Der Ewige Tod (M04)
Bislang führten die erschienenen Myranor-Abenteuer die Helden hinaus in die Wildnis¸ um nach verschollenen Artefakten zu suchen¸ um ein Orakel zu befragen oder um neue Entdeckungen zu machen. 'Der ewige Tod' aber führt die Helden zum erstenmal mitten in das Stadtgeschehen einer myranischen Metropole¸ mit diesem Abenteuer haben wir also das erste Myranor-Stadtabenteuer vor uns liegen.
Sidor Corabis heißt die große Stadt¸ in der die Helden sich in ein Abenteuer verstricken¸ an das sie sich noch lange erinnern werden. Sidor Corabis ist - wie die meisten Großstädte des Imperiums - ein wahrer Moloch¸ eine unüberschaubare Ansammlung von Häusern¸ Palästen¸ Baracken¸ Tempel¸ Werkstätten¸ Ghettos und Gemeinbauten. Mit Erstaunen sieht man zunächst¸ dass kein Stadtplan im Heft vorhanden ist¸ doch beim Lesen wird klar¸ dass man nicht unbedingt einen benötigt. Man verfolgt hier die Linie¸ für Myranor nicht alle so detailliert bis zur letzten Sackgasse festzulegen (wie auf dem anderen Kontinent Aventurien)¸ sondern dem Spielleiter größtmögliche Freiheiten für die Selbstgestaltung zu überlassen. Die große Stadt ist somit mit ihren wenigen Eckdaten¸ die angegeben sind¸ doch für dieses Abenteuer hinreichend beschrieben. Zudem spielen die meisten Szenen nur in bestimmten Vierteln der Stadt.
Und was zusätzlich gut gelungen ist¸ das sind immer wieder Beschreibungen¸ wie es auf und unter den Straßen der Stadt zugeht. Denn die Spieler werden wohl einen Großteil in den finsteren Winkeln dieser Stadt zubringen¸ im Viertel der Neristu¸ jenes geheimnisvollen lichtscheuen Volkes¸ dem man nachsagt¸ nur aus Dieben und Einbrechern zu bestehen. In diesem Abenteuer schließen die Helden also Bekanntschaft mit diesem 'bleichen Volk' und erleben in der Folge eine Unmenge an seltsamen Begegnungen¸ suchen geheime Schauplätze auf und können die Kultur der Neristu hautnah erleben.
Dieses Abenteuer wendet sich an 'Erfahrene'¸ so der Hinweise auf der Ecke am Cover. Der Hinweis hat durchaus seine Berechtigung. Sind Stadtabenteuer ohnehin nicht unbedingt für Einsteiger empfehlenswert¸ so ist es 'Der ewige Tod' schon gar nicht. Der Spielleiter muss hier eine Unmenge Personen glaubhaft darstellen¸ viele davon mit so exotischen Merkmalen wie vier Armen oder mit der Fähigkeit zum Farbwechseln. Er muss eine gigantische fremdartige Stadt zum Leben erwecken¸ und er sollte natürlich über all die Motive und Ziele der vielen¸ vielen Meisterfiguren informiert sein und wie diese auf alle denkbaren Interaktionen der Spieler reagieren.
Aber auch die Spieler sollten ein gerütteltes Maß an Erfahrung mitbringen. Hier in der Stadt¸ da ist kluges Taktieren gefragt¸ da will kombiniert werden¸ da gilt es¸ Konversation zu führen mit den Bewohnern¸ da verlangt es von den Spielern auf jeden Fall soziales Einfühlungsvermögen. Kriegerische Haudrauf-Charaktere oder chaotische Anarcho-Helden sind in diesem Abenteuer sicherlich völlig fehl am Platz. Und ebenso Neristu-Spielerhelden. Ist klar¸ denn den Reiz des Abenteuers macht es unter anderem aus¸ zu entdecken¸ wie die Neristu diese Welt eigentlich sehen.
Stimmt aber diese Mischung (erfahrener Spielleiter und neugierig/kommunikative Stadtcharaktere¸ die bereit sind¸ sich auf eine fremdartige Kultur und ihre Sitten und Gebräuche einzulassen)¸ dann erwartet die Spieler ein stimmungsvolles Abenteuer¸ das seine ganz eigenen Reize hat. Und es ist recht 'lang' geraten - man wird also mehrere Spielabende benötigen¸ bis man 'Dem ewigen Tod' abgewendet hat.
<p>Als besonderer Bonus finden sich im Heft dann noch 14 Seiten über die Kultur der Neristu. Ihre Lebensweise¸ die von Wohnen bis Essen beschrieben wird¸ ihre Kleidung¸ ihre Geheimnisse (nicht alle!)¸ ihre Religion¸ ihre Künste - und ein neuer neristischer Kampfstil. Zusammenfassend lässt sich sagen¸ dass - unter Berücksichtigung der erwähnten Voraussetzungen - 'Der ewige Tod' ein sehr gutes¸ stimmungsvolles Myranor-Abenteuer mit integriertem kleinen Neristu-Quellenbuch ist.
D.G. © Halle der Helden 2002
Eine Rezension von: Günther Dambachmair http://www.halle-der-helden.at
