Die Tochter des Frostriesen und andere Geschichten (1)
Man durfte beim Anblick des neuen Conan-Comics durchaus skeptisch sein. In den Dreißigerjahren verstrickte Robert E. Howard seinen barbarischen Archetypus erstmals in Abenteuer und hauchte ihm Leben ein. Seitdem haben sich zahllose Fantasy-Autoren bemüht¸ Conan gerecht zu werden und Howards Grundton zu treffen. Inzwischen wird der Barbar aus Cimmeria als klassischer Vertreter des Genres gehandelt¸ der nicht hinter Gandalf und Konsorten zurücktreten muss. Ein gewisse Meisterschaft im Erzählen darf also erwartet werden¸ wenn sich ein neuer Autor mit Conan dem Barbaren auseinander setzt.
Erinnerungen an die guten¸ alten Conan-Comics aus den Siebzigerjahren kehren zurück ("Savage Sword Of Conan"). Rauhe Panels in Schwarzwei߸ teilweise so konventionell¸ dass man meinen konnte¸ die Zeichner der "Illustrierten Klassiker" hätten ihre Finger im Spiel gehabt. Die Mischung aus klassischem Stil und rauer Oberfläche passt gut zu Conan und gab den Klang der Geschichten optisch treffend wieder. Noch heute macht es Spa߸ die alten Sachen zu lesen.
Die Bildwelten des neuen Zeichners Cary Nord sprechen da eine ganz andere Sprache. Sehr farbenfroh und glatt¸ lassen sie Gedanken an Spider-Man und andere Strumpfhosenträger erwachen. Das gibt der anfänglichen Skepsis weiteren Nährboden. Hinzu kommt der neue Conan-Autor Kurt Busiek¸ der sich bisher vornehmlich im Superhelden-Universum herumgetrieben hat. "X-Men"¸ "Daredevil"¸ "Marvels" - und jetzt Conan? Kann das gut gehen? Ausgerechnet Busiek und Nord sollen dem wilden Cimmerier neues Leben einhauchen?
Zugegeben: Mit der Gestaltung der Hintergründe hat Cary Nord es nicht so. Aber irgendetwas trübt das anfängliche Urteil. Beim genauen Hinsehen sind seine Zeichnungen nicht so glatt¸ wie sie zunächst erscheinen. An den Rändern schleicht sich eine gewisse Unschärfe ein. Der Strich wird unruhig und nervös¸ ungeduldig und wild. Als wolle er aus den Bahnen ausbrechen. Ebenso Busieks Geschichte. Anfänglich plätschert eine ruhige¸ kleine Fantasy-Erzählung so dahin. Der Leser ist dabei¸ als Conan die Aesir kennen lernt und hilft¸ ihr Dorf gegen die feindlichen Vanir zu verteidigen. Eine kleine Intrige¸ eine kleine Liebelei¸ eine blutige Prügelei mit einem Eisriesen - bis dahin eine durchaus unterhaltsame Comic-Lektüre¸ aber nicht mehr.
Doch spätestens¸ als die längere Episode in Hyperborea beginnt¸ ahnt der Leser¸ dass Busiek nicht unter der Last des Conan-Universums stöhnt und ächzt¸ sondern dass er die notwendige Ruhe aufbringt¸ um die phantastische Welt auszubreiten¸ die einst von Robert E. Howard erdacht wurde. Direkt vor den Augen des Lesers¸ ganz locker¸ so dass es fast unbemerkt bleibt¸ definiert Busiek Conan neu¸ gibt seinem Charakter Gestalt¸ wie es für den ersten Band einer Reihe angemessen ist. Conan als Rächer¸ Conan als Kämpfer¸ Conan als Liebender und treuer Freund - alle wichtigen Facetten das Fantasy-Barbaren kommen vor¸ frisch und lebendig inszeniert.
Die anfängliche Skepsis ist verflogen. Nachdem Conan mit seinen Verrätern kurzen Prozess gemacht hat¸ ist die Geschichte bald vorbei. Man schlägt den Comic zu und bleibt noch einen Augenblick gebannt sitzen. Wild und phantastisch war der Strudel¸ der einen auf Conans Schulter durch Hyperborea gespült hat. Und man fletscht mit den Zähnen: Der nächste Band kommt erst im November!
http://www.paninicomics.de
Christopher Bünte [21.09.2006]
Die einst von Robert E. Howard erfundene Fantasy-Figur Conan gilt als eine der ersten Heldengestalten des so genannten "Sword & Sorcery"-Genres und war gleichzeitig eine der wichtigsten Figuren¸ die der 1936 nach tragischem Suizid verstorbene Kultautor zu Lebzeiten etabliert hat. Während die meisten mit Conan sicherlich erst einmal die Filme mit Arnold Schwarzenegger assoziieren (und dabei hoffentlich auch an den genialen Soundtrack von Basil Poledouris denken)¸ werden Comic-Freunde sich auch der längst etablierten illustrierten Geschichten und legendären Bücher um den Cimmerier entsinnen.
Vor ungefähr drei Jahren entstand in Amerika eine weitere Comic-Reihe um den barbarischen Kämpfer¸ dieses Mal gezeichnet von Cary Nord und geschrieben von Kurt Busiek¸ der unter anderem auch schon für Marvel Comic-Storys zu "Green Lantern" oder "Power Man" schrieb¸ also seit einiger Zeit kein Unbekannter mehr in diesem Genre ist. Hierzulande musste man sich hingegen¸ wie so oft im Bereich der Comic-Zunft¸ eine ganze Weile gedulden¸ bekommt aber via Panini direkt in einem Rutsch die absolute Vollbedienung. Im Juli ist der erste Sammelband der 'neuen' "Conan"-Comics erschienen¸ im November erscheint bereits die Fortsetzung. Kein Grund zum Meckern also¸ trotz sehnsüchtigen Abwartens!
Story
Bei ihrer Reise treffen ein orientalischer Prinz und sein Gefolge auf eine rätselhafte Statue - die Statue des legendären Barbaren Conan¸ dessen Geschichte der Hoheit im Folögenden erzählt wird.
Einst ritt Conan aus seiner Heimat aus¸ um das sagenumwobene Land Hyperborea kennen zu lernen. Tagein¸ tagaus ritt er vorwärts gen Norden und traf alsbald auf das Volk der Aesir¸ die mitten im Krieg gegen die befeindeten Vanir eine weitere bittere Niederlage haben einstecken müssen. Frauen und Kinder fielen dem heimtückischen Angriff zum Opfer¸ und selbst Conan konnte die Schreckenstat nicht mehr abwenden. Statt ihm Dank für seinen Einsatz zu zollen¸ greifen ihn die Aesir jedoch an¸ sind sich aber schnell darüber im Klaren¸ dass sie in diesem mächtigen Kämpfer einen wertvollen Verbündeten gefunden haben.
Conan zieht mit den Aesir fortan in die Schlacht¸ wenngleich er sein Ziel Hyperborea nie aus den Augen verliert. Allerdings ist er bei seinen neuen Freunden nicht überall gerne gesehen. Man neidet ihm seine Ausstrahlung und seinen Einfluss und spinnt im Hintergrund bereits eine Intrige¸ die ihn das Leben kosten soll. Doch statt Conans Tod müssen viele Leute des eigenen Heers ihr Leben lassen¸ und statt Frieden¸ den sich Conan auch zwischenzeitlich bei seiner Begegnung mit der mysteriösen Tochter des Frostriesen versprochen hatte¸ geraten alle Überlebenden nach dem überraschenden Angriff der Soldaten aus Hyperborea in die Sklaverei.
Nach und nach stellt Conan fest¸ dass seine Vorstellung des paradiesischen Ortes ein Trugbild war; zwar sind die Einheimischen unsterblich und leben genau das Leben¸ das Conan sich einst ersehnte¸ doch besteht der Preis dafür in zahlreichen unschuldigen Menschenleben¸ die den Hyperboreern geopfert werden. Der Barbar wehrt sich vehement gegen die auferlegte Fessel und stößt alsbald auf die hübsche Sklavin Iasmini¸ die ihm nach einer kurzen Liebelei ein Gegenmittel gegen die magischen Drogen des hyperboreeschen Volkes beschafft. Insgeheim plant Conan die Befreiung seiner Gefährten und eine letzte blutige Schlacht. Doch trotz gründlicher Beobachtung hat er die Kraft seiner übermenschlichen Gegner unterschätzt ...
Meine Meinung
Diese Serie ist die erste Zusammenarbeit des Teams Busiek/Nord¸ brachte dem Autor der wiederbelebten Serie aber auf Anhieb den Eisner Award für die beste Kurzgeschichte ein. Zu Recht¸ wie ich nach dem Genuss dieses gigantischen Auftaktepos berichten kann¸ denn was vor allem Busiek hier entworfen hat¸ ist in kreativer Hinsicht eine absolute Wucht und verdient selbst unter Kritikern¸ die dem Neustart der Reihe eher skeptisch gegenüber stehen¸ den größten Respekt.
Mal abgesehen vom unnötigen Prolog um den orientalischen Prinzen¸ dem die eigentliche Geschichte erzählt wird¸ glänzt dieser insgesamt siebenteilige Sammelband (im Original zwischen November 2003 und August 2004 veröffentlicht) durch einen ungeheuer spannungsvollen Aufbau¸ dessen Ausmaß sich erst im Laufe der Handlung offenbart. Vermutet man anfangs nicht mehr als eine 'normale' Abenteuerreise¸ wird dem Leser schon beim ersten Aufeinandertreffen von Conan und den Aesir bewusst¸ wie umfassend und spektakulär Busiek seine Geschichte aufgezogen hat. Wichtig ist hierbei¸ dass es ihm von Abschnitt zu Abschnitt von Neuem gelingt¸ Überraschungen zu platzieren¸ sei es nun die Finte der beiden intriganten Betrüger¸ die Liebschaft zu Iasmini¸ das ständige Hin und Her im Lande Hyperborea¸ oder¸ oder¸ oder ...
Dabei schreckt der Autor auch nie davor zurück¸ sich genreübergreifender Stilmittel zu bedienen. Die Begegnung mit der Riesentochter beispielsweise hat schon fast etwas Horrormäßiges¸ mit den magischen Formeln der hyperboreeschen Zauberer driftet Busiek gar in die düstersten Bereiche der Fantasy ab¸ während die gesamte Reise des Cimmeriers ohnehin einem einzigen¸ historisch inspirierten Mythos gleicht¸ das gleich mehrere geschichtliche Generationen inhaltich abdeckt. Was die Story betrifft¸ ist "Die Tochter des Frostriesen und andere Geschichten" ein vollkommen stimmiges¸ gar überragendes Werk und selbst über das vorzeitige Ende hinaus noch immer unheimlich spannend.
Hinsichtlich der Illustrationen kann man dies im weitesten Sinne ebenfalls behaupten¸ wobei man jedoch nicht verleugnen darf¸ dass der ureigene Stil von Cary Nord gerade zu Beginn ein wenig gewöhnungsbedürftig ist. Der Mann verfolgt einen recht groben Stil¸ der besonders in den Winterlandschaften des Frostriesen¸ aber auch in den dunklen Höhlen Hyperboreas in einigen recht schwammigen Hintergrundbildern gipfelt. Dies sind allerdings auch die einzigen negativen Aspekte seiner Zeichnungen¸ die ansonsten sehr schön der Stimmung der Handlung angepasst sind und gerade bei den Darstellungen der finsteren Szenarien zu überzeugen wissen. Ebenfalls sehr gelungen sind die Momentaufnahmen der Kampfszenen¸ insbesondere diejenigen¸ die Conan beim Töten seiner Gegner zeigen. Hier wird¸ speziell zum Schluss¸ die gesamte gebündelte Wut und anschließend eben auch der Hass auf das ungerechte Leben bzw. das unmenschliche Ungleichgewicht in Hyperborea in fesselnden Bildern zusammengefasst¸ in denen einem dann doch die Gewissheit kommt¸ dass Cary Nord nach anfänglichen Bedenken ob seiner eigensinnigen Skizzen genau der richtige Mann für diese Arbeit gewesen ist.
Am Ende gibt es dann neben einigen graphischen Leckerbissen auch noch ein kurzes Interview mit dem Zeichner¸ der hier in wenigen Sätzen über seine Beziehung zum Vermächtnis von Original-Autor Howard und die Zusammenarbeit mit dem als Eigenbrödler bekannten¸ komplizierten Kurz Busiek berichtet. Eine schöne Ergänzung¸ die diesen genialen Sammelband würdig abschließt.
Fazit
Ohne große Worte: "Conan" ist wieder zurück¸ und dies so eindrucksvoll wie eh und je. Dieser edel aufgemachte Comic ist eine der Top-Ausgaben der gesamten Saison.
Eine Rezension von: Björn Backes http://www.buchwurm.info/
