Tagebuch des C. Stokely
(SF, Marc Albrecht, 1988)

Aus den Tagebüchern des Clint Stokely

... Eigentlich habe ich mich nie gefragt, wie die Sache mit den Daphneiden angefangen hatte. Wie hätte ich auch zu einer solchen Frage kommen sollen, lagen die Menschen und die Daphneiden doch seit mehr als dreißig Jahren im Krieg und ich war erst vierundzwanzig Erd-Jahre alt, als ich als Leutenant der IOPA in den Raum ging. Vielleicht hat der Krieg deshalb so lange angehalten, weil es zu viele junge Soldaten meiner Art gab.

Jedenfalls habe ich mich nach der Rückehr zur Erde mit der Geschichte dieses sinnlosen Krieges beschäftigt und bin deshalb in der Lage, hier einen kurzen Abriß zu geben.

Seit dem späten 22. Jahrhundert sind die Menschen, wie bekannt, in der Lage, interstellare Flüge zu machen, ohne viele Generationen lang auf die Raumer angewiesen zu sein. Die Erde platzte trotz vieler globalen Seuchen seit dem Ende des 21. Jahrhunderts aus allen Nähten und ganze Völker lebten in totaler Abhängigkeit weniger Nationen oder verhungerten still vor sich hin. Als der Interstellar-Flug plötzlich doch in greifbare Nähe rückte, wurden (wie komisch, wenn man den Daphneiden-Krieg bedenkt) alle ideologischen Streitigkeiten trivial. Gigantische Summen konnten aus Nuklear-Waffen und Verteidigungs- Haushalten gezogen werden - alles warf man in die Entwicklung der ersten Langstrecken-Raumer. Im damaligen Europa entstand der erste Prototyp, der tatsächlich zu funktionieren schien. Das erste weiter entfernte Ziel war Proxima Centauri, "nur" 4,3 Lichtjahre von Sol. Immerhin dauerte es fast 50 Jahre, ehe der Antrieb so weit funktionierte, daß die Besatzungen lebendig ankommen und eventuell zurückehren konnten. Aber dann setzte der Boom auf die Sterne ein - die Erde wurde entlastet, die Umwelt konnte sich in den nächsten Jahrzehnten erholen und jede kleine Nation war potentieller Eigentümer von Planeten.

Bis endlich die finanzkräftigeren Länder erkannten, daß da Geld zu machen war. Der sich entwickelnde Wettstreit um Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit der Raumschiffe wuchs rasch zu einem neuen Wettrüsten, alte, fast vergessene Ideologien wurden aus den Rumpelkammern gekramt und wieder mußte im Endeffekt der Planet Erde leiden.

Zwei Jahrhunderte brannte der (etwas sportlichere als der frühere) Kampf zwischen "West" und "Ost" und jetzt auch zwischen "Nord" und "Süd". Dann fand die Sowjetunion "Heimat" und binnen zweier Jahre stießen die Menschen auf die Daphneiden.

Ja, auch ich wunderte mich darüber, daß der ganze Kram mit "Heimat" angefangen haben soll, und nicht etwa mit "Cyron", wie die SU immer behauptet hat. Aber tatsächlich traf man auf "Heimat" zuerst auf die Fremdlinge (bzw. sie stießen auf uns) und dort war es auch, daß die Menschen sich als ziemlich intolerant erwiesen.

Was passierte also ?

Die kleine sozialistische Kolonie bestand etwa eineinhalb Jahre - was bedeutet, daß man sich noch nicht gut eingerichtet hatte. Und auf einmal kamen da diese "aufgeblasenen Würste", wie ein Geschäftsmann sie einmal nach einer langen Nacht nannte, und quartierten sich in der Nähe des Lagers ein, holzten Bäume ab und konnten es sich nicht nehmen lassen, die Zufahrtswege der Sowjets umzupflügen.

Die Befehlshaber des Lagers glaubten zunächst an eine bisher unentdeckte heimische Tierart und ließ elektrische Zäune aufstellen. Als diese jedoch zwei Tage später säuberlich ausgegraben, zusammengelegt und mit einer Art Plastik-Haut versehen worden waren, kam man von dieser Erklärung ab und machte sich auf die Suche. Das Raumschiff, das man fand, war eindeutig nicht-sowjetischer Natur, also höchstwahrscheinlich europäisch oder amerikanisch. Da "Heimat" aber eindeutig den Sowjets gehörte, sandte man zunächst höflich gefunkte und später unfreundlich geschossene Warnungen in die direkte Umgebung des Schiffes. Da keinerlei Reaktion erfolgte und ein Nachrichtenaustausch mit der Erde zuviel Zeit in Anspruch nehmen würde, entschloß man sich, das Raumschiff in den Orbit zu jagen, dort zu sprengen und die eventuell herumstreunenden "Westler" zu inte- grieren oder sie ihrem Schicksal zu überlassen.

Hart ? Nun, die Zeiten waren hart und die Stimmung gewiß nach jahrelanger Mühe im Schiff, der Erlösung auf einer neuen Welt und der Entdeckung, daß sich da jemand Fremdes den Kuchen unter die Nägel reißen wollte, äußerst gespannt.

Es kam den Siedlern dann doch nach einiger Zeit seltsam vor, daß sich niemand beschwerte über das verschwundene Schiff. Also suchte man angestrengt nach Überlebenden und fand keine. Man suchte nach Nicht-Überlebenden, also nach Leichen, und fand keine.

Dann fing man an, überhaupt nach anderen Menschen zu suchen auf "Heimat" - und fand keine. Also hatte entweder jemand ein leeres Raumschiff auf "Heimat" geschickt oder - man mußte nach jemandem suchen, der nicht - nicht einmal bei weitester Auslegung des Begriffes - Mensch war. Nach was suchte man in einem solchen Fall ? Die Sowjets machten sich keine Gedanken sondern suchten einfach. Und sie fanden.

Ich glaube, zunächst waren die Daphneiden durchaus friedlich. Da die Menschen sich aber nicht durch eine sich explosionsartig vermehrende Rasse von ihrem Planeten vertreiben lassen wollte und diese Einstellung irgendwann recht nachdrücklich vertrat, fingen die "Würste" wohl an, sich und ihre Habe zu verteidigen.

Natürlich glaubte ich als Leutenant nicht, daß die Daphneiden jemals friedlich gewesen waren. Ich bin ja genau wie alle anderen, noch auf der Erde geborenen Menschen im gegenteiligen Sinne erzogen worden und war mir der grundsätzlichen Schlechtheit der Daphneiden völlig bewußt, als ich auf dem stark bewaffneten Schoner meinen Dienst antrat.

Wie nie zuvor wurde sich die Menschheit einig, als sie von den Daphneiden auf "Heimat" erfuhr. Der Kosmos gehörte den Menschen und nicht irgendwelchen bläulichen, einen Meter großen Ellipsoiden ! Wie immer gab es vereinzelt Stimmen die fragten, wer denn das bitte behaupte, daß der Kosmos irgendwelchen pinkfarbenen, zwei Meter großen Ansammlungen von Röhren und Gelee-Massen gehören sollte und wie immer wurden diese vereinzelten Stimmen mit Erfolg verlacht.

Als schließlich von zwei weiteren Planeten Meldungen eintrafen, daß fremde Raumschiffe gelandet seien und Ausserirdische den Menschen den Planeten streitig machten, verstummten die vereinzelten Stimmen irgendwie ganz.

Endlich konnten West, Ost, Nord, Süd was-weiß-ich-wer beweisen, wie beeindruckend überzeugende Waffen er/sie bauen konnte. Auch auf diese "neue" Aufgabe machte man sich mit Eifer und löste sie mit Bravour.

Erneut wurden - gar nicht vereinzelt - Stimmen laut, die fragten, warum denn der Mensch immer alle Fragen mit Gewalt beantworten mußte. Aber auch hier ergab sich die Antwort von selber: Die Daphneiden vermehrten sich, wie erwähnt, mit beeindruckender Geschwindigkeit. Auch damals gab es Überlegungen, wie eine solche "Karnickel-Rasse" interstellare Entfernungen überwinden konnte. Die Raumschiffe mußten ja platzen, bis sie ankamen ! Aber nein, wie man bald herausfand, begannen sie erst auf den Planeten mit ihrem Hobby. Da die Menschheit seit fast hundert Jahren nicht mehr auf Platz achten mußte und ganze Planeten, die es auszufüllen galt, auch die Fortpflanzungstriebe der Menschen anregten, war die Zahl der verfügbaren Soldaten erfreulich groß. Es machte sich bezahlt, daß die auf der Erde verbliebenen Volks-Spitzen ihre Kolonien auf den Welten in Abhängigkeit hielten. Binnen weniger Monate waren ausgediente Schiffe hergerichtet und mit Soldaten gefüllt.

Jahrelang suchte man Planeten ab, die man bereits entdeckt und verworfen hatte und forschte verstärkt nach neuen Planeten, nicht, um sie zu besiedeln, sondern um die Herkunft der Daphneiden zu finden. Damals waren sie selbstverständlich noch nicht die Daphneiden sondern trugen verschiedene Namen, die teilweise so kontrovers waren wie "Wessis" bei einigen sozialistischen Ländern, "Extra-Rote" bei kleineren politisch engagierten Gruppen oder "Blaue Würschte" in gewissen Kreisen des Geschäftsmarktes.

Erst, als man Daphnos fand, bzw. entdeckte, daß dort Hunderte von Raumschiffen der Daphneiden standen und Städte und Agrar-Kultur angelegt waren, einigte man sich allernorts auf "Daphneiden". Die Erziehung auf den Menschen-Welten hatte endlich ein einheitliches, anschauliches und dankbares Feindbild.

Ich gehörte bereits zur zweiten Generation der Wurst-Jäger, wie unser Kommandant uns manchmal nannte. Ich war euphorisch, hoffnungsvoll und ganz Mensch, als man mich auf ein von Daphneiden stark frequentiertes Raumgebiet losließ. In meinem Schoner waren außer mir fünf weitere junge Männer untergebracht, die alle darauf brannten, ihre Schußfinger an blauen raumfahrenden Ellipsoiden auszuprobieren.

Haß ? Nein, Haß war das nicht - eher Verachtung. Wer den Raumflug nur erfand, um auf neuen Welten Bordelle aufzumachen, verdiente in unseren Augen nichts anderes.

Wir wurden in Hunter gesteckt, mental mit dem Bordcomputer verbunden und aus dem Katapult geschossen, als wir nahe genug einem Orbit waren, unter dem sich ein "Stützpunkt" der Daphneiden befinden sollte. Unser Mutterschiff entfernte sich, da es nicht ausreichend bewaffnet war, um einem etwaigen Angriff zu entgehen und überließ uns unserer Bestimmung. Ich hatte die Führung inne.

Wir näherten uns, wie befohlen, zunächst einem der beiden Monde und flogen dicht über der Oberfläche in Formation, um auf Nummer Sicher zu gehen und eventuell Aussen-Basen rechtzeitig zu entdecken. Wir fanden eine ! Ich wies A-3 und A-6 an, unter vollem Feuer die Basis zu sprengen. Mir war egal, ob diese ziviler oder militärischer Natur war, ob sich dort Leben befand oder ob sie aus Robotern bestand.

A-3 und A-6 waren äußerst erfolgreich. Ich habe selten ein Bauwerk so spektakulär in einem Feuerwerk aus atomaren Blitzen und elektrischen Entladungen in der dünnen Mond-Atmosphäre aufgehen sehen, wie damals. Ein toller Anblick ! Das Dumme war nur, daß einer der schönsten Licht-Effekte von einem meiner Begleiter stammte, der offensichtlich seine Steuerung nicht gut unter Kontrolle hatte und sauber in einen Hangar oder so etwas jagte, worauf dieser eine ganze Seite des kleinen Berges, in den er gebaut war, in die Luft sprengte.

A3 war der Überlebende. Über Funk kam der Aufschrei "Bob !" und ich drückte auf KOM. "Ruhe, verdammt! Dies ist ein Angriff und keine Übung !" - Mir war auch menschliches Einzel-Leben völlig unwichtig, wenn es nicht gerade meines war.

Wir erwarteten eine Reaktion, aber lange Zeit geschah nichts. Also suchten wir den restlichen Mond ab. Es war nichts weiter zu entdecken und wir tauchten in die Atmosphäre ein. Mein Biometer zeigte sympathische Werte an: grob 70% Stickstoff, 25% Sauerstoff und fünf Prozent Edelgase und Wasserstoff für tiefere Luftschichten. Eine Erde! Aber natürlich. Bisher waren wir nur auf Erd-ähnlichen Planeten auf Daphneiden gestoßen. Stets war die Sauerstoff-Konzentration etwas höher als auf der Erde und die mittlere Entfernung zum Stern etwa 0.9 unserer AE. Insofern waren die Daphneiden scheinbar sehr viel wählerischer als wir. Wolken behinderten uns in der Sicht, aber bald gerieten Landfor- mationen in die Reichweite unserer Abtaster und wir konnten nach Instrumenten fliegen.

Piep - piep - blurp ! machte mein Horizontal-Scanner. Etwas großes näherte sich meinem etwas kleineren Hunter. Ich warf einen flüchtigen Blick auf die Anzeige, denn ich war mir sicher, daß keiner es so leicht mit der Geschwindigkeit eines amerikanischen Hunters aufnehmen konnte - erst recht keine blau angelaufene Riesen-Wurst!

Ich sah bereits wieder einige Sekunden auf meinen Hauptscanner, als meinem etwas langsamen Hirn klar wurde, was es beim vorigen Blick erkannt hatte: die geschätzte Größe des UFOs. Vorsichtig, um nicht durcheinanderzukommen, wandte ich die Augen wieder dem Computer zu. Einzeln las ich die Ziffern und versuchte dann, durch Klopfen an den Bildschirm irgendwo ein Komma einzubauen.

Es ist durchaus ein seltsames Gefühl, wenn einem zweihundert Kilometer über einem Planeten ein 20 stöckiges Hochhaus mit Nachbrenner folgt.

Natürlich habe ich nichts gegen Hochhäuser - außer, wenn sie über einem Planeten fliegen und mir in einem kleinen US-Hunter folgen... Ich funkte über KOM meine Kameraden an.

"Achtung, großes Objekt bei 3-5-470. Klassifizierung nicht möglich. Ausschwärmen !" Die vier reagierten sofort, änderten ihren Kurs und brachten damit meinen Comp in Verwirrung. Er beschwerte sich mit dröhnenden Kopfschmerzen durch meinen Adapt. Ich machte ihm durch wenige Anweisungen klar, daß ich der Boss im Hunter war und er sich nur zu melden hatte, wenn ich dies verlangte.

Inzwischen hatte das Hochhaus abgedreht. Ich verlangte Zoom 3 und sah, daß es sich jetzt in Richtung von A-3 und A-5 bewegte, die sich zwar voneinander entfernten, dabei aber ihren Sink-Winkel beibehielten und so zum UFO in einer Ebene flogen. Der Comp meldete sich erneut mit Rauschen in meinen Ohren, einem Knacks und dann:

"... kann nicht gegensteuern... die sssscchießen ... aufff... michhh!... " Der darauf folgende Knall wurde glücklicherweise durch die Pre-Puffer des Comps abgedämpft, was mir die Trommelfelle rettete. Ich sah, wie A-3 vom Schirm verschwand.

"A-5 ! A-5, melden ! Bericht !" "A-5. Kontakt mit A-3 verloren ! Habe selber einen Treffer abbekommen, Scanner 1 & 3 ausgefallen. Stop" "Sofort abschwenken und..." was ich weitersagen wollte, wurde überflüssig, denn A-5 hörte in dem Moment laut Bildschirm auf zu existieren.

"A-2 ! Sofort Kurs-Änderung und Schwenk-Taktik !" "A-2. O.k." Ich sah, wie A-2 hin- und hersprang und rief A-4.

"A-4 ! Abdrehen. Zurück zu Muttern !" A-4 verstand, drehte ab und zog seinen Hunter beinahe senkrecht hoch.

Der Comp zeigte, daß das UFO sich jetzt mir zuwandte. Ich sprang genau wie A-2 hin und her. A-4 schien das ebenfalls zu bemerken und wurde unvorsichtig. Der Junge zog zu nahe an das große Ding ran - vielleicht, um die Daphneiden abzulenken, vielleicht, weil es nun mal direkt in seinem Auf-Schuß-Winkel lag, jedenfalls verschwand er hinter den Umrissen des UFOs ... und tauchte nicht wieder auf. Die Kerle waren also rundherum bewaffnet.

Ich zog ebenfalls hoch, war glücklicherweise bereits über dem Großen und entkam aus der Atmosphäre. Unser Mutterschiff war nicht zu entdecken, was natürlich so zu sein hatte. Aber was natürlich nicht so zu sein hatte und ziemlich unangenehm war, war der Umstand, daß A-2 nicht wie gehofft hinter mir auftauchte. Statt dessen kam über KOM:

"A-1 ! Wo bist Du ? Ich hoffe, Du kommst durch........ Habe wohl etwas abbekommen, mache den Feind fertig ! Ciao !" Ich schaltete sofort auf Um-Scan und antwortete gleichzeitig:

"Gar nichts machst Du, A-2 ! Hörst Du ? Sofort auftauchen, wiederhole, sofort auftauchen !" Nervös hämmerte ich auf die Comp-Taste, die das Scan-Bild auf den Hauptschirm legte. Als es endlich da war, erlebte ich ein tolles Drama: A-2 jagte unter Höchstgeschwindigkeit auf das UFO los. Die Hunter waren keine Flugzeuge, die ihren höchsten Speed innerhalb einer Atmosphäre nutzen sollten. A-2 mußte fast weiß glühen, als es auf das UFO prallte.

Ich weiß nicht, warum man mich mit solchen Idioten zusammen auf Flug geschickt hatte. Was nutzte deren Tod denn jemandem ? Der Koloß war eindeutig groß genug, um das kleine Ding verschmerzen zu können... dachte ich. Aber offensichtlich waren meine Physik-Kenntnisse miserabel. Das große UFO brach auseinander - sauber in fast ein halbes Dutzend Teile. Keinerlei Trümmer, keine Explosionen - nichts ! Ich schaltete meinen Comp auf Suche und fand innerhalb von zwei Stunden zum Mutterschiff zurück, wo ich Bericht erstattete, in meine Kabine wankte und laut fluchte.

Nach zwei Stunden rief mein Kommandant mich zu sich. Er spielte an den Aufzeichnungen meines Hunter-Comps herum und deutete schließlich auf eine AF-Zoom, die er programmiert hatte. Es war die Abschiedszene von A-2. Hier erst sah ich deutlich, daß das UFO zerbrach EHE A-2 auf es aufprallte. Im Gegenteil- A-2 war in Wirklichkeit eines der "Trümmer-Stücke", die ich gesehen hatte. Es flog rechtwinklig von seiner Bahn weg. Bevor der Scanner wieder abgeschaltet hatte, sah ich noch, wie ein sehr viel größeres Teil sich A-2 näherte (!) und mit ihm verschmolz.

"Tja... Clint. Da ist etwas abgelaufen, über das wir uns noch unterhalten sollten. Die Daphneiden haben da anscheinend etwas entwickelt, was unseren Waffen haushoch überlegen ist. Diese Kampfstation, auf die Ihr gestoßen seid, hat alle 'Angriffe' problemlos abgewehrt und dabei sogar ein Geschoß von seiner Bahn abgelenkt, obwohl dieses mit IP-Antrieb genau auf es zielte. Diese Comp-Aufzeichnung könnte Dir einiges einbringen. Wir gehen sofort auf Erd-Kurs. Programmiere den Stater."

Da ich der einzige Überlebende des Kamikaze-Kommandos war, bildeten nur noch der Kommandant und ich die Besatzung des Schoners. Ich übernahm selbstverständlich die Programmierung des Bord-Computers und nach dreißig Minuten lautete unser aktueller Kurs Sol.

Doch bevor wir auf IS-Antrieb gehen konnte, ging ein Alarm los und der Hauptschirm auf der Brücke zeigte, daß aus dem Orbit ein Objekt stieg, das uns folgte - obwohl wir mit dem Schoner ausserhalb der Reichweite aller Hunter-Scanner waren. Der Kurs des Objektes war aber so eindeutig, daß die technische Überlegenheit der Daphneiden offensichtlich wurde. Schnell waren sie auf gefährliche Nähe herangekommen, und da wir wußten, daß sie Interstellar-Antrieb kannten, konnten wir nicht mehr auf IS gehen, da wir die Position der Erde offenbaren würden. Schnell, ohne zu fragen, programmierte ich den Stater um. Er leitete uns jetzt nach Capdahn, einem Stern, der einige Lichtjahre von Sol entfernt war.

Als wir in den "normalen Raum" zurücktauchten, wartete eine unfreundliche Überraschung auf uns. Ein hübsches, mit Unkraut übersätes, ausgedehntes und ziemlich lebensgefährliches Meteoriten- Feld lag zwischen uns und dem Rest des Weltalls. Also säuberlich um uns herum.

Der Kommandant übernahm die mentale Hilfsteuerung und navigierte den Schoner mit Hilfe aller drei Computer in die Nähe des einzigen Planeten des Capdahn-Systems, der eine erdähnliche Atmosphäre besaß. Das war der Grund gewesen, daß ich Capdahn ansteueren wollte. Ich hatte überlegt, daß die Daphneiden dann vielleicht zufrieden wären und uns abziehen ließen... Ich wußte gleichzeitig, wie total dumm dieser Gedanke war. Erst heute weiß ich, wie total glücklich er trotzdem war.

Es ließ sich nach wenigen Minuten nicht mehr verheimlichen, daß wir runter mußten. Das reine Schrammen der Atmosphäre hätte unser Schiff nicht ausgehalten und erst nach der Landung würden wir wieder Gelegenheit haben, wegzukommen. Es gab kein Zögern - wir sanken bereits.

Heute klingt es komisch, wenn ich es erzähle, aber der Kommandant konnte es sich nicht verkneifen, nach erfolgreicher Landung und der abschließenden Bio-Prüfung in seiner Kabine einen Herzanfall zu bekommen. Ich glaube es noch immer nicht: Meine Mannschaft hatte aus Trotteln, Kamikaze-Fliegern und vergeßlichen Ignoranten bestanden, mein Kommander hatte schlicht und ergreifend während des IS-Sprunges versäumt, seine Pharmaka einzunehmen. Dabei war es eine der Grundregeln des interstellaren Fluges, bei Sprüngen für die zuverlässige Unterstützung des Herzens zu sorgen, da die Besonderheiten des IS-Fluges normales Funktionieren des menschlichen Organismusses verhinderten...

Ich stand alleine auf einem Menschen- und Daphneiden- leeren Planeten und hatte keine Chance, wieder wegzukommen. Als ich die Vorräte und das Handwaffenlager inspiziert hatte, gab der Comp Alarm. Ich bekam Besuch - wie erwartet landeten auch die Daphneiden.

Viel Zeit zum Überlegen hatte ich nicht. Also schnappte ich mir die Notausrüstung und verließ fluchtartig das Schiff. In der feucht-heißen Luft des Planeten kam ich schnell ausser Atem und schluckte hastig eine Adaptions-Tablette. Glücklicherweise war die Zusammensetzung der Atmosphäre nicht zu fremd von der der Erde, so daß ich nicht Gefahr lief, innerhalb der nächsten 24 Stunden umzukommen. Vorausgesetzt, es gab weder wilde Bestien noch Daphneiden, die "mein" schönes Raumschiff vorsichtshalber in die Luft jagten. Denn dann ginge auch mein Medi-Lab mit drauf, was mir im Endeffekt viele Stunden Langeweile ersparen würde, dafür aber einen keuchenden Tod bescheren mochte.

Ich war weit genug weg, um nicht von den Brems-Strahlen des Daphneiden-Schiffes gegaart zu werden, als es nahe meinem Schoner aufsetzte. Ich hatte mich in die Randzone eine großen Waldes gerettet und konnte die beiden Schiffe gut sehen. Meines glänzte schmutzig-silbern, das der Daphneiden war jadegrün. Leider war ich nicht nahe genug, um Einzelheiten ausmachen zu können. So sah ich weder, ob sich Luken öffneten, noch andere Aktivitäten.

Wohl aber sah ich, wie sich nach einiger Zeit die Form des grünlichen Schiffes änderte und aus dem schnittigen Keil ein klobiger Kasten wurde. Ich hörte dumpfes Rollen und Kreischen durch die dicke Luft herüberwehen. Jetzt verbreiterte sich der Rumpf des Kastens. Nach einiger Zeit sah das Ding aus, wie eine Pyramide, der man den Kopf abgeschlagen hatte.

Oder genau wie die Skizzen der Daphneiden-Siedler-Schiffe, die von den "befallenen" Kolonien stammten. Ich zog den Blaster und bewegte mich am Rande des Waldes entlang in Richtung meines Schiffes und lief dann gedeckt durch dessen Rumpf zum Landeplatz. Ich ging davon aus, daß die Daphneiden im Augenblick kein Massaker planten und enterte den Schoner. Der Comp begrüßte mich mit einem Alarm-Signal. "Feind in ZU GROßER NÄHE !" Als ob ich das nicht wüßte.

Der Scanner zeigte mir mehr vom anderen Schiff. Es hatte tatsächlich die Form völlig verändert. Aus einer Seite der Pyramide wuchs eine Art Schuppen, der im Gegensatz zur restlichen Oberfläche des "Gebäudes" silbrig das Licht reflektierte.

Im Augenblick schien nichts zu tun zu sein und ich ließ mir vom Marder ein Essen bereiten. Der Comp versorgte mich dann mit spärlichen errechneten Daten über den Planeten. Demnach würde es in 57 Minuten Nacht werden und in weiteren 3580 Minuten wieder Tag. Ich wartete.

In der Dunkelheit glimmte das Raumschiff der Daphneiden trübe, aber deutlich sichtbar. Ich fragte den Computer aus.

"Hoher Phosphor-Anteil an der Außenhülle. ACHTUNG: Radioaktivität über Standard."

Soso. Vielleicht war das der Grund dafür, daß ich noch keinen Daphneiden ausserhalb des Schiffes sah. Vielleicht hatten auch die etwas gegen Gamma-Strahlen. Ein interessanter Gedanke...

Ich hatte offensichtlich recht. Denn kaum vermeldete Stunden später der Comp, daß die Radioaktivität hundert Einheiten unter Standard lag, da meldete der Stater, daß draußen sich etwas bewegte. Ich schaltete den Scanner ein und ging auf Infrarot.

Ein länglicher blaßgelber Fleck kroch von einer Kante der Pyramide langsam zu dem silbrigen Anbau hinüber. Einen Moment überlegte ich, dann befahl ich dem Comp, die Landschaft draußen auszuleuchten. Einen Augenblick später konnte ich auf Normal-Sicht schalten. Der Daphneide, der an der Pyramide entlangglitt, reagierte anscheinend überhaupt nicht auf die Lichtänderung. Das unterstützte die These, daß die Daphneiden nicht über einen ähnlichen Gesichtssinn wie wir verfügten oder zumindest nicht so wie wir auf Reize reagierten, also anders waren. Aber daß sie anders waren, erkannte man auch mit bloßem Auge.

Ich achtete nicht genau genug auf den Schirm, um zu sehen, wie der Daphneide verschwand. Also ließ ich die Raffung der letzten Sekunden zeigen und ... sah, wie er einfach durch die Wandung des Anbaus glitt.

Ich spielte erneut zurück und zoomte. Aha - nicht durch die Wand. Immerhin. Die Wand ließ ein Loch entstehen, durch daß der Daphneide nahtlos durchpaßte. Hinter ihm schloß sie sich wieder völlig, ich konnte also nicht in den Anbau hineinsehen. Im Augenblick tat sich draußen nichts. Ich stand auf und betrat die Schleuse.

Draußen mußten meine Augen sich erst an die relative Dunkelheit gewöhnen. Der Comp hatte die Szene nicht mit Licht überflutet sondern entsprechend seiner Programmierung so wenig wie möglich an den realen Lichtverhältnissen geändert und mit Restlicht-Verstärkern und Optomps das Bild verbessert. Ich klappte meine Optompbrille über das Gesicht und konnte mich orientieren. Der Anbau am fremden Raumschiff war etwa 200 Meter von mir entfernt. Ich ging langsam und wachsam hinüber.

Nichts geschah, bis ich ihn erreichte. Ich streckte die Hand aus und berührte die Wand des Anbaus. Sie war fest und kalt - metallen. Langsam ging ich um den Kasten herum und berührte die Wand des ehemaligen Raumschiffes. Sie fühlte sich wärmer an, stumpf - irgendwie auf weicher. Seltsam.

Das Seltsamste passierte dann. Ich hörte hinter mir ein Rascheln, fuhr herum, den Blaster schon im Anschlag und sah den Daphneiden in zwei Metern Entfernung vorbeigleiten. Die Bewegung war völlig lautlos. Nur wenn er den Zweig eines Busches berührte, hörte man etwas.

Ich presste den Abzug durch. Ein kurzes Zischen ertönte, es roch nach Ozon und ein großer ausgebrannter Fleck ersetzte die Stelle, wo vorher der Daphneide gewesen war.

Aber das war nicht das Seltsame.

In dem Augenblick, in dem ich meinem Finger den Befehl abzudrücken gab, hallte es in meinem Kopf, der sich für einen Augenblick leer anfühlte. Völlig erstaunt und verständnislos fragte ich mich "WARUM ?" und drückte in dem Moment ab.

Als ich erfaßte, was gerade geschehen war, sagte sich ein Teil von mir "Gut getroffen - naja, auf die Entfernung !" und der andere fragte sich : "Wo bin ich ? Was tue ich ?" Und in Erinnerung des geistigen Schreis :

"WARUM ?"

Der erste Teil hatte sofort - reflexbedingt - die Oberhand und veranlaßte mich, in mein Schiff zurückzustürzen. Da ich wußte, daß der Comp meine Handlung registriert und der Stater sie wohl verstanden hatte, fragte ich atemlos:

"Reaktion ?" "KEINE."

"Keine ? K E I N E ?" "KEINE."

Einer war hier verrückt. Entweder der Stater oder ... die Daphneiden. Die mußten doch garantiert ihren Kollegen beobachtet und seine Inexistenz registriert haben. Die sollten nicht reagieren ? Klar. Die ließen bestimmt die Blaster warmlaufen, um mich in einem ekstasischen Aufflammen zu verheizen.

"Volle Schutzlast." "IN BETRIEB." "Gut."

Es tat sich nichts. Auch zwei Stunden später tat sich nichts. Und auch, als es wieder Tag wurde, tat sich nichts.

"Schutz aus - ich gehe raus." "GEFAHR !" "Ich weiß."

Ich nahm diesmal nicht den Blaster sondern den kleinen Laserwerfer mit. Damit bewaffnet umrundete ich das ganze grüne Schiff und fand schließlich eine Art Schleuse. Als ich mich ihr näherte, öffnete sie sich. Ich sprang zurück und warf mich zu Boden. Aber niemand kam heraus - die Schleuse glitt wieder zu. Offensichtlich reagierte sie also auf mich. Ich erhob mich wieder und ging auf sie zu. Sofort rollte sie auf. Der dahinterliegende Raum war winzig klein. Ich glaubte aber, hineinpassen zu können. Sollte der eine Daphneide tatsächliche - wie ich - die gesamte Besatzung seines Schiffes sein ?

Hinter mir glitt die Schleuse zu. Für fast zehn Sekunden stank es erbärmlich in der Kabine, dann öffnete sich eine Irisblende an der anderen Seite des Raumes. Ich schlich geduckt hindurch und sah mich um.

Der Gang führte in einem weiten Bogen rechts und links von mir weg. Ich konnte gebückt einigermaßen darin stehen, nur der gewölbte Boden machte mir Schwierigkeiten. Da die Schleuse wieder zu war und nun keine Anstalten mehr machte, aufzugehen, wandte ich mich nach rechts und schlich weiter.

Ich fuhr zurück, als sich links die Wand auftat. Durch die Öffnung sah ich in einen tiefdunklen Raum, in dem es eindeutig nach elektrisch verbranntem Staub roch. Die Schwärze machte mich darauf aufmerksam, daß es im Rundgang, in dem ich war, recht hell war. Woher allerdings das Lich kam, war nicht auszumachen. Ich hielt die Hand vor die Augen, um zu beobachten, wo ich Schatten ausmachen konnte. Es wurde nicht dunkler, bis ich mir die Augen tatsächlich zuhielt. Die Luft selber leuchtete wohl - war das möglich ?

Da meine Optomp-Brille mit der Dunkelheit in dem Raum nichts anfangen konnte, ging ich weiter. Kurze Zeit später stieß ich wieder auf einen Raum, der sich mir ohne Geheiß öffnete. Wieder war es komplett dunkel hinter der Öffnung. Nicht einmal das Licht des Flurs ließ etwas erkennen. Es schien, als höre das Licht mit der "Tür" einfach auf. Oder aber - der Raum ging tief unter mich und über mich und war des weiteren sehr groß !

Ich hielt die Hand durch die Tür, tastete nach unten an der Wand unter der Tür - kein Boden ! Ich führte die Hand nach oben - keine Decke ! Seltsam.

Weiter ging es. Drei weitere Räume erkundete ich ähnlich. Schließlich hatte ich genug - es konnte hinter den Türen nicht lange abwärts gehen, irgendwo mußte der Planetengrund sein... Durch die nächste Tür würde ich mich einfach durchhängen.

Doch als die nächste Öffnung sich auftat, wurde ich von der Helligkeit dahinter geblendet. Ich riß den Werfer hoch, drückte aber vorsichtshalber nicht ab - nicht bevor ich sehen konnte, was ich traf. Da tönte es bereits in meinem Kopf "WARTE !" Ich sicherte nach rechts und links - da war niemand. Inzwischen konnte ich in den Raum hineinsehen. Weit hinten lag zwischen einer Anzahl größerer Kästen ein Daphneide. Ich zielte und wollte abdrücken - "WARTE !!!" Für einen Moment zögerte ich - dachte an die Kameraden, die ich vor kurzem wegen der Daphneiden verloren hatte und an den Kommandanten, der vor lauter Aufregung vergaß, für das eigene Leben zu sorgen. Mein Finger krümmte sich.

Donnernd entlud sich der Akku im Werfer und ein Fächer tödlichen Lichtes drang in den Raum vor. Zwischen mir und dem Daphneiden verpuffte es sinnlos an irgendetwas - nur zuckende Blitze entstanden. Das erkennend warf ich mich zurück, hinter die Tür, die sofort zuglitt.

Doch diese ging sofort wieder auf und in mir hörte ich "WARUM ? KOMM." Diese verdammten Viecher waren Telepathen ! Was konnten die sonst noch ?

Ich lugte um die Ecke und sah den Daphneiden noch immer reglos in der Ecke liegen. Er tat nichts weiter, auch in meinem Kopf blieb es stumm. Da ich sowieso nichts zu verlieren hatte und mich im Notfall noch selber erschießen konnte, ehe ich die Position der Erde verraten konnte, ging ich die steile Rampe hinunter. Als ich in die Nähe der Energiebarriere kam "sprach" der Daphneide wieder zu mir.

"WARTE !" Ich spürte einen Schlag in der rechten Hand und mein Laserwerfer flog in hohem Bogen weg. Dann zog mich etwas und ich stolperte durch die Barriere.

Hinter mir wurde es dunkel. Das Licht füllte nun nur noch einen kugelförmigen Raum, in dem der Daphneide und ich standen/saßen/lagen.

"WAS SEID IHR FÜR SELTSAME WESEN... SCHIEßT IHR GERNE WILD UM EUCH, WENN IHR ETWAS NICHT VERSTEHT ?"

Mein Gesicht war bestimmt nicht gerade der Inbegriff menschlicher Intelligenz als ich an den toten Daphneiden draußen dachte, an die Kriege zwischen ihnen und uns, an die Planeten, die innerhalb von Tagen von Daphneiden bevölkert wurden, die sich um keinerlei menschliche Grenzen kümmerten und einfach ihren Interessen nachgingen.

"Ich..." begann ich und erkannte, daß der Daphneide mich ja wahrscheinlich gar nicht hören konnte. Nun, wahrscheinlich würde er mich auch so verstehen. Also dachte ich deutlich:

"Was seid Ihr für seltsame Wesen - Ihr laßt uns nicht, was uns gehört !"

Er gab keine Antwort sondern lag noch immer reglos da.

Nach einiger Zeit dröhnte es in mir:

"ICH FRAGE MICH, WIE ES WESEN WIE IHR GESCHAFFT HABEN, ZWISCHEN DEN WELTEN ZU VERKEHREN. WIE KONNTET IHR EURE WELT VERLASSEN, OHNE EUCH STÄNDIG ZU BEKÄMPFEN ?"

"Dasselbe fragen sich die Menschen über Euch. Ihr kommt auf einer Welt an und vermehrt Euch wie.... Kaninchen. Wie konntet Ihr..."

"UND NUN FRAGE ICH MICH, WARUM DU NICHT EINMAL ANTWORTEST. HIER BIN ICH DIR - WELCH SELTSAMER GEDANKE - ÜBERLEGEN. DU KANNST NICHT ENTKOMMEN, WENN ICH ES NICHT WILL. DAS SIND EURE REGELN !!! ICH FINDE SIE SELBER ABSCHEULICH. ABER DU SOLLTEST VIELLEICHT DOCH ANTWORTEN, SONST SPIELE ICH AUCH DAS SELTSAME SPIEL 'DROHEN' MIT DIR, DAS IHR SOGERNE SPIELT."

Er hörte mich gar nicht ! Wie sollte ich ihm denn antworten, wenn er mir zwar Gedanken eingeben konnte, meine aber nicht verstand ? Ich wollte mich umdrehen und zur Barriere gehen...

"WAS WILLST DU ? DU KANNST NICHT FORT !" - Ich hatte mich noch nicht einmal umgewandt ! Genau wie bisher - sie "hörten" nur, was wir unserem Körper befahlen.

Ich gestikulierte - keine Reaktion.

Ich sprach laut Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch - keine Reaktion.

Ich ging hin und her - keine Reaktion.

Der Daphneide war blind und taub - aber wie konnte das sein ? Der IS-Flug verlangte, daß Indikatoren gelesen wurden, Entscheidungen aufgrund von Reaktionen getroffen wurden etc... Also mußte ein Computer in der Lage sein, mit den Daphneiden in Kontakt zu treten. Wie konnte ich ihm klarmachen, daß ich ihn nicht erreichte und dies mit einem Computer zu können hoffte ? Mir kam eine Idee. In Gedanken entwarf ich ein kompliziertes Programm, das unseren Stater im Schoner veranlassen würde, komplizierte Symbolkonstellationen auf Gemeinsamkeiten zu analysieren - kurz, ein Sprach-Entschlüsselungs- Programm.

Tatsächlich - der Daphneide bemerkte meine Aktion, erkannte, um welches Problem mein Gehirn sich bemühte und bewegte sich. Als er davonglitt, wurde es um mich herum dunkel. Ehe ich mich aber ebenfalls in Bewegung versetzen konnte, wurde es wieder heller und der Daphneide war zurück.

"BLEIB. ICH HABE HIER EINEN SCANNER, DER DURCHAUS IN DER LAGE SEIN SOLLTE, DEINE GEDANKENMUSTER ZU INTERPRETIEREN. PROGRAMMIERE IHN MENTAL - WIR WISSEN, DAß IHR DAS KÖNNT, DENN EURE BORDCOMPUTER SIND NICHT ZU ÜBERHÖREN..." Ich glaubte beinahe, Lachen zu hören. So also orteten sie uns - nicht MIT Computern sondern WEGEN der Computer !

Ich addressierte den Comp.

"Kannst Du mich nun hören ?"

"HÖREN ... OH, JA. WAS SEID IHR FÜR EINE SELTSAME RASSE, DAß IHR VON MASCHINEN DINGE VERLANGT, DIE IHR SELBER NICHT BEHERRSCHT..."

"Was meinst Du damit ?"

"IHR SEID MENTAL SO SCHWACH. EURE KÖRPER SIND ES, DIE SICH ENTWICKELN UND DIE SICH VERÄNDERN ABER GEISTIG... WARUM BEKÄMPFT IHR ANDERE WESEN, DEREN ENTWICKLUNG SICH AUCH IN IHREN KÖRPERN VOLLZIEHT, WENN IHR WIßT, DAß SIE DANN ALLES VERLIEREN, WAS SIE HABEN ?"

"Falls Du es nicht bemerkt haben solltest, Ihr Daphneiden seid es, die wir bekämpfen !"

"OH JA... DAS IST EINE ANGELEGENHEIT, DIE DER KLÄRUNG BEDARF. IHR MACHT UNS MIT EUREM GEPLÄNKEL VIEL MÜHE. KÖNNTEN WIR NICHT EINFACH MIT DIESEM DUMMEN SPIEL AUFHÖREN ?"

"Das ist kein SPIEL ! Wir lassen es nicht zu, daß Ihr uns alle Planeten wegnehmt, die wir gefunden haben und die uns deshalb gehören!"

"WARUM HABT IHR SIE GEFUNDEN ? AUCH WIR BESIEDELN NUR SOLCHE PLANETEN, DIE WIR VORHER ENTDECKT HABEN."

"Aber wir waren zuerst da !"

"ICH GLAUBE, IHR IRRT. WER WAR ZUERST AUF EUREM HEIMATPLANETEN ? IHR ODER WER ?"

"Nun, da waren die Primaten..."

"AHA."

"Ja, aber wir sind doch..."

"UND MEINT IHR, DAS SEI AUF ANDEREN PLANETEN ANDERS ? DIE, DIE DORT GEBOREN WURDEN, SEIEN NICHT FRÜHER DA GEWESEN ALS IHR ?"

"Aber Ihr nehmt uns Lebensraum fort !"

"DAS WÄRE MIR NEU. IM GEGENTEIL - WIR IGNORIEREN EUCH, WO IMMER ES GEHT."

"Und misachtet unsere Grenzen."

"WOZU GRENZEN ZWISCHEN VERNUNFTBEGABTEN RASSEN ?"

Ich wußte darauf nichts zu antworten - irgendwo hatte er ja recht. Daphneiden und Menschen könnten durchaus nebeneinander leben wenn nicht...

"Ihr vermehrt Euch so stark, daß eines Tages die Menschen keinen Lebensraum mehr hätten..."

"DAS IST NICHT WAHR. WIR VERMEHREN UNS NUR SOLANGE NOCH PLATZ GENUG DA IST. FÜR UNS, FÜR EUCH UND FÜR DIE, DENEN DIE PLANETEN GEHÖRTEN, EHE WIR KAMEN."

Wir unterhielten uns noch lange. Schließlich kam ich auf Fragen, wie zum Beispiel, warum die Daphneiden uns seit jeher angegriffen haben, wenn wir nur unsere Gebiete verteidigten. Seine Antwort war simpel.

"IHR SEID TATSÄCHLICH EINE SELTSAME RASSE. EURE GEISTIGEN UNZULÄNGLICHKEITEN ERLAUBEN ES, DAß IHR LÜGT !"

Er erklärte mir, wie alles angefangen hatte. Ich konnte seine Angaben später verifizieren.

Ich erfuhr auch, woher die Daphneiden eigentlich kamen. Ursprünglich, vor Jahrhunderten, bewohnten sie einen heißen, erdähnlichen Planeten, der in geringer Distanz um eine fast ausgeglühte Sonne kreiste. Als sie die Möglichkeiten der IS-Reise hatten, machte sich die ganze Rasse auf die Reise ins Ungewisse. Jahrzehntelang vorher bereits hatten sie begonnen, sich körperlich auf die Reise vorzubereiten. So reduzierten sie genetisch die Fortpflanzungsmöglichkeiten und verlängerten die Lebenszeiten der Individuen. Wenn immer ein Raumschiff auf eine bewohnbare Welt stieß, konnten sie sich völlig verändern, innerhalb kurzer Zeit viele Nachkommen produzieren und mehrere Generationen rasch hintereinander aufzubauen. Dazu zählte, daß sie in der Lage waren, die Alterungsprozesse des Körpers zu beeinflussen.

Eines Tages, wenn keines der Schiffe mehr unterwegs sein würde, wollte sich die Rasse mental vereinigen. Ihre überragenden Fähigkeiten waren ihnen angeboren. Und sie hatten sie im Laufe von Jahrhunderten entwickelt. Da ihre Rasse ständig von einer sterbenden Sonne bewacht wurde, hatten sich niemals ernsthafte Kriege entwickelt. Somit war ihnen die Idee der Vernichtungswaffe unbekannt, bis sie sie von uns Menschen kennenlernte.

An diesem Punkt irrte ich mich - dazu später.

"Immerhin habt Ihr es wohl von uns Menschen gelernt, wirklich zu töten."

"WIE KOMMST DU DARAUF ? VIELE EURER REAKTIONEN AUF UNSERE ZÜGE IM SPIEL LASSEN SOLCH EINE EINSTELLUNG VERMUTEN..."

"Habt Ihr nie getötet ? Um zu essen zum Beispiel ?"

"WIR MACHEN UNTERSCHIEDE ZWISCHEN TÖTEN UND TÖTEN. WENN WIR NAHRUNG BRAUCHEN - UND WIR BRAUCHEN SEHR WENIG - SO NEHMEN WIR DEN KÖRPER DER WESEN. DOCH WAS IHR TUT, IST TÖTEN. MIT DEM KÖRPER SCHLACHTET IHR DEN GEIST !"

"So ist das nun einmal im Krieg. Wir sehen den Krieg nicht, wie Du offensichtlich, als Spiel !"

"ABER WAS SONST SOLLTE ES SEIN, DA ES DOCH IM RESULTAT SINNLOS BLEIBT ? SPIELE DIENEN DEM LERNEN. UND IHR BEMÜHT EUCH SEIT LANGER ZEIT, DURCH DAS KRIEG-SPIELEN ETWAS ZU LERNEN."

"Wir brauchen nichts zu lernen, als wirkungsvollere Methoden..."

"JA, SAGE ES RUHIG. WIRKUNGSVOLLERE METHODEN EINANDER ZU VERNICHTEN. DAS IST ES, WAS WIR NICHT AKZEPTIEREN KÖNNEN."

"Aber Ihr tötet doch auch - Menschen ! Oder sind wir Tiere ?"

"WIR TÖTEN KEINE MENSCHEN."

Nun wurde mir mulmig. Wiederholt hatte ich den Eindruck, diese große Rolle war völlig wahnsinnig. Aber anscheinend war sie auch senil!

"Hör mal. Ich habe da draußen, wie Du wohl weißt, einen von Euch getötet. Aber vorher habt Ihr fünf meiner Kameraden umgebracht. Und mein Kommandant starb während unserer Flucht vor Euch hierher !"

"ICH KANN NICHTS DARAN ÄNDERN, DAß EIN KÖRPER FRÜHER ODER SPÄTER AUFHÖRT ZU FUNKTIONIEREN. ABER DEINE KAMERADEN SIND DOCH NICHT TOT ! DU BIST DOCH SO ÜBERZEUGT VON DEINEN VISUELLEN SINNEN. HAST DU SIE STERBEN SEHEN ?"

Natürlich nicht. Dazu hätte ich ja in die Hunter hätte sehen können müssen.

"UND WIE ERKLÄRST DU DIR DANN DAS DORT ?"

Gleichzeitig wurde ein Rechteck in der Dunkelheit hell und durch es hindurch sah ich die Soldaten, die als A-2 bis A-6 den Tod gefunden hatten. Sie schwebten reglos in einer milchigen Umgebung durch die gelbliche Strahlen drangen. Sie waren also nicht zerfetzt, sondern sahen im Gegenteil recht gesund aus.

"DIE UV-STRAHLEN HALTEN IHREN ÄUßEREN METABOLISMUS IN BETRIEB. WENN ICH DICH GEHEN LASSEN SOLLTE, WERDEN SIE MIT DIR GEHEN DÜRFEN."

"Was ist mit den Tausenden von anderen ?"

"SIE ALLE LEBEN SELBSTVERSTÄNDLICH. ABER RICHTE DEINEN BEFEHLSHABERN AUS, SIE SOLLEN MIT IHREM KINDISCHEN SPIEL AUFHÖREN UND UNS UNSERE MISSION ERFÜLLEN LASSEN."

Ich verstand noch nicht, wie er über den Tod eines Daphneiden hinweggehen konnte - egal, wie schnell er alleine, oder wie auch immer, "neue" produzieren konnte.

Aber ich hatte wirklich noch immer nichts verstanden. Einen Daphneiden konnte man nicht "töten". Man konnte ihm den Körper nehmen. Doch wegen der Gleichheit aller Daphneiden, die nie jemandem aufgefallen war, war es dem einzelnen egal, in welchem Körper er wohnte. Ihre Leiber waren notwendige Geräte, die sie zum Leben brauchten. Aber nicht zum Überleben.

"MEINE... FRAU WIRD IN WENIGEN STUNDEN WIEDER EXISTENT SEIN. ICH HOFFE, SIE HAT NOCH VIELE JAHRHUNDERTE VOR SICH, EHE IHR GEIST AUFHÖRT ZU FUNKTIONIEREN."

Ich hatte seine Frau umgebracht und er schwatzte mit mir ! Wir waren Todfeinde und er lud mich in sein Raumschiff ein ! Ich konnte ihm zumindest noch Schmerzen zufügen und er stellte sogar in Aussicht, daß ich mit meinen Kameraden zurück zur Erde gehen würde. Ja, ich glaube, die Daphneiden sind uns wirklich überlegen.

Was soll ich noch viel erzählen. Zehn Jahre später hatten die Daphneiden einfach genug von unserem "Spiel" und schickten Dalle Gefallenen zurück, die sie "getötet" hatten. Inzwischen waren die Verhältnisse auf einigen entlegenen Welten so stabil, daß auch der Dümmste sehen konnte, wie gut Daphneiden und Menschen nebeneinander leben konnten, ohne einander irgendwie zu beeinflussen.

Als dann Jahre später die erste mentale Konnektion von Mensch und Daphneide auf "Heimat" vollzogen wurde, entstand das Wesen, das wir heute fast alle sind. Bis auf vereinzelte Stimmen, die noch immer rufen "Der Mensch muß menschlich bleiben und nicht seinen Geist mit Fremden teilen."

Ich selber bin nur noch wenig Mensch. In Erdjahren gemessen bin ich 280 Jahre alt. Ein Drittel meines Geistes ist noch immer Clint. Noch immer merke ich, wie Reflexe mich zum Zuschlagen verleiten wollen, wie Haß in mir aufbrodelt und ähnliches. Aber die beiden anderen Drittel, die die inzwischen verstorbenen Teile von Clint aufgefüllt haben, sind stärker.

Vielleicht waren sie seit jeher stärker.

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Marc Albrecht
Mehr seiner Werke gibt es bei
www.Elerion.de

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