Battle Royale
Es kann nur einen geben? Nicht ganz!
Asien in der nahen Zukunft ‐ oder in einer Parallelwelt. Japan und China haben die Republik Großostasien gegründet¸ einen totalitären Staat¸ in dem Furcht und Unterdrückung herrschen. Zum Programm gehört das Experiment "Battle Royale"¸ ein grausames Spiel¸ bei dem jedes Jahr Schulklassen ausgewählt und auf eine einsame Insel verschleppt werden. Dort müssen sich die Schüler gegenseitig bekämpfen¸ bis nur noch ein Überlebender übrig bleibt. Stirbt 24 Stunden lang niemand¸ werden alle exekutiert. Es gibt kein Entkommen. Oder doch?
Der Autor
Koushun Takami¸ 1969 nahe Osaka geboren¸ lebt in der Gegend von Shikoku¸ Südjapan. Er studierte Literatur und arbeitete als Journalist für eine Nachrichtenagentur. Nachdem er diese 1996 verlassen hatte¸ schrieb er den Roman "Battle Royale"¸ der es bis in die Endausscheidung eines Literaturwettbewerbs schaffte¸ dort aber aufgrund seiner kontroversen Thematik abgelehnt wurde. Als der Roman 1999 in Japan dennoch erschien¸ wurde er vor allem von jüngeren Lesern begeistert gefeiert und ein Millionenbestseller. Er lieferte die Vorlage für mehrere Kinofilme (die auch hierzulande bekannt sind)¸ Comics und Manga. Takami arbeitet an einem zweiten Roman.
Handlung
Frühjahr 1997. Die Klasse 9 B der Shiroiwa High School hat sich ihren Schulausflug ans Binnenmeer von Kyushu sicher etwas anders vorgestellt. Die 21 Mädchen und 21 Jungen¸ alle um die 15 Jahre alt¸ werden im Schulbus durch ein Gas betäubt und erwachen erst wieder¸ als sie sich auf der Insel Okishima befinden. Die Insel ist menschenleer bis auf ein einige Soldaten. In einem ehemaligen Schulgebäude erwachen die 42 Schüler¸ als sie ein Typ¸ der sich Kinpatsu Sakamochi nennt¸ anbrüllt. Sie fragen sich natürlich¸ was das soll. Er erklärt es ihnen. Sie sind die diesjährigen Teilnehmer am allseits bekannten Spiel "Battle Royale". Es wird zwar von der diktatorischen Regierung Großostasiens als "Programm Nr. 68" bezeichnet¸ doch darum schert sich niemand. Aber jeder fürchtet es.
Das Kampfexperiment Nr. 68 sieht vor ‐ und das erklärt auch Herr Sakamochi sehr deutlich ‐¸ dass eine Gruppe Schüler auf einer einsamen Insel ausgesetzt wird und dort mit Waffen und Überwachungsgerät versehen so lange kämpfen muss¸ bis es nur noch einen Überlebenden gibt. Dieser wird dann geehrt. Doch wenn es keine Kämpfe gibt¸ werden alle binnen 24 Stunden getötet¸ und zwar durch Fernzündung der kleinen Sprengladung¸ die sich im Halsband befindet¸ das jeder Teilnehmer verpasst bekommen hat. Einspruch ist nicht möglich. Damit die Schüler ständig in Bewegung bleiben¸ gibt Sakamochi über Megafone die zeitweilige Einrichtung von Verbotenen Zonen bekannt¸ die den Planquadraten auf der Landkarte entsprechen¸ die jeder Schüler bekommt. Wer sich in einer Verbotenen Zone nach einem vorher bekannt gegebenen Zeitpunkt aufhält¸ stirbt durch sein Halsband. Ein Wegschwimmen ist nicht möglich¸ denn das Meer wird von Schiffen des Militärs überwacht.
Als Yoshotoki Kuninobu sich weigert¸ am Spiel teilzunehmen und verkündet¸ er werde die Schweinehunde alle umbringen¸ wird er von Sakamochi kurzerhand erschossen. Die Soldaten legen auf den Rest der Schüler an. Die Schülersprecherein geht ebenfalls drauf. Yoshitokis bester Freund Shuya Nanahara muss schwer an sich halten¸ um nicht aufzuspringen und dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Es hätte ihn nur das Leben gekostet. Durch Zettel verständigt er sich mit anderen¸ um Kooperation zu erzielen. Die Überlebenschancen der Beteiligten steigen.
Das Spiel beginnt
Schon in den ersten Minuten gibt es Tote. Jeder Schüler bekommt einen Ausrüstungsgegenstand¸ meist eine Waffe¸ aber manchmal auch Blödsinn wie eine Klaviersaite. Die Schlauesten warten entweder wie Shuya auf ihren Partner oder rennen gleich los in den umgebenden Wald. Shuya entkommt um Haaresbreite einem Anschlag und schlägt sich mit dem Mädchen Noriko in die Büsche. Sie ist verletzt¸ und er hilft ihr¸ einen sicheren Unterschlupf zu finden. Jedenfalls so lange¸ bis auch diese Stelle zur Verbotenen Zone erklärt wird.
Shuya¸ eine der Hauptfiguren¸ sorgt sich um seinen Freund Shinji¸ der einfach alles weiß. Shinji Mimura ist ein Hacker¸ und da er sein Handy dabeihat und einen Laptop-Computer findet¸ gelingt es ihm als gewieftem Hacker¸ in die Rechner des Regierungspräsidiums der Provinz Kagawa einzudringen. Normalerweise funktionieren Handys auf der Insel nicht¸ aber sein Handy ist natürlich aufgemotzt. Es gelingt ihm sogar¸ einen Virus in die Sicherungsdateien der Rechner einzuschleusen. (Darauf bezieht sich das am Anfang abgedruckte "Regierungsmemorandum 00387461".) Doch als er die Computer zum Absturz bringen will¸ streikt sein Laptop: Er bekommt keine Verbindung mehr!
Shinji akzeptiert erst nach einer Weile¸ was die einzig mögliche Schlussfolgerung aus dem Geschehenen ist: Mit Hilfe der Halsbänder können Sakamochis Leute die Schüler nicht nur töten¸ sondern auch abhören! Jetzt wird Shinji erst recht sauer. Zusammen mit dem nicht so erfahrenen Mitschüler Yutaka baut er eine primitive Bombe¸ die er auf das Schulgebäude abladen will¸ in dem Sakamochi die Fäden in der Hand hält.
Zwischenstand
Unterdessen schleichen diverse Killer durchs Unterholz. Nach nur zwölf Stunden ist die Zahl der Spielteilnehmer bereits auf 50 Prozent gesunken. Sakamochi freut sich. Er hat mit verschiedenen Regierungsvertretern Wetten abgeschlossen¸ wer am längsten durchhält und wer der letzte Überlebende sein wird. Das dürfte der eigentliche¸ perverse Zweck des Spiel sein: eine Wette.
Doch Sakamochi hat weder mit Shinjis Einfallsreichtum noch mit der Kaltblütigkeit und Erfahrung des Überlebenden des vorhergehenden Spiels gerechnet. Irgendwie hat man Shogo Kawada übersehen. Ein verhängnisvoller Fehler.
Mein Eindruck
Man sollte meinen¸ dieses "Zehn-kleine-Negerlein"-Spiel sei ziemlich vorhersehbar¸ und für viele Szenen trifft dies leider auch zu. Da passiert dann viel Feuerzauber¸ und jede Menge Geballere hallt durch den Busch auf der Insel. Das sollte man auch erwarten können bei rund fünfzig bis an die Zähne bewaffneten Leuten. Dennoch schafft es der Autor¸ Spannung zu erzeugen¸ und das einmal auch auf Kosten des Lesers. Wer sich auf die Angabe zum Spielstand verlässt¸ wird nämlich ab Seite 280 aufs Kreuz gelegt. In Kapitel 37 sterben zwei Schüler¸ aber seltsamerweise wird nur einer vom Spielstand subtrahiert. Der Grund wird erst zwei Kapitel später klar: Erst in Kapitel 39 gibt Schüler Nr. 2 endgültig den Löffel ab. Am Schluss gibt es noch eine zweite¸ ähnliche Überraschung.
Die meisten 15-jährigen Mädchen werden ohne Federlesen abgeschlachtet¸ und das letzte überlebt nur deshalb¸ weil sich gleich zwei Jungs schützend um sie bemühen. Eines der Mädchen lebt in einer Scheinwelt aus Videospielfiguren und hält sich für eine unbesiegbare Amazone. Der psychopathische Killer Kazuo erschießt sie¸ ohne sich auch nur die Mühe zu machen¸ sich nach ihr umzudrehen. Es gibt aber auch richtig böse Mädels wie Mitsuo¸ die nicht nur die Konkurrenz abschlachtet¸ weil sie fies ist¸ sondern auch weil sie bereits Erfahrungen hat¸ die man nur bei Erwachsenen erwarten würde: Sie hat sich bereits prostituiert und würde wohl demnächst Drogen nehmen ‐ wenn ihr nicht eine tödliche Waffe den Garaus machen würde. Dennoch: Sie hat es weit gebracht. Wenn man die Spielregeln berücksichtigt.
Diese Spielregeln führen zu raschen Dezimierung der ausgesetzten Schüler¸ auf die die Spiellleiter gewettet haben. Es gibt aber eine Regel¸ die sich die Teilnehmer zunutze machen können: Einer darf überleben¸ und der wird geehrt und aufs Festland zurückgebracht. Auf der Fahrt steht er dem Spielleiter gegenüber und kann die Situation zu seinen Gunsten ändern. Diese und etliche andere Wendungen sorgen für ironische Aspekte¸ über die sich der jugendliche Leser¸ der sich in einer ähnlichen ausweglosen Lebenslage sieht wie die Figuren¸ sicherlich freut. Es gibt ansonsten herzlich wenig zu lachen im Buch.
Wie die überlebenden Figuren auch¸ insbesondere die Hauptfigur Shuya¸ fragen sich die Spieler¸ was dieses Mistspiel für einen Sinn haben soll. Man hat ihnen und ihren Eltern bzw. der Öffentlichkeit weisgemacht¸ das Spiel diene einem militärischen Zweck¸ aber worin soll der bestehen? Von einer koordinierten Kampfweise kann keine Rede sein¸ denn die Spieler verfügen über keine Kommandostruktur. Und wenn Sakamochi das Spiel leitet¸ dann doch wohl nicht gegen soldatisch ausgebildete Gegner¸ sondern gegen (meist) wehrlose Schüler.
Shogo erklärt es auf Seite 227 so¸ dass irgendeiner der hinrverbrannten Bürokraten einmal auf diese Idee gekommen ist und da ihm niemand widersprechen durfte¸ ohne als ideologischer Abweichler ins Arbeitslager gesteckt zu werden¸ hielt niemand diesen hirnlosen Plan auf. Und jetzt habe man den entsprechenden Faschismus. Was Shogo aber nicht sagt¸ ist¸ dass der Faschismus zwar so als Schreckensherrschaft und Ideologie funktioniert¸ dass aber das Spiel auch missbraucht werden kann. Das merkt er erst am Schluss. Sakamochi erklärt ihm¸ auf wen er gewettet hat. Da wird Shogo stinkesauer und zahlt es ihm heim. Außerdem hat er noch eine Überraschung parat.
Shogo weiß auch ‐ von seinem gebildeten¸ aber mittlerweile verhafteten Onkel ‐ viel über die Geschichte Großostasiens. Vor 75 Jahren habe es einmal eine Volksrepublik Südkorea gegeben¸ doch eine Verschwörung der amerikanischen Imperialisten und der Demokratischen Nation der Koreanischen Halbinsel ( = Nordkorea) führte zur Annexion Südkoreas durch Nordkorea. Um die Südkoreaner von den Imperialisten zu "befreien"¸ musste Großostasien (Japan und China) die Koreanische Halbinsel besetzen. So die offizielle Version. Das ist zwar Expansionspolitik des frühesten 20. Jahrhunderts¸ aber erstens erscheint sie plausibel und zweitens muss sie ja nicht stimmen: wahrscheinlich nur Propaganda. Tatsache scheint aber zu sein¸ dass sich Großostasien ohne Lücken ausbreitet: ein Kontinent voller Furcht.
Diese düstere Future History erscheint plausibel und würde jeder SF-Story gut zu Gesicht stehen. Vor dem Hintergrund dieses Szenarios kann man weitere Geschichten spielen lassen und das ist auch in der Tat der Fall. Mangas und Filme wurde bekanntlich schon hier inszeniert. Und da am Schluss zwei der Schüler überleben und zu Untergrundkämpfern werden¸ kann die Saga von "Battle Royale" weitergehen.
Mein Leseerlebnis
Ich fand das Buch sehr einfach zu lesen¸ denn es bietet keine stilistischen Probleme oder einen Hintergrund¸ der schwer zu akzeptieren wäre. Allerdings fiel es mir schwer¸ die Story weiterzulesen¸ denn nur einen weiteren gewaltsamen Tod zu erleben¸ erschien es mir nicht die Mühe wert. Aber ich stand es durch¸ vor allem deshalb¸ um herauszufinden¸ ob und wie die dreiköpfige Kerngruppe überlebt. Meine Mühe wochenlanger häppchenweiser Lektüre (jeweils 50 Seiten) wurde belohnt. Die Listen und die Landkarte erleichterten mir¸ die Übersicht zu behalten¸ selbst wenn ich mal eine Woche aussetzte.
Der Vergleich mit dem "Herr der Fliegen"¸ den das Marketing umsatzträchtig auf dem Cover reklamiert¸ ist allerdings an den Haaren herbeigezogen. Erstens gibt es keinen Atomkrieg¸ so dass jederzeit Rettung möglich wäre. Zweitens sind die Kinder absichtlich "ausgesetzt" worden¸ natürlich ohne Waffen. Drittens gibt es keinen Teufels- und Jägerkult wie in Goldings Roman. Und viertens rettet niemand die Kinder vor sich selbst¸ wie es am Ende des Buches (oder zumindest des werkgetreueren Films von Peter Brooks) geschieht.
Die Übersetzung
Die Arbeit der beiden Übersetzer ist sprachlich meist gelungen. Stilistisch mussten sie sich nicht sehr abmühen¸ denn der Stil ist denkbar einfach. Poetische Vergleiche und Metaphern kommen kaum vor¸ von Stilfiguren wie Alliterationen ganz zu schweigen. Das ist der prekären Lage der meisten Spielteilnehmer wohl angemessen. Das bedeutet aber nicht¸ dass es keine Spannung gibt ‐ siehe oben.
Dafür gibt es umso mehr Druckfehler. Auf Seite 243 wird aus einem "aus" ein "auch". Auf den Seiten 299 und 339 wird Shogo mit Shuya verwechselt¸ was den Leser ziemlich verwirren kann. Auf Seite 506 erhält Shuya sogar ein weibliches Geschlecht!
Dass die Übersetzer aber in der deutschen Sprache nicht ganz firm sind¸ verunsichert zusätzlich. Auf Seite 468 steht "preisten"¸ wie es korrekt "priesen" heißen müsste¸ und auf Seite 259 klingt der Satz "Shogo wollte¸ dass sie mehr isst" zwar in Odnung¸ ist aber falsch¸ denn hier sollte das Präteritum "aß" stehen.
"Hardcore"? Diese Textfassung ist definitiv "Softcore"!
Unterm Strich
Dafür¸ dass dieser Roman eine Millionenauflage erreicht haben soll¸ fand ich ihn recht mühevoll zu lesen. Das lag aber nicht an der Verständlichkeit¸ welche ausgezeichnet ist¸ sondern an der Vorhersehbarkeit der Aktionen: "Neues Kapitel¸ neue Tote"¸ lautet das Prinzip. Zum Glück wird dieser langweiligen Dynamik ab der Hälfte verstärkt entgegengewirkt¸ indem Widerstand zum Tragen kommt. Der bringt unvorhersehbare Elemente ein¸ was zu mehr Spannung und Hoffnung Anlass gibt. Schließlich las ich dann weiter¸ um herauszufinden¸ wer von der Kerngruppe überlebt ‐ und wurde vom Autor ein ums andere Mal hinters Licht geführt. Das war aber trotzdem nicht wahnsinnig lustig. Denn auch der Endkampf ist so blutig¸ wie man es befürchtet hat.
Das Ganze hat den Charakter eines Videospiels¸ und auch der am Ende jedes Kapitels angezeigte "Spielstand" verstärkt diesen Eindruck. Auch dies nutzt der Autor aus¸ um den Leser zu täuschen. Was dieses Spiel mit dem aktuellen Leben der Jugend in Japan zu tun¸ kann ich nicht ermessen und will daher nicht versuchen¸ darüber zu spekulieren.
Wenn das Buch ein Millionenpublikum gefunden hat¸ so muss dies wohl an einer gewissen Resonanz liegen. Die unzähligen Biografien¸ die der Autor erzählt¸ malen ein breites Panorama einer jungen Generation. Dass dieses Bild weitgehend unpolitisch ist¸ macht es für heutige Leser umso leichter nachvollziehbar (wären alle Jugendlichen in so etwas wie der Hitlerjugend¸ sähe das ganz anders aus¸ denn sie wären alle gleichgeschaltet) und damit interessanter. Sie können sich fragen: Wie würde ich mich in dieser Lage bewähren? Würde ich in den ersten fünf Minuten untergehen? Oder wäre ich bereit¸ alle anderen zu töten¸ um selbst zu überleben?
Hintergrund: Einen Vorgeschmack dieses Überlebenskampfes erhalten übrigens fast alle japanischen Schüler und vor allem Schulabsolventen¸ wenn ihre Eltern sie unbedingt auf die beste Universität des Landes schicken wollen. Davon gibt es nur eine Handvoll¸ z. B. Haneda in Tokyo¸ und entsprechend unerbittlich ist der Konkurrenzkampf um die wenigen Zulassungsstellen. Der Numerus Clausus hierzulande ist ein Kindergeburtstag dagegen. Aber wer einen optimalen Uni-Platz ergattert¸ der hat später in der Wirtschaft automatisch bessere Chancen¸ einen gutbezahlten Job zu erhalten.)
Die Textfassung ist nicht so optimal¸ wie ich mir das gewünscht hätte. Eindeutig fehlt hier ein Korrektor. Aber Korrektoren wurden wohl schon vor Jahren abgeschafft¸ und daher gibt es eine Menge Druckfehler¸ Verwechslungen und sogar deutschsprachige Fehler¸ vom Stil ganz zu schweigen (siehe oben unter "Übersetzung").
Fazit: Ich würde das Buch auf keinen Fall ein zweites Mal lesen.
Originaltitel: Battle Royale¸ 1999
624 Seiten
Aus dem Japanischen von Jens und Akiko Altmann
http://www.heyne-hardcore.de
Michael Matzer [03.11.2006]
Diesen Ausflug wird die Klasse 9-B der Shiroiwa Junior High School weder vergessen noch überleben: Die 42 Jungen und Mädchen haben die "Ehre"¸ die Präfektur Okishima im "Programm" repräsentieren zu dürfen. China und Japan haben sich zur "Republik Großostasien" zusammengeschlossen¸ die von einer Militärdiktatur regiert wird. Gegner des Regimes werden verfolgt und ohne Verhandlung eliminiert. Den Rest der Welt hat man zum "Feind" erklärt¸ sich abgeschottet und ewige Wachsamkeit verordnet.
Um den allgemeinen Wehrwillen der Jugend zu "testen"¸ hat das Regime das "Programm" entwickelt. In jedem Jahr werden 50 Klassen der Jahrgangsstufe 9 ausgelost. Diese Schüler werden ohne ihr Wissen an isolierte¸ vom Militär streng überwachte Orte gebracht. Dort stattet man sie mit Waffen aus und zwingt sie einander umzubringen¸ bis nur ein Überlebender geblieben ist. Den "Sieger" erwartet ein Leben in Luxus¸ die Wissenschaftler des Regimes werten ihre Daten aus.
Besagte Klasse 9-B wird auf die Insel Okishima transportiert. Dort erwartet sie ihr zynischer "Kursleiter" Kinpatsu Sakamochi¸ ein absolut linientreuer Vertreter seines Staates. Er informiert die geschockten Schüler über ihre erzwungene Teilnahme am "Programm". Aufkeimender Widerstand wird durch Mord geahndet¸ was den Übrigen verdeutlicht¸ dass es kein Entkommen gibt. Sie sollen sich über die Insel verteilen und kämpfen. Sich zu verstecken¸ ist zwecklos; in regelmäßigen Abständen werden bestimmte Sektoren von Okishima zu "Verbotenen Zonen" ausgerufen. Wer sich dort aufhält¸ stirbt durch die Explosion eines mit Sprengstoff gefüllten Halsrings¸ der allen Schülern umgelegt wurde. Auf dem Meer verhindern Wachschiffe jede Flucht.
Das "Programm" beginnt¸ und zum Entsetzen der besonnenen Schüler fügen sich Freunde und Klassenkameraden dem Terror. Sofort beginnt das Gemetzel. Allianzen werden geschlossen¸ Fronten aufgebaut¸ Versprechungen gemacht¸ Taktiken entworfen. Doch unter dem allgegenwärtigen Druck zerfallen Moral und Menschlichkeit. Der pure Überlebenswille diktiert das Verhalten. Stetig nimmt die Zahl der Schüler ab¸ während überall auf der Insel Leichen liegen. Und doch gibt es selbst in der Hoffnungslosigkeit Anzeichen dafür¸ dass der Mensch nicht jeden Menschen brechen kann ...
Was macht den Menschen "menschlich"¸ d. h. was unterscheidet ihn vom Tier¸ das primär das Überleben der Art und erst danach das des Individuums zu gewährleisten sucht? Wie dick oder dünn oder stabil ist jene Tünche¸ die wir "Zivilisation" nennen und die verspricht¸ atavistische Triebe wie den unbedingten Willen¸ notfalls auch auf Kosten des Schwächeren zu überleben¸ abzufedern? Wie ist es um Moral und Solidarität bestellt¸ werden sie ernsthaft in Frage gestellt?
Die Realität beweist immer wieder die Aktualität dieser Fragen. Wissenschaftlich und akademisch aber auch künstlerisch haben sich Menschen mit ihnen beschäftigt. Romane füllen viele Regalmeter. Immer wieder wird ein Titel genannt¸ der auch in der Werbung für "Battle Royale" nicht vergessen wird: 1954 verfasste William Golding (1911-1993) "Lord of the Flies" (dt. "Herr der Fliegen"): Auf einer einsamen Insel strandet eine Gruppe sechs- bis zwölfjähriger Schulkinder. In der Krise zerfällt das soziale Regelwerk¸ das ihnen anerzogen wurde; der Urmensch kommt zur Vorschein¸ der überleben will¸ und sei es auf Kosten jener¸ die in diesem "Wettbewerb" nicht mithalten können.
Golding führt die Mechanismen dieses Niedergang mit der Intensität eines wahrlich genialen Schriftstellers vor; nicht ohne Grund verlieh man ihm 1983 den Nobelpreis für Literatur. Vor allem erschütterte die zeitgenössischen Leser¸ dass er Kinder als Protagonisten wählte¸ die als Repräsentanten einer naturgegebenen Unschuld galten. Koushun Takami¸ ein Kind der wesentlich zynischeren zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts¸ hat die Korrumpierbarkeit auch der Jugend längst verinnerlicht. Er geht einen Schritt weiter: Was wäre¸ wenn auf Goldings Insel als weiterer Faktor eine Macht ins Spiel käme¸ welche die Gestrandeten gezielt zu aggressivem¸ asozialem Verhalten anhielte oder sogar zwänge?
Nun ist Takami kein Golding oder auch nur ein Schriftsteller¸ der annähernd dessen Format erreichte. (Die deutsche Übersetzung leistet ihm vermutlich weitere Bärendienste mit ihrem gequält "authentischen" Jugendslang à la "Geschnallt?"¸ "Schnackelt"s?" oder "Männo!".) Seine Prosa ist simpel¸ die Story ist es auch - scheinbar¸ denn tatsächlich geht der Verfasser raffinierter vor¸ als man zunächst annimmt. Die einfache Sprache nennt die Dinge beim Namen. Es gibt kein Drumherum¸ keine Ausflüchte¸ keine ablenkenden Wortspielereien. Unbarmherzig wird der Leser mit dem Geschehen konfrontiert. Dessen Brutalität teilt sich ihm (oder ihr) ungefiltert mit. Auch die Perfektion der Falle¸ in der sich die Schülerinnen und Schüler der Klasse 9-B gefangen sehen¸ wird von Takami immer wieder herausgestellt. Den jungen Menschen bleiben keine Auswege. Sie werden aufeinander gehetzt und müssen für sich entscheiden¸ ob sie mittun.
Genau dieser Prozess wird vom Verfasser in allen Möglichkeiten durchgespielt. Resignation und Selbstmord¸ Verzweiflung und Aufstand¸ Mitläufertum sowie die radikale Entscheidung¸ das "Spiel" zu spielen: Takami "verbraucht" viele Protagonisten¸ bis er den Menschen entweder seiner Menschlichkeit entkleidet - oder ihn selbst in der Hoffnungslosigkeit triumphieren lässt.
Wie üblich mokier(t)en sich Kritiker über die intensiv geschilderten Grausamkeiten. Sie übersehen offenbar die Kritik¸ welche Takami - zugegeben nicht gerade subtil oder "künstlerisch" - an realen Missständen übt. Hier ist es vor allem der supressive Zug der asiatischen - japanischen - Gesellschaft. Die Disziplin steht über allem¸ das Individuum verschwindet hinter den Forderungen der Gesellschaft¸ die indes von Individuen formuliert oder diktiert werden¸ die sich zu "Volksvertretern" aufgeschwungen haben. Selbstmord unter Schulkindern¸ die dem Druck und den Erwartungen nicht mehr gewachsen waren¸ ist in Japan ein reales¸ gern tot geschwiegenes Phänomen - wo gehobelt wird¸ fallen hält Schwächlinge ...
Die Geschichte hat darüber hinaus bewiesen¸ dass diese ausgeprägte Eigenheit der asiatischen Kultur die Menschen folgsam macht¸ was Diktaturen begünstigt - Japan hat diese dunkle Seite in "seinem" II. Weltkrieg unter Beweis gestellt¸ Nordkorea tut es noch heute. Beide Länder und ihre Geschichte/n werden von Takami in "Battle Royale" thematisiert.
Sicherlich ist "Battle Royale" als Roman zu lang geraten. Viermal zehn ausführlich geschilderte Tode wären nicht nötig gewesen¸ um auf den Punkt zu kommen. Freilich schwebte Takami keine primär didaktische Geschichte vor. "Battle Royale" sollte auch oder vor allem ein spannender Roman sein. Dem ist auch der Schluss geschuldet¸ der die wenigen Überlebenden einen Ausweg finden lässt¸ der wenig überzeugend wirkt und dem widerspricht¸ was Takami viele Seiten so nachdrücklich in Szene gesetzt hat. Allerdings ist das Finale nicht unbedingt "happy"¸ sondern offen; es lässt Spielraum für eine Fortsetzung des "Spiels"¸ die zumindest im Film inzwischen stattgefunden hat.
42 Schüler lässt Verfasser Takami im blutigen Wettstreit gegeneinander antreten. Der Umfang seines Romans ermöglicht es¸ jedem zumindest eine kurze Lebensgeschichte zu gönnen. Es gibt kein "Kanonenfutter"; Takami schildert Individuen¸ deren Tod vom Leser eine Reaktion fordert. Nichtsdestotrotz schälen sich einige "Helden" heraus. Da sind als Repräsentanten der "Guten" Shuya Nanahara¸ Noriko Nakagawa und Shogo Kawada. Shuya und Noriko verkörpern männliche bzw. weibliche "Normalmenschen"¸ die dem Terror nichts als ihre unbeirrbare Moral entgegensetzen: Man darf sich dem Regime nicht beugen¸ nicht "mitspielen"¸ sondern soll sich ungeachtet möglicher Repressalien zusammenschließen¸ Widerstand leisten¸ Gewalt verweigern. Shogo ist der Rebell¸ der sich ebenfalls dem Regime entgegenstemmt¸ ohne jedoch dessen Methoden gänzlich abzulehnen: Er kämpft¸ stellt Fallen¸ geht in die Offensive¸ fordert nicht nur Gerechtigkeit¸ sondern Rache; Shogo hat bereits Verwandte und Freunde an das Regime verloren. Anders als Shuya und Noriko denkt er deshalb nicht an Flucht ins sichere Ausland. Shogo will das "Spiel" überleben und die Insel verlassen¸ um unterzutauchen und dann gegen den "Diktator" und seine Schergen vorzugehen. Er rechnet sich keine echte Chance aus¸ diesen Kampf zu gewinnen¸ aber er will ihn führen.
Nur mit ihm verbündet können die Gutmenschen Shuya und Noriko das "Programm" überstehen. Shogo lehrt sie die Drecksarbeit des Tötens¸ übernimmt diesen Job stillschweigend meist selbst¸ weil er sich selbst als schon Verlorenen und Versehrten sieht und in seine Freunde ein Leben projiziert¸ das ihm selbst unmöglich geworden ist.
Eine weitere Hauptperson ist Kazuo Kiriyama. Takami formt ihn zum perfekten Instrument des Regimes¸ das freilich seinen Wert eigentlich einbüßt: Kazuo ist kein Gefolgsmann des "Diktators"¸ sondern eine seltsame Laune der Natur - ein Psychopath ohne Gefühle¸ der ohne innere Bewegung einfach beschließt¸ die "Prüfung" zu bestehen. Ihm liegt nichts daran; Kazuo¸ der überaus erfolgreich mordet¸ findet nicht einmal Gefallen an seinen Taten. Er ist ein Roboter aus Fleisch und Blut¸ der sich quasi selbst programmiert hat. Die Figur widerspricht im Grunde der Intention des Autors. Kazuo wäre in jeder Gesellschaft zu fürchten. Das Regime hat ihn nicht wirklich geformt¸ weil es nie wirklich zu ihm durchdringen konnte. Wahrlich Furcht erregend wirkt indes Kinpatsu Sakamochi¸ der seiner Aufgabe als "Kursleiter" voller Überzeugung nachgeht. Er kann fühlen und könnte sich dem Regime verweigern¸ will und wird dies jedoch gar nicht: Sakamochi ist ein treuer Diener seines Herrn¸ was ihm dieser mit gewissen Privilegien honoriert¸ so lange er "funktioniert": Er gehört zu den Zahnrädern¸ die den Schrecken in Bewegung halten.
"Battle Royale" entwickelte sich auf dem japanischen Buchmarkt rasch zum Bestseller¸ was die örtliche Filmindustrie umgehend aufmerken ließ. Schon kurz nach der Veröffentlichung 1999 stand fest¸ dass der renommierte Regisseur Kinji Fukasaku den Roman nach einem Drehbuch seines Sohnes Kenta verfilmen würde. 2000 kam "Battle Royale" in die Kinos und erregte wegen der radikalen Umsetzung des Buches einige Aufregung und Kritik¸ wobei allerdings anerkannt wurde¸ dass trotz diverser Änderungen und Vereinfachungen¸ die der Umfang der Vorlage erforderlich machte¸ nicht die (von den Medien ohnehin in ihrer Drastik aufgebauschten) Splattereffekte im Vordergrund standen. Der Erfolg von "Battle Royale" ermöglichte es dem Regisseur¸ mit diversen Darstellern noch einmal ins Studio zurückzukehren und einige Szenen nachzudrehen¸ die das Geschehen vertieften¸ erläuterten und offen gebliebene Fragen beantworteten.
Während Autor Koushun Takami von einer Fortsetzung seines "offen" endenden Romans bisher Abstand nahm¸ griffen die Fukasakus den Faden 2003 mit "Battle Royale II ‐ Requiem" wieder auf: Vier Jahre nach dem Desaster der ersten "Prüfung" zwingt das Regime 42 Schülerinnen und Schüler zum Angriff auf die Inselfestung der "Wilden Sieben"¸ einer Terroristengruppe¸ die dort ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat und gegen die Regierung vorgeht. Kinji Fukasakus¸ der wiederum inszenierte¸ erlag noch während der Dreharbeiten einem Krebsleiden; die Regie übernahm Sohn Kenta. "Battle Royale II" ist wie so häufig eine Fortsetzung ohne die Eindringlichkeit des Originals geworden. Die Bildsprache lässt wiederum nicht an Deutlichkeit zu wünschen übrig¸ doch die bekannten Tricks einer Geschichte¸ die nicht wirklich Neues zu bieten hat¸ werden offensichtlich: Die "Spielregeln" wurden verschärft¸ die "Spieler" sterben noch grausamer als zuvor.
Während Autor Takami an den "BR"-Filmen wenig oder gar nicht beteiligt war¸ arbeitete er eng mit dem Zeichner Masayuki Taguchi für die Umsetzung seines Romans zur Manga zusammen¸ die genretypisch das Buch seitenzahlmäßig weit in den Schatten stellt. Rund um Buch und Film wuchern darüber hinaus zahlreiche Merchandising-Triebe¸ die dem Hardcore-Fan Puppen¸ Shirts und anderen Schnickschnack liefert¸ für welchen die Rohstoffe dieser Erde sicherlich nicht vergeudet werden dürften.
Koushun Takami (bzw. Takami Kôshun¸ wie der Name im Japanischen lautet) wurde 1969 in Amagasaki¸ einem kleinen Ort in der Präfektur Hyogo bei Osaka auf der Insel Honshu¸ geboren. Er wuchs auf der Insel Shikoku in der Präfektur Kagawa auf¸ ging später nach Osaka¸ wo er an der dortigen Universität Literatur studierte. Zwischen 1991 und 1996 arbeitete Takami für die Nachrichtenagentur Shikoku Shimbun¸ für die er u. a. Artikel in den Bereichen Politik und Wirtschaft verfasste sowie als Polizeireporter tätig wurde.
In seiner Freizeit versuchte sich Takami als Schriftsteller; er hatte an diversen Kursen für kreatives Schreiben teilgenommen. 1996 gab er die journalistische Tätigkeit auf und arbeitete intensiv an seinem Debütroman. Wegen des kontroversen Inhalts wurde "Battle Royale" aus einem Literaturwettbewerb verbannt ‐ willkommene Werbung für das Werk¸ das auf dem Buchmarkt rasch zum Bestseller wurde¸ der 2000 verfilmt (Fortsetzung 2003) und mit Takami als Co-Autor zur Manga umgearbeitet wurde.
Als Schriftsteller hat Takami nach "Battle Royale" nichts mehr veröffentlicht. Schon seit längerem schreibt er an einem neuen Roman¸ über dessen Inhalt er sich ausschweigt.
Eine Rezension von: Michael Drewniok http://www.buchwurm.info/
