Wüstenplanet (1)
Fantasy-Kritik beim Sternenwanderer
Weitere Rezensionen und informative Artikel unterfantasykritik.wordpress.com/
Dune im 21. Jahrhundert? - Wie es ist, heute den Wüstenplaneten zu lesen
2020-08-31
Sciencefiction ist immer ein Kind seiner Zeit und hat oft ein begrenztes Haltbarkeitsdatum. Ideen über die Zukunft, die vor ein paar Jahrzehnten beschrieben wurden, wirken heute oft primitiv oder unzeitgemäß. Das gilt unter anderem für die klobigen Computer in Star Wars - was aber mehr Märchen als Science ist -, Alien und Blade Runner.
Zu den Klassikern des Genres gehört auch die Dune-Reihe von Frank Herbert, dessen erster Teil von Denis Villeneuve neu verfilmt wird und voraussichtlich Ende des Jahres in die Kinos kommt. Für mich Grund genug, mich auf die Vorlage zu stürzen und zu schauen, ob die auch heute noch eine Lektüre wert ist.
Update: Der Film wurde auf Oktober 2021 verschoben.
Dune - Der Wüstenplanet
Autor: Frank Herbert
Seitenzahl: 800 (Taschenbuch)
Preis: 9,99 Euro
Wenig fürs Auge
Das Cover meiner Ausgabe ziert ein großer, beiger Kreis vor Wüstendünen. Im Hintergrund sind ein rot-schwarzer Himmel und ein blauer Mond zu sehen. Damit ist das Cover eher für Insider gedacht und weniger als Eyecatcher. Im Buch selbst findet sich nur eine Karte der Nordhälfte von Dune, wo der Großteil der Handlung spielt, aber kein weiteres Bild.
Die Länge der einzelnen Kapiteln schwankt stark, mir fiel das aber nicht negativ auf, da die Sätze und Absätze gut verteilt sind. So lässt sich auch in einem Kapitel weiterlesen, solange das Lesezeichen an die passende Stelle gesteckt wird. Außerdem schreibt Herbert sehr flüssig und gut lesbar. Im Inhaltsverzeichnis werden nur die drei einzelnen Teilbücher, der umfangreiche Anhang (69 Seiten) und das Nachwort aufgeführt.
Optisch weniger ansprechend gewinnt der Klassiker 3 von 5 Sandwürmer für sich.
Eine Welt weit, weit entfernt
In der fernen Zukunft hat sich die Menschheit über viele Planeten ausgebreitet. Die Herrschaft übt ein Imperator aus, während einzelne Adelshäuser teilweise ganze Planeten beherrschen. Verbunden werden die Planeten durch die Raumfahrergilde. Deren Navigatoren können in einem Augenblick mit ihren Schiffen quer durchs Universum reisen.
Grundlage dieser navigatorischen Hochleistungen ist das Melange oder Spice. Die Droge existiert nur auf dem kargen Wüstenplaneten Arrakis, besser bekannt als Dune. Der wurde in den letzten Jahrzehnten von den skrupellosen Harkonnen ausgebeutet. Doch mit Beginn des Romans haben die Atreides Dune erhalten. Also reist Herzog Leto mit seiner Konkubine, ihrem gemeinsamen Sohn Paul und seinen Getreuen dorthin. Auf seinem neuen Lehen versucht Leto, die einheimischen Fremen als Verbündete zu gewinnen. Vorher wird er aber verraten und stirbt. Paul und seine Mutter entkommen.
Bei den Fremen nutzen Paul und seine Mutter eine Prophezeiung, die besagt, dass eine Art Erlöser von einem anderen Planeten die Menschen gegen ihre Feinde führen wird. Da Paul als Ergebnis generationenlanger, ausgewählter Kreuzungen von Erblinien über seherische Gaben verfügt, kann er die Bewohner tatsächlich auf sich vereinen. Außerdem trifft er bei den Fremen seine Frau. Schließlich kommt es zur Entscheidungsschlacht, die das Schicksal der Menschheit für Generationen prägen wird.
So lässt sich die Handlung grob zusammenfassen. Das Bemerkenswerte an Herberts Werk ist aber, wie er die Geschichte erzählt. So wird der Verräter, der das Schicksal der Atreides besiegeln wird, dem Leser schon früh enttarnt. Und die kleinen Abschnitte, die jedes Kapitel einleiten und dabei von einer der Figuren erst Jahre nach der Buchhandlung geschrieben wurden, geben auch gewisse Ausblicke auf die weitere Zukunft. Dennoch bleibt die Spannungskurve ständig erhalten. Langweilig oder öde fand ich kein Kapitel.
Die Art, die Geschichte aus der Sicht einzelner Figuren zu schildern, ist unter anderem durch "Das Lied von Feuer und Eis" bekannt. Herbert wechselt die Perspektive aber auch innerhalb seiner Kapitel, solange der Schauplatz derselbe bleibt. Mir gefällt dieser Ansatz gut, auch wenn er den übergeordneten Blick auf das Ganze manchmal etwas erschwert. Zudem fügen sich die einzelnen Unterplots nahtlos in die große Geschichte ein. Das gilt unter anderem für die Beziehung zwischen Paul und seiner Frau oder die Intrigen von Baron Vladimir Harkonnen.
Der Geschichte von Paul, dem Propheten, lauschen gleich 5 Sandwürmer.
Ein Prophet, sie zu beherrschen
Hauptfigur ist Paul Atreides, einziger Sohn und Erbe des Herzogs Leto Atreides. Der junge Mann kann teilweise die Zukunft voraussehen, jedoch nicht jedes Ereignis. Zudem lernt er, seine Stimme so einzusetzen, dass er damit einzelnen Personen Befehle erteilen kann, denen die folgen müssen. Er ist möglicherweise das lange geplante Ergebnis der viele Generationen dauernden Kreuzungen verschiedener Erblinien durch die Bene Gesserit. Zu diesem Orden hellseherischer Frauen gehört auch seine Mutter, Lady Jessica. Sie ist die Konkubine des Herzogs und eine der Ausbilderinnen von Paul.
Der Mentat Thufir Hawat misstraut Jessica, da er ihre Schwesternschaft skeptisch sieht. Zugleich bildet auch er Paul aus und dient Leto treu. Dasselbe gilt auch für die anderen Untertanen der Atreides, da das Haus - und besonders Leto - mit Respekt regiert und Leben über Profit stellt. Leto selbst ist ein Getriebener, der weiß, dass ihn auf Dune eine Falle erwartet, aber dem Befehl des Imperators Folge leisten und die Herrschaft dort antreten muss.
Erzfeind Letos ist Baron Vladimir Harkonnen. Die Harkonnen und Atreides pflegen seit Jahrtausenden eine Feindschaft miteinander. Der Baron ist ein unglaublich fetter Mann, der nur mit Anti-Schwerkraft-Geräten gehen kann. Zugleich besitzt er aber auch eine große Heimtücke und regiert in der Tradition seines Hauses ohne Skrupel und gnadenlos.
Es gibt noch viele weitere Figuren, die nachvollziehbar miteinander interagieren. Zudem sind alle davon vielschichtig. Keine fühlt sich unwichtig an oder handelt unpassend. Wie es ihnen ergeht, trug bei mir maßgeblich zur Spannung bei.
Zwei kleinere Punkte können auf den ersten Blick unzeitgemäß wirken: Zum einen die Rolle der Frau. Das weibliche Geschlecht steht in der weiten Reihe und überlässt den Männern vordergründig das Regieren. Allerdings gibt es mit der Anführerin der Bene Gesserit und der ehrwürdigen Mutter der Fremen zwei starke Frauenfiguren. Dazu kommen Pauls Freundin und später ein kleines Mädchen. Ob weibliche Fremen auch mitkämpfen, lässt das Buch eher vage.
Zum anderen gibt es keine bedeutenden Charaktere mit schwarzer oder brauner Hautfarbe. Das ist etwas schade angesichts des großen Dune-Universums und der Veröffentlichung in den 60er Jahren. Ich kann daher gut nachvollziehen, dass Denis Villeneuve eine Rolle mit Sharon Duncan-Brewster mit einer schwarzen Frau umbesetzt hat.
Das Ensemble spannender Charaktere beobachten 5 Sandwürmer.
Mehr als Spice und Sandwürmer
Wie viel Arbeit Herbert in seinen Kosmos steckte, lässt sich nur erahnen. Allein der Wüstenplanet selbst besitzt eine komplexe Ökologie. Wasser ist dort die kostbarste Substanz. Morgens sammeln Tausammler die wenigen Tröpfchen ein, die sich am Boden niederschlagen, und Windfallen gewinnen das Nass aus dem Wind. Gleichzeitig hegen die Fremen den Traum, ihre Heimat zu begrünen. Dazu sammeln sie Wasser und bauen vor allem auf der Südhälfte von Arrakis Pionierpflanzen an. Die markantesten Bewohner des Planeten sind aber die riesigen Sandwürmer. Die bedrohen wiederum die Erntemaschinen, mit denen das kostbare Spice abgebaut wird.
Die anderen Planeten, die als Schauplätze herhalten, werden dagegen viel weniger beschrieben. Das gilt unter anderem für Caladan, die Heimat der Atreides, und Giedi Prime, die Basis der Harkonnen. Auch viele Gruppierungen des Universums werden nur gestreift.
Technologie ist in Dune zwar fortschrittlich, aber nicht utopisch. Es gibt keine Transporter, die Menschen in Energie umwandeln, oder Holodecks. Computer gibt es nicht mehr, da denkende Maschinen nach einem Konflikt tausende Jahre vor der Handlung verboten wurden. Dafür existieren Raumschiffe und Flugzeuge mit Flügeln, mit denen sie wie Vögel schlagen können. Besonders trainierte Menschen können als Mentaten Kalkulationen so schnell wie Computer durchführen.
Zudem gibt es Schutzschilde, die bei Beschuss mit Energiewaffen beim Schützen und Ziel Atomexplosionen auslösen. Der Kampf findet daher vor allem im Nahkampf mit Schwertern und Messern statt, die langsam genutzt die Schilde durchdringen können.
An einigen Stellen bleibt der Technikstand etwas unklar. Gibt es neben Hologrammen auch digitale Bibliotheken? Und wie sehen die Medien in dieser Zukunft aus? Immerhin wird unsere Zeit stark von ihnen geprägt. Dafür gibt es Religion. Die alten Religionen der Menschheit wurden zu einer einzigen Glaubensrichtung vereint. Einzelne Gruppen wie die Fremen vertreten aber eigene Vorstellungen, die im Roman auch nur gestreift werden. Dennoch entstand bei mir nie der Eindruck, von den Details erschlagen zu werden oder etwas zu verpassen. Vielmehr fühlt es sich an wie der Grundstein eines faszinierenden Gebäudes, dass ich weiter erkunden will.
Die detailreiche Welt gewinnt 5 Sandwürmer für sich.
Fazit
Für wen lohnt sich der Einstieg in Frank Herberts Kosmos? Zunächst sind da ganz klar Sciencefiction-Fans, die eine sehr logisch aufgebaute Vision der Zukunft suchen. Dann folgen all jene, die eine spannende Geschichte mit spannenden Figuren lesen möchten. Zu guter Letzt kommen Leseratten auf der Suche nach einem zeitlosen Klassiker, der fantastisch geschrieben ist.
Insgesamt 18 von 20 Sandwürmer freuen sich über den gelungenen Start der Dune-Reihe.
Eine Rezension von: Dennis 'Sternenwanderer' Rüter https://fantasykritik.wordpress.com/