Shar'enyo-keyi
oder
Die Königin und der Morgenstern
(Fantasy, Janina Radny, 09.10.1999)

Es heißt, daß vor langer Zeit, als die Himmel über Anderswelt noch dunkel waren, der Ort, wo sich heute die Gestirne tummeln, leer war. Damals zog Dan'u, die Tochter aus Licht, noch frei durch den Himmel, begleitet nur von Wind und Sonne. Sie wanderte durch die Jahrhunderte und Jahrtausende, frei und ungebunden durch die Realitäten, als könne keine Grenze sie halten.

Doch dann geschah ein Unglück. Denn ihre Schwester, der silberne Mond, der auf seiner Bahn gefangen war, hegte üblen Neid gegen Dan'u. Jara verführte ihre Schwester zu einem Spiel, in dem Dan'u sich selbst verlor. Und so sucht sie die Splitter ihrer Seele, die seither als Sterne am Himmel stehen, bis heute.

Und wenn eine Sternschnuppe fällt, so heißt es, dann kommt irgendwo ein Wechselbalg der Sterne zur Welt, das geboren wird, hell erstrahlt, und dann ins Nichts verglüht.

Es geschah vor langer Zeit, nicht sehr lange nachdem die Shedea aus Ban'shey-lin verbannt und in die neue Welt, nach Nur'she-than, gekommen waren. Es war jene Zeit, als sich die Drei Häuser der Nebel sich in die Sechs Völker aufspalteten und ihre getrennten Wege gingen.

Die Faol nach Norden, die Auriin gen Süden und die Shavano blieben im Westen.

Die Auriin, die zu jener Zeit noch den Namen Aino'tan trugen, wurden von einer Prinzessin ihres Volkes geführt, der Tochter einer berühmten Fürstin ihres Volkes, Sahviar Sturmbringerin. Ihr Name war Auriin.

Auriin führte ihr Volk tapfer, denn sie hatten einen anstrengenden, weiten Marsch zu bewältigen und das Land war ihnen fremd. Viele Gefahren hatten sie überwinden müssen, viele Entbehrungen nahmen sie hin. Es gab Krankheit und Tod, Leid und Schmerz, doch Auriin blieb ihnen trotz ihrer noch so jungen Jahre wie der Fels in der Brandung stehen und führte sie so sicher und stark wie der Adler im Sturm segelt.

Und schließlich, nach Jahren des rast- und ziellosen Umherirrens, gelangten die Aino'tan ans Meer. Als sie das Meer erblickten, wie es weit und endlos, scheinbar ohne Beginn und wirkliches Ende wie die Ewigkeit am Sand der Dünen leckte und geduldig die Möwen auf seinen Wellen wiegte, da wußten Auriin und ihr Volk, daß sie ihre Bestimmung am Meer gefunden hatten.

Auriin befahl, Schiffe zu bauen, denn durch die Augen der Adler, die mit ihr flogen, hatte sie ein großes Stück Land inmitten des Ozeans entdeckt, wo sie fernab von den anderen Völkern und weit vom Streit der Shedea getrennt, ein neues Leben für ihr Volk und das ihrer Mutter aufbauen wollte.

Es gelang gut und so erreichten die Aino'tan bald eine große Insel aus Fels und Dünen, die sie Jun'ak élis'en-jar nannten, "die-von-den-Wellen-träumt".

An der südlichsten Spitze der Insel, wo ihre ersten Schiffe mit dem Bug den Sand berührten, gründeten sie eine Stadt namens tunäi'i-tinu'kai'i, was "Gesang des Meeres" bedeutet. Um niemals wieder dem Ozean, der von nun an ihr Seelenbruder war, fern sein zu müssen, bauten sie tunäi'i-tinu'kai'i halb an Land und halb auf Pfählen im Wasser. Die Stadt wuchs nur sehr langsam - in den ersten Jahren schlief man nur unter freiem Himmel, denn um Pfähle und Plattformen zu errichten, brauchten die Aino'tan alle Zeit und konnten nicht an den Bau von Häusern denken, doch es machte ihnen nichts aus, denn sie liebten den Wind der See und auf Jun'ak élis'en-jar wurde es selbst in den Winternächten niemals kalt. Mehr und mehr verbündete Auriins Volk sich mit dem Meer und ganz besonders mit den Delphinen, die sie "Brüder der Wellen" riefen. Als schließlich die Zeit kam, um Häuser zu bauen, mochte keiner aus dem Volk sich mehr vom Meer trennen, und so schmolzen sie aus dem Sand und Quarz der Insel Glas und Scherben in wundervollen Farben und errichteten daraus ihre Häuser.

So wurde aus tunäi'i-tinu'kai'i die schönste Stadt unter dem Himmel von Nur'she-than. Es gab dort Häuser, Türme und Hallen wie Kathedralen aus Glas, die so grün wie das Meer an warmen Tagen waren, dann türkisfarbene und blaue, welche die Farbe von unendlich schönen Lagunen hatten, sturmgraue wie die Wellen unter einem Gewitter und violette wie der Horizont um die Insel, wenn die Sonne den Ozean küßte. Alle waren so wild, unbändig und verrückt wie der Tanz der Wellen. Keines glich dem anderen und jedes war ein kleines Wunder, doch das schönste Gebäude war der Palast der tausend Farben, den sie Auriin zu Ehren errichtet hatten. Und auch ihr zu Ehren legten sie ihren Namen Aino'tan ab, denn zuviel Verlust und Schmerz lag in diesem Namen, den sie in Ban'shey-lin getragen hatten, und sie nannten sich fort an das Volk der Auriin.

Auriin regierte viele Sternläufe weise und gerecht über ihr Volk. Unter ihrer Hand vereinigten sich die großen Völker wieder und selbst die drei neuen Häuser der Stacyei, Tilkaa und Otwano schlossen sich dem Frieden zwischen den Unsterblichen an. Doch auch Auriin wurde schließlich alt und schwermütig und als sie ihre Jahrtausende nicht mehr an den Fingern zählen konnte, gab sie die Krone aus Meerschaum an eine andere, von ihr geliebte Tochter der Auriin ab, Jashia Windsang, und zog sich an das nördliche Ufer der Insel zurück, dorthin, wo von den hohen Klippen die Schwingenschiffe in die aufgewühlte Meeresluft abgeschossen wurden und ihre Gäste weit über das Land brachten.

Oft sah man Auriin in Sturm und Sonne, bei Tag und bei Nacht am Rande der Klippen stehen und die Adler beobachten, die auf dem Felsen, der vor dem Lufthafen in der Brandung stand, ihre Nester bauten und ihre Jungen aufzogen, um ihnen beizubringen, auf dem Wind des Meeres zu segeln, frei und ungebunden.

Sie lernte, mit den Adlern zu sprechen und schloß Seelenverwandschaft mit den wilden Vögeln von Akors, wie man den Adlerfelsen nannte.

Und eines Tages stand sie am Rande der höchsten Klippe, breitete die Arme wie Adlerschwingen aus und sprang in die Tiefe. Dann schwamm sie davon, begleitet von den Adlern, und ward nie mehr gesehen.

Doch ihr Volk, das Volk der Auriin bewahrte ihr Andenken als das der größten und am meisten verehrten Königin, die das Volk der Shedea jemals gehabt hatte.

Hier endet die Geschichte.

Denn hier beginnt eine Legende.

Hier beginnt Auriin Ash'iràs wahre Geschichte.

Jashia Windsang war eine milde Herrin über den Auriin. Sie war Magierin und lehrte ihr Volk, das ihr gerne folgte, die Liebe zur Magie und machte aus den Auriin das Volk der Magier. Das Volk blühte und wuchs; bald waren sie als die besten Seefahrer und stärksten Magier bekannt und verehrt.

All dies verdankten sie Jashia und noch viel mehr Auriin.

Eines Nachts, es mochten drei Jahre seit dem Verschwinden der großen Königin verstrichen sein, da hatte Jashia einen Traum. Es war kein wirklicher Traum, denn Träume sind Gespinste aus Wünschen und Ängsten und so flüchtig und ungreifbar wie Nebel in der Morgendämmerung. Nein, es waren Auriins Gedanken, die sie träumte. Die alte Königin schickte ihrer Nachfolgerin ihre letzten Erinnerungen, bevor sie ihr Volk endgültig verließ und verging.

Und dies ist, was Jashia träumte:

Die Sonne senkte sich langsam zum Meer herab. Wie ein glühender Feuerball berührte sie die Oberfläche des Ozeans und versank in seiner ewigen Umarmung. Der Himmel war so voller Farben, daß sie glaubte, durch einen Regenbogen auf die Welt zu sehen.

Irgendwo stiegen die ersten Sterne auf und funkelten schwach gegen das dämmrige Abendlicht. Die Adler vom Felsen kreisten lautlos in der warmen Meeresbrise.

Sehnsucht erfüllte ihr Herz, als sie ihren geflügelten Gefährten zusah, wie sie so frei und ohne Grenzen durch die Luft segelten, anmutiger sogar noch als die Schwingenschiffe ihres Volkes.

Die Sonne war inzwischen untergegangen und als sie den Blick nach oben wandte, sah sie plötzlich in dem so unendlich tiefblauen Himmelszelt hunderte und tausende winziger, endlos weiter Sterne, die sanft glommen und ihr dünnes, silbernes Licht wie Magie auf die Erde sandten. Im Osten kündigte ein neuer Schimmer an, daß Jaras trauerndes Auge, der langsam abnehmende Mond, sich anschickte, erneut aus den Reichen des Horizontenfürsten aufzutauchen, und den Kindern Dan'us die Nächte zu erhellen, wie sie es seit jeher tat, aus Scham über ihre Tat, als sie ihre Schwester Dan'u zu Sternen zerstreute.

Sie atmete tief ein. Noch nie war sie sich des Wunders der Firmamente so sehr bewußt geworden, wie in diesem Moment. Lange stand sie da, schweigend und reglos, über ihr nur die Unendlichkeit des Himmels und die geduldige Ewigkeit des Ozeans um sie herum. Jun'ak élis'en-jar, die-von-den-Wellen-träumt, erschien ihr plötzlich so unendlich winzig und klein, so unendlich verloren in all der Weite, daß ein enger Ring sich um ihr Herz legte und eine tiefe Betrübtheit sich um ihr Herz legte.

In diesem Moment stürzte ein Stern vom Himmel, glühte hell auf, als wolle er um Hilfe flehen, und verschwand dann im Meer. Sie blickte lange an diese Stelle.

Dann breitete sie ihre Arme wie Adlerschwingen aus und stürzte sich von den Klippen, um in den Ozean einzutauchen, bis zum Horizont zu gehen und nie wieder zurückzukehren.

Sie schwamm ein Jahr und einen Tag ohne Unterbrechung. Die Adler flogen lange mit ihr, doch irgendwann erlahmten die Kräfte der Vögel; sie fielen zurück und wer von ihnen nicht umkehrte stürzte vom Himmel und ertrank.

Selbst die Delphine von Jun'ak élis'en-jar konnten sie schließlich nicht länger begleiten und so war sie schließlich alleine unter dem endlosen Himmel.

Doch sie ließ sich nicht von ihrem geheimen Ziel abbringen und schwamm unermüdlich weiter zum Horizont, um die Stelle zu finden, wo der fallende Stern ins Wasser getaucht war.

In ihrem Rücken ging die Sonne auf, stieg über ihrem Kopf durch den Himmel und senkte sich vor ihrem Gesicht wieder ins Meer hinab, um dem Mond den einsamen Weg durch die blaue Weite zu überlassen.

Weiteren fünf Sonnenuntergängen schwamm sie so entgegen, nun ganz verlassen von allem außer ihrem Traum vom Horizont, bis sie plötzlich eine weitere Insel vor der Abenddämmerung erblickte. Da bemerkte sie auch, wie müde das Schwimmen sie gemacht hatte. Selbst für eine ihres Volkes, dem Volk, daß mit dem Ozean Seelenverwandschaft geschlossen hatte, war so lange Zeit zu schwimmen mehr, als sie ertragen konnten.

So schwamm sie auf die Insel zu und kroch auf den Strand. Als sie versuchte aufzustehen, versagten ihre Beine unter der plötzlich so ungewohnten Bewegung und gaben nach; sie sank im Sand zusammen und schlief sofort ein.

Den ganzen Tag schlief sie, und die ganze Nacht, und noch einen Tag und noch eine weitere Nacht. Während ihrem Schlaf hatte sie geträumt.

Sie hatte geträumt, ein kleines, helles Licht, so sanft wie ein Stern sei zu ihr gekommen und habe sie beobachtet, während sie schlief. Und während es sie im Traum beobachtete, hatte seine unbestimmte Form sich langsam zu einer seltsam vertrauten, und doch so fremden Gestalt verändert, doch bevor sie entdecken konnte, was für eine Gestalt, war der Traum verblichen und sie erwachte.

Als der Schlaf sie verließ, fand sie sich an einem verlassenen Sandstrand wieder. An ihren Füßen leckte geduldig das noch nachtdunkle Meer, während hinter ihr bereits die Dämmerung eines neuen Tages aufstieg.

Vor ihr erstreckte sich ein Wald, wie sie noch niemals einen gesehen hatte. Die Bäume waren sehr hoch und so unendlich fremdartig, daß sie zuerst dachte, sie sei bis zurück zur Anderswelt geschwommen.

Nie zuvor gehörte Vogel- und Tierstimmen und ein alles ergreifender, exotischer Geruch umgarnten ihre Seele, schrill und bissig, aber gleichzeitig so süß und verlockend wie eine leckere Frucht.

Sie erhob sich vorsichtig und taumelte mit unsicheren, unbeholfenen Schritten über den fast weißen Sand zum Wald hin. Mit der Bewegung kam auch die Vertrautheit für das Gehen und sie gewann wieder ihre Sicherheit und die Anmut der Shedea in ihre Schritte zurück. So trat sie dann in den Wald ein und es war, als betrete sie eine vollkommen fremde, durch nichts mit dem Rest der Welt ähnliche Wirklichkeit, die vollkommen von der Außenwelt unabhängig schien, und nur durch und auf sich selbst begründet war.

Sie war in der wilden Wald gekommen.

Ohne Ziel und ohne die Zeit zu bemerken streifte sie durch den Wald, der so dicht war, daß sie ihn kaum durchdringen konnte. Flechten, Ranken und Lianen hingen von den Bäumen und phantastische Blumen, deren Duft so süß und kräftig war wie Sommerregen, blühten und leuchteten überall.

Sie erblickte Vögel, deren Federn unendlich schön waren und die glitzerten wie tunäi'i-tinu'kai'i in der Abendsonne. Manche dieser Vögel waren winzig wie der Finger eines Kindes und schwirrten wie fliegende Edelsteine durch die Luft, um den süßen Nektar der Blüten zu trinken. Es gab hunderte von Insekten - Käfer mit herrlichem, schillerndem Panzer, Falter von nie gesehener Schönheit und andere Wesen, denen sie kaum einen Namen geben konnte.

Auch grüne und bunte Schlangen erspähte sie und seltsame orangehaarige Tiere, die die Gesichter von Sterblichen hatten.

Über all dies war sie so erstaunt, daß sie es nicht bemerkte, wie es Abend wurde. De Luft war drückend schwül und es war sehr heiß geworden. Sie spürte, wie der Schweiß ihren Nacken herab rann und an ihrer Haut klebten Moskitos und andere Blutsauger, die sie stachen und juckende Stellen hinterließen.

Ihre Füße waren inzwischen wund und ihre Sinne überreizt von diesem plötzlichen Überangebot an Sinneseindrücken, das sie nach der ewigen Leere der Wasserwüste des Meeres überrannte.

Eine große Müdigkeit überkam sie und sie sehnte sich zurück zu den ihren auf Jun'ak élis'en-jar. Stöhnend fuhr sie sich durch das schweißfeuchte, verklebte Haar und zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch bereute sie plötzlich, daß sie dem Horizont gefolgt war.

Ihren Traum, den gefallenen Stern zu finden, hatte sie inzwischen fast vergessen.

Da berührte ein feuchter Tropfen ihren Arm. Und noch einer. Mit lautem Donner brach ein gewaltiger Regen über sie herein, wie sie noch niemals einen erlebt hatte und kaum einen Atemzug später stand sie zitternd und vollkommen durchnäßt in dem großen, fremden Wald, vollkommen verlassen und auf sich allein gestellt und sie fühlte sich auf ein Mal so verlassen wie noch nie in ihrem langen Leben.

Unter den prasselnden Tropfen bemerkte sie die salzigen Tränen nicht, die aus ihren Augen brachen, und ihr zeigten, wie verzweifelt sie wirklich war.

Da erblickte sie durch den Regen ein Licht. Kein wirkliches Licht, nein, eher etwas schimmerndes, weißes, wie Perlmutt, das leise im Mondlicht funkelte.

Sie schritt langsam darauf zu.

Und dann entdeckte sie ein Kind, einen kleinen Jungen, der ganz allein dort im Regen stand. Seine Haut war rein und leuchtend hell wie Sternlicht, daß sich auf den Meereswellen spiegelte. Seine Augen waren von tiefstem Blau wie der Nachthimmel und seine Haare so silbern wie Mondlicht.

Lange Zeit standen sie sich so gegenüber und sie vergaß vollkommen die Zeit, so sehr war sie von dem Anblick des Kindes gefangen und sie bemerkte es nicht mehr, wie der Regen auf sie niederprasselte und ihre Haare zu nassen Strähnen machte, die sich lang über ihren Rücken schlängelten.

Doch der Knabe streckte vorsichtig seine kleine Hand aus und ergriff die ihre, um sie zu führen. Sie folgte ihm und so brachte er sie zu einer Höhle, die weiter im Wald lag. Dort suchten sie Zuflucht vor dem Regen.

Lange Zeit schien es, als wolle das Wasser nicht aufhören, vom Himmel zu fallen, doch als der Regen schließlich aufhörte, war es schon spät am Abend und die Dunkelheit ergriff Besitz von dem Wald. Die drückende Hitze war zum Glück jedoch mit dem Regen gewichen und dichte Nebelschwaden zogen träge durch die Bäume und hüllten die bunten Blüten und schlafenden Tiere in einen schützenden, silbernen Schleier. Dennoch war längst nicht alles Leben aus dem Wald gewichen. Noch immer erfüllten Vielzahlen von Nachtvögeln, Insektenstimmen und dem Brüllen anderer, ungekannter Tiere die Nacht und fasziniert lauschte sie ihnen; bis sie bemerkte, wie der Kleine vor Kälte zitterte.

Sie erschrak darüber und war zuerst zu verwirrt, um etwas zu tun; dann stand sie kurz entschlossen auf und suchte noch Reste trockenen Holzes, von dem es trotz des Regen wegen dem dichten Unterholz noch etwas zu finden gab, zusammen, um sie zu stapeln und mit Hilfe der Magie brachte sie schließlich ein Feuer in Gang. Dann rückten beide eng am Feuer zusammen und sie wiegte ihn in den Armen und sang ihm ein Schlaflied, bis sie schließlich beide am frühen Morgen, als die Sterne verglühten, einschlummerten.

Sie wurde erst wieder am frühen Abend des nächsten Tages geweckt, als der Kleine sich bereits aus ihrem Arm geschlichen hatte und verschwunden war.

Erschrocken fuhr sie hoch und sah sich in der leeren Höhle um, die nur noch schwach von den verglimmenden Resten des Feuers erleuchtet wurde.

Da erblickte sie draußen vor der Höhle plötzlich einen plötzlich aufblitzenden Lichtschimmer. Schnell sprang sie auf und jagte ihm nach.

Doch obwohl sie so schnell durch den Wald rannte, wie ihre Beine sie trugen, war es ihr unmöglich ihn einzuholen oder auch nur näher zu kommen. Oft verlor sie ihn sogar vollkommen aus den Augen, doch dann erblickte sie ihn wieder im Augenwinkel und lief ihm nach so schnell sie konnte.

Sie bemerkte nicht, wie ihre Jagd sie tiefer in den noch vom Regen dieses Abends feuchten Wald und auf den einzigen, sehr hohen Berg der Insel führte.

Und plötzlich trat sie aus dem Wald heraus auf ein großes Plateau, das von hohem, wiegenden und singendem Gras bedeckt war.

Dort, am Rand des Plateaus, wo der Fels steil abfiel, stand der Junge, die Arme ausgebreitet, als wolle er einen Unsichtbaren umarmen und den Blick zu den Sternen gerichtet. Das Licht schimmerte silbern auf seiner Haut und er schien fast selbst wie ein winzig kleiner Stern, verloren auf der Erde.

Sie verharrte in ihrem Schritt, denn sie wollte nicht mehr weitergehen, um die Magie dieses Augenblicks nicht zu stören oder gar zu zerstören.

Doch da drehte sich das Kind um und sah sie mit seinen großen, nachtblauen Augen an - und lächelte wie ein kleiner Stern.

Und da erkannte sie seinen Namen.

Shar'enyo-keyi.

Der Leuchtende.

So unirdisch und fremd erschien er ihr in diesem Augenblick, daß sie es nicht länger wagte, ihn beim Namen zu nennen oder ihn zu berühren. Aber der Junge kam auf sie zu, mit so leichten Schritten, als würde er schweben, und schloß sie in die Arme, um seine stille Freude mit ihr zu teilen.

Da wußte Auriin, Königin der Meereselfen, Tochter von Sahviar Sturmbringerin, daß sie einen Sohn gefunden hatte.

Als der Morgen graute, zogen sie und das Kind zurück ins Tal. Auriin säuberte die Höhle und sie begannen, sie wohnlich zu machen.

Drei Jahre lang hausten sie dort und es war eine gute Zeit. Sie lernte ihren Sohn kennen, doch niemals erfuhr sie alles über ihn; ein unantastbares Geheimnis blieb ständig zwischen ihr und dem Kind, daß niemals sprach und schimmerte wie ein Stern in der Dämmerung.

Doch Auriin liebte ihn wie ihren eigenen Sohn, den sie nie gehabt hatte.

Je älter Shar'enyo-keyi wurde, desto öfter unternahm er einsame, ausgedehnte Streifzüge, und immer lenkten seine Schritte ihn zu jenem Ort, von wo aus er alle Sterne überblicken konnte. Des Morgens, wenn auch der letzte Stern verblaßt war, kehrte er zurück in die heimatliche Höhle und schlief den Tag über, bis das Abendlicht ihn sanft weckte und er erst einige Stunden mit seiner Ziehmutter verbrachte, bevor es ihn erneut zu den Sternen zog.

Auriin betrachtete dies mit ebensoviel Liebe und Zärtlichkeit wie mit der bangen Erwartung, irgend etwas würde geschehen, daß sie nicht abzuwenden vermochte und diese düstere Vorahnung machte ihr Herz klamm.

Doch stets kehrte Shar'enyo-keyi zurück, schmiegte sich in ihren Arm und ließ sich in den Schlaf wiegen.

Bis auf ein einziges Mal.

An diesem Morgen erwachte Auriin einsam. Sie blinzelte nach draußen, um nachzusehen, ob es denn überhaupt schon die Zeit war, in der Shar'enyo-keyi zurück zu kehren pflegte, und es war sogar schon über der Zeit und dünne Lichtlanzen tanzten durch den aufsteigenden Frühnebel.

Eine enge Klammer legte sich um ihr Herz und sie wußte, was immer auch hatte passieren müssen, nun war es geschehen.

Der Moment, vor dem sie sich drei Jahre lang gefürchtet hatte, war gekommen.

Sie sprang auf und stürzte nach draußen.

"Shar'enyo-keyi!" rief sie verzweifelt in den taufeuchten Wald. "Shar'enyo-keyi!"

Doch die einzige Antwort waren die schrillen Vogelschreie und das Brüllen des Jaguars.

Sie kämpfte die Tränen nieder und lief los, immer wieder über Baumwurzeln stolpernd und hörte nicht auf, seinen Namen zu rufen, in der verzweifelten, unsinnigen Hoffnung, doch noch seinen vergnügt funkelnden Mitternachtsaugen zu begegnen. Aber er war verschwunden.

"Shar'enyo-keyi!"

Sie stolperte den Hügel hinauf, ohne Achtung rannte sie durch den Wald, zerriß ein kunstvolles Spinnennetz, trat sich einen Dorn ein, doch alles war ihr in diesem Moment egal, dann alles, was zählte, war Shar'enyo-keyi, und mit ihm war etwas geschehen, daß sie sich nicht erklären konnte, und doch nur wußte, daß sie es fürchtete.

Als sie auf der Hügellichtung ankam, erblickte sie ihn und rief laut seinen Namen.

"Shar'enyo-keyi!"

Er drehte sich um.

Mutter.... rief das stumme Kind in seinen Gedanken und streckte die Hände nach ihr aus -

dann zerfloß er in gleißenden Licht und Auriin mußte die Augen verschließen, um nicht geblendet zu werden.

Als sie die Augen wieder öffnete, war Shar'enyo-keyi verschwunden. Am Horizont sah sie, wie ein Stern aufleuchtete, heller und größer als alle anderen, und verlosch dann im Tageslicht.

Auriin war wie gelähmt, als sie verstand, was geschehen war - und verstand, daß sie ihren Sohn unwiederbringlich verloren hatte.

Sie sank in die Knie und starrte blind an die Stelle, wo der helle Stern verglüht war, den ganzen Tag und bis weit in die Nacht und war selbst dann unfähig, sich zu rühren, als der Stern gegen Morgen wieder erleuchtete, bis schließlich die feurigen Schwingen des Dämmerungsvogel Atrïen ihn wie die anderen verschwischte.

Auriin barg das Gesicht in den Händen und wisperte voller Schmerz:

"Dan'u, große Sternschwester, gib ihn mir zurück! Bitte, ich flehe dich an, gib mir meinen Sohn zurück!"

Doch ihre Rufe verhallten ungehört in den Weiten des Himmels - Dan'u, die Seelenlose, war nicht in der Lage, ihr Flehen zu erhören.

Nur Atrïen lauschte ihrem Wispern. Und als seine Schwingen im Licht der Sonne untergingen, landete er bei ihr und fragte:

"Oh Auriin, stolze Königin, warum weinst du?"

"Mein Sohn, mein geliebtes Sternenkind wurde mir genommen und mit keiner Macht der Welt ist es mir möglich, ihn je wieder zu erreichen, es sei denn, ich könnte fliegen wie du!"

Der Vogel dachte nach.

"Es ist wahr, ich habe heute einen neuen Stern berührt. Ich hörte seinen Namen, so nah war ich. Shar'enyo-keyi. Ist das der, den du vermißt?"

"Ja! Er ist es! Und er hat den Namen, den ich ihm gab, nicht vergessen. Atrïen, sag mir, kannst du mir helfen? Kannst du ihm sagen, wie sehr ich ihn vermisse und daß er zu mir zurückkehren soll?"

Der Vogel senkte der goldenen Kopf.

"Es steht in meiner Macht, die Sterne zu berühren, aber mit ihnen zu sprechen ist mir verwehrt, denn ich jage sie und so fliehen sie mich und meine Klauen. Das mußt du selbst tun, stolze Auriin."

Sie seufzte und neue Tränen stiegen in ihre Augen.

"Dann sind wir beide für immer auseinander. Ich bin zu weit von ihm entfernt. Er wird mich nicht hören können."

Atrïen schlug mit den Flügeln.

"Sag niemals, alles sei verloren, Königin, bevor du dir nicht vollkommen sicher bist, und selbst dann gibt es noch immer einen Weg!"

"Dann sag mir welchen, Atrïen, sag mir welchen," flüsterte sie, ohne große Hoffnung.

"Nun ja, Königin. Es ist wirklich wahr, wenn du nur nah genug an ihn kommen würdest, dann würde er ich hören und vielleicht mit dir kommen." Er sah zum Himmel, der sich in tiefstem Blau zeigte, wie das Meer unter ihm. "Ich ziehe schon seit längerer Zeit als dein Volk denken kann durch den Himmel und künde die Sonne an. Und immer zog ich einsam. Die Einsamkeit ist mir verleidet, Königin, und ich sehne mich nach Gesellschaft auf meinen Flügen. Wenn du mich begleitest, dann kann ich dich bis zu den Sternen tragen und du wirst deinen Sohn zurück bekommen."

Auriin zögerte.

"Ich müßte, um mit dir zu kommen, alles andere zurücklassen. Das Leben, diese Welt, sogar meine Seele... Ein schwerer Handel, Atrïen."

"Man bekommt nur selten Geschenke in dieser Welt, Königin."

Auriin sah sich um und sah eine Welt, die ihr nichts mehr zu bieten hatte, eine Welt ohne jede Freude für sie und selbst ihr Volk war unendlich weit entfernt. Vom Rücken des Vogels aus, würde sie die Meerkinder sehen können - und wäre Shar'enyo-keyi nah genug, um ihn zu sich zu holen und mit ihm zurück nach Hause kehren zu können, zurück nach tunäi'i-tinu'kai'i.

"So sei es, Atrïen, ich werde mit dir kommen!"

"So sei es, Königin," erwiderte der Vogel und ließ sie auf seinen flammenden Rücken steigen.

Dann schlug er mit den Flügeln und stieg zurück in den Himmel, um am nächsten Morgen zusammen mit Auriin zu den Sternen aufzusteigen und nur eine leere, kalte Hülle blieb von der ersten Königin der Auriin zurück.

Seit diesem Tage jagt Auriin, die man seither Ash'irà, die Feuerreiterin nennt, mit Atrïen nach Shar-enyo-keyi, dem Morgenstern, doch sie kann ihn niemals erreichen, denn obwohl sie so leicht wie nichts war, waren sie und Atrïen zu schwer, so daß der gewaltige Vogel niemals schnell genug war, um die Sterne wieder einzuholen.

Doch Auriin Ash'irà wollte nicht aufgeben und so wird sie von nun an Jahr und Tag bis in alle Ewigkeit.

Und auch wenn tunäi'i-tinu'kai'i jemals im Staub versinkt und die Wellen um Jun'ak élis'en-jar versiegen sollten, wird das Volk der Auriin sich an ihre Geschichte erinnern und ihre Herzen werden ewig bei der Jägerin der Sterne bleiben, damit ihre erste und einzige Königin bis zum Ende der Zeit niemals in Vergessenheit gerät.

Und die Worte, mit denen sie Ash'iràs Geschichte schließen, sind seit Jahrtausenden stets die selben:

Möge sie finden, was sie sucht!

Ende?

Janina Radny
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