Star Doc 2: Der Klon
Story
Nach dem Tod ihres Mannes Kao Torin befindet sich Cherijo auf der Flucht vor den Söldnerschiffen der Liga¸ die im Auftrag ihres Vaters Joseph Grey Veil das Universum nach der gentechnisch modifizierten Heilerin durchkämmen. An Bord der Sunlace¸ dem Schiff der Joreianer¸ findet sie Schutz und verdient sich an der Seite der Obersten Heilerin erste Sporen in ihrem neuen Hausclan und schließlich auch Respekt und Bewunderung.
Doch die friedliche Idylle täuscht¸ denn nach wie vor wird Cherijo mit Konflikten jedweder Art konfrontiert und in ihrem Job als praktizierende Ärztin bis aufs Äußerste gefordert. Als schließlich eine Mordserie die Sunlace erschüttert¸ gerät die Heilerin in Verdacht¸ daran beteiligt zu sein. Besonders die skeptischen Vertreter des Clans Torin trauen der exzentrischen Ärztin nicht über den Weg¸ und als schließlich mehrere Fährten in ihr Quartier führen¸ sieht sie sich zum Handeln gezwungen. Erneut tritt sie in den Gedankenaustausch mit dem Obersten Linguisten Duncan Reever¸ um der Ursache der Morde auf den Grund zu gehen. Doch je tiefer sie in ihr eigenes Bewusstsein eindringt¸ umso bedrohlicher wirkt der Feind.
Als wäre dies nicht schon genug¸ wird Cherijo auch ständig von Kaos Clanbruder Xonea belästigt; der mächtige joreianische Krieger will die Nachfolge seines Bruders antreten und die Heilerin zu seiner Gattin erwählen. Diese jedoch zeigt kein Interesse am launischen Vertreter Jorens¸ der daraufhin auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Gerade als die beiden Frieden miteinander geschlossen haben und die Vielzahl der Bedrohungen abklingt¸ wird Cherijo dann wieder an die jüngste Vergangenheit erinnert. Joseph Grey Veil fordert nach wie vor das Recht auf seinen Besitz¸ seine konstruierte Tochter¸ und dazu sind dem berüchtigten Wissenschaftler alle Mittel recht.
Meine Meinung
Im Gegensatz zum ersten Teil¸ der eigentlich erst nach der Hälfte der Zeit so richtig durchstartete¸ beginnt die eigentliche Action in "Der Klon" schon im ersten Kapitel. Wobei Action in diesem Fall nicht auf klassische Art und Weise verstanden werden sollte. Es ist vielmehr so¸ dass von Beginn an mächtig Trubel herrscht¸ die Hauptfiguren von einem Chaos ins nächste stürzen und besonders Cherijo viele Prüfungen bestehen muss¸ um ihren neuen Verbündeten und vor allem sich selbst zu beweisen¸ was wirklich im Körper der flüchtigen Terranerin steckt. Dabei hat die vorlaute Heilerin zahlreiche Grabenkämpfe auszutragen¸ beginnend mit dem Machtkampf um die Nachfolge der Obersten Heilerin der Sunlace¸ den sie mit 'Spliss-Lippe' Squillip austrägt¸ bis hin zum permanenten Familienzwist mit ihrem Clanbruder Xonea¸ der sein Recht einfordert und Cherijo ehelichen will¸ von seiner Erwählten jedoch nicht als Gatte akzeptiert wird. Ständig geraten die beiden aneinander¸ bekämpfen und beschimpfen sich und gehen dabei bis ans Äußerste ihrer Substanz ‐ und darüber hinaus.
Neben den vielen Beziehungsdramen¸ die in "Der Klon" einen wesentlichen Teil übernehmen¸ steht indes eine Mordserie im Mittelpunkt¸ bei der viele Indizien dafür sprechen¸ dass Cherijo darin verwickelt ist. Immerzu befinden sich am Tatort Spuren¸ die auf eine Beteiligung der angehenden Obersten Heilerin schließen lassen¸ und stets muss sich die begabte Ärztin wieder aus der daraus entstehenden Bredouille befreien. Weil die wichtigsten Zeugen nach und nach auf mysteriöse Weise ausgelöscht werden¸ sieht sich Cherijo dazu gezwungen¸ selber verdeckt zu ermitteln und sich von aller Schuld freizusprechen. Doch ihr Gegner scheint mächtiger als alles¸ was sie bislang erlebt hat.
Natürlich wird auch die Jagd auf die gentechnisch auf Perfektion programmierte Tarranerin näher beleuchtet. Jede kurze Abweichung von der Norm der Schiffsroute bringt die Liga-Truppen wieder auf den Plan¸ und immer wieder greifen einzelne Söldner an¸ um Cherijo in die Obhut ihres Vaters zurückzubringen. Dabei müssen viele unschuldige Joreianer sterben¸ unter anderem auch Personen¸ zu denen die Heilerin eine ganz spezielle Beziehung hatte¸ wie etwa Tonetka¸ die einem plötzlichen Söldnerangriff zum Opfer fällt. Immer wieder wird Cherijo an die Zwickmühle erinnert¸ in der sie sich befindet¸ denn nur wegen ihrer Existenz muss ein ganzes Volk in Angst leben. Mehrfach äußert sie das Bedürfnis¸ sich Dr. Grey Veil auszuliefern¸ eventuell auch zu sterben¸ um ihre Gefährten von dieser Geißel zu erlösen. Doch das Volk Jorens steht nach alldem¸ was Cherijo für die Angehörigen der einzelnen Clans getan hat¸ vollends hinter seiner Adoptivtochter. Und so kommt es wie es kommen musste: Ein Aufeinandertreffen der ganz besonderen Art wird unfreiwillig arrangiert ‐ und mündet in ein Finale¸ das selbst Hartgesottene vollkommen überraschen wird.
Nach dem fulminanten Ende von "Die Seuche" hatte ich an "Der Klon" große Erwartungen¸ die letzten Endes auch ausnahmslos erfüllt wurden. Die Geschichte wird rasant fortgesetzt¸ auf nahezu allen Handlungsebenen vertieft und intelligent ausgedehnt und hinsichtlich Action und Dramaturgie noch einmal um ein Vielfaches gesteigert. Dabei mag zwar hier und dort mal eine Tatsache unrealistisch erscheinen ‐ so zum Beispiel¸ dass Cherijo nach beinahe jedem stressigen Erlebnis in Ohnmacht oder sogar ins Koma fällt ‐ aber weil dies meist dazu beiträgt¸ das Mysterium um die wirklich faszinierend dargestellte Hauptfigur zu bekräftigen¸ geht das voll und ganz in Ordnung.
Apropos Cherijo Grey Veil bzw. Torin: Der Charakter¸ den die Autorin hier entworfen hat¸ ist schlichtweg genial. Rebellisch¸ einfühlsam¸ exzentrisch¸ egoistisch¸ aggressiv¸ behutsam¸ ruhig¸ gelassen¸ hysterisch¸ hasserfüllt: Es gibt keinen einzigen Wesenszug¸ den die Heilerin im Laufe der Geschichte nicht zeigt¸ was nicht nur ihr¸ sondern auch dem Roman selber einen großen Teil seiner Unberechenbarkeit beschert¸ die ihn über die gesamte Dauer auszeichnet. Man fühlt mit der außergewöhnlichen Dame¸ verliebt sich mitunter in sie und lernt sie im nächsten Moment wieder zu verachten. Solche Figuren sind im Science-Fiction-Genre äußerst rar¸ aber dringend erforderlich¸ um das Niveau des Genres aufrechtzuerhalten.
In diesem Sinne¸ und speziell dank solch genialer Charakterzeichnungen¸ wie man sie in "Der Klon" zuhauf vorfindet¸ kann und muss man beim zweiten Band der "Stardoc"-Saga von einem furiosen¸ atemberaubenden und dazu auch noch enorm eigenständigen Roman sprechen. Die Weichen für eine rasante Fortsetzung sind ebenfalls schon gestellt¸ so dass die Begeisterung auch noch eine Zeit lang anhalten wird. Aber erst einmal gilt es¸ diesen besonderen Roman bzw. dessen Inhalt auszukosten. Der dritte Band¸ "Die Flucht"¸ erschien im Sommer 2006 bei Heyne.
Eine Rezension von: Björn Backes http://www.buchwurm.info/
