Wild West Companion

Klar¸ beim Grundaufbau des Buches machten die Autoren keine Experimente¸ und dennoch versuchte man¸ dem ganzen einen persönlichen Stil zu verleihen. Im ersten Kapitel¸ dass sich mit der im Grundregelwerk vernachlässigten Beschreibung des Wilden Westens und seiner Bewohner an sich befasst¸ führt uns niemand Geringeres als der Nuwisha schlechthin¸ Laughing Manyskins¸ über den amerikanischen Kontinent. Und gehässig wie er nun mal in der Tradition seiner Art ist gibt er immer wieder einige Anekdoten zu seinem Besten¸ zumeist über Streiche¸ die er den Garou gespielt hat. Zwischen den ganzen In-character-Texten haben die Autoren immer wieder "kojotenfreie" Zusatzinformationen eingestreut. Manyskins erzählt neben dem Leben in der Armee¸ als Minenarbeiter oder Bahnarbeiter auch vom Zweiten Krieg des Zorns¸ und zwar ohne die Schönrednerei der Garou¸ und über die verschiedenen Probleme¸ die manche Religionen (zuförderst Judentum und die Mormonen). Mir gefällt es¸ wenn ein Charakter aus dieser Zeit über die Umstände spricht¸ erst recht¸ wenn dieser auch noch für seinen seltsamen Humor bekannt ist. In dem ganzen Mix aus Erzählungen und trockenen Informationen finden Werwolfspieler wie auch Erzähler zahlreiche Informationen und verblüffende Hintergründe. "So haben das die Kojoten also damals gemacht"¸ und ähnliches. Großer Pluspunkt dieses Buches ‐ dieses erste Kapitel.
Auf vierzehn weiteren Seiten geht der nächste Abschnitt¸ "The Storm Umbra"¸ tiefer in die Materie¸ was das Umbra angeht¸ und ergänzt prächtig das¸ was im Grundregelwerk steht. Unter anderem erfährt man mehr über den gefährlichen Sturmfresser und seine Vasallen sowie einige Anregungen¸ was man alles als Erzähler mit seinen Pelz-Cowboys im Umbra anstellen kann.
Kapitel Drei widmet sich der Ausgestaltung des Charakters¸ und zu diesen Abrundungen gehört ein Arsenal an Vorzügen und Schwächen (an dieser Stelle ‐ außer dem Nachteil "Tenderfoot" - nichts Neues)¸ eine Menge an neuen Gaben für alle Bruten¸ Vorzeichen und Stämme (auch für die Black Spirals)¸ die optional einführbaren Stammesschwächen (wobei außer bei den weichherzigen Kindern Gaias und den Roten Klauen sich nichts geändert hat) und Persönlichkeitsarchetypen. Von einem ordentlichen Handbuch wird erwartet¸ dass so etwas drinsteht¸ und wenngleich man einige Dinge wie die Vorzüge und Schwäche nahezu 1:1 aus anderen Publikationen (in diesem Fall dem Werewolf Players Guide) abgeschrieben hat¸ ist es doch mit einer der Gründe¸ warum man sich so ein Buch überhaupt zulegt.
"The Well-Armed Storyteller" ist nicht¸ wie es der Titel vom vierten Kapitel anmuten lässt¸ ein Überlebensratgeber¸ wenn die Spieler wieder mal unzufrieden mit der Leistung des Erzählers sind¸ sondern genau das Gegenteil ‐ hier greift man dem Herrn hinter dem Sichtschirm kräftig unter die Arme¸ um die Spielabende noch besser gestalten zu können. Gut¸ bei den Monstern scheint man sich doch ein wenig am Deadlands-Konkurrenten umgeschaut zu haben¸ aber ich fand es zum Brüllen¸ als man unter den "normalen" Tieren den Ziegensauger¸ besser bekannt als Chupacabra (und in meiner Gruppe¸ nachdem sie ein solches Dreierpärchen nächtelang terrorisiert hat¸ als "Mistviecher¸ die nicht sterben wollen")¸ und den Jackalope (die amerikanische Variante des Wolpertinger) eingeordnet hat ‐ nicht zu vergessen der Texas Pterodactyl. Gut ‐ Werte von solchen und anderen normalen Tiere braucht man immer zur Hand¸ auch wenn man sich diese leicht hätte selber einfallen lassen können. Zu weiteren Erzählerhilfen gehört ein Ratgeber für Massenschlachten nebst Querverweisen auf berühmte Schlachten im Amerika des 19. Jahrhunderts.
"The Wanderers Of Other Trails" macht da weiter¸ wo "Frontier Secrets" mit den Fera aufgehört hat. Hier erfahren wird zum ersten Mal Ausführliches über die Bunyip und alles¸ was dazugehört¸ um sie zu spielen¸ immer das bevorstehende tragische Ende dieses Stammes vor den Augen habend. Drei weitere altbekannte Fera¸ den Ananasi¸ den Gurahl und den Qualmi Bastet¸ werden ebenfalls näher beleuchtet. Und nahezu unvermeidbar werden auch die Cáscara vorgestellt¸ den Missgeburten¸ jenen armen Garou¸ die zu Vampiren wurden¸ und allem was dazugehört ‐ wie man zu einem solchen Verdammten wird und was einem dann (stets mit Regeln begleitet) alles erwartet. Den Schluss dieses Buches aber markieren dann die "Los Infelizos"¸ einer obskuren Gruppe ausgestoßener Garou und Nachfahren von Schattenlord-Conquistadore und Blutsgeschwistern der Uktena¸ welche ihre eigene Weltanschauung und Religion haben¸ eine Verballhornung des christlichen Glaubens¸ indem der Wyrm der Allmächtige und Gaia die jungfräuliche Mutter spielt. Inzucht¸ Selbstkasteiung und zunehmender Wahnsinn ließen diese armen Geschöpfe zu Beginn des 20. Jahrhunderts (der letzte starb 1937) aussterben.
Stimmige und gelungene Illustrationen (mein Favorit ‐ der Metis auf Seite 70) runden dieses hervorragende Buch ab. Klar¸ es wiederholt an manchen Stellen das¸ was man aus anderen Büchern kennt. Aber sein Geld ist es definitiv wert und auf jeden Fall eine Bereicherung für jede Wild-West-Runde. Klar¸ es ist ärgerlich¸ dass man da nicht noch "Frontier Secrets" hätte mitreinpacken können¸ davon hätte jede Gruppe mehr gehabt¸ wenn man beides zu einem Buch zusammengefasst hätte. So aber bleibt ein dünnes¸ schwaches Buch und ein dickes¸ starkes Buch¸ welches nach dem Grundregelwerk sicherlich das wichtigste in dieser Reihe ist. Kein Musskauf¸ aber ein "Besser-ist-es-auf-jeden-Fall"-Kauf.
Eine Rezension von: Rosztavili (Schreck-Net)