Der Blumenkrieg
Theo Vilmos¸ der sein dreißigjähriges Leben bisher eher auf die unangestrengte Art und Weise bestritt¸ beginnt langsam zu spüren¸ dass ein Weiterkommen im Leben immer dringender wird: Seine Freundin Cat ist schwanger¸ demnach steigen sowohl gesellschaftliche wie auch persönliche Ansprüche an ihn. Immer deutlicher wird auch¸ dass sich Theos berufliche Ambitionen in einer sehr jugendlichen Band langsam¸ aber stetig überaltern ‐ ohne dass ihm ein Alternativplan einfallen würde.
Doch es bleibt nicht bei der Schieflage allein ‐ Theos Leben gerät ordentlich ins Rutschen: Cat verliert das gemeinsame Kind und trennt sich von ihm¸ seine Mutter stirbt einen langen Krebstod. Um sich wieder zu fangen und neu zu orientieren¸ zieht Theo in eine abgelegene Hütte. Mit im Gepäck ist eine Hinterlassenschaft seines Onkels Eamonn Dowd¸ ein Buch¸ welches die Erlebnisse des Abenteurers in Elfien dokumentiert. Ruhe ist ihm aber auch in der einsamen Hütte nicht vergönnt: Erst erfährt er¸ dass das Ehepaar¸ dem er sein Elternhaus verkaufte¸ ermordet wurde¸ dann steht der Mörder nachts vor seiner Tür: Ein Zombie. Glücklicherweise ist der völlig perplexe Theo gerade mit ungewöhnlichem Besuch beehrt - die Elfe Apfelgriebs ist gerade beschäftigt¸ Theo zu überzeugen¸ sie nach Elfien zu begleiten. Motiviert durch den Einbruchsversuch des Zombies flüchtet Theo bereitwillig durch die geöffnete Tür nach Elfien und rettet so zunächst sein Leben. Doch das Märchenland ist keineswegs so¸ wie es in unseren Büchern beschrieben wird. Und Theo ist nicht auch nicht derjenige¸ für den er sich dreißig Jahre lang gehalten hat.
Züge¸ Busse¸ Bahnhöfe und Forschung¸ Unterdrückung¸ Opportunismus¸ Terror und Widerstand: Tad Williams hat das Elfenland erstaunliche Entwicklungen durchmachen lassen¸ die unsere Welt deutlich imitieren: Nach zwei großen Blumenkriegen hat Elfien mit Konsequenzen wie Ressourcenknappheit¸ Arbeitslosigkeit¸ Armut und der Isolation verschiedener Klassen und Rassen zu kämpfen. Wenige mächtige Familien haben die Kontrolle über das Land ‐ und eine Familie setzt besonders grausam ihre ehrgeizigen Herrschaftspläne durch.
Trotz aller angesprochenen gesellschaftlichen Probleme fehlt es aber nicht an Herz. Die Charaktere sind rund¸ wie gewohnt¸ besonders die Elfe Apfelgriebs schimpft sich mit ihrer schnodderigen Art sofort ins Herz der Leser und hilft damit auch dem charmant-ahnungslosen Helden Theo mit verbalen Tritten¸ seinen Weg zu finden. Für diesen wird immer klarer¸ dass er für sich privat Rückgrat und Mut entwickeln muss¸ um sein Leben zu gestalten. Auch politisch wird eine Positionierung notwendig¸ um die Gesellschaft mitprägen zu können¸ in der er leben will.
Trotz ‐ oder auch gerade wegen- der vielen Parallelen zu unserer Welt ist dieser Roman keine Sekunde langweilig und kommt auch nicht mit erhobenem Zeigefinger daher. Williams hat sich vom Längenvorwurf mit diesem Roman praktisch frei geschrieben. Listige Verstrickungen und Wendungen lassen keine Langeweile aufkommen¸ die Mischung aus Zauberwelt und technisierter Welt ist durchdacht und sehr amüsant. Die letzten wichtigen Fragen werden auch auf der letzten Seite geklärt (für diejenigen¸ die nicht von selbst dahinter gekommen sind)¸ somit bleibt der Spannungsbogen auch wirklich bis zum Ende straff¸ ohne nach dem genretypischen Showdown rapide abzuschlaffen.
Da kann man nur volle Punktzahl geben.
Eine Rezension von: Rebecca Hagelmoser http://www.geisterspiegel.de
