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Engel - Traumsaat

Wie fange ich die Rezension am besten an? Mir schweben Schlagworte wie "Experimentell", "Genial" oder ähnliches im Kopf herum, aber ich tendiere letzten Endes doch zu einem schlichten "Wenn der Fantasy-Autor zum Rollenspiel-Autor wird...".

Traumsaat ist der erste Quellenband zum deutschen Rollenspiel Chroniken der Engel, das meist kurz mit "Engel" bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um ein ganz untypisches Endzeit-Rollenspiel, dessen Rezension man hier findet.
Eine der Besonderheiten von Engel ist sicherlich die Tatsache, das mit Kai Meyer zumindest einer der wichtigeren Autoren aus dem Lager der Fantasy-Romanautoren stammt und eben nicht aus dem Lager der Rollenspielautoren. Das ermöglicht Engel auf eine ganz eigene Weise innovativ zu sein, weil ein Teil der einfließenden Ideen eben nicht von den typischen Klischees der Rollenspielszene belastet ist. Andere Rollenspiel-Autoren wie z.B. der recht erfahrene Oliver Hoffmann, sorgen dann dafür, daß diese Innovationen tatsächlich umsetzbar und auch spielbar sind bzw. werden. Ein erfrischendes Zusammenspiel, keine Frage.

Zurück zum Traumsaat-Quellenband. Traumsaat als "Monster-Quellenband" zu bezeichnen ist eine Kategorisierung, die "typisches Rollenspieler-Denken" wäre, aber dem Band eigentlich gar nicht gerecht wird. Traumsaat ist auch ein Monster-Quellenband, aber in jedem Fall mehr als das. Nur ein Sechstel der 120 Seiten erfüllen die Erwartungen, die Rollenspieler dank Urvater Dungeons & Dragons an einen Monster-Quellenband stellen: hier findet der Spielleiter die typischen tabellarischen Auflistungen zu jedem "Monster", sprich Spielwerte und Hinweise zu besonderen Fähigkeiten - also praktisch das, was ein Spielleiter von einem D20-Quellenband erwarten kann.

Der Hauptteil des Bandes - also immerhin 100 Seiten - wollen dagegen so ganz und gar nicht dem typischen Klischee eines D20-Monster-Quellenbandes entsprechen. Statt dessen bekommt der Leser einen Roman präsentiert - in Form eines Tagesbuchs des ehrwürdigen Bruder Domenico (bzw. Fra Domenico), der in dieser Form seinen kirchlichen Vorgesetzten von den haarsträubenden Begegnungen mit allerlei Kreaturen berichtet.
Zum einen läßt sich dieser umfangreiche Bericht ebenso flüssig lesen, wie ein Roman und zum anderen verfügt er über ausreichend viele Spannungselemente, so daß man ihn kaum beiseite legen will. Hier dringt das Talent des Roman-Autors Kai Meyer voll durch. Da macht das Lesen, sonst meist sehr trockener Lesekost, richtig Freude.

Dadurch das Fra Domenico im Auftrag seiner Befehlsgeber ausziehen darf, um die Traumsaat zu erforschen, stolpert der Leser mit ihm, einem Kartographen und einem Trupp aus Templern und Trägern hinaus in ein Abenteuer, das manchem Engel-Charakter zur Ehre reichen würde. Domenicos ängstliche Seite und ein unglaublicher Haufen Glück ermöglichen es ihm, seine Aufzeichnungen tatsächlich fertig zu stellen. Jedoch nicht, ohne - in jeder Hinsicht - durch die Hölle gegangen zu sein. Die Begegnungen mit den verschiedensten Traumsaat-Kreaturen fordern ihre Opfer und der "Roman" schildert diese Begegnungen elegant, ohne dabei unlesbar bzw. unlesenswert zu werden.

Der Leser folgt der Handlung durch die Augen von Fra Domenico - und erhält damit eine sehr subjektive Sicht der Dinge. Natürlich ist Fra Domenico mit kirchlichen Vorstellungen vollgestopft und natürlich versucht er - trotz aller Fähigkeit zur Kritik - der kirchlichen Denkweise gerecht zu werden. Die Beschreibungen sind daher durchaus verklärt, von einem Mythos, der die Existenz von Gott und dem Teufel als gegeben voraussetzt. Ein äußerst interessanter Aspekt, der es dem Leser bzw. Spielleiter erlaubt bzw. zwingt eigene Vermutungen anzustellen... und selbst im "sachlich-trockenen" Tabellenteil findet der Leser zwar Spielwerte aber doch nicht die ersehnte "Erlösung", sprich die "absolute Wahrheit" über die Traumsaat.

Technisches
Ich habe ein wenig überlegt, ob ich dem Band 5 Punkte für Illustration & Aufmachung geben kann und habe mich schließlich dafür entschieden. Zwar hat mich zu Beginn der vermeintliche Charme des verwendeten beigen "Recycling-Papiers" davon abbringen wollen, aber spätestens beim Lesen, der "pergamentenen" Tagebuchseiten des Fra Domenico, wurde dadurch ein sehr gutes Gefühl vermittelt. Das Gleiche gilt dann auch für die Illustrationen, die auf den ersten Blick nicht ganz perfekt wirken, aber in Verbindung mit dem Text ihre ganze Wirkung entfalten - und bei genauer Betrachtung über einen ansprechenden Detailreichtum verfügen.
Zum Text läßt sich - zu meiner Freude - ähnliches berichten. Ich habe vorher noch nichts von Kai Meyer gelesen, aber ich bin versucht diesem Anliegen nach zu gehen. Zwar ist das "Tagebuch" etwas unflüssig in (tägliche oder längere) Etappen aufgeteilt und man kann quasi jeder dieser Etappen eine oder mehrere der "Kreaturen" zuordnen, aber durch den Prozeß der Reise werden die einzelnen Etappen doch nahtlos miteinander verbunden.

Fazit:
Wahrlich ein ungewöhnlicher Quellenband. Man darf damit rechnen, nicht nur etwas über die Kreaturen der Traumsaat zu erfahren, sondern auch gleich eine ganze Menge über das Europa, so wie es in den Chroniken der Engel gespielt oder besser erlebt werden soll.
Jemand der vordringlich an neuen exotischen Kreaturen für sein Rollenspiel interessiert ist, wird mit den nur 21 im Anhang protokollierten Traumsaat-Monstern relativ wenig für sein Geld bekommen, aber dieser Leser ist bei den Chroniken der Engel vielleicht auch gar nicht so recht aufgehoben.
Traumsaat wird dem Anspruch des Engel-Rollenspiels gerecht, eben nicht nur ein stupider D20-Clone zu sein, sondern in erster Linie ein Erzähl-Rollenspiel, das zu diesem Zweck auch das alternative Arkana-System mit den Spielkarten anbietet.
Für mich ein sehr gelungener Quellenband und eine interessante Erfahrung, die weder dem an Engel interessierten Leser, noch dem neugierigen Rollenspiel-Autor vorenthalten werden sollte.

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    Name: Traumsaat

    Art: Quellenmaterial für Engel; 120 Seiten; Softcover;

    Publikationsjahr: 2002

    ISBN-10: 3-93528-246-x

    ISBN-13: 978-3-93528-246-8

    Preis: 23 Euro

    Kontakt: Feder&Schwert

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    Letzte Änderung / Last modify: 2008-01-20