Chroniken der Engel RPG
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Das erste komplett in Eigenregie produzierte Rollenspiel von Feder&Schwert liegt vor mir¸ Engel! Da bin ich natürlich auf den Inhalt mehr als gespannt¸ da dieses Werk auf der Spiel2001 in Essen gerade erst frisch heraus gekommen ist.
Der Hintergrund zu Engel sieht folgendermaßen aus: In einer weit entfernten Zeit (so um 2600) ist die Erde von mehreren Katastrophen so schwer getroffen¸ dass nur noch ein kleiner Bereich Landmasse vom ehemaligen Europa übrig ist. Das finstere Mittelalter hat wieder Einzug gehalten in das Leben der Menschen¸ die dieses Land ihre Heimat nennen. Nach mehreren Seuchen¸ die vor mehreren hundert Jahren merkwürdigerweise nur die Erwachsenen hinwegrafften¸ werden die Kinder nun als Gottesgeschenk verehrt und haben einen noch bedeutsameren Platz in den Herzen der Menschen. Doch die wichtigste Veränderung betrifft die Protagonisten dieses Spiels: Die Engel des Herrn sind wieder gekehrt! Sie kommen in kindlicher Gestalt¸ um die Menschen vor dem Bösen (in Form des Herrn der Fliegen¸ der mit seinen Heerscharen die Erde tyrannisiert) zu bewahren und den Frieden wieder zurück zu bringen. Dabei werden sie von der um sie herum aufgebauten angelitischen Kirche unterstützt. Ihr könnt nun in diesen Kampf zwischen Gut und Böse eingreifen und die Rolle eines Streiters des Herrn übernehmen. Doch vorher gibt es noch eine schwere Wahl zu treffen! Denn wie in jedem 'guten' Rollenspiel gibt es auch hier so etwas wie Charakterklassen: Die verschiedenen Engels-Orden. Da wären die Michaeliten (die geborenen Anführer)¸ die Gabrieliten (die Streiter des Herrn)¸ die Raphaeliten (die Heiler des allmächtigen Gottes)¸ die Urieliten (die fliegenden Boten des Herrn) und die Ramieliten (die Gelehrten des Einen). Natürlich hat jeder dieser Orden seine speziellen Vor- und Nachteile und verschiedene einzigartige Wesenszüge.
Nach dieser kurzen Einführung in den Hintergrund jetzt erst einmal zum vor mir liegenden Buch. In den ersten Kapiteln wird wortreich von der Hintergrundgeschichte zu Engel berichtet¸ vom Untergang der Welt über die Entstehung der neuen Ordnung bis zum aktuellen Weltgefüge. Die komplette bekannte Welt untersteht der Macht der Kirche und diese wird nur an wenigen Stellen offen bekämpft. Dabei wird die Situation sehr facettenreich dargelegt¸ sowohl die guten Taten¸ die die Kirche im Namen Gottes an den Menschen vollbringt¸ als auch die unvermeidbare Korruption und die Machtgier vieler Kirchen-Oberen. Die verwendete Sprache ist sehr bildhaft und im allgemein kirchlichen Stil gehalten. Dadurch versenkt man sich als Leser sehr schnell in diese ja sonst doch recht ungewohnte Spielatmosphäre. Dann widmet sich das Grundregelwerk (man sollte eher Grundquellenbuch sagen) der geographischen Aufteilung der neuen Welt und ihren Besonderheiten. Hier seien zum einen natürlich die künstlich erbauten 'Himmel' (eine Art umgebaute Hochhäuser) der Orden als auch die bis zum Himmel reichenden Feuersäulen (Fegefeuer) des Herrn der Fliegen genannt. Diese Fegefeuer schränken die bewohnbare Landmasse immer weiter ein und rücken unaufhaltsam vorwärts. Dabei vernichten sie alles¸ was ihnen in den Weg kommt und bringen in ihrem Rauch die gewaltigen 'Traumsaatkreaturen' mit sich. Dies sind große Insekten¸ die dem Herrn der Fliegen dienen und alles menschliche (und angelitische) Leben angreifen und zu vernichten suchen. Positiv sei in den Hintergrund-Kapiteln hervor gehoben¸ dass sich die Entwickler wirklich Gedanken um die Welt¸ die ihre Bühne bildet gemacht zu haben scheinen. Selbst kleinere Nebensächlichkeiten sind detailreich ausgearbeitet¸ ohne störend zu wirken. So wird das Leben des einfachen Volkes ebenso beschrieben wie der Warenverkehr¸ die Flora und Fauna¸ die Mode und noch vieles mehr. All diese Ideen sind sinnvoll geschildert und so durchdacht¸ dass sie leicht und stimmungsfördernd in euer Rollenspiel eingebracht werden können
Ein weiterer großer Teil des Buches befasst sich mit den Strukturen und Absichten der neuen alleinigen Weltmacht: der angelitischen Kirche. Das unter dem Deckmantel der Frömmigkeit schon so manches Verbrechen begangen wurde¸ ist dem Geschichtskundigen nichts Neues und auch der vorliegende Hintergrund von Engel bildet da keine Ausnahme. Die Kirche sitzt wie eine Spinne im großen Netz Europa und beherrscht das komplette Leben der hier ansässigen Menschen. Allerdings tut sie dabei auch viel Gutes und hat durch Seuchenbekämpfung und Schutz vor marodierenden Banden schon so manchem das Leben gerettet. Die genaue Position der Kirche ist also nicht zu bestimmen und gerade dieser Facetten-Reichtum an Engel macht dieses Rollenspiel zu etwas Besonderem.
In den nun folgenden Kapiteln werden die einzelnen Engels-Orden im Genaueren beschrieben und so spielbar gemacht. Diese Beschreibung ist durchweg gut gelungen und der Text macht Lust auf mehr (vielleicht in Form von einzelnen Ordens-Quellenbüchern?).
Ich habe selten ein Grundregelwerk mit so hohem inhaltlichem Anteil gesehen¸ denn klar getrennt beginnt erst jetzt das eigentliche Spiel-Grundgerüst: Die Regeln. Hier ist man bei F&S einen interessanten¸ aber nicht ganz problemlosen Weg gegangen: Man hat 2 komplett unterschiedliche Regelsysteme zur Auswahl angeboten. Von den Autoren klar bevorzugt steht das innovative Arkana-System. Hierbei werden die Würfelwürfe durch das Legen (der kostenlos beigelegten) tarot-artigen Arkana-Karten bestimmt. Je nach Legung fällt die Deutung unterschiedlich aus und entscheidet so über Erfolg oder Scheitern einer Aktion oder einer ganzen Szene. Dieses System fand ich höchst gewöhnungsbedürftig und mein persönlicher Favorit wird es wohl nie werden. Denn sobald in einer Gruppe auch nur ein einziger Regelfetischist (oder etwas ähnliches) vorhanden ist¸ wird diese doch sehr frei gehaltene Form des Zufalls zu einer Farce und das Arkana-System unspielbar. Weiterhin stellt es sowohl an Spielleiter als auch Spieler wesentlich höhere Anforderungen als das 'normale' Würfeln. Denn bei diesem Tarot-System gibt es keine einheitliche Auslegung der Karten und so kann schnell Unzufriedenheit seitens der Spieler entstehen¸ wenn der Erzähler die Karten für sie unvorteilhaft deutet. Daher ist dieses System zwar ein echt lobenswerter Ansatz¸ aber meiner Meinung nach nur absolut erfahrenen Gruppen zu empfehlen¸ die sich diese Form des freien Rollenspiels zutrauen. Allerdings sei zur Vervollständigung erwähnt¸ dass die Autoren sich bei der Erklärung dieses neuartigen Systems alle Mühe gegeben haben und daher dieser Teil auch einen beträchtlichen Teil des Regelabschnittes einnimmt.
Nun zum zweiten zur Wahl gestellten Regelsystem: Das D20-System. Man kann es lieben oder hassen¸ aber allmählich kommt man wohl in der Rollenspiel-Szene um dieses System nicht mehr herum. Dieser Teil der Regeln wurde allerdings ziemlich stiefmütterlich behandelt und so sind die Regeln stark zusammengefasst. An vielen Stellen trifft man auf Verweise auf die D&D Spielerbox¸ was ich nicht allzu positiv werte¸ denn ich erwarte von einem Grundregelwerk alleinige Spielbarkeit. Dies haben die Autoren zwar versucht und alle wichtigen Werte und Regeln angegeben¸ doch fehlen mir an vielen Stellen die nötigen Beispiele und die ausführlichen Erklärungen¸ die zu einem Grundgerüst eines neuen Rollenspiels einfach hinzugehören. Wer also noch nie die neue D&D-Version gespielt hat und/oder die Werke sein eigen nennt¸ könnte mit dieser kurzen Zusammenfassung der Regeln seine lieben Probleme haben. Ich hatte sie auf jeden Fall!
Komplettiert wird das Buch durch die gut designten Listen mit Ausrüstung und Waffen¸ die durchaus vollständig genug sind¸ um einen guten Spielfluss herbeizuführen. Nun folgen noch einige Zeichnungen und Karten¸ die von hohem zeichnerischem Können zeugen. Das komplette Buch ist¸ dies sei an dieser Stelle angemerkt¸ hochprofessionell im kirchlichen Stil designt und mit detailreichen und liebevollen Zeichnungen in ebensolchem Stil geschmückt. Hier sieht man¸ dass Liebe zum Detail genauso wie ein gehöriger Schuss Kreativität am Werke waren.
Insgesamt stehe ich Engel sehr positiv gegenüber! Die Hintergrundwelt ist liebevoll ausgearbeitet und innovativ geschildert. Sie verspricht Abende voller Abenteuer in dieser interessanten Welt voller Mystik¸ Religion und Intrigen und hat mich voll und ganz überzeugt! Leider wurde dafür der Regelteil vernachlässigt¸ denn das Arkana-System wird wohl die wenigsten Gruppen überzeugen (obwohl ich natürlich für die Autoren das Gegenteil hoffe)¸ und das D20-System wurde zu sehr beschnitten¸ um flüssig spielbar zu sein. Daher kann ich jedem Hintergrund-Interessierten auf jeden Fall zum Kauf raten; aber allen¸ die ohne vernünftiges Regelsystem nicht spielen möchten¸ sei ein intensives Probelesen angeraten!
