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Romane Horror - Rendezvous mit dem Würgeengel

Acht klassische Gruselstorys:

William Hope Hodgson: "Das Wrack am Höllengrund" ("The Habitants of Middle Islet")

Der Name "Happy Return" hat das Schiff nicht vor dem Scheitern auf den Klippen einer einsamen Insel im Südatlantik bewahrt. Erst sechs Monate später wird das Wrack gefunden; Passagiere und Besatzung sind spurlos verschwunden. Dennoch macht der Brite Trenhern sich sofort auf die Reise; seine Verlobte war an Bord der "Happy Return" gewesen. Das ist sie auch immer noch - in gewisser Weise jedenfalls, wie der unglückliche Retter bald feststellen muss ...

W. H. Hodgson (1874-1918) ist wahrscheinlich der beste Erzähler klassischer Seespuk-Geschichten, den das Genre jemals gekannt hat. Sein unglücklicher und absolut unnötiger Tod noch in den letzten Tagen des I. Weltkriegs gehört zu den großen Tragödien der unheimlichen Literatur. In Deutschland sind die meisten seiner Novellen und Kurzgeschichten in drei Bänden in der "Phantastischen Bibliothek" des Suhrkamp-Verlags erschienen. "Stimme in der Nacht", "Das Haus an der Grenze" und "Geisterpiraten" sind natürlich schon längst vergriffen, aber jeder Freund des Phantastischen, der diese Bücher besitzt, dürfte sie mit seinem Leben verteidigen ... Daher ist die Entdeckung einer Story, die es aus unerfindlichen Gründen nicht in den Suhrkamp-Kanon geschafft hat, eine kleine Sensation. Aber es stimmt - "Das Wrack am Höllengrund" scheint in Deutschland nur dieses eine Mal erschienen zu sein. War sie den gestrengen Herausgebern nicht originell genug? Tatsächlich stützt sich Hodgson ausgiebig auf Motive und Bilder aus früheren Geschichten, aber das heißt noch lange nicht, dass er hier mittelmäßige oder gar schlechte Arbeit abgeliefert hätte!


J. Ramsey Campbell: "Im Tempel des Horrors" ("The Church in the High Street")

Richard Dodd, ein junger Engländer, nimmt bei einem alten Freund eine Stelle als Sekretär an. Albert Young ist ein Privatforscher, der sich mit uralten Mythen beschäftigt. In der alten, übel beleumundeten Kleinstadt Temphill irgendwo auf dem Land ist er einem Kult auf die Spur gekommen, der finstere Götter aus der Urzeit der Welt verehrt, die einst aus den Tiefen des Alls auf die Erde kamen - unter ihnen auch ein gewisser Cthulhu ... Als Dodd in Temphill eintrifft, ist Young verschwunden. Der Freund macht sich auf die Suche, und bald dringt er tiefer in die Geheimnisse des alten Kultes ein, als ihm lieb ist ...

Ramsey Campbell (geb. 1946; das "J." ist ihm inzwischen irgendwie abhanden gekommen) gehört zu den Giganten der modernen unheimlichen Literatur. Da diese heute weitgehend außerhalb Deutschlands stattfindet (zuletzt erschienen Campbells Meisterwerke in der "Horror"-Reihe bei Knaur), ist es schwer, dies nachzuvollziehen oder entsprechend zu würdigen. Hier erleben wir den blutjungen Campbell, der mehr als offensichtlich auf den Spuren seines Idols Lovecraft wandelt. Das hat er später noch mehrfach und mit wesentlich größerem Geschick getan: "Im Tempel des Horrors" ist weniger ein Pasticcio als ein Plagiat, aber es hat durchaus seine Momente!


Carl Jacobi: "Das Untier aus der Tiefe" ("The Aquarium")

Die Malerin Emily Rhodes möchte umziehen. In der Zeitung findet sie ein erstaunlich günstiges Angebot für die Miete eines schönen Hauses. Einzige Bedingung: Sie muss auch das Aquarium übernehmen, das der Vorbesitzer - der unter seltsamen Umständen verstorbene Tiefsee-Forscher Horatio Lear - in der Bibliothek aufstellen ließ. Das Becken ist riesig, das Wasser trüb, und so bleibt Miss Rhodes zunächst der ungebetene Gast verborgen, den Lear einst auf dem Meeresgrund auflas ...

Wer ist Carl Jacobi? Das kann Ihnen Ihr Rezensent auch nicht sagen; es verbirgt sich jedenfalls kein Klassiker des Unheimlichen hinter diesem Autor. "Das Untier ..." ist eine schlichte "Monster in the Closet"-Story nach bekanntem Muster und mit lange voraussehbarem Ende, aber sie wird sauber und witzig präsentiert.


H. P. Lovecraft: "Die Schlucht der Dämonen" ("Witches’ Hollow")

Der junge Williams tritt eine Stelle als Lehrer in einer kleinen Schule der alten New-England-Stadt Arkham an. Seine Schüler kommen meist aus dem unwirtlichen Hinterland zu ihm. Die Landbevölkerung ist mürrisch und verschlossen; es ist, als ob ein Fluch über der Gegend lastet. Dem Lehrer fällt der junge Andrew Potter auf, dessen Talent ihm förderungswürdig erscheint. Doch Andrew macht wenig Anstalten, auf solche Anregungen zu reagieren, und gibt an, seine Familie werde es ihm niemals gestatten, den heimischen Hof zu verlassen. Also macht sich Williams auf zur Dämonenschlucht, wo die Potters hausen, die - so warnen ihn seine Schüler - eine Brut von Hexen und Zauberern sei ...

In einer Sammlung von August Derleth darf eigentlich eine Geschichte seines Idols und Mentors H. P. Lovecraft (1890-1937) nicht fehlen. Dennoch ist "Die Schlucht ..." eigentlich eine Mogelpackung, stammt sie doch nicht vom Meister selbst, sondern ist eine der vielen postumen "Zusammenarbeiten", in denen Derleth die mehr oder wenigen rudimentären Geschichten, Entwürfe und Geistesblitze, die er in Lovecrafts Nachlass fand, im Geiste des toten Freundes fortschrieb. "Die Schlucht ..." ist tatsächlich Lovecraft, aber dennoch eine Skizze, die offensichtlich nie zur Veröffentlichung bestimmt war. Lovecraft selbst hat die meisten Motive später wieder aufgegriffen und weitaus besser entwickelt (vielleicht am besten in "Das Grauen von Dunwich"). Dennoch gehört "Die Schlucht ..." eindeutig zu den besseren Lovecraft/Derleth-Kollaborationen.


Dennis Roidt: "Der Sarg" ("The Green Vase")

Vincent, ein junger Komponist, erwirbt das einsam und ruhig gelegene Lanceford-Haus. Es ist gut erhalten, voll möbliert und erstaunlich preisgünstig. Das mag damit zusammenhängen, dass Steven, der Sohn der unter nie geklärten, aber höchst unerfreulichen Umständen ums Leben gekommenen Vorbesitzerin, seit dreißig Jahren in seinem Sarg auf dem Dachboden liegt. Aber Vincent schreckt dies nicht, und er stößt sich auch nicht an der seltsamen Klausel des Lanceford-Testamentes, nach der Stevens einzige künstlerische Leistung seines Lebens, eine selbst getöpferte Vase, unter gar keinen Umständen von ihrem Platz im Wohnzimmer entfernt werden darf. Schon zu seinen Lebzeiten pflegte der geistig labile Steven auf entsprechende Versuche mit mörderischen Wutausbrüchen zu reagieren. Das hat sich nicht geändert, wie Vincent und sein allzu wagemutiger Freund Edward rasch herausfinden ...

Ein kleines Juwel, diese Geschichte eines Autors, der ansonsten in Deutschland völlig unbekannt geblieben ist. Eigentlich ist "Der Sarg" genau jene Art von Geschichte, die den gestrengen Kritiker des Unheimlichen ärgern muss: Das Übernatürliche tritt weder auf Samtpfoten noch so unbemerkt in die reale Welt ein, dass es auch Einbildung sein könnte. Stattdessen fällt ein rachsüchtiges Gespenst über seine Opfer her, und es hält sich nicht einmal an die Geisterstunde! Aber "Der Sarg" wird - obwohl keine "große" Literatur - so stilvoll, spannend und mit genau der richtigen Dosis schwarzen Humors erzählt, dass man durchaus meinen könnte, einen alten Meister der klassischen Gespenstergeschichte, Montague Rhodes James (1864-1936), vor sich zu haben, der berühmt für seine bösartigen Nachtmahre war.


George Wetzel: "Die Wendeltreppe ins Nichts" ("Caer Sidhi")

Auf einem Leuchtturm vor der englischen Atlantikküste versehen die beiden Wärter Neil und O’Malley ihren einsamen Dienst. Die Bevölkerung hasst den Turm, denn sie hängen dem alten keltischen Glauben an, dass die Klippen verwunschen sind, weil sich hier die Welt des Diesseits mit der des Jenseits trifft. Der Leuchtturm gilt als "Caer Sidhi", der den Kontakt mit den fremden Dimensionen mystischer, aber dem Menschen gar nicht gewogener Wesen ermöglicht. Während ein heftiger Sturm die beiden Wärter in ihrem Turm festhält, stellen sie fest, dass sie in einer schrecklichen Falle stecken - und sie werden nicht die Letzten sein ...

Nach M. R. James nun also W. H. Hodgson, der ja auch mit einer Originalgeschichte in dieser Sammlung vertreten ist. Neben seinen maritimen Geistergeschichten war Hodgson fasziniert von der Vorstellung, es gäbe in der "normalen" Welt Schnittstellen zu fremden Dimensionen. Auf diesem Niveau bewegt sich George Wetzel sichtlich nicht. Er gibt aber sein Bestes, und wie wir nicht erst seit "The Fog - Nebel des Grauens" wissen, ist ein Leuchtturm stets für eine Gruselgeschichte gut!


Mary Elizabeth Counselman: "Die Todesbibliothek" ("Hargrave´s Fore-Edge Book")

Jonathan Hargrave ist entsetzt: Seine lebenslustige Tante gedenkt doch tatsächlich, die wertvolle Bibliothek ihres verstorbenen Mannes unter den Hammer zu bringen! Das kann Jonathan, der Bücher über alles liebt, keinesfalls zulassen. Zwischen den Regalen inszeniert er einen "Unfall" und darf sich nun ungestört der ererbten Schätze erfreuen. Aber ein harmloser Bücherwurm hat niemals seine Ruhe - vor allem nicht, wenn er reich ist. Die nicht mehr ganz so junge Miss Tresser hat ein Auge auf ihn geworfen - und auch sie stellt sich zwischen Jonathan und seine Bücher ...

Die einzige flaue Geschichte in dieser vorzüglichen Sammlung; eine wenig inspirierte und vor allem kaum überzeugende Studie vom allmählichen geistigen Verfall eines Außenseiters, die sich über weite Strecken wie eine schlechte Kopie von Edgar Allan Poes "Metzengerstein" und "Das verräterische Herz" liest, und der schon lange vor dem schwachen Ende die Luft ausgeht.


David H. Keller: "Ein Totenschädel zur Erinnerung" ("In Memoriam")

35 Jahre hat Dr. John Brown seinen Vetter, den berühmten, aber sehr zurückgezogen lebenden Pathologen Professor Moyer, nicht mehr gesehen. Der fanatische Wissenschaftler lebt für seine Forschungen und seine Lehrtätigkeit; es gibt kein Privatleben für ihn. Das war einst freilich einmal anders, wie Brown erfährt; Moyer war sogar verheiratet und hat seine Frau über alles geliebt. Doch sie starb unter tragischen Umständen, und Moyer behielt ein ganz besonderes Andenken an sie zurück ...

Nur wenige Seiten ist diese Erzählung lang, und Geister treten auch nicht auf - jedenfalls keine, die man sehen könnte. Dennoch wirkt der leise Horror außerordentlich nachdrücklich. Professor Moyer und sein Besuch sitzen beisammen und unterhalten sich, und allmählich wird Dr. Brown gleichzeitig mit dem Leser klar, dass der Forscher über den Tod seiner Frau wahnsinnig geworden ist und seit Jahren in seiner selbst geschaffenen Hölle leidet.


Zwischen 1973 und 1981 erschienen im Verlag Erich Pabel die "Vampir"-Taschenbücher, ein "Spin Off" zur gleichnamigen Heftroman-Serie. Während sich diese ausschließlich dem vordergründig-plumpen Holzhammer-Horror verschrieben hatte, den vorzugsweise deutsche Autoren (wohlweislich unter Pseudonym) wie am Fließband produzierten, gab es unter den mehr als 80 Taschenbüchern echte Perlen zu entdecken. Zwar dominierten auch hier Zweitklassiges und Routine, doch die Übersetzungen aus dem anglo-amerikanischen Raum drängten die Zeilenschinder aus Germany zurück, und es erschienen zahlreiche Sammelbände mit Kurzgeschichten!

Die Kurzgeschichte hat es hierzulande nicht einfach. Gegenüber dem Roman fristet sie sogar ein ausgesprochenes Schattendasein, was traurig ist und schwer verständlich, macht sie es doch dem Leser möglich, in kurzer Zeit viele verschiedene Welten zu entdecken. Der vorliegende Band stellt dies eindrucksvoll unter Beweis. Hinter dem marktschreierischen deutschen Titel und der reihentypisch grellen Aufmachung (heute schon wieder nostalgisch/schaurig-schön) versteckt sich wahrlich Hochkarätiges. August Derleth (1909-1972) hat sich wie kaum ein anderer um die phantastische Literatur verdient gemacht. Als Herausgeber und Förderer von Talenten hat er sich ewige Meriten erworben. Ihm verdankt der große H. P. Lovecraft seine (leider postume) Wieder- bzw. Neuentdeckung, aber daneben hat Derleth noch unzählige andere, ebenso lesenswerte Gruselschätze gehoben und dem erfreuten Publikum vorgestellt.

Zwar ist es heute nicht mehr so einfach, ein "Rendezvous mit dem Würgeengel" zu feiern. Da es jedoch eine Vielzahl von Antiquariaten gibt, die sich auf das Phantastische spezialisiert haben, ist es - zumal im Internet - nicht unmöglich, noch ein Exemplar zu finden. Es lohnt sich auf jeden Fall - und sollte es gelingen, ist es durchaus keine leere Geste, eine Gedenkminute einzulegen in Wehmut an eine Zeit, als es noch möglich war, für wirklich wenig Geld echte Qualität zu erwerben!

Eine Rezension von



www.DRoSI.de
die beste Adresse,
seit es Rollenspiele gibt
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Michael Drewniok
von www.buchwurm.info/
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Name: Rendezvous mit dem Würgeengel

Art: Roman für Romane Horror; Taschenbuch;

Publikationsjahr: 1976

Kontakt: Pabel

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