Transhuman Space

Das war vor etwa 15 Jahren. In der Welt von Transhuman Space haben wir das Jahr 2100 erreicht und das Internet ist so selbstverständlich und allgegenwärtig geworden¸ dass es kaum noch erwähnenswert ist. Online ist man permanent und überall¸ und die Welt ist so unmagisch wie im Jahre 2003 auch.
Zwei Entwicklungen sind es¸ die diesen Zukunftsentwurf bestimmen¸ und eine davon ist eine echte Überraschung¸ eine alter Bekannte sozusagen¸ mit dem man kaum noch gerechnet hatte¸ die Raumfahrt nämlich¸ wenn auch nur innerhalb der Grenzen unseres Sonnensystems. Die zweite ist die Gentechnik¸ die die Anpassung der menschlichen Raumfahrer und Siedler an die extremen Bedingungen des Weltalls und unserer Nachbarplaneten ermöglicht¸ und auf der Erde weitgehend ohne unsere heutigen Skrupel zur 'Optimierung' der menschlichen Fähigkeiten eingesetzt wird. Ein Gencheck vor der Geburt ist in den privilegierten Ländern Europas und Nordamerikas obligatorisch und wird zu Vorraussetzung für den Zugang zu Macht und Geld¸ in manchen Gegenden der Welt sind aber auch weitergehende Eingriffe zu haben¸ die über das Anpassen von Arbeitern an ihre Aufgaben noch hinausgehen¸ so dass sprechende Haustiere oder Mensch- Tier Chimären zumindest keine Unmöglichkeit sind.
Unterstützt werden beide Entwicklungen durch Fortschritte in der Mechanisierung und Roboterisierung. Nanotechnologie¸ Fusionsreaktoren und aufwendiger und teurer¸ aber immerhin praktisch einsetzbarer interstellarer Raumflug mit dem Ziel der Kolonialisierung der Planeten des Sonnensystems finden sich in dieser Zukunft.
Aus dem Zusammenwirken von Roboter- und Gentechnik entstehen allerlei Mischformen aus Mensch und Maschine bis hin zu echten künstlichen Intelligenzen oder menschlichen Hirnen in Roboterkörpern¸ wenn auch solche erschreckend-faszinierenden Wunderwerke die Ausnahme bleiben.
Politisch wurde die Vormachtstellung der USA durch eine erstarkte Europäische Union und die neue Weltmacht China zurückgedrängt¸ dazu ist noch eine transatlantische Allianz aus südamerikanischen und südostasiatischen Staaten von Bedeutung. Die gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen zeichnet Transhuman Space weder übertrieben optimistisch noch pessimistisch: Einem Teil der Weltbevölkerung kommt der technologische Fortschritt zugute¸ ein anderer geht leer aus¸ Gentechnik hilft¸ Krankheiten zu besiegen und schafft dafür neue¸ alte politische Konflikte werden beigelegt¸ neue entstehen und so weiter.
Die ausführliche Beschreibung dieser Zukunft mit ihrer technologischen¸ politischen und geostrategischen Lage nimmt einen großen Teil des Bandes ein und liest sich über weite Strecken fesselnd und überaus unterhaltsam. Jederzeit hat man das Gefühl¸ dass sich der Autor die Frage gestellt hat¸ wie sich die Welt der Gegenwart mit etwas Phantasie zwar aber doch im Rahmen des heute denkbaren in die Zukunft fortschreiben lassen könnte. Transhuman Space beschreibt eine Welt¸ die gradezu erschreckend möglich¸ ja sogar wahrscheinlich wirkt. Dazu trägt vor allem die sorgfältige Beachtung 'harter' wissenschaftlicher Fakten bei¸ die stets in die erdachten technischen Lösungen mit einfließen¸ etwa bei der Konstruktion der Siedlungen auf den Planeten des Sonnensystems oder den interstellaren Flügen. Auch die geschichtliche und politische Fortschreibung überzeugt: Weder bekommt man naive Weltregierungsutopien vorgesetzt¸ noch will uns David Pulver mit der Apokalypse schocken. Entwicklungen¸ die heute schon sichtbar sind¸ werden konsequent fortgedacht und mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend denkt man an mehr als einer Stelle: so könnte es tatsächlich kommen.
Transhuman Space bietet mit seiner Mischung von Gentechnik - Horror und Wettlauf - ins - All inklusive etwas künstlicher Intelligenz im realistischen Rahmen also ein ganz eigenes Flair¸ das ich so bisher noch nirgends gelesen habe.
Von der Hintergrundbeschreibung abgesehen¸ findet man noch neue Vor- und Nachteile für die Charaktererschaffung nach GURPS - Regeln¸ sowie eine Auswahl neuer Berufe. Auch wenn dieser Abschnitt kurz gehalten ist¸ findet man hier doch eigentlich alles wissenswerte zur Erschaffung von GURPS- Charakteren in der Welt von Transhuman Space¸ sofern diese vom Grundregelwerk abweicht. Gefolgt wird dieser Teil von einem etwas längeren Abschnitt über technische Ausrüstung und Implantate¸ die den Charakteren zur Verfügung stehen¸ also Waffen¸ Cyberequipment¸ Transplantate usw.
Im hinteren Teil des Bandes finden sich noch Regeln zur Handhabung von Raumschifen¸ sowie zur Bewegung und zum Kampf in der Schwerelosigkeit oder bei künstlicher Schwerkraft.
Bis hierhin habe ich an Transhuman Space absolut nichts auszusetzen¸ die Weltbeschreibung ist faszinierend¸ die Regelergänzungen übersichtlich und sinnvoll und auch die Aufmachung weiß voll zu überzeugen. Das etwas glänzend beschichtete Papier mit dem durchgehenden Rahmen in 'unendliche Weiten' - Optik werden zwar nicht jedermanns Geschmack sein¸ aber jedenfalls wirkt das Buch dadurch sehr edel¸ und die durchgehend farbigen Illustrationen von Christopher Shy in einem sehr eigenen¸ airbrushartigen Stil sind weit überdurchschnittlich und fangen die düstere und zugleich erhabene Atmosphäre der Weltbeschreibung sehr gut ein.
Einen Schwachpunkt sehe ich allerdings: Auf Abenteuervorschläge oder gar Szenarioskizzen wurde weitgehend verzichtet. Lediglich ein paar dünne Seiten warten mit Vorschlägen auf¸ auf die man auch selbst gekommen wäre¸ nach überzeugendem Material sucht man vergeblich.
Sicher werden allen nur halbwegs erfahrenen SpielleiterInnen bei der Lektüre der Hintergrundbeschreibung eh genug Ideen kommen¸ ist der Text hier doch mit Adventure - Hooks noch und nöcher gespickt. Trotzdem¸ ein bisschen mehr Arbeitserleichterung für die Spielleitung hätten Transhuman Space für mich perfekt gemacht. Stattdessen hat man sich bei Steve - Jackson Games dafür entschieden¸ die gesamten GURPS - Light Regeln ans Ende des Buches zu drucken¸ immerhin 40 Seiten¸ die es ohnehin umsonst im Netz zum download gibt.
So ist Transhuman Space wohl nicht das Buch¸ das man sich hinter den Spielleiterschirm legt¸ sondern mehr ein Band zum schmökern¸ eine Ideenfundgrube¸ die ihren Platz eher im Bücherregal und auf dem Schreibtisch als am Spieltisch hat.
Von diesem kleinen Schönheitsfehler sollte sich aber niemand vom Kauf von Transhuman Space abhalten lassen. Das Material ist spitze¸ die Aufmachung ebenfalls. Auch wer GURPS bis jetzt noch nicht für sich entdecken konnte¸ wird für jede Art von SF-Rollenspiel viele¸ viele gute Ideen geliefert bekommen¸ und nur wenig nutzloses Material mitbezahlen¸ da die Hintergrundbeschreibung sowieso den größten Teil des Buches einnimmt.
Gute bis sehr gute Englischkenntnisse muss man allerdings mitbringen¸ um den doch sehr dichten und komplexen Text verstehen zu können¸ und sich von den vielen wissenschaftlichen Fachbegriffen nicht aus der Bahn werfen zu lassen.
Dann steht der freudigen Lektüre nichts mehr im Weg¸ und ich kann guten Gewissens allen SF - begeisterten RollenspielerInnen diese Spielhilfe ans Herz legen.
Eine Rezension von: Jasper