Das Albtraumreich des Edward Moon
Dieser Roman ist ein grässliches Konvolut von Unsinnigkeiten¸ bevölkert von wenig überzeugenden Charakteren¸ geschrieben in öder Prosa¸ oft genug lächerlich und durchweg bizarr. Sie werden kein Wort glauben¸ und doch ist alles wahr!"
Im Jahr 1901 ermittelt der Bühnenzauberer und Detektiv Edward Moon mit seinem Assistenten¸ einem zwei Meter großen¸ schlafwandelnden Giganten¸ in der Unterwelt des viktorianischen London: Eine bizarre Mordserie führt sie in ein Reich der Fliegenmenschen¸ Hellseher und Geheimbünde .
Alle Fans von Susanna Clarke und Jasper Fforde haben endlich ein neues Lebenselixier.
Seien Sie gewarnt. Dieses Buch besitzt keinen wie auch immer gearteten literarischen Wert. Es ist ein grässliches¸ gewundenes¸ zweifelhaftes Konvolut von Unsinnigkeiten¸ bevölkert von wenig überzeugenden Charakteren¸ geschrieben in trockener¸ öder Prosa¸ des Öfteren lächerlich und gewollt bizarr.
Mit diesen Worten leitet der auktoriale Erzähler das Erstlingswerk "Das Alptraumreich des Edward Moon" des britischen Autors Jonathan Barnes ein und genau mit diesen Worten versucht der Verlag PIPER den deutschen Leser auf den Inhalt dieses grotesk¸ schaurig und unwiderstehlich schönen Debüts wie "The Guardian" das Buch bezeichnete¸ aufmerksam zu machen. Es mutet doch etwas befremdlich an¸ wenn gerade auf den ersten Seiten eines Buches der Erzähler den Leser auf die Unsinnigkeit der Lektüre des vorliegenden Buches hinweist und immer wieder im Verlaufe der weiteren Handlung die Absurdität der Niederschrift¸ der Figuren und der Gesamthandlung hervorzuheben versucht. Als Leser könnte man geneigt sein zu glauben¸ dass diese Lektüre nicht beabsichtigt gewesen ist¸ sondern das Buch dem Selbstzweck dienen soll. Dem ist aber¸ so viel sei vorweggenommen¸ mitnichten so.
"Das Albtraumreich des Edward Moon" beschreibt die unglaubliche Welt des Londoner Untergrundes im Jahr 1901. Es ist eine düstere Szenerie¸ am Scheidepunkt eines bewegten Jahrhunderts¸ hin zu einem Jahrhundert der anhaltenden Katastrophen. Die Figuren¸ die dem Leser auf dem Weg durch das Alptraumreich begegnen¸ sind derartig grotesk und teilweise auch abstoßend¸ dass sie wiederum faszinierend plastisch vor dem geistigen Auge entstehen und somit dem Titelelement "Alptraumreich" alle Ehre machen. Was man liest¸ scheint wirklich nur einem schlechten Traum entsprungen zu sein.
Nachdem der Erzähler auf die "Risiken und Nebenwirkungen" der Lektüre in seinem einleitenden Kapitel aufmerksam gemacht hat¸ beginnt auch schon die unglaubliche Reise in die Welt des Edward Moon. So wird der Leser Zeuge der Ermordung eines zweitklassigen Schauspielers namens Cyril Honeyman. Ehe sich hier bereits ein gewisser Unmut seitens der Leser dieser Rezension ob der Tatsache¸ dass ich bereits ein Handlungsdetail von so spannender Intensität - gemeint ist der Mord - verraten habe¸ regen sollte¸ sei diesen Kritikern entgegengehalten¸ dass der Erzähler selbst¸ nach nur wenigen Zeilen¸ bereits die Ermordung des Cyril Honeyman ankündigt¸ indem er schreibt: "Nur wenige Seiten trennen uns von seinem Tod. Also hängen Sie Ihr Herz bitte nicht an seine Person [...]" So wie hier mischt sich der Erzähler des Öfteren in die Handlung ein und lässt sich sarkastisch und ironisch über Handlungsdetails wie auch Figuren aus und versäumt es auch nicht¸ den Leser dezidiert auf die angestrebte Rezeption hinzuweisen¸ scheinbar um sicher zu gehen¸ dass der Leser auch wirklich dem Erzähler folgen kann.
Es ist müßig¸ die Handlung anzureißen¸ um einen leichteren Einstieg in die Kritik am Inhalt zu finden¸ denn in vieler Hinsicht ist der Titel "Alptraumreich" mehrfach im Werk widergespiegelt¸ vor allem aber im Bezug auf die Entstehung des so genannten "roten Fadens". Alptraumhaft sind beispielsweise auch die Schauplätze: finster¸ düster und in jedweder Hinsicht nicht dazu angetan¸ einladend zu wirken. Das Bild Londons¸ welches hier gezeichnet wird¸ entspricht nicht der Weltmetropole von einst und heute¸ sondern eher dem eines Molochs¸ was dem Inhalt des Buches nur dienlich sein kann.
Ähnlich verworren und teilweise bar jedweder inneren Logik¸ wie ein Traum¸ den man hat¸ sei es ein schöner oder ein Alptraum¸ so erscheint in diesem Buch stellenweise der Handlungsstrang¸ die Figuren¸ die Schauplätze und die Gesamtkomposition. Man sollte nicht zu schnell mit der Kritik an den Fähigkeiten des Autors an dieser Stelle sein¸ denn man könnte vielmehr die kompositorische Genialität¸ die diesem literarischen Kunstgriff zugrunde liegt¸ besonders betonen. Will sagen¸ Barnes schreibt so verworren¸ wie Träume nun einmal sind¸ auch wenn oftmals das Ende eines Traumes durchaus wieder einer gewissen chronologisch gearteten Logik Folge leistet.
Kurzum¸ der Inhalt ist für meinen persönlichen Geschmack gewohnheitsbedürftig und jedem Leser sei meinerseits angeraten¸ das Buch möglichst in einem Guss zu konsumieren¸ denn längere Lesepausen zwischen den einzelnen Segmenten lassen einen Wiedereinstieg¸ ein sich Zurechtfinden¸ um dem Handlungsstrang wieder folgen zu können¸ nahezu unmöglich erscheinen¸ womit hier wiederum die Verwandtschaft zum Traum deutlich wird¸ denn auch einem Traum kann man oft nur während des Träumens wirklich folgen. Am anderen Morgen weiß man oft nicht mal mehr¸ was man geträumt hat.
Die Figuren¸ die Barnes kreiert hat¸ sind¸ wenn auch oftmals abstoßend¸ wie eingangs bereits erwähnt¸ sehr plastisch und daher überzeugend gelungen¸ sodass teilweise¸ trotz aller negativen Begleiterscheinungen¸ sie dennoch sympathisch wirken können.
Was aber vor allem bei diesem Buch besticht¸ ist die Sprache¸ derer sich der Autor bedient. Der Erzähler schreibt zwar in seinem einleitenden Kapitel¸ dass "… [ihm] die Gewandtheit des Meisters [fehle] "¸ dass "… [er] also nicht die Fähigkeit besäße¸ den Leser zu fesseln¸ mit gestalterischen Kunstgriffen zu betören oder mit sprachlicher Eleganz zu entzücken. " Allein dieser kurze Hinweis des Erzählers selbst straft seine Aussage¸ sein sprachliches Unvermögen betreffend¸ Lügen¸ strotzt es doch vor schriftsprachlicher Eloquenz¸ die der Autor kontinuierlich beibehält. So wird das "Alptraumreich des Edward Moon"¸ mag es inhaltlich teilweise etwas gewöhnungsbedürftig sein und nicht für jedermann auf Anhieb zugänglich¸ zu einem besonderen Genuss auf sprachlichem Höchstniveau und sollte allein deshalb in keinem Bücherregal fehlen.
Eine Rezension von: Florian Kayser http://www.geisterspiegel.de
