Um Ulm herum
Um Ulm herum' lautet der Titel des recht dicken Abenteuerbandes¸ der sich der schwäbischen Regi-on Deutschlandes widmet. Wie alle deutschen Cthulhu-Publikationen aus dem Hause Pegasus ist die-ser dicke Band hervorragend aufgemacht: das typische Cthulhu-Layout mit den angesengten Seiten-rändern¸ jede Menge zeitgenössische alte Photographien und wieder etliche Seiten Handouts und Buchauszüge¸ die den Spielern präsentiert werden können. Ein stimmungsvoller Stadtplan von Stutt-gart auf der ersten Umschlaginnenseite stimmt den Leser auf den ersten Teil des Abenteuerbandes ein.
Und dieser erste Teil ist der Quellenteil¸ er schildert auf knapp 20 Seiten das Schwabenland und die Schwäbische Alb. In recht kurzen Abrissen erfährt der Spielleiter hier allerlei Wissenswertes über das 'Ländle'¸ über Geschichte¸ Kultur und Lebensweise der Schwaben. Die wichtigsten Städte dieser Regi-on werden ebenso beschrieben wie die erwähnenswertesten Burgen¸ Höhlen und sonstigen Sehens-würdigkeiten. Einige der Städte (Stuttgart¸ Ulm¸ Tübingen¸ Blaubeuren) werden in den nachfolgenden Abenteuern detaillierter beschrieben¸ da sie eine größere Rolle spielen¸ daher reicht die Kurzbeschrei-bung an und für sich aus¸ um dem Leser einen übersichtlichen Einblick zu geben. Und mehr noch¸ es finden sich nämlich fast zu jedem kurzen Abriss einige Vorschläge¸ wie man das ganze durch die Au-gen des Cthulhu-Mythos betrachten könne bzw. wie man die Örtlichkeiten mit dem Mythos verknüp-fen kann.
Es werden auch ein paar kleine Sagen der Gegend vorgestellt¸ und es finden sich auch immer wieder so kleine Kästen mit Zusatzinformationen¸ so z. B. ein kleines Vokabular schwäbischer Wörter und Namen. So gewinnt man rasch einen kurzen aber prägnanten Überblick¸ und dann geht es auch schon mitten hinein ins Geschehen.
Das erste Abenteuer betitelt sich 'Unsere Liebe Frau aus den Wäldern'¸ und es führt die Spielercharak-tere nach einem gelungenen Einstieg in München quer durch fast ganz Schwaben¸ natürlich wieder einmal auf einer Recherche zur Aufdeckung übelster Machenschaften. Das Abenteuer gefällt ausge-sprochen gut¸ da einige Elemente hier eingebunden sind¸ die das Ganze zu einem sehr beeindrucken-den Abenteuer werden lassen können. Da sind zunächst die seltsamen Vorfälle¸ die über die Spieler in den ersten Szenen über sie hereinbrechen und die ihnen kaum eine Atempause gönnen¸ dann die Ver-folgung der Spuren nach Tübingen¸ nach Ulm nach Blaubeuren und noch drüber hinaus. Und obwohl hier in diesem Abenteuer sogar an der Wirklichkeit bzw. an den Erinnerungen gedreht wird¸ decken die Spieler (hoffentlich!) alte Bräuche¸ Riten und Legenden auf¸ die im Mantel christlicher Zeremonien bis heute überlebt haben¸ da geht es um uralte Kulte¸ Götter und Gottheiten¸ und da sind NSCs einge-bunden¸ die für spannende¸ bedrohliche und überraschende Episoden sorgen werden. Und neben den Recherchen sorgen einige recht heftige grauenhafte Begegnungen für Aktion und Horror - 'Unsere Liebe Frau aus den Wäldern' ist wahrlich nichts für Einsteigercharaktere¸ sondern etwas für schon erfahrene Jäger des Mythos. Es wird einiges gefordert werden von ihnen - und wenn sie es überstehen¸ dann haben sie auf jeden Fall ein hervorragendes¸ denkwürdiges Abenteuer hinter sich. Kein Wunder¸ man erkennt überall die brillante Handschrift Steffen Schüttes¸ des Autors der 'Froschkönig-Fragmente'.
Nicht minder unbekannt in den Cthulhu-Kreisen ist Jan Christoph Steines¸ der etliche bemerkenswerte Cthulhu-Abenteuers in diversen Fanzines verfasst hat und der als Autor des zweiten Abenteuers¸ 'Das blaue Tor' in Erscheinung tritt. Dieses Abenteuer beginnt mit einer sehr schönen Einleitung¸ die eine auch heute noch verbreitete Stadtlegende aufgreift. Dann folgt auch hier eine Schnitzeljagd durchs Schwabenland. Während die Spielercharaktere immer tiefer eine alte Geschichte aufdecken¸ gelangen sie nicht nur auf die Burg Hohenzollern¸ in ein Irrenhaus und in eine Kerkerfestung¸ sondern auch wieder nach Blaubeuren mit seinem blauen See; und da sollten sie schon halbwegs im Bilde sein¸ was sich unter den zahlreichen unterirdischen Höhlen im Schwabenlande verbirgt. Denn da gibt es noch einen spannenden Showdown¸ der¸ je nach Vorgehensweise der Spieler¸ höchst unterschiedlich auszu-fallen vermag. Auch das zweite Abenteuer ist sehr gut gelungen und fängt den Reiz der schwäbischen Landschaften und ihrer Besonderheiten sehr gut ein.
'Um Ulm herum' ist daher wieder einmal ein hervorragendes Machwerk aus der deutschen Cthulhu-Schmiede. Es ist dieser Reiz¸ die Vergangenheit der deutschen Heimat aus einem düsteren Blickwinkel zu betrachten und das Verweilen an heute noch aufsuchbaren historischen Orten¸ der die Stimmung dieses Regionen-Abenteuerbandes ausmacht. 'Um Ulm herum' reiht sich damit nahtlos in die bisher erschienenen¸ qualitativ hochwertigen Publikationen aus dem Hause Pegasus ein und sollte daher bei jedem Cthulhu-Kultisten¸ äh¸ Spielleiter seinen Platz im Bücherregal finden.
D.G. © Halle der Helden 2003
Eine Rezension von: Günther Dambachmair http://www.halle-der-helden.at
