Verwaiste Thron 1: Sturm
Es war ein guter Tag¸ damals im Jahre 1997¸ als mir ein Freund ein Gerücht aus dem Internet weitererzählte: Das Computerspiel DOOM¸ jener Maßstäbe setzende 3D-Shooter aus meiner Jugendzeit (in der ich damals noch voll verhaftet war ‐ nicht im Bezug auf Strafvollzug gemeint! *gg*)¸ sollte verfilmt werden. Ich wartete voller Spannung auf den Film ‐ und wartete mit Spannung sehr lang. Im Jahre 2005 kam der Streifen ins Kino. Und obwohl von der Kritik zerrissen¸ saß ich ‐ nun schon lange volljährig und mit Tränen in den Augen ob der Vergangenheit - im Kino und amüsierte mich königlich. Der Film ist objektiv gesehen nicht gerade Oscar-verdächtig¸ aber allein der emotionale Wert¸ den er für mich hat¸ macht ihn zu etwas Besonderem.
Szenenwechsel: Wir befinden uns bezeichnenderweise in jenem Jahr des Doom-Film-Release 2005. Für die Jugendbeilage einer lokalen Tageszeitung führe ich ein telefonisches Interview mit Autorin Claudia Kern. Das Titelthema der geplanten Ausgabe heißt "Lesen"¸ und da ich Claudia¸ als Maddrax-Fan der ersten Stunde (bei Maddrax handelt es sich um eine postapokalyptische Heftromanserie aus dem Bastei-Verlag¸ an der Claudia eine Zeitlang mitschrieb)¸ schon von diversen Fantreffen her kannte¸ konnte ich den Kontakt herstellen und sie zu ihren damals aktuell erscheinenden Computerspiel-Roman-Übersetzungen (Warcraft & Halo) befragen. Auf mein Forschen hin¸ was als Nächstes von ihr zu erwarten sei¸ antwortete sie¸ dass sie an einer dreibändigen Fantasy-Roman-Serie schreibe¸ deren erster Band im Herbst 2006 bei Blanvalet erscheinen werde. Das Objekt der Begierde (nein¸ nicht Claudia! *gg*) wanderte auf meiner - durch den Doom-Film wieder leerer gewordene - Vorfreude-Liste auf Platz eins ‐ und blieb dort erst einmal. Und blieb. Und blieb. Bis¸ ja¸ bis zu jenem Tag¸ als es fast drei ganze Jahre später¸ im August 2008¸ per Post zu mir nach Hause kam. Die Geschichte wiederholte sich: Die erneute lange Vorfreude (diesmal nicht ganz so lang) führte zu einem Höchstgenuss (diesmal noch genüsslicher).
Die vorangegangenen Absätze müssen einfach vor der eigentlichen Rezension des Romans stehen¸ um verstehen zu können¸ wie sehr ich mich auf dieses Buch gefreut habe. Ich habe Claudia Kerns Arbeiten immer sehr gemocht ‐ für mich hat sie zwei der bis dato besten Maddrax-Romane geschrieben¸ was bei derzeit insgesamt über 220 Heften schon wirklich etwas heißen will. Dass ich nun einen langen Roman von ihr (nachdem ich den von ihr zusammen mit dem verstorbenen Autor Werner K. Giesa verfassten Roman "Hagar Quim" direkt davor gelesen habe ‐ und ebenfalls angetan davon war¸ wenn der Roman auch gen Ende seine Längen hatte ‐ aber das ist ein anderes Thema …) lesen durfte¸ der über Jahre hinweg gereift ist¸ ist und war mir ein besonderes Vergnügen. Nun¸ laden wir die ganze Geschichte nicht noch weiter emotional auf¸ widmen wir uns endlich dem Buch.
Ich habe es verschlungen. Ich habe zwar zwischendurch gegessen und geschlafen¸ aber ich habe es mit schöner Regelmäßigkeit und schnell gelesen ‐ zu schnell¸ wie sich im Nachhinein herausstellen wird. Denn ich habe wesentliche Dinge überlesen und war mir bei einigen Sachen nicht im Klaren. An dieser Stelle muss ich also meinen tiefsten Dank an meine Freundin aussprechen¸ die "Sturm" ebenfalls gelesen hat und diskutierfreudig über einige Aspekte mit mir sprach¸ die mir entfallen waren.
Zum Inhalt:
Die Nachtschatten¸ äußerlich manchmal wie Menschen aussehend¸ manchmal behaarte Bestien mit nur noch menschlichen Zügen¸ überfallen das Fürstentum Somerstorm ‐ just am Tage¸ an dem die Tochter des Fürsten¸ Ana¸ ihren siebzehnten Geburtstag feiert. Die Bewohner von Somerstorm¸ traditionsreich aber mit eher depressivem Wesen¸ sind im restlichen Land nicht gerade angesehen. Kein Wunder: Wer sonst keine bunten Farben trägt als bei einer Beerdigung¸ der wird nicht gerade in einem karibischen Flair heimisch sein und wie der Sonnenschein persönlich durchs Leben laufen. Tatsächlich ist Somerstorm wegen seiner kargen Landschaft keine Schönheit¸ und auch ihr Herrscher¸ der Fürst¸ hat diese Ländereien nur aufgrund monetärer Vorteile überlassen bekommen. Unverhohlener Hass gegenüber dem Fürsten und seiner Familie wird bei der Feier deutlich ‐ und da passiert auch schon das Unglück. Aus dem Norden¸ in dem sie einst von den "Vergangenen" vertrieben wurden¸ fallen die Nachtschatten über das Fürstentum her. Ana kann mit ihrem Leibwächter Jonan fliehen¸ während der Rest ihrer Familie kaltblütig gemeuchelt wird ‐ bis auf ihren jüngeren Bruder Gerit¸ der als Dreizehnjähriger nun unter den Besatzern zurechtkommen muss: Erst im Verborgenen¸ dann als Sklave.
Anas Verlobter Rickard aus Westfall macht sich unterdessen auf Befehl seines Vaters¸ der ebenfalls die Bedrohung für seine eigenen Ländereien abwenden will¸ mit einer Armee auf nach Somerstorm¸ um den Nachtschatten Einhalt zu gebieten. Nach Ana suchen darf er nicht ‐ das wird seinem verkrüppelten Studienfreund Craymorus überlassen¸ der als Junge von den Nachtschatten angefallen wurde und seitdem eher den Schriften als den weltlichen Dingen zugewandt war. Diese (grob zusammengefasst) drei Handlungsstränge ziehen sich durch den ersten Band der "Verwaisten Thron"-Trilogie. Während Ana quer durch das Land flieht¸ immer der Gefahr ausgesetzt¸ erkannt und entdeckt zu werden¸ arrangiert sich Gerit zusehends mit der Situation. Und Craymorus deckt nach und nach Verbindungen des Hofes Westfall mit den Nachtschatten auf¸ von denen nur wenige wussten.
Claudia Kerns bodenständiger Stil schafft es¸ den Leser sofort in die Geschichte zu ziehen. Der Prolog verwirrt zunächst¸ erst nach knapp einem Drittel des Romans kommt man dahinter¸ was dieses erste kurze Kapitel zu bedeuten hat (dann¸ wenn Craymorus erneut in die Geschichte einsteigt). Zusammen mit der Karte auf den Buchinnenseiten¸ gelingt es der Autorin ein klares und stimmiges Bild des Landes zu zeichnen¸ in dem sich ihre Protagonisten bewegen. Die als Einleitung zu jedem Kapitel angegebenen Zitate aus einem fiktiven Reiseband tun ihr Übriges dazu¸ das man als Leser einen Eindruck davon bekommt¸ welches Fürstentum welche Leute beherbergt und was ihre Eigenheiten sind. Wenn Ana durch eben jenes Land kommt¸ weiß man¸ was sie dort vorfindet ‐ ihren weiteren Weg kennt man dann noch nicht.
Ganz besonders hat mir die Charakterwerdung des jungen Gerit gefallen. Vom ängstlichen verwöhnten Fürstenkind wird er zum Opportunisten¸ der sich den Gegebenheiten perfekt anpasst ‐ scheinbar. Denn er adaptiert die Moralvorstellungen des Nachtschattengenerals¸ um diesem zu gefallen ‐ und letztendlich¸ um zu überleben. Die Führer der Nachtschatten hält nichts von Schwächlingen¸ die die Nähe zu Ihresgleichen suchen. Er bevorzugt Kämpfer¸ die in jeder Situation nur an sich und ihren Vorteil denken. Selbst wenn dieser egoistische Vorteil den Nachtschatten zum Nachteil gereicht¸ wird Gerit applaudiert - und so ein unschuldiges Kind¸ beinahe wie Anakin Skywalker¸ von der "dunklen Seite" vereinnahmt. Sich dieses moralischen Zwiespalts bewusst¸ unterlässt er es am Ende eine Entscheidung zu fällen ‐ Folgenschwerer könnte ein Zögern nicht sein.
Und dann ist da noch Craymorus. Der gezeichnete Mann¸ dessen Fürstensohn-Freund auf seinen Vater hören muss und in den Krieg zieht ‐ seine Verlobte aber nicht suchen darf. Dies übernimmt der junge Gelehrte daheim am Hofe Westfalls und stolpert dabei über Geschehnisse aus der Vergangenheit¸ die ein uneheliches Mensch-Nachtschatten-Mädchen zutage fördern¸ über dessen Verbleib gleichsam nichts bekannt ist. Auch sein Wesen wandelt sich¸ von der Leseratte wird er zum mutig-fürsorglichen Mann¸ der für ein bisschen Liebe weit zu gehen (und tief zu fallen *gg*) bereit ist.
Es ist schwer¸ Kritik an "Sturm" zu üben. Ich muss mich selber kritisieren¸ nicht gründlich und langsam genug gelesen zu haben ‐ ein paar wesentliche Teile habe ich schlicht und ergreifend überlesen¸ weil der unglaublich angenehme Schreibstil mich zu sehr verwöhnt hat. Es ist ein bisschen so als würden die Kameraeinstellungen eines Films von der eigentlichen Handlung ablenken. Aber zum Glück gibt es da jemanden an meiner Seite¸ der mich auf solche Sachen hinweist ‐ meine Freundin¸ der ich den Roman quasi aufgenötigt habe¸ und die an einigen Stellen gerne über die Handlung¸ nicht den Stil¸ mit mir diskutiert hat. So war ich zunächst der Auffassung¸ einer der Nachtschattenführer sei kein solches Wesen ‐ bis ich auf die Craymorus-Entdeckung hingewiesen wurde¸ deren Wichtigkeit im Nachhinein mir sonnenklar erscheint.
Einiges gibt es noch zu klären: Wird die hier noch spärlich beschriebene Magie eine Rolle spielen? Was treibt die Nachtschatten an? Sind sie wirklich nur darauf aus¸ wieder aus dem Norden zurückzukehren und wieder im restlichen Land mitzumischen ‐ soweit¸ dass sie die absolute Herrschaft wollen und Rache dafür¸ einst von den "Vergangenen" in die nordische Kälte zurückgedrängt worden zu sein? Oder steckt mehr dahinter. Natürlich wissen wir auch am Ende von "Sturm" nicht¸ wie die Geschichte der drei Hauptfiguren (wenn man sie denn auf drei reduzieren kann¸ so wie ich es hier getan habe ‐ ich gebe zu¸ bei der Fülle an schillernden Charakteren in dem Roman fällt mir das schwer) ausgeht ‐ das Ende ist gut gesetzt und lässt einen nicht völlig ratlos oder mit einem fiesen Cliffhanger zurück (was bei Band 2 ganz anders werden wird¸ wie mir aus zuverlässiger Quelle schon berichtet wurde). Ganz toll auch: Die Länge des Romans ist (beinahe) genau richtig. Es gibt keine Längen¸ jedes Kapitel bringt die Story und die Charaktere voran¸ Füllmaterial sucht man hier ‐ zum Glück ‐ vergebens.
Und damit sind wir bei dem einzigen kleinen Kritikpunkt¸ der mir zu "Sturm" einfällt ‐ der Roman ist mir an einigen wenigen Stellen zu schnell bei der Sache. Gerade beim Überfall Somerstorms durch die Nachtschatten ging mir einiges etwas zu plötzlich. Da geht Ana gerade aus dem Festsaal ‐ Schnitt ‐ merkwürdige Geräusche ‐ Schnitt ‐ Flucht. Ich verstehe das Stilmittel¸ dass man als Leser an dieser Stelle ebenso wenig weiß wie die Protagonistin Ana ‐ nur ich persönlich hätte es gerne ein wenig ausführlicher gehabt. Hier nimmt sich der Roman auf der einen Seite den Wind für ein paar nette Szenen im Festsaal aus den Segeln¸ erhöht aber andererseits die Spannung und kreiert eine bedrohliche Stimmung mit besonderer Dichte. Hier steht man als Autor wohl vor der Wahl¸ einen entsprechenden Fokus zu setzen. Claudia Kerns Entscheidung ist eine Gute ‐ aber eben nicht die einzig Mögliche. Ich hätte mir an der einen oder anderen Stelle ein bisschen mehr "Drumherum" gewünscht ‐ aber dann wäre der Roman nicht so knackig¸ in sich rund und kompakt geworden. Ich merke schon¸ mein Kritikpunkt relativiert sich immer mehr¸ je mehr ich ihn zu erklären versuche. Dann höre ich an dieser Stelle besser auf und komme daher zu folgendem Fazit:
Alles richtig gemacht¸ Frau Kern. Ich kann Sie nur zu diesem wunderbaren¸ bodenständigen¸ grob-geschliffenen Fantasy-Roman¸ der im Inneren eine runde Sache ist¸ beglückwünschen. Gespannt wie eine Armbrust warten wir auf die beiden Fortsetzungen.
Und ich freue mich wieder über die kommenden Zeiten der Vorfreude.
Eine Rezension von: Sascha Vennemann http://www.geisterspiegel.de
