Erinnerungen
(SF, Marc Albrecht, Datum: 1989)

Mein Name ist Walter, Doktor Walter Erund. Ich war bis zu meiner Pensionierung vor acht Jahren Leiter der gemeinsamen biologischen Forschungsanstalt der Daphneiden und der Menschen auf Ceti Alpha. Wir erarbeiteten dort ein Konzept zur Wissensspeicherung mit Hilfe der telepatischen Fähigkeiten der Daphneiden und den modernen Syntho-kristallinen Massenspeichern, die ja aus unserem modernen Leben nicht mehr fortzudenken sind. Aber was erzähle ich - das sind Dinge, die entweder bekannt oder für meine Geschichte nicht von Interesse sind.

Mein Kollege Estmann, ein ,,Halbmensch``, wie seinesgleichen von den ,,normalen`` abschätzig genannt werden, zeichnete verantwortlich für das Projekt, das heute unsere wesentliche Einkommensquelle ist: ,,Transmortale Existenz``, wie er selber scherzhaft einmal dazu sagte. Zu Beginn war es nur den Halbmenschen möglich, über ihren daphneidischen Teil wesentliche Bestandteile ihrer Erinnerungen in synthetische Medien zu speichern und, unter optimalen Bedingungen, diese bedingt mit Bewußtsein zu versehen. Was inzwischen aus dem Projekt geworden ist, kann man in vielen wohlsituierten Häusern bewundern... Nicht nur die Gedächtnisimplantate entstanden direkt aus dieser Idee, auch den Durchbruch, Halbmenschen den Estausch zu ermöglichen, verdanken wir letztendlich Estmann. Es ärgerte ihn und seine Artgenossen ewig, daß die Daphneiden ihren kompletten Austausch nicht auf ihre Nachkommen ausdehnen konnten (siehe ,,Tagebuch Clint Stokeley``: Daphneiden können ihr gesamtes Bewußtsein in Sekundenbruchteilen über beliebige Entfernungen auf andere ihrer Art übertragen, sind somit ,,unsterblich``). Daß Halbmenschen, wenn sie die Ichs ihrer Vorgänger aufnehmen, ihre vielleicht vorhandene Persönlichkeit fast völlig aufgeben, ist ihnen offenbar gleich.

Unsterblichkeit.

Nun, es hat keinen Sinn, auf Estmann herabschauen zu wollen. Ich wollte es besser machen - ich wollte, ich wäre gescheitert.

Ich erinnere mich deutlich an den Tag, an dem Estmann zu mir kam und erklärte:

,,Walter, wir haben es. Die Synapsenaktionen sind dechiffrierbar - aber unwichtig! Wir können alles induktiv auslesen...``

Ich unterbrach ihn, weil ich gerade an einem Artikel für eine Zeitschrift saß und den Gedankengang zu Ende bringen wollte. Ich tippte noch einige Worte und wandte mich dann Estmann zu, zerstreut dabei die Seiten zusammennehmend.

,,Entschuldige, Ernst, ich kann mich an die Gedankenleser nicht gewöhnen... ich bekomme einen Text nur voreinander, wenn ich ihn in eine Maschine hauen kann...``

,,Du hast es doch noch nie wirklich probiert...`` schmunzelte er und bestellte durch einen Gedankenbefehl an den Computer Tee. Ich sah es nur am kurzen Erstarren seines Gesichtes.

,,Stimmt. Ich bin altmodisch. So, erzähl', was Du auf dem Herzen hast.``

,,Wie gesagt: die Synapsenaktionen sind für unser Vorhaben gar nicht so wichtig - ganz, wie Du vermutet hast. Ich habe daran nur festgehalten, weil ich eine Steuermöglichkeit für die Selektion suchte... egal, das weißt Du ja alles.``

Der Lift piepte und Ernst stand auf, um unseren Tee an den Tisch zu holen. Er füllte seine Tasse zu dreivierteln mit Wasser, ehe er den Tee nachgoß - als Halbmensch hat er einen fünfmal höheren Flüssigkeitsbedarf, gleichzeitig aber extrem empfindliche Geschmacksnerven. Auch das war später Teil der Überlegungen, weshalb ich das Projekt an mir selber ausprobierte... ich hätte mich nie mit einem Verzicht auf scharf gewürzte Speisen abfinden können...

,,Wir lesen nun doch direkt aus den Speicherzellen aus, die Reduktion ist hinterher fast noch einfacher durchzuführen, weil die Umspannung die Schärfe sehr positiv beeinflußt.``

,,Hmm... Gut, aber wie sieht es mit der Aktivierung aus?``

Er zuckte mit den Schultern und meinte:

,,Wie gehabt. Das rein menschliche Bewußtsein schafft die Umstellung nicht. Wir können die Speicher aktivieren, wir können Sequenzen abrufen - alles. Aber wir bekommen keinen eigenständigen Zugriff hin.``

,,Wie stabil sind die Elemente denn?``

,,Deshalb komme ich zu Dir - sie sind stabil. Wir können jetzt eine Eins zu Eins Kopie Deiner gesamten Erinnerungen machen, Dir diese am Rechner oder über Implantat zugänglich machen und Ausschnitte in unbenutzte Teile Deines Hirns einspielen.``

Ich runzelte die Stirn, denn gerade dies war ein Punkt, der mir Sorgen machte. Aber Estmann wußte, worum es mir ging, und kam mir zuvor.

,,Nein. Wir haben das sehr genau überprüft. Wir Mischlinge werden - in einigen Jahren - Bewußtseinsschemata übernehmen können. Aber nicht so, wie wir heute sind. Dazu brauchen wir konkrete Hilfe von den Daphneiden. Wir müssen unseren Geist ganz anders ausbilden. Menschen - reine Menschen - könnten nur gespeicherte Erinnerungen aufnehmen, aber auch nur dann, wenn sie bei voller Konzentration aktiv mitarbeiten. Ein Mißbrauch ist gewiß auszuschließen... nunja, ich weiß... Ganz eleminieren kann man die Möglichkeit nie, aber wir müßten ja nicht weiterarbeiten, wenn die Gewissensbisse Überhand nehmen...``

Ich mußte ihn beschwichtigen. Noch heute sind die Halbmenschen den reinen Menschen gegenüber sehr skeptisch. Ich denke, das ist ihr menschliches Ich, denn die Daphneiden sind ein Ausbund an Toleranz und Gutmütigkeit. Nur Menschen sind immer mißtrauisch - und die Halbmenschen halten sich für besser als die ,,normalen``. Uns trauen sie immer nur das Schlimmste zu. Allerdings hatte ich, wie beschrieben, in diesem Fall auch Zweifel. Was, wenn diese technische Möglichkeit jemandem in die Hände fiel, der sie entsprechend weiterentwickelte, um... Estmann sah, wie es in mir arbeitete und legte seine fleischige Rechte auf meine zitternde Hand.

,,Beruhige Dich, Walter. Das Ganze ist noch nicht so spruchreif, daß Du Dir jetzt schon in die Hosen machen müßtest. Entschuldige... Nein, wir werden zunächst an den Scannern arbeiten müssen. Ich denke, daß wir frühestens in einem Jahr einen Prototypen herausbringen können, der als externes Gedächtnis funktioniert.``

Ich fragte ihn noch, wer zur Zeit am Projekt beteiligt war und nahm ihm das Versprechen ab, ab sofort Einstellungen und Entlassungen mit mir durchzusprechen. Der Hauptgrund, weshalb ich mich an das Gespräch jedoch so deutlich erinnere, ist die Frage nach den Daphneiden, die ich Estmann hinterherrief, als er mein Büro verlassen wollte. Er kam zurück an meinen Tisch und zögerte einen Moment. Schließlich antwortete er ungewohnt zurückhaltend.

,,Sie haben ein eigenes Projekt, das sie uns nur ansatzweise nennen wollen. Offenbar arbeiten sie daran, eine Persönlichkeitsmatrix für Menschen zu entwickeln. Du weißt doch, daß ihre Technik auf Matritzen beruht. Eine daphneidische Matrix wirkt wie eine vielschichtige Maske, die auf irgendeine Weise einen Querschnitt aus Kurzzeit- und Langzeiterinnerungen aussiebt, der für die Denkweise des übertragenden Individuums typisch ist. Damit - und mit ihrer Fähigkeit, sowohl Wellenrhythmen als auch Intensitäten verschlüsselt mitzuspeichern - können sie echte Kopien voneinander anfertigen...``

,,Das weiß ich. Was ich wissen will, ist, was sie mit unserem Projekt vorhaben, wo da für sie der Nutzen ist!``

,,Ich gestehe, ich weiß es nicht genau. Ich habe eine Vermutung - wie gesagt, ich glaube, sie wollen ihre Kopiertechnik dem Menschen anpassen. Aber mehr als eine Vermutung ist es nicht, zumal es oft genug Diskussionen darüber gab, was es dem Menschen brächte, unsterblich zu sein. Ich halte es auch nicht für erstrebenswert, nicht für Normale...``

,,Ja, ich weiß. Wir wissen aber aus unserer Geschichte auch sehr gut, daß die Daphneiden sich immer sehr viele Gedanken machen, bevor sie in etwas Energie stecken... nun, wir werden es erleben...``

Nur zwei Monate später stellte sich - vorerst - heraus, daß Ernst keinen Computer mit genügend Kapazität bauen konnte, um gleichzeitig alle Erinnerungen eines Menschen aufzunehmen und parallel eine aktive Auswahl durch ein vorher programmiertes Programm ausführen zu lassen. Er experimentierte einige Zeit herum und versuchte, einen Weg zu finden, den speichernden Menschen die Auswahl online durchführen zu lassen, scheiterte aber an der Masse an Informationen. Unsere Computer waren zwar schon seit vielen Jahren in der Lage, Einzelbilder oder Befehle aus dem menschlichen Hirn auszulesen und entsprechend ihren Programmen in Aktionen umzusetzen. Aber allein die Suche nach einem assoziierten Bild gestaltete sich unglaublich schwierig.

Ein Beispiel: ich stellte mich mehrere Male als Versuchsperson zur Verfügung. Bei einem Experiment sollte ich mir Gesichter und Namen merken - eine scheinbar einfache Aufgabe. Bei der Einspeicherung konnte ich, in zugegeben hervorragender Qualität, auf dem Bildschirm die gerade betrachteten Porträts sehen und, da sie direkt meiner Erinnerung entstammten, sogar teilweise drehen. Ich konnte auch, soweit mir momentan möglich, die zugehörigen Namen abrufen - eigentlich alles, was ich bewußt denken konnte, direkt ausführen. Wollte ich aber zwei Stunden später anhand eines Fotos mir den Namen der zugehörigen Person ins Gedächtnis rufen, bekam ich auf dem Schirm eine Unzahl bunter Bilder geboten. Ernst meinte dazu:

,,Es ist ja klar - Du hast bei der Einspeicherung die vorhandenen Daten memoriert, das heißt: Aussehen, eventuell Ausstrahlung nach dem gesehenen Bild, Name. Das war es auch fast. Tatsächlich würdest Du Dir aber Ähnlichkeiten merken mit Menschen, die Du kennst. Oder Assoziationen über den Namen. Oder Dir einen Namen anhand einer Unregelmäßigkeit des Gesichtes merken - oder wie auch immer. Du müßtest also alle diese Einzelheiten für jedes Gesicht aktiv speichern, da wir ja schlecht für diese ... hmmm... einfache Aufgabe Dein gesamtes Gedächtnis archivieren können. Willst Du jetzt anhand eines etwas anders aufgenommenen Fotos die Information abrufen, kann der Computer nicht genug Ähnlichkeiten mit den gespeicherten Bildern bemerken, jedenfalls nicht in vertretbarer Zeit. Mit den zusätzlichen Hinweisen, den Assoziationen, ginge es um ein Vielfaches schneller...``

Es war keine komplette Sackgasse, denn immerhin ließ sich die Technik vermarkten. Nicht nur die Zugriffgeschwindigkeiten waren immens gesteigert worden, auch die Informationsmenge, die vom Computer an den Menschen weitergeleitet werden kann, ist durch die Mitbenutzung des Kurzzeitgedächtnisses viel größer. Aber unserem Ziel, eine einigermaßen genaue Kopie einer Persönlichkeit fertigen zu können, kamen wir nicht näher, bis die Daphneiden uns ein Geschenk machten: eine Minimatrix für Menschen.

Mit der Matrix war es möglich, in daphneidischen Plasmaspeichern ein reduziertes Bewußtsein ohne Computerhilfe zu programmieren. Plasmaspeicher kann man ja bekanntlich nicht ,,programmieren``, es muß ,,lernen``, was es tun soll. Mit der Matrix war es endlich möglich, rohe Plasma direkt von Menschen lehren zu lassen, während früher immer ein Daphneide den Gedanken eines Menschen lauschen mußte, um gleichzeitig eine Plasmawurst zu programmieren.

Wir konnten jetzt, innerhalb kürzester Zeit, ein Gerüst entwickeln, dem eine Person die gewünschten Eckdaten erklären konnte, und das dann bei der Aufnahme der Erinnerungen eine Selektion in den aktiven und den passiven Speicher vornahm. Die Direktauswahl war natürlich auch nur in den fast beliebig schnellen biologischen Speicherzellen des daphneidischen Plasmas möglich, davon stand aber genug zur Verfügung, bestehen Daphneiden doch zu über 95 Prozent aus diesem Material - und produzieren sie es doch als Ausscheidungsprodukt in rauhen Mengen.

Die Matrix wird hochfrequent immer wieder in das Plasma eingespeist, bis man mit einem EKG Alphawellen feststellen kann. Der Lernvorgang kann dann sofort beginnen - er läuft fast wie eine Hypnose ab, wobei es mir die ersten Male schwer fiel, einer zwanzig Zentimeter langen Fleischwurst intensiv meine Wünsche vorzudenken!

Der erste erfolgreiche Test sah so aus, daß ich mir ein Erlebnis aus meiner Schulzeit in Erinnerung rief:

Ich hatte einige Nächte nacheinander mit einem Freund ein uraltes Kartenspiel gespielt und nicht eine Minute für die Übungen aufgewendet, was mir eines Morgens siedent heiß im Terminal-Pool einfiel. Am nächsten Nachmittag sollte nämlich eine Überprüfung durchgeführt werden und ich wußte ganz genau, daß ich durchfallen würde, wenn nicht ein Wunder geschähe. Also brach ich das Lernprogramm ab, an dem ich gerade büffelte, und stahl mir mit ein paar Tricks den Gesamtfragenkatalog für den Test. Ich speicherte ihn auf einer Diskette ab und nahm diese mit nach Hause. Soviel wußte ich noch genau, ich konnte mich auch erinnern, daß ich die Diskette den ganzen Nachmittag in der Tasche hatte - und daß abends mein Freund wieder da war, der mich nicht einen Moment an die Disk denken ließ. Wir lernten nämlich gemeinsam für den Test und verzichteten auf den Schlaf. Nun, ich schaffte gerade genügend korrekte Antworten, um nicht allzu sehr aufzufallen. Einige Tage nach dem Test las ich jedoch in einem Rundbrief auf meinem Terminal, daß die Sysops ein Kopieren des Kataloges bemerkt hatten, der Sünder aber glücklicherweise ja von der Kopie keinen Nutzen gehabt hatte, weshalb er wohl das Material dem Pool zurückgegeben hätte. Ich war der Meinung, es müßte sich um jemand anderes gehandelt haben...

Das Erinnern dieses Erlebnisses dauerte vielleicht zwanzig Sekunden. Hinterher setzte ich mich an ein Terminal und rief mir einzelne Bilder ab, die in hervorragender Qualität episodenhaft abliefen. Ich vergnügte mich an der Tonwiedergabe und spielte mit Blickwinkeln herum, bis Estmann mich anstieß.

,,Das ist doch langweilig. Wir haben es hier mit bewußtem Plasma zu tun! Das heißt, Du kannst telepathisch arbeiten!``

Er gab mir einen Verstärker, um die geringe Menge Plasma gut aufnehmen zu können und ließ mich dann in die Erinnerung eintauchen.

Zunächst wußte ich nicht, was ich tun sollte. Dann dachte ich noch einmal an das Rundschreiben, in dem das Auffliegen des Kopierens erwähnt wurde. Und plötzlich bemerkte ich, daß die Erinnerung um vieles schärfer war, als vorher. Ich konnte mich auf einmal an die genaue Wortwahl des Schreibens erinnern, sah die Schrift auf dem Bildschirm und konnte sogar das Rauschen des Computerlüfters hören. Fasziniert ging ich in Gedanken die Nacht vor dem Test zurück, um herauszufinden, was mit meiner Diskette denn geschehen war. Es war umwerfend: ich konnte mich fast an jeden Wortwechsel mit meinem Freund erinnern, wußte wieder, wo er gesessen hatte, wenn ich daran denken wollte, konnte mir sogar in Erinnerung rufen, was wir getrunken hatten.

Und dann sah ich im Geist, wie ich die Diskette am Morgen mit in den Pool nahm und statt der Übungsaufgaben, die ich zu Hause hätte machen sollen, in den Rechner schob!

Ich war natürlich begeistert und fragte Estmann, wann das System marktreif sein würde.

,,Langsam, Walter. Wir sind jetzt in so kurzer Zeit so weit gekommen - ich möchte noch einiges ausprobieren und entwickeln. Und dann sind da noch die Daphneiden... sie sind noch einiges weiter als wir und ich würde gerne einige Experimente mit ihnen gemeinsam durchführen...``

Völlig in Gedanken hörte ich nicht richtig hin. Kaum hatte ich den Kontakt zum Gedächtnisplasma unterbrochen, vermisste ich auch schon die Schärfe der Bilder und die Leichtigkeit, mit der mir winzige Informationen zur Verfügung gestanden hatten. Hier war ein Suchtpotential gegeben, wie mir auffiel - aber auch welche Möglichkeiten!

Tage später erklärte mir Estmann, was er mit den Daphneiden entwickelte. Er druckste etwas herum, bis ich ihn direkt fragte:

,,Das heißt: ihr glaubt in der Lage zu sein, mit der Matrix einen Idioten programmieren zu können, der meine oder Deine oder irgendjemandes Erinnerungen hat? Wie schnell ginge so eine Programmierung?``

,,Über Nacht - in einem Hypnoseschlaf. Zunächst würde die Matrix die wesentlichen Denkschemata des Mediums erlernen und dann selektiv nach und nach die Erinnerungen aufnehmen. Ein Idiot wäre es nur deshalb, weil die menschlichen Denkstrukturen etwas zu chaotisch ablaufen, entschuldige. Das Erlernen eines echten menschlichen Denkmusters würde Wochen dauern. Ich dagegen könnte...``

Da er zögerte, weiter in seinem etwas überheblichen Ton zu sprechen, half ich ihm nach:

,,Du könntest lernen, Dein Chaos zu bändigen - und könntest Deine Persönlichkeit in Plasma übertragen?``

,,Ja. In einem halben Jahr, wenn wir die externe Technik sowie die Hypnoseprogramme und die Denkschule fertig haben, sind wir Halben wie die Daphneiden. Fast zumindest - in Millisekunden werden wir es nie schaffen. Aber in 24 Stunden könnten wir gesichert sein. Im Ernstfall, wenn wir eine persönliche Matrix schon einmal programmiert haben, sogar in zwei, drei Stunden - wobei wir dann ja nicht einmal mehr bei Bewußtsein sein müßten!``

Das bedeutete: Halbmenschen würden demnächst ,,unsterblich`` sein, könnten, wenn technisch noch möglich, nach einem Unfall und in hohem Alter einfach in Form einer Wurst weiterleben und Denken!

,,Aber... könntest Du Dein Bewußtsein auch wieder einen menschlichen Körper übertragen? Ich meine theoretisch, wenn einer vorhanden wäre, um Deine Persönlichkeit aufzunehmen?``

,,Ja, natürlich. Der Matrix ist es doch egal, ob sie sendet oder empfängt. Das einzige Problem ist halt, daß die aufnehmende Einheit, ob nun Plasma oder menschliches Hirn, nicht überlagert werden kann...``

,,Das heißt?``

,,Das heißt: Das Plasma ist ,leer`, wenn wir es beschreiben, da fällt es nicht auf. Wenn Du auf die Erinnerungen im Plasma zugreifst, werden sie nur in Dein Kurzzeitgedächtnis übernommen und es muß nichts gelöscht werden. Würden wir aber komplette Strukturen - Langzeitgedächtnis und Denkschemata - kopieren, würden die Daten zufällig in Dein Hirn gespielt. Wenn ALLE Daten kopiert werden, macht das nichts. Würde nur ein Teil überspielt, könntest Du einige Erinnerungen doppelt haben - andere gar nicht mehr. Und Du würdest wahrscheinlich hinterher geistig nicht mehr in der Lage sein, von eins bis zwei zu zählen.``

,,Verdammt! Wenn nun einer eine Matrix in die Hände bekommt, der...``

,,Es müßte einer sein, der das Hypnoseprogramm kennt, die Matrix auf den jeweiligen Benutzer programmieren könnte, was ohnehin nur der Benutzer kann, und der der Matrix auch den Befehl zum Senden geben könnte... Unwahrscheinlich...``

,,Warum? Das ist doch die perfekte Methode, eine Gehirnwäsche...``

,,Verdammt, Walter, ich weiß doch, um was es Dir geht! Nein, es ist NICHT möglich... denn nur ein Daphneide kann - zur Zeit - dem Plasma einen Sendebefehl geben. Und die Matrix muß zustimmen. Sie ist nicht stark genug - noch nicht - um alles alleine zu machen.``

,,Hmmm... und jetzt?``

,,Jetzt? Jetzt entwickeln wir eine Matrix für normale Menschen. Und dann... in einigen Jahren werden tödliche Unfälle kein Schrecken mehr sein... wenn man will, kann man ein etwas anderes Leben fortführen.``

Wir redeten noch einige Zeit. Ich bin mir aber sicher, daß dies der Zeitpunkt war, an dem ich einen Denkfehler machte...

Allein im medizinischen Bereich mußte es doch hunderte von sinnvollen Anwendungen geben - ich stellte es mir wunderbar vor, wenn man - trotz aller Fortschritte, die wir gemacht hatten - auch die letzten Risiken bei Operationen ausschalten konnte. Sollte etwas schiefgehen, könnte man immer auf einen Ersatzkörper oder zumindest eine zeitweilige Speicherung in Biomasse zurückgreifen, bis der eigene Körper ,,repariert`` ist.

Es dauerte noch einige Monate, bis wir uns einig waren, daß ein Versuch mit vertretbarem Risiko unternommen werden konnte. Wir hatten es zwar nicht geschafft, ein Programm für Menschen zu entwickeln, daß ihnen die Gedankendisziplin ersparte, die die Mischlinge sich antrainieren konnten. Aber mit Hilfe eines Daphneiden schien es machbar, das Bewußtsein eines Menschen in Plasma zu kopieren und dort zu aktivieren. Es gab nun zwei Möglichkeiten: ich - als Verantwortlicher - überließ den gesamten Nutzen dieser Entwicklung den Halbmenschen. Oder ich fand eine Versuchsperson, die sich einem viertägigen Training und Programmieren unterzog, um dann eine Kopie von sich zu erschaffen.

Ich ließ mir mit der Entscheidung Zeit, machte eine Woche Urlaub und konnte doch an nichts anderes mehr denken. Ich flog zurück zur Station und erklärte mich bereit, selber das Experiment zu machen. Estmann erklärte mir die Umstände.

,,Du wirst drei Tage unter Drogen bei Bewußtsein gehalten und lehrst, durch Film- und Ton unterstützt, das Plasma Reaktionsmuster, Denkschemata und diverse weitere Prozeduren. Nach 80 Stunden versetzen wir Dich in Tiefschlaf und lassen die Matrix arbeiten. Binnen rund 16 Stunden sollten Deine Erinnerungen komplett aufgenommen und miteinander verknüpft sein.``

,,Kann etwas schiefgehen?``

,,Ja. Natürlich kann die Matrix versagen - das wäre nicht so schlimm. Der Daphneide bemerkt dies sofort und bricht das Experiment dann sofort ab.``

,,Aber ich denke, wir brauchen den Daphneiden, um den Gedankenfluß während des Trainings zu koordinieren? Wie würde er das Aussteigen der Matrix bemerken?``

,,Walter! Wir... die Daphneiden können mehr als einen bewußten Gedankengang zur Zeit kontrollieren...``

Ich nickte, verstimmt, daß Estmann mich wieder auf meine menschliche ,,Eingleisigkeit`` hinwies - und dies, bevor ich als erster Mensch überhaupt eine identische Kopie meine Bewußtseins schaffen würde!

,,Was sonst noch?``

,,Nun... es gibt noch ein biochemisches Problem... Durch den Drogeneinfluß wirst Du einige Tage in einem Komaähnlichen Zustand liegen.``

,,Bleibeschäden?``

,,Keine, soweit wir das beurteilen können. Leichte Koordinationsschwächen, aber die sind ebenfalls medikamentös beeinflußbar. Nein - keine Dauerschäden. Ein interessanter Aspekt ist, daß die Matrix diesen Zustand kopiert und Deine Kopie mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.``

,,Kämpfen? Inwiefern?``

,,Wir können nicht bestimmen, welches Bewußtsein zuerst die Kontrolle wiedergewinnt. Das Plasma hat den Vorteil, vom Daphneiden gelenkt zu werden - braucht dies aber auch...``

,,Wieso das? Ach ja... ich weiß - wegen der Inputs...``

Wir hatten keine Möglichkeit gefunden, für das Plasma einen ausreichenden Sinnesapparat zu entwickeln. Zwar konnte unser Institutsrechner visuelle, akustische, olfaktorische und andere Empfindungen zusammenzurechnen und zur Verfügung zu stellen - der Eindruck wäre aber unwirklich, weil zu ,,reell``. Daher hatte der Daphneide uns sein Mitwirken auch nach der Übertragung angeboten - er würde einen telepatischen, ständigen Empfindungsstrom zum Plasma aufrecht erhalten und diesen ,,menschlich`` gestalten.

,,Gut. Ich denke, wir bekommen das hin. Wann seid ihr soweit?``

,,Morgen.``

Ich kann mich an das Training verschwommen erinnern. Natürlich - ich habe ja heute alle Möglichkeiten, jeden Teil meines Gedächtnisses auszuleuchten. Es war ermüdend, hunderte von Filmszenen zu sehen und daran zu denken, wie die Matrix meine Reaktionen ausmaß, wie der Daphneide meine Assoziationen filterte... mit der Zeit kamen die Geräusche und Bilder immer schneller, bis ich schließlich, als Estmann die Injektionen einstellte, in einen erlösenden Schlaf fiel. Er war bestimmt traumlos, denn so sehr ich auch versuche, mich an etwas zwischen dem Blackout und vor meinem Erwachen zu erinnern - da ist nichts.

Die Probleme begannen, als ich aufwachte. Ich sah nichts und hörte nur verschwommenes, unklares Rauschen. Ich schien Stunden im Dämmerzustand zu liegen und bekam weder ein Gefühl für meinen Körper noch für meine Sinne. Endlich erlöste Estmann mich, indem er über den Computer telepatischen Kontakt mit mir aufnahm.

,,Walter, Du bist jetzt seit vier Tagen im Koma. Es ist alles unter Kontrolle, das Plasma ist in einwandfreiem Zustand und Dein Körper baut die Drogen ab. Der Daphneide hat sich in Trance versetzt und koordiniert Ein- und Ausgänge der Matrix. Über den Computer haben wir ständig Kontrolle über Deine Hirnaktivitäten. Du solltest Dich noch ausruhen, bevor Du Dich über den Comp mit mir unterhälst. Wir halten zur Zeit sowohl Plasma als auch Deinen Körper auf niedrigster Aktionsstufe.``

Ich konnte mich nicht konzentrieren - aber irgendetwas stimmte eindeutig nicht. Estmann hatte von Koordinationsstörungen gesprochen, von Wahrnehmungsschwächen... aber nicht von diesem völligen Fehlen von allem. Ich versuchte, einen Gedanken zu formulieren, damit der Comp ihn aufnehmen und weitergeben konnte.

,,Was... ist schiefgelaufen?``

,,Es ist nichts schiefgelaufen, wir haben nur nicht mit der schlechten Rekonditionierung gerechnet. Du brauchst erheblich länger, um wieder volle Kontrolle zu erlangen - der Daphneide passt die Matrix an den Zustand Deines Körpers an, so daß weder Matrix noch Mensch schneller obenauf sind.``

,,Was macht das Plasma? Ist es aktiv?``

,,Meine Worte werden gleichzeitig an Dich und das Plasma übertragen. Wir versuchen, es zeitgleich mit Dir aufzubauen. Schlaf jetzt...``

,,Das...Plasma... denkt es bewußt?``

,,Walter, Du solltest jetzt ausruhen. Wir können und morgen weiter unterhalten.``

Ich spürte schwere Müdigkeit und dachte einen Moment daran, daß Estmann mir wohl ein Schlafmittel einspritzte, dann war wieder Nacht.

Als Estmann mich das nächste Mal aufschreckte - seine Stimme klang in meinen Gedanken auf und ich brauchte einige Zeit, um sie als die seine, nicht einen meiner Gedanken, zu erkennen - erschreckte er mich mit der Bemerkung, es werde noch lange dauern, bis mein Gehirn mit meinen eigenen Sinnesorganen wieder arbeiten könne.

,,Wir haben daher beschlossen, den Inputstrom, den der Daphneide dem Plasma zur Verfügung stellt, auch an Deinen Körper weiterzuleiten. Das heißt, sowohl Du als auch die Matrix werden morgen sehen und hören können.``

,,Was ist mit der Matrix? Denkt das Plasma?``

,,Walter - Du und die Matrix bekommen meine Worte gleichzeitig eingespeist. Ihr bekommt gleichzeitig die Sinneseindrücke. Und ihr seid beide nicht Herr über euren... nunja, ich wollte Körper sagen. Beim Plasma wäre das übertrieben. Ja, das Plasma denkt und die Matrix arbeitet einwandfrei. Tatsächlich habe ich die Frage, ob das Plasma denkt, zweimal auf meinem Bildschirm stehen...``

Ich brauchte einen Moment, bis ich den letzten Satz verstand. Er bedeutete, daß ich nicht sicher sein konnte, ICH zu sein. Ebensogut konnte ich ein biologisches Experiment sein, eine daphneidische Matrix - und meine Gedanken nähmen in Bioplasma Gestalt an, während nebenan ein menschlicher Körper lag, in dem ein Gehirn den gleichen Gedanken hatte.

Ich mußte es wissen!

,,Ernst! Wer bin ich? Bin ich die Matrix - oder bin ich Walter Erund?``

Ich bekam keine Antwort, nur ein Druck in meinem Inneren verstärkte sich, bis er fast unangenehm wurde. Ich wollte mich bewegen, hatte aber kein Gefühl von Körper in mir - war ich Plasma? Aber nein, ich wußte ja, daß es Probleme mit den Medikamenten gab. Der Druck wurde stärker und ein Bewußtsein schälte sich heraus - es war der Daphneide, der sich mir verständlich machte.

,,Was verlangst Du von Deinem Freund? Wüßtest Du, daß Du ,nur` Plasma bist, verlörest Du den Willen zum Durchhalten - dabei wärst Du nicht weniger als ich! Wüßtest Du, daß Du Mensch bist, begännest Du sofort, Dich als besser als das Plasma zu sehen und würdest durch die noch bestehende telepatische Verbindung, nicht zuletzt über mich, die Matrix stören, bis sie sich abschaltete. Du würdest Deine Kopie töten, wie ihr Menschen immer tötet, wenn ihr etwas nicht akzeptieren könnt.``

,,Wie soll das weitergehen? Ich werde wieder gesund werden und es dann doch wissen!``

Jetzt antwortete Estmann wieder.

,,Ja, aber Du wirst dann wissen, wer Du bist. Wir haben lange diskutiert, ob wir Dir dies antun müssen - wir wußten vorher nicht von den Problemen. Aber Walter, es ist doch auch nicht weiter schlimm! Denk' daran, daß das Plasma unsterblich ist! Dein Gehirn stirbt eines Tages - Deine Matrix ist dann noch so gut wie neu. Eine Ausgabe von Dir ist jetzt fast ein Daphneide - und wenn wir unsere technischen Schwierigkeiten beseitigt haben und der Daphneide uns bei der Ausbildung des Plasma hilft, bist Du weit mehr, als ich im Moment sein...``

,,Ernst! Ich WILL nicht ewig leben! Ich will Mensch bleiben - mit dem Chaos im Kopf und der befristeten Zeit, die damit zusammenhängen!``

Und ich wollte mit meinen Händen schreiben können, mein Essen scharf würzen, Schmerz und das Nachlassen desselben spüren können - und die Intensität aller Gefühle auskosten, die den Halbmenschen und den Daphneiden in ihrer ganzen Spannweite verwehrt bleiben.

Aber noch viel dringender wollte ich meinen Körper spüren - ich war völlig verloren, ohne Bezug zur realen Welt.

,,Ernst, das Experiment ist mißlungen. Ein Mensch verträgt es nicht, wenn er zweimal existiert. Hilf mir!``

Ich wußte irgendwie, daß Estmann mir ein Beruhigungsmittel spritzen würde und schrie innerlich auf. Es half nichts, ich schien wie durch Sirup denken zu müssen, alles wirkte langsam, ich konnte keinen Gedanken mehr fassen. Estmann stellte mir nach einiger Zeit einen Datenbankzugang zur Verfügung - das heißt: uns. Ich arbeitete mich durch Jahrhunderte von Menschheitsgeschichte, las im Geist einige Dutzend Bücher.

Mein Zustand wurde nicht besser. Ich hatte vor Beginn des Experiments gewußt, daß es aufgrund meines Alters ein Risiko gab, ich hatte es verdrängt, weil ich niemandem sonst die Erfahrung gönnte, die ich jetzt machte. Schließlich klammerte ich mich nur noch an einen einzigen Gedanken: ich mußte wissen, daß ich noch immer ein Mensch war. Der andere - das andere Ich mußte aufhören zu existieren, weil ich sonst wahnsinnig werden würde.

,,Walter, zwei Bewußtsein verlangen von mir einen Mord. Ich habe das nicht erwartet - warum? Du wußtest doch, was auf Dich zukommt! Walter, ihr werdet euch völlig verschieden voneinander entwickeln, sobald ihr ersteinmal eigenständig seid. Aber ersteinmal muß sich eure Lage stabilisieren. Warte, bis Du mit den Sinneseingaben zurecht kommst...``

Aus einer Unzahl von Geräuschen und flimmernden Bildern sollte ich kurz darauf einen Eindruck meiner Umwelt gewinnen. Der Daphneide half mir, den Strom von Eindrücken zu koordinieren. Schließlich erkannte ich das Labor, sah Estmann an seinem Computerplatz sitzen und sah die beiden Kammern, in denen ich lag. Einmal mein menschlicher Körper und einmal eine 40 Zentimeter lange Plasmawurst. In beide liefen Schläuche, durch die Nahrung floß, beide wurden mit UV-Licht bestrahlt. Doch während die Wurst in einer Metallschüssel ruhte, lag mein Körper in Salzwasser, das, auf Körpertemperatur aufgeheizt, Wundliegen und ähnliches verhinderte. Ich wollte wieder fragen, wer zuerst Zugang zum Input erhalten hatte, da fiel mir ein, daß der Daphneide die Daten ja parallel verarbeiten konnte.

Nach wie vor konnte ich nicht ausmachen, WAS ich war.

Endlich kam ich auf einen Gedanken - wenn ich Plasma war, mußte ich, genau wie die Daphneiden, enorm verstärkte telepatische Fähigkeiten haben. Ich mußte damit experimentieren.

Denn das würde bedeuten, daß ich kein Mensch mehr war.

Ich arbeitete lange daran, den Computeranschluß auszutricksen und einen Weg um das Programm herumzufinden, mit dem Estmann meinen Gedanken lauschen konnte. Nach einiger Zeit fand ich einen Weg, die Kontrolle passiv zu schalten. Ich konnte dann - für ein paar Augenblicke - Befehle denken oder telepathische Experimente machen, ohne daß es jemand mitbekam. Ich übte, indem ich mit Erinnerungsblöcken jonglierte, mir komplexe Szenarien ausdachte und wie in einer virtuellen Realität herumwanderte.

Ja, die Technik, die wir konstruiert hatten, war perfekt - nur, weil ich von der Künstlichkeit meiner Vorstellungswelt wußte, konnte ich sie entlarven. Ansonsten waren Geräusche, Bilder, Gerüche, sogar Empfindungen völlig real - solange ich mich konzentrierte.

Ich arbeitete an einer Simulation unseres Labors - ich war sicher, daß Estmann davon nichts mitbekam, denn ich beschäftigte ihn mit Philosophie, mit Ideen für Verbesserungen in der Erinnerungsübermittlung und mit anderen Kleinigkeiten.

Als ich sicher war, mein Experiment durchführen zu können, war ich bereits acht Tage in meiner verzweifelten Situation und Estmann hatte mir noch immer nicht Klarheit verschafft, welches Ich im Plasma war, welches im Körper - und ob mein eigener Körper überhaupt noch in Ordnung war. Es war mitten in der Nacht, zumindest sagte der Computer das. Estmann war unten im Wohntrakt und schlief. Der Daphneide hatte sich nicht noch einmal eingeschaltet, er lag wohl in Bewußtlosigkeit in seinem Schlafplatz. Er würde mich aber auch nicht behindern, das war ich sicher - die Daphneiden hielten sich immer aus menschlichen Angelegenheiten heraus.

Ich würde die Computerverbindung des Plasmas für einige Minuten unterbrechen. Wenn ich - nun, ein Ich mußte dann die entsprechende Zeit ohne Verbindung zur Außenwelt auskommen und eventuell mit Gedächtnisproblemen kämpfen. Und wir beide würden hinterher genau wissen, was wir waren. Ich mußte hinterher nur noch einen Weg finden, unsere Inputs zu trennen, damit wir uns miteinander unterhalten konnten - aus mir unverständlichen Gründen hatte Estmann dafür nicht gesorgt. Er meinte, die psychologischen Probleme seien besser in den Griff zu bekommen, wenn beide Bewußtsein von ihrer reinen Menschlichkeit ausgingen, bis sie mit dem erweiterten Erinnerungszugriff zurecht kämen.

Wenn ein Ich keinen Computerzugriff hatte, mußte das andere schnell arbeiten, um sich in die Kontrolle einzuschalten.

Es dauerte nicht einmal zehn Minuten, bis ich den Raum versiegelt hatte, die Computer bis auf das Hauptterminal still zu schalten und mich in die Kontrolle zu hängen. Nach vier weiteren Minuten hatte ich die Masterspage in meiner Vorstellung mitten im Raum hängen. Auf ihr waren zwei Inputstreams eingezeichnet, die vom Daphneiden gespeist wurden und jeweils in eine weitere Kontrollseite einliefen. Ich wählte eine aus, um anhand der organischen Kontrollen herauszubekommen, ob es der Plasmastrom oder der menschliche war...

Ein Lichtzeiger deutete auf die Metallschüssel, in der die Plasmawurst mit Nahrung versorgt wurde. Da Estmann mit Sicherheit bereits gewarnt war, daß ich mich an den Kontrollen zu schaffen machte, ging ich in die Hauptseite zurück und schaltete einen Fünfminuten-Blocker ein.

Ich merkte nichts, kein Zucken im Geist, kein Black-Out, das Labor war real wie zuvor. Ich war immer noch ein Mensch! Das hieß, der Geist im Plasma mußte jetzt vor Verzweiflung schreien und mit aller Kraft per Telepathie etwas versuchen. Schnelligkeit war gefragt, ich mußte mir einen hohen Zugriffscode verschaffen, um in viereinhalb Minuten das Bewußtsein des Plasmas empfangen und in Grenzen halten zu können.

Ein Warnton erschreckte mich, als ich den Inputstrom des menschlichen Bewußtseins mit der Hauptseite verbinden wollte. Ich versuchte, an Estmanns Kontrollpanel zu kommen, im Geiste bewegte ich mich an seinen Computerplatz. Es war nicht möglich, meinem Körper in der Salzlösung irgendein Vorrecht einzuräumen - bis ich schließlich durch Zufall entdeckte, daß der Inputstrom für mein biologisches Hirn ebenfalls abgeschaltet war!

Und dies seit acht Tagen, fünf Stunden und gut drei Minuten.

Die Panik, die ich sofort erwartete, blieb aus. Tatsächlich saß ich (nach wie vor in meiner Vorstellung) fast zwei Minuten vor dem Computer und sah, wie die Blockierung sich abschaltet. Der Inputstrom für das Plasma blieb still - irgendetwas war hier komplett faul.

Als sich die körperlose Stimme des Daphneiden in mir meldete, ahnte ich längst, was geschehen war:

,,Es tut mir leid. Dein Herz hat das Lerntraining nicht überlebt - wir hatten zwei Möglichkeiten: Dich sterben zu lassen, was den endgültigen Verlust Deiner Fähigkeiten bedeutet hätte. Oder ich konnte Dich aufnehmen und mit Hilfe der menschlichen Matrix, die wir programmiert haben, Deinen Geist aktiv halten. Das habe ich getan. Du mußt keine Furcht haben, Du wirst auch keine empfinden, da ich Dich schütze. Ernst Estmann wird bald einen Weg gefunden haben, Dein Gehirn zu löschen und mit den Erinnerungen, die im Plasma gespeichert sind, neu zu programmieren. Du wirst der erste Mensch sein, der seinen eigenen Tod überlebt hat...``

,,Was bin ich... jetzt?``

,,Deine Erinnerungen sind, wie geplant, im Plasma gespeichert. Die Matrix erlaubt mir, Deine Gedankengänge in gewohnten Bahnen laufen zu lassen. Und Dein Bewußtsein... nun, genaugenommen simuliere ich es. Du bist im Moment ein Daphneide - oder noch strenger: Walter Erund ist noch tot.``

Ohne meinen Willen verengte sich mein Gesichtsfeld, bis nur noch die blaßrosa schimmernde, riesige Wurst es ausfüllte. Als ich kurz danach Estmanns Anwesenheit im Labor spürte, wußte ich, daß ich die ganze Zeit nicht in meiner Vorstellung herumgewandert sondern vielmehr mit Hilfe der telepathischen Kräfte des Daphneiden im Labor mein Experiment durchgeführt hatte. Es war gewiß der Rest Menschlichkeit in Ernst, der ihn bewog, dem Daphneiden, in dem ich ja nun irgendwie steckte, die Hand aufzulegen und einen Moment schweigend stehen zu bleiben.

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Marc Albrecht
Mehr seiner Werke gibt es bei
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