Nijura - Das Erbe der Elfenkrone
Bunter Fabulierteppich
"Einen Augenblick stand der neue König reglos vor den Moorelfen. Dann hob er die Hände und schob sich die Kapuze zurück: Die steinerne Krone Elrysjar schmiegte sich um seine Stirn¸ glänzend wie Sumpföl. Der Regen rann dem Fremden über das Gesicht¸ er wusch Erde und Schmutz fort und enthüllte das lächelnde Gesicht eines Menschen. "Folgt mir"¸ sagte der Menschenmann¸ feierlich und zischelnd¸ gebrochen in der Sprache der Elfen. Und als er aus dem Dorf schritt¸ folgten ihm vierhundert bleiche Gestalten in einem stummen Zug."In den Marschen von Korr eignet sich ein Mensch die Elfenkrone der Moorelfen an. Eigentlich dürfte das unmöglich sein¸ denn die Krone macht den Träger unverwundbar¸ aber dennoch ist es diesem Menschenmann gelungen¸ den alten König zu beseitigen. Jetzt müssen die Moorelfen auf ihn hören.
Und er hat großes vor. Er schafft aus Elfen die grauen Krieger.
Derweil planen Scapa und Arane¸ zwei Straßenkinder in Kesselstadt¸ den Aufstand gegen den Mafia-Boss Torron. Der fordert von allen Abgaben. Aber wie sollen sie an Waffen kommen? Doch dann haben sie einen genialen Plan und er gelingt. Scapa und Arane¸ die beiden Straßenkinder¸ unzertrennlich wie Bruder und Schwester¸ haben es geschafft.
Da marschieren die grauen Krieger in Kesselstadt ein. Arane will mit ihnen einen Pakt schließen¸ Scapa warnt sie¸ zurecht¸ wie sich bald herausstellt.
In den Wäldern lebt das Mädchen Nill in einem Menschendorf. Sie ist halb Elfe¸ halb Mensch¸ weswegen beide sie verachten. Doch ausgerechnet sie findet das magische Messer¸ die einzige Waffe¸ die den Träger der Elfenkrone töten kann - oder ihn noch mächtiger macht. Ihr Dorf schickt sie als Kundschafterin zu den Moorelfen¸ unterwegs begegnet sie dem Elfenprinzen Kaveh und seinem zahmen Wildschwein¸ der ihr sagt¸ dass ...
Aus diesen drei Handlungsfäden webt Nuyen einen farbigen Teppich¸ lässt den trauernden Scapa¸ die verachtete Halbelfe und den Elfenprinzen lebendig werden¸ nimmt uns mit auf deren gefährliche Reise. Und weil die Figuren der Autorin so rund¸ so lebendig¸ so gelungen sind¸ weil die Twists dieser Reise ebenso glaubhaft wie überraschend sind¸ sich aus den Personen entwickeln¸ darum kann man das Buch bald nicht mehr aus der Hand legen.
Das ist nicht der übliche 08/15 Herr der Ringe Klon¸ da werden nicht zum hundertsten Mal Orks und böse Lords beschworen¸ da erleben wir stattdessen eine neue Welt¸ eine eigene Geschichte und bald zeigt sich¸ dass es gar nicht so einfach ist¸ gut und böse zu trennen¸ da zeigen die Menschen plötzlich ihre dunklen Seite¸ wenn wir Leser es am wenigsten erwarten. Denn Nuyens Personen haben Tiefe¸ wir fühlen mit ihnen¸ selbst wenn sie sich in ihren eigenen Wünschen¸ Hoffnungen und Plänen unrettbar verstricken. Sie weiß ihre Fäden immer wieder zu verwirren und lässt doch keinen fallen¸ sondern führt sie am Ende zu einem überraschenden Schluss zusammen.
Die Autorin ist achtzehn¸ klar¸ dass der Verlag sie als neuen "Eragon" preist¸ dessen Autor ebenfalls sehr jung sein Buch geschrieben hat. Beinahe hätte ich das Buch weggelegt¸ weil das so sehr an einen Marketing Trick erinnert¸ Teenie-Autoren sind in¸ je jünger¸ desto besser. Aber dann habe ich es doch gelesen. Und das nicht bereut.
"Nijura" ist ein ganz eigenes Buch - ich persönlich halte es sogar für besser als "Eragon" -¸ denn die Autorin zeigt eine erstaunliche Reife im Fabulieren. Nuyen wei߸ was so viele ältere Autoren der Erwachsenen-Fantasy längst vergessen¸ verdrängt haben: Fantasy hat mit Phantasie zu tun.
Andererseits - ist das wirklich so verwunderlich? Schließlich hat Schiller auch seine "Räuber" bereits mit zweiundzwanzig geschrieben. Man muss keine vierzig¸ keine sechzig sein¸ um gute Geschichten zu erzählen¸ zumal Nuyen durchaus einige Erfahrungen vorweisen kann. Sie schreibt schon seit Jahren und hat vor diesem Roman bereits neun zu Papier gebracht. Auch Schreiben muss man trainieren.
Fazit:
Ein fabulierfreudiger Roman mit lebendigen Personen¸ weitab von üblichen Fantasy-Schemata und Schwarz-Weiß Malerei. Lesenswert.
Leseprobe: http://www.randomhouse.de/book/excerpt.jsp?edi=191542
Über die Autorin:
Jenny Mai Nuyen wurde 1988 in München geboren¸ sie ist deutsch-vietnamesischer Abstammung. Ihre erste Geschichte schrieb sie mit fünf¸ ihren ersten Roman mit dreizehn. Sie studiert Film an der Universität von New York.
Eine Rezension von: Hans Peter Röntgen http://www.textkraft.de
