Was fehlt
(SF, Marc Albrecht, 1990)

"Mama!"

Es war so still im Labor. Ich hatte Angst --- alleine, inmitten der vielen fremden Tiere und Pflanzen. Wir mußten Energie sparen, das wußte jeder, sogar das zwölfjährige Mädchen, das ich damals war. Aber trotzdem hatte ich die Einweglampen im Labor eingeschaltet. Wäre es ganz dunkel gewesen, hätte ich es wohl kaum ausgehalten.

"Mama!"

Am Nachmittag war Paps so böse mit mir gewesen, weil ich mich nicht um Ansgar gekümmert hatte, wie ich es versprechen mußte. Paps hätte den kleinen Burschen sonst eingefroren, wie die anderen Tiere, die er von dem neuen Planeten mitgebracht hatte. Aber ich wollte unbedingt mit Torbe spielen. Torbe war mein Freund und er war ganz alleine an dem Nachmittag, weil seine Eltern in Collectum waren.

"Mami... komm... !"

Paps hatte dann alles für mich erledigt und war nur abend böse zu Torbe gekommen und uns gesagt, wir sollten wie brave Kinder unsere Pflicht erfüllen. Erst wußte ich gar nicht, was er meinte, aber dann fiel mir brennend heiß ein, daß ich Ansgar vergessen hatte.

"Paps ? Wo bist Du...?"

Und dann ging ich in meine Kammer, versiegelte die Tür und schmollte. Denn daß wir unsere Pflicht nicht erfüllten, war das Schlimmste, das Paps uns vorwerfen konnte. In einem so kleinen Forschungsschiff wie der "Flower" mußte jeder tun, was er konnte, um uns heile nach Hause zurückzubringen. Auch wir Kinder hatten selbstverständlich unsere Aufgaben. Torbe kümmerte sich um die Dateisäuberung auf dem Kartenrechner. Er war schon damals ein echter Computerfreak und ließ sich von kaum einen Erwachsenen etwas in Geschwindigkeit oder Genauigkeit vormachen.

Und ich war zuständig für den Energiehaushalt des Labors. Deshalb hatte ich Paps auch überreden können, Ansgar bei Bewußtsein zu lassen. Ich beschränkte dazu einfach die Beleuchtungseinheiten. Mir ist klar, daß ich an dem Abend, als ich dann doch die Einweger einschaltete, damit gegen meine eigene Regel verstieß. Aber ich war traurig und fühlte mich Ansgar gegenüber schuldig. Natürlich wußten wir nicht, was das Tierchen in seiner gewohnten Umwelt tat --- aber wir hatten Artgenossen analysiert und die Vitamin und Proteinzufuhr auf die ungefähren Bedürfnisse seines Körpers eingestellt. Und der Computer überwachte ständig die Gehirnwellen des kleinen Kerls. Sobald sie von der normalen Tätigkeit abwichen, wurde zunächst ich informiert --- es konnte ja ein Fehler in der Energieversorgung schuld sein --- dann der Biotechniker, der entschied, ob wir das Risiko eingehen sollten, das Tier bei Bewußtsein zu lassen und es eventuell zu verlieren. Entschied er dagegen, mußte der Kapitän die Zustimmung zum Einfrieren geben --- das hieße dann, ich könnte im Labor nichts mehr machen, da die Energie damit erschöpft gewesen wäre.

Als ich mich aus meiner Kapsel gestohlen und heimlich zum Labor gelaufen war, erreichte mich der Alarm über meinen Piezo. Ich bestätigte sofort, damit der Biotek nicht geweckt wurde und betrat das Labor. Wie ich es befürchtet hatte, leuchtete das Warnlicht über Ansgars Kapsel.

Ich konnte die Tränen kaum zurückhalten, so stark waren meine Schuldgefühle. Vielleicht hätte ich am Nachmittag ja etwas gemerkt, wenn ich nach ihm gesehen hätte, wie ich gemußt hatte. Natürlich hätte Paps auch etwas gemerkt... aber er sah Ansgar ja nicht jeden Tag. Und Ansgar erkannte mich. Das wußte ich genau, denn wenn ich das Labor betrat, dann zeigte der Comp in Ansgars Kapsel Aktivität an. Das kleine Etwas wurde aktiv und ... nun, ich dachte, es schnüffelte an den Wänden seines Gefängnisses, denn es rannte immer hin und her. Ich sprach dann über den Comp in die Kapsel und versuchte, ihn zu beruhigen. In den letzten Tagen blieb er dann tatsächlich stehen und gab seine seltsamen, rufenden Laute von sich. Die waren es gewesen, die mich gezwungen hatten, ihn nicht einfrieren zu lassen. Ich hatte mich im ersten Augenblick der Begegnung in das Fellknäuel verliebt und mit der ganzen Zuwendung eines Kindes verbrachte ich Stunden vor seiner Kapsel, sprach zu ihm und beobachtete ihn durch den Digitizer.

Als jetzt der Alarm zeigte, daß etwas mit Ansgar nicht in Ordnung war, ließ ich sofort den Digitizer das Bild aus der Kapsel auf den Computerbildschirm legen. Ich schaltete sofort das Mikrofon an, aber als das erste Bild erschien, schrie ich erschrocken und voll Angst auf. Ansgar hörte das und zuckte --- zumindest zuckte das, was von meinem Liebling übrig geblieben war.

"Paps ! Komm doch !"

Ich schrie durch mein persönliches Kom. Zum Glück hatte ich das Computermikrophon ausgeschaltet, sonst wäre Ansgar womöglich durchgedreht. Endlich erschien mein Vater im Labor. Er trug seine Freizeitkleidung und knöpfte sich noch im Hereinkommen den Overall zu.

"Elli, was tust Du hier denn noch ? Du mußt doch schlafen..."

Dann sah er den Alarm über Ansgars Kapsel und zog seinen Comp. Er tippte seine Priorität ein und verhinderte damit, daß der Biotek gleich alarmiert würde.

"Was ist los ?"

"Paps, warst Du denn nicht hier heute nachmittag ?"

"Doch. Das weißt Du. Was hat Dein Kleiner denn ?"

Er beugte sich über den Comp und schaltete das Bild wieder ein, das ich aus Ekel abgedreht hatte. Er erschrak, als er das zusammengefallene, haarlose Bündel Elend sah, das auf dem nackten Plastik der Kapsel sein abgefallenes Fell um sich gescharrt hatte und in verkrümmter Stellung dalag.

"Er ist tot, nicht wahr ?" fragte ich mit erstickter Stimme.

"Sieht nicht so aus." schüttelte Paps seinen Kopf und rief die Vitaldaten ab. Natürlich hätte ich das machen müssen.

"Nein. Aber besonders lebendig ist er auch nicht... He, hast Du das gesehen?" Er deutete auf eine Statuszeile und ich sah, was er meinte.

In der Kapsel war nicht nur eine Lebensform. Nein, Ansgar hatte offenbar Gesellschaft bekommen. Ich stieß Paps zur Seite und ging in die Kommandoebene.

"Paps, das sind nicht Ansgars Daten. Ansgar ist eine Seite weiter..."

Mit zitternden Fingern blätterte ich die Daten durch und stieß auf Ansgars Status.

"Er stirbt! Seine Lebensfunktionen lassen nach... Paps! Tu doch etwas!"

Er rief wieder das Digitizerbild auf den Schirm und ließ den Ausschnitt vergrößern. Dann zeigte er auf eine Stelle auf Ansgars nackten kleinen Körper.

"Da, da hast Du den Neuling."

Der Ausschnitt fuhr weiter hoch und ich sah einen ekelhaften, schuppigen Wurm, der sich anscheinend gerade in Ansgars Brust fraß.

"Nein!"

Ich rannte hinüber zu Ansgars Kapsel und schlug auf sie ein. Ich wollte sie zerbrechen und meinen Freund befreien von der häßlichen Kreatur, die ihn auffraß.

Paps hielt mich fest. Kurz darauf kam unser Biotek -- Torbes Mutter.

"Käpt'n, haben Sie gerufen ?"

Mein Vater nickte und zog sie an den Schirm. Er erklärte ihr, was vorfiel und ließ sie dann einsteigen. Dann kam er zu mir und nahm mich in den Arm.

"Elli, laß das Weinen. Du weißt, daß wir nie wissen, was wir an Bord nehmen. Und wenn Dein Ansgar stirbt, dann war es vielleicht nur unklug, ihn nicht einzufrieren..."

Ich wußte genau, daß Ansgar dann nur später wieder ins Leben zurückgerufen worden wäre --- und viele Tiere überlebten danach nicht mehr lange. Dennoch tat mir die Bemerkung weh... denn vielleicht war ich ja Schuld an Ansgars Tod!

"Elli!" Ich lief zum Comp, denn Torbes Mutter rief mich, um mich von meinen Gewissensqualen abzulenken.

"Schau--- ich habe hier den Scrollback. Das, was aussieht wie ein Wurm, war von Anfang an bei Ansgar gewesen, eine Art Mikrobe. Sie hat sich entwickelt, sehr schnell zwar, aber eindeutig von Ansgar bemerkt und toleriert. Sieh hier. Er zeigt keinerlei Abwehrreaktionen... Und hier warf er sein Fell ab."

Ich konnte durch den Schleier in meinen Augen kaum etwas sehen, ich war müde und traurig und spürte Einsamkeit in mich eindringen, denn der kleine Kerl, den ich so sehr liebte... verließ mich...

"Kannst Du es nicht totmachen ? Damit er wieder so wird wie vorher?"

"Nein, das werde ich nicht tun. Denn auch, wenn das hier schneller abläuft als beabsichtigt... Ich glaube, daß es in Ordnung ist."

Sie rief wieder das aktuelle Bild ab und ließ es laufen. Der Wurm war ganz verschwunden und Ansgar schien nicht einmal mehr zu atmen. Ein Alarm schrillte und wir drei sahen wie ein Mensch zur Kältekontrolle.

Wir hatten noch zehn weitere Tiere von Ansgars Sorte mitgebracht. An der Schlafkapsel von einem jener leuchtete die Kontrolle. Die Temperatur war in einem Moment über mehrere Grad angestiegen und der Computer versuchte, sie ohne Schockwirkung auf das normale Maß zu drosseln. Paps sah uns beide Frauen an und bewegte die Lippen. Ich verstand nicht, was er meinte, aber Torbes Mutter schien es mitbekommen zu haben. Sie brummte einen Moment und nickte dann.

Paps ließ den Comp das zweite Tier auftauen.

"Käpt'n, ich glaube, es ist schon zu spät..."

Ich sah, wie auf dem Schirm Ansgars Brust aufklaffte und der Wurm herausquoll. Das Ding kroch durch die Kapsel und zuckte mit einem Ende hin und her. Schließlich bewegte es sich langsam zurück zu dem leblosen Körper und verschwand. Die Lebensanzeigen fielen im gleichen Moment auf Null. Mein Ansgar war tot und der Wurm ebenfalls.

Ich hatte keine Tränen mehr.

"Ich kann das andere nicht wieder einfrieren, die Energie reicht nicht. Elli, Du mußt Dich um einen neuen Patienten kümmern."

"Oh, aber wenn er auch wieder so..."

"Ich glaube nicht, daß es ein 'Er' ist. Aber ich befürchte, Du mußt es trotzdem pflegen. Und nun geh zu Bett, ich mach das hier schon."

Mit dem zweiten Tierchen passierte nichts. Paps ließ Ansgar speichern, das verbrauchte nicht soviel Energie wie der Kälteschlaf. Und da Ansgar sowieso tot war, machte es ihm auch nichts mehr aus, daß er nicht mehr ins Bewußtsein hätte zurückkommen können.

Als wir auf der Erde waren, vergaß ich Ansgar bald. Ich mußte wieder in die Schule und Sprachen, Mathematik, Astronautik und anderes Zeug lernen.

Wie schon früher war Biologie unglaublich langweilig. In einer Biostunde störte mich mein Piezo aus meinen Tagträumen auf.

Ich ließ mich sofort zu Torbe fahren, denn seine Mutter hatte um meine Beurlaubung aus dem Unterricht gebeten.

"Du erinnerst Dich doch an Deinen kleinen Freund, den wir auf unserem letzten Ausflug verloren haben?"

"Natürlich. Wißt Ihr etwas Neues?"

"Ja. Hast Du Zeit?"

"Ich habe gleich antike Sprachen und das macht Spaß..."

"Nun, wenn Du das gesehen hast, was ich Dir zeigen möchte, wirst Du Deine antiken Sprachen für heute vergessen..."

Damit stieß sie mich in ihr Labor. Die großen Käfigkapseln waren zugedeckt, aber ich kannte ihren Zoo schon gut und fragte sie gleich, was sie mir zeigen wollte.

"Es gab vor vielen Jahrhunderten auf der Erde wildlebende Pflanzen, die sich nicht selbst vermehren konnten."

"Ohje, ich weiß, das haben wir gerade erst in Biologie durchgekaut!"

"Gut, dann weißt Du ja auch, wie die Pflanzen das gemacht haben..."

Sie sah mich erwartungsvoll an und ich lief, glaube ich, rot an.

"Ich... äh..."

"Wie Torbe. Kein Wunder, daß ich gut verdienen kann, wenn die Jugend kein Interesse mehr für Biotechnik entwickelt." lachte sie. "Damals gab es sogenannte Insektoide, die Samenstaub von einer Pflanze zu einer anderen übertrugen."

"Ja !" rief ich, erfreut, etwas zu wissen. "Die Pflanzen brauchten jemand, der den Staub verteilte und manchmal war eine Pflanze, die etwas von dem mitgebrachten Staub abbekam, empfänglich und warf Junge!"

"So ähnlich... Nun, bei Ansgars Kollegen läuft das ganz ähnlich ab. Dieser... Wurm, wie Du ihn nanntes, der anscheinend Ansgar auffraß, ist in Ansgar entstanden. Eine seltsame Art von Insektoid, aber die Aufgabe war hier die gleiche... das befruchtete Weibchen wäre dann von dem Wurm zu Ansgar gebracht und hätte in seinen Resten das Junge zur Welt gebracht..."

Als sie sah, wie mir wieder Tränen in die Augen stiegen, öffnete sie die Verdeckung einer Kapsel.

"Schau her."

Ich sah eines der kleinen Tiere so nackt daliegen, wie Ansgar auf dem Schiff damals. Torbes Mutter hielt mich fest und zwang mich zuzusehen, wie der Wurm sich in das Wesen fraß. Er erschien wieder und schlängelte sich zu einem wuscheligen, fiependen und zitternden anderen Tier und verschwand in dessen Fell.

"Sie wird morgen ein Junges zur Welt bringen." Mit diesen Worten verschwand der Sichtschutz eines anderen Käfigs und ich sah dutzende der kleinen Wuscheltiere durcheinandertollen.

"Oh!" rief ich entzückt aus. "Sind die niedlich!"

Ich traute meinen Augen kaum, als Torbes Mama den Computer anwies, eines der kleinen herauszuschicken.

"Sie brauchen einen Namen. Ich denke, daß Du ihnen einen geben solltest. Schließlich sind sie mehr oder weniger Deine Entdeckung."

Ich hielt in zitternden Händen ein warmes, brummendes Knäuel, spürte, wie Zuneigung und ein wenig Furcht auf mich einströmten und flüsterte:

"Ich möchte sie am liebsten Wusel nennen, findest Du das zu kindisch?"

Sie schüttelte den Kopf und strich mir über die Haare.

"Nein."

"Und dieses hier heißt Ami."

"Was heißt Ami, Elli ?"

"Ach, das ist ein Begriff aus einer antiken Sprache. Es heißt Freund."

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Marc Albrecht
Mehr seiner Werke gibt es bei
www.Elerion.de

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