Darwinia
Im März 1912 ereignet sich das "Wunder": Der Kontinent Europa verliert sein bekanntes Gesicht. Während die Topografie erhalten bleibt und alle Flüsse oder Berge noch dort zu finden sind¸ wo man sie seit jeher kannte¸ verschwinden Tiere¸ Pflanzen und Menschen spurlos. Die Städte¸ Industrielandschaften oder Felder Europas werden ersetzt durch eine bizarre¸ außerirdische Wildnis¸ bevölkert von seltsamen¸ meist sechsbeinigen und in der Regel giftigen Kreaturen.
"Darwinia" wird das neue Land genannt; ein halb spöttischer Versuch¸ jenes auf seine Weise völlig ausgewachsen aus dem Nichts entstandene Land zu begreifen¸ das Charles Darwins epochale¸ gerade erst halbwegs akzeptierte Lehre von der allmählichen Entstehung und evolutionären Veränderung der Arten Lügen zu strafen scheint. So ist denn auch der alte¸ halb wissenschaftliche¸ halb religiöse Streit zwischen den Darwinisten und den "Naochiten"¸ nach deren Überzeugung Darwinia wie einst die Welt überhaupt in einem einzigen Schöpfungsakt entstand und sich seither nicht mehr verändert hat¸ wieder aufgeflammt. Die Evolution wird bestritten¸ Fossilien gelten als göttliche Spielerei¸ und da die Naochiten nicht nur über eine kopfstarke Anhängerschar verfügen¸ sondern die Darwinisten fanatisch verfolgen¸ droht die Forschung auf ein totes Gleis zu geraten.
Verhängnisvoll könnten auch die politischen Konflikte enden¸ die mit dem Ende des alten Europa einhergehen. Die vom "Wunder" nicht betroffenen USA streben die Weltherrschaft an. Sie erheben Anspruch auf Darwinia¸ seine Bodenschätze und Ressourcen. Dieser wird ihnen zwar von den Exilregierungen der ehemaligen europäischen Staaten streitig gemacht¸ die jedoch nicht über die Macht verfügen¸ die hegemonialen Ansprüche der Vereinigten Staaten zurückzuweisen.
Im Jahre 1920 macht sich eine große amerikanische Expedition auf¸ die "Alpen" Darwinias zu erkunden. Geleitet wird sie vom prominenten¸ aber unbeliebten und dogmatischen Preston Finch¸ einem Erz-Naochiten¸ mehr Kirchenmann als Forscher. Als Fotograf geht der abenteuerlustige Guilford Law mit auf die gefährliche Reise. Ihm kommen bald Zweifel über die echten Ziele der Finch-Expediton. Viel deutet darauf hin¸ dass sie eher als Spionagemission unterwegs ist¸ um das Terrain für eine Eroberung durch die USA vorzubereiten. In London entdeckt Laws Gattin¸ dass die Briten sich ihrerseits heimlich rüsten¸ um die Amerikaner aus Darwinia zu vertreiben. Diese werden niemals freiwillig das Feld räumen¸ so dass ein Krieg bevorsteht.
Als dieser schließlich ausbricht¸ erreicht er schnell auch die Finch-Expedition. Zu den wenigen Überlebenden gehört Guilford Law¸ doch er ist für sein Leben gezeichnet. Außerdem verfolgt ihn ein Phantom; der Geist eines anderen Guilford Law¸ der behauptet¸ in einer gewaltigen Völkerschlacht umgekommen zu sein¸ die man den "Ersten Weltkrieg" nannte ...
"Darwinia": Das ist eine Wundertüte hinreißender Einfälle und gleichzeitig ein beinahe tragisches Mahnmal für tausend verschenkte Möglichkeiten¸ 'gekrönt' durch den Beweis für die altbekannte Tatsache¸ dass ein Geheimnis um so nachhaltiger wirkt¸ je länger es gewahrt bleibt. Die Ausgangsidee ist durchaus genial zu nennen. Sie funktioniert¸ weil sie so einfach ist: Tilge Europa von der Weltkarte und beobachte¸ was geschieht! Gleichzeitig wird die Geschichte in einer Vergangenheit angesiedelt¸ die nostalgisch den Geist von H. G. Wells und Jules Verne atmet.
Leider unterliegt Robert Charles Wilson der Versuchung¸ das Wunder Darwinia 'erklären' zu wollen¸ und versetzt damit dem Zauber beinahe den Todesstoß. Vielleicht ist es auch primär die Tatsache¸ dass dies zu abrupt geschieht und den Leser arg vor den Kopf stößt. Nachdem man sich behaglich eingerichtet hat in dieser parallelen Welt und sie gemeinsam mit ihren erschrockenen und faszinierten Bewohnern zu erforschen beginnt¸ blendet Wilson plötzlich um ins Weltall¸ wo er uns mit einer lupenreinen¸ aber nur mäßig originellen Science-Fiction-Rahmenhandlung konfrontiert. Abgesehen davon¸ dass dieser Teil der "Darwinia"-Geschichte mit dem Auftauchen scheinbar über Raum und Zeit erhabener¸ tatsächlich aber recht hausbacken agierender Alien-Sphärenwesen in einem Winkel des "Perry Rhodan"-Universums geboren sein könnte¸ bricht der Spannungsbogen jetzt¸ wo Schrödingers Katze aus dem Sack ist¸ jählings ab. Im nun anhebenden Spiel um Schein und Wirklichkeit bleibt das große Vorbild Philip K. Dick jederzeit unerreicht.
Wilson scheint selbst nicht gewusst zu haben¸ welche Geschichte er eigentlich erzählen will. Am Anfang stand anscheinend der Einfall¸ Europa gegen Darwinia auszutauschen. Mit sichtlichem Vergnügen malt der Verfasser sich und seinem Publikum die so auf den Kopf gestellte Welt aus¸ verliert dann aber den Faden. Recht unmotiviert mutet in der zweiten Buchhälfte ein Sprung über 25 Jahre an; er erfolgt offenbar nur¸ um in neuen Darwinia-Reiseberichten zu schwelgen. Dramaturgisch stellt er jedenfalls einen neuerlichen Bruch dar¸ zumal Wilson einige Handlungsstränge des ersten Teils stillschweigend unter den Tisch fallen lässt.
Noch immer hat "Darwinia" seine Momente¸ denn Wilson verfügt über ein ausgeprägtes Gespür für effektvolle Bilder¸ nur dass sie sich eben nicht zu einem harmonischen Ganzen fügen wollen. "Darwinia" fasert bis zum wenig überraschenden Finale immer weiter aus; nicht so schlimm¸ dass es die viel versprechenden ersten Kapitel vergessen macht¸ aber eben schlimm genug¸ so dass wir schließlich doch nur einen Science-Fiction-Roman wie hundert andere gelesen haben.
"Darwinia" gewann 1999 den "Aurora Award" der "Canadian Science Fiction and Fantasy Association" (Wilson¸ geb. 1953¸ lebt seit seinem neunten Lebensjahr in Kanada)¸ aber nicht den "Hugo" der US-amerikanischen Kollegen (und übrigens auch nicht den "Philip K. Dick Award"¸ wie der Klappentext uns glauben machen möchte)¸ was für deren Urteilsvermögen spricht.
Seit "Darwinia" hat Wilson weitere SF-Romane vorgelegt¸ die von der Kritik und seinen Lesern mit wachsender Begeisterung zur Kenntnis genommen wurden. Als bisheriger Höhepunkt seiner Karriere gilt das 2005 erschienene Monumentalwerk "Spin".
Wer mehr über den Schriftsteller und sein Werk erfahren möchte¸ werfe einen Blick auf seine offizielle Website http://www.robertcharleswilson.com.
Eine Rezension von: Michael Drewniok http://www.buchwurm.info/
