Vergessen
"Last Man"

(Fantasy, M.Albrecht, August 1991)

Er nahm nicht häufig Notiz von "der" Welt, obwohl er spürte, daß es nun nicht mehr lange bleiben würde, wie es set Jahrhunderten vor seiner Zeit gewesen war. Er wußte nicht, daß es niemanden mehr gab, der sich für die Gründe interessierte, die ihn in die Einsamkeit getrieben hatten.

Tatsächlich gab es schon noch jemanden --- doch hielt sich auf dieser Welt keiner mehr auf, der überhaupt von ihm wußte. Die, die noch da waren, hatten außer ihren Urtrieben keine Interessen mehr --- und sie zählten nicht, weder für ihn noch für sonst jemanden.

Es war heiß jetzt. Es war für Jahrtausende heiß gewesen, immer mehr, immer unerträglicher waren die Temperaturen geklettert, bis es jedem klar geworden war, was sich abspielte; auch denen, die nicht mit ihren elektronischen oder biotechnischen Geräten die Sonne beobachteten, die viel früher als irgendwer erwartete, in die Jahre gekommen war und nun nicht mehr still hielt, bis sie in einer --vergleichsweise unscheinbaren-- Gaswolke explodieren und die ersten vier Planeten ihres Systems verschlingen würde.

Daß es passieren würde, wußte jeder, der es erfahren wollte. Aber wer konnte damit rechnen, daß der Kollaps zufällig so schnell kommen würde ? Man hatte alle Budgetfressenden Aktionen abgebrochen, als die Wissenschaft die Öffentlichkeit endlich vom kommenden Finale überzeugt hatte. Die dritte Welt überließ man ihrem Geschick, das sich schnell erfüllte. Die Menschen verbrannten in der sengenden Hitze der ewigen Wüste. Wer nicht verbrannte, verhungerte ebenso rasch --- oder verdurstete.

Viele arme Länder ereilte ein ähnliches Schicksal. Die Menschheit verlor ihr Interesse an Präzisionsuhren, Mikrowellen und Videogeräten. Es war so schön warm, wer wollte sich die letzten Jahre, die man hatte, denn mit Hektik oder Langeweile herumärgern ?

Dann waren die Schiffe gekommen. Es gab überall Paniken, als die stumpfgrauen Giganten über den dünn besiedelten, kühleren Gegenden der schon vor langer Zeit vergessenen Union der demokratischen Sowjet-Republiken, über Rot-China, Kanada und Namibia auftauchten.

Das war vor zweihundert Jahren gewesen. Er war damals ein Kind von sechs Jahren gewesen. Seine Eltern hatten ihn in eine Nervenheilanstalt überwiesen, weil sie sich die Mühe seiner Aufzucht nicht machen wollten. Er sprach kein Wort Trans, würde es vermutlich niemals lernen, denn sein Intelligenzquotient lag vierzig Einheiten unter der erforderlichen Norm. Er wollte die Sprache aber auch nicht lernen. Vielleicht hätte er es gewollt, wenn man ihm die Möglichkeit, in Trans singen zu können, gegeben hätte. Denn seine Stimme war ein Wunder. Wenn er sang, dann wurde es still, wo auch immer seine Erzieher ihn vorführten. Sie nahmen ihn in Überschallzügen zwischen den Medcities mit und baten ihn irgendwann, zu singen.

Er verstand immer, was sie von ihm wollten --- doch konnte niemand herausbekommen, ob er Trans verstand, oder wie ein Tier erspürte, was man erwartete.

Er sang ohne Worte. Die Melodie war niemals dieselbe, sie wechselte mit den Menschen, bei denen er sang. Er sang von Regen, von Freiheit, von Wind und Wasser. Sie mußten es fühlen, die Erinnerungen an Zeiten, die keiner von ihnen erlebt hatte. Aber er kannte die Bilder, ließ sie über sich hereinbrechen und gab nur das wieder, was er fühlte.

Dann waren sie gegangen, als die Schiffe kamen. Die Politik vernachlässigte ihre eigenen Archen, denn die Fremden holten immer mehr Menschen fort. Man wollte sich wehren, Kontakt aufnehmen oder einfach irgendeine Reaktion hervorrufen; es ward ihnen kein Erfolg beschieden. Und so gaben sie es auf, denn die Panik und das Chaos ließ sich nicht mehr aufhalten --- bis auf die Tatsache, daß immer öfter und überall die aufgebrachten Männer und Frauen einfach verschwanden. Schließlich waren nur noch wenige zurückgeblieben. Niemand ging mehr verloren. Und er sang noch immer, wenn man ihn hören wollte. Aber die, die zurückblieben, kamen immer seltener, um ihn zu holen und für kurze Zeit in Träumen zu versinken, die sie ihren Alptraum vergessen ließen.

Endlich kam niemand mehr. Der Unterschied interessierte ihn nicht. Er lebte allein in einer langgezogenen Höhle tief im Inneren einer Bergkette, die die Außentemperaturen des Tages abschirmte und ihn ruhig schlafen ließ. Nachts verließ er seine relativ kühle Herberge und ging in den vertrockneten Wald. Die uralten Bäume knackten und stöhnten, als das Holz sich nach der Hitze in der leichten Besserung der Dunkelheit verzog und spannte. Er aß von der Rinde, die bei seiner Berührung abfiel. Die mumifizierten Tierchen darunter schluckte er mit herab, ohne sie je zu bemerken. Und aus der Tiefe seines Berges plätscherte noch immer der Überrest eines Rinnsals von Grundwasser, das er begierig trank. Es erfrischte ihn und stärkte ihn für die kurze Zeit des Wachens, in der er durch den Schutz der Stämme im Wald rannte, nach vereinzelten überlebenden Tieren spähte und sich über deren seltsame Mutationen wunderte. Er wußte nicht, wie die Dinge ausgesehen hatten, als es kalt war, aber er sah, daß in jeder Nacht, in der er überhaupt andere Lebewesen zu Gesicht bekam, diese anders aussahen, als zuvor.

Hätte er ein Zeitgefühl besessen, so hätte er sich gewiß gewundert über manche Zeichen, die andere in Erstaunen versetzt hätten. Der Mond schien sich manchmal von einer Nacht auf die nächste von Voll- auf Neumond zu ändern. Die Tiere änderten sich viel zu schnell, um innerhalb vierundzwanzig Stunden alle Mutationen durchstanden haben zu können. Und die Sonne wuchs zu rasch. Er hätte es verfolgen können, wäre er nur ein einziges Mal draußen geblieben, nachdem der Mond verschwunden war.

Eines Nachts kam sie. Es schien, als sei sie im einen Augenblick nicht dagewesen, dann ein Lidschlag und sie war in seinem Weg, als habe ein Mondstrahl sich einen Weg durch die Baumreste gebohrt und sich ihm vor die Füße in dien ausgedörrten Boden getrieben. Er stutzte nur einen Moment und ließ sich dann nicht beirren, hatte er doch schon die seltsamsten Dinge getroffen auf seinen Streifzügen.

Doch sie folgte ihm und ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Er spürte ihre Nähe in seinem Nacken, es war nicht unangenehm, er fühlte sich nicht einmal verfolgt. Aber er wußte, daß sie da war. Als der Mond verschwand und er in seine Höhle zurückkam, war sie fort.

Der lange, endlos erscheinende Tag kam mit der üblichen Hitze. Die alte Sonne bäumte sich in ihrem Todeszögern auf und versengte die letzten Reste pflanzlichen Lebens auf dem gezeichneten Planeten. Die inneren mußten längst zu Staub zerfallen sein --- wenn dies in der wunderbaren Kälte des Alls möglich war.

Als er aus seiner Höhle trat, war der Mond nicht zu sehen. Vielleicht war er verbrannt, vielleicht war auch nur einmal wieder Neumond. Er ging einige Schritte und wußte, daß sie wieder da war. Beinahe glaubte er, sie begrüßen zu müssen, aber da er keinem Lebewesen irgendeine Verpflichtung gegenüber zu haben wähnte, tat er, was er immer tat, um seinen Körper müde genug für die nächste Ruhephase zu machen. Sie folgte ihm auf Schritt und Tritt. Er vermeinte ihren heißen Atem zu spüren, dabei war sie noch weit entfernt. Auch diese Nacht verging, viel zu schnell und zu warm, um Linderung zu bringen. Er hatte kaum essen können, war noch immer hell wach. Und sie war da.

Auch in der nächsten und der darauffolgenden Nacht war sie um ihn, näherte sich immer weiter. Er sang. Und er wußte, daß sie nicht reagierte, wie die Menschen, denen er einst sang. Aber auch dafür interessierte er sich nicht, denn was hatte es für eine Bedeutung.

Als sie nach vielen, kurzen Nächten und langen, heißen Tagen plötzlich nicht mehr da war, war er beunruhigt. Mehr, als er es gewesen war, als sie so plötzlich dagewesen war. Er lief die ganze Nacht durch die Dunkelheit und sucht ihren kalten Glanz, ihre unaufdringliche Anwesenheit. Er spürte nichts.

Als er in die Höhle zurückkehrte und sie bereits dort fand, wußte er mit nie verspürter Gewißheit, daß auch er nun sein Ziel erreicht hatte und mit einem endlosen Ton aus seiner Kehle versanken die Bergketten, schmelzend und zerfließend in den weiten Einöden der alles umfassenden Wüste. Der Sand schmolz zu Glas, unter den Felsen formten sich Diamanten, vergingen, der Druck breitete sich aus, bis auch der Planet sich aufatmetend aus den Fesseln seiner eigenen Schwere befreite und mit einem farbigen Leuchten in der Sonne aufging. In seiner Sonne, die ihn für Jahrmillionen gewärmt und mit Licht versorgt hatte. In der Sonne, die ihm das Leben geschenkt und aufgebürdet hatte und die ihn schließlich erreichte um ihn sich einzuverleiben.

Als der Stern in sich zusammensank und die Ellipsen wieder der Kälte des Raumes überließ, wandten die Fremden sich ab von ihren Schirmen. Die Jahrhunderte waren vergangen und dort draußen war nun wieder Freiheit für einen neuen Versuch und vielleicht endlich die Antwort auf ihre Frage.

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Marc Albrecht
Mehr seiner Werke gibt es bei
www.Elerion.de

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