Nomadengott
Dies ist eine Rezension aus Der phantastische Bücherbriefdem monatlich von 1980 bis 2021 erschienenen Newsletter vom Club für phantastische Literatur von Erik Schreiber. |
Das Land rund um den Nil leidet unter dem Grössenwahn des Pharaos Ahmoses. Wie immer¸ wenn es den Herrschenden nicht gut geht¸ sucht man einen Sündenbock. Bei der tierischen Götterwelt des ägyptischen Pantheons (jetzt müsste man den ägyptischen Ausdruck für den griechischen Begriff kennen)¸ fällt es nicht sehr leicht. Gerade die kleine Gruppe der Hyksos¸ Menschen¸ deren Wurzeln nicht in Ägypten¸ sondern Jericho zu finden sind¸ aber trotzdem hier in Ägypten geboren wurden¸ ist plötzlich den Anfeindungen der Einheimischen ausgesetzt. Die ehemaligen Gastarbeiter¸ deren Nachkommen bereits in ihrem Gastland geboren wurden und sich darin versuchten¸ integriert zu werden¸ haben einen schlechten Stand. Dadurch fühlen sich die Hyksos nicht mehr wohl im Land und machen sich auf den Weg¸ um sich irgendwo anders nieder zu lassen. Diese Chance nutzt GON¸ um auf sich aufmerksam zu machen und um Macht anzusammeln.
Aber was braucht man nicht alles für einen guten Roman um eine Reisegruppe? Ein paar Götter¸ möglichst im Zwist. Ihnen wurden¸ um sie besser zu verstehen¸ menschliche Eigenschaften verliehen. Ein Sterblicher¸ der möglichst etwas findet¸ das den Göttern gehört. Einen charismatischen Anführer. Einen göttlichen Auftrag und einen möglichst neuen Gott¸ der mit den anderen nicht unter einer Decke steckt (hofft man). Und weil es nur ein Gott ist¸ redet man von Monotheismus. Allerdings wird gleichzeitig die ketzerische Meinung geäussert¸ das es die Ein-Gott-Religion nicht gibt. Einen neuen Namen für sich und die neue Gruppe sucht man und wird schnell fündig. Mann nennt sich jetzt nicht das Auserwählte Volk¸ der Name ist bereits vergeben. Aber Tajarim hört sich auch gut an. Bis heute sind Tajarim (Touristen) überall gern gesehen. Die Reisegruppe wurde natürlich sorgfältig ausgesucht. Man nehme einfach die Hyksos. Da werden die Pyramiden besucht¸ eine Kreuzfahrt auf dem Nil gebucht¸ ein Musikant aus Memphis übt den Hüftschwung und ein Devotionalienhändler hat eine ganz besondere Art¸ Krokodilstränen zu erbeuten. Denn Krokodilstränen sind gerade der Verkaufsschlager in Ägypten. Allerdings gibt es sie nicht auf dem Wühltisch für einen Euro das Dutzend. Raffim hat da eine ganz besondere Möglichkeit gefunden¸ die Tränen zu ergaunern und diese Methode bedeutet Arbeit. Und menschliche Arbeitskraft ist nicht ganz billig. Die Methode¸ die Raffim gefunden hat¸ müsste er eigentlich nur noch patentieren lassen. Aber im ollen Ägypten schien mir diese Möglichkeit jedoch nicht gegeben. Dumm¸ dass gerade der Gott der in Krokodilform auftritt¸ sein ihn unsterblich machendes Ankh verliert. Raffim findet dieses Schmuckstück beim Quälen eines Krokodils¸ in dem gerade Krokodilgott Suchos sich niedergelassen hat und nimmt es an sich¸ ohne zu wissen¸ was er da in der Hand hat. Aber als er merkt¸ was er in seinem Besitz gebracht hat¸ wird er das Ankh auch nicht mehr los. Stattdessen entlädt sich Energie aus dem Ankh und legt den halben Ort in Schutt und Asche. Kleine Grüne Männchen kommen eben nicht vom Mars¸ es ist auch nicht die neue Hautfarbe des Neides¸ sondern die Nebenwirkung des Ankh. (Bei riesigen Nebenwirkungen fragen sie den Gott ihres Vertrauens). Andererseits kann er jetzt kranke Menschen heilen¸ Tote zum Leben erwecken¸ was ihm manch ein anderer Gott übel nimmt und natürlich kann Mensch auch andere Wunder wirken. Wenn sie denn wirken. Da fragt man sich¸ wer will schon so einen Menschen unter sich haben? Das ist doch suspekt. Dementsprechend schliesst er sich natürlich dem Schreiber an. Der wiederum folgt einem Barbie-Puppen grossen Gott¸ (man könnte ihn daher auch Ken nennen)¸ der in vielerlei Gestalt auftritt und glaubt an Wunder. Während der Schreiber Seshmosis gern ein paar göttliche Gebote hätte¸ der Kollege mit der grösseren Reisegruppe hatte schliesslich so tolle Tafeln auf einem Berg erhalten. (Die Sache ist bekannt. Mit 15 Geboten auf drei Tafeln den Berg runterkommen und eine Platte kaputt machen. Den Gläubigen dann mit zehn Geboten kommen). Seshmosis¸ der kurzerhand zum Propheten (Reiseleiter) ernannt wurde¸ will seine Anhänger nicht nur bei Laune halten¸ sondern auch als Gruppe behalten¸ da er sich für sie zuständig und verantwortlich fühlt. Der Gott ohne Namen lässt sich¸ wegen angeborener Kurzsichtigkeit die Gebote vorlesen und prüft indes die Nützlichkeit. Daher schrumpfen die zehn Gebote auf noch nicht einmal die Hälfte des Kollegen Moses¸ sondern sind auch weitaus grosszügiger formuliert.
Die Gruppe ist unterwegs ins Land ihrer Väter¸ ohne je zu wissen¸ wo sich das Land befindet. Seshmosis wird's schon richten¸ oder sein Gott. Immer am Ufer des Nils entlang reist die Gruppe. Mit der Zeit lernt man die Ansiedlungen der Einheimischen zu meiden. Seshmosis versucht immer wieder Gerüchten über sie auf den Grund zu gehen und entlarvt ein Gerücht nach dem anderen.
Stattdessen lässt uns der Autor¸ setzten wir ihn mit GON¸ dem Gott ohne Namen¸ gleich¸ an seinem Wissen über die ägyptische Mythologie teilhaben. Damit kommen all die Liebhaber der ägyptischen Geschichte auf ihre Kosten und manch ein Ex-Tourist aus Ägypten wird sich in dieser Erzählung wiederfinden. Vielleicht auch den Schriftsteller¸ der sich viel eher mit Seshmosis identifiziert als mit GON.
Gerd Scherm¸ der mit seinem Buch bereits den Book on Demand Wettbewerb gewann¸ bietet uns ein herrlich frisches¸ flott geschriebenes und listiges Lesevergnügen. Der Roman ist leicht und schnell zu lesen und fast niemals langweilig. Ironische Seitenhiebe mit geistreichen Spielereien verteilend schickt der Autor seine Touristen los¸ die Welt zu verändern. Dabei schickt er nicht nur seine Handlungsträger in die Wüste¸ sondern den Leser gleich mit. Allen voran sein Schreiber Seshmosis. Ähnlichkeiten mit der bekannten und niedergeschriebenen Weltgeschichte¸ sowie der mündlich überlieferten und zum Teil verfremdeten Religionsgeschichte sind mehr als nur purer Zufall. Sein unverschämter Umgang mit Theologie und Mythologie ist ketzerisch kenntnisreich¸ ernsthafte Ironie und lächelndes¸ spitzbübisches Denken wechseln sich ab. Auf humorvolle Weise lässt er verschiedene Götter in das Leben der Menschen eingreifen. Dabei kann man durchaus sagen¸ Götter sind auch nur Menschen¸ oder auch tierische Götter sind göttliche Tiere. Wenn ein Stiergott sich mit einer Kuhgöttin paart entsteht ein goldenes Kalb. Auch damals gab es schon Entsorgungsprobleme. Zum Glück gibt es noch diese andere Gruppe¸ die nur zu gern um selbiges tanzt. Seine¸ des Schriftstellers¸ Liebe zu den Einzelheiten der ägyptischen Mythologie zeigt¸ dass er sich mehr als nur für dieses Buch damit beschäftigt. Einige Anspielungen in bezug auf Geschichte und Religion gehen sicherlich verloren. Nicht jeder wird ein so profundes Wissen über Ägypter und Ägyptologie vorweisen. Andererseits hat DER NOMADENGOTT das Potential zu einem Kultbuch unter den Ägyptologen. Wenn zudem der berühmte Sänger und Hüftschwinger El Vis aus Memphis auftaucht¸ der berühmte Seher Nostr'tut-Amus der die Zukunft voraussagt¸ auftritt¸ bleibt kaum ein Auge trocken¸ kein Lacher ungenutzt um die Komik voll auszukosten. Gerd Scherm versteht es die Komik nicht in Klamauk abgleiten zu lassen.
Gleichzeitig sollte man ein wenig tiefer kratzen und nicht nur oberflächlich den Wortwitz folgen. Manch einer der einfach erscheinenden Witze wird plötzlich zu einer bedenkenswerten Sozialkritik. Zu Anfang war der Roman spassiger. Die Witze kamen etwas spontaner¸ im Laufe der Handlung gab es ein¸ zwei Stellen; wo die humorigen Stellen etwas "aufgesetzt" wirkten. Aber das mag daran liegen¸ dass jeder einen Witz anders empfindet. Wenn ich mir das Buch so ansehe¸ ich habe es inzwischen zweimal gelesen¸ dann kann ich mir gut vorstellen¸ es als Zeichentrickfilm zu sehen. Vielleicht als eine Art ASTERIX oder noch besser die Knollennasenmännchen eines Walter Moers. Dass Buch war sehr angenehm zu lesen¸ ohne es aus der Hand zu legen. Jede Pause dazwischen wäre Zeitverschwendung.
Eine Rezension von: Erik 'vom Bücherbrief' Schreiber https://www.facebook.com/erik.schreiber.355