Cthulhu Rollenspiel
1987 brachte die Oberhausener Firma Hobby Products Cthulhu mit einer übersetzung erstmals auf den deutschen Markt. 1991 folgte dann eine zweite Auflage durch Laurin/Citadel aus Hamburg. Laurin fiel 1994 in Konkurs¸ und die Cthulhu-Lizenz ging ebenso wie die von MERS an die Leute von Queen Games. Die wollten Cthulhu nicht selbst rausbringen¸ sondern erteilten eine Sublizenz an den Konstanzer Kleinverlag Ars Ludi; von diesem erschien auch ein Regelwerk¸ aber da die Sublizenz den Vereinbarungen mit Chaosium widersprachen¸ mußte es nach wenigen Tagen bereits vom Markt zurückgezogen werden. Chaosium¸ die amerikanische Mutterfirma¸ entzog Queen Games die Lizenz und reichte sie an die Leute von Welt der Spiele weiter¸ die aber auch keinen eigenen Gebrauch davon machen wollten¸ sondern dem Truant Verlag erlaubten¸ die Regeln herauszubringen; vollkommen zu Recht fragten sich natürlich die Queen Games-Leute¸ wo der Unterschied zu ihrem Fall liege¸ und erkundigten sich diesbezüglich bei Chaosium; Chaosium zog daraufhin erneut die Lizenz ein¸ und schließlich landete sie bei Pegasus Press aus Friedberg.
Angeblich genau 666 Exemplare hat Pegasus Press vom neuen Cthulhu-Regelwerk herstellen lassen. 69¸80 DM bezahlt man dafür¸ also kein ganz billiges Vergnügen! Es bleibt nur zu hoffen¸ daß davon genügend weggehen und der Verlag sich nicht gleich beim Regelwerk ruiniert! Zum Vergleich aber: Laurin hat die Vorauflage 1991 ja in zwei Bänden herausgebracht¸ von denen jeder meiner Erinnerung nach 38 DM gekostet hat. Für die 69¸80 DM erhält man dann allerdings 336 eng bedruckte Seiten in einem liebevoll und sorgfältig aufgemachten Layout: Der Verlag hat versucht¸ den einzelnen Seiten das Aussehen von Alter - Brandspuren¸ Altersflecken¸ abgegriffene Ränder - zu verleihen¸ was natürlich unheimlich aufwendig ist - jetzt kann ich verstehen¸ warum die Regeln¸ die für die Essener Messe 1998 angekündigt waren¸ erst im April/Mai 1999 erschienen sind! Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt also schon dann auf jeden Fall¸ wenn man allein auf den Umfang abstellt¸ und wenn die Dinger Ladenhüterqualitäten bekommen¸ kann es meiner Meinung nach nur daran liegen¸ daß viele noch die Laurin- oder gar die Hobby-Products-Regeln im Schrank liegen haben und daher auf die neue Ausgabe verzichten¸ und es einfach nicht genügend neue Interessenten gibt. Vielleicht haben sich ja auch einige schon wegen des ewigen Gezerres um die deutsche Ausgabe mit amerikanischem Material eingedeckt.
Die übersetzung der deutschen Ausgabe stammt wie schon bei den Laurin-Regeln von Heinrich Glumpler¸ was erstens für Qualität (sieht man mal von vielen¸ ärgerlichen Rechtschreibefehlern ab¸ die aber sicher andere zu verantworten haben) und zweitens dafür steht¸ daß die Cthulhu-spezifischen Fachtermini weitestgehend gleich geblieben sind (die Eigenschaften werden beispielsweise immer noch ST¸ KO¸ IN¸ usw. abgekürzt¸ ein Ideenwurf wird als RW: Idee notiert¸ Zauber und Wesenheiten heißen noch fast alle gleich - beim Vergleich der Laurin-Regeln gegenüber denen von Hobby Products war das nicht immer so). Das Regelwerk ist in vier Kapitel aufgeteilt: Spielmechanismen¸ Referenzen¸ Szenarien und Spielhilfen. Im ersten Kapitel finden sich alle Regeln¸ die man braucht¸ um ein Cthulhu-Rollenspiel zum Laufen zu bringen: Charaktererschaffung¸ Kampfregeln¸ Fertigkeiten¸ geistige Stabilität und Wahnsinn¸ die Rolle der Mythos-Bücher und die Ausführung von Zaubern. Das zweite Kapitel bietet allgemeine und Hintergrundinformationen¸ die allein dem Spielleiter vorbehalten sind (falls es tatsächlich Spielgruppen geben sollte¸ die einen festen Cthulhu-Spielleiter haben): ein überblick über Leben und Werk von H.P. Lovecraft sowie über den von ihm und einigen Epigonen erschaffenen Mythos¸ eine pseudowissenschaftliche Abhandlung über das Necronomicon¸ Spielleitertips¸ verschiedene Geisteskrankheiten¸ die ausführliche Vorstellung aller Cthulhu-Wesenheiten (getrennt nach Göttern/Großen Alten¸ unabhängigen Rassen/Dienerrassen¸ Bestien/Monster)¸ die Zauber des Mythos. Im dritten Kapitel Szenarien finden sich ... na¸ was wohl!? Das letzte Kapitel enthält dann ein Sammelsurium sehr nützlicher Sachen: vorgewürfelte Charaktere¸ Kopiervorlagen¸ Ausrüstungslisten¸ eine Zeitleiste mit Mythos-Ereignissen¸ eine Beschreibung von Arkham¸ (optionale) Regeln für Verfolgungsjagden mit Autos.
Jedem¸ der Cthulhu noch nicht kennt¸ kann ich die Anschaffung des Regelwerkes nur empfehlen. Aber auch für diejenigen¸ die wie ich bereits die alten Regeln haben oder sich lieber allein mit Private Eye und Midgard 1880 durchwursteln¸ lohnt sich ein Kauf: Denn natürlich hat auch Chaosium seine Regeln seit 1991 neu aufgelegt¸ und dementsprechend legt Pegasus Press ein Werk vor¸ das gegenüber der Laurin-Ausgabe an einigen Stellen verändert¸ an vielen Stellen aber gewaltig erweitert wurde¸ und es werden Sachen erklärt oder beseitigt¸ die mich immer schon irritiert haben: So gibt es Regeln für lebenslanges Lernen (man kann also auch Fertigkeiten nachträglich steigern¸ ohne daß einem im Spiel ein Fertigkeitswurf gelingt)¸ neue Charakterklassen (von denen ich einige wie Fanatiker¸ Gangster¸ Pressesprecher und Unterhaltungskünstler auch ganz originell finde) und der Grundwert jeder Fertigkeit liegt jetzt bei mindestens 01 (mit viel Glück kann man also jede Fertigkeit erfolgreich ausüben¸ auch wenn man diese niemals gelernt hat); es werden neue Waffen und wesentlich ausführlichere Kampfregeln vorgestellt sowie Geisteskrankheiten und deren Behandlung beschrieben. Neben den Mythos-Werken¸ durch deren Studium man Mythoswissen und Zauber gewinnen kann¸ werden auch lediglich okkulte Werke vorgestellt¸ durch deren Studium man nichts gewinnt. So kann dem inflationären Einsatz von Mythosbüchern in einigen Spielrunden¸ die ich erlebt habe¸ vielleicht ein Riegel vorgeschoben werden. Etwas ganz Wichtiges hätte ich beinahe vergessen: Es gibt Beispielspreise¸ für die USA und für Deutschland! Wie oft habe ich bei Fragen wie Wir gehen jetzt im Berlin des Jahres 1921 ins Hotel. Was kostet ein Doppelzimmer? verschämt passen müssen¸ weil ich's einfach nicht wußte!!! Sehr gut und im Sinne des Käufers bestimmt auch die Entscheidung¸ im Regelwerk wieder Szenarien zu bringen (bei Laurin gab`s ja keine)¸ und dann noch vier Stück! Zwei kannte ich übrigens bereits aus den Hobby-Products-Regeln. Der gewaltigste Unterschied der Pegasus-Ausgabe zu den beiden früher erschienen ist aber¸ daß das neue Regelwerk alle drei Cthulhu-Epochen (1890/1920/1990) abdeckt. Wer allerdings Informationen über beispielsweise das Viktorianische England¸ in dem Cthulhu 1890 angesiedelt ist¸ sucht¸ muß da immer noch auf die Chaosium-Cthulhu by Gaslight-Ausgabe zurückgreifen (oder auf das empfehlenswerte Private Eye-Regelwerk).
Natürlich gab es im Pegasus-Regelwerk auch einige Sachen¸ die mir nicht so gut gefallen haben: Das Layout ist zwar schön¸ wirkt aber manchmal arg gedrängt¸ für die geistige Stabilität wurden neue Regeln eingeführt¸ die meiner Meinung nach unsinnig und nutzlos sind¸ und jede Wesenheit wird schon wie in der Laurin-Ausgabe in einer teilweise grausig mißlungenen Grafik dargestellt (der Große Alte Tsathogghua beispielsweise sieht aus wie ein schläfriges¸ überdimensionales¸ fettes Kaninchen). Was mich am meisten geärgert hat: Die Kapitel sind recht grob gegliedert; es gibt zwar ein Stichwortverzeichnis¸ aber das ist sehr lückenhaft¸ und ich hatte oftmals Schwierigkeiten¸ bei einer gezielten Suche fündig zu werden. Die Liste mit den Beispielspreisen etwa habe ich ganz sicher vorne im Buch gesehen (ich zweifle zwar oft an meiner gS¸ aber so heruntergekommen ist sie doch nicht)¸ aber sie bleibt verschollen¸ obwohl ich das gesamte erste Kapitel durchgeblättert habe! [AdL: Dann schau doch einfach noch mal am Ende des Buches nach.]
Diese Kritikpunkte beziehen sich auf Ärgernisse¸ die insgesamt aber nicht ins Gewicht fallen. Ich kann das Cthulhu-Regelwerk jedenfalls uneingeschränkt empfehlen. Falls Pegasus Press diese hohen Ansprüche an die Gestaltung seiner Produkte beibehalten möchte¸ wird das erste Abenteuer allerdings nicht vor Ablauf des Jahres 2002 erscheinen!
Eine Rezension von: Jan Christoph Steines