Expedition der Steuerfrau 4: Die Sprache der Macht
Band 1: "Das magische Juwel" Band 2: "Das Geheimnis des Saumländers" Band 3: "Der verschwiegene Steuermann"
Entwicklungen und Charaktere
Nach den Ereignissen in Alemeth ist Rowan nach Donner zurückgekehrt¸ jene Stadt¸ in der sie beinahe einmal dem Anschlag einer Drachenhorde erlegen wäre. Sie will herausfinden¸ was es mit den Ereignissen auf sich hatte¸ die eine Steuerfrau namens Latitia in ihrem Logbuch vermerkt hat¸ nämlich mit dem Tod von Kieran¸ dem Vorgänger des jetzigen Magus von Donner namens Jannik.
Obwohl es zunächst scheint¸ als bestünde keine allzu große Gefahr¸ da Jannik nicht in der Stadt weilt¸ ist sie extrem vorsichtig. Und schon bald stellt sich heraus¸ dass diese Vorsicht nicht unbegründet war. Denn zwei von drei verdächtigen Personen stellen sich als Spione heraus. Einer allerdings entpuppt sich zu Bels und Rowans Verblüffung als Willam¸ jener junge Bursche¸ den sie als Lehrling von Corvus¸ dem Magus von Wulfshafen¸ zurückgelassen hatten. Und er hat einen geradezu abenteuerlichen Plan¸ um herauszufinden¸ warum der Leitstern abgestürzt ist: Er will nach unterschlagenen Aufzeichnungen aus jener Zeit suchen - in Janniks Haus!
Willam hat sich seit seinem letzten Auftauchen ziemlich entwickelt¸ was kein Wunder ist¸ denn es sind seither nicht nur mehrere Jahre vergangen¸ er hat auch eine Menge gelernt. Er ist selbstsicherer geworden in dem Sinne¸ dass er seine eigenen Fähigkeiten sehr genau kennt¸ und im Zusammenhang damit auch selbstständiger¸ fähig¸ auch unter Druck eigene Entscheidungen zu fällen und das Vorgenommene durchzuziehen. Was ihm allerdings geblieben ist¸ sind sein Dickschädel und seine eigene Art¸ die Dinge zu betrachten. Bels Befürchtung¸ er könnte zu einem skrupellosen Handlanger der Magi werden¸ hat sich nicht bestätigt.
Rowan stößt in Willams Gegenwart zum ersten Mal an ihre Grenzen. Als Steuerfrau ist sie natürlich wissbegierig¸ die Magie ist ihr jedoch so fremd¸ dass sie Willams Erklärungen nur mit Mühe folgen kann¸ obwohl er sichtlich bemüht ist¸ die Vorgänge auf einfache Weise zu beschreiben und verständliche Begriffe zu benutzen. Aber Rowan wäre keine Steuerfrau¸ wenn sie sich dadurch entmutigen ließe¸ und schließlich gelingt es ihr¸ Gemeinsamkeiten zu ihrer eigenen Denkweise zu erschließen.
Bel dagegen hat sich kein bisschen verändert. Das Erste¸ was ihr zu Willams Vorhaben¸ bei Jannik einzubrechen¸ einfällt¸ ist¸ ob dort auch herauszufinden sei¸ wo Slado seine Domäne hat¸ damit sie hingehen und ihn umbringen kann. Sie hat das Grauen¸ das der Leitstern bei ihrem letzten Aufenthalt im Saumland über die Menschen dort gebracht hat¸ noch nicht vergessen. Für ihre unkomplizierte Art ist ein unerwarteter Überfall auf Slados Person nicht nur die direkteste Art¸ Rache zu üben¸ sondern auch die einfachste Methode¸ die gesamte Angelegenheit endgültig zu beenden.
Aber natürlich ist die ganze Sache nicht so einfach¸ wie Bel sie gerne hätte¸ und das nicht nur¸ weil niemand Slados Aufenthaltsort kennt. Zum einen findet Rowan bei ihren Nachforschungen heraus¸ dass Kierans Lehrling Slado hie߸ außerdem stößt sie auf merkwürdige Ungereimtheiten¸ die letztlich zu der Erkenntnis führen¸ dass der Magus offenbar von einem Tag auf den anderen zu einem völlig anderen Menschen wurde¸ ohne dass jemand dafür einen Grund nennen kann.
Zum anderen ist Jannik unerwartet früh nach Hause zurückgekehrt. Und es ist nicht gerade einfach¸ in das Haus eines Magus einzubrechen¸ alles nach den gewünschten Informationen zu durchsuchen und wieder spurlos zu verschwinden¸ wenn man lediglich drei Stunden Zeit hat und nicht sicher sein kann¸ ob das Ablenkungsmanöver lange genug wirkt ...
Eindrücke und Betrachtungen
In diesem vierten Band von Kirsteins Steuerfrau-Zyklus kommt die Magie zu Wort¸ und das massiv. Nachdem im ersten und zweiten Band lediglich einige Andeutungen gemacht wurden und der dritte sich mit den Dämonen als Hauptthema fast völlig auf die Fantasy-Seite stützte¸ geht es diesmal fast ausschließlich um die Magi¸ vornehmlich Kieran¸ Slado und Jannik. Das hat einige höchst angenehme Auswirkungen.
So hat der Leser endlich wieder einmal das Gefühl¸ dass sich bei der Lösung des Geheimnisses etwas bewegt. Nicht¸ dass die Autorin tatsächlich etwas verraten hätte! Denn keiner der Beteiligten kann mit den ergatterten Informationen etwas anfangen. Aber immerhin wurden Informationen ergattert. Und dabei kamen Protagonisten und auch der Leser gehörig ins Schwitzen! Nach dem etwas beschaulicheren Anfang¸ der sich hauptsächlich der Erforschung von Kierans Verhaltensänderungen widmete¸ kam die Handlung mit der Einleitung des Ablenkungsmanövers allmählich in Fahrt. Kaum haben die Protagonisten die Sache mit den Drachen hinter sich¸ finden sie sich in einer brenzligen Situation Jannik gegenüber¸ nur um kurz darauf beim Einbruch in Janniks Haus in Todesgefahr zu geraten ...
Auch fand ich die Beschäftigung mit dem¸ was in Kirsteins Welt die Magie darstellt¸ weit angenehmer als die mit den Dämonen. Wer es bisher noch bezweifelte¸ sieht sich spätestens in diesem Band der Tatsache gegenüber¸ dass es sich bei dem¸ was Rowan als Magie bezeichnet¸ schlicht um Technik handelt. Der Leser hat in den vorhergehenden Bänden bereits die flüchtige Bekanntschaft von Sprengstoffen und Kabeln sowie mechanischen Spieluhren gemacht. Diesmal bekommt er es mit Hightech zu tun. Das¸ was Willam da an Janniks Schreibtisch tut¸ ist schlicht und ergreifend Hacking. Dass die Fenster sich hier nicht innerhalb eines Bildschirms öffnen¸ sondern einfach als Lichtquadrat in der freien Luft¸ verleiht der Darstellung schon fast einen Touch von Science-Fiction.
Ein wenig seltsam erschien mir¸ dass Willam in der Lage war¸ auf das Netzwerk zuzugreifen¸ obwohl gerade ein neues Update eingespielt wurde¸ aber da ich von Computern nicht wirklich Ahnung habe¸ bin ich nicht sicher¸ ob das wirklich einen logischen Bruch darstellt. Ich muss auch ehrlich gestehen¸ dass mich das in diesem Moment nur wenig kümmerte! Die Spannungskurve hat an dieser Stelle ihren Höhepunkt erreicht. Der Kniff¸ dass dem Helden bei seinem Tun die Zeit davonläuft¸ ist ja nicht neu. Der Autorin ist es aber gelungen¸ den Leser durch die zunehmende Konzentration des Blickwinkels auf Willam gewissermaßen in Rowans Rolle hineinzuziehen und ihn damit sozusagen direkt ins Geschehen zu holen. Es war fast eine Erlösung¸ als Willam endlich Hals über Kopf mit Rowan aus dem Haus stürzte¸ ohne auch nur zu versuchen¸ die Spuren seines Eindringens zu verwischen!
Insgesamt
Bleibt zu sagen¸ dass der vierte Teil des Zyklus am Ende der Lektüre ein weit zufriedeneres Gefühl hinterließ als seine Vorgänger. Die Charakterzeichnung blieb bei allen Personen außer den drei Hauptfiguren skizzenhaft¸ was aber nicht störte¸ da sie im Grunde nur als Informationsquellen von Bedeutung waren und ansonsten keine Rolle spielten. Dafür bot dieser Band eine allmählich aber ständig steigende Spannung und ein paar neue Puzzleteile zum Knobeln. Zwar blickt der Leser bei weitem noch nicht durch¸ wie all die Schnipsel zusammengehören mögen¸ aber einige Antworten darauf dürften im nächsten Band zu finden sein. Zum ersten Mal¸ seit ich an diesem Zyklus lese¸ bin ich wirklich gespannt auf die Fortsetzung.
Die Autorin
Rosemary Kirstein ist Amerikanerin und hat schon in den unterschiedlichsten Berufen gearbeitet. Außerdem ist sie in der Folk-Szene aktiv¸ spielt Gitarre und singt. Die einzelnen Bände ihres Zyklus Die Expedition der Steuerfrau sind mit teilweise erstaunlichem zeitlichem Abstand entstanden. Leider waren keine Informationen zu einem fünften Band zu finden¸ und im Hinblick auf die Zeiträume zwischen den bisherigen Veröffentlichungen könnte das auch noch eine Weile dauern.
Eine Rezension von: Birgit Lutz http://www.buchwurm.info/
