Angriff der Yrch

"Yrch, Yrch!" gellte es durch die Stadt. "Die Yrch haben den Vorposten überfallen!"
Der erschöpfte Reiter rief es den Torwachen zu, die den Ruf rasch weiter gaben. Als der Bote Ila den Königshof erreichte, hatte ihn seine Nachricht bereits überholt.
Der König lief mit wehendem Mantel die Rampe zum Burghof hinab, dicht gefolgt von seinen Beratern.
"Was sagst du - die Yrch? So bald schon wieder?" fragte er, noch im Laufen.
"Ja, Herr. Und diesmal beschränkten sie sich nicht auf ein Gefecht mit der Patrouille, sie griffen direkt das Lager an. Nach dem letzten Kampf rechneten wir nicht damit, dass sie so rasch und zahlreich zurückkehren könnten. Wir waren noch geschwächt und schlecht vorbereitet auf einen Sturmangriff", berichtete der Bote. "Ich verstehe nicht, wo sie alle herkommen, sie scheinen aus allen Löchern zu kriechen; ein Dämon muss sie erschaffen haben. Es geht das Gerücht", flüsterte er, "dass sie aus Gefangenen und Toten ganze Legionen gleicher Yrch machen."
"Unsinn!" schnitt ihn der König ab. "Dämonen! Nein, lange schon ist der Große Krieg geweissagt und nun mehren sich die Zeichen, dass er bevor steht. Der Seher hat in seinem Kristall schwarze Wolken aus allen Richtungen heraufziehen sehen und auch der Tanz der Wölfe verheißt Unheilvolles."
"Die Yrch sind immerzu zerstritten", wandte einer der Berater ein. "Niemals würden sie sich zusammentun; sie trauen einander nicht und befürchten Verrat von allen Seiten."
"Doch ich sage, die Yrch haben ihre Kriege untereinander beendet und sich vereinigt, um gegen ihren mächtigsten Feind vorzugehen - uns. Die Zeichen sind eindeutig, der Überfall auf den Vorposten bestätigt unsere Auslegung. Wir müssen uns ebenfalls rüsten." "Jetzt wo Ihr es sagt," begann Ila kleinlaut. "Mir ist aufgefallen, dass die Angreifer verschiedene Abzeichen trugen. Man kann sie kaum unterscheiden, aber ich bin mir sicher, immerhin habe ich lange genug an der Grenze gelebt (und überlebt, dachte er), um einiges über die Yrch zu wissen."

***

"Hässliche Biester", dachte Yuf, "Dämonensklaven." Nur ihretwegen stand Yuf im Frühnebel und bewachte ein armseliges Lager. Die hastig aufgestellten Zelte neben dem abgebrannten Vorposten widerten ihn an. Er sehnte sich zurück in die Arme seiner Frau und seiner drei Kinder, zurück in seine Heimatstadt, die Stadt der Künste und der Kultur.
Statt dessen blickte er in ein totes Tal hinab und fragte sich zum zwanzigsten Mal, wie selbst die Yrch - scheußliche, widernatürliche Tiere, in seinen Augen - sich in derart lebensfeindlicher Umgebung ernähren konnten.
Kurzes, gelbes Gras bedeckte eine große Schneise im Wald; sogar Esel würden es verschmähen. Bittere Kräuter, die meisten wahrscheinlich giftig, wuchsen dazwischen auf aschigem Boden. Der Wald wirkte unheimlich: Baumgerippe reckten ihre Äste in den Himmel. Hier und da unterstrich ein verdorrtes Blatt die Trostlosigkeit. Wirres, ebenso vertrocknetes Unterholz verstärkte den lebensfeindlichen Eindruck.
"Hallo Yuf", sagte jemand in seine Gedanken hinein. Es war Ila, der schnellste (und geschwätzigste) Bote des Königreichs. "Hältst du nach dem Feind Ausschau? Kannst es gar nicht erwarten, gegen das Gekröse in die Schlacht zu ziehen, was?"
Yuf grinste schief. "Ich verstehe nicht, warum wir hier abwarten, statt die Yrch gleich zu überfallen."
"Der König", begann Ila wichtigtuerisch, "sagt: Vom Gebirge aus haben wir eine bessere Angriffs- und Verteidigungsposition als unten im Tal. Außerdem vermag uns der Gegner hier nicht zu überraschen, statt dessen kesseln wir ihn mit verstreuten Posten ein. Die Yrch werden sich schon zu uns bemühen müssen, wenn sie den Krieg wollen. Nebenbei können wir so auch noch das Lager wieder aufbauen."

***

Schon am Nachmittag trafen die Yrch ein: Ohne sich zu verstecken ritten sie herbei, auf so unnatürlichen Pferden, vollständig mit blitzendem Metall behängt, wie sie selbst. Die meisten Yrch mussten allerdings zu Fuß gehen. Ihnen folgte ein Wagentroß, der gewiß ihr gesamtes Hab und Gut einschließlich ihrer Familien beherbergte. Yuf konnte zwar keine Kinder entdecken und vermutlich auch nur wenige Frauen; aber wer sah schon so genau hin, um das zu unterscheiden?
Barbarische Trommelschläge dröhnten herauf, während die Yrch ihr Lager errichteten. Mitten in der Ebene stampften sie eine Zeltstadt aus dem Boden: bunte Farbkleckse und gerade Linien durchschnitten die Landschaft wie frisch aufgeplatzte Narben.
Das Lager wuchs nicht organisch und verband sich nicht harmonisch mit der Landschaft, statt dessen verbanden schnurgerade Straßen mehrere abgesteckte Bereiche. Schon bald war der Boden dort aufgerissen und zertrampelt. Wenn es regnete - und das würde es in den nächsten Tagen - verwandelte sich dieses Lager sicher in eine Schlammgrube. Abflußrinnen gab es keine, nur vereinzelte, flache Gräben um besonders große oder bunte Zelte, Kot und Unrat warfen die Yrch einfach neben ihre Zelte. Ihre Häuptlinge residierten offenbar in Mitten dieses Dreckhaufens in Zelten, wahrscheinlich schlechter ausgestattet als manche Ställe.
"Nicht zu vergleichen, selbst mit unserem einfachen Lager, das sich richtig an die natürlichen Gegebenheiten anpasst, ganz davon zu Schweigen mit unserer Heimatstadt," fand Yuf. Zusammen mit seinem Freund Ila beobachtete er den Einzug der Yrch von der Aussichtsplattform aus.
"Es scheint ihnen nichts auszumachen, im Dreck und zwischen giftigen und toten Pflanzen zu leben", sagte Yuf.
"Sie sind es gewohnt", erklärte Ila. "Sie können sich nicht ordentlich organisieren. Trotz des Krieges sind sie Feinde, auf engem Raum zusammen gepfercht, die ein kurzfristiges, unbequemes Bündnis eingehen."
Mit dieser Einstellung brachten sie es gewiß nicht fertig, eine funktionierende Stadt zu bewohnen, ganz abgesehen von den handwerklichen und gesellschaftlichen Erfordernissen.
"Wenn sie richtige Häuser besitzen, dann sicherlich nur Überreste früherer Städte, oder von Dämonen aus dem Fels geschmolzene Zitadellen", sagte Yuf. Ila nickte.
"Wenn sie uns nur nicht so sehr hassten", überlegte er, "wenn sie das Böse aus ihren geschundenen Leibern abschüttelten, dann könnten wir ihnen vielleicht ein wenig Kultur bringen, ihr jämmerliches Dasein ertragbarer machen, in ihnen die Erkenntnis des Guten und Schönen erwecken. Wenigstens eine Schrift und feinere Handwerkstechniken, Holzhäuser oder zumindest verbesserte Zelte. Wir könnten ein Abkommen schließen: Frieden zum beiderseitigen Nutzen. Wir schenken ihnen unser Wissen und sie überlassen uns ihre unermesslichen Bodenschätze, die sie ohnehin kaum zu nutzen wissen. Ihr wunderbares Eisen vergeuden sie für plumpe Waffen, als gäbe es nichts Wichtigeres in der Welt.
Aber sie bersten vor Haß; wahrscheinlich aus Neid gegen unsere Freiheit und Schönheit und unseren geistigen Reichtum - wenn sie ihn denn erkennen."
"Ich glaube nicht, dass sie wahre Schönheit erkennen - auch nicht, wenn man sie mit der Nase direkt hinein stößt. Sieh dir doch nur diese grellen Farben an, mit denen sie alles in ihrer Reichweite verunstalten. Und so sehen alle Yrch aus. Sie begreifen weder die Götter, noch die göttliche Schönheit der Natur. Ein weiterer Hinweis auf ihre künstliche Entstehung: sie lieben die Farben der Dämonen," ereiferte sich der Bote, der es ja schließlich wissen musste.
"Ja, da hast du Recht," stimmt Yuf ihm zu. "Trotzdem hasse ich es, sie wie Tiere abzuschlachten. Doch wilde Tiere sind sie; einmal losgelassen kämpfen sie wie Berserker und fallen erst um, wenn man ihnen den Schädel spaltet. Viele gute Orks werden dabei ums Leben kommen."
Nach einer Pause meinte Ila leise: "Komm, lass uns nach den Wargen schauen, ich möchte diese Bestien nicht mehr sehen."

***

"Da, sieh, das Orklager," erklärte Joram, der fürstliche Bogenschütze seinem Freund Lias.
"Was tun sie? Warum greifen sie nicht an?" fragte der.
"Scheint's sie warten, dass wir angreifen"
"Wie gräßlich; wenn ich mir vorstelle, in dieses dreckige Lager stürmen zu müssen: sicher tritt man bei jedem Schritt in schlecht angelegte Latrinen - falls die so etwas überhaupt kennen."
Joram nickte und fügte hinzu: "Sie haben nicht mal Platz geschaffen für das Lager, sondern es einfach zwischen die Sträucher gequetscht. Ich würde da nicht wohnen wollen, aber immerhin schützt sie das vor Bogenschützen."
"Ja, und in diesem Verhau aus Zelten, Gebüsch und Abfallhaufen kommt auch niemand schnell voran - gutes Gelände für Hinterhalte. Aber so sind sie, die Orks: fürchten den ehrlichen, offenen Kampf und verlassen sich lieber auf tückische Bergkämpfer-Taktiken. Abscheuliches Volk." Lias spuckte aus.
"Das stimmt. Wahrscheinlich haben wir ihre einzige feste Siedlung niedergebrannt, und jetzt versammelt sich der ganze Clan, um Rache zu üben. Wären es Menschen, sagt der Fürst, einem so kläglichen Haufen würde Kapitulation angeboten; aber Orks... diese bestialischen Wesen muss man ausrotten, sonst bringen sie immer und immer wieder Unheil über die zivilisierte Welt."
"Sind die Orks Irrtümer der Natur oder haben sie tatsächlich einen übernatürlichen Ursprung?" fragte Lias.
"Hast Du schon mal eine Ork-Frau gesehen? Na also. Dämonen schufen und schaffen sie noch, als Werkzeuge gegen die Menschen, die Diener der Götter."
"Ob es Ork-Frauen gibt oder nicht, weiss ich nicht. Wer möchte sich die Biester schon so genau ansehen? Wenn sie aber Weibchen besitzen, sind die bestimmt genauso kampflüstern wie die Männchen und ihnen fehlt die Zeit, Kinder großzuziehen."
"Orks kümmern sich ohnehin nicht um den Nächsten. Wenn es Kinder gibt, müssen sie wohl alleine Überleben oder Sterben."

"Sieh nur, dort glotzen zwei herunter." Joram zeigte auf die beiden Orks auf der Plattform.
"Wir sollten sie angreifen, bevor sie sich organisieren können," hetzte Lias.
"Nein, sie hatten seit dem Angriff auf ihr Lager genügend Zeit, einen Hinterhalt zu planen. Wenn sie heute nacht nicht heraus kommen, aus ihrem Loch, werden wir sie beim Morgengrauen angreifen. Aber nicht vorher - das haben die Fürsten so abgesprochen,"
"Ich frage mich, wie sie immer so leben können, in unbequemen Zelten. Wahrscheinlich weht der Wind herein und der Rauch nicht hinaus und alles ist voller Ungeziefer und Dreck. Ich selbst bin jedenfalls froh, wenn wir wieder in die Stadt zurückkehren können, dabei genießen wir sicher viel mehr Bequemlichkeiten als diese Halbtiere."
"Du sagst es, Halbtiere. Die schlafen auch im Schmutz und fühlen sich wohl. Ich frage mich eher, wie sie sich ernähren, denn eins ist sicher: Auch widernatürliche Ungeheuer müssen auf dieser Welt fressen. Doch man sagt, ihr Land sei karg und vergiftet von den dämonischen Kräften, die dort walten."
"Ja, selbst unser herbstlicher Wald muss ihnen wie eine Oase der Fruchtbarkeit erscheinen." Lias ließ seinen Blick über die kahle Landschaft schweifen.
"Wohl kaum," widersprach Joram. "Sie wissen die Schönheit der Natur sicher nicht zu schätzen und verschwenden keinen ihrer zerstörischen Gedanken an Schöpfung und das Erblühen des Lebens."
"Stimmt auch wieder. Hast du beim letzten Angriff gesehen, welch abscheuliche Amulette sie tragen? Fratzen und asymmetrische Ornamente, alles in schlammbraun und schimmelgrün - wohl auch mit diesen Mitteln gefärbt!"
"Ausdruck des Grauens, das sie über die Welt bringen wollen," bekräftigte Joram.
"Ebenso wie ihre Kleidung, wenn man diese Fetzen so nennen mag. Sie behängen sich mit schlecht gegerbten Fellen und Lederstücken, die gegen den Wind stinken. Vielleicht hoffen sie, wir fallen durch diese Ausdünstungen in Ohnmacht", spekulierte Lias.
"Nein, ich glaube, sie benutzen allerlei Ekligkeiten als Parfüm, weil sie ihren eigenen Körpergeruch nicht ertragen." Die beiden lachten.

Nach einer Weile sagte Lias leise: "Ich möchte nach Hause."
Joram legte seine Hand auf den Arm seines Freundes. "Du vermißt deine Frau sehr, nicht wahr?"
"Ja, und meine beiden Kinder. Wie gerne wäre ich bei ihnen, in einem sauberen Haus, mit einem bequemen Bett und weit weg von allen Orks."
"Ich verstehe dich sehr gut," sagte Joram. "Zwar habe ich kein warmes, sondern nur ein kaltes Bett," er zwinkerte Lias zu, "aber auch das ist weicher als ein Feldbett. Weißt du, manchmal tun mir die Orks richtig leid: Schlafen stets auf dem harten Boden, sind allen Wetterwechseln ausgesetzt, müssen immerzu ihre eigene Regel- und Wahllosigkeit ertragen. Vielleicht erkennen sie es nicht - dann sind sie glücklich, wie sie sind - aber vielleicht könnten sie die Mächte des Chaos abschütteln, wenn man ihnen den Sinn für klare Strukturen beibringen könnte, wenn man ihnen sagte, dass Erdulden und Zerstören nicht alles ist, sondern dass Erschaffen und Formen Kultur ausmacht, uns zivilisiert."
"Sie sind Tiere," antwortete Lias. "Einen Hund kann man dressieren, aber nicht einen Wolf, und denken können beide nicht."

***

Morgengrauen. Das Heer der Menschen - von den Orks "Yrch" genannt - zieht aus der Ebene auf das Orklager zu. Trommeln wirbeln, Fanfaren stoßen, Stiefel marschieren. Fußsoldaten mit Schwertern marschieren voran, Bogenschützen gehen in Stellung auf alles zu schießen, was sich bewegt.

***

"Geh nicht hinaus," bat Yuf.
"Ich muss," sagte Ila, ernst und verschlossen ob seiner schweren Aufgabe.
"Es hat noch nie etwas gebracht, einen Botschafter zu schicken. Sie erkennen keine freundlichen Gesten an. Sie sind blutrünstige Bestien ohne Gnade und Orklichkeit."
"Dennoch: der König will es so. Es wäre besser für beide Seiten, wenn wir uns einigen könnten."
"Der König schickt dich in den Tod," ereiferte sich Yuf. "Außerdem sind es nur Tiere! Willst du dem Bären einen Waffenstillstand anbieten?"
Ila schluckte. "Ich muss gehen," sage er fest.
Yuf sah ihm nach, als er durch das Tor schritt, hoch aufgerichtet, in feine Pelze gehüllt, den Zeremonienstab mit der Friedensfahne in der Hand.

***

Ein stattlicher Ork tritt aus dem Tor. In der Hand trägt er einen mit Fratzen verzierten Stab, an dem ein roter Wimpel flattert. Er verneigt sich mehrmals, macht seltsame Gesten, rammt den Stab vor sich in die Erde, spricht magische Worte, die über das Heer hinweg brausen.

***

Die Menschen beobachteten erstarrt das fremdartige Ritual. Was tat dieser Ork da? Weihte er den Boden mit Blut? Beschwor er unheilige Wesen, ihm zur Seite zu stehen? Welche Teufelei mochte diese Kreatur aushecken?
Ilas Arm zitterte, er hatte den Bogen schon gespannt und wartete auf das Zeichen seines Fürsten. Der glotzte nur den in stinkende Felle gehüllten und mit mißgestalteten Fetischen behängten Ork an. Ila blickte sich um: alle beobachteten den Ork vor dem Tor. Dieser Schamane behexte das ganze Heer! "Die Falle schnappt gleich zu," dachte er.
Der fürstliche Schütze zielte sorgfältig. Er war der einzige, der das Heer noch retten konnte. Nichts durfte schief gehen, denn es gab wahrscheinlich nur eine Chance.
Die Bogensehne knallte, als der Pfeil davon schoß. Der Ork zuckte bei dem Geräusch zusammen, dann starrte er zugleich traurig und wissend auf den Pfeil, der aus seiner Brust ragte. Er brach lautlos zusammen.

md_julia.gif

Julia Bergius

Gib dem Autor Feedback! Drück Deine Meinung!
Diesen Artikel fand ich:

Der Digest (MD/DRoSI/Archont)

© Copyright by Dogio