Berlin: Im Herzen der großen Stadt
Der Cthulhu-Quellenband zum Berlin der zwanziger Jahre liefert endlich Hintergrundmaterial und Abenteuer für diese deutsche Großstadt und das auf 192 Seiten. Eröffnet wird damit eine Reihe von Veröffentlichungen¸ die in Europa angesiedelt sind.
Vom Äußeren her präsentiert sich der Band gefällig mit auf dem Umschlag aufgedrucktem Stadtplan¸ auf dem schwarzweiße Ansichten prominenter Lokalitäten der Stadt eingefügt wurden. Das Innere ist¸ wie von der Cthulhu-Reihe von Pegasus Spiele gewohnt¸ gelayoutet: Angebrannt wirkende Ränder erinnern an einen alten Folianten; die Überschriften sind verschnörkelt und zeitgenössische Fotos lockern den Text auf.
Der Quellenband gliedert sich in vier Kapitel. Im ersten Kapitel¸ 'Golden glänzt Berlin'¸ findet man auf 26 Seiten Hintergrundinformationen über das Berlin der zwanziger Jahre¸ verfasst von Wolfgang Schiemichen zusammen mit Nathanael Busch und Jakob Schmidt. Einzelne Aspekte des turbulenten Berlins erfährt man hier. Berlin gilt als eine Stadt der Filmemacher¸ Architekten¸ Schriftsteller¸ Komponisten und Maler¸ hat aber auch seine Schattenseiten - abseits des goldenen Berlins - wie Arbeitslosigkeit und Inflation. Es werden hier die neuen und alten Bezirke der Weltstadt vorgestellt. Der Text wird ab und zu ergänzt durch Auszüge aus einem Reisetagebuch eines Journalisten. Berlin in den Zwanzigern ist auch eine Stadt der Theater¸ Varietés¸ Cafés und Kneipen. Das Kapitel gibt ferner einen Überblick über ausgewählte Berufsgruppen in der Metropole¸ ihre Lebensbedingungen und ihre Gehaltsspannweite¸ was die Angaben im Grundregelwerk sinnvoll ergänzt. Ein Abstecher wird auch in die örtliche Universität¸ in Bibliotheken und Museen gemacht¸ wo man auf Mythoswissen stoßen mag. Sehr nützlich dann der chronologische Abriss mit den wichtigsten Geschehnissen in den Zwanzigern zum Abschluss des Kapitels.
Das zweite Kapitel nimmt das größtenteils in Berlin spielende Abenteuer 'Der tanzende Faun' (57 Seiten) von Wolfgang Schiemichen ein. Das im Film- und Kriminellenmilieu angesiedelte Abenteuer nimmt seinen Anfang im Mai 1925. Die Charaktere stürzen sich ins Nachtleben und besuchen auch eine Vorstellung der umjubelten Nackttänzerin Thea Liebreich. Einer der Charaktere erliegt der großen erotischen Ausstrahlung der Tänzerin und umwirbt diese von nun an. Doch er wird abgewiesen¸ bis er dann doch überraschend erhört wird. Auf eine wilde Nacht folgt der Schrecken. Der Charakter ist plötzlich ein Verdächtiger in einer Morduntersuchung. Ein Gegner wird nun die Berliner Kriminalpolizei sein¸ doch führen die Spuren eventuell zu einer anderen mysteriösen Entität¸ die der wahre Gegner ist. Das Abenteuer integriert gekonnt Berliner Gegebenheiten wie die kriminellen Ringvereine oder ein Filmprojekt. Als Schwachstelle des Abenteuers mag man ansehen¸ dass der Hauptgegner¸ sofern man ihn 'vertreibt'¸ an anderer Stelle wieder auftaucht. Warum sollten die Charaktere ihn dann auf diese Weise bekämpfen?
Im dritten Kapitel findet man auf 69 Seiten das Abenteuer 'Jahrhundertsommer' von Jan Christoph Steines. Im Juni 1925 werden die Charaktere von einem befreundeten Immobilienmakler gebeten¸ den Verbleib seiner verschwundenen Angestellten Valeska Loeschcke zu erkunden. Schnell zeigt sich¸ dass es sich hier um ein Verbrechen handelt: eine Entführung. Doch nur mit großem kriminalistischen Spürsinn werden die Charaktere die Spur in Berlin aufnehmen und aus Berlin hinaus verfolgen können. Es gilt Geheimnisse aus vorchristlicher Zeit zu ergründen und eine allesbedrohende Gefahr abzuwenden. Und dann ist da noch der denkwürdige Jahrhundertsommer ...Der Autor des Abenteuers hat sich Mühe gegeben¸ die Hinweise¸ denen die Charaktere folgen können¸ detailliert aufzuzeigen. Ingesamt ist ihm ein gutes Detektivabenteuer mit einem ungewöhnlichen Ende (so fern man dem Standardlösungsweg folgt) gelungen.
Im vierten Kapitel sind auf 33 Seiten die Spielhilfen untergebracht. Hier gibt es u.a. Zeitungsartikel¸ Briefe und natürlich Auszüge aus Mythosbüchern. Dokumente¸ die wie mit Hand geschrieben erscheinen sollen¸ wurden tatsächlich per Hand verfasst. Aller Sorgfalt zum Trotz scheint Handout 5 aus 'Der tanzende Faun' zu fehlen.
Als besondere Beigabe gibt es noch einen großformatigen farbigen Stadtplan von Berlin des Jahres 1926¸ der den Spielern zur Verfügung gestellt werden kann.
Fazit: Der Quellenband 'Berlin' ist von dem Platz¸ den die Abenteuer darin einnehmen¸ eher ein Abenteuerband mit Hintergrundinformationen. Etwas mehr Quellenmaterial wünscht man sich schon. Doch findet man natürlich auch weitere Informationen über Berlin in den beiden Abenteuern. Diese sind hervorragend¸ z. T. bis hin zu den U-Bahn-Stationen¸ recherchiert. Berlin ist bei beiden mehr als nur eine Kulisse. Insbesondere 'Der tanzende Faun' greift das Berliner Leben gekonnt auf und zur Abwechslung handelt es sich bei diesem Abenteuer nicht um eine Weltbedrohung. 'Berlin: Im Herzen der großen Stadt' ist sicher eines der Highlights der Cthulhu-Reihe.
Eine Rezension von: Markus Kolbeck http://www.halle-der-helden.at
