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De Profundis

Hallo Markus!

Du wunderst Dich vielleicht, daß ich Dir einen Brief schreibe, anstatt wie üblich eine Email zu Tippen. Aber für das, was ich Dir schreiben möchte, scheint mir Papier und Tinte momentan eher angebracht, denn hinten bei meinem Rechner liegt ES.
Eigentlich hatte ich ja vor, die Rezension zu De Profundis noch bis in alle Ewigkeit rauszuschieben, doch mittlerweile bin ich der Ansicht, daß mich dieses Buch als Dank für die Warterei in den Wahnsinn treiben möchte.

Ursprünglich hatte ich es nach dem Lesen der ersten Seiten weit weg gelegt. Zu abstrus erschien mir die Idee eines Rollenspiels, oder eher Psychodramas, das sich über Briefe, anstelle einer lebhaften Diskussion spielen läßt.
Doch egal wohin ich De Profundis legte - ins Regal, unter einen hohen Bücherstapel - in irgendwelche Kisten - wenige Tage später, fand es sich wie von Zauberhand wieder auf meinem Computertisch ein. Ich habe natürlich meine Freundin und auch Bekannte angesprochen, ob sie das Buch in meiner Abwesenheit dorthin gelegt hätten - aber alle versicherten mir, daß dies nicht der Fall gewesen sei.
Ich habe inzwischen aufgegeben es aus meinem Sichtfeld wegzulegen - wenigstens bleibt es auf diese weise an seinem Platz. Und dort liegt auch in diesem Moment - zumindest hoffe ich das.
Wie Du sicherlich verstehst habe ich ein ungutes Gefühl, wenn ich am Rechner sitze und das Buch neben dem Monitor auf dem Tisch liegt, gerade so als warte es auf etwas. Manchmal kommt es mir so vor, als würde es mich anschauen und versuchen mit einer Form von Telephatie in mein Bewußtsein einzudringen, während ich beim Schreiben von Emails mit meinen Gedanken wegdrifte und kurzzeitig nicht aufmerksam bin.
Ich gebe es ungern zu, aber ich habe Angst vor einem Buch.

Vielleicht glaubst Du beim Lesen dieser Zeilen, daß ich überarbeitet bin und dringend ausspannen sollte - aber ich kann Dir versichern, daß es mir gut geht - wenn es nur dieses Buch nicht gäbe.
Hmm, vielleicht sollte ich wirklich ausspannen, mal wieder Urlaub machen, weit weg von meinen vier Wänden, dem Rechner und auch De Profundis.
Ich geh am besten mal beim Reisebüro vorbei - auf dem Weg dorthin kann ich auch dieses Brief einwerfen.

Viele Grüße, ich melde mich bald wieder
Uwe

Was ich vorneweg mit meinen begrenzten literarischen Fähigkeiten zu Schreiben versuchte, könnte der Anfang einer De Profundis-Spielrunde sein.
De Profundis ist kein Rollenspiel im eigentlichen Sinne, also kein Pen&Paper-Rollenspiel, sondern ein Erzählspiel, an dem Spieler über Distanzen hinweg und zeitlich versetzt per Briefen (das sind die Dinger aus Papier, im Umschlag und mit Briefmarke) teilnehmen können.
Der Spaß an diesem Spiel, liegt in der gemeinsamen Entwicklung einer Geschichte, die als Hintergrund den Mythos von H.P. Lovecraft und seiner literarischen Nachfolger nutzt. Es kann also nicht schaden, wenn die Spieler sich für phantastische Literator begeistern können, in denen der graue Alltag stets eine besondere, geheimnisvolle und unerklärliche Komponente enthält. Es ist ausdrücklich nicht notwendig, daß die Teilnehmer bereits erprobte Rollenspieler sind, vielmehr sind die Liebe zur Phantastik, zum Phantasieren und Schreiben von Bedeutung.

Für die Charaktere, also die fiktiven Verfasser der Briefe, von denen jeder Spieler einen übernimmt, ist unsere Welt nicht so wie es scheint. Es handelt sich um unfreiwillige Erforscher übernatürlicher Phänomene, die dem Ruf ihrer Neugieride folgen und sich langsam aber sicher der gefährlichen Wahrheit annähern, die hinter dem Vorhang aus Realität schlummern. Naja, vielleicht sind einige von Ihnen auch tatsächlich nur bekloppt, wer weiß. Der Spaß bei diesem Spiel, liegt wie beim Tisch-Rollenspiel in der Interaktion zwischen den Hauptdarstellern - nur halt, daß jeder Charakter eher in Eigenregie agiert und seine Forschungsresultate und Ereignisse in Form eines Briefes an den oder die Mitspieler weiterreicht.

Vor dem Start einer De Profundis-Spielrunde müssen zwei Hürden überwunden werden: Es müssen Leute gefunden werden, die sich auf das Spiel einlassen wollen und der Initiator muß sich eine gute Idee für den ersten Brief ausdenken. Diese sollte das Potential haben, einen regen Briefverkehr einzuleiten. Ich vermute, daß belesenen Mythos-Fans spontan eine ganze handvoll Ideen im Kopf rumgeistern.
Bei der Ideensuche hilft einem natürlich De Profundis mit Ratschlägen weiter - irgendwie müssen sich die Autoren ja auch ihr Geld verdienen.
Die zweite Aufgabe, Mitspieler zu finden, kann man eventuell erledigen, indem man potentiellen Interessenten einfach einen Brief zusendet und die Reaktionen abwartet. Wenn sie interessiert reagieren, erklärt man ihnen schnell noch die Details des Spiels.
Wesentliche Vorteile von De Profundis sind, daß es sowohl über Distanz, als auch zeitversetzt gespielt werden kann - De Profundis eignet sich also auch für gestreßte Zeitgenossen.

Wer bereits mit Cthulhu oder Lovecraftscher Literatur vertraut ist, sollte beim Ausdenken eines Charakters keine allzu großen Probleme haben, zumal er seine Persona nicht in ein starres Wertekostüm packen muß, sondern recht flexibel mit Fortgang der Geschichte weiter entwickeln kann.

Die Autoren weisen übrigens explizit darauf hin, daß man echte Briefe verwenden soll und bitte keine E-Mails. Das Papier als Basis ermöglicht eine viel liebevollere Ausgestaltung des Flairs - die auf der anderen Seite genauso ankommt, wie man es geschrieben hat. Kein TrueType-Font ersetzt die Ausdruckskraft der eigenen Handschrift.
Als Erweiterung des Briefs können auch passende Zeitdokumente (z.B. Photos oder Zeitungsschnipsel) hinzugefügt oder auszugsweise Tagebuch-Blätter verwendet werden. Alles sind Stilmittel die wesentlich zur Atmosphäre eines De Profundis-Erzählspiels beitragen und keinen Platz in einer EMail haben.

Der Rest des Bandes beschäftigt sich mit spieltechnischen Dingen wie Spielfrequenz und der Essenz von De Profundis-Geschichten.

Technisches
In jedem Fall inspirierend - und das hat mich doch recht stark an Castle Falkenstein erinnert - ist der Aufbau des kompletten Buches als Sammlung von Briefen, die von dem Autoren Michael Oracz stammen und an seinen Freund Ralf Sandfuchs (den deutschen Übersetzer) gerichtet sind. Jeder Brief enthält einen thematischen Bereich der Spielregeln oder des Hintergrunds und alle zusammen sind im Grunde bereits die erste De Profundis-Geschichte, an der der Spieler lesend teilnehmen kann.
Die einzelnen Seiten des Buches sind meist wie Briefpapier gestaltet, weisen Eselsohren auf und zeigen Illustrationen von Photographien und Zeichnungen, die mit Büroklammern an die Papierbögen "angeheftet" wurden.
Für sein Geld erhält man ein 84 Seiten dickes Buch im DIN A5-Format mit einer ordentlichen Übersetzung.

Fazit:
De Profundis gehört meines Erachtens in die Schublade der Rollenspiele mit außergewöhnlicher Spielform. Die Autoren definieren es als Psychodrama bzw. Erzählspiel.
Thematisch orientiert es sich an H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos sowie Rollenspiel und kann für unfreiwillig abstinente Rollenspieler und Hobby-Autoren eine gelungene Alternative oder Ergänzung zum Lesen oder Pen&Paper-Rollenspiel bieten.

Es gibt eine weitere Rezension von Andre Jarosch zu diesem Produkt! Lesen?


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Name: De Profundis

Art: Grundregeln für De Profundis; 84 Seiten; Softcover;

Publikationsjahr: 2003

ISBN-10: 3-93293-204-8

ISBN-13: 978-3-93293-204-5

Preis: 8 Euro

Kontakt: Krimsus Krimskrams Kiste
Homepage: www.krimsu.de

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