine, und auch Menschen nahm ich wahr, ohne dass ich sie erkennen konnte, denn ich schien das Ganze wie durch ein umgedrehtes Fernglas zu sehen, weit weg. Das war also mein Ziel? Wie sollte ich es aber nun finden? In mir? Wie?

Ich versuchte mich in dieses Bild hineinzuversetzen und sieh da, es gelang wirklich! Ich setzte einen Fuss auf das Gras - es wurde Wirklichkeit; ich berührte einen der Steine - er fühlte sich rauh an und kühl; ich lauschte dem Wind - er strich über meinen Körper; ich ging über den Boden - er wurde fest unter meinen Füssen; ich berührte die Frau, welche mir zunächst stand - sie drehte sich zu mir um. Ich kannte sie nicht. Es war eine ältere, etwa sechzig Jahre alte, weisshaarige Frau von hohem Wuchs und feinen Gesichtszügen, die Weisheit und Herzenswärme aber auch Autorität erkennen liessen. Sie war schön, und ich liebte sie von diesem ersten Augenblick an. Sie trug ein dunkles, langes, einfach geschnittenes Gewand, zusammengehalten von einer Schnur, an der ein sichelförmiges Messer hing. Das hatte ich schon einmal gesehen, wo nur? Ach ja, die Frau am Teich hatte es getragen. Gehörten sie zusammen? Mein innerer Dialog wurde von der Frau nun unterbrochen. "Da bist du ja, mein Kind, du hast deine Prüfung bestanden, du hast gelernt, deinem Inneren zu folgen, deshalb wirst du auch im Aussen finden. Sei gesegnet!" Sie umarmte mich und zeichnete den fünfzackigen Stern auf meine Stirn. Dann kamen auch die Anderen in mein Blickfeld. Ich traute meinen Augen nicht, es waren die Mitglieder des Covens! "Wieso seid ihr denn hier, wo immer das auch sein mag? Wo sind wir hier überhaupt? Was habt ihre denn da an, und was macht ihr hier, und wo ist der Nebel so schnell hingekommen?" Gelächter. Alle umarmten mich mit echter Wärme und Zuneigung. "Echt Anna, immer nur Fragen über Fragen! Aber, so war sie schon immer," sagte kopfschüttelnd der Lange. Wieso immer, dachte ich empört, er kennt mich doch erst seit kurzem! Die ältere Frau übernahm es nun, mich aufzuklären "Wir sind die Bewohner von Avalon, so wie du, meine Tochter. Hier in der Anderswelt leben wir von Anbeginn der Zeiten, und hier werden wir leben bis ans Ende der Zeiten. Wir leben auch drüben, in der sogenannten Realität, in welche wir von Zeit zu Zeit hineingeboren werden, um sie zu gestalten, ungefähr wie Schauspieler in einem Theaterstück. Alle Menschen sind eigentlich Bewohner der Anderswelt, aber, wie du an dir selbst siehst, kann man das auch zeitweilig vergessen. Wir haben uns die Aufgabe gestellt, die Menschen immer wieder daran zu erinnern. Das ist nicht leicht, weisst du. Nun, du jedenfalls gehörst zu unserer 'Truppe'. Weil du in diesem Leben so lange gebraucht hast, dich zu erinnern, mussten wir ein wenig nachhelfen. Aber nun bist du ja da und hast durch den Nebel des Vergessens zu uns gefunden, und alles ist gut. Eines musst du noch wissen; dieser Hügel ist eine Nahtstelle, ein Tunnel zwischen verschiedenen Wirklichkeiten. Deshalb war er schon immer den Menschen heilig, die Zugang zu diesen Dingen haben. Hier kann man zu gewissen Zeiten von einer Realität in die andere wechseln....." "..... deshalb heisst er auch Ynis Vytrin, die Glasinsel, weil andere Welten und Sphären durch ihn hindurchscheinen. Wir, die Priesterinnen und Priester von Avalon behüten diesen Platz durch alle Zeiten und in allen Leben.

Wir hüten auch die 'Gläsernen Inseln' überall auf der Welt, wo wir in unseren unzähligen Erdenleben auch hineingeboren werden, denn es gibt viele davon, wenn auch in verschiedenen Hierarchie....." sprach ich wie im Traum ihren angefangenen Satz weiter, als hätte ich mich nicht schon in einem Traum befunden.

Es war die Ausbildung der jungen Priesterinnen von Avalon gewesen, Wort für Wort auswendig gelernt in einer anderen Realität, vergessen in der Welt der Menschen, doch nie verlorengegangen. Nun war ich heimgekehrt in meine Heimat, willkommen geheissen von meinen Schwestern und Brüdern, sie würden mit mir zusammen in der Welt der Menschen an unserer Aufgabe arbeiten, die heiligen Plätze zu hüten, sie vor Zerstörung zu bewahren und damit die Welt für alle Kinder der Grossen Mutter lebenswert zu erhalten. Das würde nicht leicht werden,

...doch es wäre Aufgabe und Erfüllung für mehr als ein Leben.

Der Freitag kam. Ich hatte mir frei genommen, um mich auf das Ereignis gebührend vorzubereiten. Seit zwei Tagen fastete ich, ich wollte äusserlich und innerlich rein in den Kreis treten. Den Tag verbrachte ich in stiller Zurückgezogenheit mit Musik, Meditation und Lektüre. Als der Abend anbrach, wurde ich dann aber doch zunehmend unruhig . Ich fühlte mich fast wie an meinem ersten Schultag.

Im Raum hinter dem Laden erwartete mich Margot. Sie blickte mich aufmunternd an, ihre Miene jedoch war ernst." Hast du Angst?" fragte sie mich teilnahmsvoll. Nein, Angst war nicht das richtige Wort, aber vielleicht konnte man es ehrfürchtige Erwartung nennen. Nahm ich das Ganze vielleicht ein wenig zu ernst? Aber würde ich , nähme ich es nicht ernst, dies alles, was auch immer auf mich da zukam, überhaupt mitmachen? Nein, denn dann wäre es lächerlicher Hokuspokus, Zeitvertreib, und meine umwälzenden Erlebnisse der letzten Monate nur Hirngespinste. Mir war vollkommen klar, dass sie das in den Augen der meisten Menschen ja auch wären. Doch diese Kategorien waren Vergangenheit für mich, die Urteile der Welt gingen mich nichts mehr an. Seit ich den Weg nach Avalon gefunden hatte, hier und in der Anderswelt, konnte nichts mich mehr von meinem klar vor mir liegenden Weg abbringen.

Margot hiess mich, alle Kleidungsstücke abzulegen. Ich sollte nackt wie ein neugeborenes Kind den Kreis betreten. Dann verband sie mir die Augen. Alle würden mich nun in meiner Nacktheit sehen, doch ich sie nicht. Ausgeliefert ihren Blicken, ihrem Wohlwollen, schwach und wehrlos wurde ich in den angrenzenden Raum geführt. Es war angenehm warm, das war das Erste, was mir auffiel, und Wärme schlug mir auch von den Menschen entgegen, die sich darinnen aufhielten, das konnte ich sogar körperlich spüren. Also kam mein Zittern nicht von der Kälte? Es roch nach Weihrauch und Kerzen, und es war ganz still. Warme Frauenhände berührten mich, ich wurde an Händen und Füssen gebunden, allerdings locker." Du bist nun gebunden und doch frei," sagte eine Männerstimme, sie gehörte Hannes, dem Langen." Noch kannst du deinen Entschluss rückgängig machen." Ich machte nicht. Ich schwieg. Nun wurde ich ein paar Schritte weiter geführt. bis mich etwas Kaltes, Hartes zwischen den Brüsten berührte. Eine Männerstimme sprach zu mir, sie gehörte Georg. Und nun begann die Panik in mir hochzusteigen. Ich stand nackt vor dem Mann, dessen Augen und Hände meinen Körper noch nie berührt hatten, ausser in meinen Tagträumen, doch diese spielten immer in einem intimen Rahmen, nicht in dieser Ausgesetztheit. Doch da hörte ich ihn ganz nahe an meinem Ohr flüstern, die Anderen konnten es ganz bestimmt nicht hören: " Du bist wunderschön!" Alle Spannung und Angst fiel damit von mir ab. Er hatte meine Scham feinfühlig wahrgenommen und richtig gedeutet, plötzlich überschwemmte mich das Gefühl von grenzenloser Liebe für ihn. Was bisher vielleicht dem Harfenspieler gegolten hatte, richtete sich in dieser Sekunde ganz eindeutig auf den Menschen Georg. Der hatte mit dieser zarten Geste mein Herz vollends gewonnen., und ich hauchte ganz leise, für die Anderen unhörbar: "danke!" Nach dieser unmerklichen Pause fuhr er fort zu mir zu sprechen: "Du stehst nun an der Grenze zwischen der Welt der Menschen und den Gefielden der mächtigen Götter. Hast du deine Wahl getroffen? Denn es wäre besser, von meiner Klinge durchbohrt zu werden, als mit Zweifel und Angst diesen Schritt zu tun."

Und nun konnte ich nicht anders, ich musste das Drehbuch durchbrechen, und fast ohne mein Zutun sprach die Andere, die Priesterin von Avalon aus mir: "Die Klinge des Schmerzes würde mich durchbohren, täte ich diesen Schritt nicht, denn: Ich, Morgan von Avalon bin verbunden mit der Göttin, der Mutter alles Seienden, für dieses und alle Leben, in diesen und allen Welten. Möge mein Gesicht das Gesicht der Göttin spiegeln, und möge mein Handeln das Wirken Ihrer Macht sein. So sei es, mit Ihrem Segen. Deshalb betrete ich diesen Kreis in LIEBE, FREIHEIT und VERTRAUEN."

Irgend etwas war geschehen. Keiner sprach ein Wort, man hätte eine Feder auf den Boden fallen hören können, so still war es. Warum ging es denn nicht weiter?

Dann, nach einer mir unendlich lang scheinenden Pause, sprach Georg weiter:" Du bist willkommen." Ich wurde von vielen Händen gepackt,. hochgehoben, geschwungen und endlich sanft auf eine weiche Unterlage gelegt. Nun folgte eine imaginäre Reise durch die vier Elemente, die im Schoss der Erde ihr Ende fand, als ungekeimter, schlafender Same, zwischen den Leben, zwischen Vergangenheit und Zukunft, ohne Persönlichkeit und Körper....und dann.....

Und dann wurde ich neu geboren. Eine Hand nahm mir die Binde von den Augen, strahlendes Kerzenlicht, lächelnde Gesichter über mich gebeugt, ich wurde gehalten von liebevollen Armen, es waren die Arme einer Mutter, der Grossen Mutter, und ich überliess mich ihnen in wohliger Hingabe.

Ich erhielt eine weisse Kordel. Sie symbolisiert die Bindung an die Göttin und an die Covengeschwister. Margot, die Hohepriesterin des Covens begrüsste mich als neues Mitglied : " Im Namen der Göttin und des Gehörnten heisse ich dich, Morgan, Träumerin und Zaubersängerin, willkommen in unserem Kreis. Sei du ein neues Glied in der Kette und wirke in Liebe, Freiheit und Vertrauen. So sei es! " Nach dem eigentlichen Ritual , das noch einige Zeit dauerte und dessen weitere Einzelheiten ich hier nicht zur Gänze wiedergeben will, kam ein ganz wesentlicher Teil aller Unserer Feierlichkeiten: ein Festmahl mit Musik und Tanz, in früheren Zeiten oft als Orgien missdeutet, doch in unserem Fall einfach sinnliche Lebensfreude.

Gegen Ende des Festes kam Georg an meine Seite. "Können wir anschliessend zusammen noch kurz wohin gehen, ich muss unbedingt mit dir sprechen." Also gingen wir in ein kleines Beisel ganz in der Nähe, das noch offen hatte. Es war eines jener Vorstadtlokale, die mit merkbarer Anstrengung weltstädtisch wirken wollen und davon so weit entfernt sind, wie ein Groschenroman von Literatur. Doch es hatte ein grosses Plus: es war geöffnet um diese späte Stunde. Wir setzten uns an einen Tisch ganz hinten in einer dunklen Ecke des leeren Lokales. Zuerst fiel kein Wort. Wir waren beide befangen wie Teenager bei ihrem ersten Rendezvous. Eine Kassette mit furchtbar abgeschmackten Schlagern lieferte die Untermalung dazu.

Ich sagte, um die Spannung zu durchbrechen eine Dummheit, wie: " Wir haben uns bisher noch nie über dein Buch unterhalten, weisst du noch, du wolltest das doch unbedingt." Im gleichen Moment hätte ich mich dafür ohrfeigen können. Ich benahm mich wirklich wie ein verwirrter Teenager, ja, selbst die waren heutzutage nicht mehr so unsicher, oder verbargen sie es gekonnter? Er nahm es offenbar als das, was es war und überging es,- wie wohltuend! Er schwieg, nahm meine Hände in die Seinen und sah mir ernst in die Augen. Mein flatterndes Herz wurde augenblicklich ruhig, und ich konnte seinen Blick erwidern, der bis zu den Wurzeln meines Selbst drang. "Anna, ich werde einige Zeit nicht hier sein können, kann sein, dass ich einige Monate fort muss." "Wohin gehst du?" versuchte ich meine aufsteigende Panik in den Griff zu bekommen. So hatte ich mir diesen Abend nicht vorgestellt. Doch er liess mich nicht weiter in sich dringen. "Ich will aus ganz bestimmten Gründen heute nicht davon sprechen, aber es ist für mich ganz wichtig, dass ich das jetzt erledige. Wenn du es wissen willst, dann, wenn ich zurückkomme, werde ich es dir genau erzählen. Ich weiss, dass ich dir damit viel abverlange, aber bitte, Anna, vertrau mir!"

Er sah mich mit bittenden Augen an. In diesem Ausdruck verschmolzen die Augen des Menschen Georg mit denen des Harfenspielers. Ich sah darinnen dieselbe Ausgeliefertheit, die ich, nackt und blind, beim Eintritt in den Kreis gefühlt hatte und die seine einfühlsame Hilfe für mich erträglich gemacht hatte. Jetzt brauchte er die Meine. Und als wäre dieses Ansinnen nicht schon genug für mich gewesen , wühlte er mein Innerstes mit seinen nächsten Worten neuerlich auf. "Meine Bitte wird dir ungewöhnlich erscheinen, aber, Anna, wir beide wissen doch, dass wir schon lange zueinander gehören; willst du, wenn ich wiederkomme, auch in dieser Welt meine Frau werden?"

"......Georg......,das ist, nein wirklich, mir fehlen die Worte,..................(Denkpause, die Gedanken rasen: wie kann er, .wir kennen uns doch kaum usw., usf.).........Dann, nach einigen Augenblicken, sprach die Frau aus mir, die sich von allen Konventionen und rationalen Überlegungen frei, in diesem Moment nur von ihrer inneren Gewissheit leiten liess. Ich konnte nur staunen über die Worte, die ich aus meinem eigenen Mund vernahm: " Ja, Georg, das will ich. Ich will auch in diesem Leben und in dieser Welt deine Frau sein. Ich werde da sein, wenn du wiederkommst, hoffentlich bald."

Wir wollen diese Szene nun gnädig ausblenden. Noch immer befällt mich bei Filmen, Theaterstücken bei intimen Szenen eine vojeuristische Scheu, die mich hindert, ohne Unbehagen daran teilzunehmen. Ausserdem, es würde unzweifelhaft eine Kitschszene daraus, also, Regieanweisung: siehe oben. F R Ü H L I N G S Ä Q U I N O X

Leise, unmerklich zuerst, dann mit einem Mal dramatisch und expressiv, hatte der Frühling dem Stadtwinter mehr und mehr an Terrain abgewonnen. Noch immer konnte es unvermittelt schneien, noch einmal weihnachtliches Weiss sich über die Dächer legen, doch niemand nahm diesen Winter mehr ernst. Er war ein zahnloser Greis geworden, der ab und zu noch etwas Imponiergehabe an den Tag legte, bis er dann endgültig abtrat. Im Park vor meinem Wohnhaus standen drei Kastanienbäume. Ihre prallen Knospen waren noch geschlossen, doch die Knospenschuppen hatten sich fast unmerklich auseinander geschoben und liessen zartes Grün mehr ahnen als erkennen. Oft hatte ich im Winter diese glänzenden Verheissungen eines kommenden Frühlings betrachtet. Auch wenn Kälte, Matsch und früh einsetzende Abende das Gegenteil glauben machen wollten, und die kahlen Äste "Tod, Erstarrung, Frost" knarrten," Leben, Leben, Leben," sangen die Knospen triumphierend. Nun hatten sie Recht behalten und damit für uns Menschen ein tröstliches Zeichen gesetzt. Man brauchte nur Augen haben, es zu sehen.

An manchen Tagen brauchte ich solche Zeichen. Besonders, wenn sich die Dritte im Bunde, die Destruktive, wieder zurückmeldete. Und das kam in der letzten Zeit wieder häufiger vor. Sie zwängte sich in den Spalt, der zwischen Nacht und morgendlichem Aufwachen klaffte, wenn meine Wachsamkeit ihrer Aufgabe noch nicht nachkam.

Ausserdem hatte sie ihre Taktik etwas geändert, sie agierte schlau und gerissen in letzter Zeit. .Sie schlich sich auf Samtpfoten hinterrücks an:. "Anna?" "Hm, lass mich schlafen!" " Anna? Wie wirst du's denn Myriam beibringen?" " Was soll ich ihr denn beibringen, du bist heute sehr kryptisch. Zum Rätselraten bin ich noch zu schläfrig, lass mich in Ruh'" " Also gut, bitte, wenn du es willst." Sie schweigt, aber nicht lange." Anna" säuselt sie zuckersüss und weckt damit meine Wachsamkeit aus ihrer Nachtruhe, um einige Augenblicke zu spät. "Aber, wie willst du es Myriam beibringen, dass du einen Mann heiraten willst, den du als harfenspielenden Magier aus einem Traum kennst, und den du dann im wirklichen Leben als bücherschreibenden Taxifahrer und obskuren Priester einer angeblich Alten Religion kennengelernt hast?" Bamm, bamm bamm! Ihre Schläge prasseln unbarmherzig auf mich nieder. Ich hatte vergessen, wie gefährlich sie war und deshalb meine Deckung nicht hochgenommen. Eins zu Null für sie, diese Runde ging eindeutig an meine kritische Gegenspielerin.

Und ich hatte geglaubt, sie zu meiner Verbündeten machen zu können! Diesmal fand ich keine passende Antwort, ich musste das Rückspiel vertagen und erst noch darüber nachdenken. Da sie keinen Widerstand gefunden hatte, verlor sie offenbar das Interesse an der Auseinandersetzung und zog sich zurück. Doch sie konnte überall lauern, das wusste ich.

Erst viel später sollte ich erkennen, dass sie tatsächlich meine Verbündete war. Sie zwang mich nämlich, meine Intuitionen im kalten Licht der "normalen" Welt zu betrachten und bewahrte mich so davor, ganz in meine Traumwelt abzutriften, so, dass ich für diese Realität verloren gewesen wäre. Solche Menschen landen in speziellen Anstalten. Ich aber war eine Hagazussa, eine Zaunreiterin, die beide Welten bewohnt und gleichzeitig in ihnen wirken kann. Das ist auch die wahre Bedeutung des

Wortes: Hexe.

Das Osterfest nahte, der Coven feierte die Frühlings - Tag und Nachtgleiche. Noch war es eigentlich zu kalt für outdoor - Aktivitäten, doch mit einem wärmenden Feuer würde das Ganze schon auszuhalten sein. Helga, die Jüngste, spielte den Part der Frühlingsjungfrau, zart und voller jugendlichem Schmelz war sie eine herzbewegende Verkörperung der erwachenden Natur. Alle Teilnehmer waren hochgestimmt, es herrschte eine Atmosphäre der entspannten Freude und Herzlichkeit. Doch etwas stimmte nicht. Ich merkte es daran, dass sich die körperliche Spannung, die ich auf meine erste aktive Rolle bei einem Ritual zurückführte, nicht und nicht lösen wollte, auch als schon alles vorbei war. Wie eine kalte Luftströmung wehte es in meine Richtung, aber woher kam es? Da, ein Pfeil aus Missgunst war auf mich abgeschossen worden, fast körperlich spürte ich die Verletzung. Als ich in die Runde blickte, erkannte ich sofort, wer der Schütze gewesen war. Es war eine Schützin, Beate, die Frau in meinem Alter. Ich war mir nicht bewusst, ihr irgend etwas angetan zu haben - oder vielleicht unwissentlich? Dies war eine ganz neue Erfahrung für mich, von jemandem gehasst zu werden, ich konnte mich nicht erinnern, das schon jemals erlebt zu haben. Aber wie löst man ein solches, delikates Problem? Ich entschloss mich, sie kurzerhand darauf anzusprechen.

Ich bat sie leise, mit mir ein wenig abseits zu gehen, da ich sie etwas fragen wollte. Sie sah mich erstaunt und feindselig an, ich hatte mich also nicht getäuscht." Beate, ich habe den Eindruck, du hast etwas gegen mich," begann ich unverblümt " Nun, da wir einander versprochen haben, uns gegenseitig zu achten und zu ehren, will ich solche Dinge gleich aus der Welt schaffen. Vielleicht habe ich dich unabsichtlich gekränkt. Habe ich?" Sie antwortete nicht gleich. Offenbar hatte ich sie mit meiner direkten Frage überrumpelt. Ich konnte sehen, wie sie ihren Zorn innerlich zu einem kompakten Paket zusammenschnürte, alles hineinverpackte, was immer sich formulieren liess, um ihn gleich darauf gegen mich zu schleudern. Ihre eigentlich hübschen, noch jugendlichen Züge wurden von einem Augenblick zum anderen hart. "Du kommst hierher, angeblich aufgrund von Träumen, drängst dich hier herein und glaubst gleich etwas Besonderes zu sein, nur weil du geträumt hast, eine Priesterin aus Avalon zu sein. Das kann ja jeder behaupten, man kann es ja nicht überprüfen!" schleuderte sie mir hasserfüllt entgegen. Mir nahm es plötzlich den Atem. Fühlte sie sich von mir so an den Rand gedrängt, erlebte sie sich vielleicht überhaupt auch sonst als abseitsstehend und unbedeutend? Wer konnte das besser nachvollziehen als ich! Trotzdem konnte ich in diesem Augenblick keine Brücke zwischen uns schlagen, so gerne ich das auch gewollt hätte. Zu sehr verletzten mich diese Anschuldigungen. "Dem Georg weiszumachen, er sei der Harfenspieler von deiner angeblichen Traumwiese, na, weisst du, du bist ganz schön gefinkelt, du weisst, wie man bei Menschen die geheimsten Wünsche anspricht!" Das sass. Jetzt waren wir offenbar im Zentrum des Problems, Georg. Eifersucht war also die Ursache. Hier war ich machtlos, so gut ich mich auch in sie einfühlen konnte, helfen konnte ich ihr nicht. Ich war, ohne es zu wollen, ihre Feindin geworden. Oh, Göttin, wir wollten als Schwestern solidarisch untereinander sein, uns nicht durch Machtansprüche oder Eifersüchteleien spalten lassen, Frauenmacht demonstrieren, doch hier war eine Naturgewalt dazwischengekommen, der Mann. Und alle Frauensolidarität ging den Bach hinunter.

Die Kluft zwischen Anspruch und gelebter Wirklichkeit war aufgebrochen und würde sich durch keine Weltanschauung oder Religion schliessen lassen. Mit diesem Widerspruch mussten wir wohl leben, oder? Mein Gesicht, das jenes der Grossen Mutter widerspiegeln sollte, war für sie, meine Schwester, zur Fratze geworden, zu jenem der Schwarzen Todesbringerin, das war schwer zu ertragen. Wie sollte das weitergehen mit einer Feindin im Coven?

Kaum hatte ich begonnen, eine emotionale Heimat zu finden, war diese schon wieder zu einem Schlachtfeld der Gefühle geworden. Wir waren, trotz unserer "Priesterschaft" eben doch "nur" Menschen. Diesen menschlichen Faktor durfte man nie ausser acht lassen, sonst würde man mit seinen Idealen immer an der Realität scheitern.

Ja, die sogenannte Realität, sie war es, die mir momentan die grösseren Probleme bereitete. Seit langem hatte ich grosses Unbehagen bei dem Gedanken, noch viele Jahre in meinem jetzigen Beruf tätig sein zu müssen. Zwar, den Kampf um die Ansprache mit meinem Familiennamen hatte ich gewonnen, doch was änderte dieser Sieg an der grundsätzlichen Unzufriedenheit mit meiner Arbeit? Immer klarer war mir in der letzten Zeit geworden, dass der Körper die Befindlichkeit der ganzen Person zum Ausdruck bringt. Um wirklich heilend wirken zu können, musste die Behandlung die Gedanken- und Gefühlswelt einbeziehen. Und nicht nur das, die Sinngebung und Sinnfindung waren von zentraler Bedeutung. Wieder war ich beim Hauptthema meines jetzigen Lebens: der Metaphysischen Dimension des Daseins, angelangt. Wie ein Kreis führten meine Gedanken immer wieder zu diesem Ausgangspunkt zurück. Wie konnte ich dieses wichtige Thema in meine berufliche Tätigkeit einfliessen lassen, ohne deren Rahmen zu sprengen? Darüber hinaus gab es da noch die Frage, wie man heilsam auf den Zustand der Erde einwirken konnte, mit dem es sowohl in sozialer wie auch in ökologischer Hinsicht nicht zum Besten stand. Das waren Fragen von solcher Tragweite, dass sie meine Fähigkeiten weit überstiegen. Das hatte mir mein Erlebnis mit Beate deutlich gezeigt. Wo ich doch schon bei einem derartigen, im grossen Kontext eher unbedeutenden Problem an meine Grenzen gestossen war. Aber, und das wurde mir immer klarer, die grossen Probleme dieser Welt setzten sich aus vielen solcher kleinen Puzzleteile zusammen. Also, konnte auch nur dort angesetzt werden.

Unzufrieden war ich eigentlich mit meiner Lebenssituation ganz allgemein. Vorher, in der Zeit vor meinen Traumerlebnissen, war ich mir dessen nie so bewusst gewesen wie jetzt. Nun, da ich mich getraute, meine Träume und Wünsche wichtig zu nehmen, wollte ich sie auch umsetzen, und das war nun wirklich nicht einfach. Bevor ich sie aber umsetzen konnte, musste ich natürlich genau wissen, was denn genau ich wollte. Das war das Schwerste. Was w o l l t e ich denn nun wirklich! Wie wollte ich leben? Das musste ich zuerst genau herausfinden. Denn es ist verhältnismäßig leicht, zu wissen, was man nicht will, zu wissen, was man will, darauf kommt es an! Das machte schon fast die ganze Magie aus. "Tu' was du willst!" lautete ein Ausspruch eines bekannter Magiers der Neuzeit, und sie war nicht als Aufforderung zu schrankenlosem Hedonismus gemeint. Alles Andere war dagegen vergleichsweise einfach. Ach, Georg, wärst du nur bei mir! Mit dir, das wusste ich mit Sicherheit, könnte ich diese Fragen klären. Vielleicht aber war es für mich ganz wichtig, sie erst einmal für mich selbst zu lösen, niemand konnte mir das abnehmen. Auch diesmal kam mir "die andere Seite" zu Hilfe. Wir trafen uns ungefähr alle zwei Wochen im Hinterzimmer der Buchhandlung zu einem "Fitnesstraining unseres Astralleibes", wie Margot es nannte. Dabei standen diverse Übungen auf dem Programm. Diesmal war es eine sogenannte Phantasiereise. Dabei ging es darum, durch bestimmte Entspannungstechniken die Schwelle zwischen Verstandeswelt und inneren Realitäten zu überschreiten, welche dann durch Bilder oder andere Wahrnehmungen zu uns sprechen sollten. Es handelte sich eigentlich um Träume im Wachzustand, bewusst herbeigeführte Träume allerdings. Ich fand mich fast sofort auf meiner, mir bekannten und vertrauten Apfelbaumwiese. Sie war bereits zu einem Tor in andere Realitäten für mich geworden, das ich gelernt hatte, bewusst zu durchschreiten, das Tor ohne Schlüssel, wie es in unserer Terminologie hiess. Hier aber war wirklich ein Tor, es führte unter einer Baumwurzel in die Erde.

Natürlich war es für mich da, wie ja die ganze Szene von meinem Unbewussten für mich geschaffen worden war. Also zwängte ich mich hindurch und begann bald, meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Wurzeln, die hier herabreichten, berührten meine Stirne, Feuchtigkeit glänzte an den Erdwänden und rieselte daran herab. Der Gang führte weiter und weiter in die Tiefe. Dann öffnete er sich zu einer kleinen Höhle. Irgendwoher kam diffuser Lichtschein, gerade soviel, dass ich eine Gestalt erkennen konnte, die da stand .Ihr Leib war plump und irgendwie nicht sehr ausgeformt. Ich hatte sie schon einmal gesehen, wo und wann, wusste ich nicht gleich. Doch gleich darauf fiel es mir ein, ja, die Venus von Willendorf sah aus wie sie! Es war eines dieser Mutteridole aus der Altsteinzeit, nur in Lebensgrösse, doch wirkte sie irgendwie beschädigt. Als ich nähertrat, sah ich Tränen über ihr nur angedeutetes Gesicht fliessen. Mir sank das Herz vor plötzlichem Mitgefühl, doch wie tröstet man eine Statue? Dann, im Näherkommen, bemerkte ich schmutzige Schlieren an ihrem Körper herunterrinnen, irgend eine giftig aussehende Substanz schien ihre Haut zu zerfressen. An mehreren Stellen war sie schon aufgelöst, sie blutete. Das Blut aber war schwarz, vergiftet und krank. "Hilf mir! Hilf mir, meine Tochter, ich brauche dich so sehr! " hörte ich ihre Stimme in Kopf und Herz. Hilflos in meiner Unfähigkeit umarmte ich die Gestalt und versuchte, ihre Tränen zu trocknen. Doch sie flossen immer ergiebiger, bis sie meine Füsse umspülten. Sie spülten mich schliesslich wieder an die Oberfläche zurück. Doch, wie hatte die sich verändert! Die Apfelbäume waren inzwischen dürr und entlaubt, das Gras verdorrt, eine kranke Sonne brannte auf die ganze Szene nieder. Einige Menschen waren da: Georg, der mich mit besorgter Miene in die Arme schloss, Die alte Frau aus meinem letzten Traum, Myriam, meine Tochter und ein mir unbekannter junger Mann, der anscheinend zu Myriam gehörte. Sie fassten einander an den Händen, auch mich, sodass wir fünf Menschen einen Kreis bildeten. Dieser begann plötzlich in einem hellen Schein zu leuchten und dieser Schein wurde stärker und immer heller. Eine Linie aus Licht führte zu einem anderen Kreis, von anderen Menschen gebildet; ein Netz aus Kreisen, durch Lichtlinien verbunden, überzog das ganze Land. Die Tränen, geweint von der Mutter in der Tiefe, quollen aus dem Schoss der Erde und brachten das Land wieder zum Blühen. Dann verblassten die Bilder, langsam kehrte ich wieder an die Oberfläche meines Bewusstseins zurück.

Es war Brauch, die Bilder anschliessend in der Gruppe zu besprechen, um gemeinsam ihre Bedeutung zu entschlüsseln. Diesmal entschuldigte ich mich, ich wollte zuerst alleine darüber nachdenken. Die Anwesenheit von Beate war ein weiterer Grund dafür, allmählich begann dieser Zwist auch die Gruppe zu beeinträchtigen, eine Lösung war nicht in Sicht.

Die Herrschaft des Frühlings hatte sich gefestigt, der April war weit fortgeschritten, bald würde die Hoch - Zeit aller Hexen anbrechen: Walpurgisnacht im Volksmund, Beltane für uns, das Fest der Fortzeugung allen Lebens durch die Verschmelzung der Polaritäten, Hieros - Gamos oder die Heilige Hochzeit hatten die Alten es genannt. Ich wurde zunehmend unruhiger, konnte nicht mehr richtig schlafen, wälzte mich von einer Seite zur anderen, bis mein Leintuch mehr und mehr einem Strick ähnelte. Georg hatte noch nichts von sich hören lassen, er fehlte mir. Die Anderen schienen mehr von ihm zu wissen, denn sie erwähnten sein Wegbleiben mit keinem Wort.

Eines Abends auf der Heimfahrt von meiner Arbeitsstelle fuhr ein Taxi parallel zu meinem Autobus, und ich hätte schwören können, dass Georg sein Fahrer war. Wie war das möglich? Bei der nächsten Ampel musste das Taxi ebenfalls anhalten, und ich hatte Gelegenheit, meine Wahrnehmung zu überprüfen: es war tatsächlich Georg! Im Fond des Wagens erkannte ich zu meiner Überraschung Franz und Margot. Die Drei waren in ein anscheinend intensives Gespräch vertieft. Mein Atem stockte. Die Enttäuschung trieb mir die Tränen in die Augen. Er war also da, war vielleicht immer da gewesen und meldete sich nicht bei mir, er belog mich also! Es hätte der höhnischen Bemerkungen der kritischen Mitbewohnerin meiner Persönlichkeit nicht bedurft, diesmal übertraf ich sie in der Kunst der Selbstzerfleischung. Und diesen Mann war ich bereit gewesen, zu heiraten, ich blöde Kuh! Und meine vermeintlichen Freunde hatten dabei noch mitgespielt!

Gut, ich war hoch geflogen und hart gelandet, es würde mir eine Lehre sein, Träume waren also doch nur Schäume! Die Erde hatte mich wieder, und diesmal würde sie mich behalten!.

Meine Hausrufanlage läutete. Unwillig hob ich den Hörer ab." Ja, bitte," meldete ich mich mit mürrischer Stimme. "Anna, Liebste, ich bin's Georg, mach schnell auf!" Die Stimme versagte mir, Groll und .....ja, war es denn möglich? Gerade hatte ich noch unter alles einen Schlusstrich gezogen, und da war sie, unzweifelhaft war es atemlose Freude, die ich jetzt fühlte, als ich auf den Öffner drückte. Meine widersprüchlichen Gefühle drückten mir die Kehle zu, ich konnte nichts sagen, als Georg endlich in der Türe stand. Er nahm mich in die Arme, da fiel alle Ambivalenz von mir ab, nur Freude, Liebe und unendliche Wärme erfüllten mich. Alle Vorsätze der letzten Stunde waren weggewischt, als wären sie nie da gewesen. Nun gehörten natürlich auch noch Tränen zu einem richtigen happy end und richtig, da waren sie auch schon, sie flossen reichlich und spülten alle meine Bedenken restlos weg. Sollte ich auch eine dumme Kuh sein, na wenn schon, dies wollte ich jetzt haben, und wäre die Reue später auch noch so gross!

"Anna, komm, sag schon, was hast du denn? Das sind doch nicht nur Freudentränen, die ich da sehe, oder?" " Ich habe dich heute im Taxi mit Franz und Margot gesehen" sagte ich vorwurfsvoll" du warst also nicht fort, wie du es mir weismachen wolltest." "Ja, Anna, es stimmt, ich war nicht fort. Trotzdem habe ich dich nicht angelogen, hör zu, es ist jetzt an der Zeit, dir alles zu erzählen. Du wirst mich dann verstehen. Und nun erfuhr ich, was ihn bewogen hatte, einige Zeit fortzubleiben, und ich verstand.

Er hatte, genau wie ich, früh geheiratet, seine Frau erwartete ein Baby. In unserer Jugend in den Sechzigern war das noch ein wichtiger Grund gewesen, zu heiraten, jedenfalls einer der häufigsten. Es geschah, wie bei vielen Paaren, sie hatten sich auseinander gelebt, liessen sich scheiden. Der Sohn war bei der Mutter geblieben. Georg, ohne Wohnung, mit Schulden ( er hatte für einen Kredit seiner Frau gebürgt, die sich beruflich selbständig machen wollte, sie hatte Schiffbruch erlitten, ihm waren die Schulden geblieben), erlitt einen Herzinfarkt. Er konnte nicht mehr in seinem erlernten Beruf, Maschinenschlosser, arbeiten. So hatte er begonnen, Taxi zu fahren, um sich durchzubringen. Eine Kollegin, selbst nach einer Trennung einsam, hatte ihn als Untermieter bei sich aufgenommen. So war es nur eine Frage der Zeit gewesen, dass sich die beiden Verwundeten zusammengefunden hatten, um gegenseitig ihre Wunden zu lecken.

Diese Beziehung, zwar nicht auf Liebe aufgebaut, doch von Sympathie und zu einem nicht unerheblichen Teil von Bequemlichkeit getragen, hatte noch bestanden, als wir uns begegnet waren. Er hatte sich nun vorgenommen, Ordnung in sein Leben zu bringen, bevor er mit mir einen neuen Lebensabschnitt beginnen wollte. Deshalb war er auch so betont zurückhaltend gewesen. Ausserdem hatte er in einer Gewaltanstrengung fast Tag und Nacht gearbeitet. Er wollte schuldenfrei sein, wenn wir heirateten. Das war ihm nicht ganz gelungen, denn die Schulden durch sein Buchprojekt waren noch dazugekommen. Doch ein ganz wesentlicher Teil davon war abgezahlt, der Rest würde zu bewältigen sein.

"Oh, Georg, verzeih mir, ich habe an deiner Ehrlichkeit gezweifelt und dabei alles verworfen, was ich bisher erlebt habe, ich bin ein Esel! " " Ja, und ich finde Esel besonders nett," lachte er fröhlich und wirbelte mich im Kreis herum, indem er mich hochhob. Wir beschlossen und es fiel uns ausserordentlich schwer, "jungfräulich" in die Ehe zu gehen. Hatten wir schon so lange gewartet, kam es nun auf ein paar Tage mehr auch nicht mehr an. Im Zeichen des Kreises hatten wir uns das erste Mal geküsst, in diesem Zeichen wollten wir auch unsere Liebe besiegeln, so war es für uns richtig und gut, alles Andere zählte nicht. Dies würde das Beltane unseres Lebens werden, und jedes Jahr von nun an würde dieses Fest für uns auch diese besondere Bedeutsamkeit mit einschliessen.

Der Kreis des Jahres würde zugleich auch der Kreis unseres Lebens sein, die Beiden würden einander überlagern, durchdringen und endlich zu einem Einzigen verwachsen, immer sich erneuernd, bis er endlich, am Ende dieser, unserer Zeit, in einen Neuen, Grösseren, einmünden würde. So mote it be, blessed be!

Bis dahin hatten wir noch sehr Vieles zu erledigen: die Wohnung, bis jetzt ein kleiner Single - Haushalt, musste nun zwei Menschen beherbergen, das war, ob ihrer Kleinheit nicht leicht zu bewerkstelligen. Wir bauten ein bequemes Hochbett ein, unter dem wir alle unsere Kleider aufbewahrten. Ferner planten wir, nach unserer Hochzeit eine Zwischendecke aus Holz in der Küche einzuziehen, um zusätzlichen Stauraum zu gewinnen. Damit wären die ärgsten Platzprobleme schon gelöst. Nun kamen erst die echten Probleme auf uns zu: unsere Kinder, besonders Myriam. Sie hatte von der Entwicklung der letzten Monate keine Ahnung, waren ihre Energien doch mit ihrer, ihr letztendlich doch notwendig erschienenen Trennung von Sascha mehr als absorbiert gewesen. Georgs Sohn, Joschi, war mit der Welt seines Vaters weniger verbunden gewesen, es würde ihn also nicht sosehr erschüttern, von einer neuerlichen Ehe zu erfahren. Noch dazu, wo wir uns entschlossen hatten, vorerst auf eine zivile Trauung zu verzichten, da wir auf die materiellen Vorteile dieser Lösung nicht verzichten konnten. Unsere finanzielle Situation war einfach zu angespannt. Also Myriam. Ich rief sie an und bat sie, dringend zu mir zu kommen. "Ist etwas geschehen, Mama?" fragte sie, hörbar besorgt. " Ja, Myriam, es ist sehr viel geschehen. Es ist mir sehr wichtig, dir alles zu erzählen, bitte, komm, sobald du kannst!" Sie kam am Vorabend des Beltane - Festes. Sie drückte auf den Knopf der Hausrufanlage. Georg antwortete. Pause, dann: " Ich wollte zu Waldstein, bitte. Wer ist denn hier?" " Sie sind schon richtig, kommen sie rauf!" Verwirrt blickte sie von Einem zum Anderen, als sie eintrat. "Ich wusste nicht, dass du Besuch hast, Mama. Du hast mir nichts gesagt. Komme ich ungelegen?" " Du kommst gerade recht und keinesfalls ungelegen. Darf ich dir hier Georg Lassnitz vorstellen, meinen künftigen Mann." Meine Myriam, immer so bedacht darauf, erwachsen und "cool" zu wirken, konnte in diesem Augenblick ihre Züge nicht beherrschen, zu gross war die Überraschung für sie gewesen. Doch das war ja nur zu verständlich. " Mama, ich wusste nicht....,du hast ja gesagt, es gibt Niemanden.......und jetzt Hochzeit.......!" " Setz dich erst einmal, dann mach ich dir wieder einen Kakao, und dann reden wir. Es ist nämlich nicht ganz einfach zu erklären," und das war noch eine Untertreibung.

......." Und so ist das gekommen, was in allen Märchen den Schluss bildet: sie kriegten sich, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute." bemerkte Myriam mit spitzer Zunge, als ich meine Erzählung beendet hatte.

Eine Fähigkeit, die sie bis zur Perfektion beherrschte, was mich früher oft zur Verzweiflung getrieben hatte. Diesmal konnte ich ihr keinen Vorwurf daraus machen. "Du wirst doch nicht erwarten, dass ich bei eurem Hexen - Hochzeits - Hokuspokus dabei bin?" " Es würde mich sehr, sehr freuen, wenn du dabei wärest. Ich akzeptiere es aber, und ich kann es auch wirklich verstehen, wenn du das nicht willst. Aber Myriam, es geschieht, auch ohne deine Zustimmung, und es würde mich sehr froh machen, wenn du uns Glück wünscht, auch wenn du es nicht nachvollziehen kannst. Wirst du?" " Das kann und will ich nicht!" stiess sie zornig hervor.

"Du teilst mir plötzlich, wie aus heiterem Himmel mit, dass du einen grössenwahnsinnigen Taxifahrer, der sich als Guru aufspielt, und den du nicht einmal richtig kennst, morgen heiraten willst, und erwartest von mir, dass ich dir dazu Glück wünsche!" sie war dabei, sich in einen richtigen Furor verbalis hineinzusteigern. " Ich kann mir das nur mit Wechseljahres - Torschlusspanik erklären, du bist ja nicht mehr du selbst!" Damit hatte sie mich nun wirklich tief getroffen, denn diese Ausdrucksweise ähnelte der meiner sattsam bekannten inneren Mitbewohnerin aufs Haar. Nun würde Georg sie wohl hinauswerfen, zu sehr hatte sie ihn beleidigt. " Das war wohl etwas unter der Gürtellinie," liess sich dieser jetzt vernehmen." Sie müssen Ihre Mutter nicht so beleidigen.

Von mir will ich einmal absehen, Sie kennen mich nicht, und von Ihrer Warte mag das auch so aussehen. Doch Eines muss ich Sie bitten: urteilen sie nicht zu schnell und zu hart, wie leicht könnten sie danebenliegen mit ihrer Einschätzung! Lernen wir uns doch erst einmal kennen, sie müssen mich ja nicht als Familienmitglied akzeptieren, das erwartet weder Ihre Mutter noch ich von Ihnen."

Meine Liebe besass er bereits, nun hatte er auch meine Bewunderung errungen, denn diese überlegene Reaktion hatte ich nicht erwartet. Meine Seele, die sich in den ganzen Jahren meines Alleinseins nackt und ungeschützt gefühlt hatte, begann, sich in die weiche Hülle seiner väterlich - männlichen Wärme hineinzuschmiegen. Von dieser schützenden Umhüllung aus konnte ich Myriams Reaktion jetzt auch als das sehen, was sie wirklich war: der hilflose Zorn eines überforderten Kindes. Und auch auf sie, meine Tochter, übte er mit diesen Worten eine merkbare Wirkung aus. Sie entschuldigte sich bei uns beiden und versprach, zu dem anschliessenden Festessen zu kommen. Wenn das kein Erfolg war!

B E L T A N E

Sehr zeitig am Morgen läutete das Telefon. Das schrille Geräusch riss mich unvermittelt aus der Höhle, der meines Wachtraumes der letzten Phantasiereise. Was hatte ich nur diese Nacht dort gewollt? Wenn man so rasch aus einem Traum gerissen wird, vergisst man leicht seinen Inhalt. So erging es auch mir, und es wäre mir doch so wichtig erschienen, den Traum meines Hochzeitstages im Gedächtnis zu behalten. Nur ein Bild hatte ich noch vor Augen: ich war dabei gewesen, die Mutterstatue von Schmutz zu reinigen, dabei hatte ich ein Lied gesungen, ein Zauberlied in diesen ungewöhnlichen Harmonien, wie damals, beim Vollmondfest. Langsam hatte sie die schweren Lider geöffnet und mich mit einem Blick, der wie aus weiter Ferne zu kommen schien, angesehen. Ihre Haut hatte, als ich mit meinen Bemühungen, sie zu reinigen fortgefahren war, glänzend schwarz zu schimmern begonnen. Einer ihrer Arme, die vorher über den schweren Brüsten geruht hatten, löste sich von seiner Unterlage, und sie hatte mir etwas gereicht, eine welke, wie tot wirkende Pflanze. Dann war ich durch das Läuten der Hausrufanlage aufgewacht.

Es war Georg: " Ihr Weckruf, Madame!" klang seine Stimme fröhlich aus dem Hörer. "Lädst du mich zu einem feinen Frühstück ein, ich bringe auch das Gebäck," fragte er und klang dabei sehr munter. " He, weisst du, wie spät es ist," fragte ich ihn verschlafen. " Natürlich weiss ich das, es ist schon halb sieben Uhr," erwiderte er mit gespieltem Vorwurf in der Stimme.

" Ich warte schon seit einer halben Stunde unten, weil ich wusste, dass du noch schläfst, aber jetzt kann ich es nicht mehr erwarten, zu dir zu kommen, weisst du. Mach schnell auf!" Ich kletterte, noch taumelig, von meinem neuen Hochbett herunter. Das konnte ja heiter werden, wenn er bei mir einzog! Durch seine Schicht, die um ! vier Uhr früh! begann, war er zu einem Frühaufsteher geworden, ich aber war eine Schlafmütze, na ja, nun begannen also die banalen Spannungs - und Reibungspunkte einer Ehe, daran konnte man nichts ändern, ausser man heiratete eben nicht.

Worauf hatte ich mich da eingelassen! Aber, da kam er schon, fröhliche Munterkeit versprühend, die Treppe herauf, nahm mich gleich darauf in die Arme, und schon waren meine pessimistischen Gedanken wie fortgeblasen. Er hatte die letzten Wochen im Hinterzimmer der Buchhandlung verbracht, auf einer Liege, die dort aufgestellt war, um bei längeren Inventurarbeiten die Nacht gleich dort zu verbringen zu können. Seit der Trennung von seiner Freundin hatte er natürlich bei ihr nicht mehr wohnen können. Heute würden wir das erste Mal zusammen in unserem neuen Bett schlafen. Bei dem Gedanken daran wurde mir ganz schwach zumute, alles Blut verlagerte sich vom Kopf in etwas tiefer gelegene Regionen.

Unsere Jahresfeste finden in der Regel ab Einbruch der Dunkelheit statt. Das erklärt sich aus der alten, keltischen Tradition, die davon ausgeht, dass die Nacht die Mutter des Tages ist. Also leitet das Fest in der Nacht den Festag ein, es gebiert ihn sozusagen. Wir hatten für diesen Tag mit der Tradition gebrochen, denn für den Abend war ein Saal in einem rustikalen Ausflugslokal in der unmittelbaren Nähe des schon bekannten Berggipfels im Wiener Westen gemietet worden. Dort wollten wir mit Freunden und Verwandten, die nicht unserem Kult angehörten, ausgiebig feiern.

Ich hatte mir aus diesem fliessenden, seidigen Stoff, dem aus meinen Träumen ( der Stoff, aus dem die Träume sind ? ), ein langes, nur leicht tailliertes Kleid genäht, das meine Figur sanft umspielte. Dazu trug ich einen zarten Schleier, der durch einen Kranz aus Wiesenblumen festgehalten wurde. Vielleicht etwas zu jugendlich für mein Alter, mag sein, doch genau so entsprach es meinem inneren Bild, und ausserdem kleidete es mich wirklich gut. Für Georg hatten wir eine ganz gerade fallende Hose aus grobem, naturweissem Leinen und eine Art Hirtenkittel aus dem gleichen Stoff erstanden. Auch er bekam einen Blumenkranz. Wir sahen beide aus, wie einem Märchenbuch entstiegen, genau so fühlten wir uns auch.

Margot und Franz warteten schon auf der Lichtung, als wir, begleitet von den Brüdern und Schwestern, den kleinen Platz betraten. Beate fehlte, das versetzte mir einen leichten, schmerzhaften Stich in der Herzgegend. Sie war seit ihrem Eintritt in den Coven in Georg verliebt gewesen, nun hatte sie ihn mir, der Erfolgreicheren, überlassen müssen. Mein Mitleid schien mir irgendwie falsch, unecht, war es wahrscheinlich auch, denn meine Freude wurde dadurch nur leicht getrübt. Ich wollte mir diesen Tag durch nichts verderben lassen.

Der Kreis, mit Blumen ausgelegt, wurde geweiht. Das immer gleichbleibende Einleitungszeremoniell begann. Die Göttin, danach der Gehörnte wurden in den Kreis gerufen, sie folgten den Anrufungen, kamen mit der ihnen eigenen Macht und der Energie, der sich Keiner im Kreis entziehen konnte. Es war das immer wieder ehrfürchtig erschauern machende Mysterium, uralt, doch immer wieder neu in seiner urtümlichen Gewalt. Zitternd und bebend legte ich meine Hand in die, gleichermassen Zitternde von Georg, um sie mit einer Kordel zusammenbinden zu lassen.

"Im Namen der Göttin, ich binde euch aneinander, dass ihr Eins werdet in eurer Liebe, auf dass ihr die Worte der Göttin vernehmt in euren Herzen. Denn ich bin die Mondin, die aufgeht und leuchtet und stirbt - der Wandel der Gezeiten, Flut und Ebbe, Glück und Pein. Göttin bin ich der Sanftmut und Liebe, ich umfasse euch in Schmerz und Freude. Seid Eins miteinander in meinem Namen!" So sprach die Hohepriesterin, dann reichte sie Georg den Kelch mit den Worten: " Mögest du in deiner Frau das Antlitz der Göttin erkennen und sie ehren, die dich gebar und dir das Leben schenkte, die dir Mutter ist und Geliebte und Gemahlin." Nun wendete sie sich mir zu: "Tochter der Grossen Göttin, mögest du ihr Ehre machen und das Gefäss sein, aus dem sich ihre Kraft verströmt. Sei diesem Mann Mutter, Geliebte und Gemahlin!" Damit reichte sie mir den Kelch, und ich nahm einen tiefen Schluck daraus. Der Wein war mit Kräutern versetzt und gesüsst, doch ob mir davon schwindelte oder vor innerer Bewegung, wusste ich nicht. Es war auch nicht von Bedeutung, nichts war mehr von Bedeutung ausser diesem Hier und Jetzt.. Nun sprach der Hohepriester, indem er uns die Hände auf den Kopf legte: "Ich binde euch aneinander, dass ihr Eins werdet in eurer Kraft, sodass ihr die Worte des Gottes in euren Herzen vernehmt. Denn ich bin die Sonne, die aufgeht und leuchtet und stirbt, der Wandel der Zeiten, der Frühling, der Sommer, der Herbst und der Winter; die Ernte, die Dürre, die Stärke, die Macht. Ich umfasse euch in Schmerz und in Freude. Seid Eins miteinander in meinem Namen. Nun folgte die Aufforderung an mich:" Mögest du in deinem Mann den Gott erkennen, ihn ehren, der dich zeugte und dir das Leben schenkte, der dir Vater ist, Geliebter und Gemahl." zu Georg gewendet, "Sohn des Grossen Gottes, mögest du ihm Ehre machen und das Gefäss sein, aus dem er seine Kraft verströmt." Georg holte nun die Ringe aus seinem Hosensack und gab sie der Hohepriesterin.

Es waren dreifach verschlungene Ringe aus Gelb,- Rot- und Weissgold, ein Zeichen der Dreifachen Göttin, die unsere Verbindung segnen sollte. Sie sprach Georg die Worte vor, die er wiederholte, laut und mit voller Stimme:" Im Angesicht von........und..........( Namen von Gott und Göttin, die in unserem Coven gebräuchlich waren), ich Merlin, nehme dich, Morgan mit Herz und Hand an mich. Ich will dein Freund sein und Beschützer, dein Sohn, Vater, Gemahl und Gefährte in Glück und Unglück. Meine Kraft sei die Deine, dein Streben das Meine. Damit streifte er mir den Ring über, etwas behindert durch unsere Fesselung. Das Gleiche wiederholte ich nun, nachdem der Priester mir vorgesprochen hatte.

Der Ring klemmte ein wenig, als ich ihn Georg überstreifte, doch dann war es vollbracht. Der Coven sang ein wunderschönes, mehrstimmiges Lied für uns - es war sicher nicht leicht einzustudieren gewesen. Georg küsste mich lang und innig, dann mussten wir gemeinsam über das Feuer springen, ein Symbol der Reinigung und der Bindung. Ich raffte mein Kleid, wir nahmen Anlauf und sprangen in weitem Bogen, und doch versengte ich seinen Saum. Ich sehe es mir heute noch manchmal an, nie habe ich diese Beschädigung ausgebessert. Sie blieb als Erinnerung an diesen Tag immer erhalten. Nun sprangen alle, Paar oder Single, der Kelch kreiste, es wurde gratuliert, gesungen und um das Feuer getanzt, bis es dunkel war. Das Feuer brannte langsam herunter, der Kreis wurde aufgelöst. Dann sprachen wir einen Segen für diesen Platz, der uns gastlich aufgenommen und unserem Fest eine freundliche Stätte gewesen war. Der Coven betrachtete sich als Hüter dieser, als besonderer Kraftort erkannten Lichtung und tat alles in seiner Macht Stehende, dieser Aufgabe auch gerecht zu werden.

Im Lokal, das wir nach einem kurzen Fussmarsch erreichten, waren inzwischen schon viele Menschen versammelt. Sie hatten den leiblichen Genüssen, besonders den flüssigen, schon etwas zugesprochen und waren bester Laune. Der Geräuschpegel war dementsprechend hoch. Georg stellte mich nun zuerst seinen Eltern vor. Es waren adrette, freundliche, ziemlich kleinbürgerlich wirkende Leute, ein grosser, stattlicher Vater mit Bäuchlein ( das war wohl eine Familieneigenheit ) und eine sehr kleine, rundliche und betuliche Mutter. Beide fühlten sich sichtlich etwas fehl am Platze in dieser sehr unbürgerlichen Gesellschaft. Doch sie waren auch sehr bemüht, das nicht zu zeigen. Jedenfalls begrüssten sie mich wirklich mit echter Freude und Herzlichkeit, und die wollte ich ihnen auch zurückgeben, das nahm ich mir vor. Auch Joschi, Georgs Sohn, war gekommen. Etwas verlegen gab er mir die Hand und musterte mich verstohlen mit den Augen seines Vaters. Dadurch war er mir sofort sympathisch. Er musste ungefähr im Alter von Myriam sein, so um die Zwanzig, schätzte ich. Er studierte LÖK, erzählte er mir später stolz, als wir uns etwas unterhalten konnten. " Was ist LÖK, bitte," fragte ich, in fürchterlicher Unbildung. " Landschaftsökologie," antwortete er, indem die Verachtung über solches Unwissen in seiner Stimme mitschwang.

Oje, da würde ich mich wohl ein bisschen anstrengen müssen, um seine Anerkennung zu gewinnen! Vorher musste ich aber noch die anderen Gäste begrüssen, die uns laut hochleben liessen. Wo war Myriam nur, sie hatte doch versprochen, zu kommen!

Enttäuschung legte sich wie ein schwerer Stein in meine Magengrube. Mein Mann bemerkte es sofort und drückte mir aufmunternd die Hand. Das Buffet wurde eröffnet, alles strömte in seine Richtung, und der Geräuschpegel sank kurzfristig. Einige, glücklicherweise kurze Reden wurden gehalten, dann nahm das Fest seinen Lauf. Da ging die Türe auf, und Myriam trat in den Saal. Lächelnd kam sie auf uns zu, umarmte mich herzlich, gab Georg die Hand und gratulierte uns, indem sie mir eine wunderschöne Glasschale übergab: "Bitte, verzeiht mir, was ich gestern zu euch gesagt habe. Ich wünsche euch aus ganzem Herzen Glück für euer gemeinsames Leben. Ich glaube, ich war ein wenig eifersüchtig, weil meine Beziehung gescheitert ist, und ihr beiden Alten seid so glücklich miteinander. Aber, c'est la vie! Also, meine besten Wünsche habt ihr, was ihr damit macht, ist eure Sache," sagte sie in ihrer unnachahmlich schnoddrigen Art, und weg war sie.

Als ich später in Richtung Ausgang unterwegs war, weil die Getränke ihren Tribut forderten, sah ich Myriam und Joschi beisammen sitzen und eingehend miteinander sprechen. Lachend und kichernd wie kleine Kinder steckten sie die Köpfe zusammen. Ganz offensichtlich verstanden sie sich prächtig. " Kann mir nur recht sein, wenn die neue Familie zusammenwächst," dachte ich erfreut, bevor ich durch andere Dinge wieder davon abgelenkt wurde.

Später erhielten wir Geschenke von unseren engsten Freunden. Alfred und Vera überreichten uns ein kleines Päckchen mit den Worten: " Das ist für euer trautes Heim, ihr könnt es in den 'Frau - Göttin - Winkel' stellen. Aus dem Papier schälte sich eine kleine, weibliche Figur mit grossen Brüsten und überdimensioniertem Gesäss. Die Unterarme hatte sie auf den Brüsten liegen und das Gesicht war nicht ausgeformt: eine Nachbildung der Venus von Willendorf in Originalgrösse. Ich erstarrte. Ich hatte die Bilder meiner Phantasiereise niemandem mitgeteilt, doch hier, am Tag meiner Hochzeit war Sie mir wieder erschienen, gleichsam als ein Hauptthema oder als die Überschrift zur Geschichte meines künftigen Lebens mit Georg. Man konnte es mit Gustav Jung 'Synchronyzität' nennen oder dem Ereignis einen anderen wissenschaftlichen Namen geben, Eines war mir klar: Irgend Etwas oder Irgend Jemand führte hier ganz entschieden Regie.

Das Fest nahm seinen Lauf. Rundtänze nach Bretonischen Volksweisen wurden getanzt, dabei gab es grosses Gelächter und lärmendes Gepolter, da die Tanzschritte ungewohnt waren und viele Tänzer stolpernd aus dem Tritt gerieten. Der Alkohol tat das Seinige dazu. Ich suchte Georgs Blick, unsere Augen trafen sich in schweigendem Einverständnis. Im allgemeinen Tumult fiel es niemandem auf, als wir leise verschwanden. Hand in Hand gingen wir, ohne zu sprechen, durch die sternklare Nacht zur Lichtung zurück. Es bedurfte keiner Worte zwischen uns. Das Feuer war bereits zu flackernder Glut niedergebrannt, doch gleich darauf hatten wir es wieder mit neuem Reisig entfacht. Während Georg im Wald nach weiterem Holz suchte, um das Feuer zu nähren, schob ich in einer Kuhle dürres Laub zusammen, das vom letzten Herbst liegengeblieben war. Es bildete bald ein weiches Lager.

Die Nacht war weit fortgeschritten. Der Grosse Wagen war bereits vom Zenit verschwunden, gerade der letzte Stern der Deichsel war noch über der Lichtung zu sehen. Es war ganz still, als hielte der Wald den Atem an, als Georg mir mit einer sanften aber bestimmten Bewegung das Kleid abstreifte. Er war bereits nackt, das fiel mir jetzt erst auf. Unsere Blicke ruhten ineinander, langsam umfassten wir im tanzenden Flammenschein die Gestalt des Anderen, nahmen in einem einzigen Augenblick jede Rundung, jede Pore seiner Haut wahr und drangen gleich darauf in sein innerstes Wesen vor, einander erkennend, durchdringend, liebend.

Nun kniete Georg vor mir nieder und ehrte mich mit dem Fünffachen Kuss. Als er die Schamgegend erreichte, durchfuhr mich ein wollüstiger Schauer, wie ich ihn noch nie in meinem Leben verspürt hatte. Bei den Lippen angelangt, küsste er mich mit einer Mischung aus Verehrung und Verlangen. Noch nie hatte mich ein Mann so geküsst. Er legte mich auf das Laubbett. Dabei verdeckte seine Silhouette den Himmel, und ich sah etwas: unwirklich und schemenhaft krönte ein mächtiges Geweih seinen Kopf. Er schien ins Riesenhafte zu wachsen. Dann begann er die Worte des Grossen Ritus zu intonieren, wobei der Widerhall seiner Stimme durch alle Welten klang.

Wie ein Hauch aus einer anderen, viel älteren Zeit wehte es mich an und ich glaubte, diesen Text mitsprechen zu können, obwohl er mir unbekannt war. Etwas sehr Gewaltiges, Übermächtiges senkte sich auf mich herab, durchdrang mein Selbst. Ich dehnte mich bis zu den Sternen, ja, war das Universum selbst und doch gleichzeitig auch sein Mittelpunkt. Aus den Augenwinkeln nahm ich irisierende Lichter wahr, mehr den inneren Sinnen als den Augen erkennbar. Es huschte und raschelte im Gebüsch, leuchtende Augen schienen auf uns gerichtet. Die Kleinen Wesen sahen uns erwartungsvoll zu.

Seit ihnen keine Realität mehr zugestanden wurde, führten sie eine Existenz in einem Zwischenreich, das immer weiter und weiter von unserer Welt wegdriftete, und doch waren sie unsere älteren Geschwister. Seit undenklicher Zeit waren ihre Alten Götter verbannt gewesen, in den Untergrund gedrängt, verleumdet und missachtet. Nun waren sie wieder gekommen, die Göttin und ihr Gefährte, der Gehörnte und zelebrierten im Angesicht ihres Hofstaates den uralten Ritus der Erneuerung des Lebens. Und unter mir, in ihrem dunklen Reich, öffnete die Mutter der Tiefe die Augen, bereit, sich zu erheben, wieder ans Licht zu treten, um die Insignien ihrer Macht wieder an sich zu nehmen.....

Der Augenblick der Vereinigung führte mich hinaus aus Zeit und Raum, es war das grosse Schweigen vor Beginn der Schöpfung, das Nicht Unterschiedene, die Einheit,.......dann der dimensionslose Punkt im All, die Monade........plötzlich Urknall, explodierende Universen, sich entrollende Galaxien, feurige Sonnen, die ihre Eruptionen weit ins leere All hinausschleudern.......dann, endlich, verlangsamt sich alles wieder, kommt zum Stillstand, wird wieder weiches Laub unter meinem nackten Körper, schwarze Baumsilhouetten über mir, ein warmer, nun entspannter Männerleib, der schwer auf mir lastet. Ich fühle den Herzschlag der Erde im gleichen, archaischen Rhythmus pochen wie mein Blut. Und dieses Pochen bildet den Takt zum Gesang der Sterne, die über uns kreisen. Rauschen meines Blutes in meinen Ohren, oder ist es Ihr Blut? Leises Raunen, fast nicht mehr vernehmbar....."das Mysterium von Lanze und Gral.......erneuertes Leben.......Knospe, Blüte, Frucht und Same...der Kreis.... schliesst sich...."

Dann lagen wir nebeneinander, Hand in Hand und sahen langsam den Himmel über der Lichtung hell werden. Das Feuer war nur mehr weiss zerfallende Asche, die hier und da noch leise knisterte. Trotz der Kälte des frühen Morgens, die langsam in Bewusstsein und Körper drang, war in mir Wärme. Es war die Wärme erfüllter Liebe, die sich ihrer selbst gewiss, in allen Zellen meines Körpers ausbreitete wie ein anheimelndes Feuer in einem freundlichen Haus. Und mir war, als hätten alle Wege meines Lebens nur den einen Sinn und Zweck gehabt, nämlich, mich zu dieser wärmenden Flamme zu führen, die mein Leben von diesem Tag an erhellen und uns beiden den weiteren Weg erleuchten würde. Unser gemeinsames Leben stand unter einem guten Stern. Glück und Freude erfüllten mich, wenn ich, morgens erwachend, meinen Mann neben mir ruhig atmen hörte. Dann konnte ich manchmal gar nicht glauben, was mir an Gutem widerfahren war. Wenn ich mein Gefühl in ein Bild fassen hätte sollen, dann wäre es das Bild einer weichen Daunendecke geworden, in die ich mich sanft zurückfallen lassen konnte. Und doch, eine unbestimmbare Unruhe war in mir, die ich nur in den kostbaren Augenblicken der Liebe kurzzeitig vergessen konnte." Was ist mit dir?" fragte Georg immer wieder und sah mich dabei nachdenklich an. " Bist du nicht glücklich?"

Da ich meinen Zustand nicht in Worte fassen konnte - es war mir immer so, als bekäme ich es gleich zu fassen, und dann war es doch wieder weg, wie ein Schatten , auf den man doch nie treten kann, so sehr man auch glaubt, ihn jetzt gleich zu erreichen,- sagte ich etwas wie: "Ich möchte so gerne die Sterne über mir sehen, wenn ich im Bett liege." Als ich an diesem Tage von der Arbeit nach Hause kam, klebten diese kleinen Sterne, die im Dunkeln durch einen chemischen Vorgang leuchten, an der Decke über unserem Hochbett. Diese und andere, kleine Gesten der Zuneigung machten mich irgendwie schuldbewusst. War ich vielleicht undankbar, nicht zufrieden zu stellen?

Eines Tages, es war ein Samstag, unser Aufräumetag, wollte ich unbedingt die Wohnung entrümpeln. Das war nun wirklich notwendig geworden. Jetzt, da zwei Menschen ihre Besitztümer auf so engem Raum unterbringen mussten, führte, wie ich meinte, kein Weg mehr daran vorbei, zum Leidwesen meines Mannes, der sich in seiner Bequemlichkeit sehr gestört fühlte.

Also begann ich mit meinen Aktivitäten in der Küche, um ihm noch eine kleine Gnadenfrist im einzigen Zimmer unserer Wohnung zu gewähren, wohin er sich dann auch brummelnd zurückzog. Halbleere Putzmittelflaschen, Plastikgebinde, Fertigsaucen, Fertigwürzmischungen, angebrochene Packungen mit Knabbergebäck, Plastikflaschen,.... dann die Kosmetikabteilung: antike Badezusätze (wann hatte ich die denn gekauft?), Cremereste in phantasievollen, Schönheit und ewige Jugend versprechenden Verpackungen, halbleere Puderdosen, alte Lippenstifte, deren Farben mir einmal unverzichtbar zu irgendeiner Garderobe erschienen waren... all dies tauchte aus den tiefsten Grüften des Vergessens auf und bildete bald einen Berg von beachtlicher Grösse in unserer winzigen Küche. Jetzt war es auch vorbei mit dem Rückzugsgebiet meines Mannes, das Zimmer wurde in Angriff genommen..

Alte, zum Teil nicht einmal angelesene Zeitschriften (die Bücher waren Tabu), Prospekte, in welchen Dinge wie TV-Geräte, HI-FI Ausstattungen ect. angeboten wurden, ehemals unbedingt benötigte Pullis, unmodern gewordene Schuhe, und was sich eben in jedem modernen Haushalt im Laufe der Zeit ansammelt und dann an diverse karitative Organisationen weitergereicht wird. Das ergibt doppelten Wohlfühl - Effekt: zum Ersten den unübersehbaren Platzgewinn ( der alsbald wieder mit neuen, unverzichtbaren Dingen ausgeglichen wird), zum Zweiten: das Hochgefühl der eigenen Wohltätigkeit, das sich einstellt, wenn man Dinge, die man selbst nie wirklich gebraucht hat, nun denen weitergibt, die sie ebenfalls nicht brauchen, sie aber im demütigenden Zustand der Bedürftigkeit nicht ablehnen können. Ich sass also inmitten dieser Dinge, die, glaubt man den überzeugenden Beteuerungen der Werbung, unser Menschentum erst ausmachen und stellte mir einige, drängende Fragen: Was von Allem hatte je zu meinem Glück beigetragen, und was davon hatte ich jemals wirklich, ich meine, w i r k l i c h gebraucht? Daraus machte ich nun einen gesonderten Berg. Er wurde sehr klein, ein Hügelchen im Vergleich zu jenem aus Wohlstandsmüll. "Was machst du?" fragte Georg mit erstauntem Blick. "Setz dich hin, denn das wird, glaube ich, ein längere Vortrag werden," forderte ich ihn auf. Georg sah sich im Zimmer um und erwiderte dann, mit einer resignierenden Geste: "Ja, gerne, wenn du mir sagst, wohin." Er setzte sich, in Ermangelung einer anderen Sitzgelegenheit, neben mich, an den Fuss des Müllgebirges. "Also, du siehst hier die wirklich lebensnotwendigen Dinge." Dabei holte ich einige, wenige Bestandteile des kleinen Hügelchens noch davon heraus und bildete aus ihnen ein noch Kleineres, sozusagen ein Subhügelchen." Daneben, etwas grösser, siehst du die Sachen, die mir das Leben ein wenig angenehmer gemacht haben, wir wollen also nicht so streng sein und sie nicht ganz verurteilen. Alles Andere aber - und sieh her, wie gross der Berg daraus ist,- alles Andere ist Ramsch. Ich habe es in Wirklichkeit nie gebraucht. Und wieviel Geld, dass heisst, Arbeitskraft steckt hier drinnen; ich darf gar nicht daran denken, sonst werd ich richtig wütend! " Georg blickte versonnen auf die Hügel: "Na ja, hast schon recht, ich beginne zu verstehen, was du mir sagen willst, aber..." " Warte, lass mich weiterreden, ich bin noch nicht fertig, das Wichtigste kommt noch. " Was wir aber wirklich, ich meine essentiell brauchen, was ist das, deiner Meinung nach?" Er überlegte kurz, dann sagte er, immer wieder nachdenkend:

"Ich würde sagen: Essen,..... Lebensmittel, das heisst, nicht irgend einen denaturierten Nahrungsmampf, sondern vitale, gesunde Nahrung..... Kleidung,......... dann Wohnraum, der sollte gemütlich sein und Privatsphäre garantieren, dann ......emotionale Geborgenheit ...... befriedigende Sozialkontakte....ja, das fällt mit jetzt so aus dem Stehgreif ein. Weisst du noch etwas?" "Ja, noch ziemlich viel: Ich wünsche mir Arbeit, die ich als sinnvoll erlebe, am besten irgendwie eingebunden in mein Leben, nicht so davon abgesetzt: acht Stunden Arbeit, dann Freizeit, alles in ordentliche Päckchen gepackt. Am meisten aber wünsche ich mir,.......- das ist mir jetzt gerade eingefallen,- ich möchte nicht in einer Schachtel über und neben anderen Schachteln leben, die Füsse auf hartem Asphalt, den Kopf in Smog und Ozon, inmitten grauer Häuser und ebensolcher Menschen.

Ich möchte unter meinen Füssen die Erde fühlen, über mir den Himmel sehen, möchte Wald, Bäume, Blumen,......selbstgebautes Gemüse essen, freier atmen, nicht so kontrolliert und reglementiert leben,......ach, Georg, ich sehne mich so nach meiner Apfelbaumwiese!

Ich will so Vieles, aber nicht mehr diesen Ramsch, diesen Instant - Lebensersatz! Jetzt war es heraussen. Lange hatte es gedauert, bis es mir mit dieser Deutlichkeit bewusst geworden war! Georg sah mich verblüfft an: "Liebste, ich fürchte, das übersteigt unsere finanziellen Möglichkeiten. Du weisst, ich bin kein reicher Mann, ich kann dir kein Haus im Grünen kaufen." " Das erwarte ich doch nicht von dir, du lieber Dummkopf, und das träfe es auch nicht. Aber Georg, ich bin so froh, dass ich jetzt endlich weiss, was ich will!" Als wir anschliessend gemeinsam den Müll hinunter zum Container trugen, fragte uns eine Nachbarin, die gerade die Treppe herauf kam: "Ziag ma aus, Frau Waldstein? Ja, ja, is ja doch a bisserl eng die Wohnung, für zwa Leut!" "Ja, Frau Simacek, es ist alles viel zu eng," gab ich zur Antwort, wohl wissend, dass sie etwas Anderes meinte als ich.

"Du weisst also jetzt, was du willst?" fragte Georg. Es stellte sich im folgenden Gespräch heraus, dass er mit meinen Vorstellungen von erfülltem Leben konform ging, sich aber noch nie so konkret wie ich seine Unzufriedenheit eingestanden hatte. Er neigte eher dazu, sich im gegebenen Rahmen so gut wie möglich einzurichten. "Du hast doch mein Buch gelesen, ja?" Aha, jetzt kam spät, aber doch, die Buchbesprechung. "Was hältst du davon?" " Ich finde es wirklich gut," entgegnete ich, " ich kann gar nicht verstehen, warum es niemand verlegt hat." " Darüber will ich jetzt nicht sprechen, aber was hältst du von der Idee, mit Hilfe von Magie seine Wünsche zu erfüllen. Nun, Magie betreiben wir ja ständig, nur eben nicht bewusst. Was ich meine ist, gezielt magisch zu arbeiten, mit magischen Ritualen." " Meinst du so etwas, was wir in der Gruppe machen?" fragte ich. " Ja, es ist immer das gleiche Prinzip. Rituale sind Botschaften an das Unbewusste. Dieser Teil von uns ist der Ratio nicht zugänglich, versteht seine Sprache auch nicht. Mit Bildern, Symbolen und ganz bestimmten Formeln aber können wir es erreichen und es veranlassen, mit den anderen Teilen der Persönlichkeit zusammenzuarbeiten, verstehst du ?" Ich verstand. " Wenn jemand wie du zum Beispiel, träumt, dann sendet sein Unbewusstes Botschaften herüber an sein Tagesbewusstsein. Dabei spricht es eben in seiner ganz eigenen Sprache, eben diesen komprimierten Bildern. Und ganz genau diese Art von Bildern müssen wir verwenden, wenn wir zu ihm sprechen wollen. Im Grunde ist das, wie eine Fremdsprache zu benutzen." Ich musste schmunzeln: "Der Magier Merlin unterrichtet seine Schülerin Morgan in der hohen Kunst der Magie. Pass nur auf, dass sie dich nicht am Schluss in ein Weissdorngebüsch einschliesst, wie es die Sage erzählt!" " Ja, ich werde mich vor dir hüten, ihr Weiber seid zu allen Zeiten schon gefährlich gewesen !" Diese erste Lektion endete ein Stockwerk höher, unter unserem künstlichen Himmelsgewölbe, nachdem eine von Gelächter begleitete Rangelei in etwas zärtlicheren Körperkontakt übergegangen war.

Das Ritual sollte am kommenden Vollmond in unserer Wohnung stattfinden, diese Dinge hatten zu Vollmond zu geschehen, das wusste ich bereits. Wir badeten, dann kleideten wir uns in ganz besondere Gewänder: Georg besass eine Art lange Robe, in Schwarz, mit Kapuze.

Ich schlüpfte in mein angesengtes Hochzeitskleid. Zuerst war mir dies alles wie seltsam altertümlicher Hokuspokus vorgekommen. Warum musste diese Verkleidung sein, wozu diente sie? Auf meine diesbezügliche Frage erklärte mir Georg, dies sei schon Teil der benötigten Fremdsprache für das Unbewusste:" Wenn du ins Theater gehst, ziehst du dich besonders an. Das bewirkt schon eine festlichere Stimmung, etwas abgehoben vom normalen Alltag. Unsere Ritualkleidung sagt unseren tieferen Schichten: Achtung, jetzt kommt eine Botschaft!" Wir zogen den heiligen Kreis, riefen die Wächter der vier Elemente an und errichteten den Energiekegel, indem wir uns inmitten eines Domes aus Licht stehend, imaginierten. Im Coven machten wir dabei einen schnellen Rundtanz. Er sollte die Energien aktivieren. Das war übrigens der Sinn des etwas verunglückten Gestolpers bei meinem ersten Vollmondfest gewesen, doch das hatte ich damals nicht wissen können. " So," gab Georg mir leise Anweisung, " jetzt versetzt du dich im Geist auf deine Wiese, aber so, als wärest du mittendrin in der Szene, also mit allen sinnlichen Eindrücken." Ich erinnerte mich an den Traum, in welchem ich in das Bild des Hügels auf diese Art und Weise eingestiegen war.

Ja, so musste es gehen! "Sag mir nun, was du siehst," forderte mich mein Lehrer auf. "Erzähl genau : was hörst, fühlst, riechst, schmeckst du. Beschreib die Jahreszeit, die Vegetation. Gibt es Menschen da? Nein? Siehst du irgend etwas Auffälliges? So, bleib in der Szene, halte sie genauso fest, ich komme jetzt zu dir....." Da war er, in seiner schwarzen Robe stand er neben mir und fasste meine Hände." Wünscht du dir ein Haus auf dieser Wiese?" fragte er mich. Oh ja, das wünschte ich mir, ganz bestimmt. "Gut, errichte es!" "Hä? wie denn?" "Na, setze es in deinem Geist, wohin du es haben willst. Erzähl mir genau, wie es aussieht, dass ich es auch sehen kann!" Und schon gingen wir, Hand in Hand, auf unser neues, kleines Häuschen zu. Es war wirklich bezaubernd! Und es passte genau hierher, als wäre es immer schon da gewesen. Drinnen zog ein grosser, gemauerter Herd meine Blicke auf sich. Daneben ein massiver Holztisch, der aussah, als hätten schon viele Generationen an ihm gesessen, dahinter eine ebensolche Eckbank. Das Ganze wirkte stinkgemütlich und lud mich ein, gleich dazubleiben. Georgs Stimme holte mich aus meiner Versunkenheit. "Sprich weiter, was siehst du, du musst mir jede Einzelheit beschreiben, sonst mache ich ein anderes Haus als du, dann bist du unzufrieden"

"Oh, da sitzt ja eine kleine Katze," rief ich entzückt aus, "sie hat ein ganz schwarzes Fell und grüne Augen, eine richtige Hexenkatze, weisst du? Ich nehme sie jetzt auf und streichle sie, oh, wie sie schnurrt! " Verzettle dich nicht," mahnte Georg mich, " sag mir, was siehst du noch? " Wir gingen in ein kleines Gemüsegärtchen, wo die verschiedensten Gemüsepflanzen abwechselnd mit bunten Blumen wuchsen, mein Wunschgarten. Salat, Kräuter, riesige Sonnenblumen, Malven.....das alles erkannte ich entzückt. "So, für dieses Mal ist es genug, kehren wir zurück!" unterbrach Georg meine, eben erst begonnene Exploration des Gartens. Gleich darauf fanden wir uns wieder in unserem kleinen Zimmer und schlugen die Augen auf. "So, diese Vorstellung holen wir uns jetzt jeden Tag einmal gemeinsam heran und versetzen uns, sowie heute, hinein. Damit wird das Ganze noch stärker wirksam. Wenn wir alles richtig gemacht haben, wird unser Traumhaus bald in die Wirklichkeit eintreten." Wir lösten den Kreis auf, das Zimmer war damit wieder zum ganz normalen Wohnraum geworden. "Ich muss schon sagen, zaubern macht ganz schön müde," gähnte ich und liess mich auf die Couch fallen. "Natürlich, du arbeitest ja mit deiner psychischen Energie dabei, deshalb...." mein Lehrer konnte nicht aufhören, zu dozieren. "Aus, Schluss, heute nicht mehr, grosser Meister, ich gehe zu Bett." Damit erkletterte ich hurtig die Leiter und schlüpfte unter die Decke. Die ganzen magischen Gerätschaften konnten wir ja morgen wegräumen, nach der Arbeit; und schon fielen mir die Augen zu. Georg kam gleich nach. Bald hörte ich an seinen regelmässigen Atemzügen, dass er eingeschlafen war. Ich nicht, ich war munter, trotz meiner grossen Müdigkeit. Etwas raschelte. Ach was, ich musste mich täuschen, wir waren doch ganz alleine, was konnte da denn schon rascheln? Ich drehte mich um und versuchte, das Geräusch zu ignorieren. Es war ja auch schon verstummt, also doch Täuschung, jetzt wollte ich aber endlich einschlafen, verflixt, noch mal! Verstört setzte ich mich im Bett auf: da, etwas war über den Fussboden gehuscht, ich hatte es ganz deutlich gehört.

Nun war, durch meine plötzliche Bewegung, auch Georg wieder erwacht. " Was iss'n los, warum schläfst du denn noch nicht, du unruhiger Geist!" murrte er verschlafen. " Geist ist gut, ich glaube, wir haben einen in der Wohnung! " gab ich, mit wachsender Panik in der Stimme, zu Antwort. "Vielleicht haben wir Mäuse. Ich werde morgen Mäusefallen kaufen, aber jetzt schlaf endlich!" damit drehte er sich um, dass er mit dem Rücken zu mir lag und schlief sofort wieder ein. Die Mäusetheorie hatte auch mich beruhigt und ich folgte ihm gleich darauf nach. Fast sofort fand ich mich wieder in unserem neu errichteten Häuschen auf der nun schon allseits vertrauten Wiese. Ich betrat es, im sicheren Bewusstseins seines Besitzes, ein schönes Gefühl! Alles war, wie ich es vorher verlassen hatte. Ich setzte mich an den grossen, gemütlichen Tisch. Gleich würde die kleine Katze erscheinen und mir maunzend um die Beine streichen. Sie kam nicht. "Katzen streunen in der Umgebung umher, sie wird in Katzengeschäften unterwegs sein! " beruhigte ich mich. Das Haus war sichtlich alt, ich schätzte es so ungefähr auf hundertfünfzig Jahre. Geschwärzte Balken bildeten die Decke. Hier musste einmal ein offenes Feuer gebrannt haben.

Die Wände waren weiss gekalkt und uneben, ebenso der Fussboden, der schon viele Astlöcher und Fugen aufwies. Wie lange mochte es wohl schon so leer stehen? Versonnen folgte ich mit den Blicken dem Muster der Bodenfugen. Das wurde plötzlich durch eine Querfuge geschnitten, die mir vorher nicht aufgefallen war. Eine Türe war hier eingelassen. Sie führte wahrscheinlich in einen Erdkeller; Kartoffeln, Gemüse und Obst wurde in solchen Kellern gelagert, das wusste ich. Würde es mir wohl gelingen, die Tür zu öffnen? Einige Ziegelstufen führten in einen ziemlich kleinen Kellerraum, der bis auf ein paar Kisten leer war, enttäuschend. Was hatte ich nur erwartet? Im Dämmerlicht konnte ich erkennen, dass der Raum, sich immer mehr verengend und niedriger werdend, nach hinten weiter fortsetzte. Als ich mich weiter tastete, stieg mein Fuss ins Leere. Im Fallen konnte ich noch die feuchten, glitschigen Wände eines senkrecht nach unten führenden Brunnenschachtes erkennen, in den ich offenbar jetzt fiel... und fiel....und ....erwachte. Die Katze sass ruhig am Fussende des Bettes und sah mich aus unergründlichen Augen an. Ihre Ohren drehten sich zu mir, und ihre Schnurrhaare zitterten leicht. Mieze, da bist du ja, komm, na komm schön her, ja, so ist's gut......lass dich streicheln.....Ich griff nach ihr... und durch sie hindurch. Da war nichts. Wir besassen keine Katze! Wir hatten nie eine Katze gehabt! In höchster Panik schrie ich: "Georg, Georg, da ist....eine Katze!" Doch Georg war bereits zur Arbeit gegangen, und ich war alleine in der Wohnung. Ich war völlig durcheinander. In Windeseile machte ich mich fertig und verliess die Wohnung, zitternd lief ich zur Bushaltestelle. Erst beim Warten auf den Bus- und das dauerte ziemlich lange, denn die Intervalle waren sehr lang, auch zu dieser frühen Stunde,- beruhigte ich mich einigermassen. Ich stieg ein und, als hätte mir das noch gefehlt, war auch meine anhängliche Schwester gleich darauf zur Stelle: " Ah, unsere mächtige Frau Magierin hat Angst gekriegt! Ja, ja, mit solchen Sachen spielt man nicht, du Reserve- Zauberlehrling, das hat schon der alte Herr Geheimrat gewusst. Na, das wird dir ja hoffentlich eine Lehre gewesen sein!" Ich war absolut nicht fähig, ihr die Stirn zu bieten, nicht hier und nicht jetzt. Also entgegnete ich resigniert: " Ja, ja, ich weiss, du hast ja Recht, aber was soll ich denn tun?" Da zeigte sich, dass auch sie nicht ganz humorlos war, sie entgegnete trocken: "Kauf Katzenfutter!" und verliess mich wieder so unvermittelt, wie sie gekommen war. Trotz meiner Verwirrung musste ich laut auflachen, was meine Mitpassagiere veranlasste, mich verstohlen zu mustern. Ich selbst hatte es schon einige Male erlebt, dass Personen inmitten fremder Leute mit imaginären Gesprächspartnern angeregte Unterhaltungen geführt hatten, ohne sich der verstörenden Wirkung nur im geringsten bewusst zu sein, die sie damit auf ihre Umgebung ausübten. Nun war ich auch eine von ihnen, lachte laut in Verkehrsmitteln, und bald würde ich vielleicht Selbstgespräche führen oder gestikulieren. Weit war es mit mir gekommen! Als ich von der Arbeit heimkam, war Georg bereits da. Er war gerade dabei, das Essen vorzubereiten, ham and eggs. Ich nahm mir nicht die Zeit für eine richtige Begrüssung, sondern begann, noch im Flur, aufgeregt auf ihn einzureden. Mit Backschaufel und Küchenschürze kam er mir entgegen: "Hallo, was ist denn los, ich versteh' bei dem Geprassel in der Küche doch nichts. Komm erst einmal herein und erzähl' alles in Ruhe und der Reihe nach!" " Wir haben eine Katze! Ich kann durch sie durchgreifen!", schrie ich aufgeregt.

Er überlegte einige Augenblicke lang. "Du meinst also, du hast die Katze von drüben mitgebracht. Das wäre schon möglich, so etwas kann vorkommen, wenn es auch sehr ungewöhnlich ist. Aber, meine kleine Hexe, du bist eben eine sehr ungewöhnliche Person!" meinte er, und seine Augen lachten fröhlich dabei. "Fürchtest du dich etwa, oder hast du eine Katzenallergie?" In dem Gelächter, das wir nun anstimmten, fiel die ganze Spannung von mir ab, die mich den ganzen Tag mit eisenharten Klauen gefangen gehalten hatte. Ich beschloss, die Katze zu behalten. Langsam gewöhnten wir uns an ihre unsichtbare Anwesenheit; ich sah sie auch nie wieder so deutlich wie ich sie heute morgen gesehen hatte. Wenn man es genau betrachtete, war sie ein angenehmes Haustier. Sie zerkratzte keine Möbel, brauchte kein Katzenklo und kein Futter. Sie hatte allerdings eine Eigenheit: sie besass eine eigenartige Affinität zu der kleinen Venusstatue, unserem Hochzeitsgeschenk. Ihr Rascheln kam immer aus derjenigen Ecke, in welcher wir diese, zwischen Blattpflanzen, aufgestellt hatten. Das veranlasste uns, unsere Blicke sehr häufig dorthin zu wenden. So wurde ich wieder und wieder an meinen Traum erinnert und konnte Eines nicht vergessen: sie wartete.

TEIL II

DIE LEBENSINSEL...

SOMMERSONNENWENDE

Das Jahr ging nun langsam auf seinen Höhepunkt zu. Die Tage waren lang und schienen sich nur für kurze Zeit zur Ruhe zu begeben, um bald darauf, in Vogelgezwitscher, wieder zu erwachen. Als wären sie sich der kurzen Frist gewärtig, in der es ihnen noch vergönnt war, zu wachsen, verströmten sie sich in Licht und Leben. Sogar im dichten Häusermeer der Stadt war es unmöglich, sich diesem gesteigerten Lebensgefühl zu entziehen. Der Gott des aufsteigenden Jahres tanzte den wirbelnden, atemlosen Tanz, der in seinem Tod mündete.

Sein dunkler Zwilling wartete schon in der Gewissheit seiner baldigen Herrschaft; die wiederum würde mit der Neugeburt des Anderen enden, Weihnachten, dem Gegenstück der Sommersonnenwende - ein ewiger Kreislauf. Aber, noch war es nicht soweit.

Georg und ich machten Urlaubspläne. Ich wollte so gerne einmal nach England, genauer gesagt nach Glastonbury, dem alten Avalon der Gralslegende. Dort vermutete ich mit grosser Gewissheit meine Apfelbaumwiese. Doch in diesem Jahr war dieser Wunsch unerfüllbar. Durch Georgs Restschulden waren wir finanziell einfach zu eingeschränkt, aber nächstes Jahr, wenn wir fleissig sparten, dann, ja dann würde mein sehnlicher Wunsch sich erfüllen! Diese Urlaubswochen würden wir im Waldviertel, dem Österreichischen Norden, verbringen. Alfreds Kinder gingen noch zur Schule und hatten daher erst ab Juli Ferien. Er wollte uns seinen umgebauten VW- Bus borgen, also waren wir bezüglich Quartier und Verpflegung unabhängig, das bedeutete zwei Wochen Freiheit. Wir freuten uns auf stille Wälder, versteckte Teiche, Pilze und auf das Schlafen unter dem klaren Sternenhimmel. Wir hatten mit Myriam ausgemacht, dass sie sich währenddessen um unsere vielen Grünpflanzen kümmern würde.. Sie wiederum freute sich auf zwei ruhige Wochen, die sie in unserer Wohnung, fernab ihrer turbulenten Wohngemeinschaft, die bei Tag und Nacht summte wie ein Bienenstock, verbringen konnte. Sie musste sich auf eine schwierige Prüfung vorbereiten, die sie noch vor Beginn der Ferien ablegen wollte. Als sie knapp vor unserer Abreise kam, um meine Instruktionen bezüglich der Zimmerpflanzen zu erhalten, musste ich sie unbedingt über unser eigenartiges Haustier aufklären, ich wusste nur nicht genau, wie ich es ihr erklären sollte.

"Myriam, ich muss dir noch etwas Wichtiges sagen.....es ist ....na, sagen wir einmal, etwas ungewöhnlich...." begann ich zögernd. " Gibt es eigentlich bei dir etwas, was nicht ungewöhnlich ist, Mama? Ich glaube, ich bin bei dir auf fast alles gefasst. Also, sag schon, hast du vor, auf dem Besen ins Waldviertel zu reiten, oder hast du irgendwelche ungewöhnlichen Hausgenossen, die mich aufs Blut erschrecken werden?" Das war scherzhaft gemeint gewesen, doch sie konnte nicht wissen, wie sehr sie damit ins Schwarze getroffen hatte. " Wieso weisst du ?" konnte ich nur verblüfft fragen. Nun erzählte ich ihr von der Katze und wie sie zu uns gekommen war. Meine Tochter nahm diese Mitteilung seltsam gefasst auf, sie war wohl, bezüglich ihrer Mutter, nicht mehr so leicht zu erschüttern. Ich bemerkte nur, wie sie mich manchmal prüfend ansah, wenn sie glaubte, dass ich es nicht bemerkte. Fürchtete sie wohl, ich hätte den Verstand verloren?

Es war die Nacht der Sonnenwende, und wir hatten unser Nachtlager auf einem Hügel, unter einem alten, knorrigen Bergahorn aufgeschlagen. Wir lagen auf weichem Moos, warm in unsere Schlafsäcke verpackt, während die Sterne in feierlicher Prozession ihrem nächtlichen Weg folgten.

Trotz des kleinen Feuerchens - ein Grosses hatten wir uns nicht zu entzünden getraut - war es ziemlich kühl und auch etwas feucht, denn dieser Teil unserer Heimat folgt seinen eigenen klimatischen Gesetzen. Wie ein Relikt aus versunkenen Äonen liegt es im Norden der Donau, ein Hochland, dessen bewaldete Hügel den Rumpf eines riesigen urtümlichen Tieres zu bilden scheinen. Kommt man aus dem östlichen Tiefland, führt der Weg zuerst durch den schon fast südlich anmutenden, fruchtbaren Teil des Donautales, die Wachau. Hier wächst, auf eiszeitlichen Lössterassen, ein zartblumiger, süffiger Wein, und während der Marillenblüte findet ein spontan anreisender Tourist kein freies Zimmer. Aus dieser mild - lieblichen Landschaft, der einstigen Nordgrenze des Römischen Reiches, führt die gut ausgebaute Strasse, durch Weinterassen stetig ansteigend, empor in ein rauhes, karges, auch viel ärmeres Land. Der Kontrast könnte nicht grösser sein. Wie ein strenger Wächter reckt sich bald darauf ein Gneisfelsen neben der Strasse empor. An diesem Tor enden schlagartig die bis hierher schon schütterer gewordenen Weinpflanzungen, das Hochland beginnt. Man bekommt das Gefühl einer fast körperlich spürbaren Verlangsamung, alles wird leiser, gedämpfter, bescheidener, auch die Menschen, die hier leben. Der häufig auftretende Nebel verwischt die scharfen Konturen, rundet, verhüllt.

Hier wird nicht scharf unterschieden, geurteilt, analysiert, nein, auch die Menschen wirken manchmal so seltsam unbestimmt wie die verlaufenden Grenzen von Erde und Himmel. Dieses Land wirkt eigenartig anziehend auf viele Menschen aus der Grosstadt, hier gibt es die meisten sogenannten Aussteiger, die sich aus Künstlern, randständigen Intelektuellen, Träumern und Neobauern zusammensetzen. Auch wir waren vom ersten Kontakt an dieser Landschaft verfallen, immer häufiger waren in letzter Zeit unsere hier verbrachten Wochenenden und freien Tage gewesen.

Als mein Geist im Zwischenreich von Wachen und Schlafen schwebte, sich weder hier noch da endgültig niedergelassen hatte, meinte ich, rhythmisches Pochen zu vernehmen. Eigentlich konnte ich es eher spüren als hören, es glich dem der Beltane - Nacht, damals, als wir zusammen dem Herzschlag der Erde gelauscht hatten. Und es wurde lauter, es begleitete mich in den Schlaf, wie stetiger, gleichmässiger Trommelschlag,..... dessen Rhythmus ich nun folgend, den Weg zwischen den Apfelbäumen auf unser Häuschen zuging. Nichts hatte sich verändert seit meinem letzten Hiersein, es schien auf mich zu warten wie ein alter Bekannter, der sich auf einen längst fälligen Besuch freut.

Die Türe stand offen. Ich hatte sie geschlossen bei meinem letzten Ausflug hierher, das wusste ich genau. Georg, war er alleine hiergewesen? Das kleine Mädchen stand, wie aus dem Boden gewachsen, plötzlich in der Türe. Es sah mir, keineswegs ängstlich oder erstaunt, entgegen, als schien es mich zu erwarten. Sein Aussehen in Kleidung und Frisur wirkte etwas altertümlich. Sie hatte dunkle, schwere Zöpfe, trug ein dünnes Kleidchen mit einer Schürze darüber und ging barfuss. Kein Kind trug heute noch eine Schürze " Wer bist du?" fragte ich verwundert. Statt einer Antwort lachte es belustigt, als wäre meine Frage ein Scherz gewesen." Bist du ganz alleine hier? Wo ist deine Mutter?" " Sie wird bald kommen." antwortete sie "Sie ist noch unterwegs, weisst du. Ich suche meine Katze. Hast du sie nicht gesehen? Sie läuft immer in den Keller, dann sitzt sie ganz hinten, wo es schon so eng und niedrig ist. Ich weiss nicht, was sie dort will, aber sie scharrt immer dort. Heute ist sie aber nicht da, hast du sie nicht gesehen? Ich hab sie nämlich sehr lieb, ich will nicht, dass sie weg ist." " Oh," rief ich betroffen aus, " das ist deine Katze! Ich weiss, wo sie ist, sei nicht traurig, ich werde sie dir zurückbringen, ich verspreche es dir! Du musst aber noch ein paar Tage warten." "Na gut," sagte das kleine Mädchen vernünftig und ohne auch nur einmal zu fragen, warum es denn warten müsse. Es kam näher, sah mich mit seinen dunkelbraunen, grossen Augen vertrauensvoll an, sagte " bis bald!" ging zurück in das Haus und schloss die Tür hinter sich. Beim Erwachen dachte ich: "Wenn selbst das Haus unserer Träume schon bewohnt ist, wohin sollen wir uns dann wenden?"

Den Sonnenaufgang hatten wir verschlafen. Die Sonne stand bereits ein gehöriges Stück über dem gegenüberliegenden Bergrücken, als wir erwachten, und es begann auch schon, angenehm warm zu werden. Am Abend zuvor hatten wir uns nicht genau umgesehen, zu sehr waren wir damit beschäftigt gewesen, einen gemütlichen Schlafplatz zu finden, da ich darauf bestanden hatte, diese Nacht im Freien zu verbringen. Einen weiten Ausblick bot dieser Platz, das bemerkte ich jetzt. Der Abhang, auf dem ich stand, neigte sich sanft nach Süden; der lichte Mischwald reichte bis zu einer schmalen Strasse, die den Berghang querlaufend schnitt. Sie führte auf ein kleines Dörfchen zu, eher ein Weiler, mit nur ganz wenigen Häusern. Hier und da stiegen dünne Rauchfahnen auf, vereinzelt war das Muhen von Kühen zu hören, wahrscheinlich wurden sie gerade gefüttert und gemolken. .Unterhalb der Strasse wechselten einander Wiesen und Waldstücke ab, bis der sanfte Hang jählings in eine Schlucht überzugehen schien. Von da unten hörte ich, leise und stetig, Wasser rauschen. Später dann, nach unserem Frühstück, könnten wir hinunter wandern, vielleicht ein wenig im kalten Wasser baden. Wir rollten unsere Schlafsäcke ein und stiegen zu unserem Bus ab, der ein Stück abseits der Strasse, auf einem Waldweg geparkt war. Dann : Frühstück, auf dem Kocher zubereitet, auf dem Waldboden sitzend gegessen, Waldesstille, Vogelgezwitscher, Frieden ........jemand trommelt gleichmässig, bum - bum, .....bum - bum, ..... bum - bum, ...., wie Herzschlag .......Aber nein, das kann nicht sein, wer sollte denn hier im Wald trommeln!

Ich höre (spüre?) wieder diesen dumpfen, gleichmässigen Schlag, er war die ganze Zeit dagewesen, unterschwellig, jetzt wieder bewusst wahrgenommen. Georg schien nichts zu hören, jedenfalls äusserte er nichts Derartiges. "Georg, hörst du das nicht?" fragte ich ihn verwundert. "Was meinst du? Die Geräusche des Waldes?" gab er meine Frage zurück. "Nein, es klingt wie Trommeln, hör doch! " Ich wollte unbedingt feststellen, woher es kam, auch wenn ich meinen protestierenden Mann dazu von seinem Frühstück wegzerren musste, ohne ihn konnte ich nicht gehen, das spürte ich. Mittlerweile verliess ich mich auf derartige Ahnungen und Gefühle und mass ihnen die gleiche Wichtigkeit zu, wie rationalen Überlegungen. Georg förderte das im Normalfall auch, nur, sein Frühstück war ihm heilig, deshalb weigerte er sich jetzt entschieden. Einzig die Dringlichkeit, die er aus meiner Forderung, mitzukommen, spürte, veranlasste ihn endlich, Kaffee und Gebäck schweren Herzens liegen zu lassen und mir zu folgen.

Das Geräusch kam aus der Richtung des Abhanges, der sich, in sanfter Neigung, unterhalb der Strasse fortsetzte. Hier begleitete eine halb verfallene Trockenmauer das Strassenbankett, dahinter wuchs eine alte, dichte Hecke aus blühendem Weissdorn, Haselbüschen, Schlehen und einigen Ebereschen. Das Trommeln kam eindeutig von einem dahinter liegenden Grundstück, das durch die dichte Hecke nicht genau zu erkennen war." Wir müssen hier durch die Hecke," erklärte ich Georg. Wieder Protest. Er nützte ihm nichts, das erkannte er sofort, also folgte er mir brummelnd, als ich mich durch das dornige, kratzende Dickicht zwängte. Dann breitete sich vor uns eine weite, von alten Apfelbäumen bestandene, blühende Wiese aus.........

.......Die Blätter der Apfelbäume rascheln leise im Wind, der meinen schlanken, jugendlichen Körper umspielt und in ein langes, fliessendes Gewand aus einem seidigen Stoff gehüllt zu sein scheint. Mir ist, als hörte ich ganz leise, zarte Harfentöne, die von diesem lauen Wind an mein Ohr getragen werden. Sie bilden eine seltsame, sich an den Rhythmus des Trommelschlages, der immer noch zu hören ist, anpassende Melodie. Ich suche Georgs Augen. Jetzt musste er es doch endlich auch hören! Ich blicke in die Augen des Harfenspielers. Erkennen, Wissen und Erinnerung sprechen aus ihnen, als sie sich in einem, keines Wortes bedürfenden Blick in meine Augen versenken. Wir wissen es beide, wir sind am Ziel. Hier liegt unser Avalon, und es wartet auf uns .

Hand in Hand gehen wir zum westlichen Rand der Wiese, wo zwischen einigen weiteren, von Alter und Witterung schon geneigten Bäumen, ein Häuschen steht. Es wirkt alt und unbewohnt. Es hat ein ziemlich hohes Dach, kleine Fenster, deren Fensterstöcke schon morsch sind, die Türe hängt schief in den Angeln und der kleine Garten, von einem fast nicht mehr vorhandenen Lattenzaun eingegrenzt, bildet ein wüst verworrenes Dickicht. Aber, und das erkennen wir beide sofort, es ist unser Häuschen, und es wartet, von uns erweckt und erlöst zu werden aus seiner lieblosen Unbewohntheit. Das Pochen ist jetzt ganz laut, eigentlich müsste das ganze Dorf davon erzittern. Und es kommt aus diesem Haus. Unfassbar, dass seine alten Mauern davon nicht einreissen und abbröckeln. "Pass auf!" mahnt mich Georg besorgt, als ich mich durch die halboffene Tür zwänge, "es ist sicher alles morsch, schau genau, wo du hinsteigst!" Aber ich gehe mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Räume, ich kenne sie genau. Jedes knarrende Fussbodenbrett, jede Unebenheit ist meinen Füssen vertraut, auch die in den Fussboden eingelassene Kellertüre, die ich versuche, zu öffnen. Georg hilft mir dabei, nachdem er erkannt hat, dass auch diesmal sein Widerspruch wirkungslos bleibt. Mittlerweile ist aus dem Pochen ein infernalisches Dröhnen geworden, unvorstellbar, dass nur ich es höre. Von unten, weit unter dem Erdkeller scheint es zu kommen, aus den Tiefen der Erde. Georg zündet ein Streichholz an, als ich mich anschicke, die Ziegelstufen hinunterzusteigen. Ganz hinten, dort wo sich der Keller verengt und die Decke ganz niedrig wird, dort muss sie sein, die Quelle dieses gewaltigen Herzschlages, das weiss ich ganz sicher. Dort muss sich auch der Brunnenschacht, in den ich in einem meiner letzten Träume gefallen war, befinden. Also, Vorsicht! Ganz behutsam taste ich mich vor, bis in den letzten Winkel, aber, hier ist nichts, kein Schacht, keine sichtbare Geräuschquelle, nichts, absolut nichts. Das Dröhnen hat aufgehört. Die Stille, die darauf folgt, ist fast hörbar.

Verwirrt kehre ich wieder um und steige die Treppe hinauf. "Keine Ahnung, was das zu bedeuten hat, aber hier ist kein Brunnen, und dabei war ich mir so sicher." Georg, der meinen Traum ja kennt, beruhigt mich: "Es hat sicher etwas zu bedeuten, du wirst bestimmt zu gegebener Zeit auf die Erklärung stossen. Lass es jetzt einmal auf sich beruhen." Wir gingen zurück ins Freie, um uns im Gelände ein wenig umzusehen.

Hinter der Wiese, gegen Norden zu, stieg ein für dieses Gebiet hoher Hügel an. Das Dorf lag an seinem Südabhang. "Wie der Glastonbury - Tor," dachte ich bei mir, "nur ist der nicht bewaldet und trägt keinen Sender auf seinem Rücken, sondern einen alten Turm" Die Westseite der Wiese wurde begrenzt durch einige Gebäude, deren Zentrum ein kleines, schlossartiges Haus bildete. Es wirkte etwas schäbig und unbewohnt und war direkt durch Ruinenmauern mit einer Scheune oder einem Stallgebäude verbunden, genau konnte ich das nicht feststellen. Der Komplex bildete ein weites "U", es war durch einen Zaun vom eigentlichen Wirtschaftstrakt getrennt Ausserhalb des Zaunes lag ein riesenhafter, grasbewachsener Wirtschaftshof. Er wurde im Norden durch einen Gebäudetrakt gegen die Strasse zu abgegrenzt, der sich über die ganze Länge des Hofes zog und ein Stall zu sein schien. Die westliche Begrenzung bildete eine Scheune von beachtlichem Ausmass. Der Hof war gegen die Apfelwiese zu mit einer alten, brüchigen Mauer abgeschlossen. Der ganze, weitläufige Komplex war allem Anschein nach ein alter Gutshof. Er wirkte sehr unbelebt und trug alle Anzeichen fortgeschrittenen Verfalls. "Unser" kleines Häuschen lag ausserhalb des Komplexes, wie ein Fremdkörper stand es auf der Wiese, als hätte man es, aus irgend einem unbekannten Grund, ausgeschlossen aus der Hofgemeinschaft. Wir beendeten unseren Rundgang und beschlossen, im nächsten Dorfgasthaus einzukehren und ein paar Erkundigungen über dieses Anwesen und seine Besitzer einzuholen . In diesem Dorf konnten wir kein Gasthaus entdecken, es gab auch keinerlei Läden oder Geschäftslokale hier. Alles hier machte einen ziemlich verlassenen Eindruck. So fuhren wir in den nächstliegenden Ort und fanden dort endlich ein leidlich gemütliches Dorfgasthaus mit Mittagstisch.

Der Wirt, ein ziemlich derber Mann mit rotem Gesicht und riesigen Händen, brachte uns die einzige Speise, die es gab, Schweinsbraten mit Kraut und Waldviertler Knödeln.

Das sind aus geriebenen Kartoffeln gemachte Knödeln mit ziemlich elastischer Konsistenz. Diese hier waren wie aus weichem Gummi und schmeckten köstlich zu dem knusprigen Fleisch und dem würzigen Saft.

Wir brauchten uns auch gar nicht um die Gesprächsanbahnung zu bemühen, denn der Wirt war offensichtlich an einem kleinen Plausch interessiert. "San's auf Urlaub da, is schen bei uns, gö?" richtete er freundlich das Wort an uns. Wir bestätigten seine lokalpatriotische Äusserung, und Georg fragte endlich nach dem alten Maierhof. "Ja, da Moarhof," erwiderte der Wirt, sinnend mit dem Kopf nickend," is nix Gscheids mehr damit, heutzutage. Damals, wia die alte Herrschaft no woa, da san's achtspännig ausgfoahrn, und Ochsn ham's ghabt, oana schena wia da andere, ja, ja.....Na, ja, nach'n Kriag woar's vorbei mit da Herrlichkeit. De Landwiatschoft is technisiert wuar'n, Leut ham's miassn besser zahln, oda se ham's gar net kriagt. Jetzn is ois verpacht, und die alte Frau Gräfin is in Wean. I woass a nit, was damit amoi sein wird, kunnt sein, die Erbn vakoafan's n' Sägewerk." Es stellte sich im weiteren Gespräch noch heraus, welchem Adelsgeschlecht die alte Gräfin angehörte und wie sie hiess. Unsere Nachforschungen konnten beginnen.

Wieder in Wien, erschienen uns die vergangenen Tage wie die Schemen eines nur noch undeutlich erinnerten Traumes. Die laute, in sommerlicher Hitze flirrende Stadt hatte sich uns wieder einverleibt, wir waren wieder Teil ihres undurchschaubaren Räderwerks geworden, zwei Ameisen, die sich kurzfristig aus dem gewaltigen Bau entfernt hatten und sich nun wieder in das Heer der arbeitsamen Brüder und Schwestern eingliedern mussten. Meine Tochter kehrte wieder in ihre Wohngemeinschaft zurück, nicht ohne vorher noch einige markige Aussprüche mit ihrer berühmt spitzen Zunge getan zu haben. Doch es war ihr deutlich anzumerken, dass sie begonnen hatte, sich mit meiner Realität auseinanderzusetzen. Mit der Katze hatte sie sich, wie es schien, angefreundet, zumindest aber arrangiert, und das war doch schon ein Schritt aus den engen Grenzen ihres rationalen Weltbildes heraus. Ja, die Katze. Ich hatte dem kleinen Mädchen versprochen, sie ihm zurück zu bringen, es wartete bestimmt. Würde sie sich dazu überreden lassen, zurückzugehen? Ich musste es versuchen. Also traf ich alle Vorbereitungen, die mir den Schritt aus der Alltagsrealität heraus erleichtern sollten, denn mit einer Traumkatze konnte man nur in einem traumähnlichen Zustand kommunizieren. Ich zündete eine Kerze an, räucherte, entspannte mich und lockte sie schliesslich durch Konzentration auf sie herbei.

Es raschelte in der bewussten Ecke, und da war sie. Ich konnte ihr warmes, weiches Fell deutlich spüren. Schnurrend schmiegte sie sich in meine Arme. " Mieze, ich möchte dich gerne behalten, aber es geht nicht, ein kleines Mädchen wartet sehnsüchtig auf dich, weisst du. Also komm, lass uns gehen. Dort ist es für Katzen ohnehin viel schöner." Sie schnurrte, hatte also allem Anschein nach nichts dagegen einzuwenden. Ich versetzte mich im Geiste auf meine Wiese, imaginierte das Haus und - oh, das hatte ich nicht einkalkuliert - hartnäckig erschien immer wieder das Bild des verlassenen Hauses, wie es sich uns in Wirklichkeit dargeboten hatte! Es gelang mir nicht, das frühere Bild vor meinem inneren Auge zu erschaffen. Dorthin konnte ich die Katze nicht bringen, sie wäre ja ganz allein, denn das Mädchen wohnte in dem gemütlichen Haus, meiner Schöpfung. Eine schöne Bescherung, die Realitäten begannen mir durcheinanderzukommen, magische Kalamitäten zeichneten sich ab. Also machte ich mich erfolglos auf den Rückweg. Erst ein weiterer Versuch, mit Unterstützung durch Georgs Imaginationskraft, brachte den gewünschten Erfolg. Ich setzte die Katze in der gemütlichen Küche ab, nicht ohne vorher ein Schälchen Milch für sie zu erschaffen, strich ihr noch einmal über das knisternde Fell und schloss die Türe. Das kleine Mädchen war nicht zu sehen. Vielleicht war sie ja gerade in der Schule. Auch in anderen Realitäten mochte es diese Einrichtung sicherlich geben. Trotzdem war ich leicht besorgt. Wenn ich nun schon begann, mir über ein Kind in einer anderen Wirklichkeit Sorgen zu machen, landete ich vielleicht schliesslich doch in der berühmten Anstalt im Westen Wiens. Jedoch, das kleine Mädchen ging mir nicht aus dem Sinn. Immer wieder ertappte ich mich bei den Gedanken, wie es ihm wohl gehen mochte.

In diesen Tagen begann etwas Merkwürdiges mit mir zu geschehen: Meine vertraute, tägliche Welt wurde immer unwirklicher, verlor gleichsam an Dichte; wie in leichte, dünne Nebelschwaden gehüllt erschien sie mir. Ich tat wohl meine Arbeit gewissenhaft wie immer, sprach, handelte überlegt und vernünftig, wie man es von mir gewöhnt war. Doch immer empfand ich einen Teil meines Wesens als ausser mir stehend, gleichsam von aussen diese Anna beobachtend wie eine Fremde, eine Reisende aus einer anderen Welt.

Die innere, die Welt der Apfelbaumwiese, begann mehr und mehr an Realität zu gewinnen, sie wurde wirklicher als die Welt, in der ich lebte und arbeitete. Es war irgendwie beängstigend, und ich fürchtete, Georg dabei zu verlieren, jetzt, wo ich ihn doch erst wiedergefunden hatte. Würde er mich dorthin begleiten können, wohin ich anscheinend im Begriff war, zu gehen? Jetzt wurde mir immer deutlicher klar, was es bedeutete, die Verantwortung für seine Gedanken und Wünsche zu tragen, wie es in Georgs Buch zu lesen war. Ich hatte mit meinen bewusst herbeigeführten Tagträumen, ohne an Konsequenzen solcher Art auch nur zu denken, eine Realität geschaffen, die von einem kleinen Mädchen bewohnt war, für dessen Wohlbefinden ich mich jetzt verantwortlich fühlte.

Eines war uns aber beiden klar: wir mussten einen ersten Schritt tun, um unser beider Traum in unsere Wirklichkeit herüber zu holen. Das würde mir auch helfen, mein Dilemma mit dem Mädchen zu lösen. Ich suchte den Namen der Gräfin aus dem Telefonbuch und rief sie an, um ein Gespräch zu arrangieren.

An diesem Freitag nachmittag sollten wir sie in ihrer Wohnung besuchen. Sie wohnte in einem dieser grossbürgerlichen Viertel innerhalb des Gürtels, die während der sogenannten Gründerzeit von reichen Industriellen erbaut worden waren. Die Wohnungen in diesen Häusern sind riesig gross, mit hohen Räumen und diversen Dienstbotenzimmern ausgestattet und äusserst repräsentativ. Es dauerte ziemlich lange, bis auf unser Läuten hin, endlich die Türe geöffnet wurde. Wahrscheinlich war man lange unterwegs, um von einem im hinteren Teil der Wohnung gelegenen Raum zur Türe zu gelangen. Dann aber wurden wir von einer älteren Frau in einer Küchenschürze herein gebeten. "Die gnä' Frau lässt sie bitten, einstweilen Platz zu nehmen, sie telefoniert noch. Darf ich ihnen derweilen etwas anbieten, Kaffe, Tee oder einen Likör?" fragte sie im typischen Tonfall langjähriger Dienstbarkeit. Wir entschieden uns für Kaffe, worauf sie in Richtung Küche entschwand. Wir hatten Zeit, uns etwas umzusehen. Anscheinend handelte es sich bei dem Raum, in den wir gebeten worden waren, um den Salon.

Hier stand, Symbol von Kultiviertheit und Feinsinnigkeit, ein grosser Flügel, auf dem ein Damasttuch drapiert war; weiters eine Empireanrichte, eine Sitzgruppe im gleichen Stil, auf der wir gerade sassen, ein Blumentischchen und diverse, teuer aussehende Nippes. Dies alles wirkte sehr edel und distinguiert, was meine, nun schon allseits bekannte, kritische Schwester sofort auf den Plan rief:

" Machst du jetzt Kotau vor der gnädigen Frau Gräfin, du armes Würstchen? Die hat sicher Anderes zu tun, als sich mit deinen Hirngespinsten zu beschäftigen. Die wird nur einmal leicht die Augenbrauen heben, und du bist draussen, so schnell kannst du gar nicht schauen!" Ach ja, sie, solche Gelegenheiten konnte sie sich selbstverständlich nicht entgehen lassen! Aber dass sie gerade jetzt meinen proletarischen Selbstwert - Mangel aufstacheln musste, war mehr als gemein, es grenzte an Selbstzerstörung und musste mit massiven Mitteln unterbunden werden.

"Kusch, Proletenweib," zischte ich ihr innerlich zu, "mit dir werde ich mich auch noch befassen müssen. Aber jetzt habe ich keine Zeit, also verpiss dich!" Georg hatte offenbar meinen inneren Konflikt bemerkt. Er legte mir die Hand beruhigend aufs Knie und sagte: "Lass dich nicht einschüchtern von der Theaterkulisse hier, Priesterin von Avalon." Das wirkte. Es half mir, zumindest kurzfristig. Im Geiste legte ich mir "den Mantel der Göttin" um, so hiess die Technik, die bewirken sollte, auf andere eindrucksvoller zu erscheinen.

Ich war gerade noch dabei, den Faltenwurf richtig zu drapieren, da erschien die Herrin des Hauses auf der Schwelle des Salons. Sie war höchst einfach gekleidet, sie trug einen schmucklosen, gerade fallenden Hosenanzug in einem dunklen Blau, der ihre hohe Gestalt zur Geltung brachte. Ihr Haar war weiss und ihr Gesicht war.........mir bekannt! Es war das der älteren Frau auf dem

T o r - h i l l von Avalon, der Frau, die mich im Steinkreis willkommen geheissen hatte. Verblüffung und Zuneigung müssen auf meinen Zügen deutlich wie in einem Buch zu lesen gewesen sein. Ich vergass meinen Faltenwurf, meine Minderwertigkeitsgefühle, die vornehme Umgebung. Wir standen wieder auf dem Hügel, wo sie mich als Hohepriesterin umarmt hatte, und unsere Blicke lagen ineinander, jenseits von Zeit und Raum.

Erinnerte sie sich, war sie sich ihrer Anderswelt - Persönlichkeit bewusst? Konnte ich ihr ohne Maske gegenüber treten? Ich wusste es nicht. Sie hatte offenbar, falls sie es wusste, doch beschlossen, das Visier noch nicht hochzuklappen und begrüsste uns freundlich aber distanziert mit der unnachahmlichen Nonchalance des Alten Erbadels.

Im folgenden Gespräch erfuhren wir, dass der Gutshof ihr mütterliches Erbe war. Von ihrem verstorbenen Mann hatte sie noch einige, kleinere Besitztümer in Ungarn und im Burgenland, die ihr ein Leben in relativer Sicherheit, doch ohne grösseren Luxus erlaubten. Der Besitz im Waldviertel war ihr ein geliebtes Sorgenkind, wie sie sich ausdrückte. Sie hegte die berechtigte Befürchtung, dass ihre Erben, ein Neffe und dessen erwachsene Kinder, es nach ihrem Tod verkaufen würden. "Ich habe irgendwie das Gefühl, als läge auf diesem Grundstück so etwas wie das Herz des ganzen Gebietes, wenn Sie mich richtig verstehen. Darüber kann ich aber mit Niemandem sprechen, es hielte mich ja ein Jeder für übergeschnappt. Aber, ich weiss nicht warum, bei Ihnen glaube ich zu spüren, dass Sie mich verstehen, oder, wie denken Sie darüber? " Konnte ich es wagen, offen über meine Träume zu ihr zu sprechen, oder würde ich sie damit überfordern und uns damit alles zerstören? Ich wusste es nicht, aber im Vertrauen auf meine innere Führung wollte ich es versuchen. Ich erzählte ihr alles von Anfang an: meine Lebenswende, meinen ersten Traum von der Apfelwiese, die ich später in Glastonbury glaubte finden zu müssen, meine inneren Wandlungen, die jedes Mal auf dieser Wiese ihren Ausgang genommen hatten, und wie wir endlich durch " Zufall " genau diese Wiese auf ihrem Grundstück gefunden hatten. Ich lieferte mich ihr aus, hielt mit nichts zurück. Wenn sie mich für eine Schwindlerin hielte, dann wäre sie nicht die Frau auf dem Hügel, dann wäre die Wiese nicht " meine" Wiese, meine Träume wären Seifenblasen, Kopfgeburten, die Anderswelt existierte nicht; unausdenkbar! Dann wollte ich nicht mehr leben! Als ich geendet hatte, schwieg sie lange. Dann erhob sie sich und sagte weich und gefühlvoll. "Ich weiss jetzt, dass meine Wünsche in Erfüllung gehen werden. Gemeinsam mit Ihnen werde ich aus diesem Platz einen Ort der Erneuerung des Lebens machen.

Wir werden das Herz des Gebietes erlösen und das Land zum Blühen bringen, so wird es sein, mit dem Segen der Götter!" Wir blieben noch lange bei ihr, schmiedeten Pläne und erzählten einander aus unserem Leben. Die Biographien hätten verschiedener nicht sein können, und doch zog sich Eines wie ein roter Faden durch alle Erzählungen: das sichere Wissen um die Verflochtenheit der Leben und Schicksale, die ihren Ausgangspunkt in einer Dimension ausserhalb unserer Wirklichkeit hatte und wieder dorthin zurückführen würde.

Unsere Gastgeberin war als Letztgeborene eines altansässigen Adelsgeschlechtes in der Zwischenkriegszeit zur Welt gekommen. Der Adel war zu dieser Zeit wohl offiziell und gesetzlich abgeschafft, doch seine Vertreter lebten nach wie vor im sicheren Bewusstsein ihres Standes. So etwas kann man nicht einfach ablegen wie ein getragenes Gewand, wenn es einem durch Erziehung und Umwelt zur zweiten Natur geworden war. Besonders hier im armen Waldviertel, wo die bäuerliche Bevölkerung lange leibeigen gewesen war, wurde die Herrschaft nie in Frage gestellt.

Noch heute wird zum Beispiel unterschieden zwischen Bauern - und Herrschaftswald, der natürlich sehr viel grösser ist und meist auch, aus verständlichen Gründen, besser gepflegt wird. Man hat dafür bezahltes Forstpersonal. Die Kindheit unserer Gräfin war alles Andere als leicht gewesen.

Als Vertreterin ihres Standes hatte sie vor allem Eines zu lernen: Disziplin, Disziplin und noch einmal Disziplin. Die Kinder ihrer Familie waren Gouvernanten anvertraut, deren Aufsicht sie nur für kurze Augenblicke entfliehen konnten, die sie genussvoll beim Küchenpersonal verbracht hatten. Unserer Gräfin war nicht einmal eine Puppe vergönnt gewesen, wie sie doch sogar das ärmste Häuslerkind, aus Stroh und Lumpen zusammengenäht von einer liebenden Mutter, in die Arme schliessen konnte. Die Eltern waren unnahbare Respektspersonen gewesen. Ihnen wurde man, gewaschen, frisiert und sauber gekleidet, einmal am Tage vorgeführt, wie ein dressiertes, kleines Tierchen.

So kalt wie die emotionale Atmosphäre in der Familie war auch die Temperatur der Räumlichkeiten dieser alten Wehrburg gewesen. Alles in Allem, wie man hier sieht, eine keineswegs beneidenswerte Kindheit. Als junge Frau war ihr dann kurzes Glück in einer liebevollen Ehe mit einem warmherzigen, humorvollen Mann, einem ungarischen Grafen, vergönnt gewesen. Er war, standesgemäss, nach einem Reitunfall gestorben, die Witwe blieb kinderlos zurück und hatte nie wieder geheiratet. Nun lebte sie in ihrer Wiener Wohnung, mit einer ebenfalls älteren Frau, die ihr Haushälterin und Gesellschafterin in einer Person war.

Wir wurden zum Abendessen eingeladen und nahmen dankend an. Dabei nutzte ich die Gelegenheit und fragte sie nach dem kleinen Häuschen. "Das ist eine eigenartige Geschichte," begann sie sinnend zu erzählen." Als ich endgültig nach Wien zog - vorher hatte ich zeitweilig dort gelebt, vor allem im Sommer -, stand es schon leer, und niemand wollte es mieten, obwohl es doch wirklich nett ist." Das konnten wir nur bestätigen. "Da war ein seltsamer Vorfall," fuhr sie fort, "Ich war noch ein Kind, und man besprach diese Dinge nicht vor uns Kindern. Wenn wir zufällig dabei waren, wurde in solchen Fällen plötzlich französisch gesprochen. Dann wussten wir: jetzt wird es interessant."

Sie schmunzelte leise bei dieser Erinnerung. "Also, da war der Verwalter mit seiner Familie, der lebte damals in diesem Haus. Er hatte zwei Buben, und das jüngste Kind, ein Mädchen, war etwas still und verträumt. Ich habe diese Geschichte nur fragmentarisch von der Tochter unserer Köchin gehört und mir dann alles zusammengereimt, deshalb weiss ich nicht, ob ich sie Ihnen ganz richtig erzähle, aber so ungefähr hat sie sich zugetragen. Das Mädchen, ja, es sah Kinder, die sonst niemand sehen konnte und sagte, es wären seine Freunde, wissen Sie, was ich meine? Oft sass es lange Zeit unter einem dieser Apfelbäume und sah in die Baumkronen empor, oder die Mutter hörte es mit Jemandem sprechen. Und wenn sie dann nachsah, war keiner da. Später erklärte es dann immer wieder, dass aus dem Keller ein Pochen käme, oft ganz laut, dass es sich die Ohren zuhalten musste. Natürlich konnte keiner sonst das hören. Die Eltern machten sich ernsthaft Sorgen. "Mein Herz begann, stürmisch zu klopfen. Ich musste sie unterbrechen: "Ich habe dieses Klopfen gehört. Es hat mich zu der Wiese geführt!" schrie ich fast in atemloser Aufregung. "Es kam aus dem Keller. Als ich dann dort hinkam, wo der Brunnen sein sollte, war er nicht da, und das Klopfen verstummte!" Die Gräfin sah mich verwundert an und fragte erstaunt: "Wieso wissen Sie von dem Brunnen? Er ist doch seit damals zugeschüttet." Mir schwindelte und ich konnte keinen Bissen mehr essen. Ich erzählte ihr von dem Traum, der damit geendet hatte, dass ich in den Brunnen gefallen war. Jetzt war es an ihr, zu staunen. Sie fuhr mit ihrer Erzählung fort: "Das Mädchen hatte eine Katze." Ich wusste es, sie war bei mir daheim gewesen und hatte da für Aufregung gesorgt. Diese Geschichte erwähnte ich aber nicht. So viel Geheimnisvolles würde sie mir denn doch vielleicht nicht glauben können. Sie erzählte weiter: "Die Katze hatte einen eigenartigen Lieblingsplatz, den letzten Kellerwinkel. Dort sass sie oft und lange und scharrte dort auch manchmal. Eines Tages, als das Mädchen sie von dort holen wollte, brach der Boden unter ihm ein. Es stellte sich heraus, dass nur Bretter über einem alten Brunnenschacht gelegen hatten, die schon morsch gewesen und endlich unter dem Kind eingestürzt waren. Es konnte noch lebend geborgen werden, starb aber am selben Tag noch, wahrscheinlich an einem Schädelbruch, den man nicht erkannt hatte."

Ich wusste, ich hätte es damit genug sein lassen sollen, doch etwas drängte mich, zu fragen: "Wie hiess denn das Mädchen, wissen Sie das?" "Ja, warten Sie, es fällt mir gleich ein.......ach ja, sie hiess, glaube ich, Anna........"

Welche tiefen Schächte der Zeit hatte ich mit meinen Träumen und magischen Ausflügen da aufgerissen, aus denen mir nun Schrecken und Verwirrung entgegenwehten ? Ich glaubte, mich nicht mehr auf den Beinen halten zu können, so sehr war mir dieser Bericht in die Knochen gefahren. Deshalb bat ich die Gräfin, uns für die Heimfahrt ein Taxi zu rufen. Wir verabschiedeten uns, wollten uns aber bald darauf, wenn ich mich von meinem Schrecken erholt hätte, wieder treffen, um die Einzelheiten für die Renovierung des Häuschens und unsere Übersiedlung dorthin, zu besprechen. Das grösste Problem dabei war, dass wir keinerlei Ersparnisse besassen und auch nicht wussten, wovon wir dort leben sollten......

Grosses Hallo beim Einsteigen in das Taxi, der Fahrer war Joschi, Georgs Sohn. Er verdiente sich zu seinem Studium etwas Geld dazu, indem er zwei Nächte die Woche Taxi fuhr. Wenn das kein Zufall war! Doch an Zufälle glaubte ich mittlerweile nicht mehr, nein, jetzt nicht mehr. " Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm," sagte Georg schmunzelnd und fragte ihn, wie es ihm denn so gehe. Seit der Hochzeit hatten wir ihn nicht mehr gesehen. Joschi erzählte, dass er mit dem Studium gut voran käme und dass er sich immer mehr für landwirtschaftliche Alternativen zu interessieren begänne, was ja nicht unbedingt in seine Studienrichtung fiele. "Irgendwann möchte ich weg aus der Stadt, weisst du. Nur meine Freundin ist noch nicht so überzeugt davon, ihr wäre das zu langweilig, sagt sie. Sie ist sehr nett, und wir sind sehr verliebt. Ihr kennt sie übrigens." "So, so, wie heisst sie denn?" fragte Georg, ich mochte nicht sprechen, zu sehr hing ich noch meinen Gedanken an die Ereignisse der letzten Stunden nach. Doch gleich darauf wurde ich aus meinem Sinnieren aufgeschreckt, als ich Joschi sagen hörte: "Myriam Waldstein". "Was, meine Myriam, das hat sie mir gar nicht gesagt, als wir uns das letzte Mal sahen, diese Geheimniskrämerin!" Ich war empört und gekränkt. So wenig Vertrauen hatte sie also zu mir! Daran hatte ich eigentlich nicht gedacht, als ich gemeint hatte, die Familie solle zusammenwachsen! "Sei nicht ungerecht," fiel Joschi mir ins Wort, "Es ist für sie nicht leicht, gerade wo sie doch zuerst so gegen eure Ehe war. Ausserdem fürchtet sie, glaube ich, um ihre Eigenständigkeit, wenn alles so in der Familie bleibt. Da wird es für sie vielleicht ein bisschen zu eng. Sie hätte es dir sicher früher oder später freiwillig gesagt, wenn sie sich der Sache etwas sicherer gewesen wäre. Du musst bedenken, so lange dauert unsere Beziehung noch nicht." Er hatte vernünftig argumentiert und wirkte menschlich sehr reif und vertrauenerweckend. Er war seinem Vater sehr ähnlich und ich konnte verstehen, dass meine Tochter sich in ihn verliebt hatte. Ich wünschte ihr, dass sie mit ihm glücklich würde. Schon betrachtete ich ihn mit den Augen einer Schwiegermutter. Wir Mütter sind doch unverbesserlich!

Mir ging die Geschichte mit dem kleinen Mädchen nicht aus dem Sinn. Ich fragte mich, ob ich, wenn es die Reinkarnation gäbe, früher dieses kleine Mädchen Anna gewesen war, oder ob es sich um eine sogenannte Synchronizität handelte, einen nichtkausalen Zusammenhang. Damit verhält es sich etwa so: Jemand kauft in einem Geschäft einen Tirolerhut mit Gamsbart und liest am nächsten Tag in der Zeitung, dass der Bundespräsident bei einem Fest mit Gamsbart am Hut erschienen sei. Es ist dabei ganz offensichtlich, dass sich besagter Jemand nicht diesen Hut gekauft hat, weil er wusste, dass der Bundespräsident sich morgen für den Gleichen entscheiden würde und vice versa.... dafür gibt es sicher noch hunderte Beispiele und wenn man ein bisschen achtgibt, erlebt man sie selbst sehr häufig. Aber, wie auch immer man diese Dinge nennen mag, sie passieren einfach und kümmern sich wenig darum, welchen Namen wir ihnen geben. Meine Verbindung mit diesem Haus war für mich jetzt ganz offensichtlich, ich hatte nicht mehr den geringsten Zweifel daran. Ich wusste auch, dass in diesem Haus etwas auf mich wartete; ich sollte etwas ganz Bestimmtes dort suchen oder tun, dem Pochen auf die Spur kommen, es hatte mit dem Brunnen zu tun, das spürte ich. Und die Zeit drängte.

Die Gräfin meldete sich bei uns. Wir luden sie zu uns ein, und sie nahm die Einladung ohne Zögern an. Sie teilte uns mit, dass sie das Haus auf eigene Kosten grundsanieren lassen und es uns dann zusammen mit der Apfelbaumwiese verpachten würde. Uns stände es frei, die Pacht durch die Betreuung des Anwesens abzuarbeiten.

Wir beschlossen, auch für die anderen, noch bewohnbaren Räume, Mieter zu finden und auf lange Sicht mit denen zusammen die landwirtschaftlichen Flächen biologisch zu bewirtschaften. Wir wollten eine Insel der ökologischen Vielfalt schaffen; einen Ort der Erneuerung des Lebens auf allen Ebenen, eine Lebensaufgabe für alle Beteiligten!

Das Fundament war also gelegt, die Arbeit konnte beginnen. Doch halt, da gab es noch ein Problem: wovon sollten wir unseren Lebensunterhalt bestreiten? So sehr wir uns die Köpfe darüber zerbrachen, wir fanden keine Lösung, doch gerade auf die kam es an, sonst würde die das ganze Projekt zerplatzen wie eine Seifenblase.

Es nützte nichts, wir konnten denken und rechnen, keine gangbare Lösung war in Sicht. Unser Haus würde ab September bezugsfertig sein, eigentlich waren nur die Fenster und die Eingangtüre zu erneuern, alles Andere könnten wir im Laufe der Zeit selbst herrichten, wie zum Beispiel das Bad. Dieses war ein Raum mit Abfluss im Boden, sonst war da nichts, was auf ein Bad hindeutete. Das störte uns nicht im geringsten, wir wussten, unsere Zeit in Wien war abgelaufen, eigentlich, in gewissem Sinne, bewohnten wir das Haus schon jetzt. Schon einmal hatten wir beide, Hals über Kopf, eine Enscheidung getroffen, von welcher wir im Innersten gewusst hatten, dass sie richtig war, unsere Hochzeit. Wenige hatten unsere Beweggründe damals verstanden, und wir hätten sie auch Niemandem gegenüber mit sachlichen Argumenten vertreten können, und doch war sie für uns die einzig Richtige gewesen. Mit unseren Covengeschwistern wollten wir uns jedenfalls beraten. Sie wären ja auch betroffen durch unseren Entschluss, aus der Stadt wegzuziehen.

All unsere Arbeit fand im Kreis statt, so auch diesmal, als die Gruppe sich traditionell an einem Vollmond traf, an ihrem angestammten Platz auf dem Gipfel. In dieser Nacht brauchten wir nur ein kleines Feuerchen zu machen, gerade nur, um der Form zu genügen. Es war heiss gewesen am Tag. Die Mauern der Häuser hatten die Hitze gespeichert wie Kachelöfen und strahlen sie nachts wieder aus. Wer nicht verreist war oder die Bäder frequentieren konnte, versuchte mit verschiedenen Mitteln und Tricks, sich ein wenig Kühlung zu verschaffen, meist mit wenig Erfolg. Hier im nächtlichen Wald war es frischer, richtig angenehm. Zum Zirpen der Grillen, auf - und abschwellend in seiner Lautstärke, manchmal für kurze Augenblicke ganz aussetzend, sang der sanfte Nachtwind sein Blätterlied. Unser Gesang fügte sich in das Konzert der nächtlichen Natur leicht und schwebend ein und verband uns so mit allen Wesen, die diesen Platz bewohnten. Sie kannten uns, wir waren willkommen, und wir begrüssten sie mit Respekt und Liebe. Beate war wieder da. Sie hatte sich besonnen und akzeptierte ihre "Niederlage" nicht nur, nein, sie wünschte uns ehrlich Glück. Sie hatte, nachdem es ihr gelungen war, ihre Gefühle für Georg loszulassen, ihr Herz wieder einem Mann öffnen können und war allem Anschein nach, sehr glücklich. Der Mann hiess Stefan und war mit ihr gekommen. Etwas steif, doch sichtlich bemüht, aufgeschlossen und offen an unserer Zeremonie teil zu nehmen, stand er neben Beate. Es herrschte eine friedliche Stimmung, eine Atmosphäre, die nach Achtsamkeit und Stille verlangte. Alle konnten das spüren. Deshalb begann auch niemand zu trommeln oder sonst eine lautstarke Aktivität. Sogar unser Sprechen wirkte zu laut. Alles lief in gedämpfter Lautstärke ab: Anrufungen, Rezitationen, Segnungen. Wir konnten es alle fühlen, der Ort hatte seine Energien verändert, wirkte befriedigt, ja, gesättigt. Der Grosse Ritus des Beltane - Festes hatte seine Kräfte entfaltet, den Platz genährt mit dem Segen der Alten Götter. Der Coven würde dafür sorgen, dass es ihm auch in Zukunft daran nicht mangeln würde.

Der Energiekegel wurde aufgebaut. In seinem Wirkungskreis würde nun das stattfinden, worum Georg und ich den Coven gebeten hatten: der Kreis des Rates. Dieser Brauch wird bei vielen ähnlichen Gruppen geübt und angewendet, wenn es gilt, Probleme kreativ zu lösen. Im Grunde ist es wie "brainstorming". Es hilft, Blockierungen im Denken aufzulösen. Alle Teilnehmer legen sich, mit den Köpfen nach innen, sternförmig in der Runde auf den Boden, immer Mann und Frau abwechselnd. Das Problem, das bearbeitet werden soll, wird allen dargelegt.

Dann beginnt jemand damit, eine Assoziation dazu auszusprechen. Der Nächste im Kreis fährt fort damit und bezieht sich auf das Wort des Vorgängers. Dabei ist es wichtig, nicht nachzudenken und ganz spontan alles und sei es auch noch so seltsam, auszusprechen. Nach einiger Zeit entwickelt sich eine stark kreative und intuitiv gefärbte Gedankenkette, deren Glieder in den meisten Fällen die Lösung schon enthalten.

In unserem Fall lief das ungefähr so ab ( genau kann ich es nach so langer Zeit natürlich nicht mehr rekonstruieren, aber als anschauliches Beispiel mag es alle Mal noch hingehen). Also, Franz begann mit LAND, dann ging es weiter mit:

LEBEN.....LEBENSMITTEL....KAUFEN......GELD......VERDIENEN.....ARBEITEN.....HOLZ FÄLLEN......BAUM........BLÄTTER......PAPIER.......SCHREIBEN.......BUCH..........LESEN.......

....LEKTOR....Stefan war an der Reihe und sagte...ICH ! Georg rief: "Mein Buch, ich werde es neu bearbeiten und dann wird es vielleicht doch jemand verlegen!" Im anschliessenden Gespräch, das der Klärung und der Beratung diente, kamen wir überein, dass Stefan Georgs Buch lesen und ihm helfen würde, es in eine akzeptable Form zu bringen. Dann würde er sich bemühen, es in seinem Verlag, der auch eine grosse Esoterik - Edition unterhielt, unterzubringen. Hoffnung und Dankbarkeit erfüllten uns, eine Tür hatte sich geöffnet und gab den Blick auf ein kleines Häuschen auf einer apfelbaumbestandenen Wiese frei. Gleichzeitig hiess das, wir würden uns in absehbarer Zeit von unserem Coven lösen müssen. Wer jemals mit anderen Menschen im Kreis der Göttin gelebt und gearbeitet hat, sein innerstes Wesen und seine Energie mit ihnen geteilt hat, weiss, wie traurig uns der Gedanke daran machte, unabhängig von dem Glück, das es für uns bedeutete, unseren Traum zu erfüllen. Tröstlich dabei war, zu wissen, der Kreis würde zwar geöffnet sein, jedoch ungebrochen.

Eine neue, aufregende Phase in unserem Leben fing nun an. Die kleine Wohnung quoll über von Papier, Büchern, Notizzettelchen und anderen Schreibutensilien, wir mussten uns unseren Weg vom Bett in die Küche mühsam frei halten, und Sitzgelegenheiten gab es nicht mehr. Georg verbrachte jede freie Minute an seiner kleinen Reiseschreibmaschine oder in Bibliotheken. Verlangend blickte er oft in Computerprospekte, doch das waren momentan unerfüllbare Träume. Trotzdem schritt die Arbeit zügig voran, und es schien, als könnte das Buch nun doch ein Erfolg werden und uns helfen, den Absprung zu schaffen. Keinen Tag versäumte ich meinen magischen Ausflug in mein neues Heim. Gewissenhaft imaginierte ich es in allen Einzelheiten, versetzte mich hinein und füllte die Szene mit aller emotionaler Intensität, die mir nur möglich war. Ich wollte nichts versäumen, was in meiner Macht lag, um an mein ersehntes Ziel zu kommen. Darüber ging der Sommer hin, die Tage waren merklich kürzer geworden, auch wenn die heisseste Zeit des Jahres noch bevor stand. Das Haus war bezugsfertig und wartete darauf, von uns bewohnt zu werden. Was nicht fertig war, war das Buch. Es würde noch eine Zeit zu seiner Fertigstellung brauchen, auch wenn wir noch so fleissig daran arbeiteten. Selbst dann wüssten wir nicht sicher, ob es angenommen werden würde, trotz aller Magie. Wir beide lebten im Zustand einer eigenartigen Spannung, die davon herrührte, dass wir nicht mehr hier und doch auch noch nicht dort zu Hause waren. Lange würden wir das nicht mehr aushalten, es zehrte an unserer Substanz. Manchmal gab es sogar Streit um relativ nebensächliche Dinge wie verlegte Kugelschreiber oder Bücherberge auf der Küchenablage.

Diesen Abend war es wieder sehr spät geworden. Wir hatten lange dazu gebraucht, wieder einmal Ordnung in die Notizen zu bringen. Georg arbeitete noch, ich hatte schon kapituliert und mich ins Bett zurück gezogen, wo ich gleich darauf eingeschlafen war. Das Pochen holte mich aus dem ersten, erholsamen Schlaf. Ungehalten drehte ich mich auf die andere Seite; der Mieter ober uns war wohl wahnsinnig geworden, um diese Zeit so laut seine Hardrockplatten zu spielen!

"Georg, klopf doch einmal mit dem Besen hinauf, dass der aufhört da oben, ich will schlafen!" brummte ich verärgert. "Georg! Tu doch was!" " Anna, träumst du schlecht, was soll ich denn tun?" hörte ich Georg erstaunt fragen. Jetzt war ich endgültig wach, es pochte bumm - bumm, bumm - bumm, bumm - bumm....ich hatte also nicht geträumt, und es verwunderte mich ausserordentlich, das mein Mann das Pochen offenbar nicht hörte. Es kam aus der Ecke, wo unsere "Hausgöttin" stand, die Ecke, in der sich unsere ehemalige Geisterkatze so gerne aufgehalten hatte. Es war der gleiche, konstante und alles durchdringende Herzschlag, der mich zuletzt die Wiese hatte finden lassen. Hier, in unserer kleinen Wohnung, in meinem anstrengenden Alltag wirkte er verstörend und irritierend, und er musste augenblicklich verstummen, oder ich würde verrückt werden, wenn ich es nicht schon war.

Er verstummte nicht, nein, er wurde nur noch lauter und immer lauter. Es nutzte nichts, mir verzweifelt die Ohren zuzuhalten, dieses Geräusch hielt sich nicht an anatomische Gegebenheiten, ja, nicht einmal an physische Realitäten, es war hier und doch nicht hier, klang durch alle Ebenen und Welten, um zu mir zu dringen...

......dringen .....dringend ..... dringend ..... dringend ......das war seine Botschaft an mich, ich konnte mich ihr nicht verschliessen. Doch, was wollte die Quelle dieses Geräusches von mir? Was konnte ich hier, in meinem Hochbett und jetzt, zu dieser Stunde denn tun? "Georg, ich brauche dich, jetzt, sofort, es ist ganz wichtig. Bitte, frag jetzt nicht, warum. Zünde eine Kerze an und etwas Weihrauch, und dann komm zu mir herauf. Wir müssen eine Reise machen, unser Platz ruft mich!" Die Dringlichkeit in meiner Stimme veranlasste Georg, ohne zu zögern seine Arbeit liegen zu lassen und meiner Bitte Folge zu leisten. Wir hielten uns an den Händen, ich leerte meinen Geist und richtete die inneren Sinne auf die Ursache des Pochens. Es dauerte einige Zeit, bis ich den Sprung über den trennenden Abgrund zwischen den Realitäten geschafft hatte, doch dann ..... Finsternis.... Enge... Kälte.... Feuchtigkeit und dieses entnervende Pochen. Wo befand ich mich? Meine Hände vorstreckend, tastete ich mich weiter und stiess gegen Erdbrocken, sie versperrten mir den Weg. Ich musste sie aus dem Weg räumen, es ging so schwer, so schwer...ich grabe, grabe, wie ein grosser Maulwurf grabe ich mich durch diese ziemlich weiche Erde. Sie gibt etwas nach, da streift ein Luftzug meine Wange; ich mache einen Schritt und trete auf festen Grund. Meine tastenden Hände finden keinen Widerstand mehr, ich stehe in einer Art Höhle, und es ist auch nicht mehr ganz so finster. Dämmerlicht lässt meine, sich langsam adaptierenden Augen eine, aus lehmiger Erde erbaute Nische erkennen, die eine Ausbuchtung der Höhle darstellt, in der ich jetzt stehe. Ich bin anscheinend nicht allein, schemenhafte Gestalten stehen entlang der gewölbten Höhlenwände, oh, erst jetzt bemerke ich es: die ganze Höhle ist voll von Menschen, undeutlichen, schattenhaften Menschen! Sie scheinen keine feste Konsistenz zu haben, ihre Erscheinung fluktuiert im Takt dieses alles durchdringenden Pochens. Eines kann ich aber erkennen: alle stehen mit dem Rücken zu mir und blicken auf etwas, was dort in dieser Nische, meinen Augen verborgen, sein muss. Einer von ihnen dreht sich jetzt zu mir um, dann sagt er laut, und seine Stimme hallt dröhnend durch das Gewölbe: "Sie ist gekommen!" Daraufhin wenden sich alle zu mir um und sehen mir mit feierlicher Miene entgegen. Die Gestalten bilden eine Gasse, durch die ich jetzt auf die Nische zugehe; seltsam, der Weg scheint so endlos lang, als führte er durch unendliche Zeiträume, durch Jahrhunderte, Jahrtausende, weit, weit zurück, zurück in unerforschte Äonen. Flüsternde Stimmen begleiten mich, in Sprachen, die ich nicht verstehe und nie in meinem Leben gehört habe, während das Pochen immer lauter wird.

Endlich, ich weiss nicht, wie lange ich so gewandert bin, stehe ich vor einem kleinen Podest, das die Nische ausfüllt. Und da ist sie, sie, deren Herzschlag mich durch alle Welten hierher gebracht hat, die kleine, kaum eine Spanne hohe Figur aus Stein, deren Abbild in einer Ecke meiner Wohnung aufgestellt ist, die Grosse Mutter allen Lebens.

Das Flüstern verstummt, Stille tritt ein. Sie ist vom Herzschlag der Grossen Mutter erfüllt. Eine ältere Frau mit weissem Haar, - ich erkenne in ihr die Gräfin, doch hier erscheint sie mir in ihrer Anderswelt - Gestalt, - nimmt die Statue vom Podest, und es erscheint eine kleine Öffnung, der sie etwas entnimmt. Ich kann nicht erkennen, was es ist, aber es sieht aus wie ein Topf oder eine Schale, in ein Tuch eingeschlagen. Sie blickt mir eindringlich in die Augen, dann überreicht sie mir das Gefäss. Es scheint zu pulsieren und Licht auszustrahlen, das sogar das Tuch durchdringt. Dabei berühren sich unsere Hände, und ich spüre, wie unser Pulsschlag sich vereint und mit dem Pulsschlag der Grossen Mutter zu einem einzigen lebendigen und lebensspendenden Takt wird, der meine Schritte lenkt, als ich mich langsam umwende und zu meinem Ausgangspunkt zurück gehe, während die Menge einen Gesang anstimmt. Das Singen begleitet mich zum Ausgang, immer wiederholen sich die Worte des Liedes, und immer deutlicher kann ich sie verstehen, zuletzt falle ich mit volltönender Stimme in den Gesang ein. Es ist meine Zaubersänger - Stimme, sie klingt durch Zeit und Raum:

"Folge den alten Wegen, bringe den Neuen meinen Segen!...."So gehe ich z u r ü c k durch den Tunnel, aber v o r w ä r t s in der Zeit, am Ausgang steht das kleine Mädchen, Anna, mit der Katze auf dem Arm (da ist sie also, ich hatte mir schon Sorgen um sie gemacht!).

Sie bittet mich eindringlich: "Bitte, beeil dich, komm schnell!" Ja Kleine, das will ich ja, aber in unserer Welt ist alles so sehr vom Geld abhängig, und wir müssen es uns erst irgendwie beschaffen, bevor wir kommen können, verstehst du ? Dann steige ich durch den Brunnenschacht wieder empor

( wie, es sind doch keine Stufen da?)...

"Was singst du da immer wieder?" höre ich Georg fragen, als ich wieder zu mir komme. Ich liege auf dem Hochbett, halte etwas in den Armen und presse es ganz fest an mich, um es nicht zu verlieren. Es pulsiert immer noch...

"Pass auf, sonst fällt es mir herunter!" schreie ich fast, als Georg mich am Arm berührt. "Was fällt herunter, da ist doch nichts, was ist denn los mit dir? Bist du überhaupt schon wieder ganz da?" In seiner Stimme schwingt echte Beunruhigung. "Zuerst hast du noch alles, was du gesehen hast, beschrieben. Doch dann, irgendwann, habe ich dich verloren. Du warst so tief in Trance, und du hast etwas gesungen. Weisst du noch, was es war?" Ganz langsam nur, kehre ich in die Realität zurück. Meine Hände sind leer, ich brauche lange, bis meine Augen wieder fokussieren können, alles wirkt merkwürdig zweidimensional. "Liebste, erzähl doch, was hast du gesehen?" Georgs Frage holt mich nun endgültig zurück und hilft mir, das Tor ohne Schlüssel fest hinter mir zu schliessen. Ich bin endgültig zurückgekehrt, und die Welt um mich nimmt wieder ihre vertrauten Formen an.

Ich wusste es ganz sicher, ich musste Georg davon überzeugen, mit mir unverzüglich zum Haus zu fahren und den Brunnenschacht freizulegen. Als ich ihm meine Erlebnisse genau erzählte und ihm die Dringlichkeit des Unternehmens klar machen wollte, überforderte ich damit sein Vertrauen in meine seherischen Fähigkeiten doch etwas. Er schüttelte ablehnend den Kopf und meinte: "Anna, sei vernünftig. Das geht doch nicht. Selbst wenn wir beide uns jetzt frei nehmen und dorthin fahren, wir können das nicht alleine. Dazu bedarf es zumindest einer Seilwinde, und Helfer brauchen wir auch. Wir müssen doch die ganze Erde durch den Keller heraufschaffen. Weisst du, was das für ein Aufwand ist? Und ausserdem muss die Gräfin einwilligen. Wir können nicht ohne ihr Einverständnis graben, das siehst du doch hoffentlich ein, und wenn du tausendmal den Gral gefunden hättest!.....He, Anna, weisst du, was du da erlebt hast? Ich schnappe über, der Heilige Gral! Wir müssen sofort dort hin!" Jetzt war er entflammt, mein Harfenspieler.

Diesen rasanten Umschwung hatte ich nicht erwartet. Ich war darauf gefasst gewesen, insistierend auf meiner Forderung zu beharren. Jetzt fühlte ich mich wie ein Angreifer, der an einen Judokämpfer gerät. Mein eigener Schwung brachte mich aus dem Gleichgewicht. Als meine kritische innere Stimme sich, die Gelegenheit nutzend, zu Wort meldete, beschwichtigte ich sie, ich war einer Auseinandersetzung nicht gewachsen, nicht jetzt. " Ich weiss, was du sagen willst, alle deine Argumente sind richtig, du hast ja so recht."

Das musste sie verwirrt haben, kein Widerspruch von meiner Seite, das war eine Neuheit, die sie nicht erwartet hatte. Gespannt, aber ohne sich zu Wort zu melden, verharrte sie im Hintergrund, um diese neue Situation zu beobachten.

Jetzt war die Zeit gekommen, ich wusste es und spürte es mit allen Fasern meines Selbst: dies war die Grosse Prüfung, die zu bestehen war, wenn eine Priesterin oder Hexe die Grossen Weihen erhalten sollte, die sie dazu befähigten, einen eigenen Coven ins Leben zu rufen. Es wurde von ihr erwartet, eigenverantwortlich und im Bewusstsein ihrer inneren Führung zu handeln. Auch die Führung und Verantwortung für die Gruppe musste sie dabei übernehmen, jedes Mitglied gemäss seiner Fähigkeiten einsetzen, niemand überfordern, die Energien der Gruppe richtig und massvoll lenken. Ich fürchtete mich. Zitternd und bebend sass ich auf meinem Hochbett und versuchte mich zu sammeln. Mittlerweile war die Nacht weit fortgeschritten. Georg und mir war klar geworden, dass wir den nächsten Tag beide frei nehmen würden, egal, wie unsere weiteren Entscheidungen ausfielen.

"Mein Kind, vertrau auf mich, ich bin bei dir. Tu' es jetzt. Die Zeit ist gekommen, versäume nicht den richtigen Zeitpunkt. Ich gebe dir all meine Kraft!" so raunte eine innere Stimme, die Stimme der Ewigen, mir zu. " Ja, Mutter, ich werde mich Deiner würdig erweisen, mit deinem Segen!" sprach ich, laut und deutlich in die Stille der Nacht.

Es war nun meine Aufgabe, den Coven zu versammeln und die Einwilligung der Gräfin zu erhalten. Das Erste war nicht schwierig, denn Lughnasadh, das Schnitterfest stand bevor. Also machte ich mich auf den Weg zu Margot, in die Buchhandlung.

Vertraute Düfte und Klänge umwehten mich, als ich eintrat und erinnerten mich an die Ereignisse, die Jahrhunderte her zu sein schienen und mir doch erst vor wenigen Monaten zugestossen waren. Unglaublich! Margot bediente gerade eine Kundin, die sich ganz intensiv für die Heilkräfte der Edelsteine ineressierte. Sie mochte einfach nicht glauben, dass ohne Selbstklärung ihrerseits kein Stein ihr je bei der Lösung eines Problem helfen würde. Eindringlich versuchte Margot ihr zu erklären: "Die Steine wirken nicht wie ein Kopfschmerzpulver. Sie sind ein Hilfsmittel, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es bleibt Ihnen nicht erspart, an ihren Schwierigkeiten zu arbeiten." Wie leicht hätte Margot ihr diverse Steine verkaufen können und damit ihre Einnahmen mehren, doch das machte eben den Unterschied zwischen Scharlatanerie und wirklicher Beratung aus, das war eben "meine" Margot. Sie würde mir sehr fehlen, das wusste ich. Würde ich jemals eine Hohepriesterin mit i h r e m Format werden, i h r e Selbstsicherheit ausstrahlen, wie s i e die Göttin herabziehen? Diese Fragen wirkten wie eine ausgeworfene Angel auf meine kritische, innere Stimme. Sie biss sofort in den Köder. Hier war sie wieder und liess laut und deutlich ihre Meinung in mir vernehmen: "Na, weisst du, du bist aber schon ein Tschapperl, du zukünftige Hohepriesterin du!" ätzte sie mit gewohnter Schärfe, " wieso willst du alles so können wie sie? Das wirst du nie, niemals, nein ,du nicht. Du hast nicht ihr Format, und du wirst es auch nie haben, nicht in hundert Jahren!" Schon wollte ich ihr den Sieg leicht machen und ihr bedrückt Recht geben, doch plötzlich hielt ich ein: ja, sie war wohl bissig wie eh und je, aber ihre Argumente waren dünn wie schlechter Stoff, einfach lächerlich! Jetzt hatte sie sich eine Blösse gegeben! Und ich musste wirklich lachen. Laut lachend stand ich im Geschäft, lachte aus reiner Freude über meine bevorstehende endgültige Befreiung von dieser Sklavenhalterin, die mich so lange unter ihrer Knute gehalten hatte.

Nun musste ich nicht mehr kämpfen gegen sie, sie schrumpfte zu ihrer wahren Grösse zusammen, und das war recht klein, sie passte in meine Handfläche. Dort sass sie nun kläglich und hörte sich meine Verurteilungsrede an: "Jetzt hör' mir einmal zu, du kleines Würstchen, du bist durchschaut. Deine Macht ist Schnee von gestern! Willst mir einreden, ich könne nie so sein wie Margot! Nun, du hast Recht. Ich kann nicht sein wie sie, denn ich bin Anna, und ich will Anna sein mit allen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die diese Anna hat, und die sind recht beachtlich! Also, was hast du dazu zu sagen?" sie sagte nichts.

Ich konnte sie in meine Tasche stecken und brauchte sie nur hervorholen, wenn ich wollte. Ich war ihre Herrin geworden und das gedachte ich zu bleiben.

Die Kundin hatte recht befremdet zu mir her gesehen und dann fragend Margot angeblickt. Es kam nicht oft vor, dass Leute laut lachend in Geschäften standen. Margot kam zu mir her, umarmte und begrüsste mich in alter Vertrautheit. Die Kundin war nun vollends verstört und verliess eilig die Buchhandlung, ohne etwas gekauft zu haben. " So, du Kundenschreck, jetzt sag mir, warum du so gelacht hast," fragte sie mich mit gespieltem Ernst. Nachdem ich ihr alles erzählt hatte, wurde aus dem gespielten Ernst ein echter. "Ich gratuliere dir," sagte sie mit viel Wärme in der Stimme, "aber wirf sie nicht ganz weg, du wirst sie noch brauchen, halte sie nur an der kurzen Leine, sie wird dir dienen." "Margot, ich bin aus einem ganz bestimmten Grund da," sagte ich ernst und eindringlich, "ich brauche deine Hilfe und die des Covens!" Und nun erzählte ich in aller Ausführlichkeit, was sich seit der Sonnenwende zugetragen hatte.

"Das ist sehr merkwürdig," sagte sie versonnen, als ich meine Erzählung beendet hatte. "Wenn du es nicht wärst, Anna, ich glaube nicht, dass ich jemand Anderem diese Geschichte glauben würde, aber so..." Sie begann sofort, alle Mitglieder anzurufen; alle waren erreichbar, was noch nie vorgekommen war, wie sie sagte.

Und alle waren einverstanden damit, das Lughnasadh - Fest im Waldviertel zu feiern und anschliessend bei den Ausgrabungsarbeiten zu helfen. Tiefe Dankbarkeit erfüllte mich, ich fühlte mich getragen von Liebe und Zugehörigkeit. "Margot, ich muss dir noch etwas sagen," meine Stimme zitterte vor Aufregung. "Ich bin ganz sicher, dass dies meine Grosse Prüfung sein wird. Wird der Coven mich unterstützen und mir seine Energie leihen?" Sie sah mich lange und prüfend an, und ihr Blick sah durch meine Anna - Persönlichkeit hindurch bis zu meinem unzerstörbaren Kern.

Ich hatte mich nie nackter gefühlt, doch ich hielt ihrem Blick stand, denn ich war meiner selbst bewusst; die Persönlichkeiten waren zur Deckung gelangt, Anna und Morgan waren Eins geworden und so würde es bleiben.. Endlich war Margot zu ihrem Urteil gekommen, sie sagte mit einer Gewissheit, die alle anderen Möglichkeiten ausschloss: " Ich werde dich unterstützen, und die Brüder und Schwestern werden das auch tun, so sei es!"

L U G N A S A D H

Zwei Tage später, es war ein Samstag, trafen alle sich bei Georg und mir, um die Einzelheiten des Unternehmens zu besprechen und anschliessend gleich aufzubrechen. Unsere kleine Wohnung quoll über von lebhaft durcheinander sprechenden Menschen, die noch dazu keinerlei Sitzgelegenheit hatten, weil alles mit Büchern und Papier vollgeräumt war. So schrien einander, auf verschiedene, noch freigebliebene Plätzchen verteilte Personen, über Papierstösse hinweg, ihre Konversation zu; es war ein heilloses Durcheinander. Doch zuletzt waren alle Probleme geklärt, es konnte losgehen. Es war einer dieser typischen Spätsommertage, in welchen der zu Ende gehende Sommer noch einmal sein ganzes Wesen verströmt, wie um in der darauf folgenden dunklen und kalten Jahreszeit eine Erinnerung an seine Wärme zurückzulassen. Wir würden ihrer bedürfen. Die Winter waren kalt und dauerten lange im Waldviertel.

Wir waren verteilt auf zwei Autos, ich sass im Fond des Einen - neben Beate. Das hatte sich nicht ganz zufällig ergeben, ich musste noch etwas bereinigen; es war wichtig für mich, unbelastet in diese Prüfung zu gehen. Als sich der erste Trubel der Abreise etwas gelegt hatte und die beiden Autos auf dem gleichförmig sich hinziehenden Band der Nordautobahn dahinrollten, sprach ich meine Sitznachbarin kurzerhand auf unseren Zwist hin an.

Unsere Mitreisenden: Franz, der Fahrer, Margot, vorne neben ihm sitzend, Georg, der neben mir sass, waren mittlerweile in eine angeregte Unterhaltung vertieft und deshalb genügend abgelenkt. Dies war unsere ureigenste Angelegenheit, niemand musste mithören. " Beate," begann ich, noch etwas schüchtern," wirst auch du mir deine Kraft leihen, wirst du mich unterstützen? " Sie sah mich an, und es war ihrem Blick anzumerken, dass auch sie etwas verlegen war. Dann aber gab sie sich offenbar einen innerlichen Ruck. Sie nahm meine Hand in die Ihre, drückte sie fest und herzlich, dann sprach sie, leise, doch bestimmt: "Mir ist klar geworden, dass ich dich falsch eingeschätzt habe. Daran war sicher meine Eifersucht schuld. Wenn du kannst, bitte, verzeih mir. Meine Unterstützung hast du jedenfalls, voll und ganz." "Schade," dachte ich, "wir hätten wirklich gute Freundinnen sein können, wäre diese fatale Geschichte nicht zwischen uns gestanden." Aber, so war es nun einmal, Jetzt würden sich unsere Wege bald, zumindest für einige Zeit, trennen, und diese Möglichkeit wäre dahin. Aber wenigsten stand keine Feindschaft mehr zwischen uns, und das war schon ein erleichterndes Gefühl.

Langsam begann es zu dämmern auf meiner Wiese. Die Abende brachen nun schon früher an als im Hochsommer, doch es war angenehm warm, sogar in dieser kühlen Gegend. Wir hatten einen Kreis aus Steinen, die es hier in Fülle gab, errichtet, dessen Zentrum sich ziemlich genau über dem Brunnenschacht befinden musste, wenn ich mich nicht total verschätzt hatte. Dort entzündeten wir ein grosses Feuer. Die Nacht würden wir in unserem Haus, in Schlafsäcken verbringen. Das stand, bis auf den grossen Tisch und den Ofen, noch leer. Den Altar, im Norden, improvisierten wir aus Steinen und einem darüber liegenden Brett. Die vier Himmelsrichtungen waren durch Fackeln bezeichnet.

Allmählich wurden die Schatten der Apfelbäume immer länger, dann senkte sich die Nacht, begleitet von Grillengezirpe und den vereinzelten Rufen eines Käuzchens, herab. War ich bis jetzt ängstlich und nervös gewesen, so sehr, dass ich nicht einen Bissen des herrlichen Mittagessens, das wir in einem Landgasthof eingenommen hatten, hinunter würgen hatte können; jetzt fiel mit einem Mal all Dies von mir ab. Ich war Morgan von Avalon, und ich stand hier, inmitten meines, von mir wiedergefundenen Reiches. Alles war gut und richtig so wie es war, und was hier ablief, stand unter dem Segen der Mächtigen und geschah mit Ihrem Willen.

So wie in der Beltane - Nacht, als ich in vollem Einklang mit allen Ebenen und Welten meine Aufgabe in diesem Leben erfüllt hatte, gehörte dies zu meinem Auftrag. Und so, in völliger Ruhe und Sicherheit, nahm ich den Kelch von Margot entgegen, zum Zeichen, dass ich heute die Aufgabe der Hohepriesterin erfüllen würde.

Das Ritual begann. Beate zog den Kreis, der uns mit allen Realitäten und Zeiten verbinden sollte. Er sollte das Gefäss sein, in welches die Macht der Götter einfliessen konnte. Jetzt war die Reihe an mir, die Elemente anzurufen. Im Osten beginnend, mit den Wächtern des Elementes Luft, rief ich alle Wesen, alle vier Winde, alle Wächter der Himmelsrichtungen in den Kreis. Der Coven untermalte die Anrufungen mit einer machtvollen, gesungenen Formel: " Oh you powers, powers all, answer unto this my call! Powers of water, powers of fire, work you unter my desire! Powers of earth und powers of air, answer unto this my prayer! "Alle konnten es fühlen, die Angerufenen kamen. Sie waren da und liehen unserer Zeremonie die ihnen eigenen Kräfte. Georg, mein Hohepriester, stellte sich mir gegenüber auf und begann mit dem, nun schon bekannten Ritus der Ehrung der Frau, die das Gefäss der Göttin sein würde. Jetzt und jedes Mal, an dem mir diese besondere Ehrung zuteil wurde, lief ein Schauer aus Ergriffenheit über meinen Körper. Zitternd empfing ich den Fünffachen Kuss meines Mannes und Hohepriesters, für den ich Frau und Göttin war.

Nun war es an mir, in ihm den Mann zu ehren, der die Kräfte des Gehörnten in sich versammeln würde. Ich kniete vor ihm nieder, so wie er es zuerst vor mir getan hatte und schenkte ihm dieselbe Ehrung, ihm, der mir Ehemann und Verkörperung des Gottes war.

Jetzt wartete die schwerste Aufgabe auf mich. Nun würde sich zeigen, ob ich würdig war, Hohepriesterin zu sein. Ich sollte die Göttin anrufen, mein Wesen sollte dem Ihren Platz machen, Gefäss Ihrer Macht werden, Ihren Willen, Ihre Botschaft, Ihre Liebe dem Coven vermitteln. Ich machte mich ganz leer, liess alle Ängste, alle Gedanken los und begann mit meiner Anrufung, das Gesicht dem Altar, das Herz der Göttin zugewendet. Es war eine überlieferte Formel, schon Viele vor mir hatten diese Worte den Weg sein lassen, der Sie zu uns geleitete, und Viele nach mir würden das Gleiche tun, die Brüder und Schwestern des Coven würden mir dazu ihre Energien spenden. Ich war ein Glied in einer langen Kette. Das verlieh mir innere Ruhe und Vertrauen. Meine Stimme, unsicher zuerst, doch von Strophe zu Strophe sicherer werdend, hallte zuletzt bis an die Grenzen der erfahrbaren Welt, dann darüber hinaus, folgte meiner Sehnsucht, Sie zu erreichen, flehte, beschwor, wurde zum Strahl, dem Sie folgend, mich erfüllen konnte. Und sie kam.....

Aber dieses Erlebnis entzieht sich meinen Worten. Ich weiss nur noch, dass der Kreis sich ins Unendliche erweiterte. Wie konzentrische Wellenkreise breitete sich Ring um Ring aus ungezählten Menschen um das Zentrum aus, in welchem ich stand. Zwischen den Männern und Frauen unserer Gruppe sah ich meine Eltern stehen. Sie lächelten mir ermunternd zu. Auch die Gräfin war da, in ihrer blauen Robe mit dem Sichelmesser hob sich ihre hohe Gestalt deutlich von den Anderen ab.

Ich sah das kleine Mädchen, die Katze sass ruhig und mit glitzernden Augen auf seiner Schulter. Aus allen Zeiten waren sie gekommen, aus den dunkelsten Tiefen der Vergangenheit bis zu den noch nicht in Erscheinung Getretenen, Zukünfigen. Sie alle waren hier, um mit uns das Fest zu begehen und die alten, ewig jungen Götter zu ehren. Auch die Kleinen Wesen, zarte, durchscheinende Elfen, erdfarbige Gnome, märchenhaft schöne Feen, Baumgeister mit knorriger Gestalt, flüchtige Naturwesen, die Bewohner anderer Sphären und doch unsere Brüder, waren gekommen. Kreis um Kreis setzte sich fort bis in schattenhafte Fernen. Aufmerksam verfolgten sie die Zeremonie, die es ihnen ermöglichen sollte, wieder in unsere Erfahrungswelt einzutreten, mit und um uns zu leben und zur Heilung unserer Welt beizutragen. Die Göttin sprach zu ihnen und zu ihren Geschwistern, den Menschen. Sie sprach von fernen Vergangenheiten, als die Berge noch nicht geboren waren, von der unendlich weit zurückliegenden Zeit, in der sich diese Landschaft, in der wir jetzt standen, gebildet hatte.

Hohe, schroffe Gebirgszüge falten sich vor unserem inneren Blick auf, werden abgetragen zu runden, sanften Formen. Was in Jahrmillionen, unerfahrbar für menschliche Wahrnehmung, vor sich gegangen war, wird uns hier in wenigen Augenblicken vorgeführt. Eiszeiten kommen und gehen in rascher Folge. Steppenlandschaft breitet sich aus, wo wir jetzt stehen. Jäger mit Steinwaffen jagen hinter gewaltigen Hirschen und Rentieren her. Sie versammeln sich in einer kleinen Erdhöhle, um sich am Feuer zu wärmen , ihre Nahrung zuzubereiten und ihre Waffen zu erneuern. Sie führen ein kleines Mutteridol aus Kalkstein mit sich und stellen es in der Höhle auf, zum Zeichen, dass der Schutz und der Segen der Mutter immer bei ihnen sei. Wieder wechselt die Szene. Wieder versinkt ein Grossteil Europas unter ewigem Eis. Als es zurückgeht: Steppe. Dann beginnen sich mächtige Wälder auszudehnen, wo vorher Steppe gewesen war. Auf einer kleinen Lichtung ein winziges Anwesen, aus Flechtwerk erbaut, durch Palisaden éingezäunt. Ein enger Kriechgang führt in eine kleine Erdhöhle, die Mutterfigur steht immer noch da, inmitten von Opfergaben: Kupferdolchen, Ketten mit Fajenceperlen und einem Gefäss aus dunklem Stein. Wieder wechselt das Aussehen der Landschaft. Die Kuppe des Berges ist kahl, eine Wehrburg krönt ihre höchste Stelle. Ein paar kleine Häuser mit Wirtschaftsgebäuden ducken sich an den Hang, wie, um Schutz zu suchen im Schatten der über ihnen aufragenden Burg. Kleine Äcker, von wilden Hecken eingefasst, wechseln mit lichtem Wald ab, in dem Schweine, Kühe und Schafe weiden. Der Eingang zur Erdhöhle ist mittlerweile verschüttet und mit Brombeergebüsch verwachsen.

Die Einwohner, von Kirche und Adel eingeschüchtert, meiden den Platz, der bald darauf zur "Höll" erklärt wird. Was sie in ihrem Inneren verbirgt, die Höll, wird zerstört, doch die Mutterfigur und das Gefäss konnte von verborgen hausenden "Saligen" noch vorher versteckt werden. Später, als kein Einwohner mehr an die Höhle denkt, stellen diese, in der Heimlichkeit der tiefen Wälder überlebenden "Teufel" die Statue und die Schale wieder an den heiligen Platz zurück, den sie noch lange, lange betreuen. Dabei werden sie von den Kleinen Wesen unterstützt, an die jetzt keiner mehr glaubt. Manchmal begegnet der ein - oder andere Holzfäller einem von ihnen im Wald. Daraus entstehen dann die Sagen, die man sich noch heute erzählt, deren innere Wahrheit aber nicht mehr erkannt wird. Dann ist auch die Zeit der Saligen abgelaufen. Die Wälder, die ihnen Unterschlupf und Nahrung geboten hatten, werden mehr und mehr gerodet und machen Äckern und Wiesen Platz. Ihr Holz dient der Glasindustrie und wird auch in den rasch wachsenden Städten gebraucht. Die Kuppe des Berges ist leer. Nach der Zerstörung der Burg wird aus ihren Steinen eine Neue, Repräsentative, am sanften Südabhang des Berges erbaut. Die neuen Feuerwaffen lassen Wehrburgen ihren Zweck verlieren. Das Dorf wächst, Arbeitskräfte werden für den grossen Gutsbetrieb gebraucht, Leibeigene schaffen den Reichtum der Besitzer. Über dem ehemaligen Heiligtum wird das Haus des Gutsverwalters erbaut. Niemand weiss, dass nur wenige Meter neben dem neuen Brunnenschacht die Erdmutter noch immer über diesen rt wachtOrt wachtOOOOOOOrt wacht nnnnnnnnnn nnnmmOrt wacht. Dann passiert das Unglück mit der kleinen Tochter eines der Verwalter in der langen Reihe von Schaffnern. Die kleine Anna, gerade neun Jahre alt, bricht durch die morsche Abdeckung des Brunnenschachtes und stirbt an Schädelbruch. Sie ist eines jener jungen Wesen mit noch offenen Herzen und Sinnen.

Deshalb vernimmt sie auch den Herzschlag der Grossen Mutter in der Tiefe, sie folgt ihrer Katze, seit jeher eine Begleiterin der Göttin, in den Keller, wo das Unheil seinen Lauf nimmt. Hat die Dunkle in der Tiefe ein Opfer gefordert, um sich für die lange Zeit ihrer Missachtung zu rächen?

Das sind Projektionen der Menschen, sie fordert keine Opfer, sie verströmt sich auf die Erde, und nimmt nur zu sich, wessen Zeit abgelaufen ist.

Niemand will mehr in diesem Haus wohnen, es gilt als verwunschener Ort. Damit haben die Menschen auch Recht, denn Heilige Plätze, die nicht mehr erkannt und geehrt werden, sind unerlöste Plätze. Deshalb holte die Göttin eine ihrer Dienerinnen, eine derer aus Avalon, die immer schon Hüter des Alten Wissens gewesen waren, hierher, um diesen Ort wieder zum Blühen zu bringen.

Sie würde ihn wieder zu einer "Glasinsel" machen, ihn wieder mit allen anderen Ebenen verbinden. So könnte er wieder zu einem heiligen Zentrum, dem Herzen des Landstriches werden, mit Ihrem Segen.

Langsam schwinden die Visionen, ich bin wieder hier, wo die Anwesenden, Menschen und Anderswelt - Wesen, Lebende und Verstorbene, andächtig den Worten der Göttin gelauscht hatten. Nun hebe ich den Kelch in die Höhe, um Ihre Kraft in ihn einfliessen zu lassen. Er beginnt zu leuchten und pulsiert in meinen Händen wie ein lebendes Wesen. Sein Leuchten verstärkt sich noch, als mein Hohepriester ihn auch noch mit der Macht des Gehörnten füllt Von Hand zu Mund und von Mund zu Hand wird er weiter gegeben mit Kuss und Segen. Alle trinken daraus, und dennoch wird er nicht leer, denn er ist Leib und Seele der Grossen Mutter, die sich ewig verströmt und zusammen mit der zeugenden Kraft des Gottes das Leben erneuert. Dann zieht sich die Göttin aus meinem Körper zurück und Morgan - Anna trinkt den letzten Schluck vom Wein, der sich noch im Kelch befindet. Der ist jetzt leer, doch ich bin voll Freude, Dankbarkeit, Stolz und Demut zugleich, weil ich Ihr Gefäss hatte sein dürfen.

" Kikerikiiii!" und wieder " kikerikiiii! " Vorbei war es mit der Nachtruhe, obwohl es noch nicht hell war. " Sehr gewöhnungsbedürftig, dieses Landleben," stellte ich fest und drehte mich noch einmal herum, um vielleicht wieder einschlafen zu können. Doch damit war nichts.

Um mich herum schliefen noch alle, wie beneidenswert! Leise, um niemanden zu wecken, schlich ich mich ins Freie. Ich wollte einen Brunnen finden, um mich ungestört zu waschen. Sich morgens im Freien im kalten Brunnenwasser zu waschen, das entsprach meinem Klischee vom "ursprünglichen Leben ". Später, als ich dann wirklich hier lebte und vorderhand jeden Tag dazu gezwungen war, da wir noch kein Wasser eingeleitet hatten, träumte ich, besonders im Winter, von Badewannen, voll mit heissem Wasser. Doch, wir wollen nicht vorgreifen! Hier war ich also und wusch mich prustend und schnaubend unter dem kalten Strahl des Brunnens, den ich endlich doch gefunden hatte. Das war wirklich erfrischend, und nun war ich endgültig wach. Wieder schlich ich mich ins Haus. Wir hatten Thermoskannen mit heissem Kaffee mit, genau das, was ich jetzt brauchte. Hier, auf der Bank vor "meinem" Haus, mit Kaffee und Gebäck zum Frühstück, den erwachenden Tag zu begrüssen; das war es, wovon ich lange geträumt hatte. Nun war es Wirklichkeit geworden., zwar noch nicht ganz, aber in erreichbare Nähe war es doch gerückt. Doch, vor allem Anderen mussten wir den Brunnen freilegen, dazu waren wir schliesslich her gekommen. Es eilte, dass wusste ich, wenn auch nicht, warum. Ich ging zurück ins Haus und liess, ungeachtet der empörten Proteste, einen lauten Weckruf erschallen. Verschlafene Gestalten fuhren aus ihren Schlafsäcken hoch: "He, Anna, bist du vom bösen Schwein gebissen? Es ist doch noch tiefste Nacht, du Sklaventreiberin, lass uns schlafen!" Gemurre von allen Seiten. Dann erhoben sie sich aber doch, um etwas später, Spaten bei Fuss, lachend und witzelnd vor mir zu stehen: "Arbeitskompanie Ynys Vytrin, vollständig angetreten, gestrenge Frau Hohepriesterin!"

Bald darauf hatten wir einen Holzbock zusammengezimmert, der die Seilwinde stützen sollte. Wir Frauen sollten in Eimern die abgegrabene Erde wegtragen, zwei Männer, Alfred und Georg, wollten abwechselnd mit Spitzhacke und Schaufel in die Tiefe graben. Franz zog mit Hannes die Seilwinde hoch. Es war eine mühsame, anstrengende Arbeit. Trotz der Kühle im Keller schwitzten wir alle bald so, dass unsere Leibchen tropfnass waren.

Noch heute denke ich oftmals in tiefster Dankbarkeit an meine Freunde, die mir damals ihre ganze Kraft zur Verfügung stellten, ohne jemals meine Visionen in Zweifel zu ziehen. Es war schon Mittag, und wir hatten gerade erst einen Meter in die Tiefe geschafft. Wenn das so weiterginge, brauchten wir noch einige Wochenenden, um den Grund des Brunnens zu erreichen. Würden meine Freunde dann auch noch bereit sein, mir ihre Zeit und Arbeitskraft zu schenken?

Konnte ich das überhaupt von ihnen annehmen? Wie auch immer, jetzt musste einmal Mittagspause sein, nachher konnten wir dann sehen, wie weit wir kämen.

Draussen, vor dem Haus, stand die Nachmittagssonne mittlerweile schon ziemlich tief, bald würden wir aufbrechen müssen, egal wie weit wir gekommen wären mit unseren Bemühungen. Der Arbeitsrhythmus wurde schon recht schleppend, wir waren sehr müde. Hannes arbeitete mit der Spitzhacke. Erstaunlich, wie gleichmässig seine Bewegungen noch waren! Trotz seiner leptosomen Gestalt war er offenbar sehr zäh. Poch - poch, poch - poch, hörte ich seine Spitzhacke die verdichtete Erde lockern. Fast klang es wie Herzschlag, stetig und gleichmässig.

"Zigarettenpause!" tönte Georgs Stimme neben mir. Helga, Beate und Hannes folgten sichtlich erleichtert diesem Signal. Vier glühende Punkte glommen in der Dunkelheit des Kellers auf. Ich fragte erstaunt: "Und wer bitte, hackt da jetzt, ich höre doch das Hauen?" "Keiner," erklang Hannes' Stimme neben mir, "vielleicht hörst du den unheimlichen Geister- workaholic, huhu!" Dieser musste sich jetzt geradezu in einen wahren Arbeitsrausch hinein steigern, denn immer lauter wurde das Pochen. " Lacht nicht! " rief ich, jetzt schon alarmiert, " dieses Geräusch kenne ich, wir müssen ganz nah sein, ich brauche mehr Licht!" Jemand reichte mir eine starke Stablampe und ich stieg in die Grube hinunter. Sie war inzwischen schon zwei Meter tief geworden. Das Geräusch kam aus der Wand des Brunnenschachtes, laut und deutlich war es zu hören, offenbar aber nur für mich.

"Klopf die Wand ab," riet Franz mir und reichte mir einen Hammer herunter, worauf sich mein Hämmern zusammen mit dem Pochgeräusch zu einem wilden Stakkato aufschaukelte. Einer der unregelmässigen Steine brach aus der Wand. Fast wäre er mir auf die Zehen gefallen, ich konnte mich gerade noch durch einen raschen Sprung davor retten. Das Loch gähnte mir wie ein dunkler Rachen entgegen, das Schlagen des Herzens, wem auch immer es gehören mochte, drang daraus hervor, jetzt durch keine Wand mehr gedämpft. In meiner Aufregung konnte ich nur heiser flüstern: "ich habe es gefunden, kommt, schnell!" Hektisches Gescharre, Stimmen rufen durcheinander, Lampen werden angezündet, Hannes steigt in den Schacht und bricht mit einer Eisenstange weitere Steine aus der Wand. Atemlose Stille herrscht, als wir, Einer nach dem Anderen, durch das Loch klettern.

Ich kenne diesen Ort, ich war schon hier gewesen, damals, als Georg meine geistige Spur verloren hatte auf unserer Reise. Finsternis,.....Enge,......Kälte,......Feuchtigkeit...Meine Hände vorstreckend, taste ich mich weiter und stosse gegen Erdbrocken. Sie versperren mir den Weg. Ich muss sie wegräumen, es geht so schwer, so schwer. Ich grabe, grabe, wie ein grosser Maulwurf grabe ich mich durch diese weiche Erde. Endlich gibt sie nach, da streift ein Luftzug meine Wange, dann trete ich auf festen Grund. Wie im Traum gehe ich sicher und unbeirrt durch diesen, sich jetzt erweiternden Gang. "Warte, Anna, geh nicht allein! Wer weiss, ob der Gang hält! So warte doch auf mich!" Georgs Stimme klingt alarmiert und besorgt, doch wie durch Watte, zu mir durch das immer lauter werdende Klopfen, dem ich, willenlos wie eine Marionette, folge, folge....bis ich in der Erdhöhle stehe, die von schattenhaften Gestalten erfüllt scheint. Geflüster, Geraune: "... endlich ... gekommen ..... endlich ... endlich ...." Auf dem Podest aus Erde steht sie, die kleine Figur aus Kalkstein, Sie, die so lange gewartet hatte. Mit bebenden Fingern nehme ich sie auf und drücke sie an mein Herz, das im gleichen Rhythmus schlägt wie das Ihre.

Die Freunde sind mir jetzt alle nachgekommen und stehen im Halbrund um das Podest. Ihre Mienen drücken fassungslose Verwunderung aus. Wo die Figur gestanden hatte, wird nun eine Vertiefung sichtbar. Ihr entnehme ich eine ziemlich kleine, kelchartige Schale aus dunklem Stein. Sie beginnt rhythmisch, im Herzschlag zu pulsieren und leuchtet das Dunkel aus mit strahlendem Licht, das keine physikalische Quelle hat.

Ich hebe sie hoch, präsentiere sie der versammelten Runde und Georg flüstert ehrfürchtig: "der Gral, sie hat den Heiligen Gral gefunden!"

In der Tiefen Stille, die sich jetzt ausbreitet, beginnt aus mir ein Lied aufzusteigen, dumpfe Töne, wie aus der Tiefe der Erde geboren, bringen die Luft der Höhle zum Vibrieren. "Ancient mother, I hear you calling, ancient mother, i hear your song, ancient mother, i hear your laughter, ancient mother, i taste your tears." Andächtig und ergriffen singen alle meine Geschwister mit. Hohe und tiefe Stimmen, dunkle und helle mischen sich zu einem Akkord der Anbetung, der die Höhle erfüllt.

"Die Statue soll hier bleiben. Hier ist ihr Reich seit Jahrtausenden, und hier soll die heilige Stätte wieder erstehen, offen für alle Menschen, die der Mutter Ehre erweisen wollen, ungeachtet ihres Bekenntnisses und der Namen, welche sie Ihr geben. So sei es!" sprach ich laut in den Klang des Liedes hinein und stellte die Figur wieder an ihren Platz. Das Singen hatte sich jetzt verändert:..."Isis, Astarte, Diana, Hekate, Demeter, Kali, Inanna.....Isis, Astarte, Diana, Hekate, Demeter, Maria, Inanna......." klang gefühlvoll das Singmantra, das unsere Gruppe bei allen Festen gerne intonierte. Und so singend, wendeten wir uns um und gingen den sich wieder verengenden Gang zurück zum Brunnenschacht. Die Schale nahm ich mit. Sie sollte bei unseren heiligen Handlungen der Kelch der Erneuerung sein.

Alle waren wieder an die Oberfläche geklettert. Die Werkzeuge wurden eingesammelt und sollten zu den Autos gebracht werden. Da, plötzlich, lautes Rumpeln, Krachen! Staub, aus dem Einstiegsloch dringend, hüllte uns ein. Als er sich wieder legte, erkannten wir, dass der Gang zur Höhle eingestürzt war. Betroffenes Schweigen breitete sich aus, in dem man die Gedanken der Einzelnen förmlich hören konnte: "Wenn sich nun noch jemand in der Höhle befunden hätte...? Oder vielleicht alle? Niemand hätte uns dann gefunden!" An dieser Vorstellung wollte niemand lange festhalten, und doch stieg sie immer wieder auf in jedem von uns und erfüllte uns mit Schaudern. Ich aber wusste jetzt endlich, warum ich so dringend hierher gerufen worden war, es war wirklich der letzte Moment gewesen. Später hätte niemand mehr den Einstieg gefunden, die Hüterin des Ortes wäre in den Grüften der Vergessenheit begraben geblieben, der Kelch der Erneuerung hätte sein segensreiches Wirken vielleicht niemals entfalten können. Monate später fanden wir dann einen anderen Zugang; aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

"Das ist Wahnsinn, A n n a, mein Buch, sie nehmen es!" Georgs Triumphgeschrei erklang aus der Ecke, in der unser Telefon stand und liess mich erschrocken zusammenzucken, wobei mir ein Glas entglitt, das ich gerade in der Hand hielt, um es abzutrocknen. "Jetzt sind wir unsere Sorgen los, wir werden reich, Anna, du kannst kündigen!" Voller Überschwang vollführte er einen wilden Indianertanz durch die ganze Wohnung. " Georg, stampf' nicht so, die Frau Svihalek wird gleich heraufkommen und sich wieder fürchterlich aufregen, du kennst sie doch: 'des geht aber net, mei Luster wogelt jedes Moi, wann se durchs Zimma gengan. Mochns was mit ihnan Fuassbodn, Herr Lassnitz!" Das würde nun bald ein Ende haben, unter unserer neuen Wohnung wohnte keine Frau Svihalek, sondern die Muttergöttin, und die pflegte nicht so kleinlich zu sein. Nun, von Reichtum war natürlich weit und breit keine Spur, denn ein Buch zu veröffentlichen, hat noch niemand reich gemacht, ausser natürlich, es handelte sich um einen Bestseller. Das zu glauben, so weit war uns beiden der Realitätssinn noch nicht abhanden gekommen. Das tat unserer Freude aber im Moment keinen Abbruch.

Wir schmiedeten glücklich die phantasievollsten Pläne und entwarfen ein Zukunftsszenario nach dem anderen; eines immer noch wunderbarer als das andere. Ich kündigte an meinem Arbeitsplatz, was grosses Erstaunen bei Kollegen und Patienten hervorrief, am meisten aber bei mir selbst. Erstaunen darüber, dass keinerlei Zweifel und Existenzängste die Folge davon waren. Ich fühlte mich im Fluss und in Harmonie mit dem Leben und vertraute darauf, dass sich auf unserem eingeschlagenen Weg die richtigen Türen öffnen würden.

Es geschah im Zwischenreich, das die harten Grenzen von Wachen und Schlaf verwischt, und in dessen Hoheitsgebiet ich mich gerne noch etwas aufhielt, wenn ich noch nicht ganz bereit war für die Forderungen des Tages. Dessen Geräusche drangen zwar schon, wie mit unsichtbaren Tentakeln durch den schmalen Spalt, den der zurückweichende Schlaf hinterliess, sie wurden aber von meinem gewitzten Unterbewusstsein geschickt in eine, gerade ablaufende Traumhandlung eingebaut. Die Folge davon war, dass ich dem Tag noch eine winzig kleine Spanne Schlaf abgeluchst hatte. Das monotone Geräusch von Regen erklang in meinen Traum hinein, der mich eben verlassen wollte. Nun aber blieb er bei mir und veränderte die sonnige Szene, indem er schnell Wolken aufziehen liess, die sich gleich darauf in einem milden, sanften Regen entluden. Ich hatte gerade am Ufer meines kleinen Teiches gestanden, dem, wo mir einst Margot das erste Mal erschienen war. Diesmal war das Ufer leer. Die Regentropfen liefen an Halmen und Blättern des Schilfs herab und geleiteten das Wasser des Himmels zum Wasser der Erde. Die Grenzlinien beider verwischten sich und wurden zu einem einzigen, grauen Schleier, der weich über der Landschaft lag. Kein Luftzug kräuselte den bleiernen Spiegel des Teiches, und doch war Bewegung in ihm. Nahe dem Ufer, dort wo gerade noch die Kiesel seines Grundes zu erkennen waren, bewegte sich etwas. Aufmerksam geworden, ging ich näher und erkannte ein kleines......Kind? Ein winzig kleines Baby lag im Teich und hatte offenbar nicht die geringsten Atemprobleme unter Wasser.

Um solche Dinge kümmern sich Traumrealitäten nicht, sie gehen mit nonchalanter Grosszügigkeit über diese Nebensächlichkeiten hinweg. Diese Erfahrung macht jeder, sobald er einige Übung im Umgang mit Träumen hat. So auch ich. Also hob ich ohne jede Eile das kleine Wesen aus dem Wasser, es war ein winziges Mädchen. Ganz gegen die Gepflogenheiten von Babys begann es weder zu schreien, noch schien es hungrig zu sein. Es lächelte und sagte mit deutlicher Artikulation: " Gut, dass du da bist, Anna, nimm' mich mit zu dir, bitte!" Unschlüssig verharrte ich eine Zeitlang. Sollte ich überhaupt noch ein Kind haben in meinem Alter? Doch ich hatte das kleine Wesen bereits ins Herz geschlossen, und alle Fragen waren überflüssig, also trug ich es durch den strömenden Regen nach Hause. So schwer war es mir zuerst gar nicht vorgekommen, und es wurde immer noch schwerer. Zuletzt konnte ich es nur mehr unter Aufbietung der letzten Kräfte ins Haus tragen. Aber, da war es kein Baby mehr, es war während der kurzen Strecke ein Kind von etwa neun Jahren geworden: Anna, das Mädchen mit der Katze. Langsam ging es durch die Stube, als würde es eine langvertraute Heimat begrüssen. Am grossen Tisch blieb es stehen und zog mit seiner zarten Hand die Kerben nach, welche seit langer Zeit zu Staub zerfallene Hände dort eingeritzt hatten, die Spuren längst verwehter Mahlzeiten. Anschliessend ging es zum Fenster und sah in den Regen hinaus, der immer noch mit der gleichen Monotonie herabrauschte und glucksend durch die Regenrinne im Boden verschwand. Dieses Geräusch liess mich nicht gleich erkennen, dass die kurze Frist abgelaufen war, die ich mich im Zwischenreich noch hatte aufhalten dürfen. Deshalb war ich etwas desorientiert, als ich mich im Bett liegend, wiederfand.

Nun, immerhin, es war schon unser neues, selbstgebautes Bett in unserem neuen, selbstrenovierten Wohn - Schlafraum, in unserem neuen, eben neu ausgemalten Haus in unserem neuen, frisch angelegten Garten, auf unserer frisch gemähten aber altvertrauten Apfelbaumwiese. Vor wenigen Tagen waren wir eingezogen, nachdem wir, in einem Anfall von Leichtsinn, unsere Wiener Wohnung aufgegeben hatten. Myriam hatte sie nicht übernehmen wollen, und wir konnten sie uns nicht zusätzlich leisten. Ja, Myriam; sie hatte ihre Ausbildung als Sozialarbeiterin abgeschlossen und suchte Arbeit. Ausserdem wollte sie sich weiter zur Therapeutin ausbilden, fühlte sich hingezogen zur Arbeit mit Ausgegrenzten, Gestrauchelten, Verstörten und Bedürftigen. Ich wusste, sie schmiedete Pläne über ein Projekt mit Drogensüchtigen, und ich wünschte ihr Kraft und Ausdauer dazu. Wir hatten häufig miteinander telefoniert und über ihre Zukunfspläne gesprochen.

Seltsam, die neue, räumliche Distanz hatte sich eher verbindend ausgewirkt. Sie hatte mir von ihrer Beziehung mit Joschi erzählt, dass diese sich aus einer anfänglichen Freundschaft entwickelt habe, und dass sie mit ihm so unbeschwert lustig sein konnte, wie nie zuvor mit irgend jemand Anderem. Sie berichtete mir von ihren momentanen Schwierigkeiten mit ihrem Vater, der seit ihrer Kindheit für sie eine Mischung aus Superman und Weihnachtsmann gewesen war. Nun erlebte sie ihn als den Menschen, der er war, der, wie wir alle mit sich und seinen Gefühlen ins Reine kommen musste, ein Mensch mit Stärken und Schwächen, ein normaler Mensch und nicht mehr der Papi ihrer Kleinmädchentage. Das bedeutete eben Erwachsenwerden, Myriam, mein kleines, grosses Mädchen! Plötzlich aufkommende Zärtlichkeit überschwemmte mich wie eine warme Welle, und ich gab mich ihr hin, liess mich überfluten, überliess mich den aufsteigenden Erinnerungen an ihre Kleinkind - und Babyzeit. So süss war das Gefühl gewesen, ihre winzigen Fäustchen in meinen Händen zu halten, ihren knuddeligen Po zu streicheln.....sollte sie das Baby in meinem Traum gewesen sein? Und das Mädchen Anna? Was hatte sein Auftauchen zu bedeuten? "Ach, manchmal ist eine Pfeife auch nur eine Pfeife," dachte ich in Erinnerung an diesen Ausspruch des grossen S. Freud, "nicht immer hat alles eine so hintergründige Bedeutung!" Damit tat ich das Thema ab und entschloss mich, endgültig aufzustehen.

Die grösseren Tropfen des sanften Regens bildeten zusammen mit den mikroskopisch Kleinen des Nebels einen für meine Blicke undurchdringlichen Vorhang, und ich fühlte mich wie auf einer einsamen Insel inmitten eines Wolkenmeeres.

Das Haus schien darauf dahinzutreiben wie ein steuerloses Schiff, so als wäre es nicht ganz sicher, dass es, wenn sich der Nebel lichtete, wieder auf dem vertrauten Platz landen würde. Genauso trieben meine Gedanken dahin, uferten aus, fanden nirgends einen Hafen, und strebten endlich einer Richtung zu, der Zukunft. Auch die lag jenseits des Vertrauten, verborgen im Nebel. Wie zerklüftete Eilande ragten einzelne, ungeklärte Fragen im Meer der Ungewissheit auf, doch ich fürchtete mich, dort anzulanden und daran zu scheitern. Ich entging ihnen nicht, das wusste ich. Die Erste lautete:" Das Land ist verpachtet, wird nach konventionellen Methoden bearbeitet. Wie können wir beide, Georg und ich, es naturgemäss bestellen? Wir haben keine Maschinen, kein landwirtschaftliches Wissen, keine Mittel." Das Wissen war dabei noch die am einfachsten zu umschiffende Klippe, man konnte es sich aneignen. Alles andere? Es war wie ein Strudel, der das Schiff meiner Gedanken hinabzog auf den Grund, und der hiess Mittellosigkeit. Das Geld von Georgs Buch war fast aufgebraucht, obwohl wir äusserst sparsam damit umgegangen waren. Bezahlte Arbeit war weit und breit nicht in Sicht. Und doch war da keinerlei Hoffnungslosigkeit. Oft hatte ich das unbestimmte Gefühl, als ginge ich eine Strasse entlang, hinter deren nächster Ecke die Lösung auftauchen musste. Jeden Morgen, wenn ich aufstand, erwartete ich, dass an diesem Tag sich etwas ereignen würde, irgend etwas Wunderbares, der grosse Durchbruch. Nun, heute würde er nicht stattfinden, das glaubte ich zu spüren. Ich holte mein grosses Garten - und Ackerbaubuch vom Regal und vertiefte mich darin. Dieser Tag war wie geschaffen dazu, sich weiterzubilden. Georg wollte im Keller Lagerregale zu bauen. Es würde ein geruhsamer Tag werden.

Das Telefon läutete. Ich riss mich von Fruchtfolge und Kompostbereitung los und ging in den Vorraum, wo der Apparat stand. "Mama, ich bin's Myriam. Wie geht's euch beiden?" Nach beiderseitigem, einleitenden smalltalk dann: "Mama, können wir, Joschi und ich, am Wochenende zu euch hinaus kommen?" " Nichts, was mir mehr Freude machen könnte, Kindchen, soll ich was Bestimmtes kochen? Und kommt ihr mit einem Auto oder mit der Bahn, und wie lang bleibt ihr denn?"

Hektische Betriebsamkeit bricht aus. Matratzen werden in unserer Wohnküche aufgelegt - das Schlafzimmer soll die Gäste beherbergen - Bettwäsche( mein Gott, haben wir denn auch genug?) hervorgekramt, Menuepläne besprochen. Irgendwann zwischen dem Durchsehen unserer Vorräte und aufgeregtem Putzen halte ich inne. Was geschieht mit mir? Was treibe ich denn da?

Falle ich zurück in längst überwunden geglaubte Perfektionsansprüche, nur weil meine Tochter und mein Sohn?.... Mein Stiefsohn?.... Mein Fast - Schwiegersohn?....

Verdammt, was ist er denn jetzt eigentlich? "Georg!" Er kommt gerade staubbedeckt aus dem Keller. "Georg, was ist der Joschi denn eigentlich zu mir?" Er reibt sich die Nase, das heisst, dass er intensiv denkt. "Na, Dasselbe was die Myriam zu mir ist," antwortet er dann spitzfindig. Genauer kann er das Verwandtschaftsverhältnis auch nicht definieren. Im anschliessenden Gelächter löst sich meine verkrampfte Betriebsamkeit auf in das, was sie eigentlich von Anfang an gewesen war: riesengrosse Freude über den angesagten Besuch der beiden jungen Leute, unserer Kinder. Die treffen am späten Nachmittag mit einem geliehenen Auto ein und finden das Häuschen gemütlich, die Landschaft trotz des Regens wundervoll, das fehlende Bad und das Plumpsklo im Garten exotisch und uns beide genau hierher passend. Freudige Umarmung, Küsse auf die Wange, die Familie ist vereint. Alles ist harmonisch, und doch werde ich das Gefühl einer gewissen Spannung nicht los. Unterschwellig kriecht es in mir hoch und verhindert, dass ich mich der anheimelnden Stimmung ganz hingeben kann. Und ich glaube auch zu spüren, von welchem Familienmitglied diese Spannung ausgeht: es ist eindeutig Myriam. Nach dem Kaffee lade ich sie zu einem kleinen Spaziergang ein, während Georg Joschi stolz die Renovierungsarbeiten zeigt. Stumm gehen wir über die Wiese, dem Waldrand zu. Es hat zu regnen aufgehört, die untergehende Sonne malt einen goldorangen Streifen an den Horizont, die einzig leuchtende Farbe im verschwimmenden Grau dieses Regentages.

"Erzähl, Myriam, was ist los," versuche ich meiner Tochter eine Brücke über den trennenden Abgrund ihrer Unabhängigkeitsstrebungen zu bauen, die sie, zaghaft zuerst, doch dann unter dem Druck ihres Problemes, beherzt überquert. "Mama, ich liebe Joschi," beginnt sie nun. "Wie schön," antworte ich, in ehrlicher Freude zwar, doch wissend, dass dies eine einleitende Feststellung ist und nicht das eigentliche Thema. Schweigen. Sie wartet sichtlich auf eine Frage von mir. Die kommt aber nicht, verwirrt sieht sie mich an. Ich wende mich ihr mit einem fragenden Blick zu und warte. Endlich, nach einer langen, Spannung erzeugenden Pause: "Ich erwarte ein Kind."

Überraschung, Freude, Verwirrung; es sind viele, einander widerstrebende Gefühle, die mich in diesem Augenblick überfluten. Plötzlich und ohne Vorwarnung finde ich mich in der Rolle wieder, die meine Mutter damals innegehabt hatte, als ich in der selben Situation wie Myriam gewesen war. Mussten wir denn, wie in einer Endlosschleife, immer die gleichen Lebenssituationen durchspielen? Jetzt erlebte ich mit einem Mal, was meine Mutter damals bewegt haben musste, und eine Ahnung von Verstehen stieg in mir auf. Doch auch gleichzeitig das Wissen, das mich wie ein heller Blitz durchzuckte: hier und jetzt konnte die Endlosschleife durchbrochen werden, indem ich, Anna, so reagierte, wie es mir entsprach. Wir konnten hier und jetzt eine andere Möglichkeit durchspielen, die wieder andere Konsequenzen nach sich ziehen, andere Wahrscheinlichkeiten eröffnen, ihre eigene Dynamik entwickeln würde. Das war das grosse Abenteuer Leben. Und genau das durchflutete mich zuletzt wie ein warmer, starker Strom und verhalf mir zu den Worten, die für mich in diesem Augenblick und in dieser Situation die richtigen waren. Ich umarmte meine Tochter und teilte mit ihr diese Wärme, die mich erfüllte. Erst später, nach Minuten des Schweigens, fragte ich sie: "Willst du es bekommen?" Damit hatte ich anscheinend eine Schleuse geöffnet, deren Tore mit viel Selbstbeherrschung geschlossen gehalten worden waren. Sie brach in Tränen aus und schluchzte: "Ach, Mama, ich fühle mich dem Ganzen einfach noch nicht gewachsen. Jetzt habe ich die Ausbildung erst beendet. Ich will doch noch weiterlernen, eine gute Arbeit finden, Fuss fassen in meinem Beruf, das ist doch ohnehin schon schwierig genug, und dazu noch ein Kind!" Wer konnte das besser verstehen als ich, die ich vor etwas mehr als zwanzig Jahren in der gleichen Situation gewesen war?

Doch ich hatte keine Unterstützung gehabt, war von allen Seiten unter Druck gesetzt worden, und niemand hatte mich jemals danach gefragt, was ich den wollte und fühlte und dachte. Aus dem Schmerz dieser Erinnerung heraus eröffnete ich Myriam nun auch eine andere Perspektive:

"Wenn du dich entscheidest, das Kind zu bekommen - und es ist zuerst einmal deine Entscheidung, Joschi kommt erst an zweiter Stelle - wirst du die ganze Unterstützung deiner Familie haben. Georg und ich werden für dich und dein Kind da sein, du kannst deine Ausbildung fortführen und in Ruhe in deinem Beruf Fuss fassen. Du musst dich nicht vom Leben abschneiden. Allerdings, und darauf bestehe ich: du bist die Mutter und trägst die Hauptverantwortung für dein Kind. Wir nehmen dir das nicht ab, aber mit unserer Unterstützung kannst du rechnen und Joschi auch, wenn er seine Vaterpflichten erfüllen will. Er ist noch sehr jung, mit vierundzwanzig Jahren sind Männer noch nicht sehr reif, heutzutage." Das Schluchzen war verebbt, Myriam hatte sich wieder etwas gefangen. Sie wirkte viel gefasster, als sie sagte: "Danke, Mama, ich werde darüber nachdenken und auch mit Joschi darüber sprechen. Er wünscht sich das Kind nämlich, aber, er will mich nicht beeinflussen. Ach, weisst du, manchmal wäre es fast leichter, wenn ich gegen ihn oder euch ankämpfen müsste, aber so, selbst die Verantwortung zu tragen, das ist nicht leicht, nein, wirklich nicht!" Nun musste ich, fast gegen meinen Willen, doch laut auflachen. Auf den erstaunten Blick Myriams hin, sagte ich: "Es ist doch gleich, was man tut als Mutter, es ist sowieso immer das Falsche!" Aber," sprach ich, jetzt wieder ernst, weiter, "ich kann dir eine Entscheidungshilfe anbieten, wenn du sie von mir in der Form annehmen willst. Komm mit mir nach Hause, wir machen eine Phantasiereise in dein Inneres, ins Reich der Mütter." Myriam kämpfte mit sich selbst, das konnte ich ihr ansehen.

Es ging um Zulassen von Nähe, Nähe der Mutter, deren prägendem Einfluss man gerade glaubte, entkommen zu sein und die einem durch eigene, kommende Mutterschaft wieder drohte, näher zu rücken. Ich erkannte ihren inneren Zwiespalt und drang deswegen nicht weiter in sie.

Am späteren Abend,- wir hatten Feuer gemacht, denn die Abende waren schon recht kühl in dieser Gegend, - bat mich Myriam dann doch, etwas scheu, diese Reise mit ihr zu machen. Ich hiess sie, sich entspannt auf das Bett zu legen und ganz gleichmässig und tief in den Bauch zu atmen. Als sie so entspannt war, wie es ihr nur möglich war, führte ich sie im Geist zu dem Teich auf unserer Wiese und bat sie, hineinzugehen. "Soll ich dich begleiten?" fragte ich sie, doch sie bestand darauf, alleine zu gehen. Also nahm ich meine Schamanentrommel von der Wand und begleitete ihren Gang ins Reich der Mütter akustisch, in gleichmässigem Herzschlagrhythmus......

Als sie wiederkam, wollte sie nicht gleich über ihre Erlebnisse dort sprechen. Leise ging ich aus dem Raum, wo sie, gleich danach, entspannt einschlief.

In der gleichen Nacht hatte ich einen Traum.....

......Es war dämmrig auf dem Grund des Teiches. So bemerkte ich nicht gleich, dass ich nicht alleine war. Im Hin - und Herfluten des klaren Wassers erkannte ich, Wasserpflanzen gleich, sich wiegende Gestalten, Frauen...Es waren Junge und auch schon Ältere, Schlanke und auch Untersetzte, viele mit ausladenden Formen, manche in unterschiedlichsten Stadien der Schwangerschaft, viele mit kleinen Kindern im Arm. Aber auch Alte, über die fruchtbaren Jahre hinaus, waren da, die Grossmütter, Ahninnen ihrer Sippen, Behüterinnen der Nachkommen. Im Zentrum stand eine Grosse, Respekteinflössende mit einer Spindel in der Hand- Frau Holle - und wachte über das Treiben in ihrem Reich. Ihre hohe Gestalt war die Quelle eines diffusen Lichtes, das das Dämmer durchdrang. Ich konnte gleichmässige, an Herzschlag gemahnende Trommeltöne vernehmen, zu deren Schlägen sich die Jungen in einem gemessenen Schreittanz im Kreis bewegten. Die Alten standen bei Frau Holle im Zentrum und überwachten das Ganze mit gütig, mütterlicher Miene.

Ein stetiger Wechsel war im Gange zwischen innen und aussen. Tänzerinnen lösten sich aus dem Kreis der Jungen und nahmen ihre Plätze im Inneren ein, währen Aussenstehende sich in den Kreis der Tänzerinnen einreihten, alles im Rhythmus des Herzschlages. Niemals war Stillstand, die einzige Kontinuität bestand aus Bewegung. Und da war sie, meine Myriam!

Unschlüssig stand sie am Rand des Kreises, und ich sah, wie sie mit sich kämpfte, nicht wissend, ob sie den Tanz mitmachen sollte oder nicht. Frau Holle winkte mit der Spindel und lachte, wobei sie die grossen Zähne sehen liess.

Sie legte die Spindel einer der Tänzerin in die Hände, die gab sie an die Nächste weiter und so fort. Im Kreisen wickelte sich der Faden ab, bald verband ein Fadengespinst die Tanzenden, als die Spindel von Einer zur Anderen wanderte. Noch immer stand meine Tochter am Rande...Die Gestalten begannen, zu verschwimmen, mit dem Gespinst zu verwachsen, wurden ein wirbelnder Kreis aus Lebensfäden.

Da sprang Myriam mit einem beherzten Satz in den Kreis und fügte sich in den Rhythmus ein. Das war für mich das Zeichen, meinen Platz bei den Alten im Zentrum einzunehmen........Der Tanz wurde schneller, wirbelnd tanzte die Spindel, Frau Holle schüttelte, laut lachend, eine Decke, aus der es begann, zu schneien - es war goldener Schnee! Jemand rief: "Die Goldmarie ist hie, die Goldmarie ist hie..!" Dann löste sich alles in einen furiosen, drehenden Tanz auf.

Ich lag im Bett, und mir schwindelte. Eine heisse Welle überflutete mich, und ich musste die Decke zurückschlagen. Schweiss rann mir über den Rücken. Hatte ich mich erkältet? Eigentlich fühlte ich mich nicht krank.

Als ich das Fenster öffnete, um frische Luft herein zu lassen, rührte sich Georg neben mir und brummelte: "Was ist denn, hast du vielleicht Wallungen, Omi?" Wütend wendete ich mich ihm zu und zischte: "Was fällt dir ein, ich bin noch viel zu jung, um im Wechseljahresbeschwerden zu haben!" Das fehlte mir noch. Jetzt, wo ich mich gerade auf der Höhe meiner Weiblichkeit empfand, die durch das Begehren und die Liebe Georgs erst aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht war, sollte schon wieder Schluss damit sein? Leise und unbemerkt hatte sich meine kleine Taschenkritikerin wieder herangepirscht: "Wann hast du denn deine letzte Periode gehabt? Schon einige Zeit her, was? Nicht sehr regelmässig in letzter Zeit, nicht?" Dagegen hatte ich keine Argumente, es stimmte einfach, was sie sagte. "Füg' dich in das Unvermeidbare! Du wirst vielleicht Grossmutter. Dann wirst du eine würdige Alte sein, als Frau musst du dann abtreten. Hast du geglaubt, das würde ewig so weitergehen mit Liebe und Leidenschaft? Meine Güte, es gibt doch andere Werte!" Sie liess mich geknickt und traurig zurück. Wenn ich in mich hineinhörte, konnte ich noch keinerlei Geschmack an der Vorstellung gewinnen, alt zu sein und auf das Gefühl erfüllter Weiblichkeit verzichten zu müssen. Ausserdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass das kommende Alter mein Liebesleben ausknipsen sollte, wie eine Lampe. In der Stimme meiner kritischen Hälfte hatte ich ziemliche Missgunst wahrgenommen. Vielleicht versuchte sie so, mich wieder unter ihre Knute zu zwingen? Ich musste wachsam sein und durfte ihr nicht trauen, sonst würde sie wieder an Macht gewinnen. Es würde mir nicht erspart bleiben, mich mit dem kommenden Alter auseinanderzusetzen, auch wenn ich mir diese Gedanken bis jetzt erfolgreich vom Leib gehalten hatte. Aber heute noch nicht, noch fühlte ich mich jung, und diese Dinge hätten noch Zeit bis später, viel später..... Diese Nacht schlief ich nicht mehr. Unruhig wälzte ich mich im Bett, deckte mich auf und dann wieder zu, fand keine richtige Lage... Erst, als der Morgen langsam dämmerte, sank ich in einen flachen, erschöpften Schlummer.

"Guten Morgen, Schlafmütze!" die Familie stand rund um unser behelfsmässiges Bett, das wir auf dem Fussboden der Stube hergerichtet hatten. Alle waren schon angezogen, das Frühstück stand auf dem Tisch. Die Chimären der Nacht hatten sich zurück gezogen, und die Sonne schien auf einen klaren Herbsttag. "Es ist schön, euch bei mir zu haben!" begrüsste ich, seltsam glücklich nach diesen schweren, nächtlichen Gedanken, meine Lieben.

Wir sassen beim Kaffee, da begann Joschi mit ernster Miene zu sprechen: "Papa, Anna, wir haben euch etwas zu sagen. Wir haben heute nacht nicht viel geschlafen, weil wir ein ernstes Gespräch miteinander hatten.

Die Myriam und ich haben uns für das Kind entschieden; das heisst," und er sah mit dem verschmitzten Lächeln seines Vaters auf seine Freundin, "Myriam hat, und ich bin sehr froh darüber, und ich werde dem Kind ein guter Vater sein, das verspreche ich." Meine Tochter sah mich von der Seite an, dann sagte sie, mit einem leichten Anflug eines schelmischen Lächelns: "Du solltest doch nicht mitgehen, du Glucke kannst es nicht lassen!" Die Männer sahen fragend zu mir her, doch ich gab keine Erklärung ab, dies sollte ein Geheimnis unter uns Frauen bleiben.

Während der nächsten Monate beschlossen die Beiden, die Wohnung in einem Seitentrakt des Gutsgebäudes zu mieten. Myriam sollte ihre Ausbildung beenden, und Joschi würde hier sein, so oft es sein Studium, das sich dem Ende zuneigte, erlaubte.

Bis zur Fertigstellung der Renovierungsarbeiten wollten wir ihnen das kleine Zimmerchen neben der Stube überlassen, dessen Fussboden vorher noch erneuert werden müsste. Joschi hatte vor, mit uns zusammen zuerst einmal ein Feld zu bebauen.

Da wir keine Maschinen hatten, vereinbarten wir mit einem der Bauern, dass er uns gegen Bezahlung, vorerst einmal den Acker bestellen sollte. Der Stall, der für Kühe nicht geeignet war, da er sich in keinem guten Zustand befand, sollten Schafe und Schweine beherbergen.

Und das Wichtigste war: Wir wollten biologisch wirtschaften. Die Tiere sollten ein ihnen gemässes Leben führen können, mit Auslauf und Weide, die Pflanzen in gesunder, lebendiger Erde wachsen. Hecken wollten wir pflanzen, Naturinseln erhalten und dadurch Wildtieren, Vögeln und Insekten ein Zuhause bei uns bieten. Alte Nutzpflanzen wollten wir erhalten und damit ihr Aussterben verhindern. Unser Stück Land sollte zur Lebens - und Überlebensinsel für uns und unsere Umgebung werden.

Es zeigte sich, dass Myriam nicht nur mit einem Kind schwanger ging, nein, seit langer Zeit anscheinend auch schon mit einem Plan. Sie hatte, schon bevor sie Joschi getroffen hatte, davon geträumt, ein Projekt mit drogensüchtigen Jugendlichen zu gründen, sie wegzuholen aus der Unterwelt der U - Bahnstationen und öffentlichen Klos. Jetzt glaubte sie, hier den geeigneten Platz dafür gefunden zu haben und wollte ihren Traum mit aller Kraft verwirklichen. Mit der Gräfin hatte sie darüber bereits erste Gespräche geführt, es sah gar nicht so schlecht aus. Aber es könnte schwierig werden, die Zustimmung der Dorfbewohner zu gewinnen. Sicher würden viele Gespräche mit ihnen notwendig werden, denn Angst und Ablehnung, die Kinder von Unwissenheit und Desinformation würden sich wohl auch hier finden. Das drängendste Problem aber war die immer wiederkehrende Frage: Wie konnten wir zu dem dringend benötigten Geld kommen, das uns so sehr fehlte. Träume und Pläne, daran waren wir unendlich reich, aber diesen Reichtum zur Entfaltung zu bringen, dazu bedurfte es der Mittel, die wir nicht hatten. Das wurde uns mit jedem Tag schmerzlicher bewusst. Bald wurde dieses Bewusstsein zur alles erfüllenden Sorge. Sie drängte sich in meine Nächte, kroch in jede Ritze meiner Gedanken, machte sich des Nachts zwischen uns in unserem Bett breit und war daran, alle unsere Träume und Ideale mit ihrem schäbigen Grinsen Lügen zu strafen. Das konnten wir ihr nicht erlauben, nicht, nachdem wir so weit gekommen waren, und nicht jetzt, da unsere Pläne begonnen hatten, Gestalt anzunehmen!

H E R B S T Ä Q U I N O X

So war es nicht verwunderlich, dass wir das Fest des Herbstäquinoktiums in einer sehr gedämpften Stimmung feierten. Dazu kam noch, dass unsere Freunde diesmal nicht bei uns sein konnten; es würde also ein sehr stilles Fest werden. Diese Stille hätte wohl auch die uns umgebende Natur erfüllt, kein hundertstimmiges Vogelkonzert begleitete unser Erwachen mehr in den frühen Morgenstunden, dafür erfüllte das Dröhnen der Mähdrescher den Tag vom Morgengrauen bis zum Abenddämmern; die Ernte musste eingebracht werden, die teuren Maschinen ausgelastet sein, um sich zu rechnen.

Scheunen und Körnerböden füllten sich mit den Früchten der Arbeit eines ganzen Jahres. Wo noch kurz zuvor das Gelb der reifenden Kornfelder im flirrenden Spätsommerlicht gewogt hatte, brachten die Pflugscharen täglich und stündlich neues, herbstliches Erdbraun hervor. Bald flogen die schwarzen Winterboten ein und hielten auf den frisch geackerten Feldern ihr Festmahl. So schnell wendete sich also sommerliches Leben in herbstliches Sterben! Doch vorher, das sollte ich erst noch erfahren, würden die umgebrochenen Felder in einem kurzen, frühlingshaften Intermezzo, in frisches, junges Grün ausbrechen.

"Winterbegrünung" hiess das Zauberwort und war die Folge einer Massnahme, welche die noch junge Gemeinschaft der Europäischen Staaten gesetzt hatte, um europaweit der Bodenerosion und Nährstoff - Auswaschung ins Grundwasser vorzubeugen. So schob sich also ein kurzer Scheinfrühling zwischen Herbst und Winter und liess das Land noch einmal ergrünen, bevor sich später endgültig der Vorhang aus Schnee und Rauhreif senken und auch diesen Jahresausklang zudecken würde.

Morgen und Abende waren schon kalt, auch wenn sich der Tag dazwischen noch kräftig erwärmen konnte. In glasklarem, durchscheinendem Blau wölbte sich der Himmel über dem Land und liess es weit werden.

Diese Weite teilte sich auch mir mit, sodass ich immer wieder von einer Welle von Hoffnung und Optimismus durchflutet, die drängenden, materiellen Sorgen wegschieben konnte. In einer solchen, heiter - gelassenen Stimmung kam mir dann auch ein Gedanke: Warum setzten wir nicht wieder Magie ein, um uns ein wenig auf die Sprünge zu helfen? Irgendwo im Hinterkopf war da eine hemmende Vorstellung verankert. Ich musste ziemlich lange in den verstaubten Archiven längst überholter Urteile und Meinungen stöbern, um sie endlich ausfindig machen und zum Müll werfen zu können. Sie hiess: "Nur harte, ehrliche Arbeit darf Wohlstand einbringen." Nur, wer war durch ehrliche Arbeit jemals wohlhabend geworden, ohne eine Prise von Glück, Gewitztheit oder das beruhigende Polster eines ausreichenden Erbteils? Wir waren ja auch bereit, zu arbeiten; aber ein bisschen Starthilfe konnten wir schon gut gebrauchen. Wir würden uns also mit Magie helfen, das beschlossen wir.

Unser Schlafzimmer war nur von den, an den vier Kardinalpunkten aufgestellten Kerzen erhellt. Es war die Nacht des Äquinoktiums, wenn Hell und Dunkel einander als Gleichstarke gegenüber stehen, der nicht zu fassende Augenblick des Jetzt, bevor das Dunkel wächst, länger wird und siegt, die Helligkeit zurückweicht und warten muss, bis ihre Stunde wieder kommt. Es war der Augenblick des scheinbaren Stillstands im ewigen Wechsel der Gezeiten, Ebbe und Flut, Kommen und Gehen, Geburt und Sterben, Dunkel und Licht, in dem unser Zauber seine Kräfte entfalten, in das Reich des Dunkels eintauchen und mit dem Licht wieder geboren werden sollte. Wir hatten ein magisches Siegel entworfen, das alle unsere Wünsche verkörperte, weihten es mit den Kräften von Erde, Wasser, Feuer und Luft, hielten es gemeinsam in unseren Händen, als wir im Geiste in die Erdhöhle hinabstiegen, um es dort der Grossen Mutter ans Herz zu legen.

Wir visualisierten reich tragende Felder, üppige Gärten, gesunde Haustiere, neue, helle Ställe und alles, was wir sonst noch erreichen wollten und um das Wichtigste nicht zu vergessen: Georg, mich, Myriam und Joschi inmitten anderer Menschen, die noch zu uns stossen sollten. Dann liessen wir das Gefühl überwältigender Freude und Dankbarkeit in uns aufsteigen, um unsere Wünsche entsprechend mit psychischer Energie aufzuladen und blieben noch einige Augenblicke in diesem Gefühl. Wir wendeten uns um, um hinaufzusteigen ans Tageslicht. Der verschüttete Gang stand uns nicht offen, wie waren wir nur vorher hierher gelangt? Immer wieder suchten wir die Wände nach einem Ausgang ab, doch wir konnten keinen finden. Wieder erklang das Pochen, das mich in meinen Träumen immer ins Innere der Erde, zu Ihrem lebendigen und lebensspendenden Herzen geführt hatte. Ihm, das wusste ich, konnte ich mich jederzeit anvertrauen. Es erklang von der Statue her, das war deutlich zu hören.

Also nahm ich Georg an der Hand und führte ihn dorthin, wo das Geräusch immer lauter wurde. Zuletzt war das Dröhnen kaum mehr zu ertragen, und doch wusste ich , dass nur ich es hören konnte. Aber, da war absolut nichts, kein Ausgang öffnete sich vor unserem inneren Blick. Dann begann die Figur sich zu bewegen, sie rückte ein klein Wenig zur Seite, wie, um uns den Blick auf etwas Dahinterliegendes freizugeben, und dann wurde die Wand hinter ihr durchsichtig, und das Pochen verstummte mit einem Mal. Ein enger, aufwärtsführender Gang wurde sichtbar, so eng, dass ein Erwachsener auf allen Vieren kriechen musste, wollte er ihn passieren. Es blieb keine Zeit. Ich wusste irgendwie, dass die Wand nur noch wenige Augenblicke durchlässig bliebe.

Es war wie in einem Traum, und im Traum weiss man solche Dinge mit einer eigenartigen Bestimmtheit, die man im wachen Leben nicht begründen kann. "Jetzt!" schrie ich Georg zu, riss ihn mit mir, und wir durchdrangen diese durchscheinende Membran mit einem beherzten Sprung......Dann war es dunkel um uns. Tastend, kriechend, auf den Knien rutschend bewegten wir uns in dem aufwärts führenden Gang weiter.

Zuletzt stiess mein Kopf schmerzhaft an ein Hindernis, ein Brett anscheinend. Ja, das ist einer der grossen Vorteile des wachen Träumens: man kann den Traum gestalten, ihn formen nach seinen Bedürfnissen. Also imaginierte ich eine Axt und hackte so lange auf dieses Brett ein, bis es nachgab.

Da war Kerzenschein, der Duft einer Räucherung erfüllte die Luft mit harzigen Gerüchen, die Konturen unseres vertrauten Zimmers zeichneten sich im Dämmerlicht ab. Wir waren durch den Fussboden unseres Schlafzimmers wieder in die Welt des Tagesbewusstseins aufgestiegen.

Georg strich sich immer wieder den Bart und liess ab und zu ein verwundertes " hm, hm" hören. "Georg, wir müssen den Boden aufreissen, gleich morgen früh! Da ist ein Zugang zur Höhle, ich weiss es!" Am liebsten hätte ich gleich damit angefangen, doch mein besonnener Partner hielt mich zurück: "Jetzt schlafen wir einmal darüber. Morgen kannst du dann wüten, wie du willst. Ich weiss ja, dass ich mit meinen Bedenken keine Chance habe, wenn du dir was in den Kopf setzt."

So war es auch. Gleich am nächsten Morgen begann ich, den Fussboden abzuklopfen, in der Hoffnung, durch eine Änderung des Geräusches den unterirdischen Gang zu finden. "Was erwartest du eigentlich da unten zu entdecken?" fragte Georg etwas skeptisch. "Wir waren doch schon einmal dort, und was wir gefunden haben, nun, wir haben doch beschlossen, es da zu lassen, oder?" In diesem "oder" schwang eine ganze Menge anderer Fragen mit, wie bei einer Saite, die, einmal angeschlagen, ganze Klangspektren von Ober - und Untertönen unterschwellig mit erklingen lässt." "Du hast doch nicht im Ernst geglaubt, ich dächte nur im entferntesten daran, irgendwelche unlauteren Geschäfte mit der Statue ins Auge zu fassen?" Verlegenes Schweigen. "Georg! Gib Antwort, hast du? "Nein, nicht wirklich, aber, wenn man so in der Klemme ist, wie wir......" ".....dann denkt man schon einmal daran, die Grosse Mutter auf dem Schwarzmarkt zu verscherbeln," ergänzte ich seinen angefangenen Satz, und Empörung schwang nun, gar nicht mehr unterschwellig, in meiner Stimme mit.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, zu übermenschlicher Grösse anzuwachsen, und meine Stimme schien durch unendliche Räume zu hallen: "Ich bin die Hüterin dieser Gläsernen Insel, hast du das vergessen? Wie kannst du nur glauben, ich könnte ihr jemals das Herz herausreissen! Ich würde es mit meinem Leben verteidigen, wenn es notwendig wäre, sogar gegen dich!" Georgs Blick drückte Verwunderung, Ehrfurcht und totale Verblüffung aus. Doch ich hatte in ihm nicht den Menschen Georg, sondern den Priester Merlin, den Harfenspieler, angesprochen. Und dieser erhob sich jetzt aus Alltagssorgen, finanzieller Beengtheit und den Beschränkungen der physischen Realität und antwortete der Priesterin in mir mit der ihm eigenen Würde: "Ich weiss es, und ich bin bereit, dich dabei zu unterstützen, notfalls um den Preis meines Lebens, so sei es!"

Als sich die Überschattung durch die grösseren Realitäten zurückgezogen hatte und wir beide wieder als Anna und Georg zurückgeblieben waren, überfiel mich ein Zittern, das sich auch nicht legte, als ich mir eine Decke umhängte, um mich zu erwärmen. Auch Georg schien mitgenommen, er war weiss wie die Wand unseres Schlafzimmers. Auch er zitterte. Wir wussten es beide: Dies war ein Schwur gewesen, und nichts würde uns davon abhalten, ihn, wenn nötig, zu erfüllen. Deshalb und nicht, um hier angenehm und sorgenfrei zu leben, waren wir hierher geführt worden. Dies würde uns Aufgabe und Erfüllung in diesem Leben sein. Dazu würden uns im richtigen Augenblick auch die nötigen Mittel gegeben werden, wir müssten nur vertrauen und unsere Berufung nicht aus den Augen verlieren.

Bis jetzt hatten wir keinerlei Hinweis auf einen möglichen Zugang zu der Höhle gefunden. Ich klopfte und klopfte, doch überall klang der Fussboden gleichmässig hohl; dieser Teil des Hauses war nicht unterkellert, sondern die Fussbodenbretter lagen über einer Schüttung aus Bruchsteinen, wie das bei den alten Häusern dieser Gegend üblich war. Georg ging kurz hinaus und kam bald darauf mit seiner Wünschelrute zurück. Er war bis jetzt immer recht erfolgreich beim Rutengehen gewesen. So bestand zumindest eine Chance, durch diese Technik zum Ziel zu gelangen.

Nachdem er sich kurz gesammelt hatte, ging er nun konzentriert den Raum in einzelnen, parallel führenden Bahnen ab, wobei er das Bett einfach überquerte, als wäre es nicht vorhanden. Da, Plötzlich, er war ungefähr dort angelangt, wo unser Oberkörper zu liegen pflegte, drehte sich die Rute mit aller Macht nach unten.

Das bedeutete, dass wir unser Bett zerlegen mussten, denn wegschieben konnten wir es aus Platzmangel nicht. Später dann, inmitten eines Haufens aus Betteilen, begannen wir, das erste Fussbodenbrett zu lockern und gleich darauf abzuheben. Nichts. Finsternis. Na gut, dann eben noch eines. Ich leuchtete mit einer Taschenlampe in das so entstandene Loch. Da war eine geringfügige Vertiefung, fast nicht wahrnehmbar, doch durch den schrägen Lichtstrahl der Lampe, die einen Schattenwurf erzeugte, gerade noch zu erkennen. "Hier, Georg, ich hab's, glaube ich!" rief ich und schwenkte aufgeregt die Lampe. Als wir eine Schicht von Bruchsteinen beiseite geräumt hatten, erschien unter dem Fokus der Taschenlampe die deutlich erkennbare Struktur von Holz, sehr altem, teilweise verrottetem Holz. Dieses gab wenig Widerstand, als Georg es mit einer Axt durchschlug. Morsche Späne flogen uns entgegen, andere vermoderte Holzteile glitten in ein, plötzlich unter uns aufgähnendes Loch, aus dem uns ein Hauch kühler, feuchter Luft engegenwehte. Wir hatten den Zugang gefunden, meine Vision hatte mich nicht getäuscht! Die, unser Schlafzimmer wie eine Naturkatastrophe getroffene Verwüstung, war nicht umsonst gewesen! Nicht auszudenken, was Georg mir an Verwünschungen an den Kopf geworfen hätte, wäre uns kein Erfolg beschieden gewesen!

Der anfangs steil abwärts führende Schacht (wir hatten eine Leiter hinab gelassen) machte nach etwa zwei Metern einen fast rechtwinkeligen Knick und ging von da ab fast waagrecht in den Berg hinein. In meinem Tagtraum war er so niedrig gewesen, dass man ihn nur kriechend passieren hatte können. Es zeigte sich aber, dass wir in Wirklichkeit gebückt durchgehen konnten, was viel angenehmer war.

Im Licht der Taschenlampe erschienen die Wände des Ganges ziemlich glatt, manchmal waren Ritzzeichnungen zu erkennen, deren Bedeutung uns aber verschlossen blieb. Wenn nur die Decke hielt! Es war keine angenehme Vorstellung, hier unter meterdicken Erdschichten begraben zu werden. Nun müsste der Gang gleich in die Höhle münden, nur noch wenige Schritte, so schätzte ich, trennten uns noch davon. Doch, statt den Weg in die Höhle freizugeben, endete der Gang unversehens. So sehr ich auch nach einer Fortsetzung suchte, hier waren nur Erdwände, nirgends ein Durchgang. Was hatte das zu bedeuten? Man baute doch keinen Gang, der nirgendwohin führte! Oder doch? War dies einer jener, unter Heimatforschern so berühmten Erdställe, deren wahre Funktion noch niemand je entschlüsselt hatte? Nun, es schien jedenfalls so.

Zur Freude über unsere Entdeckung gesellte sich Enttäuschung darüber, dass es offenbar keinen Zugang zur Höhle mehr gab. Damit musste ich mich wohl abfinden, wie es schien. Durchscheinende Wände gab es doch nur in der Phantasie und in Sagen und Märchen. Aber wiesen nicht alle Traumbilder, alle Märchen oder Sagen auf eine, ihnen innewohnende Wahrheit hin? Wo lag sie hier verborgen, wartend, dass ich auf sie stiess?.....Glasinsel.....gläserner Berg.....Was bedeutete Glas in der Sprache der Seele? Ich schloss die Augen und liess innere Bilder in mir aufsteigen.....Licht schien durch den gläsernen Berg, das Licht des Geistes, das innere Licht.....das Licht der Intuition, geistiges Sehen......es durchdrang die Dichte der Materie, die für den Geist eine Täuschung, Maya geheissen, war....Ich sandte also einen imaginären Strahl von der Stelle zwischen den Augenbrauen aus, welche die indischen Weisheitslehrer "das Dritte Auge" nennen, liess ihn wandern wie einen geistigen Suchscheinwerfer, vertraute meiner inneren Sicht.....und da war es.

Was eigentlich? Der Versuchung erlegen, die Augen zu öffnen, sah ich nur Erde. Also musste ich mich weiter auf den inneren Blick verlassen. Dieser stellte sich nicht gleich wieder ein, ich hatte die Ebenen zu schnell gewechselt. Also, wieder Versenkung....Suchscheinwerfer.....da! Da war es wieder! Als hätte ich einen Lichtstrahl durch ein Brennglas geschickt, wurde ein Loch sichtbar, das sich immer weiter vergrösserte und endlich einen Durchgang bildete, einen Durchgang in die Höhle!

Nun öffnete ich endgültig die Augen und sagte bestimmt: "Hier, hier müssen wir durchstossen, das ist die Stelle." Georg vermied es, zu fragen, woher ich meine plötzliche Überzeugung bezog, mittlerweile hatte er gelernt, meinen Eingebungen zu vertrauen. Er holte eine Spitzhacke aus der Scheune und schlug, vorsichtig zuerst, um einen Einsturz zu vermeiden, auf die Erdwand ein. Schon nach wenigen Schlägen entstand ein Loch. Beim Versuch, es zu vergrössern, stiess die Hacke auf Widerstand, ein Stein, wie wir dachten. Der Stein erwies sich als ein russgeschwärzter, alter Eisentopf mit Inhalt: Goldmünzen!

In einem Film würden jetzt hochdramatische Klänge die Szene untermalen, etwa so: tatatataaaaa und noch einmal tatatataaaaaa, Kameraschwenk von dem Goldschatz auf die Gesichter der Finder, Zoom, Totalzoom, die endlos lange Einstellung verleiht dem Ganzen unerhörtes Gewicht, so ungefähr.

Wie oft hatte ich in Tagträumen davon phantasiert, irgendwo Geld zu finden, einen Lottosechser zu machen, das Vermögen einer lange ausgewanderten , unbekannten Tante aus Amerika überraschend zu erben und dergleichen Wunschträume mehr. Jeder, der je in Geldnöten war, kennt das sicher. Und hier hatten wir, unter unserem eigenen Haus, einen Goldschatz gefunden, undenkbar, unvorstellbar! Doch, halt, unser eigenes Haus? Wohl kaum, es gehörte der Gräfin, folglich gehörte der Schatz auch ihr! Der Hammer fiel, in Superzeitlupe zwar, aber er fiel, zermalmte unsere Euphorie unter sich, begrub unsere, eben erst zaghaft aufflammende Freude unter einem Haufen von Hoffnungstrümmern, unter dem unsere Jubelschreie erstickten. Es war so und würde immer so bleiben: den Besitzenden wurde gegeben, die Habenichtse blieben arm. Die ganze Arbeit, die Verwüstung unseres Schlafzimmers, all dies, um eine Reiche noch reicher zu machen, da sollte doch der Teufel dreinfahren! Es nützte nichts, wir mussten der Gräfin den Fund melden.

Es stellte sich heraus, dass es sich um Goldmünzen aus der Zeit Josephs II. handelte, vielleicht vom damaligen Grundbesitzer unterschlagene Steuergelder, genau liess sich das nicht mehr feststellen. Tatsache war, dass Generationen um Generationen auf einem Schatz gelebt hatten, ohne auch nur das Geringste von ihm zu ahnen.

Unsere Gräfin kam und war über unseren Fund ebenso verblüfft wie wir es gewesen waren. Auch sie musste ja den Fund melden. Musste sie?

Und dann entschied sie, dass wir ein Drittel des Schatzes als Finderlohn behalten durften, aber zwei Drittel an einen zu gründenden Verein gehen sollten, der hier unter dem Namen "Verein Lebensinsel" tätig werden sollte und dessen Vorsitzende sie zu werden gedachte. Die Gebäude sollten bewohnbar gemacht, Landmaschinen angeschafft, Ställe erneuert werden. Den Grundstock dazu würde der Gegenwert der Münzen bilden, wenn sie verkauft wären und zwar heimlich. Wir beschlossen, das Vergehen der Fundverheimlichung auf uns zu nehmen. Wer hätte das in unserer Situation nicht getan? Dieses Geschenk war so eindeutig für uns gedacht, es wäre ein wirkliches Verbrechen gewesen, es nicht anzunehmen; also nahmen wir es an und dankten den höheren Mächten dafür mit einem Versprechen und das hiess: "Wir werden diesen Ort zum Blühen bringen!"

So erwies sich die Gräfin als eine wirkliche Förderin unserer Ideale und mehr als grossherzige Frau. Ich war beschämt, das hatte ich nicht von ihr erwartet, auch wenn ich sie in einem meiner Träume als meine Lehrerin erlebt und grosse Zuneigung zu ihr gefasst hatte, mit dieser Entscheidung hatte sie meine Liebe und Achtung auch hier, in der Welt der Menschen errungen.

Endlich hatte der Kessel der Fülle auch uns aus seinem unerschöpflichen Reichtum genährt.

Fülle und Reichtum, innen wie aussen; so wie uns gegeben worden war, wollten auch wir diese Gaben erwecken für das Land und seine Bewohner: Pflanzen, Tiere, Menschen, Gegenwärtige und noch Kommende. Dafür wollten wir unsere Kraft einsetzen, sowohl auf der materiellen als auch auf der geistigen Ebene. Und unser Wirken sollte alle Realitäten durchdringen. Hier, auf dem heiligen Platz, einer der unzähligen Glasinseln dieser Welt, würde sich der Segen in alle Welten ausbreiten, die, untereinander verbunden, einander gegenseitig befruchtend, so das Wesen der Schöpfung, Liebe, zur Erfüllung brächten.

Und da unsere physische Wirklichkeit, das, was wir sehen, hören, riechen, schmecken und begreifen können, ihren Ursprung im Inneren, im Herzen der Dinge hat, begannen wir mit unserer Arbeit auch dort, im Herzen des Ortes, in der uralten Höhle unser aller Grossen Mutter.

Wir bauten eine Holztreppe in den abwärts führenden Schacht ein, und an den Wänden von Gang und Höhle montierten wir Kerzenhalter. Der Durchbruch zwischen Gang und Höhle wurde zu einem bequemen Durchgang erweitert. Den Sockel der Statue vergrösserten wir und gestalteten ihn zu einem Altar um, auf dem die Figur der Mutter und die Schale einen würdigen Platz erhielten. Unser Schlafzimmer musste ebenfalls umgebaut werden, um den Abgang in die Höhle frei zu halten. Wieder einmal bauten wir ein Hochbett, wie damals, am Beginn unserer Reise ins Unbekannte. Der Einstieg zur Höhle erhielt eine stabile Holztüre.

Jeder Tag begann mit einer Meditation in der Höhle und endete auch dort. Und die Kraft dieses Ortes begann schon bald, spürbar alles in seinem Einflussbereich zu erfüllen. Es war, als hätte die Grosse Mutter die Augen geöffnet, wie damals in meinem Traum, und ihr liebender Blick erweckte das Land zu neuem, pulsierenden Leben. Die Kontakte mit der Ortsbevölkerung verliefen im allgemeinen konstruktiv, auch, wenn manchmal Missverständnisse die Atmosphäre zu vergiften drohten.

Wir fanden dann doch meistens eine Brücke zwischen den so verschiedenen inneren Heimaten, lernten uns in ihre Welt einzufühlen, konnten ihnen unser Denken und Fühlen vermitteln, und wurden so bald zu beheimateten Fremdligen, die etwas Abwechslung und Anregung in das stille Dorf brachten. Mit unserer Verehrung der Alten Götter allerdings hielten wir hinter dem Berg. Zu fremd und bedrohlich, zu nah an Aberglauben und Furcht vor allem, was nicht gut katholisch, rechtgläubig war und ausserdem unverständlich, wären diese Inhalte für unsere Nachbarn gewesen. Es fiel schon genug auf, dass wir der Kirche fern blieben, wenn uns auch niemals jemand nach dem Grund dafür fragte.

Ein besonderes Wesen ist ihnen zu eigen, den Waldviertlern: freundlich und bescheiden, abgerundet wie die uralten Gneis - und Granitfelsen, sowohl äusserlich als auch in ihrer Gemütsart, können sie jedoch Haus und Hof wegen eines, nur wenige Zentimeter breiten Ackerstreifens verprozessieren. Mir selbst ist eine Bauernfamilie bekannt, die sich und ihre Nachkommen auf diese Art und Weise im Laufe der Jahre, die sich diese Prozesse hinzogen, um das gesamte Anwesen brachte. Der Zwist war derart eskaliert, dass er zuletzt mit Totschlag geendet hatte. Die Anwälte allerdings waren daran reich geworden....

Im Laufe unseres Lebens hier entdeckten wir so viele Eigenheiten in ihrem Denken und Fühlen, dass es mich manchmal dünkte, auf einer exotischen Insel gelandet zu sein, so weit entfernt schien die Innenwelt der Menschen hier meiner Eigenen zu sein. Der Graben, der die Welt der Städter von jener der Landbevölkerung trennt, ist manchmal tiefer, als er es zwischen den gleichen Gruppen verschiedener Länder sein könnte. Unsere Sprachen, in Grammatik und Syntax gleich, drücken jedoch so verschiedene Lebenserfahrungen aus, als wären es Idiome engegengesetzter Weltgegenden. Umso verwunderlicher war es da, dass wir trotzdem unseren Platz im Dorf gefunden hatten, als "innenseitige Aussenseiter" zwar, das aber war ein Optimum an Integration.

Die Renovierungsarbeiten an den Wohnungen und Ställen schritten zügig voran. Wann immer er konnte, war Joschi da und half selbst mit. Myriam war unterdessen auch sehr aktiv gewesen. Das Projekt war so weit gediehen, dass die ersten Klienten, betreut von zwei Therapeuten, eine davon sie selbst, provisorisch in die schon fertiggestellten Wohneinheiten einziehen konnten. Sie arbeiteten fleissig an deren Fertigstellung mit. Den Dorfbewohnern hatten wir gesagt, es wären arbeitslose Jugendliche, die in einem Projekt hier beschäftigt würden. Wir hatten beschlossen, das Ganze sich langsam "einschleichen" zu lassen. Die Einheimischen sollten im Kontakt mit den Jugendlichen zuerst ihre Ängste abbauen. Später, wenn sie die Betreuten dann besser kennengelernt und sie zu akzeptieren begonnen hätten, würde die Wahrheit für sie nicht mehr so schockierend sein, dachten wir.

Myriam zog also bei uns ein. Es war ein seltsames Gefühl für uns beide, wieder in einem gemeinsamen Haushalt zu leben. Vorsichtig, wie zwei Katzen, die einander in ihrem Revier begegnen, verringerten wir tastend unsere Distanz, erprobten spielerisch den Abstand, der uns ein Zusammenleben erlauben würde, ohne in alte, destruktive Muster zurück zu fallen. Und siehe da! Es stellte sich heraus, dass wir beide nichts mehr zu tun hatten mit den Rollen, die wir vor langer Zeit, an anderem Ort zusammen gespielt hatten. Meine Tochter war tatsächlich eine erwachsene, junge Frau geworden, die gelernt hatte, verantwortungsvoll auf ihre eigenen und fremde Bedürfnisse zu achten und sich behutsam in unsere Welt integrierte. Die kommende Mutterschaft verlieh ihr zusätzlich Gewicht; nicht nur ihre zarte Gestalt rundete sich, nein, auch ihr Wesen wurde zusehends weicher und weiblicher. Ich fand sie in ihrer neuen Erscheinung wunderschön. Oft bemerkte ich, dass Joschi sie mit Stolz, Bewunderung und Zätlichkeit anblickte. Die Liebe zu ihr umgab ihn wie eine leuchtende Aura.

An einem Montag, Anfang Oktober, kamen die Jugendlichen von Myriams Projekt bei uns an.

Es war ergreifend, zu erleben, wie diese schattenhaften Bewohner eines grosstädtischen Hades vorsichtig Augen und Seelen weiteten, als sie das erste Mal, ängstlich und des freien Landes ungewohnt, über das Gelände gingen. Ihre Welt hatte aus dunklen Ecken in U - Bahnstationen, öffentlichen Bedürfnisanstalten oder Bahnhöfen bestanden. Und war es auch ein schäbiges, oft erniedrigendes Leben zwischen Prostitution, Dealen, Geld Auftreiben und dem erlösenden Schuss gewesen, hatte es doch Vertrautheit und eine gewisse Sicherheit geboten - und sei es auch die Vertrautheit des Elends und die Sicherheit des baldigen Todes. Dies hier war unvertraut, wie das neue Leben ohne Droge es sein würde, erzeugte Unsicherheit und Angst. Diese armen Kinder, deren Leben noch kaum begonnen hatte, als sie schon von ihrer Umgebung ausgewürgt worden waren wie unverdauliches Gewölle, würden viel Liebe, Geduld aber auch Festigkeit und Strenge brauchen. Hier sollten sie den verlorenen Kontakt mit der Erde wiederfinden, leben und lieben und auch einen Sinn in ihrem Leben zu finden lernen - eine fast unbewältigbare Aufgabe für sie und ihre Betreuer. Myriam würde viel Kraft und Unterstützung brauchen. Was ich dazu tun konnte, wollte ich gerne tun.

Der erste Stall war fertig. Neu verputzt, weiss gekalkt wirkte er einladend und gemütlich, es fehlten nur noch die Tiere. Schafe und Ziegen sollten es sein für die Milch - und auch Fleischversorgung aller Hofbewohner. Später sollten noch Schweine dazu kommen, Weideschweine, geeignet für die Freilandhaltung wollten wir kaufen, das hatten wir beschlossen.

Als die drei Ziegen und fünf Schafe, aus denen wir die Herde aufbauen wollten, eintrafen und in ihrem neuen Stall standen, fühlte ich, wie mein Wesen eine neue Wurzel bildete. Sie wuchs und senkte sich in den Boden dieses Ortes, mich festhaltend, verankernd. Ich war wieder ein Stück mehr hier zu Hause, der Wind konnte mich nicht mehr so leicht verwehen, es war ein gutes, starkes Gefühl und auch ein neues.

Verankert zu sein im Boden einer Heimat, einem Boden, den man selbst bearbeitete, der nährte und das Leben garantierte, das hatte ich in meinem Leben noch nie erfahren, und ich war dankbar dafür.

Myriam wollte die Höhle sehen. Ich hatte ihr alles erzählt an einem jener Abende, die immer früher jetzt, eine Kuppel voller Dunkelheit, Kälte und Sternengeflimmer über die Wiesen und Wälder stülpten. Der grosse, gemauerte Herd in der Küche war das natürliche Zentrum dieser Abende, er spendete Wärme,- eine weibliche, nährende Wärme,- hielt den duftenden Tee aus selbstgesammelten Kräutern warm, und oft auch verlieh er der Stube einen rötlichen Schein, bei dem es sich gut erzählen liess. Oftmals waren auch die drei Jugendlichen bei uns zu Gast. Sie genossen das Geschichten Erzählen und Plaudern im einhüllenden Halbdunkel. Vielleicht erhielten ihre verhungernden Seelen hier etwas von der so schmerzlich vermissten Nahrung, ohne die kein Mensch wirklich leben kann: Geborgenheit und Nähe. Manchmal schien etwas wie ein zarter Lichtstrahl durch einen nur zaghaft und furchtsam geöffneten Türspalt, der oft aber auch gleich wieder mit einem Knall verschlossen wurde. Gleichwohl war er da gewesen, und es durfte gehofft werden, dass die Türe sich eines Tages endgültig dem Leben öffnete.

Ich führte also Myriam in die Höhle. Staunend sah sie sich um, betrachtete die Figur auf dem Altar, berührte vorsichtig die Schale und setzte sich dann auf ein Fell, das auf dem Boden ausgebreitet lag. Der Schein der flackernden Kerzen malte tanzende Schatten an die ockerfarbigen Wände. Lange Zeit sass sie schweigend da, dann begann sie leise, mit weicher, wohltönender Stimme zu singen. Es waren fremd klingende Tonfolgen, die sich in Halb - und Vierteltonschritten bald in Kopfstimmlage, bald in dumpfen Brusttönen im Raum ausbreiteten. Ich hätte es mir denken können, auch sie war also eine Zaubersängerin! Die Wände der Höhle schienen zu vibrieren durch diesen Gesang. Dann wurde mein Blick durch eine Bewegung auf dem Altar angezogen. Die Mutterstatue hatte die Augen geöffnet und einen Arm von ihren mächtigen Brüsten abgehoben.

Sie hielt eine Pflanze in der Hand, so wie damals, in meinem Traum. Aber diesmal war sie nicht vertrocknet, sie erhob sich vor meinen Augen, der Stengel streckte sich, die ganze Pflanze wurde prall und strotzend saftig. Ich liess mich auf die Knie nieder, neben Myriam und fiel in deren Gesang ein. Zusammen, einander ergänzend, sangen wir das Lied vom Leben, zu Ehren der Grossen Mutter, die auf diesem Platz ihr Wunder geschehen liess. Sie nahm die verlorenen Kinder der Grosstadt an ihr lebendiges Herz und schenkte ihnen neues Leben. Und wir würden ihr dabei helfen, so weit es in unserer Macht stand.

Es stand nicht immer in unserer Macht, das mussten wir bald darauf akzeptieren lernen.

Es geschah in der Letzten Oktoberwoche, während die Apfelernte voll im Gange war. Mittlerweile waren noch vier junge Leute eingetroffen. Sie hatten, da sie sich in der ersten Phase der Therapie befanden, noch keinerlei Ausgang und durften auch noch keine Besuche empfangen. So konnte man annähernd sicher sein, dass keine unerwünschten Kontakte zur "Szene" stattfänden.

Die drei aber, die Pioniere der ersten Stunde sozusagen, durften schon, im Schutz der Gruppe zur gegenseitigen Kontrolle, die ersten Ausgänge in eine nahe Stadt machen. Dazu muss gesagt werden, dass die Teilnahme an Entzug und Therapie freiwillig war. Jeder konnte jederzeit damit aufhören. Die Tore standen offen. Keine Therapie gelingt je unter Zwang.

Die Drei waren morgens um neun Uhr in den Bus gestiegen. Um ein Uhr mittag kam der Anruf. Eine aufgeregte Mädchenstimme schrie ins Telefon: " Der Bernhard, der Bernhard, er ist weg! Wir haben ihn verloren!" Myriam, die gerade Dienst hatte, sprach beruhigend auf das Mädchen ein: "Elvira, jetzt beruhig' dich einmal. Wie lange ist er denn schon verschwunden?"

Es stellte sich heraus, dass Bernhard bald nach ihrer Ankunft an der Endstation, die am Bahnhof lag, kurz einmal aufs Klo hatte müssen, wie er gesagt hatte. Die Anderen hatten einstweilen an einem Kiosk auf ihn gewartet. Er war nicht wieder gekommen. Er kam nie wieder.

Spät abends wurde er von einem Bediensteten des Parkhauses in einer Toilette gefunden, gestorben an einer Überdosis des Stoffes, aus dem seine Träume gewesen waren. Nun träumte er einen anderen Traum, einen, der ihn wegführte von Drangsal und Irrungen, hin zu seinem Selbst, zu seinem unzerstörbaren Kern.

Auf dem Hof breitete sich entsetztes Schweigen aus. Die verschreckten Jugendlichen waren von Georg aus der Stadt abgeholt worden. Sie waren noch blasser als sonst, und ihre furchtsamen Augen schienen zu fragen: "Nicht wahr, es gibt keine Rettung, es holt uns ein, wo wir auch hingehen?" Die Therapeuten machten sich Vorwürfe, wussten aber eigentlich nicht, was sie anders hätten machen können. Ich machte mir grosse Sorgen um Myriam und das Baby. Sie brauchten jetzt unbedingt Ruhe und Entspannung. Doch die gab es nicht, nicht jetzt. Die Medien pflegten sich auf solche Begebenheiten wie Aasgeier auf ein Stück verrottetes Fleisch zu stürzen. Bald würde der Tod des Jungen überall Hauptgesprächsstoff sein, besonders hier, in diesem abgeschiedenen Teil unseres Landes, wo sonst nicht viel passierte. Meine Gedanken kreisten und kamen auch nachts nicht zur Ruhe. Was konnten wir in dieser drangvollen Situation nur machen? Eine Stimme, lang vertraut, doch zuletzt wenig gehört, liess sich, leise zuerst, in meinem Kopf vernehmen: " Schöne Scheisse!" begann sie, wenig vornehm, aber treffend. "Euer Superprojekt wird zu Ende sein, bevor es noch richtig begonnen hat, die werden euch Kübel voll Scheisse über den Kopf schütten!" Madame beliebte heute im Fäkalchargon zu kommunizieren, das konnte ja heiter werden. Aber diesmal, im sicheren Wissen, die Chefin im Haus zu sein, würde ich ihr zuhören, solang es mir richtig schien. " Jetzt gib' mal was Konstruktives von dir, du Waschweib" forderte ich sie auf. "Das ist nicht mein Revier, das Konstruktive, aber, bevor du mich wieder in den Sack steckst,.... also:

"Warum geht ihr nicht in die Offensive, nehmt ihnen doch den Wind aus den Segeln!" "Du hast leicht reden, in die Offensive gehen. Wie soll denn das funktionieren?" "He, willst' die Chefin sein, dann lass dir selber was einfallen," maulte sie. "He, du bist Untermieterin in meinem Haus, vergiss das nicht, also kooperiere, oder du fliegst raus!" Anscheinend durfte man mit ihr nicht zu zimperlich umgehen, sonst fühlte sie sich gleich wieder stark. "Ich glaube, ich muss dir wirklich auf die Sprünge helfen. Vor lauter Schrecken kannst du anscheinend nicht mehr richtig denken. Warum ladet ihr nicht alle wichtigen Leute ein, vielleicht zu einen Tag der offenen Tür oder sowas in der Art." "Ja, das ist es, du bist super, ich möchte dich umarmen!" Dieses total ungewohnte Verhalten verschreckte sie wohl, denn plötzlich, wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden. Ich schickte ihr ein aufrichtiges Dankeschön hinterher.

Fast alle, die wir eingeladen hatten, waren gekommen: ein Reporter der Bezirkszeitung, einer eines bekannten Boulevardblattes, der Bürgermeister, der Postenkommandant der Gendarmerie, der Ortsvorstand, der Pfarrer; nur die Ortsbewohner waren bis auf wenige Ausnahmen, ferngeblieben. Anscheinend hatten wir einen grossen Fehler gemacht, indem wir ihnen die Wahrheit über unser Projekt veschwiegen hatten.

Nun würde es sehr schwer, wenn nicht unmöglich werden, die Mauer aus Angst und Abwehr zu durchbrechen, die sie gegen uns aufgebaut hatten. Vielleicht aber wäre es möglich, einen kleinen Durchschlupf hineinzubrechen? Also, fasste ich mir ein Herz und ging mit einem der Mädchen von Tür zu Tür, ein wahrer Canossagang, doch er lohnte sich. Wir baten alle, die wir antrafen, doch noch zu kommen und sich selbst ein Bild zu machen, bevor sie ein Urteil fällten. Manche entschuldigten sich, doch es war offensichtlich, dass sie kniffen. Manche aber kamen. Sie waren letzten Endes dann auch verantwortlich dafür, dass sich die Waage der öffentlichen Meinung leicht zu unseren Gunsten neigte.

Die Jugendlichen hatten sich wirklich grosse Mühe gegeben. Ein schmackhaftes Buffet war in der Mitte des grossen Raumes aufgebaut, allerdings gab es keinen Alkohol und auch keinen Kaffee, was gleich zu Beginn Interesse erweckte. Ein Therapeut hielt eine kleine Ansprache und erklärte genau den Zweck dieser Einrichtung und den Ablauf der Therapie. Er stellte die Klienten vor und liess die Anwesenden ein wenig Einblick nehmen in deren Vorgeschichte (mit der Zustimmung der Betreffenden natürlich). Die Besucher waren sehr betroffen von dieser, ihnen total fremden Welt, aber Betroffenheit ist die Voraussetzung für ein Umdenken, diesen Keim hatten wir bewusst gelegt. Anschliessend wurden die Gäste noch auf dem Gelände umhergeführt. Dabei zeigten die Klienten mit echtem Stolz, was sie bisher geleistet hatten: den Umbau der Räume, ihre gemütlichen Schlafkojen, die Mostpresse, den Stall und die neue Melkanlage und die eben begonnene Milch - und Käsekammer. Zuletzt wurden noch die Gemälde und bilhauerischen Arbeiten vorgeführt, welche die jungen Leute im Zuge ihrer Therapie gestaltet hatten.

Und das war nun auch für mich eine verblüffende Überraschung. Es war, als hätte das Öffnen der verborgenen Räume ihres Gemütes eine Schleuse geöffnet, hinter der auch das schöpferische Potential dieser Menschen lange gewartet hatte, um endlich mit Gewalt hervorzubrechen. Was ich und unsere Gäste hier zu sehen bekamen, schien mir, trotz der oft schmerzlichen Inhalte, das Schönste zu sein, was ich bisher auf diesem Gebiet gesehen hatte. Es sprach so unmittelbar von Seele zu Seele, so ergreifend unverhüllt, dass keiner sich der Wirkung ganz entziehen konnte. Auch die einfachsten Leute, denen die Beschäftigung mit Kunst fremd war, wurden davon angerührt. Zuletzt gaben diese kreativen Arbeiten der Waage den entscheidenden letzten Schubs, und die Veranstaltung wurde zu einem ersten Erfolg. Die Herzen hatten sich einen Spalt geöffnet, und dieser konnte erweitert werden, das wussten wir.

Diese, schnell notwendig gewordenen Aktivitäten hatten etwas Wichtiges verhindert, nämlich das Bewältigen unserer eigenen Trauer und Verstörtheit. Die Therapeuten würden das Ihrige dazu in den Gruppensitzungen tun, dazu waren sie bestens ausgebildet und besassen auch genug Erfahrung. Mein Beitrag dazu war ein anderer. Ich bat alle Bewohner des Hofes, am Abend des nächsten Tages zu uns ins Haus zu kommen und etwas aus dem persönlichen Besitz von Bernhard mitzunehmen. Georg und ich führten alle in die Höhle, die von einigen wenigen Kerzen dämmrig erleuchtet war. Wir stellten uns im Kreis auf, und ich hielt eine kurze Ansprache: "Diese Höhle ist ein Ort, auf dem seit Tausenden von Jahren Menschen ihre Anliegen, ihre Ängste, ihre Freuden aber auch ihre Trauer abladen konnten. Sie legten diese Gefühle ihrer Muttergöttin ans Herz, die sie sich so vorstellten, wie ihr sie hier seht. Ausserdem ist an diesem Ort der Vorhang zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten dünn. Hier können wir unserem verstorbenen Freund alles sagen, was wir gerne wollen, er wird uns hören. Vor allem aber können wir uns hier und jetzt von ihm verabschieden, ich meine, wirklich verabschieden, denn er hat einen anderen Weg gewählt als wir. Auch, wenn wir in unserem Entsetzen das momentan nicht glauben können: er ist an einem sicheren Ort und wird seine Probleme bewältigen, auf seine Weise. Wir aber haben uns entschieden, hier zu bleiben, zu leben, an uns zu arbeiten und uns gegenseitig dabei zu unterstützen. Lassen wir unseren Freund also los, binden wir nicht unsere und seine Kräfte, denn zuletzt gibt es den Tod nicht, nur Leben, wenn sich das auch momentan noch unserer Wahrnehmung entzieht."

Jeder bekam nun eine Schnur um sein Handgelenk gebunden, deren Ende im Zentrum unseres Kreises um einen Teddybären, Bernhards vielgeliebtes Maskottchen, geknüpft wurde. Wer wollte, sagte jetzt noch ein paar Abschiedsworte, laut oder für sich und verweilte in Gedanken bei dem Verstorbenen. Myriam sang dazu gedämpft ein anrührendes Lied, es war ein Schlaflied, das Lied einer Mutter für ihr verängstigtes Kind: Mutter, jag die Schatten fort, sie tanzen an den Wänden dort! Still, mein Kind, fürcht dich nicht! Schatten flieh'n das Licht. Sie können dir nichts tun, du kannst ganz sicher ruh'n. Still, mein Kind, fürcht' dich nicht, Schatten flieh'n das Licht.

Langsam löste sich die Starre des Entsetzens, und endlich flossen die erlösenden Tränen. Sie schwemmten Angst und Verzweiflung mit sich fort und waren gleichzeitig das befruchtende Nass, welches die zarten Pflanzen Hoffnung und Vertrauen so nötig für ihr Wachstum brauchten.

Als das Schluchzen verebbt war, schnitt nun jeder die Schnur an seinem Handgelenk durch. anschliessend wurde der Bär vergraben. Noch einmal flossen Tränen, doch sie waren anders jetzt, sanft wie Sommerregen. Wir fassten uns alle an den Händen, und Myriam sang ein Lied, dessen Worte sich immer wiederholten. Langsam fiel Einer nach dem Anderen in den Gesang ein, und zuletzt war die Höhle erfüllt davon. Es war ein Lied an das Leben:

"We all come from the godess, and to her we shall return, like a drop of rain, flowing to the ocean..."

( Wir alle kommen von der Göttin, und zu ihr kehren wir wieder zurück, wie ein Regentropfen, der wieder dem Ozean zufliesst.)

Als alle wieder gegangen waren, fiel mein Blick auf den Kalender, der über der Küchenanrichte hing. Heute war genau der 30. November, SAMHAIN ! Die Aufregungen der letzten Woche hatten mich diesen wichtigsten Termin im Jahreskreis vergessen lassen. Das Totenfest! Genau heute vor einem Jahr hatte meine Reise in ein neues Leben begonnen. Es war ein Aufbruch gewesen, der das Schiff meines Lebens aus dem vertrauten Hafen in unbekannte Gewässer geführt hatte. Und auch, wenn dieses Jahr mit einem Totenfest endete, so war es doch eine Reise auf den Wassern des Lebens gewesen. Denn das Leben entspringt dem Tod und endet dort, um wieder von Neuem zu beginnen. So war es, so ist es, und so wird es sein, blessed be!

3.BUCH D I A N A

Die Tageshelligkeit war mehr und mehr im dunklen Tunnel der Nacht verschwunden, je näher die Winter - Sonnenwende und damit Weihnachten rückte. Kaum war das schwächliche Tagesgestirn über den Horizont geklettert, sank es auch schon wieder, als wäre es nicht kräftig genug, sich länger am Himmel zu halten. Wir feierten in der Nacht zum 21. Dezember das Fest der Winter - Sonnenwende in unserer Höhle, anschliessend, am 24. Dezember, ein ganz normales Weihnachtsfest mit Christbaum und Geschenken für alle Hofbewohner. Gerade war ein fröhlicher Tanz um den Weihnachtsbaum zu Ende gegangen, er hatte sich, wie üblich, mit viel Gelächter und Gestolper abgespielt, da zupfte mich Myriam am Ärmel meines Pullovers. "Anna," sie nannte mich neuerdings beim Vornamen, besonders in Gegenwart Anderer. Das war zwar ungewohnt für mich, gab aber unserer Beziehung eine neue, kameradschaftliche Note. "Anna, ich möchte mein Kind in der Höhle bekommen. Was sagst du dazu?" Ich war etwas verblüfft. Hier, inmitten des grössten Trubels - das Fest hatte mit der Verteilung der Geschenke seinen Höhepunkt erreicht - stellte sie mir derart tiefgründige Fragen. "Können wir das vielleicht nachher besprechen? Oder, und das glaube ich eigentlich, teilst du mir ohnehin nur deinen Entschluss mit, und deine Frage war eher rhetorisch?" Ich musste lächeln, denn in diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie gross die Ähnlichkeit zwischen uns, trotz der äusserlichen Unterschiede, doch war. Wie oft hatte Georg mir, oftmals in gespielter Verzweiflung, meine Dickköpfigkeit vorgeworfen.

Die Hebamme, die die Geburt leiten sollte, hatte unter gewissen Bedingungen, nichts dagegen einzuwenden. Sie war eine äusserst aufgeschlossene und auch sehr kompetente Frau, eine Nachfahrin jener Weisen Frauen früherer Zeiten. Es waren ausserdem keinerlei Komplikationen zu erwarten.

Aber, ich will nicht vorgreifen. Noch war Weihnachten. Und hier nun, auf meiner Glasinsel, im winterlichen Norden unserer Heimat, durfte ich endlich das erleben, was ich mir vor einem Jahr so sehr gewünscht hatte: Stille und winterlichen Weihnachtszauber mit verschneiten Wäldern und Gesprächen am Kamin. Georg hatte den Vorschlag gemacht, die Mitternachtsmette im Nachbarort zu besuchen. Diese Idee war bei den Meisten zuerst auf einige Verwunderung gestossen, dann aber waren überraschenderweise alle zum Aufbruch bereit gewesen, als es Zeit wurde zum Abmarsch. Wir beschlossen, die wenigen Kilometer bis zur Kirche zu Fuss zu gehen. Und siehe, unsere kindlichen Bilderbucherwartungen wurden erfüllt, ob vom Weihnachtsmann, vom Christkind oder von der Natur, die sich endlich einmal so verhielt, wie man es von ihr zu dieser Zeit erwartete, war dabei Nebensache. So stapften wir also, vermummte Gestalten unter einem gleissenden Sternenhimmel, durch den vor eisiger Kälte knirschenden Neuschnee, Dampfwolken vor den rotgefrorenen Nasen, aber im Inneren voller wärmender Freude über dieses exquisite Erlebnis. Die Strasse, kaum erkennbar unter der dicken Schneedecke, senkte sich in sanftem Gefälle zum Fluss hinunter. Das Wirbeln und Sprudeln des Wassers war wie in einer Momentaufnahme festgehalten worden durch die Erstarrung des Eises. Nur ein dünnes Rinnsal war noch unter der Eisdecke lebendig geblieben und nützte diese Gnadenfrist zu eiliger Flucht. Die aber war vergebens. Bald würde auch diese letzte Erinnerung an lebendige Beweglichkeit vom Frost eingefangen werden und stillstehen.

Vom Fluss weg stieg die Strasse wieder an, senkte sich zum Ortseingang, von dort ging es wieder bergauf, zu Dorfplatz und Kirche. Vor der standen bereits einige Dorfbewohner, frierend in Mäntel und Schals verkrochen. Unser Kommen verursachte Bewegung in der stillen Gruppe.

Ich konnte die Blicke in meinem Rücken wie feine Nadelstiche spüren. War es vielleicht falsch gewesen, hierher zu kommen? Wir würden es gleich erfahren.

Unsere Grüsse wurden freundlich erwidert, als wir an den Leuten vorbei, eintraten in das von Kerzen festlich erhellte Kirchenschiff, in dem ich mich fast wie ein blinder Passagier fühlte. Was hatte ich denn erwartet, ich war fremd hier und brachte noch dazu eine Gruppe randständiger Existenzen mit, einen weiteren Fremdkörper. Doch die meisten unserer Gruppe waren zumindest Katholiken, hatten also ein gewisses Heimatrecht hier. Meine Gedanken wurden jetzt vom Eingangslied unterbrochen, der Orgelklang blies meine krausen Gedanken wie ein Sturmwind davon. Dann begann die Magie der Liturgie ihren Zauber zu entfalten. Gesang und Gegengesang, eine vertraute Sprache zwischen Priester und Gemeinde, die mir zwar nicht geläufig war, deren unterschwellige Botschaft aber von den tieferliegenden Schichten meines Wesens wohl verstanden wurde. Sie hiess: "Ihr seid meine gesegneten Kinder, ich bin bei euch, fürchtet euch nicht!" Dann wurde die Weihnachtsbotschaft verlesen, es waren die entsprechenden Stellen aus den Evangelien. Es folgte die Predigt, an die ich mich nicht mehr genau erinnere. Was dann kam, brachte einige Bewegung in den ritualisierten Ablauf des Gottesdienstes einerseits und uns Freude und das Gefühl von Angenommensein anderseits. Es kam vollkommen unerwartet. Der Pfarrer war fast am Ende seiner Predigt angelangt, da hob er noch einmal seine Stimme und sagte eindringlich:

"Liebe Gemeinde, Maria und Josef suchten eine Herberge und fanden nur verschlossene Herzen und Türen. So musste unser Herr, der doch das Licht des Lebens ist, in einem Stall zur Welt kommen. Hier sind nun Menschen zu uns gekommen, die auch keinen Platz in ihrer Gesellschaft finden konnten, deshalb drohte ihr Licht auch zu erlöschen, und ist doch Licht von seinem Licht. Weisen wir sie nicht von unserer Schwelle, und geben wir ihnen eine Herberge, dann nehmen wir auch Ihn bei uns auf. Denn Er hat gesagt. was ihr einem von denen tut, tut ihr auch an mir."

Tiefe Stille herrschte in der Kirche, man konnte das Knistern der brennenden Kerzendochte hören. Dann wendeten sich viele Gesichter uns zu und sahen uns an. Augenpaare, die vorher noch misstrauisch geblickt hatten, drückten jetzt vorsichtige Freundlichkeit, ja sogar echte Herzlichkeit aus. Manche der Jugendlichen waren offensichtlich überfordert von dieser plötzlichen Aufmerksamkeit und rutschten unruhig auf den Bänken hin und her. Aus dieser Verlegenheit wurden sie durch das Dröhnen der Orgel erlöst, das Vorspiel zum alten Weihnachtslied "Es ist ein Ros entsprungen..." erklang. Gleich darauf fiel die ganze Gemeinde unter der erfahrenen Führung des Kirchenchores ein, und mir war, als dringe der Gesang durch die Ritzen der Mauersteine wie ein warmer Schein und erfüllte die Winternacht mit Hoffnung und Liebe. Jetzt fühlte ich mich nicht mehr wie ein blinder Passagier an Bord des Kirchenschiffes, sondern wie ein geladener Gast auf einer Fahrt, die uns, auf verschiedenen Wegen zwar, aber an ein gleiches Ziel führen sollte, ins Licht. Dieser Vorfall legte den Grundstein für eine freundschaftliche Beziehung zum Pfarrer dieser Gemeinde, getragen von gegenseitigem Respekt.

Der dunkle Tunnel gab langsam, Tag für Tag etwas mehr, das Licht wieder frei. Aber die Winter dauern lange im Waldviertel, und wenn in anderen Gegenden schon gesät und angebaut wird, liegt hier oft noch lange Schnee. Doch dann war es auch bei uns so weit. Mit ungeheurer Kraft stiess die Vorhut des kommenden Frühlings ihre grünen Lanzen durch die schwere, nasse Erde, die Wintersaat grünte dort, wo der Schnee auf den Feldern schmolz. Es erschienen Himmelsschlüssel, Frühlingsknotenblumen, bald darauf auch die gelben Sonnen des Löwenzahns. Das war das Signal. Überall erklang wieder das Knattern der Traktoren. Die Vögel gaben sich alle Mühe, gegen diesen Lärm anzusingen, das ergab eine bodenständige, Waldviertler Frühlingssymphonie. Die Schafe und Ziegen hatten abgelammt, und auf der Weide vollführten die Jungtiere die unglaublichsten Sprünge, was manche Alttiere dazu animierte, es ihnen gleichzutun. Joschi führte die Klienten in die Geheimnisse des Acker- und Gemüsebaus ein, und ich machte mit. Ich wollte auch etwas lernen.

Heute stand Traktorfahren auf meinem Lernprogramm. Nach einigen Übungsfahrten sass ich stolz im Sattel des Ungetüms, ich fühlte mich als seine Herrin. Dann parkte ich ihn rückwärts in die Scheune ein. Im Vollgefühl meiner neuerworbenen Fähigkeiten legte ich den Rückwärtsgang ein und stieg aufs Gaspedal...... es war der Vorwärtsgang gewesen! Die Fahrt endete an der Schleppkette unseres Nachbarn, des Ortsvorstehers. Ich hatte den Traktor in einen Graben manövriert und kam alleine nicht mehr heraus; die Basis zu einer gern erzählten, im Lauf der Zeit immer mehr augeschmückten Legende war gelegt.

Und dann spülten die Wasser des Lebens ein neues Wesen an seine Ufer, ein kleines Mädchen, dem seine Eltern den Namen Diana gaben, wurde Myriam und Joschi geboren. Es war zum Glück eine sanfte Landung, und sie geschah im Kreise der Familie. Wie sehr unterschied sich diese Geburt von der Myriams, vor einundzwanzig Jahren! Fast beneidete ich meine Tochter um dieses Erlebnis. Wir hatten Felle auf dem Boden der Höhle ausgebreitet, Kerzen aufgestellt und ein kleines Feuer entzündet, um die Höhle gemütlich warm zu machen. Eines der Mädchen, sie war gerade achtzehn Jahre alt und hatte sich ihren Stoff ehemals durch Prostitution verdient, hatte gebeten, bei der Geburt dabeisein zu dürfen. Still und ergriffen verfolgte es die Vorgänge und ging der Hebamme unaufdringlich zur Hand. Joschi stand seiner Frau tapfer zur Seite. Er stützte sie, hielt sie von hinten umfasst, wischte ihr den Schweiss von der Stirn und sprach ihr immer wieder Mut zu, wenn sie sich unter dem Ansturm der Wehen aufbäumte. Dann war es so weit. Ein kleines, dunkles Köpfchen erschien am Tor des Lebens, eine letzte Wehe noch, dann glitt das winzige Körperchen in meine Hände. Das hatte ich mir ausgebeten, ich wollte mein Enkelkind in Empfang nehmen, so schien es mir richtig und gut. Die Hebamme hatte sich dabei im Hintergrund gehalten und nur eingegriffen, wenn es nötig gewesen war. Ich legte es Myriam auf den Bauch, nachdem es seinen ersten Schrei getan hatte. Mit ungläubiger Verwunderung sahen sie und Joschi auf das neue Wesen, das sie da aus ihrem bergenden Körper ins Leben entlassen hatte. Sie mussten diesen neuen Zustand des Elternseins erst langsam erfassen, zu überwältigt waren beide von diesem, sich immer wieder neu ereignenden Wunder der Geburt. Noch vor gar nicht langer Zeit hatten wir hier einen Abschied gefeiert. Ein Leben war durch das Tor hinüber gegangen, war hineingeboren worden in ein anderes Land; ein anderes war jetzt zu uns gekommen durch ebendieses Tor. "Ein ganz schöner Verkehr herrscht hier, am besten sie bauen eine Drehtür ein!" Solche, wenig pietätvollen Einlagen produzierte ein Teil meines Denkens oft, wenn die Feierlichkeit des Augenblicks drohte, mich zu überwältigen, aber jetzt war so etwas ganz entschieden nicht am Platze. Georg hatte mein plötzlich wechselndes Mienenspiel beobachtet, er hatte feine Antennen für diese Dinge. Er sah mich fragend an, doch ich gab diese kleine komische Einlage nicht preis, war sie doch zu banal gewesen. Als das Baby abgenabelt und gewaschen war, wickelte die Hebamme es ein und legte es Georg, Joschi und mir nacheinander in die Arme, und wir begrüssten es zärtlich. Die blauen Babyaugen blickten konzentriert in meine, als suchten sie sich an etwas zu erinnern, das vor seiner Geburt in diese Welt geschehen war, etwas zwischen uns Beiden; und ich wusste, mein Traum hatte sich erfüllt. Das kleine Mädchen aus dem Teich war eingetreten in unsere Wirklichkeit. Später wurde das kleine Mädchen Diana oft von seinen Freunden "die Anna" gerufen. Sie änderten den ihnen unbekannten Namen in einen Vertrauten um, wie Kinder das gerne tun..........

Am Morgen des nächsten Tages fand ich ein winziges, schwarzes Kätzchen in unserer Scheune, und ich hatte keine Ahnung, woher es gekommen sein könnte. Aber, gewisse Fragen stellte ich nicht mehr. Sie waren, das ahnte ich, nicht so einfach zu erklären. Ach, es war ein seltsames Gefühl, Grossmutter zu sein! Es schien mir, als wäre ich wieder eine junge Frau, wenn ich das kleine Wesen im Arm hielt, seine winzigen Fingerchen liebkoste und erheitert sein angestrengtes Mienenspiel beobachtete, wenn es versuchte, seine Augen auf etwas zu richten. Oft vermeinte ich sogar, das Einschiessen der Milch in meine trockenen Brüste zu spüren, so tief eingeprägt hatte sich meine eigene, ehemalige Mutterschaft meinem Wesen. Manchmal schienen sich die Zeiten zu vermischen und es war mir, als hielte ich wieder meine kleine Myriam im Arm.

Ich durfte mich nicht zu sehr auf diese Gefühle einlassen, mich nicht verlieren auf längst gegangenen Wegen, im Labyrinth der Vergangenheit, auch, wenn sie mir noch so gegenwärtig schien. Meine Aufgabe war es, Gross - Mutter zu sein, den Verpflichtungen der körperlichen Mutterschaft enthoben, um Mutter sein zu können für einen grösseren Kreis, der alle hier Lebenden einschloss. Und doch war ich es in meinem Traum gewesen, die das Kind aus dem Teich geborgen hatte....

Dreimal hatte sich der Geburtstag der kleinen Diana jetzt gejährt. Die Landwirtschaft war unter der kundigen Führung von Joschi gediehen und versorgte das Projekt mit allem Lebensnotwendigen. Viele unserer Mitbewohner waren in ein drogenfreies Leben entlassen worden, zu viele allerdings wurden wieder eingeholt von dem menschenfressenden Moloch ihrer Vergangenheit. Manche waren in einem zweiten Anlauf noch einmal den steinigen Weg der Entwöhnung gegangen und ihm diesmal entkommen, dem Ungeheuer Droge. Das waren für mich die wahren Helden der Gegenwart! Sie kämpften gegen Zyklopen, widerstanden den Sirengesängen der Synapsen, die nach der gewohnten Substanz gierten, umschifften Skylla und Karybdis beim Wiedereinstieg in ein geordnetes Berufsleben, um endlich, nach einer Ewigkeit, in der sie die Knochenmühle einer intensiven Psychotherapie durchlaufen hatten, festzustellen, dass sie in eine Gespensterwelt zurückkehrten. Eine Welt, deren Funktionieren auf dem Verleugnen von inneren Wahrheiten begründet war, jener inneren Wahrheiten, denen sie eben gelernt hatten, sich zu stellen. Ein Drama von wahrhaft klassischer Grösse! Über ein Jahr hatten sie auf der paradiesischen Glasinsel verbracht, in Avalon, wo die Verwundeten Heilung fanden an Körper und Seele, um anschliessend wieder zurückkehren zu müssen in diese Welt, die sie so sehr verwundet hatte. Würden sie die Glasinsel in ihrem Herzen behalten können? Würde die ihnen dort zugewachsene Kraft ausreichen, um ihnen ein einigermassen "normales" Leben zu erlauben? Das waren die Fragen, die uns täglich begleiteten; besonders Myriam und ihre Kollegen stellten sie sich häufig.

Aber zurück zu Diana. Es war nicht nur mein Grossmutterstolz, der mich in ihr ein aussergewöhnliches, kleines Menschenskind sehen liess. Ihre zarte Gestalt, dunkle, lange Haare und die grossen, braunen Augen, die so viel mehr zu sehen schienen als andere Menschen, erinnerten mich immer an Feendarstellungen in Märchenbüchern.

Immer, wenn Myriam Dienst hatte, schlief Diana bei uns im Haus. So auch diesmal. Ich war eben aufgestanden, um Frühstück zu machen, da hörte ich aus dem kleinen Zimmer, wo sie schlief, undeutliche Worte. "Ach ja, sie unterhält sich mit der Katze," dachte ich kurz, um mich wieder meiner Morgenbeschäftigung zu widmen. Die Katze hüpfte auf den Tisch und rieb sich schnurrend an meiner Hand. Mit wem sprach sie dann? Leise, auf Zehenspitzen, schlich ich zur Tür, öffnete sie, ebenso leise und sah durch den Spalt. Diana stand in ihrem Nachthemdchen beim Fenster, die dunklen Locken ringelten sich schlafzerzaust um ihre ernsthaft blickenden Augen. Sonst war da niemand, zumindest niemand, den ich sehen konnte. Sie hielt das Köpfchen schief, wie immer, wenn sie aufmerksam zuhörte, manchmal nickte sie ernsthaft. Dann spielte ein Lächeln um ihren Mund, und gleich darauf brach sie in fröhlich glucksendes Kleinkinderlachen aus, offensichtlich war sie sehr amüsiert über irgend etwas. Was war das, zum Schnupftuch der Frau Holle, noch mal! Um das sehen zu können, musste ich weiter in das Zimmer hineingehen. Da stand ich nun und sah.....nichts! Meine Enkelin blickte mich mit gerunzelter Stirn missbilligend an. "Ach, Anna!" rief sie, anscheinend wenig erfreut, mich zu sehen, "Jetzt hast du sie erschreckt!" "Wen habe ich erschreckt, Diana? Es ist doch niemand hier, oder doch?" "Na meine Freunde, die machen immer so lustige Sachen. Jetzt sind sie weg. "Waren sie schon öfter da?" fragte ich erstaunt.

"Sie wohnen doch da, weisst du das nicht?" erklärte mir Diana, offensichtlich erstaunt über so viel Unwissenheit meinerseits. Jetzt galt es, behutsam vorzugehen, um das Kind nicht in Verwirrung zu stürzen.

Ich sagte also, so normal, wie es mir nur möglich war: "Sie werden sicher wieder kommen. Jetzt ziehen wir dich einmal an, dann werden wir mit Georg frühstücken. Vielleicht möchtest du mir dann eine Zeichnung von deinen Freunden machen, dass ich auch weiss, wie sie aussehen, ja?" Damit war sie fürs Erste einmal zufrieden.

Ein andermal waren wir unterwegs gewesen, um Heilkräuter zu sammeln, geflecktes Lungenkraut im Wald und Himmelsschlüssel auf den feuchten Wiesen, beide gut gegen Husten und Verschleimung. Manche unserer Mitbewohner wurden jetzt im Frühling oft und lange davon gequält. Hier und da wuchs auch die vitaminreiche Gundelrebe am Waldrand. Ich verwendete sie gerne zu Suppen und Salaten als gesunde Würze. Diana erwies sich als gelehrige Schülerin, mit ihren drei Jahren kannte sie schon viele Pflanzen mit ihrem Namen. Es war eine reine Freude für mich, sie zu unterweisen, bald würde sie eine richtige kleine Kräuterhexe sein. Leichtfüssig hüpfte sie dort - und dahin, wurde nicht müde, Käfer und Vögel zu beobachten und kam auch immer wieder mit Blumen oder Gräsern angelaufen, um sie mir zu zeigen. Ich bückte mich gerade, um einen Himmelsschlüssel zu pflücken, da nahm Diana meine Hand von der Blume weg und sagte mit der ihr eigenen Ernsthaftigkeit: "Nein, Anna, nicht die nehmen, die hat nicht das Licht, weisst du!" "Was meinst du mit: die hat nicht das Licht, Kleines?" fragte ich verwundert. "Na, das Licht um sie rum! Die anderen Blumen haben ein Licht, aber die da hat keins, und du sollst nur die mit dem Licht nehmen, die sind schöner!" Dann zeigte sie auf eine andere Blume und rief entzückt aus: "Schau, Anna, die hat ein ganz grosses Licht, die sollst du mitnehmen! Siehst du?" Ich sah nichts, nichts als die Notwendigkeit, mit ihren Eltern und Georg über diese Fähigkeiten zu sprechen.

"Familienrat!" rief ich, als Myriam vom Dienst kam, um Diana abzuholen. Sie pflegte dann immer ein wenig bei uns sitzen zu bleiben, um mit uns zu plaudern und sich ein bisschen entspannen zu können. Ich kochte also Kakao, das war schon ein unausgesprochenes Zeichen zwischen uns, dafür, dass eine Aussprache stattfinden sollte. Diana hatte sich in den Garten zurückgezogen. Sie musste unbedingt für ihre Zapfentiere ein Gehege aus kleinen Hölzchen bauen. Joschi kam eben aus dem Stall, wo ein kleiner Nachzügler eben das Licht der Welt erblickt hatte, ein kleiner Ziegenbock. Die Mutter war noch unerfahren, es war ihr erster Wurf gewesen, deshalb hatte er die Geburt überwacht.

Dann sassen endlich alle Familienmitglieder um den grossen Tisch, und ich konnte beginnen: "Es geht um Diana," begann ich vorsichtig. Ich wusste nicht genau, wie ich ihnen, besonders den Eltern, das Problem erklären sollte. Myriam war wohl "eine von uns", eine Zaunreiterin, vermied es allerdings meistens, über den Zaun zu blicken, da sie befürchtete, sonst in ihrer Welt für unseriös gehalten zu werden. Sie würde noch lernen müssen, ins weite Land der Seele auf dem Hexenbesen einzureiten. Dann könnte sie ihre Erfahrungen in ihr Therapeutendeutsch übersetzen und würde somit eine wunderbare Psychologin werden.

Ich entschloss mich, Klartext zu reden. "Unsere Diana sieht mehr als wir Anderen," setzte ich meine begonnene Rede fort. "Sie spricht mit unsichtbaren Freunden und sieht offenbar die Aura von Lebewesen, jedenfalls von Pflanzen, dass weiss ich sicher." "Aber Mama," rief Myriam abwehrend, "du steigerst dich da wieder einmal in deine Altweiber - Traumwelt hinein und nimmst meine Diana mit! Das finde ich unverantwortlich von dir! Du weisst doch, wie phantasiebegabt kleine Kinder sind. Aber ich werde nicht erlauben, dass du sie mit deinem Hexenblödsinn ansteckst!" Kawumm, da war sie also wieder, meine alte Myriam, sie hatte nichts an Biss und Schärfe verloren. Armer Joschi, er hatte wohl oft ganz schöne Brocken einzustecken von ihr. Aber er ähnelte in seiner Ruhe und Ausgeglichenheit so sehr seinem Vater. Allem Anschein nach konnte er sehr gut mit dieser Eigenheit meiner Tochter umgehen.

Jetzt meldete er sich zu Wort: "Myriam, treib es nicht immer auf die Spitze, die Anna wird sich diese Dinge doch nicht aus dem Finger saugen!" und zu mir gewendet, "Erzähl' einmal, was hast du denn wirklich beobachtet."

"Zuallererst möchte ich mich dagegen wehren, von dir als altes Weib bezeichnet zu werden, du Göre!" erwiderte ich, erbost über ihre Frechheit. Sie hatte genau meine empfindlichste Stelle getroffen, das konnte sie immer noch bis zur Perfektion. "Und weil du meine Traumwelt ansprichst, da solltest du vielleicht ein paar Dinge erfahren, die du bis jetzt noch nicht weisst. Vielleicht wird dir dann Einiges klar in deinem beschränkten Psychologenhirn!" Ich war richtig in Fahrt. Sollte unser Gespräch noch fruchtbar werden, musste ich mich einbremsen. Nach zehn tiefen Atemzügen begann ich also, ihr und Joschi die ganze Geschichte zu erzählen: wie das kleine Mädchen in meinen Träumen aufgetaucht war, die Geschichte mit der Geisterkatze.....Ich sah, wie sich Myriams Pupillen schlagartig erweiterten, als ich die Katze erwähnte. Sie erinnerte sich noch genau an ihre Erlebnisse in unserer Wiener Wohnung, damals, als sie kurz dort gewohnt hatte. Gespannt verfolgte sie jetzt meine Erzählung. Ich fuhr fort mit der Geschichte der Gräfin, von dem kleinen Mädchen Anna, das im Brunnen so unglücklich ums Leben gekommen war. Zuletzt erwähnte ich den Traum vom Teich, in welchem ich das Baby aus dem Wasser geholt und nach Hause gebracht hatte, wo es zum Mädchen Anna geworden war, und dass ich glaubte, Die - Anna sei unsere Diana.

Das Schweigen lastete wie eine förmlich spürbare Substanz im Raum. Keiner wollte das Wort ergreifen. Noch hatte niemand durch Zustimmung meine Erzählung wahr gemacht, sie hing zwischen Fiktion und Wirklichkeit und wartete darauf, von meinen Zuhörern endgültig auf diese oder die andere Seite verwiesen zu werden. Georg brach nun das Schweigen: "Ich kenne meine Anna, und ich habe bis jetzt die Erfahrung gemacht, dass ihre Träume wahr sind, wahr im Sinne einer inneren Wahrheit. So unwahrscheinlich diese Geschichte auch auf euch wirken mag, ich glaube sie. Meine Enkelin (in diesem Wort klang so viel Zärtlichkeit mit, dass mir die Tränen in die Augen stiegen) ist ein ganz besonderes Wesen, und wir müssen gut auf sie achtgeben. Ich, für meinen Teil werde das tun, was auch kommt." Gerührt umarmte Myriam jetzt Georg und dann, nach einem kleinen inneren Schubbs, auch mich, worauf sie sich entschuldigte für ihre überschiessende Reaktion von vorhin. Mein Zorn war bereits verraucht, aber ich musste unbedingt loswerden, was ich für wichtig hielt. "Wenn ich auch ein altes, vom Hexenblödsinn verwirrtes Weib bin, eines muss ich euch doch noch sagen, und ihr müsst es einfach akzeptieren. Und wenn das momentan nicht könnt, dann, bitte, lasst es in euch wirken, bedenkt euch, bevor ihr es verwerft, nämlich: Diana ist, dessen bin ich ziemlich sicher, eine Angehörige einer,- ach, wie soll ich es nur ausdrücken, dass ihr mich richtig versteht - einer Art neuen Menschheit, der Beginn einer neuen Rasse." Ich war mir nicht sicher, nicht im Sinne einer alten, abgelebten Rassentheorie missverstanden zu werden, aber es fiel mir kein anderes Wort ein. "Schaut, in unserem Kult gibt es die Verszeile: follow the old ways, bring in the new days; also etwa 'folgt den alten Wegen, bringt den Neuen meinen Segen,' frei übersetzt. Georg und ich und unsere Schwestern und Brüder sind so etwas wie ein Verbindungsglied, eine Brücke aus dem Vorgestern ins Übermorgen. Im Vorgestern, vor zigtausenden Jahren vielleicht, waren die Menschen Eins mit der Natur. Sie konnten mit dem Wasser fliessen, sich in einen Stein versetzen oder eine Zeitlang in einem Baum sein. Später dann wurden wir uns unseres Ich bewusst und begannen, es gegen das Du der Natur zu erleben. Das führte endlich zum Imperativ des Christentums: macht euch das Erdreich untertan! Unsere, technisch ausgerichtete Zeit brachte diese Aufforderung an ihren Höhepunkt. Der ist, das glaube ich, jetzt überschritten. Ich sehe Krisen und Notzeiten auf uns zukommen. Aber diese Krisen werden eine Neugeburt einleiten, eine anders ausgerichtete Zivilisation wird sich etablieren, dann, übermorgen. Die Menschen werden wieder lernen, ihre inneren Sinne zu gebrauchen. Das, was wir heute als aufregende, aussergewöhnliche Phänomene betrachten, wie etwa Telepathie oder Hellsehen wird dann ganz normal sein, wie es vor Zeiten auch schon normal gewesen ist, und wir werden uns bewusst wieder ihrer bedienen.

Unser Umgang mit der Natur wird von Respekt und geschwisterlicher Verbundenheit geprägt sein, weil wir einfach wissen werden, dass alles miteinander verbunden, ja in Wirklichkeit Eins ist. Und unsere Diana ist, und das wird keine leichte Aufgabe für sie werden, eine der ersten Vertreterinnen dieser neuen Menschheit, mit ihr beginnt vielleicht eine neue Evolutionslinie, was weiss man. Wie ihr ja wisst, hüten wir in unserer Höhle eine uralte Schale, für uns ist es der Heilige Gral, das Gefäss des Lebens. Er wurde mir anvertraut, und ich werde ihn, wenn die Zeit gekommen ist, an eine neue Hüterin weitergeben, und diese wird Diana sein, die Reponse de Joye der alten Sage, die Gralsjungfrau. Sie hat ja auch ihre Hexentaufe aus dem Gral empfangen. Und deshalb werdet ihr Beiden auch keine weiteren Kinder mehr bekommen, weil in diesem Einen eure ganze Substanz liegt, und weil dieses Eine eure ganze Kraft und Aufmerksamkeit brauchen wird."

Diese lange Rede hatte mich ziemlich erschöpft. Ich lehnte mich zurück, nahm einen Schluck Kakao und kam innerlich gleich darauf zur Ruhe. Ich hatte diese Worte nicht vorbereitet gehabt, sie waren aus mir herausgeflossen, wie ein Bach, der sich allein sein Bett sucht, so, als wären sie nicht von mir gekommen. Hatte ich wegen meiner Vorhersage die weiteren Kinder betreffend, Widerspruch erwartet, so hatte ich mich getäuscht. Tiefe Nachdenklichkeit zeichnete sich auf den Zügen meiner Familie ab. Still gingen Joschi und Myriam, Diana zwischen sich an den Händen führend, nach Hause, während mir ein seltsamer Gedanke durch den Kopf blitzte, über den ich verwundert den Kopf schüttelte: "Die Heilige Familie, Josef, Maria und das Kind...."

Diana brauchte Freunde, sichtbare Spielgefährten, sie sollte ein möglichst normales Kinderleben führen. Deshalb wurde sie im Kindergarten angemeldet. Der Schulbus schluckte die quirlige Kinderschar jeden Tag um die gleiche Zeit, Dianas ernsthaftes, kleines Gesichtchen sah aus dem Fenster. Sie winkte kurz, gleich darauf plauderte sie schon lebhaft mit ihren Freunden. Man konnte ihr ansehen, wie wohl sie sich fühlte. Drei Wochen lang. Dann kam der Umschwung. Sie trödelte morgens, wollte ihr Frühstück nicht essen und sagte eines Tages: " Ich gehe heute nicht in den Kindergarten, ich bleibe bei dir, Anna." "Warum willst du nicht gehen?" fragte ich sie. Sie schwieg. "Diana, gefällt es dir nicht dort? Komm, sag's mir. Willst du nicht bei deinen Freunden sein?" Ein langer, intensiver Blick aus ihren dunklen Augen traf mich bis ins Innerste, dann sagte sie ruhig und bestimmt: "Meine Freunde sind hier." Das war's. Mehr konnte ich von ihr nicht erfahren. Sie nahm ihre Katze auf den Arm und ging in den Garten. Als ich später hinausging und nachsah, sass sie auf der Schaukel, die Katze im Arm, den Kopf leicht geneigt und schien versonnen auf etwas zu lauschen, das nur sie allein hören konnte. Alle Alarmglocken läuteten in meinem Kopf. Hier lief etwas ganz entschieden falsch! Was das war, mussten wir herausfinden.

Myriam, Joschi und ich trafen uns mit der Kindergärtnerin. Sie war eine durchaus sympathische, junge Frau mit warmherzig blickenden Augen, und sie schien ernsthaft beunruhigt über irgend einen Vorfall mit Diana. Meine Befürchtungen gingen in eine bestimmte Richtung, leider wurden sie bestätigt.

"Nun, was ist geschehen, dass unsere Diana nicht mehr in den Kindergarten gehen will? Es muss ja etwas vorgefallen sein, den anfangs hat es ihr doch gut gefallen." begann Joschi das Gespräch ohne grosse Umschweife. Es war der Kindergärtnerin deutlich anzusehen, dass sie nicht genau wusste, wie sie beginnen sollte. Ihre Finger verschlangen sich ineinander, lösten sich wieder, zupften nervös an ihrem Rock, um sich zuletzt wieder aneinander festzuhalten. Dann begann sie unsicher: "Die Diana ist ein wirklich liebes Kind und dazu ein sehr begabtes......." "Aber?" "Ja, das ist ein bisschen schwierig zu erklären. Es ist da etwas sehr Seltsames geschehen, eigentlich mehrere Dinge...." Sie straffte ihren Oberkörper und entschloss sich nun sichtlich zu einer Schilderung des Vorgefallenen.

"Ja, also, die Geschichte ist die: Die Kinder haben gerade im Garten gespielt. Dabei ist der kleine Philip beim Laufen niedergefallen und hat sich das linke Knie ziemlich aufgeschürft. Grosses Geschrei, Blut ist über sein Schienbein heruntergeronnen.

Solche Schürfwunden sind ja sehr schmerzhaft, das wissen wir alle. Ja, und jetzt kommt's. Ich bin hineingelaufen, wollte Verbandzeug holen und Desinfektionsmittel, und wie ich wieder rauskomm' seh' ich, wie die kleine Diana die Hand auf seiner Wunde liegen hat. Ich will noch schimpfen, weil ihm das doch weh tun musste, da fängt sie auf einmal an, irgendwelche komischen Töne zu singen. Ich sag's ihnen, ganz enterisch is mir wor'n dabei!" In der Aufregung verfällt sie in ihren heimatlichen Dialekt, ohne es zu bemerken. "Sie hat mi gar net g'segn, ganz wo anders woas, die Augn habm an ganz komischn Blick ghabt. Und dann hat's die Hand wegagnumman, und i sag's ihnan, da woa de Wundn weg, nix mea woa zan segn! So was is mia no nia unterkemma, des woa de reinste Hexerei!"

Aber, dieser Vorfall war nicht der letzte gewesen, wie sich bald herausstellte. Die Kinder pflegten einige Topfpflanzen in ihrem Gruppenraum. Sie waren dafür verantwortlich und kamen dieser Aufgabe meistens auch mit viel Eifer nach. Dennoch hatte ein kleiner Bub anscheinend mehrere Tage hintereinander vergessen, seine Pflanze zu giessen. Sie war vertrocknet und tot. Alles spätere Giessen hatte nur mehr bewirkt, dass das Ganze zu einem matschigen Klumpen mit einem traurig herabhängenden Stengel verkommen war. Die Trauer war gross gewesen, wieder waren Tränen geflossen. Diana hatte den Kleinen anscheinend trösten wollen. Deshalb hatte sie die Pflanze aus dem Mist gefischt und sie ihrem kleinen Freund zurückgegeben. Da war sie wieder prall und lebendig gewesen. "Die - Anna kann zaubern, die - Anna kann zaubern!" singend waren die Kinder um Diana herumgetanzt, und die war überglücklich gewesen über den Erfolg ihrer Bemühung und die Freude, die sie damit den Kindern gemacht hatte. Mit dieser Freude war es allerdings bald vorbei gewesen. Ihre Freundin Ines hatte Einladungen für ihr Geburtstagsfest unter ihren engsten Freunden verteilt. Dazu hatte bis jetzt auch Diana gehört. Sie hatte ihrem ersten Kindergeburtstag schon erwartungsvoll entgegengefiebert und immer wieder davon gesprochen. Sie erhielt keine Einladung. Seither wollte sie nicht mehr in den Kindergarten. Sie war durch nichts dazu zu bewegen, wieder dorthin zu gehen. Darin glich sie ihrer Mutter. Auch sie war ähnlich bestimmt in ihren Entscheidungen. Hier endete wohl Dianas Kindergartenlaufbahn, abrupt und endgültig. In Zukunft, das ahnten wir, würde noch Einiges auf uns zukommen.

Diana musste lernen, ihre Fähigkeiten einerseits zu verbergen, wenn es geraten schien; und anderseits war es wichtig für sie, zu lernen, wie sie richtig einsetzen konnte. Himmel, sie war gerade erst drei Jahre alt! Solche Dinge wären für einen Erwachsenen schon schwierig genug, dann erst für ein so kleines Kind! Offen, wie eine eben erst erblühte Blume, sollte sie schon lernen, ihr Wesen zu verstecken vor einer Welt, die sie nicht verstand, ja, sie nicht verstehen konnte. Würde es ihr Schicksal sein, wie das legendäre Einhorn, als einzige ihrer Art, in Einsamkeit und Isolation zu leben? Dieser Gedanke drückte mir vor Schmerz die Kehle zu, das konnten, durften wir nicht zulassen! Aber wo war der Ausweg, ich stand vor einer Mauer aus Fragen und wusste keine Antwort.

In solchen, ausweglos scheinenden Situationen pflegte ich mich in die Höhle zurückzuziehen. Ihre Stille und Dunkelheit hatte mir schon oft geholfen beim Hineinhören in mich selbst. Denn dort lagen die Lösungen der meisten Probleme verborgen auf dem Grund meines Wesens und warteten wie Blumen der Dunkelheit, bis ich sie pflückte und ihre bestechend, überzeugende Klarheit am Licht des Tagesbewusstseins erkannte.

Die Höhle erwartete mich wie ein grosser Mutterleib. Ich musste mich nur entspannen und mich wie ein kleines Kind, offen und vertrauend, hineinschmiegen, ohne Wollen und Zielgerichtetheit. Das fiel mir diesmal nicht eben leicht. Zu sehr waren meine Gedanken und dadurch auch mein Körper, angespannt und verkrampft. Also, brauchte ich ein wenig Unterstützung: eine Kasette mit stampfenden, afrikanischen Rhythmen hatte mir bis jetzt immer am besten geholfen. Zu den mitreissenden Trommelklängen tanzte ich und stampfte, wirbelte durch den Raum, mein ganzer Körper wurde erfasst von der unwiderstehlichen Gewalt dieser archaischen Klänge, die meine Glieder schüttelten, wie der Sturm die Äste eines Baumes.

Meine wieder in Fluss gekommenen Energien brachen alle Blockierungen und schufen sich freien Raum. Warm und lebendig konnte ich ihr Strömen fühlen. Meine Bewegungen wurden weicher, harmonischer, ich floss mit dem Strom meiner Lebenskraft, dann sank ich zu Boden und gab mich dem ausschwingenden Rhythmus hin. Die Stille nachher fiel zusammen mit der Stille in meinen Gedanken, die jetzt endlich eingekehrt war. In dieser hoffte ich die Worte der Göttin zu hören, für mich bestimmt, an mich gerichtet, Antwort auf meine Bitte: "Ich bin ein leeres Gefäss, fülle mich, Mutter!"

Flüchtige, nicht zu fassende Bilder zuckten hinter meinen geschlossenen Lidern auf, Wetterleuchten, das immer nur kurz einzelne Szenen erleuchtete, doch zu kurz, um sie erkennen zu können. Dann Kinderlachen, Wortfetzen, gesungene Reime, es klingt wie ein altes Kinderspiel. Girlanden schwingen im Wind, Lampions, auf Bäumen schaukelnd. Etwas, das wie Puppen aussieht....Marionetten....sie bewegen sich zu einem Lied, das von Kindern gesungen wird.....Dann schiebt sich ein Bild dazwischen, ganz kurz nur: ein Hügel mit stehenden Steinen.... Dann schwankende Laternen in der Dunkelheit, wie Glühwürmchen tanzen sie durch den Abend. Deutlich kann ich Diana erkennen. Sie geht lachend mit anderen Kindern in dem Laternenzug, der sich durch unseren Garten bewegt.....Eine grossgewachsene Frau mit weissen Haaren winkt mir zu, als wolle sie mir dringend etwas sagen. Gleich darauf ist sie wieder verschwunden..... Ich sehe ein Feuer, rundherum sitzen Menschen und braten Würste an einem Stöckchen, lohende Feuergarben fliegen in den dunklen Himmel. Es sieht aus, wie ein grosses Sommerfest......Sommerfest, das ist es! Wir müssen eines veranstalten und die Kinder mit ihren Familien einladen! Damit können wir vielleicht den Graben überbrücken und ihnen zeigen, dass Diana ein Kind ist wie alle Anderen, nur eben ein bisschen anders. Dieses kleine bisschen Anderssein könnte durch Kennenlernen, sich Näherkommen und durch beginnende Freundschaft in Vertrautheit umgewandelt werden und letztendlich in Zugehörigkeit. Integration hiess das Zauberwort, und es war in aller Munde, wenn es darum ging, Ausländer oder Behinderte hereinzuholen in das warme Nest menschlicher Nähe. Warum sollte es bei unserer Diana nicht funktionieren? Etwa vielleicht, weil es so viel leichter ist für uns Menschen, Beschädigungen und Unvollkommenes zu lieben als das Überlegene, das uns Furcht einjagt und das Gefühl von Minderwertigkeit? Wie auch immer, wir mussten es versuchen, es wäre die einzige Möglichkeit, Diana zu integrieren in die Gemeinschaft der Gleichaltrigen, die sie so sehr brauchte, um nicht zu einem aussenseitigen Sonderling zu werden.

Gleich morgen wollte ich das Nötige in die Wege leiten. Ich hätte also, zufrieden mit dem Ergebnis meiner Meditation, ruhig schlafen müssen. Und doch war es nicht so. Eine unterschwellige Unruhe und Unzufriedenheit liess meine Gedanken kreisen, mein Körper kreiste mit. Ich drehte und wälzte mich, bis Georg endlich, verschlafen brummelnd, das Licht aufdrehte, sich auf den Ellenbogen aufstützte und mich kopfschüttelnd ansah: "Denkst du schon wieder im Kreis, Liebste? Komm, sag es mir, vorher ist an Schlaf ohnehin nicht zu denken, wie ich dich kenne." " Aha, dir geht es also gar nicht um meine innere Ruhe, sondern um deinen ruhigen Schlaf!" warf ich ihm, in unangemessen beleidigtem Tonfall an den schläfrigen Kopf. "Jetzt benimmst du dich aber wie ein kleines, trotziges Kind, und nicht wie eine würdige Grossmutter, reiss dich zusammen!" Was musste eigentlich geschehen, damit er seinen Humor verlor? Immer wieder gab er mir das behagliche Gefühl einer weichen, warmen Decke, in die ich mich zurückfallen lassen konnte. Woher nahm er nur diese Ruhe und Sicherheit, und bekam er von mir eigentlich genau soviel, wie ich von ihm? Von plötzlicher, überschiessender Zärtlichkeit übermannt, schmiegte ich mich in seine Arme. Meine Probleme wurden in dieser Nacht nicht durch ein klärendes Gespräch, sondern durch eine völlig andere Therapie behandelt. Sie löste zwar nicht die Ursache, aber sie löste mich auf im Glück inniger Verbundenheit. Endlich fand ich den erlösenden Schlaf.

Die Welt entschwand wie eine leise verwehende Melodie, und schon war ich woanders.

Da waren Apfelbäume, frisch - grünes Gras, die Stimmen junger Frauen klangen aus der Nähe an mein Ohr. Hinter der Wiese erhob sich ein Hügel, auf seiner höchsten Stelle ein Steinkreis. Alles war so seltsam vertraut, und doch, dies hier war nicht meine Apfelbaumwiese. Nein, schlagartig wusste ich, wo ich hier gelandet war: es war das Urbild aller Apfelbaumwiesen, ich befand mich auf Ynys Vytrin, meiner Anderswelt - Heimat. Ja, hier war ich zu Hause! Frieden und Ruhe breiteten sich in mir aus und ein zeitloses Gefühl von "Ich Bin".

Hier würden alle Fragen und Unklarheiten von mir abfallen wie welkes Laub im Herbst, und erneuert, jung und frühlingshaft fühlte ich mich sofort, im selben Augenblick, da ich dies dachte. "Heimaturlaub!" schoss es mir durch den Kopf, dieser trocken, humoristische Teil gehörte wohl auch hier zu meinem Wesen, war also nicht nur Teil meiner Menschenwelt - Persönlichkeit.

Da waren kleine Häuser aus Flechtwerk. Locker verteilt standen sie zwischen den Apfelbäumen.

Junge Mädchen und Frauen in dunkelblauen, langen Kleidern, die durch eine Schnur zusammengehalten wurden, hingen eben Wäsche auf eine, zwischen den Bäumen ausgespannte Leine. Dabei plauderten und lachten sie unbeschwert. Wie lange war es wohl her, da ich selbst Eine von ihnen gewesen war? Ich fühlte ein leises Ziehen in der Herzgegend, Sehnsucht war es wohl, Sehnsucht und Heimweh, denn ich wusste, dass ich hier nicht bleiben konnte, noch nicht. Ich ging den Weg, der sich spiralig den Hügel hinaufwand, bis zu einem etwas grösseren Haus mit einer Umfassungsmauer, dem Haus der Hohepriesterin. Ihr musste man seine Aufwartung machen, wenn man hierher kam. Dämmrige Kühle umfing mich beim Eintreten und ein feiner, leicht herber Duft, - ach ja, eine Kräutermischung mit Salbei, ich erinnerte mich wieder! Der Raum war äusserst sparsam eingerichtet; auch die Hohepriesterin lebte in grosser Einfachheit, wenn auch viel Wert auf Sauberkeit gelegt wurde und auf edles Material und dessen beste Verarbeitung.

Sie sass auf einem etwas erhöht stehenden Stuhl. Als ich eintrat, erhob sie sich und kam mir mit ausgebreiteten Armen entgegen. Es war die Gräfin, Nimue hiess sie hier, wie sie mir damals, in meinem ersten Traum von Avalon, erschienen war! Warm und liebevoll umarmte sie mich, dann hielt sie mich mit ausgestreckten Armen von sich weg und begutachtete mich mit gerunzelter Stirn. "Kind, es war offensichtlich höchste Zeit, dass ich dich hergeholt habe! Wie siehst du denn nur aus! Wie eine Bäuerin!" "Ich bin doch auch Bäuerin, das weisst du doch," gab ich ihr zur Antwort und kam mir gleich darauf reichlich dumm vor. Missbilligend strich sie mit einer flüchtigen Geste über meine ganze Gestalt, und schon floss dieses weiche, glatte Keid über meinen Körper, mein Haar ergoss sich, rot, lang und dicht, von einigen grauen Strähnen durchzogen, über meine Schultern. "Zuallererst bist du eine Priesterin von Avalon, was auch immer du da drüben, in der Welt der Menschen tust, vergiss das nicht. Und jetzt komm, ich habe Wichtiges mit dir zu besprechen!" Hoheitsvoll nahm sie Platz auf ihrem Stuhl, Zoll für Zoll eine Herrscherin, und doch war sie so mütterlich und warmherzig, dass man sie sofort lieben musste, wenn sie sich einem zuwandte.

"Ich habe heute versucht, dich zu erreichen, aber es ist mir nicht gelungen. Du konntest dich nicht leer genug machen, zu sehr warst du von deinem Problem gefangen genommen. Kind, Kind," sie sah mich mit mütterlicher Besorgtheit an, "du musst wieder mehr in die Stille gehen, lass dich nicht absorbieren von deinen Pflichten. Wir müssen in Kontakt bleiben, besonders jetzt, da du eine derart diffizile Aufgabe zu erfüllen hast." "Du weisst also......?" fragte ich überflüssigerweise. Auf diese unnütze Frage ging sie erst gar nicht ein. Ernst sah sie mich an , mit diesem Blick, der mein Innerstes blosslegte. "Du liebst deine Enkelin sehr, das weiss ich, und deshalb wird es für dich oft nicht leicht sein.....Sie kann nun einmal nicht das Leben eines ganz normalen Kindes führen, auch, wenn du ihr das gerne ermöglichen möchtest. Sie ist ein ganz zentraler Bestandteil des Planes..." Empört fuhr ich auf: "Meine Diana ist kein Bestandteil, sie ist ein Kind, und ich werde nicht erlauben....!" "Morgan!" rief sie mich zur Ordnung, "du hast diese Aufgabe bewusst auf dich genommen, weisst du das nicht mehr?"

Ach ja, nun kamen die Bilder wieder und die Erinnerungen. Damals, scheinbar vor Ewigkeiten und doch erst vor meiner Geburt in die Menschenwelt, war das Drehbuch für dieses Stück geschrieben worden, und ich hatte die Rolle darin freiwillig übernommen, eine ungeheuer wichtige Rolle, und sie musste ich jetzt erfüllen, auch, wenn sie mir jetzt zu schwierig erschien. Und jetzt, für einen Augenblick, ausserhalb des gewohnten Rahmens von Zeit und Raum wurde mir das ganze Gewebe wieder sichtbar, das die Zeiten, die Menschen und die Schicksale miteinander verflocht, zu einem Muster, das einzigartig war in seiner Sinnhaftigkeit und doch so zufällig wirkte wie das Gekritzel, das mancher beim Telefonieren auf den Notizzettel wirft.

"Morgan," fuhr sie nun fort, meine Gedanken unterbrechend. "Diana braucht Führung. Sie muss lernen, ihre Fähigkeiten richtig zu nutzen. Wir können das nur bis zu einem gewissen Grad tun, denn unsere Magie ist nur eine ferne Erinnerung an die Fähigkeiten, die das Volk ihrer Vorfahren vor langer, langer Zeit besass.

"Ich werde dir die Geschichte ganz kurz erzählen, damit du weisst, womit du es hier zu tun hast." Sie hiess mich, auf dem weichen Polster zu ihren Füssen Platz zu nehmen, so wie damals, als ich als junge Priesterin so gerne ihren Unterweisungen gelauscht hatte. "Wie du weisst, sind wir nicht das erste Menschengeschlecht. Schon vor uns gab es einige Hochkulturen, denke an die Geschichten über das sagenhafte Atlantis. Nun, eine dieser Zivilisationen war Lumania. Die Lumanianer waren körperlich eher klein und von zarter Statur. Sie brauchten auch keine grossen körperlichen Kräfte, da sie sich darauf spezialisiert hatten, besonders ihre geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Sie waren Meister der Künste Malerei und Musik. So konnten sie zum Beispiel durch Töne heilen...." Ich war plötzlich wie elektrisiert, "Diana kann..." "Ich weiss, du wirst es gleich verstehen. Also, sie waren auch imstande, schwere Gegenstände mit Hilfe von Tönen zu bewegen und dergleichen mehr. Tonfolgen transportierten aber auch Information, Tonhöhe, Tonlänge, ja sogar die Pausen dazwischen drückten ganz differenzierte Inhalte aus, ebenso die Malerei. Ihre Bilder waren multifunktional und enthielten ganz subtile Informationen. Ausserdem konnten sie so viel mehr wahrnehmen als wir. Was wir heute Hellsehen nennen oder auch Aurasehen, war für sie das Normalste überhaupt. Es gehörte sozusagen zu ihrer Grundausstattung. Ja, und irgendwann machte sich eine Gruppe von ihnen auf zu den Sternen und vertraute sich einer neuen Evolutionsrichtung an. Im Laufe der Zeit passten sie sich an die dort herrschenden Gegebenheiten. Sie wären hier bei uns nicht mehr lebensfähig. Ihr Interesse an ihrem ehemaligen Heimatplaneten aber verloren sie nie. Von Generation zu Generation wurde es, in Mythologie und Religion verpackt, weitergegeben. Sie besuchten die Erde immer wieder, und sie tun das auch noch jetzt, allerdings nicht in ihrem physischen Körper, sondern mit dem Geistigen, der manchmal, ähnlich einer Geistererscheinung, manchen Menschen auf der Erde sichtbar wird. Das ist die Ursache der vielen Ufoberichte, die einander so ähnlich sind. Sie nehmen Anteil am Schicksal der Erde, deshalb sehen sie mit Sorge die diversen Irrwege unserer Zivilisation und wollen uns helfen, einen anderen, besseren Weg einzuschlagen. Sie sind unsere älteren Geschwister. Ihre Nachfahren lehrten uns einst die Magie. In Diana ist Eine von ihnen freiwillig wiedergekehrt, um den Samen ihres Wissens im Erbgut des heutigen Menschengeschlechtes auszusäen. Und du bist dazu ausersehen, ihn zu hegen und zu pflegen, damit er reiche Ernte bringt. Also bist du doch in gewissem Sinne eine Bäuerin, wenn auch in einer etwas anderen Bedeutung."

Ich hatte ihrer Erzählung fasziniert zugehört. Dennoch hatte ich einige Fragen. "Wie soll ich aber Dianas Fähigkeiten schulen, Fähigkeiten, die mir nicht gegeben sind? Ich kann das nicht." "Du bist dafür verantwortlich, dass sie sich frei entfalten kann und nicht durch Einrichtungen eurer Welt beengt und abgeschnitten wird von ihrem eigentlichen Wesen. Dazu besitzt du die allerbesten Fähigkeiten. Ausserdem ist der Ort, an den wir dich geführt haben, dazu ideal. Ja, dieser Ort....Du weisst wahrscheinlich nicht, dass er weiter in die Tiefe der Zeit zurückführt, viel weiter, als du denkst.

Den Augen Dianas werden sich tiefer liegende Gänge und Räume öffnen, dort wird sie auch die Unterweisung finden, die sie braucht........

Und nun, leb wohl, Tochter meines Herzens, es ist Zeit zur Rückkehr. Eines noch: Mach dir keine Sorgen um Myriam. Sie wird ihren Weg gehen, auf ihre Weise und zu ihrer Zeit. Denk daran, wie lange du gebraucht hast, dich zu erinnern, wer du bist! Sie macht ihre Arbeit sehr gut. Und du wirst meine Hilfe haben, wenn immer du sie brauchst, wenn immer du mich rufst, werde ich da sein. Sei gesegnet!

Ich schwebte im Nichts zwischen den Welten und wollte noch nicht zurückkehren zu meinen Aufgaben, in Erdenschwere und Körperlichkeit, wollte mich noch ein wenig diesem Dahintreiben hingeben, diesem wunderbaren Gefühl der Leichtigkeit. Doch etwas zog an mir wie ein festes Band, zog mich gegen meinen Widerstand hinein in meinen irdischen Körper, der nun die Augen aufschlug und sich im gewohnten Schlafraum wiederfand. Ach, Avalon, meine Heimat! Wie gerne wäre ich noch in deinen zeitlosen Gefielden geblieben, bei meiner Lehrerin, meinen Schwestern, auf dem Hügel der Hohen Steine. "Du bist ein undankbares Wesen!" schimpfte ich mich innerlich aus, "lebst auf diesem wunderbaren Platz, inmitten von Menschen, die dich lieben und sehnst dich nach Avalon! Du musst in dir finden, was du suchst, dann ist Avalon überall......."

Wie eine letzte Mahnung meiner mütterlichen Lehrerin erklang dieser Gedanke in mir und half mir, wieder im Hier und Jetzt zu landen und fröhlich den Tag zu beginnen.

Das Sommerfest wurde ein Erfolg. Viele Eltern mit ihren Kindern waren gekommen, und bei Spiel und Spass, bei Essen und Trinken schien die Fremdheit zu schmelzen, wie Schnee in der Frühlingssonne. Müde und glücklich war Diana zum Schluss von Joschi zu Bett gebracht worden. Da hatte sie schon geschlafen.

Diana ging also wieder in den Kindergarten. Kleine Kinder sind seltsame Wesen. Sieht man davon ab, sie in die Kategorien der Erwachsenenwelt pressen zu wollen und betrachtet sie mit unvoreingenommenen Augen, dann erscheinen sie als eigenartig vollkommene Persönlichkeiten, vom ersten Augenblick ihres Erscheinens in der Menschenwelt an, bis, na ja, sagen wir, bis zum Eintritt der Pubertät. In dieser, sowohl notwendigen, als aber auch unglücklichen Phase wirken sie dann manchmal, wie in einem dieser Zerrspiegel betrachtet, die oft Arme, Beine und Nasen ins Groteske verlängern und fühlen sich wahrscheinlich auch so. Aber bis dahin sind sie vielleicht noch nicht so ganz abgetrennt von der Erinnerung an ihre ursprüngliche Herkunft. Das bewirkt, dass man, hat man die Augen dafür, noch manchmal die andere Welt durch sie hindurchscheinen sieht, wie durch dünnes Papier. Auch unsere Diana war ein solch transparentes Wesen. Oftmals betrachteten wir sie, wenn sie schlief. Dann schienen ihre entspannten Züge von innen heraus zu leuchten vor Lebendigkeit, und jeder konnte sehen, dass ihr inneres und ihr äusseres Wesen in vollkommener Übereinstimmung waren: Unschuld nannte man das wohl. Bis jetzt war es so gewesen.

Um so verwunderlicher war es für uns alle, dass sie anscheinend einem unausgesprochenen Befehl Folge leistete, seit sie wieder in den Kindergarten ging. Der lautete: "verbirg dein wahres Wesen vor Anderen!" Sie musste unsere Befürchtungen in dieser Richtung mit feinen Antennen aufgefangen haben, wie viele Kinder das tun und schützte damit sich und uns vor der Ausgrenzung. Sie hatte ihre Unschuld verloren. Der Schmerz darüber zog mir förmlich das Herz zusammen, als ich dessen gewärtig wurde. Aber es ermöglichte ihr und uns ein angemessen normales Leben in dieser Umwelt, an diesem Ort, der uns zu sich geholt hatte und den wir zu behüten hatten.

.......Jahre später.......Myriam war letztendlich zu einer anerkannten Therapeutin geworden. Sie hatte gelernt, bewusst die Ebenen zu wechseln, das war ein bedeutender Fortschritt für ihre Arbeit gewesen. Zusammen mit einem feinen Einfühlungsvermögen und der wirklichen Zuneigung zu den ihr anvertrauten Menschen hatte ihr das schliesslich den beruflichen Durchbruch verschafft.

Sie hatte einen Lehrauftrag in Wien erhalten, war dadurch an zwei Tagen der Woche nicht bei uns. Joschi schrieb an seiner Dissertation. Georg und ich entlasteten ihn in der Landwirtschaft, wir waren schon fast richtige Bauern geworden. Georgs Stirne war, seit wir hier angekommen waren, Jahr um Jahr etwas höher geworden, was ihm ein sehr bedeutsames Aussehen verlieh. Er wurde, auch äusserlich, seinem Vorbild Merlin immer ähnlicher; vorausgesetzt, man stellte sich den alten Magier mit einem gemütlichen Bäuchlein vor. Um meine Augen zeichneten sich ein paar Fältchen mehr ab, zum Lesen brauchte ich eine Brille, und die grauen Strähnen in meinem roten Haar waren in den letzten Jahren deutlicher sichtbar geworden. Georg war davon entzückt. Man mochte glauben, er könne es nicht erwarten, eine alte Frau an seiner Seite zu haben. Meine Anlage zur Molligkeit hielt ich durch Diät im Zaum. Ich wollte nicht zur fülligen Matrone werden.

Die Tage des Hochsommers waren angebrochen. Das Jahr hatte nicht ganz dem entsprochen, was es zuletzt verheissen hatte. Einem warmen und trockenen Juni waren ein Juli und August gefolgt, die Gummistiefel zum Objekt allergrösster Wichtigkeit hatten werden lassen. Die Erdäpfel drohten in der Erde des Ackers zu verfaulen, oder aber, und das war gleich schlimm, von Pilzkrankheiten verdorben zu werden. Die erste Heuernte war eingefahren, nicht ohne im letzten Moment einen Regenguss abbekommen zu haben.

Ob wohl das Sommergetreide wirklich zur Reife käme? Der Hafer hatte erst spät gesät werden können, da der Schnee so spät weggetaut war; auch um ihn fürchteten wir. Die Schweine blieben von diesen Sorgen unberührt. Mit Wonne wühlten sie im Boden ihres Geheges oder suchten ihr Lieblingsgrünfutter, den Giersch (Aegopodium podagraria) auf der Weide. An ihm bestand kein Mangel. Die Herde der Schafe und Ziegen war ziemlich angewachsen, schon wieder machten Zicklein ihre erheiternden Luftsprünge oder übten sich in der sportlichen Disziplin der Bockstösse. Das Wetter jedenfalls war das häufigste Gesprächsthema im Ort. Das war nicht weiter verwunderlich, ist doch das Fortkommen einer Bauernwirtschaft ganz eng an gute Wetterverhältnisse gebunden. Mit dem Wetter steht oder fällt ein ganzer Jahresertrag, und das hat schon manchen Bauern schaudernd in den gähnenden Schlund des drohenden Ruins blicken lassen. Aber, so weit war es noch nicht! Noch konnte auf einen heissen August und einen warmen September gehofft werden.

Diana hatte im Mai dieses Jahres ihren neunten Geburtstag gefeiert. Sie war zu einem feingliedrigen Mädchen mit dunklen, dichten Haaren herangewachsen, ein Wachstumsschub hatte ihre, ohnehin dünnen Beine in lange, staksige Gebilde verwandelt. Aus allen Hosen und Pullis war sie in kurzer Zeit herausgewachsen wie eine Bohnenranke aus dem Saatbett. Die Volksschulzeit ging langsam ihrem Ende zu. Ein Jahr noch, dann sollte sie auf ein Musisches Gymnasium in der nächsten grösseren Stadt gehen. Sie war eine sehr gute Schülerin in allen musischen Fächern, ausserdem in Sprachen. Den Realien war sie weniger zugewandt, ein grossmütterlich, - mütterliches Erbe. Natürlich galt sie in ihrer Klasse als Träumerin, war aber trotzdem beliebt unter ihren Kollegen, da sie es meisterlich gelernt hatte, die andere Seite ihres Wesens zu verstecken. Nur in der Kunst, da liess sie zu, dass es hervortrat. Ihre Arbeiten waren erfüllt von Fabelwesen, ein wahrer Strom aus Feen, Elfen, Gnomen und auch jener kleinen Wesen mit der eigenartig zarten Gestalt und den grossen Augen, ergoss sich über ihre Zeichnungen. Hier aber waren diese Dinge erlaubt, galten nicht als sonderbar, vorerst noch nicht.....Ihre Arbeiten strahlten aber auch eine eigenartige Faszination auf die meisten Betrachter aus. Irgendwie schienen sie nicht allein der Phantasie entsprungen, nein, sie wirkten wie Momentaufnahmen, Schnappschüsse einer verborgenen Wirklichkeit. Das waren sie auch, das musste aber keiner wissen....

Ausserdem sang sie sehr gerne. Darüber waren wir nicht verwundert, was mich aber staunen machte, war etwas Anderes.

Ich war eben damit beschäftigt, die trocknenden Kräuterbüschel auf dem Dachboden durchzusehen, damit keines schimmlig würde oder gar faulte. Der feuchte Sommer liess mich da Einiges befürchten. Mittlerweile hatten wir den Dachboden so weit hergerichtet, dass er sich für diese Zwecke gut eignete. Wie liebte ich den feinen ,würzigen Duft hier oben, in meinem Reich! Da waren die Hauptthemen der kräuterlichen Symphonie: der frische Duft der verschiedenen Minzen. Sie wurden strukturiert durch den Takt von Schafgarbe, Salbei und Thymian und abgerundet vom Fein- süsslichen Duft der Kamille und der Zitronenverbene. Unterschwellig konnte man noch eine zarte Melissennote und einige andere, eher der Untermalung des Ganzen dienende, unaufdringliche Gerüche wahrnehmen, die Essenz eines ganzen Sommers. Durch die runde Öffnung an der Stirnwand des Hauses hörte ich das Blöken der Schafe, die eben in den Stall getrieben wurden. Es vermischte sich mit dem variationsreichen Lied einer Amsel, die offenbar auf dem Giebel unseres Hauses sass und dem kommenden Regen entgegensang. Eine erdige, breite Zufriedenheit erfüllte mich, und ich gab mich mit geschlossenen Augen dieser Empfindung hin. Daher brauchte ich einige Zeit, um aus der Vielzahl dieser Sinneseindrücke die Laute herauszufiltern, die fremd hier waren, unvertraut. Jemand sang. Es musste im Haus sein, denn es klang gedämpft. Deshalb konnte ich die Worte des Liedes nicht verstehen. Neugierig geworden, stieg ich die steile Holztreppe, die ins Vorhaus führte, leise hinunter. Der Gesang war jetzt deutlich zu hören, klar und rein klangen die Töne einer mir unbekannten, weichen Melodie an mein Ohr. Die Worte waren mir immer noch unverständlich.

Diese Sprache kannte ich nicht. Leise öffnete ich die Türe zur Stube und sah hinein. Da sass Diana, über eine Aquarellmalerei gebeugt und sang selbstvergessen vor sich hin, sie bemerkte mein Eintreten nicht. So konnte ich sie beobachten und ihrem Lied lauschen. Dann, als hätte sie meine Blicke gespürt, sah sie auf, lächelte mir strahlend zu und unterbrach ihren Gesang. "Anna, ich hab dich gar nicht gehört," sagte sie, wie entschuldigend. "Was hast du denn da gesungen, Diana? Dieses Lied habe ich noch nie von dir gehört. Welche Sprache war denn das?" Nun zeichnete sich leichte Verlegenheit in ihren Zügen ab. und wie entschuldigend sagte sie: "Es ist Lumani, ich singe manchmal in dieser Sprache, wenn mich niemand hört." Leider hatte dieses Verbergen eines wesentlichen Teiles ihrer Selbst vor der Umwelt zu Folge gehabt, dass sie auch ihrer Familie gegenüber damit zurückhielt. Sie schien sich uns angleichen zu wollen, vermied es, damit aufzufallen, weil sie das Unbehagen genau spüren konnte, das sie ihren Eltern damit bereitete. Dass sie sich aber jetzt anscheinend auch vor mir zurückzog, schmerzte und beunruhigte mich. Ich war es doch gewesen, die sie immer wieder dazu aufgefordert hatte, über ihre Freunde zu erzählen, zu malen, was nur sie sehen konnte und mir beim Kräutersammeln zu helfen. Durch sie hatte ich auch schon gelernt, manchmal das Lebenslicht um die Pflanzen wahrzunehmen .

Ihre Malerei war anders heute. Das Motiv war ungewöhnlich. Es zeigte eine Art unregelmässiges Gewölbe, nicht aus Steinen erbaut, sondern aus durchscheinendem Material, lichtdurchflutet, aber ohne sichtbare Lichtquelle. Ihre Maltechnik hatte sich in den letzten Jahren zusehends verbessert. Es war abzusehen, dass ihre Werke sehr bald hohen Ansprüchen genügen würden, vorausgesetzt, sie entwickelte sich in dem Tempo weiter. Sie sah mich erwartungsvoll an, erwartete eine Bemerkung über ihr neuestes Werk. "Was ist das, Kind, was stellt das dar?" fragte ich und erwartete eine Antwort wie etwa: 'eine Feenburg' oder 'ein Märchenschloss' oder etwas in dieser Richtung, schliesslich war sie ein Kind von neun Jahren, dass vergass man leicht bei ihr. Deshalb überraschte mich die Antwort, die ich jetzt bekam. Ein direkt körperlich fühlbarer Schreck durchzuckte mich, als sie zur Antwort gab: "Das ist die Höhle im Berg, sie liegt hinter unserer Erdhöhle. Meine Freunde wohnen dort." Erschreckt und ungläubig sah ich sie an. Wir hatten bisher vermieden, sie in die Erdhöhle mitzunehmen.

Myriam fürchtete, sie könne das traurige Schicksal ihrer Vorgängerin auf irgendeine Weise wiederholen und hatte mir deshalb streng verboten, dieses Gewölbe auch nur zu erwähnen in ihrer Gegenwart - und nun das!........"Du weisst von der Höhle?!.....Wie hast du davon erfahren?" Diana schien amüsiert über meine entgeisterte Miene. "Ich war dort, schon oft, und dahinter war ich auch, und da ist diese Höhle, dahinter, den Gang weiter, weisst du."

Ihre kindliche Ernsthaftigkeit sprach der vollkommenen Absurdität dieser Behauptung Hohn. Aber, wäre es mir nicht auch ähnlich absurd erschienen, hätte mir vor zehn Jahren jemand klar zu machen versucht, unter unserem Haus befände sich eine Höhle und ein geheimer Gang? "Diana, sag mir, könnte ich auch in diese Höhle gehen, oder deine Mutter oder irgend ein anderer Mensch ausser dir?" "Jetzt noch nicht," erklärte sie nach einem Moment des Nachdenkens. "Aha, und warum noch nicht?" "Na, weil der Gang doch aufhört." Sie verlor jetzt langsam das Interesse an dieser Unterhaltung, ihr angefangenes Bild schien ihr mehr zu bedeuten. Meines aber war entfacht, ich spürte, dass da etwas war, etwas, das mir Dianas Wesen besser verstehen helfen würde und die Türe wieder öffnen könnte, die sich drohte, zwischen uns zu schliessen. Deshalb durfte ich die Sache jetzt nicht auf sich beruhen lassen, das wusste ich. Und es war mir, als hörte ich ganz leise die Stimme von Nimue, meiner geliebten Lehrerin: "Es ist Zeit, Kind, tu deine Arbeit!" Ich spürte, wie sich etwas Anderes, Grösseres, über meine grossmütterliche Persönlichkeit legte und so nun, mit der Autorität der Hohepriesterin, sprach ich zu der Diana, die jetzt hinter ihrer kindlichen Person hervortrat und mir antwortete. "Sage mir, was bedeuten die Worte deines Liedes, und was verbirgt sich noch im Inneren des Berges, sprich zu mir, Diana, es ist wichtig!" Diana hob den Kopf und sah mich mit sich weitenden Augen an. Kein Zweifel, sie erkannte, wen sie da vor sich sah. Und sie, die doch so viel mehr Fähigkeiten besass als ich, sie, die Erste einer neuen Art, beugte sich der Macht der Alten Götter, die ich in diesem Augenblick verkörperte. Diese Erkenntnis nahm mir fast den Atem. "Die Worte sind in den Linien der Zeichnung eingeschrieben, ja, die Linien sind die Worte. Und indem ich die Linien aus meinem Inneren heraus male, werden die Worte in mir lebendig, auch die Melodie. Man kann sie nicht übersetzen, weil diese Sprache ganz andere Begriffe benützt als die Unsere. Sie hat Worte für alles, was die heutigen Menschen aus ihrer Wirklichkeit verdrängt haben. Die Melodie dazu gibt die feineren Bedeutungen wieder, zum Beispiel, wenn wir sagen: ein Blatt, dann weiss niemand, ob es ein lebendes, ein sterbendes oder ein vor Lebendigkeit leuchtendes Blatt ist. Das wird durch die Melodie ausgedrückt, verstehst du mich? Das Ganze ist stark vereinfacht, aber unsere Begriffe sind eben vereinfachend, leider. Sie können nicht das Alles ausdrücken, was Lumani sagen kann." Sie hielt kurz inne, um sich zu sammeln, dann sprach sie weiter: "Meine Freunde haben mich in meinem Geistkörper ins Innere dieses Berges geführt. Es ist, wie soll ich es sagen, ja, es liegt hinter deiner Höhle, so wie sich die Wahrheit hinter den sichtbaren Dingen verbirgt. Sie ist da und auch wieder nicht. Du kannst sie nur in deinem Geistkörper aufsuchen. Sie gehört einer feineren Ebene als der physischen an. Würdest du versuchen, den Gang mit der Spitzhacke zu erweitern, fändest du nur Steine und Erde. Dort wohnen meine Freunde. Sie sind nur Besucher in unserer Welt, aber sie lehren mich, und sie sind die Einzigen, die meine andere Seite ganz verstehen. Und so habe ich eine Familie und Freunde auf dieser Seite der Realität und auch auf der anderen. Du bist ein Wanderer, du besuchst die eine wie auch die andere Seite, deshalb verstehst du mich und glaubst mir, obwohl du nicht sehen kannst, was ich sehe. Ich bin ein neuer Trieb an einem sterbenden Baum, welcher, im Inneren morsch, bald fallen wird. Er wird mich aber aus seiner zerfallenden Substanz nähren, auf dass ich wieder Samen tragen und das Leben weitergeben kann, mit dem Segen der Mächtigen. So sei es!"

Gleich darauf wurde aus Diana wieder das kleine Mädchen, das sich ein wenig verwirrt umsah und sich dann, fast übergangslos, wieder seiner Malerei widmete. Sie hatte ganz offensichtlich keinerlei Erinnerung an die Worte, die sie eben noch zu mir gesagt hatte. Auch ich war wieder als diejenige zurückgeblieben, die ich normalerweise war, Anna, Dianas Grossmutter.

Doch etwas war anders diesmal. Bisher hatte es mir niemals etwas ausgemacht, die Ebenen zu wechseln, nein, leichtfüssig wie ein junges Reh war ich immer über den Zaun hin - und herüber gesprungen, hatte mich den ganz verschiedenen Bedingungen der Hier - und Anderswelt flexibel anpassen können. Heute, zum ersten Mal spürte ich eine leichte Übelkeit, verbunden mit Kopfschmerzen. Nun ja, ich war nicht mehr die Jüngste, vielleicht reagierte ich auf den Wetterumschwung; es hatte wieder begonnen zu regnen nach ein paar trockenen Tagen.

"Anna, aufstehen, es ist heute schon halb neun, du Schlafmütze!" Georgs muntere Stimme drang durch die Ausläufer irgendeines letzten, verwehenden Traumes in mein Bewusstsein. Nun ja, er war immer noch ein Morgenmensch, das würde sich nicht mehr ändern. Aber ich? Ich war doch sonst nicht eine derartige Langschläferin, besonders nicht, seit ich etwas älter war! Aber ich konnte in mir nicht den leisesten Anstoss zum Aufstehen finden. Am liebsten hätte ich mich wieder umgedreht und weiter geschlafen.

"Anna, was ist los, fühlst du dich nicht wohl?" Besorgnis schwang in Georgs Frage mit. "Ich weiss nicht," antwortete ich unsicher, "ich fühle mich so eigenartig müde, so richtig bleiern, das ist komisch, aber selbst das Sprechen scheint mir zu viel zu sein." Georg fühlte meine Temperatur mit seiner Handfläche und schüttelte dann den Kopf: "Jedenfalls, Fieber hast du keines," stellte er, schon etwas beruhigter jetzt, fest. "Na komm, ich hab schon Frühstück gemacht, steh einmal auf, dann fühlst du dich vielleicht gleich besser. Du solltest einmal deinen Blutdruck messen lassen, vielleicht ist das die Ursache." Ich beschloss, das wirklich bald zu tun und stand auf. Und tatsächlich, im Laufe des Vormittags verschwand alles wie ein flüchtiger, nächtlicher Schatten.

Bald darauf, die Ernte war in vollem Gange, und ich stand auf dem Anhänger des Traktors, um die Strohballen aufzuschlichten, erhielt ich die nächste Warnung. Eine Welle von Übelkeit und Schwindel erfasste mich und drohte, mich vom Hänger zu stürzen. Ich konnte nur noch mit den Armen rudern, dann sank ich benebelt auf die Strohballen nieder.

Der Arzt wurde gerufen. Er konnte nichts feststellen und überwies mich ins Spital. Nach einigen Untersuchungen fühlte ich mich schon wieder besser und wollte unbedingt nach Hause. Ich rief Georg an, er solle mich heimholen. An seiner bekümmerten Miene konnte ich sehen, dass etwas nicht stimmte, "Was ist los mit mir, kann ich nach Hause?" fragte ich möglichst unverfänglich. Doch er schüttelte ernst den Kopf "Sie müssen noch einige Tests machen, es gibt da noch Unklarheiten...." "Georg, du weisst etwas, was ich nicht weiss, stimmt's?" Und als er nicht antwortete: "Es ist also ernst. Wie ernst, oder glaubst du etwa, wenn du es nicht aussprichst, ist es nicht da?" Wieder eine endlos scheinende Pause. Er setzt sich auf mein Bett, nimmt meine Hand in die Seine und sieht mich lange, zärtlich und traurig an; und mir ist, als wären wir wieder in dem Vorstadtcafe, damals vor unendlich langer Zeit, als er mich gebeten hatte, seine Frau zu werden. "Oh, ich liebe dich so, ich wollte keinen Tag mit dir missen! Es war eine so unsagbar schöne Zeit mit dir!" drängt es mich zu sagen. Er nimmt mich zärtlich in die Arme und flüstert in mein Ohr: "Meine Anna, meine Einzige, meine Geliebte, du hast mich so glücklich gemacht!" Jetzt bin ich bereit für die Wahrheit. "Es ist etwas nicht in Ordnung mit deinem Blut," beginnt er. Da weiss ich, was nun kommen wird. Mein Vater, dessen Bruder und auch sein Neffe, mein Cousin waren an dieser Krankheit gestorben, von der ich geglaubt hatte, dass sie in unserer Familie nur bei Männern zum Ausbruch käme. "Leukämie?" frage ich leise und scheue mich fast, das Ungeheuer beim Namen zu nennen, wie, um es nicht dadurch erst ins Leben zu rufen. " Sie sind sich noch nicht ganz sicher, sie sagen, einige Tests......aber man kann heute schon..." Ich lege ihm die Hand auf den Mund. "Sssch, still...." Ich muss mich etwas bedenken, dann sage ich, laut und bestimmt: "Ich möchte diesen ganzen Medizinzirkus nicht mitmachen. Bitte, nimm mich mit nach Hause. Ich will die Zeit, die mir noch vergönnt ist, bei euch sein, daheim, bis ich endgültig heimkehre, nach Ynys Vytrin, meiner Heimat!"

Und da ist er wieder, mein Georg, mein Harfenspieler, er reagiert so, wie ich es von ihm erwartet habe. Kein Wort des Widerspruchs, kein Abwiegeln oder Verharmlosen, keine verschleiernden Phrasen. Seine Antwort ist: "So soll es sein, Morgan von Avalon, sei gesegnet!"

So geschieht es auch, gegen den Willen der Ärzte, die mich zu einer Behandlung bewegen wollen; Chemotherapie, vielleicht auch Knochenmarksspende. Es ist nicht leicht für mich, ihnen meine Beweggründe verständlich zu machen, aber ich bin schliesslich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und kann selbst entscheiden.

Daheim ist eine seltsam gedämpfte Stimmung ausgebrochen. Die Hofbewohner, Myriams Klienten, haben schliesslich von meiner Krankheit erfahren, aber sie brauchen alle ihre Kräfte, um gegen ihre eigenen Monster zu kämpfen. Und trotzdem erhalte ich von ihnen so viel an emotionaler Zuwendung, als hätten sie unerschöpfliche Reserven. Meine Familie, im Gegensatz dazu, versucht, so unbefangen wie nur möglich mit mir zu verkehren. Keiner spricht je meine Krankheit an, oder zeigt offen seine Gefühle. Mit der Zeit wächst dadurch ein fast unüberwindlicher Wall aus aufgestauten Empfindungen um mich herum, die nie ausgedrückt, verhärten und mich gleichsam einmauern, ausschliessen aus der warmen Geborgenheit der Lebenden. Und obwohl körperlich noch am Leben, fühle ich mich eigentlich schon tot. Hier, auf meiner Lebensinsel, meinem ganz persönlichen Avalon , wo die vom Leben Verwundeten Heilung finden können, sterbe ich langsam und leise einen vorzeitigen Tod, welcher grausame Anachronismus! Ich fühle mich auf einmal zurückversetzt in die Zeit vor zehn Jahren, als mich auf der Fahrt zur Arbeit der Blitz der Erkenntnis getroffen hatte, dass ich, obwohl lebend, schon fast zu den Abgeschiedenen gehörte. "Ein Gespenst unter Gespenstern", so fühlte ich mich damals, und das bin ich auch heute wieder. Sollte mein Leben so enden? Und alles, was dazwischen geschehen war, wurde es dadurch nicht zur lächerlichen Farce, einem grausamen, höhnischen Scherz? Ich fürchtete mich nicht vor dem Tod, ich wusste, dass er ein Übergang ist; dieser Tod aber war nicht der, den ich sterben wollte.....Ausserdem war ich noch nicht bereit, ich glaubte zu fühlen, dass ich im Fluss des Lebens, dessen Strömung natürlicherweise in den Tod mündete, noch nicht an dieser Mündung angelangt sei. War meine Aufgabe in diesem Leben schon erfüllt, und konnte ich, im Einverständnis mit den Zyklen der Natur sagen: "Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr gross...." Wieder einmal, wie damals, am Beginn meiner Reise in dieses neue Leben: so viele Fragen! Und leise zuerst, fast unmerklich, dann immer mächtiger, drängender stieg die Antwort in mir hoch, schaffte sich Raum und artikulierte sich endlich in einem Schrei, der das stille Haus erfüllte und weit über die engen Grenzen meines Ich bis dorthin drang, wo er endlich gehört wurde: im Zentrum meines Selbst, meiner inneren Mitte. Dort, wo alle Dinge Eins sind, wo alles Leben seinen Ausgang nimmt, löste dieser Schrei die Bande der Erstarrung, und das Leben begann sich wieder kräftig in mir zu regen. "Neeeeeeiiiiiinnnnnn!!!!!

"Anna, was ist los, um Gottes Willen, hast du Schmerzen?" Das besorgte Gesicht meines Mannes erschien in der Türöffnung. In den letzten Tagen waren schmerzhafte Geschwülste in meinen Achselhöhlen und Leisten aufgetreten. "Georg, bitte, setz dich zu mir, ich muss etwas Wichtiges mit dir besprechen!" bat ich mit überzeugender Dringlichkeit in der Stimme. Gleich darauf erschienen Myriam und Joschi, sie waren zum Abendessen bei uns gewesen. Ihre Mienen drückten äusserste Beunruhigung aus. Zuletzt kam Diana. Sie kletterte auf mein Bett, strich mir mit einer behutsamen Geste über die Stirn und lächelte mich aufmunternd an. "Weisst du, dass dein Licht heute heller leuchtet als gestern, Anna?" versicherte sie mir mit kindlicher Ernsthaftigkeit.

"Familienrat, meine Lieben," bestimmte ich autoritär, "setzt euch bitte, zu mir her und hört mir zu!" Da wir ein Hochbett hatten, war diese Aufforderung nicht leicht zu erfüllen. Alle kletterten also zu mir herauf, und ich fürchtete, dass die Konstruktion des Bettes dieser Belastung nicht gewachsen wäre, doch siehe da, sie hielt. Unsicher und betreten sahen die Kinder an mir vorbei. Sie erwarteten wohl meine letzten Worte!

"Meine Lieben" begann ich mit angemessenem Ernst. Ihre Mienen wurden noch um eine Schattierung verlegener. "Ich kann und will so nicht mehr weitermachen. Ihr haltet mit euren Gefühlen vor mir und auch untereinander zurück. Ich verstehe schon, ihr wollt stark sein, wollt euch gegenseitig stützen, ausserdem fürchtet ihr, mich damit zu belasten. So ist das aber nicht, denn so erfriere ich innerlich; bitte, lasst mich leben, solange ich noch nicht tot bin! Lassen wir doch dieses unnötige Theater, und zeigen wir uns gegenseitig unsere Gefühle, auch, wenn sie nicht immer nur sanft und lieb sind, auch, wenn wir einander vielleicht wehtun damit. Alles ist besser als dies hier, diese Kälte, diese Starre!"

Solche letzten Worte hatten sie nicht erwartet. Betroffenes Schweigen erfüllte den Raum. Dann, nach einer langen Pause, sagte meine Tochter unsicher: "Du solltest vielleicht doch medizinische Hilfe annehmen." "Ich weiss, dass es schwer ist für euch, meinen Entschluss zu verstehen. Ich habe das langsame Sterben meines Vaters miterlebt. Er hatte medizinische Versorgung, von Chemotherapie bis Knochenmarksspende. Dies Alles war sehr qualvoll für ihn und minderte die Qualität des ihm verbleibenden Lebens erheblich. Es verlängerte letzten Endes nur sein Sterben. Ich will das nicht, und ich stehe zu meiner Entscheidung. Darüber brauchen wir nicht mehr zu sprechen. "Ermüdet durch diese Rede lehnte ich mich in die Kissen zurück. Ich konnte sehen, wie meine Tochter versuchte, eine starke Regung zu unterdrücken, die sich aber nun doch durch ihre eisern auferlegte Zurückhaltung Bahn brach. Zuerst war Vorwurf in ihrer Stimme, dann verzweifelter Zorn, zuletzt nur mehr kindlich haltloses Schluchzen, als sie mir antwortete: "Du verlangst uns Einiges ab, Mutter. Weisst du, wie furchtbar es für mich ist, wenn ich jeden Tag zusehen muss, wie du immer schwächer wirst? Du musst einfach irgendwas tun, vielleicht kann man ja doch noch was machen! Die Medizin ist doch seither sehr viel weiter fortgeschritten. Du bist es uns einfach schuldig, wir brauchen dich, ich brauche dich noch und ganz besonders Diana! Hast du daran eigentlich schon gedacht? Wir wollen nicht,.... ich will nicht, dass du schon stirbst, Mama! Mama, bleib bei mir, bitte, bleib doch noch bei uns!"

Endlich konnte ich mein weinendes Kind in die Arme nehmen, ihm tröstend über den Kopf streichen, es festhalten, und seine Tränen liessen die frostige Todeszone um mich herum schmelzen, bis wir einander wieder nahe waren und uns gegenseitig als lebendige, warme und fühlende Wesen spüren konnten. Georg hielt mich von hinten umfasst mich wie ein Ertrinkender, und seine Tränen flossen in meinen Halsausschnitt. Auch Joschi weinte, eher still, wie es seinem ruhigen Wesen entsprach. Diana lag an meine Beine gekuschelt, ihren Kopf in meinem Schoss. Von da blickte sie mit grossen, rätselhaft, glänzenden Augen zu mir auf. Die Katze war auch da, sie war überall, wo Diana war. Laut schnurrend, lag sie eingerollt, ganz eng an sie geschmiegt. "Ach, ich liebe euch so sehr! Es ist so schön, bei euch zu sein, meine liebe, meine geliebte Familie! Ich bin so dankbar für euch! Ihr habt mir heute das Leben neu geschenkt, wie lange es auch immer dauern mag!"

Langsam verebbte das Schluchzen, wurde weich, und eine pulsierende Wärme begann sich zwischen uns auszubreiten. Sie verband uns, würde uns immer verbinden, denn nichts verging je wirklich, besonders nicht die Liebe.

Und noch etwas musste ich unbedingt meiner Familie sagen, auch wenn alle jetzt sichtlich erschöpft waren durch diese Katharsis.

"Hört zu, ich habe einen Entschluss gefasst. Ich will zwar keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, das bedeutet aber nicht, dass ich so einfach aufgebe. Ihr habt mir heute den Willen und die Kraft geschenkt, zu kämpfen gegen dieses Leiden, und ich glaube jetzt nicht mehr, dass meine Zeit schon abgelaufen ist, noch nicht. Dieser Ort ist ein Ort der Heilung, und Heilung werde auch ich hier finden, das weiss ich jetzt. Dianas Kräfte sind noch zu schwach, wir dürfen sie auf keinen Fall überfordern.

Aber alle zusammen, ihr, ich selbst, unsere Freunde aus Wien; mit euch zusammen könnte ich es schaffen!" Mit unseren Covengeschwistern waren wir immer in Verbindung gewesen, der Kreis war niemals gebrochen worden. So wussten natürlich alle von meiner Erkrankung und nahmen auch lebhaft Anteil daran. Seit unserem Weggehen aus Wien vor zehn Jahren hatte sich natürlich Einiges geändert. Manche hatten sich abgelöst, zum Beispiel Beate und Stefan. Helga hatte geheiratet. Ihr Mann hatte nie Interesse an diesen Dingen entwickelt, so war auch sie eines Tages weggeblieben. Dafür waren Alfreds Frau Lisa und seine älteste Tochter Nana dazugekommen. Alles ist eben im Fluss, nichts bleibt immer gleich, auch, wenn wir uns das manchmal wünschen, töricht, wie wir Menschen eben oftmals sind.

Eine Heilungszeremonie wollte ich, in unserer Höhle sollte sie stattfinden, und erstmals sollte auch Diana an einem derartigen Ritual teilnehmen.

Aus weichen Fellen war ein Lager für mich auf dem Erdboden hergerichtet worden. Dort lag ich, zugedeckt mit einer warmen Felldecke, inmitten des Kreises meiner Familie und meiner Freunde und fühlte mich reich, unendlich reich und beschenkt durch ihre Zuwendung. Einige Kerzen spendeten warmes, flackerndes Licht, und tanzende Schatten zuckten an den Höhlenwänden. Es war still um mich und auch in mir.

Alle schwiegen. Sie sammelten ihre inneren Kräfte, wandelten sie um in gleissendes Licht, liessen es ihre Körper durchdringen, luden sich gleichsam damit auf, bis es ihre Körpergrenzen durchdrang, sich mit dem der Anderen vereinigte und die Höhle erfüllte mit der unerschöpflichen Kraft des Lebens. Deutlich konnte ich das Prickeln auf meiner Haut spüren, es war wie Schwimmen in kaltem, kristallklaren Wasser. Nun begann die Reise ins Reich jenseits der Erscheinungen, dorthin, wo die Seele aus dem tiefen Brunnen des Lebens trinken kann, wo sie findet, was ihr zur Heilwerdung fehlt. Meine Freunde waren meine Reisegefährten, sollten mir bei meiner Suche helfen und mir ihre Kraft leihen. Margot begann, eine Rahmentrommel zu schlagen; gleichmässig und monoton führten die Trommelschläge mich in einen dunklen Tunnel, tiefer, immer tiefer wie in einen unergründlichen Schacht. Jeder Schlag geleitete uns weiter hinaus aus der Welt des Tages, hinein in das Land der Seele, dorthin, wo die Gesetze nicht mehr gelten, die zwischen Unten und Oben, Hier oder Da, Gut und Böse, Ich oder Du unterscheiden.

Dies Alles gab es hier nicht. Es gab nichts, überhaupt nichts, nur Dunkelheit. Dann spürte ich etwas um meine Beine streichen, knisterndes Fell, das elektrische Funken sprühte: die Katze! Sie war mir wohl gefolgt. Was konnte sie hier nur wollen, in dieser undurchdringlichen Dunkelheit? Es war tröstlich für mich, ihre Wärme an meinem Körper zu fühlen, ich hielt sie eng an mich gedrückt. Da, das Dunkel lichtete sich, und ich wusste mit der eigenartigen Sicherheit der Träume, dass meine Freude über die Katze die Ursache für das Hellerwerden gewesen war. Jetzt konnte ich erkennen, wo ich mich befand: es war der Gang unter unserem Haus. Nie hatte ich ihn so lang und dunkel erlebt! Und dann passierte etwas Unglaubliches. Ich begann mit einem Mal, mich zu erheben, ich schwebte höher und höher, (wie, dieser Gang war doch gar nicht so hoch?). Dieser Gedanke liess mich gleich wieder etwas tiefer sinken. Unter mir lag etwas, nein jemand, ganz und gar bewegungslos, starr und wie tot. Oh Göttin, das war ich! Oh, nein, das war doch nicht möglich!........Ich war doch hier, hier oben!........ Etwas wie eine Schnur, eine hell leuchtende Schnur verband "mich" hier oben mit "mir" dort unten. Ich hatte keine Zeit, lange über dieses erstaunliche Phänomen nachzusinnen, denn die Katze begann nun, dem Gang folgend, weiter in den Berg hineinzulaufen (wie nur, er endete doch hier?) und verschwand langsam durch die Wand. Wenn ich ihr folgen wollte, und ich wusste irgendwie, dass ich das sollte, musste ich ihr nachgehen.....gehen? Ich lag auf dem Rücken in der Luft! Auf irgendeine Weise musste ich versuchen, meine Lage zu ändern, aber wie? Ich erinnerte mich an unzählige Träume vom Fliegen. Da hatte ich mich immer mit Schwimmbewegungen fortbewegt.

Na, also, schon schwamm ich mit ausgreifenden Tempi durch.....die Luft! Das war wohl nicht ganz die adäquate Fortbewegung für dieses Medium, ausserdem würde das sicher relativ unelegant wirken. Eigentlich sollte ich mich doch aufrecht fortbewegen! Kaum hatte ich das gedacht, stand ich auch schon senkrecht. So einfach war das also, ich musste nur etwas denken, und schon geschah es. Würde diese Methode mich auch die Wand durchdringen lassen? Wenn die Katze das konnte, sollte es wohl auch mir möglich sein? Nie und nimmer, Menschen konnten nicht,.....und schon stiess ich gegen feste Erdwände. Meine Zweifel hatten den Durchtritt verhindert. Wie bitte, konnte man sich selbst daran hindern, an etwas zu zweifeln? Das wäre so ähnlich, als wollte man sich befehlen, nicht zu denken. So ging es also nicht. Wie dann? Was hatte ich denn vorher getan, um mich aufrichten zu können? Ja, natürlich, das war es! Ich musste mir vorstellen, es zu tun, mir das Unvorstellbare fest vorstellen! Schon war ich auf der anderen Seite. Mein Traumkörper reagierte auf den leisesten Gedanken. Da war auch die Katze wieder! Gang um Gang öffnete sich vor mir, immer durchscheinender wurden die Wände, und ich schwebte durch alle hindurch, als wären sie nicht vorhanden. Die Katze führte mich weiter in den Berg hinein, dessen gläserne Wände nun auseinanderwichen und sich zu einem Saal mit riesigen Ausmassen erweiterten. Durchscheinende, lichtdurchflutete Gewölbe verloren sich in schwindelnde Höhen, gegliedert durch gläserne Kreuzrippen, die auf runden Säulen von vollkommener Glätte ruhten. Überall war dieses goldene Licht, dessen Quelle ich nirgends finden konnte. Seltsam bekannt wirkte dies Alles auf mich, und dennoch ganz unvertraut. Und dann wusste ich mit einem Mal, wo ich war: Dianas Zeichnung hatte diese Gewölbe gezeigt!

Die tiefe Stille von vorher war plötzlich mit wispernden Stimmen erfüllt, nicht meinen Ohren vernehmbar, sondern innen, irgendwo in meinem Kopf .Dann konnte ich auch Gestalten erkennen. Aber gleich den Stimmen waren auch sie körperlos, schattenhaft, durchscheinend wie aus Glas. Es waren kleine, zartgliedrige Wesen, und ihre Augen glänzten mir gross und rätselhaft entgegen. Diese Augen.......ich kannte sie.......es waren...........Dianas Augen! Hatte sie nicht immer wieder, schon seit frühester Kindheit behauptet, ihre Freunde, ja, ihre "andere Familie" lebte hier, hier im Inneren dieses gläsernen Berges? Es stimmte also, und eigentlich hatte ich es immer gewusst, auch wenn ich es nie so wie heute hatte sehen können. Jetzt war ich also hierhergeführt worden und sah mit eigenen Augen, was mir bisher verborgen geblieben war: Hier, in den verborgenen Welten, im Inneren des Glasberges, lebten unsere "älteren Geschwister" immer noch, den physischen Augen unsichtbar, der Zeit der Menschen entrückt, und nahmen Anteil an unserem Geschick. Und ich wusste mit einem Mal, dass unsere Zeit nur ein Schatten an der Oberfläche der Welt ist, hervorgebracht durch das Licht, das aus der Tiefe dringt.

Wäre nur unsere Sprache nicht so beschränkt, so dem Dinglichen verhaftet, und könnte ich nur besser beschreiben, was ich nun erlebte! Doch leider muss meine Erzählung Gestammel bleiben, kann sich nur annähern an das, was mir in weiterer Folge geschah.

Musik erklang. Ich sage Musik, weil ich für das, was ich hörte, kein anderes Wort finde; oh ja, vielleicht könnte man es das Urbild aller Musik nennen, dem alle Klänge unserer Welt entspringen.

Sie war so herzbewegend schön, dass ich glaubte, mich in ihren Tönen auflösen zu müssen. Dann erschien eine Frau, eine Menschenfrau, jung, zartgliedrig und unbeschreiblich schön. Sie schien aus purem Licht zu bestehen, und Licht drang auch aus dem Gefäss, das sie trug. Die Musik schien ebenfalls diesem Gefäss zu entströmen und ein unbeschreiblicher Duft, wie aus allen Blüten dieser Welt komponiert. Hoheitsvoll schritt die Frau durch das Gewölbe auf mich zu. Im Näherkommen glaubte ich, sie schon einmal gesehen zu haben, doch wo und wann, das wusste ich nicht. Dann stand sie vor mir und lächelte mich an, und ich sah in ihre Augen, sie waren mir so seltsam vertraut, so nah. Sie sahen direkt in mein Herz, öffneten die Türen zwischen gestern, heute und morgen, zwischen innen und aussen, hoben alle Gegensätze auf, und ich erkannte in ihnen die Augen Dianas. "Reponse de Joye!" konnte ich nur mehr ergriffen flüstern und "der Heilige Gral!"

Dann fiel ich vor Ehrfurcht auf die Knie. Sie hob mich auf mit einem unsagbar liebevollen Lächeln und erhob dann das Gefäss (es glich der Schale in unserer Höhle aufs Haar) mit beiden Händen. Das Licht, das nun daraus hervordrang, war von einer solch blendenden Helle, dass kein Wort unserer Sprache es beschreiben kann. Sie setzte mir den Gral an die Lippen, und ich trank einen tiefen Schluck von etwas,......... ach, ich finde keine Worte mehr! Wenn man Licht trinken könnte, dann müsste es so schmecken! Kaum hatte ich getrunken, erfüllte mich ein Vibrieren, ein Zittern und Beben; jede Zelle meines Traum- körpers wurde reines Licht, strahlte aus sich heraus, als könne es die Welt erhellen. Ich hörte die Worte in meinem Kopf, gleichzeitig erfüllten sie die Gewölbe: "Ich bin das Licht, ich bin das Leben, ich bin die Liebe; du bist Licht von meinem Licht, Leben von meinem Leben, liebst durch meine Liebe. Trage mich also mit dir, wohin du auch gehst; lebe....leuchte......liebe.....liebe........l i e b e !"

Dann spürte ich einen harten Ruck........und fand mich auf dem Boden der Höhle , in meinen weichen Fellen liegend, wieder. Der Nachhall der Worte erfüllte noch den Raum, in welchem meine Familie und meine Freunde immer noch sassen und mich forschend ansahen. Die Trommel war verstummt. Die Katze lag zusammengerollt auf meinem Bauch und blickte mich aus unergründlichen Katzenaugen an. Diana war auf dem Boden zusammengesunken, ihr Atem ging flach und schnell. Ich wusste, dass sie meine Hilfe brauchte, also erhob ich mich,- meine Beine waren wie weicher Gummi,- und beugte mich über sie. Sie rührte sich nicht. Ach, mein armes Enkelkind, hatte es seine Kräfte verausgabt, um mich zu retten? Das wäre wohl ein schlechter Tausch gewesen! Das durfte einfach nicht sein! Es war jetzt genug Kraft in mir, um sie meiner Enkelin zu schenken, das spürte ich. Langsam und konzentriert liess ich die Energie durch eine bestimmte Stelle im Nacken in ihren zarten Körper einfliessen. Grosse Vorsicht war geboten, man konnte mit solchen gewaltigen Energien einem kindlichen Leib sonst eher schaden als nützen. Ich konnte spüren, wie ein Strom von Kraft aus meinen Händen in den Körper Dianas überwechselte, ihn erfüllte und stärkte, bis er von selbst nachliess und schliesslich versiegte. Sie war jetzt wieder rosig und atmete tief und gleichmässig, wie ich erleichtert feststellte. Aber auch meine Kraft war nicht etwa geschwunden, nein, frisch und erholt fühlte ich mich, wie schon lange nicht mehr seit Beginn meiner Krankheit.

Endlich schlug sie die Augen auf. Noch kurze Zeit waren es die Augen der Gralsjungfrau, die mich ansahen, dann allmählich kehrte das kleine Mädchen wieder zurück, meine kleine Enkelin, die in zukünftiger Gestalt, mir das Leben gerettet hatte.

"Oh, Anna, ich habe geträumt.....ich war.....ich habe.....,." "Ssschh, still Diana, nicht sprechen, ich weiss, mein Kleines, ich weiss alles, du musst jetzt ausruhen, lieg ganz still." Behutsam legte ich sie auf das Fell und deckte sie mit der weichen Pelzdecke zu, gleich darauf war sie eingeschlafen. Doch nun war es der tiefe, gesunde Schlaf eines Kindes, der sie gleichmässig atmen liess und ihre Wangen sanft rötete. Wir beschlossen, Diana hier ein wenig schlafen zu lassen und sie erst später zu Bett zu bringen.

Etwas war anders verlaufen diesmal, die vertrauten Bilder von Tunnel oder Röhre, von Schacht oder Brunnen, die sich bei solchen Reisen gewöhnlich einstellen, waren zwar bei allen aufgetreten, dann aber....Dann war allen, wohin sie ihre Reise auch geführt hatte, eine leuchtende Schale erschienen, hatte sich wie von Geisterhand bewegt, ihnen zugeneigt und alle getränkt mit....ja, womit? Darüber gingen die Erzählungen auseinander. Franz war sicher, den exquisitesten Wein seines Lebens gekostet zu haben (er war Weintrinker), konnte sich aber nicht über Herkunft und Lage klar werden. .. Alfreds Frau Lisa schwor, allerfeinsten Papayasaft getrunken zu haben; Margot versicherte mit Kennermiene, Sekt, Veuve Clicot oder eine andere teure Marke sei es gewesen; Georg schwärmte von diesem wunderbaren Budweiser Bier, er hatte es in dieser Qualität noch nie irgendwo bekommen.

Für Joschi war es einfach das allerbeste Wiener Hochquellenwasser gewesen; Myriam meinte, sie wäre ganz sicher: diesen süssen Met gäbe es irgendwo bei einem Bienenzüchter in der Steiermark und Vera, die Kaffeeschwester, lobte die kostbare Hochlandsorte: "Sehr teuer, kann ich euch sagen; sowas bekommt man nicht so leicht bei uns!" Zuletzt mokierte sich Nana, die Tochter von Alfred und Lisa über die komischen Erwachsenen, die anscheinend nicht einmal in der Lage waren, die neueste Milchshake - Kreation von Mc Donalds zu erkennen. "Vollkommen uncool!" war ihr Kommentar. Ich aber hatte vom Wasser des Lebens selbst trinken dürfen. Es war mir durch die Hand meiner Enkelin gereicht worden, die eine zukünftige Gestalt ihrer selbst ausgesandt hatte, um mir das Leben neu zu schenken. Ich würde leben durch das Licht des Grals, das die Liebe selbst war.

Von diesem Tag an schritt meine Gesundung rasch voran. Ich wurde mit jedem Tag kräftiger, und bald konnte ich meinen gewohnten Tätigkeiten wieder nachgehen. Alles war wieder wie früher und doch,.....doch war es ganz anders. So musste ein neugeborenes Kind wohl die Welt erleben, dachte ich oftmals, wenn mir die vertrauten Dinge in meiner Umwelt völlig neu erschienen. Alles, jeder Grashalm, jedes Blatt, ja, selbst die gemeinhin als unbelebt bezeichneten Dinge erstrahlten in exquisiter Einmaligkeit und waren so sehr "sie selbst", so erfüllt von diesem Selbstausdruck, dass sie gleichsam von innen heraus leuchteten. Dieses Leuchten umgab in verschiedenen Farbtönen alles um mich her, besonders die Lebewesen. Diese neue Erfahrung machte, dass ich manchmal stundenlang nur erstaunt um mich blickte, als sähe ich die Welt zum ersten Mal. Das war es also, was Diana immer meinte, wenn sie behauptete, die Dinge hätten ein Licht! Anfangs war Georg ziemlich verunsichert über meine neue Fähigkeit, besonders, wenn ich ihm die bezaubernden Lichtspiele beschrieb, die ich um ihn herum beobachten konnte. Ständig wechselten die Farben, es blitzte einmal da, einmal dort auf, Garben aus farbigem Licht schossen aus seinem Kopf, wenn er an seinem neuen Buch schrieb. Ja, er hatte nach dem Erlebnis mit dem Gral wieder zu schreiben begonnen. Ein kraftvoller Schub neuer Kreativität hatte ihn erfasst, die Gedanken flogen ihm nur so zu, und die ausgedruckten Seiten begannen, einen immer höher werdenden Stapel zu bilden.

Joschi hatte plötzlich Lust am Holzschnitzen bekommen. Er besorgte sich Schnitzmesser und sammelte geeignete Hölzer in der Scheune. Eines Tages, als ich Traktorschnüre dort suchte, fand ich eine fast fertiggestellte Holzplastik von ungefähr fünfzig Zentimeter Höhe. Sie stellte eine Frauengestalt, bestehend aus drei Einzelfiguren dar: ein junges Mädchen mit Dianas Zügen, eine blühende, junge Frau mit dem Gesicht Myriams und eine ältere Frau, in der ich mich erkannte. Er hatte der Dreifachen Göttin die Gestalt der drei Frauen gegeben, die für ihn der lebendige Ausdruck dieser Triade waren: Diana, die Jungfrau; Maria, die Mutter und Ana, die Alte Weise. Erschauernd vor Ergriffenheit betrachtete ich das Erstlingswerk meines Schwiegersohnes, es erschien mir vollkommen in Ausdruck und Technik. Erstaunlich, Joschi hatte meines Wissens noch niemals bisher geschnitzt!

Auch an Myriam war das Gralserlebnis nicht spurlos vorüber gegangen. Sie begann damit, schamanistische Techniken in ihrer therapeutische Arbeit zu verwenden. Wie die Schamanen der alten Stammesvölker benutzte sie die Trommel als ihr "Reittier" in die weiten Gefielde der Seelen ihrer Klienten. Diese konnten auf diese Weise ihre eigenen Verwundungen als Dämonen, wilde Tiere oder andere Dramatisierungen ihrer Innenwelt erleben. Sie begegneten ihrer Angst, ihrer Verzweiflung und ihrer Trauer, erlebten sie wieder, und Viele lernten, die verleugneten, in den Untergrund gedrängten Bewohner ihrer Seele wieder zu sich zu nehmen. Und diese erwiesen sich, jetzt, da sie wieder geachtete Mitbewohner des inneren Haushalts waren, als wertvoll und nützlich, die Heil - werdung konnte beginnen. Die hohe Rückfallsquote von !70%! sank mit dieser neuen Behandlungsmethode auf 40%, ja später sogar auf 30%! Wenn man sich vor Augen hält, dass diese nüchternen Zahlen Einzelschicksale sind, kann man erst ermessen, welcher Erfolg das war!

Die Subventionen waren damit wieder gesichert, und die Arbeit, die vorher manchmal in Frage gestellt war, konnte in Ruhe weitergeführt werden. Eine grosse Last fiel damit von den Schultern aller Beteiligten.

Ich hatte wieder begonnen zu massieren. Mit meinen "neuen Augen" konnte ich jetzt viel genauer erkennen, was die Menschen leiden machte, die zu mir kamen. Bald wusste ich die einzelnen Farben, und was sie mir über Fühlen und Denken eines Menschen erzählten, besser und besser zu deuten. Schliesslich war ich wieder dort angelangt, wo ich vor Jahren schon einmal gewesen war: die Patienten erzählten mir von ihren Leiden. Doch jetzt erst verstand ich richtig, was sie mir sagten. Ich hatte gelernt, die Sprache von Körper und Seele mit dem inneren Ohr zu hören und Symptome mit geistigen Augen zu lesen. Ich wusste, dass ich Vielen jetzt w i r k l i c h helfen konnte. Meine eigene Krankheit hatte mir geholfen, mich in das Leiden Anderer besser einzufühlen, meine eigene Heilung liess mich zur Heilung Anderer beitragen. Wieder hatte sich ein Kreis geschlossen, und dieser Ort war erneut zu einem h e i l - i g e n Platz geworden. Auch er entfaltete sich also in innerer Verbindung mit den Menschen, die ihn b e - l e b t e n . Die Wahrheit einer uralten, aber oft vergessenen Erkenntnis war hier auf allen Ebenen wieder einmal offenbar geworden. Sie heisst: ALLES IST MIT ALLEM VERBUNDEN

Ja, das hätte ich fast vergessen zu erzählen, noch jemand hatte anscheinend aus dem Gral getrunken: unsere Katze. Seit fast zehn Jahren lebte sie jetzt bei uns, hatte in all diesen Jahren aber nicht einmal Junge geworfen. Wer Katzen kennt, weiss wie ungewöhnlich das ist. Als es wieder Frühling wurde, lagen fünf entzückende Kätzchen in unserem Schuppen, zwei Schwarze, ein Dreifärbiges und zwei Getigerte!

Und letzten Endes gab es da noch Jemanden, dessen Existenz sich grundlegend geändert hatte. Sie war mir bereits abgegangen. Während der Zeit meiner Krankheit hätte sie ja wohl genug Gelegenheit finden können, ihre boshaften Giftpfeile gegen mich abzuschiessen, ich wäre ihr in meiner Schwäche wehrlos ausgeliefert gewesen. Vielleicht aber hatte meine Schwäche auch sie betroffen, wer weiss? Jedenfalls hatte sie nichts mehr von sich hören lassen. Dann hatte ich einen Traum:

Da sass jemand in unserer Stube, eine Frau, die ich noch nie gesehen hatte. Als ich eintrat, hob sie den Kopf. Oh nein, mir war, als blickte ich in einen Spiegel! Sie trug meine Züge, ohne Zweifel, und doch sah sie auch wieder anders aus, wirkte strenger, kantiger, und der Blick, den sie mir zuwarf, war ziemlich kritisch. Ich wusste sofort, wen ich da vor mir hatte! Lange standen wir einander gegenüber und unsere Blicke verschmolzen miteinander, bis sie sich mit einer resignierten, kleinen Geste abwandte und zur Türe ging. Da, mit einem Mal, spürte ich das ganz starke Bedürfnis, sie aufzuhalten. Ich nahm sie bei der Hand und hielt sie zurück. Sie sah mich mit fragender Unschlüssigkeit an. Auch ich wusste nicht genau, was ich jetzt tun sollte, aber gehen lassen konnte ich sie nicht, nicht so! Ich wusste, sie würde nie mehr wiederkommen. Aber war es nicht das, was ich mir so oft gewünscht hatte, wenn sie zynisch und verletzend gewesen war? Wie hätte mein Leben aussehen können ohne sie, ohne die kränkende und herabsetzende Stimme in meinem Inneren, die mich von frühester Kindheit an glauben gemacht hatte, nicht schön genug, nicht gut genug, nicht klug genug und überhaupt von Grund auf ungenügend zu sein. Ach, sollte sie sich doch zum Teufel scheren! Sie hatte wahrlich genug angerichtet in meinem Leben! Wie sehr hatte ich die Kräfte von Verstand und Gemüt mobilisieren müssen, um ihr nicht für immer zu unterliegen! Ja, aber das war es doch! Sie war mir Hammer gewesen, Meissel und Stemmeisen, Säge, Feile und Raspel, um in jahrzehntelanger Bildhauerarbeit meine heutige Persönlichkeit zu formen! Ein hartes Stück Arbeit, doch ich wusste, es hatte sich gelohnt. Sie hatte gute Arbeit geleistet, ihre Aufgabe war erfüllt. Und durfte man das einst nützlich gewesene Werkzeug zuletzt lieblos wegwerfen? Die Arme hatte eine ziemlich undankbare Aufgabe zu erledigen gehabt, und jetzt wollte ich ihr noch die Tür weisen!

Ein mitleidige, zärtliche Regung erfüllte mich mit einem Mal, ich lächelte ihr aufmunternd zu, und da veränderten sich ihre scharfen Züge, wurden jung und mädchenhaft weich, und ein scheues Lächeln huschte darüber hin. Ja, war denn das die Möglichkeit, diese plötzliche, unglaubliche Veränderung!

In einem plötzlich aufwallenden Gefühl von Zuneigung nahm ich sie in die Arme und hielt sie lange und liebevoll umfasst, bis sie weicher und weicher wurde, langsam an Konsistenz verlor und

zuletzt verschwand. Sie löste sich nicht etwa auf, nein, sie war, das spürte ich ganz genau, verschmolzen mit mir, aufgegangen in meinem Ich. Nun würde es keine Dialoge mehr geben zwischen ihr und mir, wir sprächen von nun an nur mehr mit einer Stimme, der Meinen.

Wieder waren Jahre vergangen. Diana war im Mai 17 Jahre alt geworden und besuchte die letzte Klasse des Musischen Zweiges eines Oberstufenrealgymnasiums. Sie kam nur an den Wochenenden nach Hause, weil die tägliche Fahrt zur Schule zu lange gedauert hätte. Welch ein wunderschönes Mädchen sie doch geworden war! Sie war ziemlich klein, aber wunderbar grazil gewachsen, ihr Gang war leicht und schwebend, ihre ganze Erscheinung hatte etwas Feenhaftes. Das wurde noch verstärkt von ihren grossen, dunkel - glänzenden Augen und einem eher blassen Teint. Jedenfalls war sie der ganze Stolz ihres Vaters, der keine Gelegenheit versäumte, sich mit ihr zu zeigen. Und erst Georg, einen verliebteren Grossvater hatte ich nie erlebt! Auch Diana war ihm sehr zugetan und versäumte es nie, an ihren freien Wochenenden wenigstens ein paar Stunden bei uns in unserem Häuschen zu verbringen. Oft brachte sie auch ihre beste Freundin und einen Schulfreund mit, der Kontakt mit den jungen Leuten war eine interessante Erfahrung für uns beiden "Alten". Sie hatte eine glückliche Kindheit verlebt, im bergenden Schoss ihrer Familie und an diesem wunderschönen, friedlichen Ort. Ihr Wesen hatte daraus hervorwachsen dürfen wie eine behütete Pflanze, stark, gesund und aufrecht. Diesen Nährboden hatte sie allerdings auch gebraucht, denn es war viel von ihr verlangt worden und wurde es auch noch. Hatte sie auch noch so sehr versucht, ihr Licht vor der Welt zu verbergen, irgendwo war doch immer ein Schimmer durch eine Ritze der Verhüllung gedrungen und sie an eine Umwelt verraten, die meist mit Unverständnis reagiert hatte. Es ist wohl eine Eigenheit unserer, ach so aufgeklärten Zeit, dass die Menschen fasziniert sind vom sogenannten Unerklärlichen; begegnet es ihnen aber, leugnen sie es und erklären es als Täuschung, Schwindel oder Taschenspielertrick. So war unsere arme Enkelin von frühester Kindheit an im eigenen Interesse gezwungen gewesen, ihre wunderbaren Fähigkeiten, ja, ihr wahres Wesen zu verbergen wie eine ekelhafte Perversion. Daran hätte ein weniger stabiles Kind schon zerbrechen können, Diana aber hatte sich aus aller Liebe und emotionalen Unterstützung nähren dürfen, die wir fähig gewesen waren, ihr zu geben. So war sie war an Geist und Seele gesund geblieben und versprach, zu einer beeindruckenden jungen Frau heranzuwachsen.

Sie wollte Malerin werden, und niemand wunderte sich darüber, wenn er ihre Werke einmal gesehen hatte. Sie hatten an Ausdruckskraft noch gewonnen; dazu war noch eine Vollkommnung der Technik gekommen und eine Fülle an Bildern, die aus den Tiefen ihrer Seele hervorquollen wie ein unversiegbarer Strom. Oft, wenn ich lange vor einem ihrer Bilder sass, es in Stille auf mich wirken liess, glaubte ich daraus flüsternde Stimmen oder wunderbare Musik zu vernehmen, die meinen Geist weitete und mit anderen, verborgeneren Sphären verband. Dann fühlte ich mich anschliessend immer erfrischt und gekräftigt, ja sogar verjüngt. So erging es nicht nur mir, nein, die meisten Menschen wirkten sichtbar zufriedener, nach dem sie ein Bild meiner Enkelin betrachtet hatten. Ihre Züge glätteten, entspannten sich, erschienen jünger, auch wenn sie selbst diese Veränderung oftmals selbst nicht bewusst wahrnahmen.

Diese Begabung entsprang einer Quelle in der Tiefe ihres Wesens und liess sich niemals ganz verbergen, denn Selbstausdruck ist der Urgrund aller Erscheinungen; und malte Diana nicht, dann wirkte sie allein durch ihr Dasein heilend auf alles Lebendige in ihrer Umgebung.

Natürlich, das machte den Umgang mit ihr nicht gerade leicht für ihre Lehrer und Mitschüler. Denn in ihrem Dunstkreis war es niemandem wirklich möglich, sein innerstes Wesen zu verbergen, jedes Imponiergehabe, jede Unechtheit wurde sofort jedem selbst und auch allen Anderen offenbar und auch deren Ursache , und die hiess meistens Angst, Angst, als der, der man war, nicht geliebt zu werden. Das führte dazu, dass die Meisten die Nähe Dianas mieden.

Lehrer fürchteten um ihre Autorität, die Gleichaltrigen glaubten, auf ihre Masken nicht verzichten zu können. Gerade in der Pubertät, wo sie verschiedene Rollen erst ausprobieren, die vielen möglichen Erscheinungen ihrer selbst erfahren mussten, um später zu ihrem eigentlichen Wesen vordringen zu können, waren sie durch diese Wirkung Dianas reichlich überfordert. Aber Diana selbst, wie wurde sie mit dieser Situation fertig? Nun ja, in früheren Jahren, in ihrer Volksschulzeit, war sie ein fröhliches, kleines Mädchen gewesen, und ihre Eigenheiten waren von den anderen Kindern letzten Endes akzeptiert worden. Kinderlachen war auf der Wiese vor unserem Haus ein gewohntes Geräusch gewesen, niemals hatte es meiner Enkelin an Spielkameraden gemangelt. Später aber, besonders in der Oberstufe, ja, da war eine schwere Zeit für Diana angebrochen. Man hielt sie zuerst für eingebildet. Bald aber war sogar den Borniertesten unter ihren Schulkameraden klar geworden, dass diese Einschätzung nicht stimmte. Was aber dann? Man hätte ihr noch eher Hochnäsigkeit nachgesehen, doch dass sie sich allen Kategorisierungen entzog, verunsicherte die Meisten. Sie war nicht einzuordnen, ein verwirrendes Faktum, das ihr fast niemand verzieh. So blieben ihr nur zwei Mitschüler: ihre beste Freundin Sarah und ein sympatischer Bursche namens Sebastian, ihre erste, scheue Teenagerliebe. Sie hatten sich angefreundet, langsam und zögernd, zuerst über die Malerei, die auch Sebastian am Herzen lag. Er schien ihr Wesen zu verstehen, und vor ihr brauchte er nicht den überlegenen Mann zu spielen, das wäre ihm sowieso unmöglich gewesen in ihrer Gegenwart. Dadurch zeigte er ihr seine zarten, verwundbaren Seiten; das liess die Beiden einander näher kommen, als das bei Halbwüchsigen sonst der Fall ist. Sie wurden dicke Freunde. Später dann, als Dianas Weiblichkeit erblüht war wie eine zarte Blume, hatte er sich verwirrt und verunsichert zurückgezogen. Das war die Zeit gewesen, als die Mädchen wie junge Frauen, die Burschen aber noch wie schlaksige Kinder gewirkt hatten. Damals war Dianas Klasse ein inhomogener Haufen gewesen, ein Fass mit gärendem Inhalt, brausend, unruhig und voller unklarer, drängender Gefühle, eine schwierige Herausforderung für alle Lehrer. Dianas Freundin war erfüllt gewesen von äusserst wichtigen Dingen wie irren Klamotten, coolen Parties oder events, wie sie sagte, tolle "Typen" waren ebenfalls ganz oben gestanden in der Hierarchie ihrer momentanen Interessen. Diana hatte versucht, ebenfalls Begeisterung für derartige Dinge zu empfinden. Sie wollte ihre Freundin nicht verlieren. So drehte und wendete sie sich in hautengen Miniröckchen vor dem Spiegel, probierte die klobigsten Plateauschuhe von Sarah, gewöhnte sich einen neuen Sprachschatz an, der ihre Mutter entsetzte und ihren Vater belustigte. Bald darauf aber brach die schwache Brücke aus angelernten Äusserlichkeiten unter Dianas Unfähigkeit, sich selbst zu belügen. Ihre Einsamkeit begann, sie wie eine kalte Gloriole zu umgeben. Es war Zeit, etwas zu unternehmen, wie damals, in ihrer Kindergartenzeit. Doch jetzt würden solche einfachen Lösungen wie Sommerfeste etc. nicht mehr genügen. Ich wusste, sie war nicht ganz allein, ihre Freunde im Berg hatten ihre Jugendjahre begleitet, ihre Nähe waren Diana Trost und Anregung gewesen, wenn immer sie sie gebraucht hatte. Aber das genügte nicht. Diana gehörte unserer Welt an und brauchte Freunde auch hier, sonst würde sie fortsegeln auf dem Meer der inneren Realitäten und sich endlich auch dort verlieren, ihren Weg verfehlen, der in die Zukunft führte.

Ihre Eltern waren sehr beunruhigt. Sie dachten an eine Therapie. Doch ich konnte sie letzten Endes davon überzeugen, dass das nicht die geeignete Hilfe für Diana wäre. Was sollte denn an ihr auch therapiert werden? Ihre Klarheit, ihre Unfähigkeit zur Lüge, ihre innere Fülle? "Ach, Nimue, ich brauche wieder deine Hilfe!" seufzte ich beim Schlafengehen und hoffte, sie würde in meinen Träumen auftauchen, wie schon so oft. Sie kam nicht. Tief und traumlos war mein Schlaf, wie schon lange nicht mehr in den letzten Jahren. War also wieder eine Höhlensitzung notwendig?

Gut, dann sollte es also sein. Aber, trotz aller Entspannungstechniken wollte es mir nicht gelingen, in Trance zu gehen, eine schöne Bescherung! Sollte mir das "Tor ohne Schlüssel" neuerdings verschlossen sein, vielleicht eine Alterserscheinung? Immer wieder und bei wechselnden Gelegenheiten kroch jetzt oft die Ahnung des kommenden Alters wie ein kalter Hauch durch meine Gedanken.

Wovor fürchtete ich mich denn, ich hatte dem Tod ins Auge geschaut, da war nichts, was man fürchten musste - und dennoch.....Nicht den Tod fürchtete ich, sondern das Sterben, dessen sichtbarer Ausdruck das Alter ist. Der Abschied von Schönheit, weiblicher Attraktivität, von anerkennenden Männerblicken. Fragte ich Altersgenossinnen, wie sie denn diesen Lebensabschnitt erlebten, faselten sie meistens von Würde und Reife, und dass die Qualität ihres Liebeslebens eher noch gewonnen hätte. Ich sah diese Aussprüche aber eher als das, was sie in den meisten Fällen auch waren, reiner Selbstbetrug. So w o l l t e n sie sich sehen! Ja, natürlich, es gab Frauen, die eine bewundernswerte Altersschönheit und Ausstrahlung besassen, meist Schauspielerinnen, bei ihnen war es eine Folge strengster Disziplin. Dagegen standen hunderttausende Andere, die zu einem Zerrbild ihrer selbst geworden waren, sowohl an Körper als auch an Geist. " Ja, ja, ich weiss' ja, es liegt in meiner Hand, der Geist formt den Körper, aber kein noch so entwickelter Geist kann das Altern verhindern. Es wird doch noch erlaubt sein, sich ab und zu ein wenig darüber Gedanken zu machen!" redete ich mir selber zu. "Aha, Selbstgespräche, auch eine Alterserscheinung!" Ich musste wirklich meine Gedanken besser kontrollieren, sonst würde ich noch überall den Gespenstern meiner Furcht begegnen!

Am nächsten Tag bekamen wir Besuch. Die Gräfin war gekommen, um ihre Wohnung für einen Sommeraufenthalt herzurichten. Sie hätte sich doch wirklich ansagen können! Ich hatte sie seit dem letzten Sommer nicht mehr gesehen. Sie war eine jener bewundenswerten alten Frauen, von welchen man sagt, sie glichen alten, wertvollen Weinen. Ihre hohe Gestalt war kein bisschen gebeugt, ihr durchdringender Blick hatte nichts von seiner wunderbaren Klarheit verloren, trotz ihres Alters wirkte sie nicht im geringsten greisenhaft. Das strenge Regiment ihrer Kindheit hatte sich wenigstens in dieser Beziehung vorteilhaft ausgewirkt.

Sie begrüsste mich herzlich, und ich bat sie, zum Kaffe zu bleiben. Georg kam aus seiner Schreiberklause, wir hatten sie im kleinen Zimmer eingerichtet, seit Diana nicht mehr bei uns übernachtete. Seitdem er wieder angefangen hatte zu schreiben, wie damals, vor achtzehn Jahren, konnten wir von seiner Autorentätigkeit sogar leben. Die Landwirtschaft überliessen wir zum Grossteil Joschi und den Hofbewohnern. Ich betreute meinen grossen Gemüse- und Kräutergarten weiter, weil er mir am Herzen lag.

Die Gräfin, so nannte ich sie für mich noch immer, obwohl wir einander seit Jahren beim Vornamen nannten, sah mich forschend an. Ihrem Blick blieb nicht leicht etwas verborgen. Bei mir war das allerdings nicht sonderlich schwierig , meine Miene drückte immer meine Befindlichkeit aus, es erging mir dabei ähnlich wie Diana. "Du machst dir Sorgen über irgend etwas?" Das sollte eine Frage sein, war aber tatsächlich eine Feststellung. Nun, im Gespräch mit ihr konnte ich einleitende Floskeln ruhig weglassen, das war sehr angenehm. "Ja," antwortete ich also, "ich mache mir Sorgen. Du weisst ja über unsere Enkelin Diana Bescheid, ja, also, sie vereinsamt immer mehr, jetzt, in einem Alter, in dem sie eigentlich ihre Jugend aus vollen Zügen geniessen sollte, unbeschwert und im Kreise ihrer Altersgenossen...." "Und eigentlich wäre jetzt auch die Zeit zum Verlieben, aber, da ist weit und breit niemand, seit der Basti sich zurückgezogen hat," ergänzte Georg. Sophia, die Gräfin, nickte verstehend, stützte ihr Kinn in die Hand und sah dann nachdenklich zum Fenster hinaus in den Garten, wo es bereits dämmerte. Eine Amsel sang ihr Abendlied, sonst war Stille, eine Stille, die unseren Gedanken Raum gab.

"Diana macht doch jetzt, im Mai Matura," fragte Sophia in die Stille hinein, während unsere umherirrenden Gedanken anlandeten und festmachten an dieser Frage. Ich bejahte. "Glaubt ihr, dass ihre Eltern ihr erlauben würden, ein Jahr im Ausland zu verbringen?" Das konnten wir uns schon vorstellen, doch wovon sollte sie dort leben, als au - pair Mädchen? "Sie könnte doch vielleicht im Ausland studieren, das wäre sicher gut für sie, sich ein bisschen fremden Wind um die Nase wehen zu lassen, oder?"

Sie wartete unsere Antwort nicht ab und sprach gleich weiter: "Hört zu, ich denke da an eine Cousine von mir. Sie ist Witwe, und seit ihr Sohn in Rom verheiratet ist, wohnt sie ganz allein in ihrem grossen Haus in Florenz. Eure Diana könnte vielleicht bei ihr wohnen. Das wäre genau das Richtige für sie, die Luft ist dort ja förmlich mit Kunst gesättigt. Sie kann malen, studieren, neue Leute kennenlernen, das wird ihr sicher guttun!" "Das hört sich gut an, nur, ich weiss nicht, wie das mit Auslandsstipendien ist, sie muss ja auch von etwas leben, und sie ist noch so jung!" wandte ich besorgt ein. Die Gräfin fiel mir ins Wort: "Jetzt hör' mir zu und unterbrich mich nicht! Ich bestehe darauf, dieses Jahr für ihren Unterhalt aufzukommen. Das ist mein Maturageschenk, und es liegt mir wirklich am Herzen. Ich habe ja keine Kinder, und eure Diana verdient es, dass man ihr hilft, also kein Wort mehr darüber! Ich werde gleich morgen meiner Cousine schreiben, aber ich versichere euch, die wird glücklich darüber sein, ein so liebes, junges Mädchen bei sich zu haben."

Sie brauchte meine Hilfe bei den Vorbereitungen für ihren Sommeraufenthalt, also begleitete ich sie zum Schlösschen, wo ihre Wohnung lag. Später dann, beim Abschied, umarmte sie mich. Das hatte sie bisher noch nie getan, hier, in ihrer Diesseits - Persönlichkeit. Ich konnte es nicht genau erkennen, aber die beiden Personen, Sophia und Nimue, schienen zu verschmelzen, oder lag es an meiner Wahrnehmung, dass ich nicht genau wusste, wen ich umarmt hielt? Und dann hörte ich sie sprechen, und sie bewegte die Lippen dabei nicht, das sah ich ganz genau: "Wie konntest du nur daran zweifeln, dass ich dich gehört habe! Ich habe dir doch versprochen, dir zu helfen, wenn immer du mich brauchen würdest. Wann wirst du endlich vertrauen auf deine Andere Seite, was muss denn noch geschehen, dass du deiner endlich sicher bist?" "Oh, Mutter, es tut so gut, in deiner Nähe zu sein! Ich fürchtete schon, das Tor nicht mehr zu finden!" Tränen der Erleichterung traten in meine Augen. "Ich weiss," entgegnete sie zärtlich, "ich hatte zu viel Angst, dass du wieder einen Teil von dir zurücklassen würdest, wie letztes Mal, als du mich in Avalon besucht hast. Das war mir zu gefährlich, ein zweites Mal könntest du wahrscheinlich nicht mehr geheilt werden." Oh, Schreck, das war also die Ursache meiner Erkrankung gewesen! Ein Teil von mir hatte sich so sehr gewünscht, bleiben zu dürfen, dass er zurückgeblieben geblieben war in der Heimat, und ich war mir dessen nicht bewusst gewesen! Deshalb hatte Nimue heute ihre diesseitige Gestalt ausgesandt, um mir zur Hilfe zu kommen! Alles was geschah, folgte also immerdar einer inneren Ordnung, diesem unendlichen, verschlungenen Muster. Ich hatte es doch immer gewusst, warum vertraute ich denn immer noch nicht diesem Wissen! Dankbar und glücklich sah ich meiner alten Lehrerin in die Augen: "Oh, Mutter, ich danke dir, ich will es nie wieder vergessen!" Leise, fast nicht mehr wahrnehmbar, klangen noch letzte Wortfetzen an mein Ohr......"sei deinem Selbst dankbar.....ich bin ein Teil davon.......alles verbunden......leb wohl........" Dann stand mir wieder die Gräfin gegenüber, und übergangslos fuhr sie mit weiteren Instruktionen für mich fort.

Diana war sofort Feuer und Flamme für dieses Angebot. Sie konnte es gar nicht erwarten, ihre letzten Prüfungen hinter sich zu bringen, um endlich abreisen zu können. So sehr ich mich für sie freute, einen Hauch von Kummer spürte ich doch, weil sie es anscheinend so eilig hatte, von hier und von uns wegzukommen. Ihre Mutter kam noch sehr viel schlechter mit dieser neuen Situation zurecht. Sie machte ihren widersprüchlichen Gefühlen Luft, indem sie mir alles möglichen Vorhaltungen an den Kopf warf: "Du bist unverantwortlich, Mutter (Mutter nannte sie mich immer, wenn sie sich von mir distanzieren wollte)!

Wie kannst du Diana diesen Floh ins Ohr setzen, sie ist doch noch viel zu jung, um im Ausland zu leben! Und überhaupt, man kennt doch die Geschichten über die Papagalli, und Diana ist noch so unerfahren in bezug auf Männer! Ich verstehe dich nicht!"

Ach ja, dieses 'Ich verstehe dich nicht', ich hatte es vor ungefähr zwanzig Jahren schon gehört aus ihrem Mund. Sie wollte damals unbedingt in diese Wohngemeinschaft ziehen, und sie hatte mich eine besorgte, alte Glucke genannt, die sie nicht aus ihrem Einflussbereich entlassen wollte.

"Und überhaupt, besitzergreifend und machtgierig bin ich auch, kannst du dich noch erinnern?" gab ich mit verschmitztem Lächeln ihre damaligen Anschuldigungen wieder. Mit überraschtem Ausdruck hielt sie kurz inne.

Erinnerte sie sich an die Szenen, die sich damals zwischen uns abgespielt hatten? Ein Anflug von Rot überzog kurz ihre Wangen, dann aber engegnete sie, laut und zornig: "Das ist doch ganz etwas Anderes, das kannst du nicht vergleichen. Du bist gemein, mir das jetzt vorzuhalten!" Krach, bumm, die Türe flog ins Schloss, und Georg steckte den Kopf aus seinem Studierstübchen: "Fällt uns der Himmel auf den Kopf, Schatz?" Nein, der Himmel fiel uns noch nicht auf den Kopf, zweifellos aber dräute er gewitterschwanger.

Es war also wieder Zeit, Kakao zu kochen. Myriam hatte etwas Zeit gehabt, über alles nachzudenken und war schon viel ruhiger. Sie war ja ein sehr reflektierender Mensch, das brachte schon ihr Beruf mit sich. So hatte sie natürlich erkannt, dass sie ihre Trauer über das Flüggewerden ihres Kükens letzten Endes nicht wegschieben durfte. Denn was bedeutet es für uns Eltern, wenn ein Kind und erst noch das Einzige, erwachsen wird? Das Nest wird leer, ein Teil von uns löst sich, und dort, wo er vorher gewesen war, bleibt eine schmerzhafte Wunde zurück. Alle Liebe, alle Fürsorge, aber auch alle gewichtige Bedeutung, die unser Wesen durch die Verpflichtung

der Elternschaft gewonnen hatte - was blieb davon? "Wer bin ich nun? Was macht mich aus?" Das sind die Fragen, die wir uns dann stellen müssen, allerspätestens jetzt, als letzte Chance, die das Leben uns schenkt, uns selbst zu finden. Abschiedsschmerz und Neugeburt, wieder und immer wieder haben wir diese Türpfeiler zu durchschreiten, bis wir an der letzten Türe stehen; doch dann sollten wir schon einige Übung darin erworben haben.

Nun sass Myriam an unserem grossen Stubentisch, trank ihren Kakao und gab sich ihren Gedanken hin. Endlich, nach langem Schweigen, welches durch das gleichmässige Ticken der Wanduhr in unzählige Bruchstücke zerteilt wurde, sagte sie leise: "Ich hab' gar nicht mehr gewusst, welches Ekel ich gewesen bin, damals, vor hunderttausend Jahren....." Ich musste lachen bei der Erinnerung an unsere Kämpfe, jetzt, damals war mir nicht nach Lachen zumute gewesen. Oh nein, damals war unsere Beziehung oft ein Schlachtfeld gewesen, von dem ich mich nicht nur einmal wie ein verwundeter Krieger weggeschleppt hatte. Doch letzten Endes hatten diese Kämpfe damit geendet, dass ich Myriam ziehen liess. Und es war gut so gewesen und richtig. Sie hatte sich zu einem eigenständigen jungen Menschen entwickelt, und ich war meinem Weg gefolgt. Das war die Voraussetzung dafür gewesen, dass wir jetzt an diesem Ort zusammenleben konnten, ohne Zwist und Feindseligkeiten. Das Alles sagte ich Myriam, und sie nickte nachdenklich. "Mama, meinst du, ich könnte Diana ohne Gewissensbisse dorthin fahren lassen? Hältst du sie für erwachsen genug? Es ist ja nicht so, dass ich sie nicht von mir weglassen will, nein, aber ich habe Angst um sie, schreckliche Angst!" "Ja, ich weiss, wir haben immer Angst um unsere Kinder, sie ist auch nicht unberechtigt. Aber was ist die Alternative, weisst du eine? Ich habe mir damals oft gedacht, so müsse sich eine Vogelmutter fühlen, wenn die kleinen Vögel sich das erste Mal vom Nest abstossen, um zu fliegen. Diese Ungewissheit, so ohne Netz und Sicherheit, hinein in die Gefahren der Welt. Aber, ich glaube, wir dürfen die Angst nicht so sehr zeigen, sonst nehmen wir unserem Vögelchen den Mut zum Fliegen.

"Ach, Myriam," ich musste ihr wohl ein wenig Mut zusprechen, "sie ist ja nicht ganz alleine, sie lebt doch bei einer Cousine von Sophia. Vertrau ihr nur ruhig, du hast deine Arbeit als Mutter doch gut gemacht! Und Joschi war ihr ein liebevoller Vater, und wir haben auch unser Bestes gegeben, zumindest haben wir es versucht. Also, sie hat doch eine gute Abflugbasis, oder? Ausserdem ist sie wirklich ein wunderbarer junger Mensch, sie wird es schaffen, da bin ich ganz sicher!" "Danke Mama," sagte Myriam mit einem tiefen Seufzer, " jetzt ist mir schon ein bisschen leichter. Ich versteh' nur das Eine nicht, der Joschi, so ein verliebter Vater er ist, er macht sich nicht im Mindesten so viel Sorgen wie ich!" Machte er doch, dessen war ich gewiss, aber ich hatte genug geredet für heute, also nickte ich nur verständnisvoll und schwieg.

Diana war also weg. Noch nie hatte ich sie derart aufgeregt erlebt, wie die Tage vor ihrer Abreise. Sie packte Koffer ein, bald darauf wieder aus, glaubte Dieses oder Jenes unbedingt zu brauchen, um Stunden später wieder ganz andere, ungeheuer wichtige Dinge aus Kasten und Läden hervorzukramen. Am Tag ihrer Abreise waren ihre Eltern der Erschöpfung nahe gewesen.

Myriam gestand mir, sie sei eigentlich ganz erleichtert darüber, dass das Theater nun endlich ein Ende hätte. Es hatte einige Tränen gegeben, regelmässige Briefe und Telefonate waren treuherzig versprochen worden, dann endlich hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt. Lange hatten wir Dianas Haarschopf aus dem Abteilfenster wehen sehen, dann war der Zug um eine Kurve verschwunden. Myriam hatte einmal tief und bedeutsam aufgeseufzt, in Joschis Augen hatte es verdächtig geglitzert, Georg hatte sich die Nase abgewischt und etwas wie "Alles Gute, meine kleine Fee!" in sein Taschentuch gemurmelt. Dann hatten wir beschlossen, die Gelegenheit zu nutzen und in ein Heurigenlokal zu gehen, die es hier in Hülle und Fülle gab. Wir hatten unsere Gläser auf Diana erhoben und ihr alle guten Wünsche der Welt nachgeschickt. Für uns ging das Leben hier weiter, und es sollte sich bald darauf zeigen, dass es all unsere Kräfte fordern würde.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse hatten sich schon seit langem zu verändern begonnen. Diverse Sparpakete waren von der Regierung fester und fester geschnürt worden, die Kaufkraft der Bevölkerung sank dementsprechend, Arbeitsplätze wurden Mangelware; mit einem Wort, eine abwärtsführende Spirale, wie der Sog eines Strudels, begann sich immer schneller zu drehen. Mehr und mehr Menschen fielen durch die weiter werdenden Maschen des sozialen Netzes, dies Alles erzeugte Unsicherheit und Zukunftsangst. Viele unserer entlassenen Klienten konnten keine Arbeit mehr finden. Das war ein äusserst gefährlicher Zustand, damit war ein erneuter Einstieg ins Drogenmilieu oftmals geradezu vorprogrammiert. In unserer Umgebung wurden zahlreiche Landwirtschaften aufgegeben, Tiere verkauft, die Flächen verpachtet. Immer neue Förderungsmassnahmen sollten gewährleisten, dass die Wiesen weiter gemäht würden, auch wenn niemand mehr das Heu brauchen konnte. Landschaftspflege, eine neue, bezahlte Tätigkeit für Bauern, wurde erfunden. Gleichzeitig wurden die Auswirkungen unseres unverantwortlichen Umgangs mit der Natur empfindlich spürbar. Diverse Ozonlöcher bildeten oder vergrösserten sich, der Treibhauseffekt begann sich auch bei uns auszuwirken, die saftigen Weiden für die heilige Kuh der heimischen Tourismuswirtschaft, den Wintersport, wurden magerer. "El Ninjo", ein neues Vokabel, tauchte in unserem Sprachschatz auf. Es war ein warmer Wind, der riesige Meeresgebiete aufheizte und so für furchtbare Stürme und Überschwemmungen sorgte. Der Blick in die Zukunft war nicht besonders angenehm. Viele meiner Massagekunden hatten jetzt oftmals dunkle Schlieren in ihrer Aura, ein deutlicher Hinweis auf Angst oder Bedrückung.

Viele ehemaligen Mitbewohner hatten sich mit dem Leben auf dem Land angefreundet. Der tägliche Umgang mit den Tieren, die Zyklen von Wachstum, Ernte und Ruhe hatten sie in Kontakt mit ihren eigenen inneren Vorgängen gebracht. Ausserdem erlitten die Meisten eine Art von Zivilisationsschock, wenn sie in die Stadt zurückkehrten. Dies Alles machte mich sehr nachdenklich.

Ich erinnerte mich an das leuchtende Netz, das ich in einem meiner Träume das Land umspannen gesehen hatte. Immer, die ganzen Jahre hindurch, hatte dieses Bild in einem vergessenen Winkel meiner Erinnerungen gewartet. Jetzt trat es ans Licht und forderte meine Beachtung. Eine Lebensinsel, davon hatten wir geträumt, und die hatten wir hier schaffen dürfen; aber diese Insel quoll bereits über von Schiffbrüchigen. Was war also zu tun in einem solchen Fall? Vor mich hinträumend, stellte ich mir eine wirkliche, kleine Insel vor, die über und über bedeckt war von Menschen. Vor meinem inneren Auge wimmelte meine Insel von ameisengleichen Bewohnern. Da, was taten sie da? Eine Gruppe von ihnen hatte mit einer Art geordneter Tätigkeit begonnen. Ich stellte mein inneres Objektiv auf Nahaufnahme. Und, ja, es war eindeutig, sie bauten ein Boot! Ja, natürlich, das war es! Dass ich nicht gleich auf diesen Gedanken gekommen war! Ich sprang auf und hüpfte wie ein junges Zicklein durch die Stube. Gut, dass ich alleine war, eine Grossmutter, die mit Bockssprüngen durchs Haus tobte, wäre wohl ein etwas ungewöhnlicher Anblick für Manchen gewesen. "Alte Ziege," tadelte ich mich, nicht sehr ernst, "wirst auch nie eine würdevolle Alte!" Aber meine Freude über diese Idee liess mich alle Würde vergessen. Ich musste sofort mit Myriam darüber sprechen.

Myriam fand meine Idee aufregend, zweifelte aber an ihrer Realisierbarkeit. Wie überall, so war auch hier die Finanzierung das Problem. Ein weiterer Topf mit Münzen würde sich wohl kaum finden lassen. Märchen geschehen zwar manchmal, aber sie wiederholen sich nicht beliebig oft, es sei denn, man half ihnen ein wenig auf die Sprünge. Das taten wir und hatten Erfolg damit. Aber, das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls konnten wir einen leerstehenden Hof in der Nähe unseres Anwesens pachten, und bald darauf begannen die ersten vier ehemaligen Klienten, zwei Männer und zwei Frauen, mit den Renovierungsarbeiten. Einer von ihnen wurde auf eine landwirtschaftliche Fachschule geschickt, um sich auszubilden. Vorläufig konnten wir einen ehemaligen Bauern gewinnen, der den Hof leiten sollte. Wir hatten verschiedene öffentliche und private Geldgeber finden können, die ersten beiden Jahre waren so gesichert. Und diese weitere Insel sollte nur die Erste von Vielen sein, wir sahen voller Hoffnung in die Zukunft, wo ein Netzwerk solcher Lebensinseln das Land überziehen sollte. Wieder war ein Traum von mir dabei, in die Wirklichkeit überzutreten.

Für Myriam war diese geschäftige Zeit ein Segen. Sie hatte wenig Gelegenheit, an ihre Tochter zu denken, zu ausgefüllt waren ihre Tage mit Organisationsarbeit. Und dann gab es ja auch noch ihre normale Therapeutentätigkeit. Sie gönnte sich kaum Ruhe, und manchmal drückten mich Gewissensbisse, weil ich ihr diese Idee in den Kopf gesetzt hatte. Auf irgend eine Weise hätte ich sie gerne unterstützt. Da hatte ich noch eine Idee: Man müsste das Lebensinsel- Projekt bekannt machen, es irgendwie dokumentieren, Menschen dafür begeistern. Städter sollten ihre Lebensmittel auf unseren Höfen direkt kaufen, vielleicht auch Vieles selbst ernten, Urlaube bei uns verbringen und einschlägige Kurse hier besuchen können.Vielleicht konnten ja auch Arbeitslose, die gerne sinnvolle Arbeit verrichten wollten, Gartenbau und Landwirtschaft bei uns lernen und damit fähig werden, einen Teil ihres Lebens vom Land bestreiten. Das Land war da, wartete darauf, den Menschen Nahrung und Lebenssinn zu geben, wir mussten nur eine Möglichkeit finden, diese Idee zu verbreiten und Menschen dafür zu begeistern. Was konnte ich dazu tun? Sollte ich Vorträge halten? Nein, vor vielen Leuten zu sprechen, das war nicht meine Stärke....oder vielleicht ein Buch?.......Schon eher. Schreiben, ja, damals, vor vielen Jahren, als ich Georg bei seinem Buch geholfen hatte.....hatte es mir nicht Freude gemacht? Allerdings, in all den Jahren hatte ich nicht eine Zeile geschrieben, dieses Talent war sicherlich eingerostet seit damals. Aber, der Gedanke liess mich nicht mehr los.

"Georg, zeigst du mir einmal, wie man mit dem Computer umgeht?" Möglichst harmlos und unverfänglich musste meine Frage klingen, denn, sollte mir nichts gelingen, konnte ich leicht einen Rückzieher machen. "Nanu, du wolltest doch nie - niemals etwas mit einem Computer zu tun haben. Willst du etwas schreiben? Na, komm, ich schreib's dir!" "Nnnein....ich möchte kein Computer -Analphabet sein, so unbedarft hinter dem Mond leben.

Man muss doch auch Neues lernen, sonst verrostet man ja!" Er sah mich einigermassen erstaunt an, aber ich wurde unterwiesen in der hohen Kunst des Winword - Programmes.

Da sass ich nun, aufgeregt wie ein Erstklässler und wartete auf Einfälle. Nichts. Vielleicht sollte ich eine Gliederung schreiben, wie bei einem Schulaufsatz? Blödsinn! Wie machte man das denn, ein Buch zu schreiben, wie öffnete man die Türe zu all den Bildern und Worten, die irgendwo warteten, heraus wollten, wie eine Herde Ziegen, die auf die Weide drängten? He, guckte da nicht das Zipfelchen eines Wortes aus dem Türspalt? Ich zog daran, sieh da, ein Satz! "Schreib ihn auf, schnell, bevor er sich wieder zurückzieht, nagle ihn fest!" schrie eine innere Stimme mir zu. Ich tat, was sie mir riet. Irgendwie musste dieser Satz mit anderen verknüpft, daran festgemacht sein, denn nun stürzten Weitere dem Ersten nach. Je mehr ich schrieb, desto mehr quollen heraus, als könnten sie es

nicht erwarten, sich auf dem Bildschirm zu materialisieren. Ich merkte nicht, wie die Zeit verging, manisch schlug ich auf die Tasten. Plötzlich war ich ein Schöpfer, malte Wortbilder, komponierte Wortsymphonien, gestaltete Plastiken aus Worten.

Die Worte wurden Fleisch und Blut, gingen ihre eigenen Wege, wie flügge gewordene Kinder, ich brauchte nichts weiter zu tun, als sie aus meinem Kopf zu entlassen. Sehr viel später schaute Georg herein und fragte: "Lebst du noch? Was ist mit dir los, du sitzt jetzt schon stundenlang hier drinnen!" Gewichtig erwiderte ich: " ich schreibe ein Buch."

"Oho! Du schreibst also ein Buch, in m e i n e m Arbeitszimmer, an m e i n e m Computer, vielleicht sogar mit m e i n e n Ideen! Dazu wolltest du also den Computer bedienen lernen, du hinterlistige Hexe!" Jetzt war ich wütend: "Du Platzhirsch!" schleuderte ich ihm entgegen, "hätte ich das Haus hier nicht gefunden, sässest du heute noch an deiner alten Reiseschreibmaschine in einer dreissig - Quadratmeter - Substandardwohnung und tipptest an der fünfundzwanzigsten Version des Jahrhundertwerkes mit dem Titel M a g i e!" Das sass. "Vergiss nicht, wir leben von m e i n e r Schreiberei, ich verdiene hier die Brötchen!" antwortete er , und seine Stimme erbebte vor gekränktem Stolz. Aha, er sah seine überlegene Rolle als Ernährer in Gefahr. Das fein ausbalancierte Machtgefüge zwischen uns beiden drohte ins Wanken zu geraten. Typisch Mann, dachte ich, erwiderte aber: "Deshalb willst du mich nicht schreiben lassen. Du hast Angst, ich könnte vielleicht besser sein als du, und das darf es einfach nicht geben, das ich vielleicht auch Erfolg haben könnte!" "Du und Erfolg, du hast doch bisher noch nie Ambitionen gehabt zu schreiben. Jetzt auf einmal, weil du erlebst, dass ich das kann, willst du auch auf dieses Pferd aufspringen. Such dir doch selbst ein Hobby, Stricken oder Nähen oder lerne eine Fremdsprache, aber mir kommst du nicht ins Gehege!" Also, das war jetzt eindeutig zu viel gewesen; Stricken und Nähen, damit wollte er mich auf einen Platz verweisen, der ihm nicht gefährlich werden konnte. Er würde schon noch sehen......Ich verliess das Schlachtfeld unter heftigem Türenknallen und hörte gerade noch seine Bemerkung: "Jetzt weiss ich, von wem die Myriam das hat!"

Aber, ich entgegnete nichts mehr, überhaupt nichts mehr, lange Zeit. Unser Haus war selten laut gewesen, ausser wir hatten Besuch von den Hofbewohnern gehabt. Doch jetzt lastete drückendes Schweigen darauf wie eine dunkle, schwere Wolke. Dies war, so unglaublich es scheinen muss, unser erster, wirklicher Streit seit zwanzig Jahren gewesen und dann gleich eine solch dumme Querele, denn von einer wirklichen Auseinandersetzung konnte hier nicht die Rede sein. Vielleicht hätten wir öfter streiten sollen. Vielleicht war Manches unausgesprochen geblieben zwischen uns. Vielleicht aber hatten wir auch Manches nicht als Problem erkannt, und es hatte sich derart aufstauen können. Aber, so sehr ich auch grübelte, ich konnte mich nicht erinnern, jemals derartigen Ärger über meinen Mann empfunden zu haben. Das war nicht mehr mein Harfenspieler, der mein Herz vor Liebe erbeben machte, nein, jetzt bebte ich vor Zorn! Als der verraucht war, wurde er zu Kummer und Traurigkeit darüber, dass mein Mann in mir eine Konkurrentin sah. Wir waren doch Partner gewesen bisher, wie hatte das denn nur geschehen können!

Georg schlug sein Bett in seinem Arbeitszimmer auf und versetzte mir damit einen erneuten, schmerzhaften Schlag. Was wollte er denn? Konnte er wirklich wollen, dass ich meine, eben erst entdeckte Freude am Schreiben wieder einmottete, wie Winterkleidung im Sommer? Das glaubte ich nicht wirklich, so war er doch nicht; niemand könnte doch sein wahres Gesicht so lange und so perfekt verbergen vor einem Lebenspartner! Nein, bestimmt kämpfte er mit seinen eigenen, widersprüchlichen Gefühlen und konnte mir das nicht zeigen, so musste es sein! Ich fühlte mich in unserem Hochbett allein und verlassen, wie ein Schiffbrüchiger auf dem weiten Ozean. Traurig schlief ich endlich ein....

........und fand mich endlich wirklich auf einer weiten Wasserfläche treibend, alleine in einem Boot, das unserem Bett glich. Auch die Kissen und Decken waren da, dafür fehlten die Ruder. Das beunruhigte mich nicht weiter. Wohin hätte ich hier auch schon rudern können?

Tiefe Stille umgab mich, auch nicht das kleinste Geräusch war zu hören, kein Wind, kein Wellenschlag, nichts, nur Einsamkeit und Stille. Weit weg, dort wo sich Himmel und Meer im dunstigen Schimmer trafen, schaukelte etwas, etwas Kleines, wie ein Boot sah es aus. Vielleicht war ich ja doch nicht ganz alleine! Ich wollte dorthin, doch ohne Ruder, wie sollte das gehen? Die Strömung trieb mich langsam näher, bis ich eine Gestalt in diesem anderen Boot erkennen konnte. Schreiend und gestikulierend versuchte ich, den Anderen auf mich aufmerksam zu machen, vergebens, zu viel Entfernung war zwischen uns. Die kalte Hand der Verzweiflung griff nach mir und erstickte meine Schreie in der Kehle. Dieser Mensch dort, ich wollte seine Nähe, so sehr, dass es mich körperlich schmerzte! Doch die Weite dehnte sich schier unüberwindlich zwischen uns. Der Wunsch nach der tröstlichen Nähe des Anderen wurde schliesslich so stark, dass ich mich, ohne weiter zu überlegen, ins Wasser stürzte. Würden mich die Kräfte verlassen, würde das Boot uns beide tragen, würde er mich überhaupt in sein Boot lassen? Ich musste es darauf ankommen lassen, denn nun war ich schon ein Stück weit geschwommen. Dennoch war die Entfernung zwischen uns noch nicht sehr viel geringer geworden. Ich schwamm und schwamm, bis Beine und Arme mir den Dienst zu versagen drohten. Endlich hatte der Mann im Boot (ich konnte ihn jetzt deutlich sehen), mich wahrgenommen. Sein Blick war seltsam traurig, und erinnerte mich an die Augen des Harfenspielers! Er streckte die Arme nach mir aus, sehnsuchtsvoll und verlangend. Dann sprang er mit einem Satz ins Wasser, schwamm mit kräftigen Zügen auf mich zu, nahm mich in die Arme, hielt mich über Wasser, wie ein Rettungsschwimmer. Die Boote waren beide abgetrieben und nicht mehr zu sehen. Gemeinsam, immer Einer den Anderen abwechselnd hochhaltend, trieben wir auf den Weiten dieses seltsamen Meeres......ohne Angst oder Anstrengung, so hätte ich endlos lange mit meinem Gefährten dahintreiben können.....Endlich fühlte ich, wie wir sanft an einen Strand gespült wurden, wir lagen auf festem Untergrund.........Wir waren gelandet......in der Geborgenheit unseres (meines?) Hochbettes. Mein Partner war immer noch bei mir, und sah mich aus bekümmerten Harfenspieler - Augen an. Ich schlang die Arme um seinen Hals und drückte ihn lange und zärtlich an mich. "Ich bin so froh, dass ich dich wiedergefunden habe, da draussen (oder da drinnen?) im Meer!" seufzte ich, glücklich und erleichtert, "du warst so weit weg!"

Später dann, nachdem wir unsere Versöhnung ausgiebig gefeiert hatten, besprachen wir, wie wir unsere Arbeitsplätze gestalten wollten. Ich bestand darauf, dass Georg sein Zimmer behielt und wollte mir einen Schreibplatz in der Stube herrichten, mit Georgs Computer. Er wollte sich schon lange einen Neuen, Besseren besorgen. "Glaubst du immer noch, dass ich in deine Domäne eindringen und dir Konkurrenz machen will?" fragte ich Georg an einem der nächsten Tage. Er lachte sein verschmitztes Georglächeln und sagte: "Natürlich, jetzt muss ich mich eben noch mehr anstrengen, damit ich der Chef im Hause bleibe!"

Die Tage des Sommers vergingen rasend schnell, weil wir beide so intensiv arbeiteten. So wurden wir vom ersten Brief Dianas regelrecht überrascht. Sie schrieb: Liebe Grosseltern!

Es war mir schon ein richtiges Bedürfnis, Euch zu schreiben, denn wem das Herz voll ist, dem geht der Mund (die Feder) über, sagt man. Ich bin so froh, dass ich hergekommen bin, ein schöneres Geschenk hätte mir die Gräfin wirklich nicht machen können! Ich habe ihr übrigens schon geschrieben und mich bei ihr bedankt. Ich male auch gerade an einem Bild für sie, als kleines Dankeschön.

Also, ich wohne in einem regelrechten Palazzo, einem ziemlich alten, aus dem fünfzehnten Jahrhundert, es gehörte früher einer reichen Tuchmacherfamilie. Mein Zimmer liegt im zweiten

Stock, und ich kann direkt auf den Arno hinunterschauen. Dazu bleibt mir aber sehr wenig Zeit.

Meine Gastgeberin, sie heisst übrigens auch Anna, genauer gesagt Anna - Maria, hat meine ersten beiden Wochen hier total mit Besichtigungen und kleinen Ausflügen in die Toskanische Landschaft verplant. Das war wirklich gut für mich, weil ich mich jetzt, da ich auf eigene Faust unterwegs bin, wesentlich besser orientieren kann. Sie ist eine sehr warmherzige und kraftvolle Person, ganz anders als unsere Gräfin, viel erdiger. Ich mag sie sehr, und ich glaube, sie mich auch. Jetzt unterrichtet sie mich täglich eine Stunde in Italienischer Sprache. Wir sprechen auch meistens Italienisch miteinander, damit ich es schneller lerne.

Seit kurzem besuche ich einen Kurs in einer Malklasse auf dem Konservatorium. Ich lerne dort sehr viel über Maltechniken und überhaupt viel vom Handwerk des Malens. Alles Andere, na ja, ich weiss nicht, ich glaube, ich muss meinen Stil und Ausdruck behalten, sie wissen eben dort nichts über multidimensionelle Kunst. Ihr Beiden versteht wohl, was ich damit meine. Sehr oft, wenn das Wetter es erlaubt, fahre ich mit dem Bus hinauf nach Fiesole. Das ist ein Städtchen auf einer Anhöhe im Nordosten von Florenz. Hier gibt es Römische Ausgrabungen inmitten eines Etruskischen Tempelbezirkes. Man hat von hier einen sehr schönen Ausblick über Florenz, und ich male häufig dort. Hier ist eine gewisse Stelle, die mich besonders anzieht. Bilder, die ich hier male, werden auf eine ganz besondere Weise ausdrucksstark. Manchmal kann ich hier auch Lichter sehen oder Musik vernehmen, Ihr wisst schon, Feenmusik, wie in unserem Berg. Ich habe da so meine Vermutungen, aber, ich möchte mich nicht allzusehr darauf einlassen, weil ich hier einige Freunde gefunden habe und fürchte, sie gleich wieder zu verlieren, Ihr wisst ja.... Es gibt zwischen uns noch eine gewisse Sprachbarriere, weil mein Italienisch noch recht mangelhaft ist, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Das hat aber auch seine Vorteile, weil meine kleine Andersartigkeit dadurch nicht so auffällt. Sie meinen dann immer, es läge an der Sprache, dass sie mich oft nicht verstehen; gut, nicht wahr? Wir gehen oft miteinander abends in kleine Trattorias oder Cafes oder bummeln einfach in der Gegend um die Plaza della Signoria. Hier ist so viel Leben auf den Strassen, das könnt Ihr Euch nicht vorstellen! Am Abend glaubt man, die ganze Stadt ist "aus dem Häuschen".

Es sind wirklich ganz viele Leute auf der Strasse. Ich muss auch sehr achtgeben, dass ich mein Taschengeld nicht in den vielen Läden gleich ausgebe, es gibt hier so viele schöne Dinge. Überhaupt, Schönheit ist hier in Allem, in den Bauten, in der Kunst, in den Menschen; man glaubt, sie durch alle Poren einatmen zu können. Ich meine damit eine andere Schönheit als die bei uns zu Hause, nicht so erdenschwer und ernst, sondern leicht, irgendwie heiterer, südlich eben.

Liebe Anna, lieber Georg, hoffentlich habe ich euch nicht das Herz schwer gemacht mit meiner Schwärmerei! Meine Heimat ist mir lieb und wert und wird es immer bleiben, aber, ich geniesse den Aufenthalt hier sehr.

Vielleicht könnt ihr mir auch einmal schreiben, wie es Euch geht, ich denke oft an Euch und an unseren Gläsernen Berg!

in Liebe

Diana

Wir waren sehr beruhigt darüber, dass sich Diana anscheinend so glücklich an ihrem neuen Aufenthaltsort fühlte und schrieben ihr gleich zurück. Erst sehr viel später, zu Mitte des Sommers, erhielten wir Antwort von ihr. Liebe Anna, lieber Georg!

Ich danke Euch für Euren lieben Brief. Erst jetzt habe ich wieder Ruhe gefunden und kann Euch schreiben. Es ist so viel geschehen, und ich weiss nicht genau, womit ich beginnen soll.

Wie so oft war ich auch diesmal wieder auf meinem Lieblingsplatz bei den Ausgrabungen und habe dort gemalt. Übrigens male ich jetzt oft nicht mehr gegenständlich, sondern anders, gewissermassen abstrakt.

Das heisst, ich male nicht, was ich aussen sehe, sondern die Bilder, die an diesem bestimmten Ort in mir aufsteigen, dazu diese besondere Musik; auch sie fliesst in die Bilder ein. Man kann sagen, ich bilde die Seele des Ortes ab, so wie sie mir zu diesem bestimmten Zeitpunkt erscheint.

Ich sass also, ganz vertieft in meine Arbeit an der Staffelei und malte, was ich sah, hörte und fühlte. Ihr wisst doch, dabei nehme ich von aussen nichts mehr wahr, weil ich so konzentriert bin. So habe ich lange nicht bemerkt, dass jemand von hinten an mich herangetreten war. Ich hörte die Töne und die Worte eines alten Lumani- Liedes und glaubte, mein Bild hätte sie zum Leben erweckt, wie das sonst auch oft der Fall ist. Deshalb fiel es mir lange Zeit nicht auf, dass ich die Töne von aussen, mit meinen physischen Ohren hörte. Erst, als mich jemand an der Schulter berührte, fuhr ich erschreckt herum. Und jetzt haltet Euch fest! Da stand ein Mädchen, etwa in meinem Alter, lächelte mich freundlich an und sagte entschuldigend: "Ich hoffe, ich habe dich nicht erschreckt!" Sie sprach übrigens nicht sehr gut Italienisch, so wie ich. Man konnte deutlich hören, dass es nicht ihre Muttersprache war. Ihr könnt Euch vorstellen, dass es mir die Rede verschlagen hat! Als ich mich wieder gefasst hatte, fragte ich sie, welche Sprache das denn gewesen sei, vorhin. Sie antwortete mit der grössten Selbverständlichkeit, dass sie dieses Lied aus meinem Bild "gelesen" hätte. Sie sprach Lumani!!!! Anna, stell Dir das mal vor! Ist das zu glauben! Jedenfalls stellte sich heraus, dass sie von ihren Eltern, die in England leben, hierher geschickt worden ist zu einer entfernten Verwandten, um, ja, um auf andere Gedanken zu kommen, sich ein wenig andere Luft um die Nase wehen zu lassen, auch, um andere Menschen kennenzulernen - genau wie ich! Wenn das nicht ein Zufall war! Oder, meint Ihr, es war vielleicht gar keiner? Sie sieht übrigens ähnlich aus wie ich: sie ist klein und zart wie ich, hat grosse, dunkle Augen, nur ihr Haar ist anders, heller als meines, honigfarben. Sie spielt wunderschön Harfe und will Musikerin werden, aber für mich ist sie das schon. Ihr könnt Euch denken, dass wir uns viel zu erzählen hatten. Endlich, nach so vielen Jahren hatte ich jemand getroffen, der so ist wie ich, der mich versteht, der weiss, wovon ich spreche! Es war wie Nach Hause Kommen, und ihr ging es ganz genauso. Kein Verbergen, kein Versteckspiel, um akzeptiert zu werden, ist das schön! Trotz der verschiedenen Sprachen verstanden wir einander sofort und fast ohne Worte. Wir hatten beide nie gewusst, dass es auch noch Andere von unserer Art geben könnte. Seither stellen wir uns manchmal vor, wie es wäre, die Anderen zu treffen. Wie viele wir wohl bereits sind?

Meine neue Schwester heisst Vivian. Sie hat mir erzählt, ihre Eltern seien Wiccas, das sei eine alte, vorchristliche Religion, sie stamme aus ganz früher Zeit, aus der Zeit der Megalithkulturen, wie sie sagte. Deshalb war sie sehr erstaunt, von mir zu hören, dass meine Familie, besonders meine Grosseltern, auch Wiccas sind. Wo sie herkomme, hätten sie so einen Hügel mit einem Turm obendrauf, dort soll früher einmal ein Steinkreis aus der Megalithzeit gestanden sein. Der Hügel hiesse übrigens "Tor", das heisst nichts Anderes als "Hügel" in der alten, keltischen Sprache. Nun, liebe Grosseltern, habe ich euch überrascht? Dann werdet ihr noch mehr staunen, dass Vivians Eltern einen Platz am Fusse des Hügels bewohnen, unweit von zwei Quellen, einer "Blood Well" und einer

"White Well", beide ungeheuer heilig. In England würden die alten Traditionen noch viel mehr bewahrt, hat sie mir erzählt, und noch etwas: Ihre Eltern hätten den Platz, auf dem sie jetzt wohnen und den sie auch behüten, durch Träume und Visionen gefunden, wie Ihr den Euren. Er hiesse Ynys Vytrin, die Gläserne Insel!

Könnt ihr euch vorstellen, wie erstaunt Vivian war, als ich ihr dies Alles genau beschreiben konnte und ihr sagte, dass meine Grossmutter mir als Kind immer davon erzählt hat, wenn sie mich zu Bett brachte.

Jetzt habe ich Euch wohl viel zum Nachdenken verschafft, oder? Wir beide jedenfalls, Vivian und ich, hatten uns sehr, sehr viel zu erzählen, das kannst du mir glauben. Auch sie hat mir von ihren "kleinen Freunden" berichtet, von Unterweisungen irgendwo im Inneren des Glasberges, davon, wie erstaunt sie war, als sie das erste Mal erfuhr, dass ihre "wirklichen Spielkameraden" viele Dinge nicht sehen und hören konnten wie sie. Ihre Geschichte hörte sich wie meine eigene an.

Leider wurde meine Freude ziemlich getrübt, als ich erfuhr, dass Vivian in zwei Monaten nach Hause reist; sie beginnt ein Musikstudium am Konservatorium von Salysbury. Aber sie hat mich für die Ferien zu sich eingeladen, dann reisen wir gemeinsam, was haltet Ihr davon? Vorausgesetzt natürlich, ihre Eltern sind einverstanden, aber, ich denke das sollte kein Problem sein.

Ich verabschiede mich jetzt, Vivian und ich wollen ein Kammermusikkonzert besuchen, im Garten des Belvedere, mit Harfe und Querflöte. Das wird sicher sehr schön, ich freue mich schon sehr darauf!

Bis bald,

Eure Diana

Hope to see you as soon as possible, be blessed by the Godess!

Vivian

P.S.: Übrigens, ich weiss jetzt, was ich werden möchte, aber darüber Näheres im nächsten Brief. Meinen Eltern habe ich auch geschrieben. Sie wissen schon alles, also, ciao amici!

Wir beide, Georg und ich, waren wie vom Donner gerührt, als wir den Brief zu Ende gelesen hatten. Nie im Leben wären wir auf den Gedanken gekommen, es könnte irgendwo noch Andere von Dianas Art geben. Und doch schien uns das jetzt, als wir die Sache mit neuen Augen betrachteten, völlig logisch und sinnhaft, ja sogar zwingend notwendig. Wie sonst könnte eine neue Art von Menschen sich sonst verbreiten, wären nicht genügend von ihnen vorhanden! Ich jedenfalls war schlichtweg begeistert von Dianas Plan, nächsten Sommer nach Glastonbury zu reisen, man stelle sich nur vor: unser beider Heimat in ihrer diesseitigen Erscheinung und das im zwanzigsten Jahrhundert, wie aufregend! Das allergrösste Wunder aber war für mich, dass unsere kleine Diana, unser einsames kleines "letztes Einhorn" eine Seelenfreundin gefunden hatte, endlich, nach so vielen Jahren des Aussenseitertums. Gerührt und dankbar dachte ich an Nimue, weise hatte sie die Schicksalsfäden zu einem kunstvollen Muster verwoben, dessen Sinn wir jetzt erst erkennen konnten.

Noch einige Briefe waren hin und her gegangen, bevor Diana zu Beginn des nächsten Sommers heimkehrte. Dieses eine Jahr hatte sie verändert, ihre Erscheinung und ihr Wesen hatten sich gerundet, und aus dem noch etwas unsicheren, eckigen Mädchen war eine junge Frau geworden. Sie strahlte Selbstsicherheit und Würde aus, ja richtig, Würde, trotz ihres jugendlichen Alters. Sie wusste jetzt, was sie früher nur vage geahnt hatte: sie war keine seltsame Kuriosität, keine Laune der Evolution, nein, sie war eine von jenen, die den Fortbestand der menschlichen Spezies sichern würden. Scherzhaft nannten wir sie manchmal ein verbessertes Modell, einen Prototyp, der sich anschickte, in Serie zu gehen.

Und noch etwas wusste sie. Ihr eigentlicher Beruf würde nicht die Malerei sein. Sie hatte erfahren, wie heilsam der Kontakt mit ihren Bildern auf die verwüsteten Seelenlandschaften vieler, an ihrer Umwelt erkrankter Mitmenschen wirkte. Malerei und Musik, besonders Gesang, die heilenden Töne, die in die Linien und Farben ihrer Bilder eingeschrieben waren, wollte sie den Menschen als Medizin reichen. Wie Orpheus einst Eurydike, würde sie die die toten Seelen durch ihre Kunst wieder ans Licht des Lebens führen. Wir Alle wussten, dass sie das vermochte, ich hatte es erfahren dürfen; und noch heute verlieh dieses Erlebnis meinem Dasein etwas vom Glanz des Unendlichen

Nun war es also wieder Sommer geworden. Unsere Reise stand bevor. Georg hatte einen alten VW-Bus erstanden, der, zu einem einfachen Wohnmobil umgestaltet, uns Beiden eine gemächliche Reise ermöglichen würde. Vorher hatten wir noch wichtige Dinge zu erledigen. Mein Buch war fertig. Ich übergab es Myriam, alles Weitere würde ihre Sache sein. Wir ordneten unsere persönlichen Dinge, es konnte ja sein, dass wir einen Unfall hätten, so etwas musste man immer bedenken. Ich hatte auf einem Abschiedsabend für die ganze Familie bestanden. "Warum triffst du denn Vorbereitungen, wie für einen endgültigen Abschied, Mama, wir machen doch nur eine Urlaubsreise?" fragte Myriam verwundert. "Mein liebes Kind, man kann ja nie wissen, ob man wieder gesund und munter wiederkehrt. Und nachher nützen alle Vorwürfe der Welt nichts mehr. Wir müssen immer so zueinander sein, als hätten wir nicht mehr viel Zeit. Deshalb möchte ich dich um Verzeihung bitten für alles, was ich dir vielleicht irgendwann angetan habe und dir sagen, dass ich dich liebe und dich auch," sagte ich, zu Joschi gewendet. Gerührt schlossen wir uns gegenseitig in die Arme. Nun konnte die Reise beginnen.

Diana war schon vor einer Woche mit dem Zug abgereist, Myriam und Joschi wollten sich einen Flug gönnen und gleich die Gelegenheit nützen, einen Ausflug nach London zu unternehmen. Am ersten August sollte Treffpunkt sein, auf dem Gipfel des Tor - Hill, abends um sechs Uhr, das war unter uns Allen vereinbart worden.

Diana und Vivian hatten vor ihrer Abreise ein Inserat in alle wichtigen Tageszeitungen ihrer beider Länder setzen lassen. Es richtete sich an alle ihre Brüder und Schwestern und war deshalb in Lumani verfasst. Es lautete, sehr frei übersetzt, etwa so:

Liebe Geschwister! Zwei von Eurer Art rufen Euch. Treffpunkt: 1. August, dieses Jahres, 18 Uhr, Tor- Hill, Glastonbury, England, entweder leiblicher oder Geistkörper! Das sah in geschriebenem Lumani so aus:

Ama Umhapi! Enari sumati, Schat un August, 18 Uhr, Tor - Hill, Glastonbury, England, humlan og sallan! Amati, Vivianadiana !

Weder Diana noch Vivian hatten gewusst, ob und wie Lumani geschrieben werden konnte, deshalb hatten sie in einer phonetischen Schrift geschrieben und darauf gehofft, dass die richtigen Menschen sie auch verstehen würden.

Über unsere Reise ist nichts weiter zu sagen, als dass sie uns in zweieinhalb Tagen bis Calais geführt hatte, ohne Pannen und Zwischenfälle.

Die Wolken hingen tief und sahen regenschwer aus, als wir an Bord einer Fähre gingen. Eigentlich fuhren wir ja, tief hinein in den Bauch eines Schiffes der Linie Sealink. Zusammen mit unzähligen anderen Fahrzeugen verschlang sie unseren Bus, bis sie anscheinend gesättigt war, denn sie legte ab. Die hohen und langgezogenen Wellen versetzten den Schiffsrumpf in eine gedehnte Schaukelbewegung, von welcher ich fand, dass ich sie im Inneren des Schiffes nicht ertragen würde können. Deshalb verbrachte ich die Überfahrt auf dem oberen Deck und hielt meine Nase in den Wind. Georg sass bei einem ersten Glas englischen Bieres im Schutze des Mitteldecks. Kalter, feuchter Wind prickelte auf meinen Wangen, bald schmeckten meine Lippen salzig. Der Boden unter meinen Füssen schwankte in einem langsamen Rhythmus, während die Linie des Horizontes sich ebenso langsam hob und senkte, hob und senkte, immer und immer wieder, bis mein Atem, mein Herzschlag, ja, sogar das Pulsieren meines Blutes in Einklang waren mit dem Atem der See. Ich sank in einen seltsamen Zustand zwischen Wachen und Traum. Bilder aus meinem Leben mischten sich mit Sequenzen vergangener Träume. Erinnerungen stiegen auf und versanken wieder, mit dem Heben und Senken der Wellen. Sogar das Krächzen der Möwen schien manchmal dem Hier und dann wieder dem Anderswo zu entspringen. Je weiter sich das Schiff von der Küste Frankreichs entfernte, desto unwirklicher wurden die Bilder meines vergangenen Lebens, und desto deutlicher, plastischer schienen die Traumbilder, bis mein Leben hinter mir zurückblieb wie der Schaum des Kielwassers hinter dem Schiff. Als endlich die Kreidefelsen von Dover aus dem Dunst auftauchten, weiss aus dem dunklen Blau der bewegten See, war Anna nur mehr die ferne, leise verwehende Erinnerung eines längst vergangenen Traumes. Das Hafenbecken von Dover empfing eine Andere, Vertraute; Morgan, eine Priesterin von Avalon kehrte heim. Mit ihr kam Einer, der immer schon das alte Wissen und die alten, heiligen Plätze gehütet hatte, der Merlin von Brittannien. Ihn aus der Persönlichkeit seines vergangenen Lebens zu lösen, stand Morgan noch als Aufgabe bevor, bis beide endlich heimkehren konnten, nach Avalon, ihrer Heimat.

Der Hafen von Dover war von Abgas und Lärm erfüllt, Spielhallen mit blinkenden Automaten suchten sich die Ankommenden gleich einzuverleiben. Georg fuhr ohne Aufenthalt weiter, er wollte an diesem Tag noch so weit wie möglich kommen. Das alles nahm Morgan kaum wahr. Wo sie ihren Fuss hinsetzte, erstand der Zauber der Anderswelt; wie die glitzernde Schleimspur einer Schnecke zog sich ein Streifen aus Feenglas durch das heutige England und hob diesen für Augenblicke aus dem gewohnten Rahmen von Zeit und Raum. Menschen, die sich in dieser Spur befanden, hielten verwundert inne. Irgend etwas, so meinten sie, habe sie gestreift, eine Erinnerung, ein Duft, die Laute eines vergessenen Liedes; etwas, was sie als Kind wohl gewusst, nun aber, in der Geschäftigkeit des Erwachsenenlebens vergessen hatten. Gleich darauf waren sie zurückgeglitten in ihre vertraute Welt, dieses kleine, nur kurz währende Aufleuchten der Anderswelt aber trugen sie mit sich, wie ein unbemerkt gebliebenes Samenkorn. Vielleicht würde es bei dem Einen oder Anderen keimen und Wurzeln schlagen, wer weiss?

Georg blickte seine Frau immer wieder verwundert an. Sie war es, und doch war sie es wieder nicht. Sie hatte sich sogar äusserlich verändert, seit sie an Land gegangen waren, wenn er auch nicht sagen hätte können, was eigentlich an ihr anders geworden war. Und die Veränderung schritt weiter fort. Bald meinte er, sie von einem Leuchten umgeben zu sehen, das die vertrauten Konturen ihrer Gestalt umfloss und sie irgendwie durchscheinend aussehen liess. Er führte diese Wahrnehmungen auf Müdigkeit zurück. Schliesslich hatte er die ganze Fahrt hindurch fast ausschliesslich darauf bestanden, zu chauffieren, er, der Mann. So war es nicht verwunderlich, dass er bald darauf drängte, eine Rast einzulegen. Morgan legte eine Decke unter einen weit ausladenden, sparrigen Dornstrauch und lud den Mann ein, sich hinzulegen. Sie wollte eine kleine Mahlzeit bereiten und ihn dann zum Essen wecken. Georg legte sich unter den Strauch.

Das Gras war weich, die Sonne, die endlich doch noch hervorgekommen war, schien warm. Er gähnte. Er hatte gar nicht gewusst, wie müde er eigentlich gewesen war. Als er die Augen schloss, spürte er, wie seine Frau seinen Kopf sanft in ihren Schoss bettete und ihm zärtlich über die Augen strich. Er versuchte sie zu öffnen, doch die Lider waren zu schwer, als dass er sie heben hätte können. Sie sang ein einschläferndes Lied: "Mutter, halte meine Hand, es zieht ein kalter Hauch durchs Land! Still, mein Kind, es ist nur der Wind! Er spielt in alten Bäumen, und lässt so schwer dich träumen. Still, mein Kind, es ist nur der Wind!"

"Seltsam," konnte er gerade noch denken, "ich habe es noch nie von ihr gehört! Wie schön! Es klingt wie ein Schlaflied, das meine Mutter immer für mich gesungen hat......damals.......wann eigentlich.......ach gleichgültig......." Er sank in einen tiefen Schlaf des Vergessens, Bilder aus seinem Leben leuchteten kurz noch einmal wie Sternschnuppen vor seinem inneren Auge auf und verloschen dann, Stimmen klangen an sein Ohr. Sie gehörten Menschen, die ihm einst nahegestanden waren......wo und wann?........Er wusste es nicht mehr. Es war unwichtig geworden. Nur der monotone Gesang blieb bei ihm und begleitete seinen Schlaf, während alles Andere hinabsank zwischen die Wurzeln des Weissdornbusches. Die hielten es fest, sogen es mit dem Wasser des Bodens in sich auf und leiteten es in Äste, Zweige und Blätter. Bald war der Strauch durchdrungen vom Wesen des Menschen, der einmal Georg gewesen war, einmal, vor Zeiten, irgendwann.

Das Lied endete. Der Mann erwachte und schlug die Augen auf. Es waren die Augen des Harfenspielers, und sie suchten nach Morgan, seiner Gefährtin in vielen Leben und in manchen Gestalten. Er hatte seine wirkliche Gestalt wiedererlangt und auch das ungeteilte Wissen um sein wahres Wesen: Er war Merlin, und er war auf dem Weg nach Avalon, mit Morgan, ohne die kein Ort je Heimat für ihn sein würde.

Die Distanz, die sie noch von Glastonbury trennte, legten sie wie im Traum zurück. Sie schaukelten auf den grünen Wellen der Hügel auf und ab, als wären sie noch auf einem Schiff. Die weissen Flecken der Schafe waren Schaumflocken auf diesem grünen Meer. Nur die Hecken, die die Hügel in unzählige Parzellen unterteilten, passten nicht ganz zu diesem Eindruck. Wo waren nur die mächtigen Wälder geblieben, tief und undurchdringlich, Heimat der Feen, einst den Druiden heilig?

Bald beruhigten sich die Wellen des Hügelmeeres, das Land wurde flacher. Deutlich konnte man sehen, dass die Wiesen ohne Abflussgräben und Drainagen sumpfig gewesen wären. Hier und da erhoben sich kleine Hügel aus der Ebene, so, als hätte abfliessendes Wasser kleine Häufchen aus Sand zurückgelassen. Einer von ihnen sah ziemlich hoch aus. Er war schon aus der Ferne sichtbar gewesen. Jetzt, wo sie näherkamen, erkannten sie einen freistehenden Turm auf seiner höchsten Kuppe. Sie waren angekommen. Über eine kleine Brücke gelangten sie in ein typisch südenglisches Provinzstädtchen. Es unterschied sich auf den ersten Blick nicht von den meisten Anderen dieser Region, auf den zweiten Blick allerdings schon. Das Städtchen besass eine besondere Atmosphäre, die sich auf unterschiedliche Weise sofort dem Reisenden mitteilte: sie war das Zentrum des Gralsmythos, der hier sichtbar und unsichtbar überall in der Luft lag. Die Hauptstrasse war gesäumt von einer Unzahl von Esoterikshops, in welchen dem Interessierten alles angeboten wurde, was er sich nur erträumen mochte:

Bücher, Ritualgegenstände, Kunsthandwerk, ethnologische Musikinstrumente, Räucherwaren und sonst noch vielerlei Gerätschaften, die dem Bewusstsein auf eine höhere Stufe verhelfen sollten. "Alternativdevotionalien" bemerkte Merlin trocken, trotzdem genoss er sichtlich die Atmosphäre, genauso wie Morgan, wenn auch ihr mehr daran gelegen war, endlich zum Zentrum ihres Interesses, dem Tor - Hill zu gelangen. Eigentlich, das wusste sie, war jetzt keine Eile mehr vonnöten. Sie waren am Ziel ihrer Reise angelangt, hierher hatten alle Wege ihres Lebens geführt, keiner würde für sie jemals mehr von hier wegführen. Sie hatten alle Zeit der Welt.

Am Fusse des Tor - Hill lag ein stimmungsvoller Garten. Er war angelegt worden, um der "Blood Well" eine würdige Fassung zu geben. Trotz des lauen Sommernachmittags waren erstaunlich wenige Menschen hier, deshalb konnten Merlin und Morgan ungestört den schweren, schmiedeeisenverzierten Deckel der Quelle hochheben und still in das durch Eisen rötlich gefärbte Wasser hinunterblicken. Hier hatte Josef von Arimathia der Sage nach den Heiligen Gral verborgen, und die Sage hatte Recht. Er war hier, tief im Inneren des Gläsernen Berges, hier wie überall, wo man an seine Bedeutung glaubte. Morgan konnte seine Anwesenheit spüren, mit allen Organen ihrer wachen Seele. Anschliessend badeten beide in einem tieferliegenden, kleinen Becken, "Pilgrims Bath" genannt. Sie taten das mit einer sicheren Selbverständlichkeit, dass niemand, wäre er zufällig vorbeigekommen, Anstoss daran genommen hätte.

Es war nun an der Zeit, auf den Hügel zu steigen.

Die Apfelbäume, würden sie noch da sein, und der alte, spiralförmige Weg auf den Gipfel, den sie so oft gegangen waren? Gab es noch den Platz unter dem uralten Weissdorn, wo der Eingang in den Berg, für die Augen der Uneingeweihten verborgen, lag? Ja, es gab ihn noch, mit traumwandlerischer Sicherheit folgte Morgan einem fast unsichtbaren Pfad, der etwa in der halben Höhe des Hügels an einem runden Felsen endete. Ein Schafzaun umgab einen Platz von ungefähr hundert Metern im Quadrat. Als sie ihn überklettert hatten, gingen Morgan und Merlin auf die Baumgruppe zu, deren Mittelpunkt ein unendlich alter, knorriger Weissdorn bildete, zwischen dessen Wurzeln eine kleine Öffnung sichtbar war. Öllichter brannten hier, von andächtigen Menschen entzündet, welche der Heiligkeit des Ortes immer noch, wie vor langer Zeit ihren Tribut zollten, auch in Form bunter Stoffstreifen, die überall in den Zweigen des Weissdorns hingen. Merlin legte seinen Armreif in der Form einer Schlange in die Höhlung unter dem Baum, Morgan hing ihre Kette mit dem Anhänger aus Mondstein in die Zweige, um einen Teil ihrer beider Selbst dem Ort zu schenken. Dann setzten sie sich am Fusse des runden Felsens nieder und versanken für lange Zeit in der Stille, die diesen Ort umgab.

Ein plötzlicher Windstoss holte sie wieder aus ihrer Versenkung zurück. Es war ihnen, als hätten die Geister des Platzes sie willkommen geheissen. Erst jetzt schien es ihnen richtig, ihren Aufstieg fortzusetzen. In alter Zeit hatte ein spiralförmig angelegter Weg auf den Gipfel geführt. Die Spirale ist seit jeher ein Symbol des Lebens, denn Leben entfaltet sich spiralig, angefangen von der Winzigkeit der DNS(Desoxyribonukleinsäure) bis hin zur Riesigkeit einer Galaxie. Obwohl dieser alte Weg nicht mehr zu erkennen war, folgten sie seinem Verlauf, ihrem inneren Blick erschien er wie ein leuchtendes Band aus Sternen. Sie waren die Ersten auf dem Gipfel, und es war richtig so. Alles war so, wie sie es in Erinnerung hatten, bis auf den Turm, der statt der Stehenden Steine jetzt hier stand. Er war geblieben von einem Kloster, das einst den Sieg der Kirche über das sogenannte Heidentum demonstrieren sollte. Aber der Wind der Zeiten machte keinen Unterschied, er wehte über alle Denkmale menschlicher Überheblichkeit hinweg und liess sie zu dem werden, was sie ursprünglich waren: Staub.

Merlin und Morgan liessen ihre Blicke über die Weite des Landes gleiten.

Die Sümpfe des Sommerlandes waren trockengelegt worden, trotzdem ragte der Tor immer noch wie ein Insel aus dem umliegenden Tiefland, eine Insel im Trubel der Zeitläufe, wie die Nabe eines Rades, die stillzustehen scheint, während alles um sie in Bewegung ist. Ein Ort, an dem die unruhige Seele zur Ruhe kommen kann, zwischen den wirbelnden Spiralen der verschiedenen Leben.

Ein grosser Holzstoss war bereits von jemandem aufgeschlichtet worden, vielleicht von Diana, Vivian und deren Eltern.

Morgan begann den Kreis zu ziehen, der alle Realitäten miteinander verband. Merlin sang dazu mit seiner weichen, tiefen Stimme ein altes Lied, das ihm auf einmal wieder eingefallen war. Da kamen auch schon die ersten Menschen den Hügel herauf. Es waren Myriam und Joschi. Wortlos küssten sie ihre Eltern und stellten sich in den Kreis. Es wurde bereits dunkel. Andere, ihnen Unbekannte folgten. Viele von ihnen waren auffallend klein und zierlich. Dann kam Diana. Sie umarmte ihre Eltern und Grosseltern und stellte sich zu ihnen, nicht ohne ihnen vorher noch Vivian und deren Eltern vorgestellt zu haben. Es wurde nur das Nötigste gesprochen, nachher würde es noch genug Gelegenheit dazu geben. Joschi entzündete das Feuer. Es war sehr gross, man würde es weithin sehen können. Morgan begann mit der Anrufung der vier Himmelsrichtungen, ihre volltönende Stimme hallte über den Hügel wie Glockenklang. Merlin erwies ihr die Ehre des Fünffachen Kusses. Dann rief sie die Göttin dieses Ortes an, ein letztes Mal in diesem Leben, das wusste sie mit der glasklaren Sicht des inneren Auges. Ihre erhobenen Arme bildeten die Form eines Kelches, die beschwörend gesungenen Worte der überlieferten Anrufung bauten die Brücke, auf welcher die Göttin jetzt den Abgrund zwischen den Sphären der Mächtigen und der Menschen überquerte, er war unendlich gross und kleiner als ein Atomkern. Wind erhob sich , er enstammte nicht einer labilen Luftschichtung, nein, er wehte aus anderen Regionen, jenseits unserer Welt. Dann war Sie da, jeder im Kreis konnte es spüren. Niemand konnte den Blick von der älteren Frau, Ihrer Priesterin abwenden. Sie war so sehr zu Ihrem Gefäss geworden, dass sie von innen erstrahlte wie eine eben erst geborene Sonne. Alle Spuren des Alters waren verschwunden, ihre Schönheit war die Schönheit der Grossen Göttin. Sie liess nun Ihre Kraft in den Kelch einfliessen, der ebenfalls zu leuchten begann und alle Menschen im Kreis aus seiner Fülle nährte. Und noch etwas blieb zu tun. Morgan ging auf Diana zu und holte sie zu sich in die Mitte des Kreises. Dann sprach sie:

"Ich bin die Priesterin der Alten Religion. Ihre Kraft durfte noch einmal aufleben, um einen neuen Spross auf ihrem alten Holz austreiben zu lassen. Er ist jetzt kräftig genug, um eigene Wurzeln zu schlagen. Ich und mein Gefährte, wir haben unsere Aufgabe erfüllt und ziehen uns zurück, um auszuruhen, bis wir vielleicht einmal wieder gebraucht werden. Wir werden immer da sein, wenn ihr nach uns ruft. Durch Träume und Ahnungen werden wir zu euch sprechen, hinweg über die trennenden Abgründe der Zeit, und auch die ist nur ein Taum."

Morgan segnete Diana mit dem Fünfzackigen Stern, reichte ihr den Kelch und liess sie noch einmal daraus trinken. In diesem Augenblick wurde für aller Augen der Berg leuchtend und durchscheinend wie Glas. Merlin und Morgan waren aus dem Kreis verschwunden, wie Schatten waren sie beide noch kurz im Inneren des Glasberges zu sehen, dann verschwand die Vision so schnell, wie sie gekommen war. Im Rauschen des Windes vermeinten manche noch die verwehende Stimme Morgans zu hören......."die Zeit.......nur ein Traum......ein Traum.........ein Traum!"

Ich konnte mich diesmal lange nicht orientieren, als ich erwachte. Wo war ich nur, und was noch wichtiger war, wo war ich nur gewesen? Ein feiner Duft nach reifen Äpfeln hing in der Luft. Meine Augen sahen Wände, ziemlich nahe Wände. Sie gehörten zu einer sehr kleinen Wohnung, und sie lag in der Stadt, das hörte man an den Verkehrsgeräuschen, die sogar durch das geschlossene Fenster zu mir hereindrangen. Wo war denn nur Georg? Ich machte Licht und sah mich um.

Ich befand mich alleine in meiner kleinen Wohnung in einem Wiener Vorortebezirk, und alles war nur ein unglaublich lebendiger, farbiger Traum gewesen. Da fiel mein Blick auf eine Schale mit rot - gelben Äpfeln, glänzend in ihrer glatten Schale. Ach ja, gestern, vor hunderten von Jahren hatte ich sie an einem Obststand gekauft und war dann aus Enttäuschung darüber, dass sie keinerlei Geruch hatten, in Tränen ausgebrochen! Doch nun,.....ich hielt einen Apfel an meine Nase,........oh Göttin, er duftete, wie einer von meiner Traumwiese! Aber ich fühlte mich unfähig, das Rätsel meines Traumlebens (oder meines Lebenstraumes?) jetzt, im Augenblick zu lösen. Entschlossen stand ich auf, ich wusste, ich hatte noch viel zu tun. Ein Leben wartete auf mich.

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