Trolle¸ Träumer¸ tiefe Wälder

Für rund vierzig Mark (oder etwas mehr als 20 Euro) erhält man ein 87 Seiten starkes und vor allem durch die Zeichnungen von Marko Djurdjevic sehenswertes Handbuch zu den Feen von Deutschland. Ohne große Umschweife wirft der Autor Götz Heinrich einen kurzen Blick auf die Geschichte unserer schönen Heimat¸ um dann gleich auf die Wechselbälger selbst zu sprechen zu kommen. Und man merkt¸ dass ein anderer Wind weht als beispielsweise in Concordia¸ denn die Sidhe sind hier längst nicht so mächtig wie in Übersee. Auf alle Kithain wird eingegangen und ebenso werden auch einige neue¸ typisch deutsche Gallain vorgestellt¸ wie die Wolpertinger und die Wichtel. So ungefähr könnte man das erste Kapitel zusammenfassen.
'Es war einmal...'¸ das zweite Kapitel¸ geht auf nennenswerte Feen in der deutschen Sagenwelt ein - so wie die Lorelei¸ dem Tannhäuser¸ und Rübezahl - welcher selbstverständlich ein Troll-Grummeling ist. Dieses Kapitel ist für mich das Prunkstück des Buches¸ denn Heinrich hat es verstanden¸ deutschen Sagen und Legenden den Hauch von Wechselbalg zu geben¸ und selbst Neueinsteiger werden sich aufgrund der allgemeinen Bekanntheit dieser Sagen schnell zurechtfinden.
'Die andere Seite'¸ das dritte Kapitel¸ beleuchtet kurz andere Übernatürliche sowie Antagonisten. Vampire und Werwölfe werden nur kurz angerissen¸ ansonsten verweist man auf 'Geheimnisse des Erzählers'. Neu hingegen sind der den Feen feindlich gesonnene 'Deutsche Orden der Reinigenden Flamme des Heiligen Georg'¸ welcher von Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern wider den Kithain zieht¸ und das 'Referat Weishaupt'¸ welches von der Existenz der Feen zeugt und somit den BND auf selbige aufmerksam macht. Glück für Heinzelmännchen und Konsorten¸ dass der deutsche Geheimdienst längst nicht über die Mittel wie die Kollegen beim FBI und CIA verfügen. Das Wiesbadener Institut für klinische Psychologie schließlich sieht in der Existenz der Wechselbälger lediglich eine Geisteskrankheit¸ der manischen Realitätsflucht (unter dem wohl auch manche Rollenspieler leiden). Man merkt¸ der Autor legt Wert auf glaubwürdigere Gegner¸ als eine x-te übernatürliche Macht von außerhalb mit irgendwelchen konfusen Zielen.
Im vierten Kapitel widmet man sich nun der 'Hohen Politik'. Es werden die Baronien zu Mannheim und Mainz nebst deren nennenswertestenn Mitgliedern sowie der Volksrat von Aachen und die Finstere Rose zu Leipzig¸ einem Hof der Finsteren Feen¸ vorgestellt. Meine Lieblings-NSCs sind die beiden Mannheimer Alex¸ einem Wolfspooka-Hofnarren (und Pooka muss man einfach gernhaben)¸ und Fred¸ einer Rotkappe und Anführer einer Straßengang. Übercharaktere mit Werten¸ die bei manchen Spielern Frust auslösen¸ sucht man hier vergebens. Weniger ist wirklich mehr¸ wie man hier sieht.
Dreizehn Seiten nimmt das Abenteuer¸ 'Schatten des Verfalls' in Anspruch. Auch hier versucht der Autor nicht¸ den amerikanischen Vorbildern nachzueifern¸ sondern verleiht dem Ganzen etwas Vertrautes aus unserer Heimat.
Den Abschluß des Buches machen zwei Appendizes¸ welche sich zum einen mit Konkordianern in Deutschland (und nebenbei auf die Unterschiede zwischen amerikanischen und deutschen Charakteren¸ was die Werte betrifft¸ eingeht) und zum anderen mit den Kithain von Thüringen befassen¸ für welche die Begriffe 'licht' und 'finster' - wie in den vorhergegangenen Kapiteln erklärt - nicht existieren.
Warum nur so kurz? Das Buch ist doch klasse! So etwas wie 'Trolle¸ Träume¸ tiefe Wälder' lese ich immer gern. Ich verneige mich vor Götz Heinrich und dem F&S-Team¸ denn das¸ was sie hier abgeliefert haben¸ ist definitiv besser als ähnliche Publikationen wie 'Isle Of The Mighty' oder 'Kingdom Of Willows'. Bravo! Lediglich der hohe Preis verbunden mit der Kurzweiligkeit des Buches (es ist - obwohl fesselnd - schnell durchgelesen) stellt ein Manko dar - aber das Buch ist in jedem Fall sein Geld wert. Kaufen!
Eine Rezension von: Rosztavili (Schreck-Net)