Der Drachentöter
(Fantasy, Janina Radny, 09.04.2000)

Einen Drachen zu töten ist, wie den Beischlaf einer Frau zu genießen. Voller Erregung, voller Macht und Magie - und in der ständigen Bedrohung, sich selbst an eine unheilvolle Dunkelheit zu verlieren.

"Suche ihn, jage ihn, hetze ihn... und dann töte ihn ohne Gnade!" Mir klangen die Worte des Zwergenfürsten, als er mich verabschiedet hatte, während des langen, einsamen Rittes durch die Einöde des Nordekamms, noch lange in den Ohren und tönten in meinem Gehirn. Sonst gab es kaum etwas, womit ich mich ablenken konnte als dem Huftritt meines Pferdes und dem beharrlichen Flüstern und Wispern des leichten Windes, der durch den Paß schnurrte.

Es war bereits einige Tage her, seit ich in dem Zwergendorf südlich von hier den Auftrag erhalten hatte, den Drachen, der sich hier in den Bergen aufhalten sollte, zu erlegen und seine Zunge als Beweisstück zurückbringen. Mir winkte ein ganzer Dukaten als Lohn, mehr, als ich jemals für derartige Dienst bekommen hatte - entweder handelte es sich um ein besonders biestiges Wesen oder die Zwerge der Gegend waren sehr reich. Mir sollte es gleich sein; das Gold war jedenfalls ein sehr lockendes Angebot, um die Gegend um eine Bestie ärmer zu machen.

Doch bisher hatte er sich noch nicht gezeigt. Kein rauschender Flügelschlag, kein dumpfes Grollen, nah oder fern, zeigte mir seine Anwesenheit. Aber das war nicht unbedingt verwunderlich. Drachen konnten innerhalb kurzer Zeit Entfernungen von Tagesritten zurücklegen; in der zerklüfteten Bergwelt ohnehin. Und das höchste Gebot der Drachentöter war nach Wachsamkeit beharrliche Geduld.

Beides hatte ich wohl im Übermaß, denn bisher hatte ich mehr als acht Drachen und Lindwürmer erlegt, mehr als andere es in einem ganzen Leben schaffen würden. Ich war stolz darauf, den Tanz mit den Urbestien so geschickt führen zu können, und ich denke, viel hatte ich der Tatsache zu verdanken, daß ich nicht wie andere meines Standes die stolzen Echsenwesen als bloße Tiere ansah und so durch meine Unterschätzung angreifbar wurde, sondern ihnen immer mit dem nötigen Respekt begegnete. Diesen hatte mir der erste Drache, mit dem ich kämpfte, in mehr als dauerhafter Form beigebracht - eine Feuerfontäne aus seinem zahnigen Schlund hätte meinem damals so jungen Leben fast den Gar ausgemacht. Doch aus diesem törichten Fehler habe ich gelernt und verstanden, wie ich den Drachen begegnen muß - voll mit Respekt, Ehrfurcht und der Entschlossenheit, daß nicht ich derjenige sein werde, der das Schlachtfeld tot verläßt. Nichts geht im Kampf über einen guten Feind und deshalb liebe ich die Drachen.

Doch wie gesagt: Um das stolze Wesen eines Drachen zu fällen, braucht es Geduld, denn bevor man ihrem Blick begegnen kann, muß man sie zuerst finden. Und so suchte ich aufmerksam den Himmel nach den gewaltigen Schwingen der Bestie ab, die sogar die Sonne verdunkeln konnten. Meine Aussicht war gut und meine Augen noch scharf wie die eines jungen.

Keine Wolke verdeckte das makellose Blau des wundervollen Spätsommerhimmels. Tatsächlich war der Himmel so unglaublich tiefblau, daß ich mir fast wünschte, ich hätte selbst Schwingen, um darin einzutauschen, nur gebadet von Sonne und Wind, trunken von Freiheit und Lebenslust. Ich saugte tief die klare, frische Luft ein und plötzlich mußte ich lachen. Vielleicht hatte das Brandmal des Drachen mir selbst etwas von einem der feuerspeidenden Flieger gegeben, daß ich mich in diesem Augenblick so sehr an den Himmel wünschte.

Wieder atmete ich tief ein und nach diesem neuerlichen Atemzug, der wie Wein berauschte, sah ich mich noch einmal aufmerksam um, ob die Echse sich irgendwo zeigte, bevor ich den Wallach zügelte, um mir einen Moment der Muße zu gönnen. Das gute Tier nahm die Pause sogleich an, wohl auch nicht unwillig, die Sonne auf dem Fell zu spüren, genau wie ich sie mir den Stoppelbart kitzeln ließ, und versenkte die Nase in den würzig duftenden Kräutern, die die spärliche Vegetation des Passes bildeten.

Ich selbst schnallte die Decke vom Sattel ab und nutzte sie zusammengerollt als Nackenstütze, legte den beschlagenen Handschuh ab und verdeckte mit dem Arm meine Augen, während ich mir genüßlich die letzten warmen Strahlen des Jahres auf den Pelz brennen ließ.

Irgendwo schrie ein Vogel und als ich den Arm leicht anhob, erblickte ich einen Kondor, der über seinem Gebiet kreiste. Beruhigt lehnte ich mich wieder zurück - wo Raubvögel kreisten, war kein Drache in der Nähe.

Und so ließ ich mich einlullen vom Duft der Kräuter, den Strahlen der Sonne und den ruhigen Geräuschen, die der Wallach von sich gab. Das Leben konnte manchmal einfach so schön sein...

Das dumme an Fehlern ist, daß man fast immer erst dann bemerkt, sie gemacht zu haben, wenn es bereits zu spät ist, um Unheil abzuwenden.

In eben jener fatalen Situation befand ich mich, als mich der mächtige, dunkle Schrei des Drachen aus dem Schlaf riß. Ich schrak hoch, sofort hellwach und schon donnerte der mächtige Schwingenschlag von Westen heran, laut und unbarmherzig wie das Kreischen des blitzgepeinigten Gewitters.

Der Wallach, der sonst so friedlich war, bäumte sich schreiend auf und schlug mit den Vorderhufen in der Luft; fast hätte er sich überschlagen. Seine Augen waren so weit aufgerissen, daß man fast nur noch das Weiße sah.

Dann tauchte die Drachin auf.

Die schwefelgelben Augen glühten wie unheilige Kristalle voll unzähmbaren inneren Feuer, als sie triumphierend aufschrie, ihren Mörder in spe gestellt zu haben. Schon schoß ein Ball aus rotierenden Flammen aus dem zahnigen Maul und ich konnte mich gerade noch hinter einen Fels werfen, als das feurige Geschoß auch von auf dem Boden aufprallte und die sich ausbreitende Welle aus Feuersturm Steine und Gräser gleichermaßen verbrannte.

Der Wallach bäumte sich erneut auf, schrie vor Todesangst und floh in grellweißer Panik nach Osten, den Schweif als Feuerfahne hinter sich herziehend, gefolgt von den gierigen Schwingenschlägen des Drachenweibchens.

Ich konnte nichts tun, als ohnmächtig hintersehen und den Schmerz herunter zu schlucken, als die Drachin schließlich niederstieß und aus meinem Sichtfeld verschwand.

Obschon ich sie nun nicht mehr sehen konnte, bewies mir doch die Wärme der ausglühenden Steine, daß das, was ich eben gesehen hatte, kein Traum gewesen war, und das Echo ihres höhnischen Siegesschreies brach sich bitter wie Galle in meinen Ohren.

Schließlich hatte sich die vom Flügelschlag aufgewirbelte Luft wieder beruhigt und die Wärme der längst verloschenen Flammen war verdampft.

Trotzdem war ich noch halb steif vom Schreck und vor Wut über mich selbst und meinen vollkommen dummen Fehler. In einem Drachenrevier einzuschlafen! Kein noch so blutiger Anfänger könnte es dümmer angehen!

Ihr Götter, ich hätte mich selbst ohrfeigen können. Jetzt hatte ich mein Pferd verloren, all meine Waffen, meine Ausrüstung... Wie hatte ich nur so dumm sein können?

Ich richtete mich auf und klopfte die Aschereste, die überall durch die Luft gewirbelt waren, von meinem Wams aus schuppiger Drachenhaut. Auf dem Boden sah ich etwas glänzen. Es war mein Handschuh, den ich zuvor abgelegt hatte. Beziehungsweise dessen Überreste. Das Leder war vollkommen verschmort und verbrannt und nicht mehr zu gebrauchen. Nur der Beschlag, der ebenfalls aus Schuppen eines Drachen geschmiedet war, hatte das kurze Feuer völlig unversehrt überstanden.

"Warte ab, Bestie," murmelte ich, als ich den zerstörten Handschuh aufhob. "Mir werden die Schuppen nicht widerstehen! Noch bevor der Mond wieder voll ist, wird deine Zunge mir gehören!"

Die Sonne neigte sich bereits dem Untergang zu und der Paß lag im Schatten, während ich den aufgewirbelten Hufspuren des Wallachs folgte. Ich hätte nicht gedacht, daß er noch so weit gekommen war, denn inzwischen lief ich schon seit über einer Stunde. Mein Groll auf die Bestie mit den Schwefelaugen wuchs immer mehr, als ich begriff, daß sie das treue Tier noch über lange Strecke gehetzt haben mußte, ohne Anstrengung für sie selbst, nur aus morbider Freude an der Angst eines Lebewesens.

Manche sagen, Drachen seien ebenso intelligenzbegabt wie wir, doch in persönlich war nun der Überzeugung, daß nur eine perverse Freude am Töten den Geist dieser Bestie beseelte. Und so stapfte ich weiter durch die kriechenden, sich immer länger ziehenden Schatten, bis ich schließlich hinter einem Engpaß zwischen zwei Felsen auf den Kadaver des Wallachs stieß.

Der Anblick des toten Pferdes verschärfte meine Wut auf die Drachin noch weiter, denn der Wallach war ein wirklich gutes Tier gewesen, das nicht verdient hatte, so zu sterben. Die Bauchdecke war aufgerissen, seine längst erkalteten Gedärme über den Boden verteilt - die Drachin hatte ihm nicht einmal die letzte Gnade des Gefressenwerdens gegeben. Überhaupt fiel mir plötzlich auf, daß beide Vorderbeine und das Genick gebrochen waren. Nicht sie hatten den Wallach getötet, sondern er war gestolpert und hatte sich zu Tode gestürzt. "Verdammte Bestie," preßte ich heraus und konnte meinem Zorn kaum Einhalt gebieten.

Mein Blick fiel auf die zerschmetterte Lanze, die am Sattel befestigt gewesen war. Selbst wenn sie noch in einem Stück gewesen wäre, hätte sie mir ohne Pferd wenig genutzt. Dies war keine Waffe, die man vom Boden aus hätte verwenden können. Auch mein Wurfspeer war ohne den Wallach als Reittier mehr als nutzlos gegen die Bestie. "Verfluchter Orkmist!" rief ich und trat in ohnmächtiger Wut gegen einen Stein und jaulte vor Schmerz auf, als der Schmerz des geprellten Zehs durch mein Bein raste.

Meine Augen brannten vor Wut und Scham darüber, daß ich nun viele Tage Fußmarsch durch die Einöde vor mir hatte, ungeschützt auf Felsen schlafen mußte, während die sternklaren Nächte immer kälter wurden und - am schlimmsten - ohne Pferd, Waffen und Zunge des Drachen als Versager ins Zwergendorf zurückkehren mußte und um Unterschlupf oder Proviant für die weitere Rückkehr in die Zivilisation des Tieflands zu erbetteln.

Da hörte ich plötzlich das schnurrende Geräusch von undurchdringlich harten und gleichzeitig so geschmeidigen Schuppen, die aneinander rieben, als die Drachin sich bewegte. Ich fuhr herum und da saß sie, viele Längen über mir, noch halb in das Licht der untergehenden Sonne getaucht, und beobachtete mich mit den leuchtenden Augen, fast höhnisch grinsend und doch so hoch über all diesen so sterblichen Gefühlsregungen. Mein Haß auf sie verdampfte zwar nicht, doch für einen langen, langen Herzschlag wurde er vollkommen von jenen anderen Gefühlen übertönt, die mir für gewöhnlich beim Anblick eines Drachen den Geist füllten. Was ich empfand, als ich dieses um so viel mehr stolze, um so viel mehr mächtige Wesen erblickte, war reine Ehrfurcht, pures Verbeugen vor ihrem Glanz - und damit der absolute Wille, diese Bestie zu unterwerfen, all ihre Macht meine eigene werden zu lassen... und somit, sie zu töten.

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, breitete sie in diesem Moment die gewaltigen Schwingen aus und im Licht der untergehenden Sonne reflektierten sie im tiefen Blau des Himmels im Norden, ein Gegensatz zu den fast schwarzen Schuppen des Körpers und stieß eine helle Flamme in den bleichen und dunkel werdenden Himmel. Wie gebannt starrte ich zu ihr hinauf. Noch nie hatte ich etwas schöneres gesehen, als diesen Drachen.

Dann ein mächtiger Schwingenschlag und sie erhob sich in den Abend, ein filigranes Flirren aus schwarz und dunklem Blau, frei wie der Wind und stolz wie der Sturm, drehte ab, noch weiter nach Osten und entzog sich meinem Blick.

Es dauerte eine lange Zeit, bis ich mich von diesem Anblick lösen konnte. Und dann sprach ich den einzigen Gedanken aus, der mir in den Sinn kam, die einzigen Worte, die es würdig waren, an die Drachin gerichtet zu werden: "Es wird mir eine Ehre sein, mit dir zu tanzen, Dunkle. Es wird mir eine Ehre sein, dich zu töten!"

Dann war sie verschwunden und ich war wieder allein. Doch selbst dieser wirklich fesselnde Anblick konnte die Tatsache nicht für lange überspielen, daß es nun Nacht geworden war und auch empfindlich kalt. Ich hatte vom Kadaver des Wallachs als einziges meinen Umhang bergen können und mich dann, fest eingewickelt, weiter auf den Weg gemacht.

Ich wußte, daß ich nicht mehr umkehren konnte, zum einen, weil ich für den langen Fußmarsch keine Vorräte hatte, zum anderen, weil ich nirgendwo hin mehr zurückkehren würde, ohne die Zunge des toten Drachen. Vielleicht würde ich in der unmittelbareren Umgebung des Nestes der Drachin, das ich dort im Osten vermutete, noch intakte Waffen von Glücksrittern finden, die an ihrer Aufgabe gescheitert waren. Es war mein Wille, sie zu unterwerfen, der mich immer weiter trieb, bis es schließlich spät in der Nacht war. Am Himmel stieg der fast volle Mond auf und hüllte alles in sein silbriges Licht, während ich weiter stolperte. Bald würde ich schlafen müssen, denn langsam verließen mich meine Kräfte.

Der Paß war längst zu Ende und es gab keinen wirklichen Weg mehr. Ziellos schleppte ich mich über die Geröllhalde über den Bergrücken, an dem etwas wie der Wildwechsel von Bergschafen emporführte, in der irrsinnigen Hoffnung, dahinter entweder das Drachennest oder wenigstens einen geschützten Platz zum schlafen zu finden.

Schließlich erreichte ich die Spitze des Bergrückens, während sich überall um mich herum die wirklichen Berge wie versteinerte graue Riesen in den sternübersääten Himmel streckten. Ich warf einen von Müdigkeit stumpfen Blick in das flache Tal, das sich vor mir erstreckte - und keuchte erschrocken auf, als ich plötzlich dort unten den schwachen Schein von gedämpftem Feuer erblickte. Ich blinzelte, rieb mir die Augen; der Schein war noch immer dort. Nicht nur, daß tatsächlich dort unten ein Feuer brannte, nein, der Schein wurde durch die Wände eines Hauses, eines wirklichen Hauses halb abgeschirmt, so daß das Licht nur durch die Fenster in die karge Landschaft entlassen wurde.

Ich wollte vor Glück fast weinen, als ich mir vor meinem inneren Auge verheißungsvoll das Bild von warmen Fellen vor knisterndem Feuer, auf ungestörtem, sicherem Schlaf ausmalte. Wenn ich mich beeilte, würden es nur wenige Minuten zu gehen sein, wenige Minuten, die mich von einem warmen Lager und endloser Ruhe trennten. Ich hastete hinunter, halb torkelnd, halb rutschend und wirklich, binnen kurzer Zeit war ich nah am Haus. Es war kein gewöhnliches Haus, etwas war seltsam, doch das war mir nun vollkommen egal, ich wollte nur noch hinein und mich meiner Erschöpfung hingeben. Kraftlos taumelte ich auf die nur mit einem gegerbten Fell verhängte Tür zu, schob das Fell zur Seite und ließ mich mehr hineinfallen, als daß ich ging.

Keiner war in dem Haus, doch in einer ummauerten Feuerstelle loderte hell und anheimelnd ein warmes Feuer und wie in meinen allerschönsten Wunschträumen waren weiche, einladende Felle ausgebreitet, wie für mich gemacht. Ich weiß nur noch, daß ich lächelte, langsam auf sie zuging und mich in die Weiche gleiten ließ, bevor die schläfrige Dunkelheit meine Gedanken befreite und mir den heißersehnten Schlaf schenkte.

Als ich am nächsten Tag mit einem breiten Gähnen erwachte, war es bereits später Mittag. Das Feuer neben mir war erloschen, doch die warmen Felle hatten nichts an Gemütlichkeit eingebüßt, und ich war kurz davor, mich umzudrehen, die Augen wieder zu schließen und weiter zu schlafen, als plötzlich der leise Ton einer Flöte an mein Ohr drang, weich, tief und so melodisch, daß es fast am Rande der Disharmonie kratzte. Doch ich schrak bei dem klagenden Lied zusammen, als mir klar wurde, was das bedeuten mußte! Ich, ein völlig Fremder, war mitten in der Nacht in dieses Haus eingedrungen wie in Tier, hatte mich vermutlich auch noch im Bett des Besitzers breitgemacht und somit sämtliche Regeln der Höflichkeit ganz einfach nicht beachtet - ganz zu schweigen von denen der Wachsamkeit. Was mochte das für ein Mensch sein, der hier, ganz allein inmitten der Einöde, lebte? Mir fiel auf, daß sich in den letzten Tagen meine Fehler häuften. Wurde ich etwa alt?

Da plötzlich verstummte die Flötenmusik. Ich hielt den Atem an, als ich leise Schritte vernahm, die sich von außen der Hütte näherten. Ich richtete mich schnell auf, tastete im blinden Reflex nach meinem nicht vorhandenen Dolch - ich hatte gestern vergessen, den Waffengürtel anzulegen, als ich der Drachin gefolgt war.

Dann trat auch schon ein Schatten in die Tür, den ich wegen dem blendenden Licht der Sonne außen nicht richtig erkennen konnte, und lehnte sich gelassen gegen die Tür. "Du bist erwacht," stelle er nüchtern fest und ich war erstaunt, als ich die Stimme einer Frau hörte. Sie trat ein und ich versuchte hastig, mich zu entschuldigen.
"Verzeiht, Herrin, daß ich einfach hier eindrang," sagte ich. "Ich bin ein verirrter Reisender und war bis spät in die Nacht unterwegs. Ich war sehr erschöpft und... Es tut mir leid!"
Sie lachte leise. Ihr Lachen klang wie silberne Wasserperlen. "Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Reisender. Es ist selten, daß sich jemand in diese Gegend verirrt und mein Heim steht dem Ehrlichen offen."

Sie schlenderte mit dem lässigen Schritt einer Katze zu mir und stellte sich vor mich. Zu meiner Erleichterung stellte ich fest, daß ich nicht in die gefährliche Situation kam, einem Bewaffneten gegenüber zu stehen - sie trug nur die kleine Flöte in der Hand. Und was mir noch auf den ersten Blick auffiel war, daß sie schön war. Wirklich schön.

Ich habe in meinem Leben oft hübsche Frauen gesehen, manche sogar sehr sehr hübsch, hübscher als diese - doch jetzt wußte ich, daß selbst die wundervoll anzusehenden Elfinen nur eben jene Bezeichnung hübsch verdienten, wurden sie mit diesem Wesen verglichen. Hübsch ist die sterbliche Bezeichnung für vergängliches Aussehen; diese Frau jedoch, die hier in der Einöde lebte, verdiente wahrhaftig die Beschreibung schön, denn in ihrem Wesen lag nicht nur äußere Schönheit, sondern etwas, daß dem Wesen der Drachen unendlich nahe kam. Stolz in jeder Geste, Würde in jeder Bewegung und etwas, daß selbst die Unsterblichkeit von Elfen oder Engeln weit in den Schatten stellte.

"Wie nennt man dich, Unbekannter?" fragte sich mit ruhiger, ausgeglichener Stimme und ich fühlte mich, wie aus einem Traum zurückgeholt - doch so, daß man nach dem Erwachen, seinen Traum weiter vor ich sieht.
"Bragon," antwortete ich heiser. Ich räusperte mich, um mir wenigstens etwas von meiner eigenen Würde zurückzuholen. "Und wie ist dein Name?"
Bei diesen Worten schien ein leichtes Zittern durch die Aura der Schönheit zu laufen, ein kurzer Schatten, der ihre Augen verdunkelte, doch vielleicht hatte ich mir dies nur eingebildet. "Nenn mich Shura, Fremder Bragon." Sie ging in die Hocke, um mit mir auf einer Augenhöhe zu sein. "Was führt dich hierher in diesen Winkel der Welt?"
Mir fiel meine eigentliche Aufgabe wieder ein. Stolz verkündete ich, daß ich Drachentöter sei und ausgeschickt auf die Jagd nach der ansässigen Bestie.

Sie zeigte sich nicht im geringsten beeindruckt, sondern nahm es wie alltäglich hin. Doch es schien, als schwinge plötzlich der Schatten, den ich zuvor bemerkt hatte, nun in ihrer Stimme. "So, du wurdest also ausgeschickt, die Kaïre zu töten."
"Die Kaïre?" fragte ich verblüfft.
"Ja, so ist das menschliche Wort für ihren Namen." Sie lächelte still, als wüßte sie um einen geheimen Scherz, der in diesem Namen lag.
"Und hatte ich schon so viele Vorgänger?"
Sie lachte erneut. "Nein, diesen Drachen wollte noch niemand töten."

Wir sprachen noch eine Weile und ich fragte sie aus, ob sie etwas über die Drachin wüßte, doch ihre Aussagen waren verschwommen und unklar, obwohl ich ahnte, daß sie mehr wußte, als sie preisgeben wollte. Doch sie konnte mir sehr genau sagen, wo das Nest der Drachin war. "Ich kann dich dorthin führen, wenn du das wirklich willst, Bragon."
"Natürlich will ich das! Ich muß dir nicht beschreiben, du kennst dieses Tier. Ihr Götter, ich habe noch nie zuvor etwas ähnliches gesehen! Ich muß sie einfach besitzen!"
Shura sah mich lange schweigend an. "Manche Blumen sollte man besser ungepflückt lassen, Drachentöter. Es könnte sein, daß man ihren Giftstachel erst bemerkt, wenn es schon zu spät ist."
"Was meinst du damit?" fragte ich verwirrt.
"Nichts. Vergiß, was ich gesagt habe. Morgen werde ich dich zu ihr führen. So lange sei eingeladen, mein Gast zu sein."

Am nächsten Morgen brachen wir recht früh auf, denn wir mußten das gesamte Hochplateu, das größer war, als ich es zuerst angenommen hatte, überqueren und dann noch ein ganzes Stück erklettern. Shura führte mich schweigend durch das wogende, herbstlich gelbe Gras, daß sich durch dies Schicht aus Kies, Geröll und Bimsstein drängelte. Durch ihr Schweigen gab sie mir die nicht ungewünschte Gelegenheit, sie wieder zu betrachten.

In dem kräftigen Brise, die als Ableger des Höhenwindes durch die Ebene pfiff, wehte ihr langes, dunkles Haar wie ein Mantel um sie und schien spielerisch mit ihr zu tanzen. Auch ihre geschmeidigen Bewegungen schien tänzerisch, als ginge sie auf dem Wind. Ihre schlanken, sonnengebräunten Glieder, die unter dem so kurzen, ledernen Mieder und dem Lendenschurz aus dem selben Material fast - aber nur fast - unzüchtig zur Schau gestellt waren, waren sehnig und doch kräftig wie die einer Wildkatze. In diesem Moment bemerkte ich, daß ich sie keiner mir bekannten Rasse zuordnen konnte, obwohl ihre Gestalt doch menschlich war. Aber nicht wirklich menschlich, ähnlich einem Elfen und doch auch nicht elfisch und auch nicht wie eine Lheìn oder Shen'dai. Einer Zwergin glich sie überhaupt nicht, obwohl mir schien, daß möglicherweise auch von dieser Rasse etwas in ihr war, denn der Kampfgeist in ihren Augen hatte etwas davon. Und trotzdem war sie nichts von alledem. Aber in diesem Moment wollte ich nicht weiter darüber nachdenken.

Einmal, als ein plötzlicher Windstoß über uns fegte, breitete sie spielerisch die Arme aus und drehte sich lächelnd um sich selbst, getragen vom Wind. Als die Sonne unmittelbar auf ihr Gesicht schien, fiel mir auf, daß sie unter ihrer Bräune blaß war, als hätte sie eine lange Krankheit gerade erst hinter sich gebracht. Doch dies tat ihrer Schönheit keinen Abzug, im Gegenteil, es gab ihr eher etwas von Adel. Ich begann, diese Frau in ihrer Schönheit immer mehr zu bewundern. Das heißt, die Bezeichnung "Frau" war wohl etwas übertrieben, denn ich bezweifelte, daß sie ihr zwanzigstes Lebensjahr bereits hinter sich gebracht hatte. Und so gingen wir weiter, sie in ihrem beinahe selbstvergessenen Spiel mit dem Wind und ich in Genugtuung, sie betrachten zu können.

Es dauerte fast den halben Tag bis wir das Plateau hinter uns gebracht hatten und erst nach einer langen Pause begannen wir den Aufstieg über eine Geröllhalde zu einem Felsvorsprung hinter dem, wie sie mir gesagt hatte, eine Höhle lag, in der die Drachin ihr Nest hatte.

Auf meine Zweifel hin, ob sie mich wirklich weiter begleiten wollte zum Nest der Bestie, lächelte sie nur und sagte: "Kaïre ist nicht im Nest. Es besteht keine Gefahr."
Doch woher sie das so genau wußte, wollte sie mir nicht sagen.

Es war eine sehr anstrengende Kraxelei - zumindest für mich. Ständig rutschten Gesteinsbrocken unter mir weg, und nicht sehr selten hatte ich Mühe, nicht zu stürzen. Shura kletterte bedächtiger, sorgsam jeden Schritt ausbalancierend, dadurch zwar langsamer als ich, doch das mangelnde Tempo machte sie durch größere Geschicklichkeit wett. Und dann erreichten wir den Drachenhort. Ich zog mich über die Kante und sah dann herab in das Tal.

Der Ausblick war überwältigend. Viele Tausendlängen weit konnte ich sehen, und ich denke, wenn meine Menschenaugen schärfer gewesen wären, dann hätte ich bis zu dem Paß gesehen, von dem ich gekommen war.

Der Wind hier oben war stärker als im Tal; dennoch schaffte er es nicht, den Geruch der Drachin davonzutragen. Beziehungsweise nicht ihren Geruch, sondern den ihrer Opfer. Mit Grauen erkannte ich auch zahlreiche gebleichte Knochen von Menschen, auch ein fast völlig verwester Zwergenjunge stank vor sich hin und lockte zahllose, buntschillernde Aasfliegen an.

Angeekelt wollte ich mich abwenden - an so einen Anblick würde ich mich nie gewöhnen - da fiel mir etwas anderes ins Auge. Ein anderer Knochen lag dort auf dem Boden der Höhle, halb in ihrem dunklem Inneren verborgen - ein Knochen, so groß, daß er nur von einem anderen Drachen oder Lindwurm stammen konnte. Er mußte uralt sein, war glatt wie Elfenbein und bereits goldenbraun angelaufen. Als ich auf die Rippe zuging, um sie mir näher anzusehen, stellte ich fest, daß dies bei weitem nicht das einzige Stück Skelett war - die Drachin hatte sich ihr Nest aus den Gebeinen von Artgenossen gebaut. Ich sah mindestens drei Schädel, doch ich vermutete, daß es weit mehr sein mußten, mindestens sechs oder noch mehr. Eine seltsame Aura lag über allem, kühl wie in einer Gruft und noch kälter; ein nur geahntes Frösteln aus uralten Zeiten. Ich schauerte. "Was hat das zu bedeuten?" flüsterte ich atemlos.
"Das Geschlecht des Silbernen ist alt, Drachentöter. Und nun solltest du besser gehen, bevor auch du die Toten verärgerst."
"Was willst du damit sagen?"
Sie wich meinem Blick aus. "Nichts, Drachentöter. Gar nichts."

Da packte ich sie am Arm und hielt sie fest. Trotzig sah sie mir in die Augen. "Sag mir, was du damit meinst, Shura! Ich..."
Ein Dröhnen, nicht laut, nur das Echo des Echos eines längst verhallten Schreis, schnitt meine Worte ab.
"Es ist besser, du gehst nun, Drachentöter," sagte sie leise und nun lag eindeutig Drohung in ihrer Stimme. "Du wirst die Toten verärgern!"
Etwas in ihren Worten, der Nachdruck, mit dem sie es sagte, ließ mich schauern und ohne daß sie sich losgerissen hätte, fiel mein Arm von ihr ab. "Sag mir, bist du eine Zauberin, Mädchen?"
Sie schüttelte den Kopf. "Nein. Nicht ich. Doch nun laß uns endlich gehen. Kaïre wird bald zurückkehren und es wäre nicht ratsam, dann noch hier zu sein."

Wortlos ging sie voraus und ich folgte ihr, ebenfalls schweigend und sehr nachdenklich. Erst in der herannahenden Dämmerung erreichten wir Shuras Haus. Ich ließ mich davor auf den Boden sinken und lehnte mich gegen die Mauer, um endlich wieder zu verschnaufen.

Shura hatte tatsächlich während der ganzen Zeit kein Wort mehr gesprochen. Ihr Schweigen bedrückte mich und der abweisende Blick tat ein übriges. Es ärgerte mich, aber ich wollte nicht, daß sie mir böse war.

"Shura," sagte ich und als sie mich ansah, stockte mir die Stimme. "Shura... ich.... Es tut mir leid, wenn ich vorhin grob zu dir war... Es ist nur... Dieser Ort... Er hat mich verwirrt. Ich habe nie etwas... etwas derartiges gesehen... Es hat mich verwirrt."
Shura kam zu mir und kniete sich neben mich. "Es ist in Ordnung. Ich verstehe. Dieses Nest ist nicht wie andere. Du hast es gespürt. Ich habe mich nicht anders verhalten, als ich es zum ersten Mal sah... glaube ich."
Sie legte ihren Arm auf mein Knie. Plötzlich hatte ich das Bedürfnis, mit ihr zu reden.
"Ich habe noch davon gehört, daß Drachen sich ihre Nester aus Knochen bauen. Schon gar nicht aus Drachenknochen. Und... etwas war da. Ich... Ich kann es nicht beschreiben. Irgend etwas lag über diesem Ort, das meinen Geist verwirrt hat. Irgend etwas. Ich... nein, es ist unmöglich zu beschreiben. Absolut unmöglich."
Sie nickte. "Ich verstehe dich. Kaïre ist nicht wie andere ihres Geschlechts."
Ich faßte ihre Hand. "Aber was, was ist so anders an ihr? Sag es mir, bitte!"
Da erhob sie sich. "Ich werde jagen gehen."
"Jetzt?" fragte ich. "Es ist spät!"
Sie lächelte. "Des Nachts ist meine Beute unvorsichtig."
"Soll ich nicht mit dir kommen? Was, wenn der Drache auftaucht?"
Jetzt lachte Shura. "Bleib hier, mein Held. Es ist besser, wenn du mich nicht begleitest. Bleib hier und hüte das Haus, kleiner Drachentöter, ich bin bald zurück." Sie zwinkerte mir schelmisch zu und ging dann fort in die Dämmerung.
Ich wußte nicht, warum mir plötzlich so kalt war.

Shura blieb die ganze Nacht weg. Schließlich wurde ich zu müde, um zu warten und wenn ich bedachte, daß sie noch immer unterwegs war, fragte ich mich, ob es das Alter war, daß mich in den Schlaf trieb. Als ich mich in den Fellen neben der erloschenen Feuerstelle nieder legte, sagte ich noch leise zu mir: "Dies ist der letzte, alter Drachentöter. Ein würdiges Ende. Und dann wirst du dir etwas anderes suchen, um deine Zeit zu töten." Das letzte, was ich vor dem Einschlafen hörte, war Kaïres klagendes Rufen und das Rauschen der gewaltigen Schwingen, das die sonst so leise Mondnacht erfüllte.

Auch als ich am nächsten Tag erwachte, war Shura nicht zurück. Doch ich hoffte, daß sie bald kommen würde, denn ich war hungrig. Lautstark protestierte mein Magen darüber, daß ich seit dem kargen Frühstück des Vortages nichts mehr gegessen hatte. Als es schließlich auf den Mittag zuging und noch immer nichts von Shura zu sehen war, beschloß ich, mich selbst zu versorgen.

Und so ging ich zu den Säcken, die an der Wand lehnten, holte mit der einzigen Schüssel im Haus etwas von dem groben Mehl aus Getreide heraus und ging dann damit zu dem nahen Bächlein, kaum mehr als ein Rinnsal gehen, um das ganze mit Wasser zu Brei zu vermischen. Als ich wieder hinein ging, pflückte ich noch etwas getrocknetes Fleisch von einer der zahllosen Leinen, die kreuz und quer an der Decke verteilt waren, und an denen ordentlich getrocknete Früchte, Beeren, Pilze und Kräuter aufgefädelt waren. Und so machte ich mir ein recht gemütliches Frühstück auf meinen Fellen, den Rücken an die ummauerte Feuerstelle gelehnt.

Während ich vor mich hinkaute und über die seltsame Situation nachgrübelte, fiel mir plötzlich eine große, eisenbeschlagene Kiste am anderen Ende des einzigen Raumes der Hütte auf. Ich war nicht schlecht erstaunt, daß ich sie nicht früher bemerkt hatte, denn abgesehen von den Vorratssäcken und der Feuerstelle war sie das einzige, was die Hütte an Möbeln beinhaltete. Ich stellte meinen Brei zur Seite und ging neugierig darauf zu.

Die Kiste war etwa so hoch wie mein Knie, und da ich ziemlich groß war also nicht eben klein, etwa einen halben Schritt breit und zwei ganze lang. Die schweren, gußeisernen Beschläge gaben dem dunklen, mit komplizierten Schnitzereien verzierten Holz ein wuchtiges Aussehen. Als ich meine Hand darüber gleiten ließ, fühlte das Holz sich sehr alt und sehr glatt an. Fast wie aus polierten Knochen, schoß es mir durch den Kopf.

Mein Blick fiel auf die schweren Verschlüsse und fast von alleine legten meine Hände sich darauf und öffneten sie lautlos. Ich schluckte und fuhr mit der Zunge über die Lippen - dann hob ich mit angehaltenem Atem den Deckel an... und ließ ihn fast sofort wieder fallen, als plötzlich etwas wie Lichtschimmer aus der Kiste drang. Ich sprang vor Schreck zurück und starrte schwer atmend das seltsame Ding an.

Den ganzen Tag wagte ich es nicht, mich der Truhe erneut zu nähern und als am Abend endlich Shura zurückkehrte, hatte ich wieder andere Dinge im Kopf. Doch ganz konnte ich die Kiste nicht vergessen und in mir brodelte die Neugier, sie zu öffnen und ihr Geheimnis zu entdecken.

In dieser Nacht hatte ich einen seltsamen Traum. Ich träumte, ich stünde alleine in der Ebene, über mir der sturmgepeitschte Wolkenhimmel, doch um mich völlige Windstille und kein Laut. Einige Schritte vor mir lag ein großer, seltsam geformter Stein, oval und vollkommen symmetrisch mit schimmernder, perlmuttartiger Oberfläche. Im Traum ging ich darauf zu und plötzlich sah ich, daß sich unter der Schale etwas bewegte, ein Schatten, der sich im Inneren des seltsamen Steins eingenistet hatte und nun geduldig auf sein Erwachen wartete. Mir wurde klar, daß dies kein Stein war, sondern ein Ei. Das Ei eines Drachen.

Eine Woche verging, bis ich wieder Gelegenheit hatte, mich näher mit der Truhe zu beschäftigen. An diesem Tag ging Shura trotz reicher Vorräte wieder jagen. Ich hatte es nicht gewagt, mich in ihrer Gegenwart dem seltsamen Ding zu nähern und irgend etwas hielt mich davon ab, meine Gastgeberin direkt danach zu fragen. Doch jetzt war Shura fort, mindestens bis zum Abend, fast sicher länger.

Gleich nachdem sie gegangen war, flammte in mir erneut die Neugier auf. Und diesmal war sie viel viel stärker geworden. Eigentlich hatte ich mir Zeit nehmen wollen, bis ich sie öffnete, doch mir wurde bewußt, daß jedesmal, wenn ich nicht genau auf mich achtete, meine Blicke zur Truhe flogen und meine Schritte mich dorthin lenkten. Meine Hände zitterten und waren schweißig und schließlich konnte ich meine Neugier nicht mehr bezähmen. Ich kniete mich vor der Kiste hin, atmete tief durch und öffnete mit plötzlich sehr bedächtigen Bewegungen die schweren Verschlüsse. Langsam öffnete ich den Deckel und das leise Knirschen der alten Scharniere ließ mir ein wohliges Schauern durch den ganzen Körper laufen - ich fühlte mich wie ein kleiner Junge, der in seinem Traum einen Räuberschatz barg. Erneut war da das schwache Glimmen aus dem Inneren, doch es verglühte rasch, als ich den Deckel weiter anhob. Was darin verborgen lag, übertraf all meine Vorstellungen, auch wenn ich nicht genau wußte, was ich erwartet hatte, doch bestimmt nicht das.

Darin lag eine bläulich-silbern schimmernde Rüstung aus Drachenhorn. Nicht einen einfachen Wams, wie ich ihn trug und auch nicht aus der einfachen Schuppenhaut eines Drachen, sondern tatsächlich eine vollkommene Rüstung aus wirklichen Panzerplatten von einem Tier, das uralt gewesen sein mußte und noch dazu von gigantischer Größe. Dies war der Panzer eines ausgewachsenen Drachen gewesen. Ich hielt den Atem an. Wer immer dieses Tier getötet hatte, er mußte ein Krieger von unglaublicher Stärke und Geschicklichkeit gewesen sein. Unter den gefalteten Armteilen der Rüstung, als würde ein Toter es als Grabbeilage in der Hand halten, lag ein perlmuttfarbenes Engelsschwert mit gezackter, endlos scharfer Klinge, in dessen kunstvollen Knauf als Spitze der Zahn eines Drachen eingearbeitet war. Außerdem lag, halb versteckt unter dem Plattenpanzer der Rüstung, ein schweres, in dunkles, verwittertes Leder gebundenes Buch. Eine unhörbare Stimme in meinem Kopf drängte mich dazu, es herauszunehmen und darin zu lesen und es war mir unmöglich, ihr zu widerstehen.

Und so trug ich es zu meiner Schlafstelle und schlug es behutsam auf. Ich mußte sehr vorsichtig sein, denn das gelbliche Pergament war alt und drohte, bei jeder Berührung zu Staub zu zerbröseln.

Ich wußte nicht, was mich dazu trieb, genau diese Seite aufzuschlagen, doch meine Finger suchten beinahe automatisch eine bestimmte Stelle in dem langen Text, die weder am Anfang, noch in der Mitte lag, sondern irgendwo unbestimmt dazwischen und ich begann zu lesen.

... Es lebte ein stolzes Volk in jenen Tagen in den Hochtälern des N'ako-tjer. Stark waren sie und würdevoll wie kein zweites unter Aranis edlem Auge. Ihr Prinz war der mächtige Kaïr und er lebte voller Freude über seinen Stamm der Edlen. Doch dann kamen Fremde und ihre Waffen waren von Zaubermacht verseucht und ihre Gedanken von Mord ausgefüllt wie der Körper des Kranken von Pest. Und sie brachten Tod und Verderben über Kaïrs Stamm. Sie töteten die Alten, die Jungen, schlachteten die Jäger und Krieger und sie kannten kein Erbarmen. Doch trotz der Ungleichheit durch die magischen Waffen war Kaïrs Stamm ein Volk der Kämpfer und sie schlugen sich tapfer und ihr Blut, das floß wie die reißenden Bäche der Schmelzzeit, wurde mit dem Blut ihrer Feinde teuer bezahlt und schließlich waren nur noch zwei übrig geblieben. Kaïr, der Silberne, der Sohn des Mondes und der Sterne, und der Anführer der fremden Schlächter. Und sie lieferten sich einen grauenvollen Kampf. Einen Tag und eine Nacht und noch einen ganzen Tag lang kämpften sie und ihr beider Blut tränkte die weinende Erde. Doch da ermüdete Kaïr und der Fremde setzte auch ihm den Todesstoß und brüllte vor Freude, als Kaïr röchelnd darnieder lag. Dies erzürnte den sterbenden Prinzen sehr und noch auf dem Wege in den Tod versammelte er, der nun selbst fast zu ihnen gehörte, alle Zauberkräfte seiner Ahnen und vereinte sie mit der seinen und dann...

So unvermittelt kam der Schrei der Drachin, daß ich vor lauter Schreck das Buch von mir stieß und sprang auf. Wieder schrie die Drachin draußen, die Stimme voller Wut und das Fauchen ihrer Schwingen brüllte in der Stille des Hochtals.

Ich rannte zur Tür und hinaus. Kaïre raste dicht über mir dahin und schoß eine gewaltige Flammenfontäne in den Himmel, raste nach oben und überschlug sich in der Luft; ein grandioses Schauspiel aus glitzernden, blauen und schwarzen Schuppen und warf einen haßerfüllten Blick in meine Richtung.

Wie ein Pfeil schoß sie aus der Höhe auf die Hütte zu und jagte schreiend darüber hinweg, daß der Sturm ihrer Schwingen mich von den Füßen riß. Einen Moment war es so laut um mich, daß ich glaubte, ich würde taub, doch dann drehte sie ab und ich sah nur noch den langgestreckten Drachenkörper in Richtung Nest verschwinden.

Einen Moment blieb ich noch wie betäubt liegen, dann rappelte ich mich benommen auf und torkelte ins Haus zurück. Mein Blick suchte wieder das Buch, doch es war verschwunden. Nicht, daß ich es nur in eine uneinsichtliche Ecke geschleudert hatte, denn dies gab es gar nicht in diesem Haus, nein, es war einfach nicht mehr da. Auch die seltsame Truhe mit samt Inhalt hatte sich wie in Luft aufgelöst. Und während ich darüber nachdachte, was sich hier ereignet hatte, viel mir plötzlich ein, daß ich in dem Buch gelesen hatte - und daß, obwohl ich nie in meinem Leben Lesen gelernt hatte...

Ich war so in Gedanken versunken über daß, was heute geschehen war, daß ich nicht bemerkte, wie der Abend kam und schließlich die Nacht hereinbrach. Was hatte all das zu bedeuten?, fragte ich mich. Was sollte ich davon halten? Und vor allem, was hatte die Geschichte, die ich gelesen hatte damit zu tun? Wie mochte sie wohl enden?

"Worüber grübelst du, Drachentöter?"
"Shura!" Erschrocken fuhr ich hoch.
"Überrascht?" fragte sie, spöttisch grinsend. Sie trat ein und ich bemerkte, daß sie triefend naß war. Erst da wurde mir bewußt, daß es draußen in Strömen regnete.
"Du bist ja ganz naß!" rief ich aus.
Shura sah an sich herab. "Tatsache," stellte sie nüchtern fest. "Ich wäre dir dankbar, wenn du dich einen Augenblick... umdrehen könntest." Sie zwinkerte mir zu und ich begriff, daß sie ihre nasse Kleidung ausziehen wollte. Also drehte ich mich artig um und wartete, bis sie sich eins der Felle um die Schultern geworfen hatte. Während sie dies tat, nahm ich Zunder und Feuerstein, um eine Flamme in die Feuerstelle zu geben.

Kurz darauf flackerte das Feuer hell hinter uns und wir saßen zusammen auf meinen eigenen Fellen. Ich vermied es, sie anzusehen, denn sie hatte sich zwar gut in das Fell eingewickelt, doch das Wissen um die nackte Haut darunter gab mir Gedanken ein, die ich bei ihr, die so jung noch meine Tochter hätte sein können, nicht empfinden wollte. Und so starrte ich lieber stumpf auf die tanzenden Schatten an der Wand.
"Du siehst grüblerisch aus, Bragon. Woran denkst du?" Ich zuckte beim Klang ihrer Stimme zusammen. Mir wurde klar, daß ich an etwas wichtiges gedacht hatte, etwas sehr wichtiges. Etwas, das mich bereits den ganzen Tag beschäftigt hatte, doch ich hatte völlig vergessen, was es gewesen war.
"Ich... weiß es nicht..."

Daraufhin trat langes Schweigen ein. Plötzlich war mir der Schattentanz des Feuers unheimlich. Ich sah darin nur noch den Tanz von gewaltigen Feuerdrachen, die über meine kleine, sterbliche Seele lachten. Wohl eine Stunde saßen wir da und sagten nichts, während der Regen draußen zu einem Gewitter anwuchs und schließlich vereinzelte Blitze aufzuckten. Da plötzlich sagte Shura ganz ohne jeden Zusammenhang: "Kaïre war heute wieder hier." Ich sah sie an. Da war etwas in ihrer Stimme, das mich beunruhigte. Shura fuhr fort, ohne auf meinen Blick zu reagieren. "Sie ist oft hier in diesen Tagen. Es macht mir Angst. Sie kommt sonst nicht so oft."
"Du meinst, sie hat noch ein anderes Nest?"
"Nein. Ich sage nur, daß sie sonst nicht so oft hierher kommt."
Ich legte meine Hand auf ihre Schulter.
"Was willst du mir dann damit sagen, Shura?"
Sie sah mich mit großen, dunklen Augen an. "Daß ich Angst habe, Drachentöter." Tränen standen ihr in den Augenwinkeln. "Bitte, halt mich fest." Erstaunt blickte ich sie an. "Bitte, halt mich einfach nur fest, damit ich nicht auseinanderfalle." Sie war den Tränen nahe und eine Woge von Mitleid überschwemmte mich.

Ich schloß den schmächtigen Körper fest in meine Arme und sie drückte sich an mich, als hätte sie tatsächlich Angst, sie würde sich verlieren, wenn sie sich nicht fest genug an mich klammerte.
"Früher, in der alten Zeit," sagte sie unvermittelt, "wurden den Drachen Jungfrauen geopfert, um sie zu besänftigen. Doch als dies nichts nutzte, begann man schließlich, die Jungfrauen das Kämpfen zu lehren und dann schickte man sie mit einem Schwert in der Hand als Opfer zu den Drachen." Ihre Stimme klang seltsam; gefaßt und doch so, als würde dahinter tiefste Angst schwelen. Doch die Zeiten der Drachenritterinen waren seit fast dreihundert Jahren vergangen, schoß es mir durch den Kopf. Abwesend schloß ich sie etwas fester in den Arm. Doch da entzog sie sich mir plötzlich Armen und entfernte sich ein Stück von mir, kehrte mir den Rücken zu. Ich bemerkte, daß sie zitterte.
"Wenn sie fliehen wollten, wenn sie wußten, daß sie nicht genug Mut und nicht die Stärke hatten, um zu bestehen, gab es nur eines, was sie tun konnten, um dem Drachen zu entkommen..."
"Was taten sie?" fragte ich leise.
Shura senkte den Kopf und schlang das Fell fester um die Schultern. Dann atmete sie tief durch. "Bragon..." Ihre Stimme klang heiser. Sie drehte sich zu mir um und sah mich an mit einem Blick, der tiefer war als der Ozean. Silberne Tränen schimmerten im Feuerschein wie die feinen Staubteilchen, die golden in der Schwärze ihrer Augen glitzerten. Dann ließ sie das Fell von ihren Schultern gleiten und öffnete ihre Arme.
"Liebe mich!" flüsterte sie.
Ich fühlte mich plötzlich wie gelähmt und konnte kaum noch atmen. "Shura... ich...."
Doch sie unterbrach meine Worte und legte den Finger an die Lippen. "Sch...." Wieder sah sie mich an. Als sie mich küßte, wollte ich ihr nicht mehr widersprechen.

Als wir später noch immer eng umschlungen dort lagen und uns einfach nur zärtlich im Arm hielten schmiegte Shura sich eng an meine Brust und ich kraulte sie in den Haaren, mein Dank für ihren Körper und ihre Liebe. Während sie so da lag, angekuschelt an mich und voll dem Duft nach Frau, Schweiß und meinem Samen, wollte ich ihr plötzlich alles über das Gefühl sagen, das durch meine Adern pulste, doch als ich leise ihren Namen flüsterte, hörte ich an ihrem sanften, gleichmäßigen Atem, daß sie in meinen Armen eingeschlafen war. Ich küßte sie noch einmal sanft auf die Stirn und Glück durchflutete mich, als sie selbst im Schlaf lächelte. Dann sah ich nach draußen in den strömenden Regen und hing meinen eigenen Gedanken nach.

Wieder stand ich in der Ebene.
Wieder war dort der Fels.
Das Drachenei. Unruhig bewegte sich der Schatten darin, kämpfte gegen seine Gefangenschaft an und wand sich ungeduldig unter der Eischale, die ihn nicht mehr lange gefangen halten würde.
"Und sie lieferten sich einen grauenvollen Kampf," raunte der Wind, den ich nicht fühlen konnte, mir zu. "Einen Tag und eine Nacht und noch einen ganzen Tag lang kämpften sie und ihr beider Blut tränkte die weinende Erde.
Doch da ermüdete Kaïr und der Fremde setzte auch ihm den Todesstoß und brüllte vor Freude, als Kaïr röchelnd darnieder lag.
Dies erzürnte den sterbenden Prinzen sehr und noch auf dem Wege in den Tod versammelte er, der nun selbst fast zu ihnen gehörte, alle Zauberkräfte seiner Ahnen und vereinte sie mit der seinen und dann verfluchte er den Fremden auf grauenvolle Weise..."
Der Drache im Ei stieß gegen die Eischale und schon wurden erste Sprünge sichtbar.
Eine Stimme tief in mir schrie auf, ich sollte fliehen, solange ich noch konnte, ich sollte widersprechen und den Dachen töten, doch ich konnte mich nicht rühren. Eine seltsame Faszination lag in dem Schauspiel als der Drache schlüpfte und schon durchbrach die spitze, schuppige Schnauze die Schale des Eis.
Der Drache pfiff und kreische hell wie ein Vogelkücken, doch sein Maul war mit vielen, nadelspitzen Zähnen besetzt. Dann durchbrach sein Kopf und der schlangenhafte Körper die Schale und er schob sich heraus, die durchschimmernden Flügel ausbreitend und triumphierend in die Abendluft pfeifend. Dann sah er mich an und ich konnte nicht anders als aufschreien. Der Drache hatte meine Augen...

Keuchend fuhr ich hoch und mein Herz raste. Was hatte ich da nur geträumt? Und was hatte es zu bedeuten? Plötzlich bemerkte ich ein Fehlen an mir und Shuras leises Stöhnen erinnerte mich daran, daß sie nicht mehr an meiner Brust lehnte. "Shura?" fragte ich blind in die Dunkelheit. "Shura? Ist alles in Ordnung?"
Sie wimmerte und mir wurde kalt, als ich ihren Schmerz hören konnte. "Shura, was ist mit dir? Bist du krank?" Ich hörte, wie sie würgte und drohte, sich zu übergeben und wollte zu ihr, um ihr beizustehen, doch sie stieß mich erschreckend kräftig zurück, obwohl ihre Schwäche nicht zu übersehen war. Ihre Stimme klang rauh und zittrig und wie nicht für ihre Kehle gemacht, als sie wisperte: "Kaïre... ruft nach.. mir... Ich... muß folgen... Vergib mir, Drachentöter, oh bitte vergib mir.....!"
"Shura! Was redest du da? Was ist los?" Ich wollte sie am Arm fassen oder herausfinden, ob sie vielleicht Fieber hatte, doch als ich ihre Haut berührte, schrie ich vor Schreck auf und zog sie zurück, als hätte ich mich verbrannt - doch dem war nicht so. Ihre Haut war kühl, kühl und glatt wie die Haut einer Schlange - oder die eines Drachen. Als sie mir ihren Blick zuwandte, war ich starr vor Entsetzen. Ihre Augen, die sonst dunkel wie der nächtliche Himmel waren, leuchteten in einem unglaublichen, in dem menschlichen Gesicht fast abstoßenden Schwefelgelb.

Es waren Kaïres Augen.

"Vergib mir..." flüsterte sie schwach. Dann taumelte sie nach draußen, schwankend und unsicher, doch mit der Ahnung von Stärke, die in Kaïres Bewegungen mitschwang. Da stolperte sie und fiel hin, unfähig ihren Sturz abzufangen. In einem kopflosen Reflex sprang ich auf und wollte ihr helfen, doch der unmenschliche Schmerzensschrei, der plötzlich ihrer Kehle entsprang, der wie das Echo des Echos eines längst verhallten Todesschreis klang, und doch so markerschütternd und laut war wie im Donner berstendes Glas, ließ mich wie erstarrt stehen.

Shura oder was immer dort lag, wand sich auf dem Boden vor Schmerz, schlang die Arme um den Körper und die Krallen ihrer Hände rissen tief in das von silbrigen, rasch dunkler werdenden Schuppen bedeckte Fleisch. Sie trat wild um sich und häßliche Auswüchse spannten plötzlich die Haut ihres Rückens, bis diese aufplatzte und sich zwei riesige, dunkelblaue Schwingen ausbreiteten. Shura, die Frau, die ich eben noch geliebt hatte, verwandelte sich nun vor meinen Augen in den Drachen, den zu töten ich geschworen hatte.

Kaïre nahm immer weiter Besitz von dem, was ihr gehörte, schrie auf und schlug mit den Flügeln in der Nachtluft. Dann war die Verwandlung abgeschlossen und der riesige Drache saß vor mir, peitschte mit dem Schwanz und funkelte mich aus giftig leuchtenden Kristallaugen bösartig an. "Und was wirst du jetzt tun, Drachentöter?" Ihre Stimme klang seltsam verfälscht und verzerrt; ihre Zunge war nicht für meine Sprache geschaffen. "Was wirst du jetzt tun?"
"Du hast mich betrogen," sagte ich und Haß wallte in mir auf, wie die bittere Galle als ich mich kaum meiner Verzweiflung erwehren konnte. "Du hast mich betrogen, Drachin!"
Kaïre warf den Kopf zurück und zischte; vermutlich die Art, in der ein Drache lachte. "Du hast mich nie nach der Wahrheit gefragt, Drachentöter. Wie hätte ich dich dann belügen können?"
Ich ballte die Hände zu Fäusten und biß mir auf die Lippen. Ich zitterte vor Zorn und Enttäuschung.
Die Drachin zischte wieder und ihr Schwanz peitschte von einer Seite zur anderen. "Ich spüre deine Wut, Drachentöter. Ich spüre deinen Haß. Armer Sterblicher. Was willst du tun?"
"Ich werde dich töten, Kaïre. Ich werde dich töten!"
Die Drachin verzog die Lefzen und es schien, als würde sie mich belächeln. Immer höher brodelte mein Zorn und der Griff meiner eigenen Faust wurde plötzlich schmerzhaft.
"Du hast mich einmal genommen, Drachentöter. Laß es uns auf ein zweites Mal ankommen. Wir werden sehen, wer dieses Mal den Sieg davon trägt!" Sie zischte und schrie auf, dann knallten ihre Flügel in der stillen Luft und sie erhob sich in den dunklen Himmel, wo zwischen den hochaufgetürmten Wolken einzelne Sterne prangten um den stolzen Flug der Drachin zu begleiten.

Ich wand mich um und ging zum Haus zurück. Es verwunderte mich nicht mehr, daß es sich als halbverfallene Ruine entpuppte. Alles, was ich hier gesehen hatte, war nur Illusion und Täuschung gewesen. Selbst Shura war nicht gewesen, was sie vorgegeben hatte - oder vielleicht doch, und ich hatte nur nicht die richtige Frage gestellt, sei es aus Unwissen, sei es aus Angst vor dem, was ich hätte erfahren können.

Ich betrat die verfallene Hütte und meine Gedanken waren benebelt und unwirklich - und doch so scharf wie nie zuvor, als ich wieder die geheimnisvolle Truhe erblickte, die nun wieder in der Mitte des Raumes stand. Ich schritt darauf zu und öffnete sie bedächtig, jedoch ohne zu zögern.

Darin lag die Rüstung, das Schwert und das Buch. Ich packte das Buch zur Seite und holte nur Rüstung und Waffe heraus. Als ich mir die massiven Panzerplatten umschnallte, war ich nur halb überrascht, als sie mir paßte wie angegossen. Auch ein Helm in Form eines Echsenschädels und Panzerhandschuhe waren in der Truhe und schließlich war ich vollkommen in Drachenpanzer gehüllt, so daß kein Stück meines Körpers mehr frei war, doch trotzdem war die Rüstung so leicht und geschmeidig, daß ich mich bewegen konnte, als wäre ich in feinstes Leinen gekleidet anstatt in den massivsten Panzer, den Menschen zu schmieden fähig waren.

Dann nahm ich das Schwert und balancierte es vorsichtig mit der Hand aus - selten hatte ich ein ähnlich ausgewogenes Schwert in der Hand gehalten. Damit würde ich Kaïre gegenüber treten.

Damit würde ich sie töten.

Ich trat auf die Ebene hinaus und starrte in den Himmel. Die Drachin war nicht zu sehen. Vermutlich hatte sie sich in ihr Nest zurückgezogen, doch ich würde ihr nicht den Gefallen machen, sie dort oben zu suchen, wo ich ein leichtes Ziel für sie wäre. Ich wollte einen ehrlichen Kampf mit der Bestie. "KAÏRE!", rief ich. "Komm zu mir und laß uns kämpfen!" Nichts regte sich. "Komm her, verfluchte Bestie! Oder fürchtest du dich etwa?"

Tatsächlich war jetzt ein protestierender Schrei zu hören, weit entfernt und hoch oben glühte in den Wolken eine Feuerfontäne auf - dann stürzte sie herab.

Wie ein Jagdfalke, der auf seine Beute herabstößt, jagte Shura heran, nur unendlich viel größer, gewaltiger und diesmal war ich es, der gejagt wurde. Ich konnte nichts tun, als mein Schwert gegen sie anheben und wenn sie mich zerreißen wollte, würde ich ihr die Kehle von innen zerschneiden.

Immer näher und näher kam sie, die Flügel eng am Körper, und die Welt ging fast unter im Donnern des Windes, dem Schrei der Drachin und meinem Antwortschrei. Sie riß das Maul auf und ich umklammerte das Schwert fester, um es so tief wie nur irgendmöglich in ihren Rachen zu bohren.

Doch da fing sie plötzlich ihren Sturzflug ab und raste dicht über dem Boden hin, und nur das stachelige Ende ihres Schwanzes schlug neben mir ein und riß die Erde auf.

Hinter mir landete Kaïre, in dem sie ihre Krallen in den harten Untergrund schlug, als wäre es weiche Butter, noch einige Längen weit schlidderte und tiefe Furchen im Erdreich hinterließ.

Ich wirbelte herum, um mich ihr gegenüber zu sehen, und Kaïre bäumte sich auf die kräftigen Hinterbeine und schlug hart mit den weit ausgebreiteten Schwingen, daß der Luftzug mich von den Füßen riß. Ich rollte mich ab und wollte gerade aufspringen, als mich ihr Feuer mit aller Macht traf.

Die Druckwelle drückte mich erneut zu Boden und ich schrie auf vor Entsetzen, als die Flammen um mich herum alles versengten und verbrannten - bis ich bemerkte, daß keinerlei Hitze an mich gelangte. Die Rüstung schütze mich vor den Flammen wie ein magischer Bann und ein grimmiges Lächeln überzog meine Lippen, als ich erkannte, daß ich und der Drache in diesem Kampf gleich stark waren.

Ohne Übergang erstarb das Inferno über mir und Kaïre atmete tief ein. Dünne Rauchfäden stiegen ihr aus Maul und Nüstern. Dann neigte sie den Kopf zu mir, wohl um sich zu vergewissern, daß ich tot war. Ein dumpfes Grollen stieg aus ihrer Kehle und sie betrachtete mich aufmerksam, bis ihre Nasenspitze nur noch wenige Handbreit von mir entfernt war. In diesem Moment riß ich mein Schwert nach oben und die Drachin schrie entsetzt, als die scharfe Engelsklinge ihr das Gesicht und das linke Auge zerschnitt. Sie riß den Kopf zurück und stellte sich wieder auf die Hinterbeine, die Schwingen, so gewaltig wie die Segel eines großen Schiffes gegen die aufsteigende Morgendämmerung ausgebreitet.

Einen Moment war die Zeit eingefroren und ich sah zwar aus meinen Augen, doch trotzdem wie aus denen eines Beobachters, unbeteiligt, nicht im Geschehen, als sei dieser Kampf, den ich begonnen hatte, bereits uralt und ich nur das Mittel zum Zweck.

Kaïres Augen glitzerten unheilig, sie schlug mit den Schwingen und stieß dann auf mich herab, als hätten wir in unserem Liebesspiel die Rollen getauscht und es wäre an ihr, in mich zu dringen. Doch dann wollte ich ihr auch etwas entgegen halten.

Kurz bevor ihre Kiefer um mich zuschnappen könnten, warf ich mich nach vorne und stieß das Schwert nach oben, direkt in ihre Kehle.

Ein Schwall heißen Drachenblutes überströmte mich, doch ich ließ nicht los, stemmte mich gegen das Gewicht ihres Schädels und drehte die Klinge in ihrer Luftröhre. Kaïre keuchte erstickt und plötzlich wurde der so angespannte Körper schlaff und kraftlos und es gelang mir gerade noch, mich unter ihr weg zu wälzen, bevor das volle Gewicht der ausgewachsenen Drachin mich zerdrücken würde.

Atemlos und zitternd von der Anstrengung kniete ich neben ihrem Kopf und sah geistesabwesend zu, wie das Blut aus ihrem Maul und der zerfetzten Kehle rann.

In einem plötzlichen Impuls legte ich meine Hand auf die schuppige Schnauze und strich fast liebevoll darüber. Mein Haß war verglüht wie das Feuer in Kaïres Augen. Die Drachin hatte mir einen guten Kampf geliefert. Sie hatte mir ein Gefühl geschenkt, das über all den vergänglichen wie Triumph, Befriedigung und dergleichen lag.

Nun wollte ich sie nicht einfach ganz allein sterben lassen.

Ein Zittern lief durch den Körper der Drachin und ich fühlte ihre Angst vor der eintretenden Dunkelheit. Ich kraulte vorsichtig ihre Nase und flüsterte: "Hab keine Angst, ich bin bei dir." Ein tiefes, rollendes Geräusch stieg aus ihrer Brust und ließ das Blut an ihrer Kehle Blasen schlagen. Die Drachin lächelte, seufzte - und starb.

Alles um mich war mit einem Mal still bis auf das unaufhörliche Wispern des Windes um mich. Plötzlich hatte ich das Gefühl, mich umwenden zu müssen. Als ich hinter mich schaute, lag dort auf einem Felsen das aufgeschlagene Buch.

Obwohl der Wind in der Dämmerung wehte, schlug keine der Seiten um und als ich darauf zu ging, erkannte ich, daß es die selben Seiten waren, die ich bereits einmal aufgeschlagen hatte. Still bewegte ich die Lippen und laß weiter.

".. .Doch da ermüdete Kaïr und der Fremde setzte auch ihm den Todesstoß und brüllte vor Freude, als Kaïr röchelnd darnieder lag.

Dies erzürnte den sterbenden Prinzen sehr und noch auf dem Wege in den Tod versammelte er, der nun selbst fast zu ihnen gehörte, alle Zauberkräfte seiner Ahnen und vereinte sie mit der seinen und dann verfluchte er den Fremden, der ihn und seine ganze Sippe ausgelöscht hatte, ohne Sinn und Zweck, nur aus Durst nach Blut.

Und er verdammte ihn dazu, seinen Platz einzunehmen als Kaïr, der Silberne und als Shur, der Diener des Drachen, und nur der Tod durch eines anderen Drachentöters Hand, konnte ihn wieder erlösen - der Fluch jedoch wird weiterleben bis ans Ende aller Tage und jeder, der von nun an einen aus der Sippe des Silbernen tötet, wird den Fluch auf sich nehmen und verdammt sein bis in alle Ewigkeit."

Ich sah auf die tote Kaïre, die zehnte aus der Sippe von Kaïr, dem Silbernen, barg das Gesicht in den Händen und begann zu weinen.

Diese Zeilen schreibe ich, lange nachdem ich Kaïre tötete. Sicher ist es Jahre her oder Stunden oder Jahrhunderte.

Ich weiß es nicht.

Ich bin Shur. Ich bin Kaïr. Ich bin der elfte in der Reihe vom Fluch des Silbernen.

Ich fürchte, was ich nun bin. Kaïr ist mächtig und er hält meinen Geist fest umklammert, so daß ich beinahe wahnsinnig werde.

Doch ich kämpfe gegen den Drachen in mir an, ich will nicht, daß er auch meine Seele mit sich in seinen so lange vergangenen Tod reißen kann.

Ich weiß, einst hatte ich ein Leben, denn einst hatte ich einen Namen. Mein Name ist Bragon. Mein Name ist Bragon. Wenn ich nur daran festhalte, werde ich Erfolg haben, den Drachen zu bekämpfen.

Mein Name ist Bragon, mein Name ist Bragon, mein Name ist Bragon.

Wieder spüre ich den Schmerz in mir. Kaïr ruft nach mir, der Drache will fliegen, will noch einmal selbst im Tod die Umarmung des Windes spüren und ich bin nur der Überleiter in dieser uralten Umarmung von Feuer und Luft, jenen beiden Elementen, die sich im Drachen vereinigen.

Ich muß nun gehen.

Doch ich weiß, wer ich bin. Ich weiß meinen Namen.

Mein Name ist Shur, mein Name ist Kaïr, ich bin der elfte in der Reihe des Silbernen.

Es ist zu spät.

Ende

Diese Geschichte stammt aus einem gerade im Aufbau befindlichen Fantasy-Projekt, welches nach Fertigstellung auch im WWW vertreten sein wird. Weitere Anfragen sind bitte an die Autorin zu richten.

Janina Radny
Mehr ihrer Werke gibt es beim Sonnensturm-eZine
Besondere Empfehlung:
eBook: Die Farben von Anderswelt - Das Leid der Wölfe

Gib dem Autor Feedback! Drück Deine Meinung!
Diesen Artikel fand ich:

Der Digest (MD/DRoSI/Archont)

© Copyright by Dogio