Die Kinder der Drachen
(Fantasy, Janina Radny, 05.08.1999)

Bashka'ra, Im Jahre der Götter 586, etwa 50 Jahre vor dem großen Kriege:

Obgleich schon Dunkelheit sich über den endlos weiten Himmel der Wüste breitete, waren die verwinkelten Gäßchen Bashka'ras noch immer erfüllt von den Rufen der Händler und den Düften oder Gestänken der von ihnen feilgebotenen Waren, welche dem Bazar von Bashka'ra sein einzigartiges, unvergleichliches Leben einhauchten.

Als die Dunkelheit sich auch still in die Straßen einschlich, und die Schluchten zwischen den Sand- und lehmfarbenen Häusern mit dem Schatten der Nacht füllte, wurden die zahllosen Fackeln und Öllampen, die neben Fenstern und über Hauseingängen an Haken hingen oder in bronzenen Halterungen befestigt waren, entzündet und unter dem Dach aus ockerfarbenem und weißem Tuch, das als Schutz gegen das heiße Auge Piloms wie ein Zeltdach von Nomaden auf hölzernen Stangen über die Straße gespannt war, schien es erneut zu dämmern.

Schwer und herb hing der allgegenwärtige Duft von Gewürzen in der trägen warmen Luft und aus den ungezählten Teehäusern der Stadt drang der Geruch von Opium und Wasserpfeifen, über welchen die alten Männer längst vergangenen Tagen nachsannen und die dem Liebenden den Abend noch schwüler und heißer erscheinen ließen, so daß er glaubte, im Schoße seiner Geliebten Sayani, die Göttin von Liebe und Lust selbst gefunden zu haben.

Und manch einer frönte dem süßen Rausch der warmen Drogen, so daß sich bald überall auf den Straßen kleine Grüppchen und große Kreise bildeten, in denen jeder eines anderen Freund sein durfte, ohne aus Kaste, Handwerk oder Rasse zu achten, und so fanden sich auch Zwerge und Elfen in den lachenden, redenden und lauschenden Gruppen ein, und die ganze Stadt schien unter Zejas göttlicher Hand zu ruhen und sich des Lebens zu erfreuen.

Und wie es an jedem Tag geschah, seit der Basar von Baschka'ra unter dem Antlitz Piloms brodelte und vielleicht schon länger, war die kurze Stunde der Wüstendämmerung die Stunde, in denen aus den Winkeln und Gassen der Häuser plötzlich leises Gemurmel drang und wispernde Stimmen still vom Leben längst in die Reiche der Götter heimgeholter Helden erzählten, und den staunenden Zuhörern andere Welten öffneten, die in ihrer geheimnisvollen Magie die Herzen verzauberten und sie wie durch einen Bannspruch fesselten und bis weit in die Nacht gefangen hielten, als wollten sie die Menschen für tausend und noch eine Nacht an sich ketten.

So durfte es auch in der großen Hauptstraße nicht an Erzählern und gespannten Kreisen von Zuhörern fehlen, die sich bereits erwartungsvoll um die Plätze der Märchenerzähler versammelten und warteten, bis ihre Ungeduld endlich gestillt würde, mit einer Geschichte, von der Zunge eines wahren Meisters erzählt. Da saßen sie nun in der warmen Abendluft, die warm und geschwängert vom Duft der Gewürze, Zimt, Safran und Opium war, und ließen sich vom einlullenden Schnurren und Rauschen der Völker berauschen und versammelten sich im Halbkreis um ihren Erzähler.

Eine besondere Menge hatte sich um das Verkaufsfenster des Teppichhändlers Onmar ub Rabadschin gesammelt, und die Zuhörer waren so bunt gemischt wie das Gefieder eines prächtigen Vogels. Kaufleute saßen auf dem nackten Boden neben Bettlern und der hellhäutige Nordländer unterhielt sich herzlich mit dem braungebrannten Wüstensohn und dem listig schauenden Waldfuchs. Selbst sah man, wie Elfen und Zwerge in der selben Masse saßen - wenn auch so weit wie nur irgend möglich voneinander entfernt, denn selbst die reine Liebe der Götter hätte diese Völker wohl nicht zusammenbringen können. Dennoch waren sie friedlich miteinander, so wie jeder in der Stadt, als hätten die Götter ein Wunder über den Basar ergehen lassen und den Sterblichen in dieser Nacht ihren süßesten ihren Segen erteilt.

Auf dem Auslagefenster des Teppichhändlers saß ein alter Mann mit langen, schneeweißen Bart. Er war weder besonders groß, noch besonders klein, noch hob er sich auf eine andere Weise von denen ab, die sich im Halbkreis um ihn versammelt hatten und ihm während ihrer geflüsterten Gespräche immer wieder erwartungsvolle Blicke zuwarfen. Einem Fremden, der nur einen kurzen Blick auf den scheinbar angehaltenen Augenblick warf, mochte es scheinen, als säße nur ein einfach alter Mann dort oben unter dem auf Stangen ausgebreiteten Teppich, der als Schutz vor der Sonne aufgehängt worden war, der gemütlich und unbeteiligt von dem Geschehen in seinen langen, wolkenweißen Bart hineindöste, und hin und wieder einen Rauchring aus seiner Wasserpfeife blies.

Dennoch schenkten die Männer, die reglos auf dem nackten Pflasterboden saßen, ihm mehr Aufmerksamkeit als selbst der schönen Alisha, die nur wenige Schritte von ihnen entfernt ihren grazilen, anmutigen Tanz mit dem fast unsichtbaren Schleier vollführte und sich verführerisch zu den klagenden Klängen einer Flöte wiegte und räkelte.

Der Geruch von Datteln, Feigen und scharfer Wüstenminze wehte durch die warme Nacht, während die Öllampen und Fackeln mit warmem Flackern und einem Tanz, der kaum weniger anmutig war als Alishas, die Dunkelheit verdrängten, als der Alte plötzlich seufzte und mit dem Blasen eines letzten Rauchrings die Pfeife zur Seite schob.

Er schloß die Augen und es schien, als schliefe er, doch das Verstummen der Menge um ihn verriet, daß dem nicht so war.

Und wirklich, da hob er seinen Blick und sagte:

"So bricht nun ein neuer Abend an, an dem ihr gekommen seid, um dem alten Jussuf und seinen Geschichten zu lauschen. Wohl denn, so laßt mich euch sagen: Die Wege der Götter sind alt und älter und die Taten ihrer Jünger auf ihren Pfaden ruhmreich."

Er verstummte, bettete kurz sein Kinn auf der Brust und sah sich sein Publikum schweigend an, einen nach dem anderen und schließlich schmunzelte er.

"Wie ich sehe, scheint die Gunst und Gnade, welche Götter mir zu meiner Geburt erwiesen, als sie mir die Zunge eines Erzählers gaben, selbst bis in die eisigen Länder des Nordens vorgedrungen zu sein, daß selbst die Kinder der Felsen und die Söhne des Waldes sich hier einfinden, um meiner vor der Herrlichkeit der Götter unwürdigen Zunge ihr erlesenes Gehör zu schenken", sprach er, und nickte den Zwergen und den Elfen zu, die freundlich seinen Gruß erwiderten. Dann sprach Jussuf, der Geschichtenerzähler schließlich weiter:

"Gerne möchte ich euch, meine Freunde, mit meinen Geschichten unterhalten und diesen Tag des Basars zu einem vergnüglichen Ende bringen, doch - ach, was beneide ich meine elfischen Freunde um ihre fortwährende Jugend - das Alter trocknet meine Kehle und das Sprechen fällt mir gar schwer. So muß ich euch für heute auf ein anderes Mal vertrösten, wenn denn die Götter wollen, daß ich auch morgen noch meine Stimme zu euch erheben kann. Doch kann es sein, daß ich meine Stimme wiederfinden könnte, sollte einer von euch, meine verehrten Freunde, die göttergefällige Barmherzigkeit besitzen, mir nur ein wenig Wasser abzugeben, womöglich mit Minze und Zucker gewürzt und nicht zu kalt, auf daß meine Kehle befeuchtet wird und meine Stimme wieder zu singen befähigt ist, wie der Klang einer göttlichen Nachtigall vor dem Fenster einer schönen Sultanentochter."

Die Zuhörer lachten und schnell sprang einer auf, um Jussuf den verlangten Tee zu holen. Dankend nahm der Erzähler ihn an und nahm einen Schluck aus der irdenen Teeschale, bevor er sie absetzte, und endlich begann, seine Geschichte zu erzählen.

"Ich sehe, daß einige meiner Zuhörer heute Nacht spitze Ohren besitzen. Meine Freunde, die Wege der Götter sind alt und älter und ruhmreich die Taten ihrer Jünger, doch heute will ich die Gelegenheit ergreifen, und euch eine Geschichte erzählen, die aus einer Zeit stammt, lange bevor selbst der erste Vorfahr meines Großvaters - möge seine Seele ewig im Lichte der Götter sein - geboren wurde.

Damals, in einer Zeit vor selbst den Göttern, deren Leben weder Beginn noch Ende hat, trug es sich zu in einem Lande, das so weit entfernt ist wie der Himmel und der Mond und noch weiter, daß dies wundersame Ding geschah, von dem euch heute zu erzählen es meine Aufgabe ist. Ich bitte euch, oh Brüder des Waldes, berichtigt mich, wenn meine sterbliche Zunge die Unwahrheit spricht, denn verworren sind die Gedanken des Nebels und klein mein Geist vor dem alten Volk.

So laßt mich nun beginnen.

Es gab eine Zeit, da war nichts an diesem Orte. Gar nichts. Nur eine entfernte Hoffnung des Lebens auf sein Erwachen und die fünf Urelemente der Anderswelt Sturm, Leben, Magie, Ruhe und Ewigkeit. Und da war ein Wesen, und es war alleine. Es hatte niemanden, mit dem es sprach und es hatte nichts, das es tat. Die Jahre vergingen in dem Lande, das eine Zeiten kennt, und noch immer war das Wesen allein. Und so wanderte es durch seine Welt und fand nur wenig, doch dieses wenige sammelte es und formte es in seinem Herzen zu unendlicher Stärke. Als es viel von dieser Kraft gesammelt hatte, mehr, als wir Sterblichen es uns jemals vorzustellen gewagt haben und mehr, als uns von den Göttern Kraft geschenkt wurde, um es zu ertragen, sprach das Wesen Magie und die Magie formte einen winzigen Samen, kaum so groß wie der Daumennagel eines Kindes. Das Wesen war ratlos, denn es wußte nicht, was es da geschaffen hatte und was es damit tun sollte. Dennoch pflegte und hegte es den Samen wie ein Kind und ließ ihm all die Kraft zukommen, die es selbst dereinst aufgenommen hatte. Und dann keimte der Samen und sproß in dem kargen Boden, genährt nur von der Liebe des Wesens und den Kräften der fünf Elemente. Und eines Tages war aus dem Samen ein prächtiger Baum geworden, so schön wie kein Baum selbst in den Gärten der Götter, auch wenn es euch wie Ketzerei vorkommen mag, doch die Götter mögen mir die Zunge im Munde verdorren lassen, spräche ich die Unwahrheit.

Das magische Wesen, das weder Gott noch Dämon und doch ein Stück von beidem war, erfreute sich an jenem Baume, dessen Kinder wir in den Reichen die nördlich der Schwester Wüste die Weiden nennen. So groß war seine Freude, daß es einen zweiten Samen schuf, und auch diesen pflegte es voll Hingebung, so daß ein Schwarzdornstrauch aus dem kalten Boden erwuchs. Das Wesen erschuf auch einen dritten, einen vierten und schließlich einen fünften und sechsten Samen, die Birke, die Eiche, die Erle und den Fingerhut.

Und so war ein kleiner Wald entstanden und fortan nannte das bisher namenlose Wesen sich Ayo'thaîr was bedeutet "Vater der Wälder".

Doch seht euch um, meine Freunde. Seht hinaus über die Grenzen von Baschka'ra, dort wo die Schwester Wüste gleichzeitig unsere wilde und wunderschöne Freundin und unsere grausame und unbarmherzige Feindin ist. Kein Baum hat die Kraft, in ihrem Boden zu wurzeln, denn niemals betritt Gorgol, der Gott des Wassers diese Lande, um ihm von seinem lebensspendenden Segen zu erteilen. Und so war es auch in jenem Lande.

Es fiel kein Regen und die fünf Pflanzen begannen zu dörren und zu welken. Als das Ayo'thaîr sah, und gezwungen war, mitanzusehen, wie seine fünf Kinder zu sterben begannen, brach er in großes Geheul aus und er ging und die Knie und schrie vor Verzweiflung, das selbst der blaue Himmel von Ban'shey-lin erzitterte.

So lange und so laut schrie er, daß schließlich die fünf Elemente, die in der Gestalt von fünf prächtigen Drachen in dieser Welt lebten, zusammenkamen, und Ayo'thaîr fragten, warum er denn so schrie.

"Aî", antwortete der daraufhin. "alle meine Kinder, sie verdorren wie der abgeworfene Schwanz einer Eidechse. Sie sterben, denn sie haben nicht genug zu trinken und ich bin wieder alleine."

"Dann soll es so sein", erwiderte Tod, der schwarze Drache, der Herr über das schwarze Tor in die anderen Welten war.

Ayo'thaîr stöhnte auf vor Verzweiflung, als er diese harten Worte des Drachen vernahm. Doch da sprach der Drache Magie, dessen Schuppenhaut die Farbe von lilafarbenen Orchideen hatte:

"Halt ein! Es ist nicht recht, sie sterben zu lassen, denn in dieser Nacht träumte mir, daß es einstmals andere Wesen außer uns und dem Vater des Waldes geben wird, und diese Wesen werden den sechs Auserwählten entspringen. Wenn wir es zulassen, daß diese Kinder sterben, dann wird der Traum von Magie niemals wahr werden können."

"Dann wird dieser Traum auf ewig weitergehen, oder ein neuer wird auferstehen und kommen, oh Schwester", sagte die silberne Ewigkeit, die sich schwingenschlagend neben ihnen nieder gelassen hatte.

"Oder", zischte der listige Sturm, der so blau wie die Dämmerung war, "wir helfen dem Erlkönig und retten diese Geschöpfe. Doch als Preis soll er uns seine fünf wertvollsten Schätze geben!"

"Alles will ich euch geben, doch rettet diese!"

"So sei es denn", sprach der grüne Drache, welcher Herr über Leben, Wasser und Erde war, und da ging ein Regen auf das Land nieder, so rein und nahrhaft, wie niemals Regen in dieser Welt zu fallen vermag. Schon einen Augenblick später erblühten die Pflanzen von neuem und viele andere wuchsen aus dem Boden, und dann war ein dichter Wald entstanden, so schön wie ein magischer Garten. Die sechs ersten jedoch waren so voll von Leben und Ayo'thaîrs Liebe, daß sie ihre Wurzeln aus der Erde zogen, und lebendig wurden wie wir.

So entstanden die Nymphen aus der Weide, das Einhorn aus der Birke und der Baumfürst aus der Eiche. Aus der Erle wurden die Waldgeister, aus dem Schwarzdorn die Kobolde und die Feen kamen aus dem Fingerhut.

Und so bevölkerten sie den endlosen Wald, der fortan Ban'shey-lin genannt wurde, was "der wilde Garten" bedeutet. Der See, der durch den Regen entstanden war, war fortan heilig und wurde "die Quelle des Lebens" genannt.

Überschwenglich dankte Ayo'thaîr den fünf Elementen und machte sich sogleich auf, um ihnen die fünf herrlichsten Schätze zu suchen, die in seinem Garten zu finden waren.

Doch Ban'shey-lin erstreckte sich weit und weiter, als nähme es kein Ende, vom Meer ohne Ende bis zum Gebirge, das die Sterne berührte.

Viele wundervolle Dinge fand Ayo'thaîr, doch er wußte, daß keines davon den Drachen genügen würde und so suchte er weiter und weiter, Jahrhunderte und Jahrtausende, und schließlich vergaß er, was er suchte und warum er suchte, doch er hörte nicht auf. Deshalb nennt man den Erlkönig auch den "Ewigen Wanderer".

Und doch, meine Freunde, war die Geschichte des Vaters aller Wälder hiermit nicht zu Ende, denn sonst würden die Spitzohrigen heute nicht unter euch sitzen und mir lauschen.

Also höret weiter, was dem Erlkönig hernach geschah. Als er viele Jahre lang gesucht hatte und längst vergessen hatte, was geschehen war, traf er auf jenes Gebirge, das die Sterne berührte. Der Garten war längst von Pflanzen und Tieren der verschiedensten Art besiedelt und weiße Wölfe jagten elfenbeinfarbenen Hirschen nach, während kleine Vögel in den Zweigen der Bäume sangen wie verzauberte Nachtigallen zur Dämmerung und das magische Volk des Erlkönigs kichernd und huschend durch die Wälder strich. Doch hier waren nur wenige Pflanzen, die wuchsen und Ayo'thaîr fühlte sich plötzlich so einsam wie noch niemals in seinem Leben, denn als er zu Anfang der Zeiten durch die leere Welt gewandelt war, hatte er niemals etwas anderes gekannt. Doch das Schweigen des Felsens ängstigte ihn. Gerade wollte er zurückfliehen in die Wälder, als er plötzlich eine wundervolle, sternensilberne Stimme vernahm.

Er ging dieser Stimme nach und dann erblickte er sie.

Dort badete inmitten eines klaren Bergsees Dan'u, die Sternschwester. Ihre Haut war hell wie das Mondlicht und ihre Augen funkelten wie der Sternenhimmel in einer Winternacht. Noch nie hatte Ayo'thaîr ein so wundervolles Geschöpf gesehen.

Doch da bemerkte sie ihn und erschrak und ehe er sich versah, war Dan'u auf silbernen Schwingen zurück in den Sternenhimmel geflohen.

Doch der Erlkönig war krank vor Verlangen nach ihr, und so versteckte er sich listig und wartete, Nacht um Nacht, bis schließlich Dan'u wieder vom Himmel herabstieg und badete. Ayo'thaîr war schwach vor Sehnsucht und Liebe, doch um sie nicht zu erschrecken, zeigte er sich nicht und verließ sein Versteck in keinem Augenblick. Und als Dan'u mit der Dämmerung wieder verschwand, seufzte Ayo'thaîr voll Schwermut. Doch er harrte weiter aus und in der nächsten und übernächsten Nacht, als die Sternschwester wieder herunterkam, saß er in seinem Versteck und bewunderte ihre Schönheit, die so anders war als alles, was er bisher kennengelernt hatte.

Und in einer Nacht, in der die Dämmerung am längsten und die Nacht am kürzesten war, beschloß er, Dan'u ein Geschenk zu machen.

Als sie in dieser Nacht kam, um zu baden, schickte er einen magischen Strom aus, und da erblühten auf dem Bergsee hunderte von herrlichen, magischen Seerosen, die magisch waren und leuchteten wie schwimmende Irrlichter und die dufteten, daß der Kopf davon wirr wurde.

Dan'u freute sich über diese seltsame Schönheit und schaute aus nach dem, der sie hergerufen hatte und da trat Ayo'thaîr aus seinem Versteck und diesmal floh sie nicht vor ihm.

Die ganze Nacht umwarb er die schöne Sternschwester und dann, kurz bevor die Dämmerung den neuen Tag ankündigte, erhörte sie sein Flehen.

Und auf den Tag genau nach einem Jahr, gebar sie ihm Kinder, sieben an der Zahl.

Oh lacht nicht, ihr Söhne des Unglaubens! Bedenkt doch stets, daß nicht von Menschen hier die Rede ist, doch von Geistern, die älter sind als selbst unsere Götter.

Um seine Geliebte während der Niederkunft zu schützen, umgab Ayo'thaîr sie mit einem dichten, silbernen Nebel, und deshalb hießen diese Kinder von nun an Shedea, die Kinder des Nebels.

Dann kehrte Dan'u zurück in den Himmel, um sich von der Anstrengung zu erholen, während der Vater der Wälder seine Kinder betrachtete. Es waren drei Jungen und vier Mädchen, allesamt so schön und anmutig wie ihre Mutter und gleichzeitig so stark und geschmeidig wie ihr Vater und doch wie keiner von beiden, sondern so wild und herrlich wie Raubtiere, und ihre Augen blitzten selbst jetzt schon.

Und Ayo'thaîr gab ihnen Namen. Er nannte die Jungen Enkil, So'résh und Esh'anek, die Mädchen Rayana, S'ad-s'hé, Jha'hara und Shé'najin. Sie wuchsen heran und wurden zu schöneren Kindern, als die Gärten jemals gesehen hatten. Sie lernten, schön wie die Dämmerung zu singen und stolz wie die Falken zu leben. Sie wurden wild wie Tiere und lebten im Wald als dessen Geschwister.

Doch an einem Tage, nach drei Jahren, erschienen die fünf Elemente wieder, und verlangten von Ayo'thaîr den Preis für ihre Hilfe.

"Ay'é", sagte der Erlkönig. "Nun habe ich Jahr um Jahr gesucht, doch nichts gefunden, was euch genügen würde. Es gibt nicht, was ich euch anbieten könnte."

"Doch", zischten die Drachen. "Fünf jener Schätze, die so wild und frei wie Falken durch deinen Wald ziehen und mit den Hirschen und Einhörnern um die Wette laufen."

Da erbleichte Ayo'thaîr, und wer von euch schon einmal einen Baum hat erbleichen sehen, der weiß, welch schrecklicher Anblick dies ist.

"Nein", flehte er. "Alles will ich euch geben, doch laßt mir meine Kinder! Nicht sie!"

Doch die Drachen lachten nur grausam und hoben sich auf ihren gewaltigen Schwingen empor, um Ayo'thaîrs Kinder zu stehlen. Der Erlkönig jagte ihnen nach, aber er kam zu spät. Als er sie fand, hatten die Drachen bereits jeder eines der Kinder in den Klauen und trug es gen Himmel. Ayo'thaîr schrie vor Zorn und schoß fünf magische Pfeile nach den Drachen und verwundete jeden, das Blut floß, doch er konnte sie nicht töten.

Fünf große Tropfen Blut fielen zur Erde und dort wo sie aufkamen, wuchsen Nachtschattenblumen aus der Erde und aus jeder Blüte stieg ein kreischender Rabe zum Himmel, und folgte den Drachen hinfort aus der Realität hinein in das Reich der Drachen.

Und fünf Tropfen Blut trafen auch Ayo'thaîrs geraubte Kinder und sie schrien bitterlich, dann starben ihre Körper. Doch ihre Seelen blieben in ihnen, denn von nun an waren sie ohne Tod und das Blut machte sie unverwundbar. Aber das Drachenblut veränderte auch ihre Geister und weckte in ihnen den Durst nach dem Blut ihrer Geschwister.

Lange sah Ayo'thaîr den geraubten Kindern nach, bis er sich den beiden bewußt wurde, die ihm geblieben waren, denn sie hatten sich zitternd in einem Busch versteckt. Es waren Enkil und S'ad-s'hé. Froh um ihr Leben nahm Ayo'thaîr sie in die Arme und sprach:

"So sind eure Geschwister von euch genommen, doch ihr seid mir geblieben. Und ihr sollt mir auch bleiben. bis in alle Ewigkeit."

So sprach er, und er machte sie so unsterblich wie der Himmel es ist. Dann sagte er:

"Ihr, die ihr Bruder und Schwester seid, und doch nicht, ihr beide sollt die Begründer eines neuen Volkes werden, dem Volke der Nebel und ihr sollt für immer im Garten wandeln. Kein Wesen soll euer Feind sein, doch meidet eure Geschwister, denn sie sind nicht länger die Kinder des Nebels, wohl aber die der Drachen und es dürstet sie nach eurem Blut. Ihr Name sei Shakja, denn dies Bedeutet "Kind der Drachen".

Doch versprecht mir, daß ihr den Flügelechsen nicht zürnt deshalb, denn es war die Schuld eures Vaters, die euch die Geschwister raubte, und sie zu Dämonen machte. Und deshalb will ich wieder mein Wandern aufnehmen, um etwas zu finden, womit ich sie auslösen kann.

Ihr jedoch, habet meinen Segen und lebt, so stolz und wild in den Wäldern des Erlkönigs, der euer Vater ist, wie jedes meiner Geschöpfe und achtet sie wie eure Brüder und Schwestern, denn das sind sie euch."

Mit diesen Worten ging er los, und wurde von keinem Wesen jemals wiedergesehen.

Enkil und S'ad-s'hé jedoch, wuchsen zu schönen, wilden Wesen heran, und als sie die Blüte ihrer Jugend erreicht hatten, hörten sie wie durch ein Wunder auf zu altern, denn Ayo'thaîr hatte sie ja unsterblich gemacht.

Sie bekamen Kinder, denn sie waren nicht länger Bruder und Schwester und ihr Blut verband sie nicht mehr. Das Volk der Nebel wurde groß und stark und es gründeten sich die drei großen Häuser, die später zu den sechs Völkern der Shedea werden sollten.

Längst waren S'ad-s'hé und Enkil wieder in die Tiefe der Wälder zurückgekehrt, um ihren Vater zu suchen, und keiner hörte mehr von ihnen, denn Ban'shey-lin ist so endlos weit, daß es dort Länder gab, in denen noch niemals ein Wesen seinen Fuß gesetzt hatte.

Das Volk lebte also inmitten der endlosen Wälder, am Meer ohne Ufer und in dem Gebirge, das die Sterne berührt in ihrer Festung, die ganz aus Licht gebaut war.

Die Shedea lebten in Frieden und im Einklang mit dem Garten und seinen Geschöpfen, trotzdem, daß sie auch jagten und töteten, doch niemals mehr als nötig und niemals unnötig grausam. Zu mancher Zeit forderten die Shakja ein Opfer an den Unvorsichtigen, doch auch dies war keine Bedrohung für die Shedea, denn diese Tode waren selten und obwohl sie Trauer mit sich brachten, war diese niemals allzu tief, denn immer war auf dem Gesicht des Toten ein Ausdruck von absolutem Glück, so daß dieser Tod ihnen nicht als so schlimm vorkam.

Und da wuchs eine Prinzessin heran, die Ykey Silbereis genannt wurde. Sie war schön wie die Sterne, doch ihr Herz war schwarz und verdorben, und sie gierte nach Macht, die zu bekommen sie nicht bestimmt war.

Doch ihre schwarze Seele ließ ihr keine Ruhe und sie wollte Macht und mehr Macht, um die Gärten zu beherrschen und nach ihrem eigenen Willen zu gestalten und zu formen. An ihrer Seite stand ein mächtiger Magier ihres Volkes, dessen Name selbst aus dem Gedächtnis der Unsterblichen verschwunden ist. Zusammen mit ihm heckte sie einen teuflischen Plan aus, um an die stärkste Magie zu gelangen, die ihr dieses Land und alle Welten bieten konnten.

Denn damals, meine Freunde, damals waren dort noch die fünf großen Tore, eines für jedes Element, doch so wie Tod, Sturm, Magie, Ewigkeit und Leben, die Räuber von Ayo'thaîrs Kindern und die Erschaffer der fünf Dämonen, die dunklen Seiten der Elemente verkörperten, so waren diese Tore die Heimat der gütigen Torhüter Ruhe, Freiheit, Traum, Jugend und Leben. Sicher wundert ihr euch, warum Leben auf beiden Seiten steht, doch das Leben ist ein zweischneidiges Schwert, wie die Sonne. Mal wärmt sie euch und schenkt euch Licht, dann brennt sie euch die Haut vom Leibe und dörrt euren Körper aus, damit nichts von ihm übrigbleibt, als ein Haufen gebleichter Knochen inmitten des Wüstensandes.

Diese jedoch bildeten den positiven Pol, und nichts Böses war in ihnen.

Ykey erschlich sich mit der Hilfe ihres Namenlosen Begleiters das Vertrauen der Torhüter und nachdem sie als erste Wesen unbeschadet im Palast der Torhüter ein und aus gehen durften, ermordeten sie den Hüter der Träume und versuchten, seine Macht an sich zu reißen.

Doch ihr Plan wurde zerstört, in dem Moment, da sie das vergiftete Messer in die Brust des Hüters stießen. Denn kaum war das Leben aus seinem Leib gewichen, da klang grausames Geheul durch alle Tore und ein unheiliger Sturm brach los und dann erschienen die Shakja, so wütend wie noch niemals zuvor.

Aus dem Norden kam Rayana, und mit ihr kam der Sturm, denn sie war die Herrin des Sturms geworden. Aus dem Osten kam ihre Schwester Jha'hara, und sie brachte den Wahnsinn und das Delirium, denn sie gebot über das Nichts und die Unendlichkeit.

Aus dem Süden stürmte Esh'anek heran, der Herr über das dunkle Leben war, über Feuer, Wasser und Erde und seine Macht ließ die uralten Bäume sich beugen und unter seinen Füßen wurden die Geschöpfe zu blutrünstigen Bestien.

Aus dem Westen in einer Welle aus Dunkelheit kam So'resh, der König von Tod und Vernichtung und er gebot über die Schatten der Vergessenen Erinnerungen.

Und gemeinsam brachten sie undurchdringliche Nacht, und selbst die Sonne wurde schwarz wie ein Schatten.

Voller Furcht starrten die Elben in der Lichtfestung in den Himmel, wo sich ein unheiliges Gewitter zusammenbraute, doch sie waren unfähig zu fliehen, doch sie wußten, daß es der Tod war, der die Unsterblichen heimsuchen würde.

Und dann brach der Sturm los. Oh, meine Freunde, betet zu allen Göttern, daß solch ein Sturm wie der Sturm der Drachenkinder niemals unsere Welt heimsuchen wird. Selbst unsere Schwester, die Wüste, kann bei all ihrer Gewalt keinen solchen Sturm hervorbringen. Und inmitten dieses Sturms waren die Shakja und ihr Wüten war furchtbar. Sie forderten so viele Opfer wie noch niemals zuvor und niemals danach gefordert wurden und der Boden der wilden Gärten wurde im Blute ertränkt. Vernichtung brachten sie für Volk und Garten und unter ihnen fielen viele, viele der Shedea, und noch bevor es dämmerte, waren mehr als die Hälfte der Nebelkinder unter ihrem Haß gefallen und bald würden die Shedea von den Dämonen ihrer Geschwister vollständig vernichtet werden.

Dies jedoch sah Dan'u und sie beschloß, ihre Kinder zu retten und sie öffnete mit all der Macht, die ihr zur Verfügung stand die Tore von Anderswelt und die Shedea flohen vor den Geistern und kamen nach Auralon, wo sie sich der Sterblichkeit gegenüber sahen. Groß war ihre Furcht vor der sterblichen Welt, doch noch mehr fürchteten sie die Rache der Shakja und so flüchteten sie sich in eine große unterirdische Höhle, die sie magisch versiegelten und A'kay-tar nannten, das bedeutet "dunkle Zuflucht".

Auch Ykey war unter den Geflohenen, doch sie wurde erkannt und die Ältesten bestraften sie. Sie wurde aus dem Volk verstoßen und aus A'kay-tar vertrieben. Doch nicht dies war ihre wahre Strafe. Die war, daß sie sterblich gemacht wurde. Sie alterte so schnell wie ein Mensch - denn, meine Freunde, für die Elfen altern wir ebenso schnell wie Schmetterlinge, die für nur ein einziges Jahr durch den Sturm trudeln. Ihr Begleiter jedoch war verschwunden - die Ältesten vermuteten, daß er im Shakjasturm ums Leben gekommen war.

So lebten die Shedea viele Jahre unter dem steinernen Himmel und sie wurden krank und Schwermut und Rastlosigkeit suchten sie heim, denn die Elfen sind die Brüder des Waldes und es machte sie krank, unter den Felsen eingeschlossen zu sein, doch sie wagten es nicht, ihre Höhle inmitten des unsterblichen Steins zu verlassen und in die vergängliche, sterbende Welt über ihnen einzutauchen.

Jetzt mögt ihr euch fragen, meine Freunde, warum sie dennoch jetzt unter uns sitzen, und schon seit Generationen unter Piloms Auge wandeln, doch lauschet weiter, was dann geschah.

Denn selbst dieser zerbrechliche Friede, der zwischen den unruhigen, unter der Erde eingepferchten drei großen Häusern der Shedea, den herrschenden Shavano und den untergeordneten Faol und Auriin, war gefährdet, weil die wachsende Unruhe Spannungen und Unfrieden stiftete. So kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Häusern und immer wieder kam es zu Kämpfen und Anfeindungen zwischen ihnen, doch bevor es zu einem Bruderkrieg kommen konnte, wurde die Höhle erneut von den Shakja heimgesucht, die aus Anderswelt gekommen waren, um ihre Rache zu Ende zu führen.

In heißer Panik floh alles Volk aus den Höhlen und einzig Sahviar Sturmbringerin, eine Prinzessin der Auriin, wagte es, sich den Dämonen in den Weg zu stellen und verharrte in der Höhle.

Über das, was dann geschah, sind jedoch nicht einmal Legenden überliefert, also fragt mich nicht, meine Freunde, denn ich kann euch nichts sagen und wenn ich es täte, würde ich mich der Lüge schuldig machen.

Das Volk jedoch entkam und die Shakja verfolgten sie nicht länger. So traten sie aus dem ewigen Dunkel hervor, die bleichen Faol, die magischen Auriin und schließlich auch die gestürzten Könige der Shavano. Da noch immer Unfriede und beinahe sogar Haß zwischen den Häusern herrschte, trennte sich das Volk der Nebel und jedes ernannte einen König und ging dann seiner Wege. So besiedelten sie lange vor den ersten menschlichen Königen schon das Land und nannten es Nùr'she-than, die fremde Heimat. Zwar schien es zuerst, als würden sie in diesem Land sterben müssen, denn die Ältesten und auch die anderen zerbrachen an der Sterblichkeit der Welt, denn sie ertrugen es nicht, wie um sie herum alles zerfiel und starb, fast so schnell, daß sie es mit ihren Augen sehen konnten.

Doch dann wurde eine neue Generation in diese Welt hineingeboren, eine Generation von ungekannter Stärke und unumstößlichen Kampfgeist, mit dem sie lernten, in dieser Welt zu überleben, und in ihr all die Magie zu finden, die ihnen mit Ban'shey-lin verloren zu sein schien, wie die verschollene Klinge der Hohekrieger Shaka'rey. Und es entstanden drei neue Häuser, die Tilkaa, die Stacyei und schließlich auch die Otwano, die wir heute als die Finn und die Natowa kennen.

Stolz war diese Generation und wild und so stark wurden die Shedea wie niemals zuvor.

Und schließlich wurde auch der sture Haß, der sich in A'kay-tar zwischen ihnen entwickelt hatte, wurde beigelegt und selbst obwohl sie sich nie wieder zu einem Volk zusammenschlossen, herrschte Friede und Freundschaft nun zwischen ihnen und ihre Städte hießen Ad'yei-shin, Tunäi'tinukai'i und Faya'lin. Dies waren die ersten und ältesten Städte und Ad'yei-shin wurde die Stadt, in der alles Volk sich traf und die neuen Könige verhandelten. Und so stand das Volk erneut auf und selbst wenn alle Alten starben und keiner aus Ban'shey-lin mehr übrig war, waren die Kinder Ayo'thaîrs und Dan'us stark und frei und stolz wie Sturmfalken und so seht ihr sie heute, in der zwölften Generation seit dem Fall von Ban'shey-lin."

Damit schloß der alte Jussuf seine Erzählung.

Wie aus einem Bann erwachten seine Zuhörer, doch bevor sie sich's versahen, war der alte Mann verschwunden. Suchend sahen sie sich um, doch niemand konnte ihn erspähen inmitten der Dunkelheit und den letzten, durch sie hindurch torkelnden Schatten, die sich betrunken auf den Heimweg machten, denn Jussufs Erzählung war lang gewesen und die Nacht bereits weit fortgeschritten.

Zwar blieb die Gruppe noch beisammen und redete im Flüsterton über das Gehörte, doch bald wurde ihnen bewußt, daß sie nur Menschen waren, und Menschen müssen schlafen. So verlor sich bald die Ansammlung, begierig auf eine neue Geschichte am nächsten Tag, doch in dieser Stunde noch mehr begierig auf ihre Lagerstätten.

Und so blieben nur zwei Wesen zurück in den Straßen, ein alter Mann und ein anderes Wesen, daß noch weit älter war, doch das trotz der vielen Jahrhunderte, die seine Katzenhaften Augen hatten kommen und gehen sehen, noch immer wie ohne Alter schien.

"Ihr versteht es, mit der Zunge umzugehen, Sterblicher", sang der Elf, denn seine Stimme, so weich wie die eines Vogels schien tatsächlich leise zu singen wie das Lied einer Flöte. "Viel, viel habt ihr erzählt und manches ist selbst mir neu gewesen, ohne daß ich euch der Ausschweifung bezichtigen will, im Gegenteil! Es gibt Erzähler meines Volkes, die gut und gerne ein fünffaches an Zeit brauchen, um zu erzählen, was damals geschah."

"Ihr schmeichelt mir, Herr. Doch muß ich sagen, daß es nicht meiner Kunst, sondern nur meiner Unwissenheit zu zuschreiben ist, daß die Geschichte eures Volkes so in die Kürze geraten ist."

Der Elf lachte. Sein Lachen klang beunruhigend andersartig, wie silberne Glocken im Wind und gleichzeitig wie das Zischen einer Schlange.

"Nein, ihr versteht euer Handwerk, Mensch. Und ihr habt genausoviel gesagt, wie ihr verschwiegen habt."

Etwas betreten schaute Jussuf auf den grob gepflasterten Boden, dessen Lücken zwischen den handgroßen Kopfpflastersteinen mit rotem und goldenem Wüstensand von Jahren und Jahrhunderten gefüllt waren.

"Falls ich euch damit gekränkt haben sollte, Herr, so verzeiht den Fehler eines unwissenden Sterblichen, denn alt ist die Geschichte der Nebel und verworren ihre Gedanken. Es ist für eines Menschen Kopf nicht leicht, sie nachzuvollziehen und wiederzugeben. Und manche Dinge, so sagen es Priester und Magier, manche Dinge sollte man nicht beim Namen nennen; zu stark sind die Mächte derer und durch unbedachte Handhabung der Wörter ruft man manches Mal Dämonen, die besser vergessen werden sollten."

Erneut lachte der Elf auf, diesmal eindeutig amüsiert und begann dann mit klarer, singender Stimme zu rezitieren:

"Der Tag wird kommen,

an dem die schwarze Sonne ein zweites Mal aufgeht,

wenn die Schwalbe mit dem Falken fliegt,

wenn das Schwert von Elfenbein sich rot färbt,

wenn der Fuchs seinen Namen verleugnet,

wenn der Sohn von Tod und Verderben in die Schatten steigt,

daß die Drachen auferstehen,

und die dritte Generation erwacht,

dann werden die Schatten aufstehen,

dann werden jene, die tot waren, ihre Fesseln sprengen,

dann werden die Gesänge verklingen,

dann wird das Tribunal der Vampire erneut tagen,

auf daß die Kinder der Drachen ihre Rache nehmen,

und das Volk wird im Blute waten,

und die letzte Königin des Nebels wird sterben,

und die Tore werden sich öffnen,

und die Vergessenen werden kommen

in die wilden Gärten,

von Ban'shey-lin."

"Ihr sagt mit leichter Zunge Dinge dahin, die als der Untergang eures Volkes gedeutet werden, Herr."

Der Elf schmunzelte nur und seine Augen blitzten dunkel, doch Jussuf wagte es nicht, lange genug dem grauen Katzenblick zu begegnen, als daß er erkannt hätte, ob nur belustigter Schalk oder aber etwas anderes, dunkleres in ihnen blitzte.

Schau niemals in die Augen eines Elben, du kannst deine Seele dabei verlieren.

Dann jedoch war das Funkeln verschwunden und der Elf fuhr fort:

"Vielleicht habt ihr Recht, und es ist gut von euch, zu verschweigen, was ihr nicht einmal vor spitzen Ohren beim Namen nennen wollt. Es ist nicht gut, wenn die Menschen sich vor einem Schatten fürchten, der nicht der ihre ist. Und die Cé'shar ist mächtig. Viel zu mächtig, um den vergänglichen Menschen als Spielzeug zu dienen, und wenn auch nur in ihren Ängsten."

Dann schaute er sinnend in die Ferne, hinein in die Wüste und fuhr leise fort:

"Den Menschen ist wahrlich nicht viel von unseren Gedanken und Geschichten bekannt. Es heißt, irgendwo in dieser Wüste, die ihr eure Schwester nennt, habe sich Ykey zum ewigen Schlaf zurückgezogen, um nicht den Tod eines Menschen im Alter sterben zu müssen, und daß sie nur darauf wartet, erweckt zu werden, um Rache an ihrem Volk zu nehmen.

Und es heißt auch, daß die Wechselbälger einer dritten Generation der Shakja bereits unter uns sind, noch schlafend, aber nur auf ihren Tod warten und darauf, daß rotes Blut sie wieder erweckt."

Er schien Jussuf fast vergessen zu haben, denn plötzlich sprach er mehr zu sich selbst, als zu dem alten Mann.

"Irgendwo dort draußen wartet Ykey auf ihre Auferstehung. Sie hat Macht genug, um die Shakja zu unterwerfen und nach Ban'shey-lin zurückzukehren. Zurück nach Hause... Wir müßten sie nur finden..."

Irgendwo kläffte ein Straßenköter. Der Elf schrak zusammen, als würde er sich erst jetzt klar, wo er war. Entschuldigend lächelte er Jussuf zu.

"Entschuldigt mich, Erzähler. Ich schweife ab. Nichts als die törichten Gedanken eines Elfen. Wißt ihr, man wird schwermütig, wenn man die Jahrtausende seines Lebens nicht mehr an den Fingern abzählen kann. Unser Volk lebt schon zu lange hier. Wir beginnen, uns nach dem Tod zu sehnen.

Aber dies ist nur Geschwätz. Wer würde schon wollen, daß die schlafende Königin erwacht? Würde dies doch nur Unglück über unsre Völker bringen, deines und meines, Mensch."

Der Elf lächelte. Auch Jussuf erwiderte sein Lächeln, doch es war erzwungen und erschien ihm selbst wenig überzeugend.

"Ich habe euch wohl beunruhigt. Entschuldigt, das lag wahrlich nicht in meiner Absicht. Es ist wohl besser, wenn ihr nun schlafen geht, schließlich sind eure Knochen alt und müde."

Jussuf schauerte unter dem Blick des Elfen, doch er nickte und sagte:

"Ja, es ist wohl besser so. Doch sagt mir eines, Herr..."

Der Elf schaute ihn auffordernd an.

"Ja?"

"Wie ist euer Name?"

Der Elf schien von dieser Frage überrascht zu sein, doch dann lächelte er und antwortete:

"Vor langer Zeit nannte mein Volk mich Mòirìn, den Flötenspieler. Aber ich habe mich von ihnen losgesagt und meinen Namen abgelegt."

"Und nun, Herr? Wie ist nun euer Name?"

"Baschko", sagte der Elf.

Dann wandte er sich mit einem letzten Gruß um, und schritt in die Wüste, wo er ein Pferd bestieg und dann mit fünf anderen elfischen Reitern im Mondlicht verschwand.

Der Sand glitzerte und die Luft roch nach Gewürzen, Feigen und Opium, während Jussuf nachdenklich dem Elf nachsah, dessen Name in der alten Sprache Erwachen bedeutete.

Ende?

Janina Radny
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