Giovanni Chroniken 1: Das letzte Mahl

Ich selber fungierte für meine Gruppe als Erzähler¸ und ich musste zu der Erkenntnis kommen¸ dass "Das Letzte Mahl" keinen Appetit auf die nächsten drei Teile machte¸ sondern sich als einziger Fehlstart in eine interessante Chronik entpuppte.
Nach außen macht das Buch einen sehr guten Eindruck - ein schwarzer Einband mit roten Lettern. Was die Illustrationen im Inneren angeht¸ hielt sich die berühmte Künstlerriege von White Wolf deutlich zurück. Einzig die Porträts wichtiger Nichtspielercharaktere ragen heraus - und selbst da musste ich schmunzeln¸ fungierten doch für die Herren Casimir und Wenceslas zwei damalige Päpste als Vorlage (welche 1:1 abgemalt wurden).
Verglichen mit dem amerikanischen Original ist das deutsche in einigen Belangen besser - so zum Beispiel vermied man jenen ärgerlichen Druckfehler¸ der die Werte und Angaben zweier NSCs schluckte. Auch das Black Dog Logo ist nirgendwo zu finden¸ obwohl in den USA die Giovanni Chronicles unter dieser Reihe zu finden sind - wenn auch zu Unrecht¸ denn die Spielweise des "intensiven Rollenspiels" ist eine in Europa gängige Methode und längst nicht so moralisch bedenklich wie es die Amerikaner sehen. Dementsprechend fielen auch die erhobenen Zeigefinger in der deutschen Übersetzung weg - ein Trost¸ denn im Nachhinein muss sich dieses Buch schämen¸ zur berüchtigten Black Dog Reihe zu gehören¸ in denen Titel mit weitaus erwachsenerem Inhalt stehen.
Soviel zu dem¸ was die Spieler wissen müssen - ab hier richte ich meine Bewertung nur noch an die Erzähler unter den Lesern. Wer sich den (in diesem Falle ungewollten) Spaß verderben will¸ darf weiterlesen.
In der Einleitung wird das Thema dieses Bandes aufgerollt. Es dreht sich darum¸ dass sich eine Verschwörung mächtiger Kainiten unter der Führung von Claudius Giovanni ¸ die es sich (augenscheinlich) in den Kopf gesetzt hat¸ den Stellvertreter des Vorsintflutlichen der Kappadozianer¸ Japheth¸ zu diskreditieren und an seine Stelle das andere Kind des Kappadozius¸ Augustus Giovanni¸ einzusetzen. Um seine Mitverschwörer (die alle - welch Kunstgriff - der sechsten Generation angehören und zudem alle einem anderen Clan zugehörig sind) bei Laune zu halten¸ veranstaltet er in seiner Casa Giovanni im Lande Stavlach (in Transylvanien...) ein Fest. Jedem seiner Mitverschwörer wird ein besonderes Opfer präsentiert¸ welches ihnen höchsten Genuß bringen soll.
Und an dieser Stelle kommen die Spielercharaktere ins Geschehen¸ denn sie gehören zu jenen Sterblichen¸ die ein getreuer Ghul des Claudius in ganz Europa sucht und zu jenem Fest am vierten April 1444 einlädt. Ein jeder Spieler wurde angehalten¸ sich einen Clan herauszusuchen¸ dem sein Charakter später beitritt.
In der Einleitung selber finden sich mehrere obskure Ideen und Wendungen¸ und die klare Linie¸ welche man aus den Transylvanischen Chroniken kennt¸ vermisst man ebenfalls. Die Zeittafel ist im Vergleich mit jenen aus den TC nur noch als lächerlich zu bezeichnen. Immerhin wird in der Einleitung halbwegs vernünftig¸ was der wahre Plan der Giovanni ist¸ welche Rolle die Verschwörer und welche ihre Häscher¸ die Gründer (der späteren Camarilla¸ unter anderem Hardestadt und de Corazon) und die Ravnos Durga Syn spielen. Der eigentliche rote Faden der ganzen Chronik¸ nämlich Kappadozius Streben¸ Gott zu diablerieren und ihn zu ersetzen¸ wird ebenfalls präsentiert (welches aber in den Folgebänden deutlich besser beschrieben wird).
Im Laufe des Buches werden zudem Tipps und Tricks vorgestellt¸ das Ganze auf Liverollenspiel umzutrimmen¸ denn dafür eignet sich diese Geschichte doch ziemlich gut.
Der erste Akt¸ "Das Große Fressen"¸ lässt es schon erahnen¸ was auf die noch sterblichen Charaktere zukommt. Veteranen werden schmunzeln¸ da diese Kampagne wie in anderen klassischen Rollenspielsystemen in einem obligatorischen Wirtshaus anfängt. Schon hier wird den Charakteren eine Menge guter Wille abverlangt.
Einmal im Anwesen Claudius´ angekommen¸ beginnen schon die Feierlichkeiten. Dabei wird jeder Spielercharakter - falls er nicht schon ob der zahlreichen bösen Omen sein Heil in der Flucht gesucht hat - seinem möglichen späteren (wie auch unfreiwilligen) Erzeuger vorgeführt¸ welcher jeweils versucht¸ eine Beziehung zu seinem unwissenden Opfer aufzubauen¸ damit es dann beim Mahl ihm noch besser mundet. Jeder der zwölf Verschwörer hat seine eigene Variante¸ und die Autoren sind sich nicht zu schade¸ möglichst viele Klischees auszuspielen. So wird der Brujah Marchettus der Kühne wie ein ungehobelter Barbar dargestellt¸ der Tzimisce Mieczyslaw hegt größtes Interesse in der Folter und der Assamit Bajazet schließlich ist sich nicht zu schade¸ sich auf ein makabres Partyspiel einzulassen.
Auf dem besagten Bankett werden dann Nägel mit Köpfen gemacht - nach dem standesgemäßen (und beinahe schon wieder lachkrampferzeugenden) Oberschurkenmonolog Claudius` werden die Charaktere wie alle anderen Opfer auch ausgetrunken. Und genau - welch Zufall - erscheinen die Gründer¸ die sich schon lange an die Fersen der Verschwörer geheftet haben. Damals noch begaben sich Hardestadt und Konsorten noch persönlich in solche Gefahrensituationen. Die Verschwörer haben die glorreiche Idee¸ hastig ihren Opfern den Kuss zu schenken und dergestalt zu beherrschen¸ dass sie solange gegen ihre Häscher kämpfen¸ bis Claudius und seine Kumpane eiligst flüchten können - wie auch immer das aussieht¸ denn da wird der Erzähler wie so oft in diesem Band mit seiner Kreativität alleine gelassen. In diesem Kapitel finden sich natürlich die Werte sämtlicher Verschwörer. Eine genauere Beschreibung ihres Charakters und ihres Aussehens hätte dem Erzähler deutlich mehr geholfen als ein paar Zahlenkolonnen¸ denn den meisten wird nur ein knapper Satz über ihr Aussehen zuteil ("Eine stämmige Frau in dunkelrotem Haar und einem schwarzen Kleid").
Jedenfalls überleben nur die frisch zu Kainiten gemachten Spielercharaktere (bis auf das Kind Claudius¸ Marianna) dieses Massaker und werden von Hardestadt auf sein Schloss Deverick zum Verhör gebracht¸ was auch den zweiten Akt¸ "In den Hallen der Toten"¸ eröffnet. Der Spielerei und dem Charisma der Durga Syn ist es zu verdanken¸ dass die Charaktere vor dem Endgültigen Tod verschont blieben. Neben verschiedenen Verhörvarianten und Werteangaben zu den Gründern und der Ravnos findet sich auch eine Bastelanleitung¸ wie man ein Blutei zwecks Darstellung am Spieltisch bastelt - eine nette Idee¸ wie ich finde¸ dass man in einem Band¸ der vor allem Tipps und Tricks zu "intensiven" Rollenspiel bieten möchte¸ mehr Augenmerk auf Bastelkünste legt als auf die genaue Beschreibung der NSCs...
Der langen Rede kurzer Sinn¸ ab diesem Kapitel beginnt der wirklich peinliche Teil - konnte man dem Festmahl noch einige gute Szenen abgewinnen¸ beginnt für die Spielercharaktere ab hier eine Art Schnitzeljagd¸ der sie unter anderem zu jenem Kloster¸ indem Kappadozius¸ Japheth und Augustus hausen¸ und zu den Verschwörern zurück führt. Wie es einer meiner Spieler schon sagte: "Die bringen doch nicht wirklich einen Räuberangriff¸ oder?" Leider doch.... Etliche der wichtigsten und mächtigsten Vampire Europas sind in jenem winzigen Landstrich untergebracht¸ ohne großartig voneinander zu wissen¸ und dieses Kapitel birgt mehrere deftige Schnitzer. So werden die Charaktere auf dem Weg zu Kappadozius von einem fanatischen Priester angegriffen¸ nebst sechs Tempelrittern. Sieht man davon ab¸ dass es jene Tempelritter historisch gesehen schon sehr lange nicht mehr gab¸ ist der Angriff eine gute Möglichkeit¸ die gesamte Gruppe auszulöschen¸ denn diese Ritter sind bei der Bewaffnung und Wahren Glauben den Neugeborenen eigentlich haushoch überlegen. "Die Templer sind Fanatiker und werden bis zum Tod kämpfen"¸ ist ein Satz¸ der wie vieles andere auch in diesem Band mehr an Fantasyrollenspiele als an Vampire erinnert.
Mit Kappadozius (der mit Rauschebart dargestellt wird...) selbst dürfen die Charaktere ebenfalls versuchen¸ eine Konversation zu führen. Wer den Auftritt Tremeres in den Transylvanischen Chroniken kennt¸ wird hierüber nur in schallendes Gelächter verfallen.
Der dritte Akt¸ "Die Wahl"¸ stellt die Charaktere vor selbige - ihnen liegt es frei¸ sich nun einer der möglichen Gruppierungen anzuschließen. Auch hier ist wieder eine Schnitzeljagd angesagt¸ es gilt¸ Hinweise und Informationen zu sammeln und die Parteien zum eigenen Vorteil auszuspielen. Unter anderem fällt hier das Stichwort Mahlstrom. Die Autoren haben mehrere mögliche Lösungswege vorgestellt¸ aber der beste ist auch gleichzeitig jener¸ der an AD&D erinnert - so vermittelt die Gründerin Camilla Banes eher beiläufig die Möglichkeit¸ sich vor dem Mahlstrom zu schützen. Meine Spieler dachten¸ die Begriffe "Gewand der Reinheit" und "Stiefel aus Mut" seien nur bildlich¸ aber sollte man später Japheth darauf ansprechen¸ wird er - o welch Wunder - eben solche schützenden Mäntel und Stiefel an die Charaktere aushändigen. Dass die Spieler sich natürlich mit Lachkrämpfen am Boden gewunden haben¸ war klar...
Haben sich die Charaktere für eine Partei entschieden¸ schreiten die Giovanni
zehn Nächte nach dem Festmahl zur Tat - Claudius diableriert Japheth und
Augustus tut es mit Kappadozius gleich. Die Spieler haben nur eine Möglichkeit¸
einzugreifen - ihre Aufgabe wird es sein¸ zu verhindern¸ dass Augustus den Geist
seines Erzeugers in ein Gefäß bannen kann - und sollte dies nicht klappen¸ wird
es an ihrer Stelle Marianna tun.
Das ist der ganze Plot - fresst oder stirbt. Selbstverständlich dürfen die Werte
von Japheth und Augustus nicht fehlen - auf die anderthalb Seiten hätte aber
jeder Erzähler gut und gerne verzichten können.
Das Buch wird schließlich durch den Appendix "Zum Beginn" abgeschlossen¸ in dem noch einmal ausführlicher auf die Charaktererschaffung und auf das Spielen mittelalterlicher Charaktere eingegangen wird. Ein Einladungsvordruck zum Fest schließt das Buch ab.
Ich kann als Fazit nur oft genug betonen¸ dass "Das Letzte Mahl" für nichts
anderes als ein schlechter Witz ist¸ der nur in einer Funktion glänzt¸ nämlich
als Abschreckung¸ was schade ist¸ denn die drei anderen Teile sind deutlich
besser und durchdachter als dieses Machwerk. Dem Erzähler werden nur wenige
wirkliche Hilfen gegeben¸ dafür aber jede Menge belangloses Wissen und einige
üble Schnitzer¸ die man sicher hätte vermeiden können. Spricht man zum Beispiel
die Tremere Madame Fanchon an¸ warum die Giovanni aufgehalten werden müssen¸
sagt sie¸ dass sich so ein Verbrechen "wie gegen Saulot" nicht wiederholen
darf...
Die eigentlich wichtigen Charaktere¸ wie etwa die Gründer oder die Verschwörer¸
werden nur kurz und knapp beschrieben¸ und wenn¸ dann dermaßen stereotyp¸ dass
sie schon zum Umgestalten einladen. Unwichtigen Charaktere¸ zum Beispiel der
Wirt¸ wird teilweise mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Den Nichtspielercharakteren
werden Sätze in den Mund gelegt¸ die wie aus B-Movies oder eben AD&D geklaut
klingen¸ und entsprechend verhalten sie sich auch. Ebenso wird ungewollt
vermittelt¸ dass die Charaktere die einzig "Guten" sind und der Rest entweder
"Böse" bis "Bitterböse" ist.
Eigentlich ist es nicht der Sinn einer Chronik¸ dermaßen viele Fehler
aufzuweisen¸ die dann ein pflichtbewusster Spielleiter ausbügeln muss. Immerhin
wird für Unterhaltung der besonderen Art gesorgt¸ und eine humorvolle Gruppe
wird hier bestens bedient sein.
Umso beruhigender ist für mich die Tatsache¸ dass man den ersten Teil nicht
wirklich für die weitere Chronik braucht. Es gibt genug andere Bücher für
Vampire¸ die man sich eher zulegen sollte - dieses aber kann ich nur
eingefleischten Fans empfehlen.
Eine Rezension von: Rosztavili (Schreck-Net)