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Romane - Flusswelt-Zyklus 3: Das dunkle Muster

Die Flusswelt ist ein riesiger Planet, offenbar künstlichen Ursprungs, von dem niemand weiß, wer die Welt geschaffen hat. Es gibt keine Jahreszeiten, dafür herrscht eine Art ewiger Frühling, denn das Klima ist zu jeder Zeit sehr angenehm. Vom Typ her könnte es die Erde sein, denn jeder Mensch der dort ankommt fühlt sich sofort wohl. Allerdings gibt es einen Fluss, der von seiner Größe jedes andere Flusssystem der Erde übertrifft. Mit zwanzig Millionen Kilometern Länge gibt es kein vergleichbares System. Das Flusstal, dass jede Art Ufer der irdischen Flüsse umfasst wird von unüberwindlichen Gebirgszügen eingefasst und umfasst den ganzen Planeten. Die steilen Wände verhindern, dass die neuen Bewohner der Flusswelt gerade diese verlassen können. An den Ufern gibt es neben den zufälligen Meteorabstürzen, die das wenige Metall auf dieser Welt beinhalten riesige Pilze. Die Pilze sind künstliche Gebilde von riesenhaften wuchs. Sie bieten nicht nur Schutz vor Regen, der täglich zur gleichen Zeit um drei Uhr einsetzt, sondern man kann aus ihm auch Lebensmittel beziehen. Dies geschieht mittels metallener Zylinder, die man in Öffnungen steckt, sobald ein Signal ertönt. Neben den Fischen aus dem Fluss ist das die einzige Nahrung auf dem Planeten.

Die Flusswelt hat aber noch kein intelligentes Leben hervorgebracht. Bis zu dem Zeitpunkt, als plötzlich fünfunddreissig Milliarden Menschen auf der Welt auftauchen. Menschen, die irgendwann einmal auf der Erde lebten, liebten und starben. Menschen, die nicht jünger als sechs Jahre und nicht älter als sechzig Jahre alt sind. Auf der Flusswelt scheint jeder Wiedererwachte fünfundzwanzig Jahre alt zu sein, ohne jegliche art von Behaarung und die Männer sind beschnitten. Und jeder ist ein Versuchsobjekt eines unbekannten Experiments.

Sir Richard Francis Burton, seines Zeichens Atheist und Afrikaforscher, stirbt im Jahr 1890. Einen Glauben an die Wiedergeburt kann er als Atheist natürlich gut heißen. Um so erstaunter dürfte der ehemalige britische Konsul sein, als er auf der Flusswelt erwacht. Und dann ist es Gott, der ihn erwartet, zugleich aber darauf aufmerksam macht, ihm etwas schuldig zu sein. Sir Richard Francis Burton, der nie die Quellen des Nils entdeckte, kann nun auf der Flusswelt ganz andere Dinge entdecken. Zudem hatte Burton noch einen Traum, der ihn an den Nordpol der Welt zu locken scheint und einen dunklen Turm (dessen Motiv Jahrzehnte später bei Stephen King wieder auftaucht) zum Thema hat. Vorerst entdeckt der Mann, der als verkleideter Moslem die heiligen Stätten besuchte, nur eines. Er ist nackt und hat einen Gral bei sich. Jenen metallischen Zylinder, den man in die Riesenpilze steckt, Gralssteine genannt, um an Nahrungsmittel zu gelangen. Gleichzeitig gibt es aber auch Schnaps, Zigaretten und Kaugummi. Ein Science Fiction Schriftsteller namens Peter Jairus Frigate (alias Philip José Farmer) klärt ihn darüber auf, was ein Kaugummi ist. Frigate ist zudem sehr genau über das leben von Burton informiert, er weiss z. B. dass Burton die Erzählungen über 1001 Nacht übersetzte. Nach und nach trifft Burton auf andere Menschen. Ein Jude Namens Lev Ruach klagt Burton des Antisemitismus an, Kazz der Neanderthaler schliesst sich ihm eine Weile an und der einzige Alien der auf diesem Planeten landet. Monát, so sein Name sterilisierte die Erde in Notwehr. (Tolle Idee, vor allem weil dies im Jahr 2008 stattfand).

Das Kaugummi hat noch eine andere Bedeutung. Es enthält eine Droge die alle Hemmungen abbaut, die der Mensch bis dato noch hatte. Bereits in der ersten Nacht gibt es zwischen den Menschen jede Art von Sex. Der Droge kann sich niemand entziehen. Auch Sir Burton ist davor nicht gefeit und vergnügt sich mit Lady Alice (aus dem Wunderland) Liddell Hargreaves. Bei den bis zur Vergewaltigung gehenden Sexexzessen gibt es eine gute Sache. (Oder auch nicht) Die Frauen können nicht schwanger werden. Nach dem Drogenrausch kommt das böse erwachen und Lady Alice will mit Sir Burton nichts mehr zu tun haben.

Wie es bei Menschen so ist, gibt es bald Intressengemeinschaften und Grüppchen, Banden und Gesellschaften. Auch Sir Burton wird so zum Anführer einer Gruppe, der sich ausgerechnet der Jude Lev Ruach, Lady Alice, Kazz und Frigate anschliessen. Sir Richard Francis Burton gibt sich aber nicht damit zufrieden, auf dieser Welt wiedergeboren zu sein. Er will wissen, aus welchem Grund er sich auf der Flusswelt aufhält, wer hinter dem Projekt steckt. Er fühlt sich als Versuchskaninchen, das jedoch aus seiner Rolle ausbrechen will. (Nur ist dieser Ausbruchsversuch geplant und Teil des Experiments?) Gemeinsam will er, wie auf der Erde die Quellen des Nils, den Ursprung dieses Flusses kennen lernen. Mit einem selbst gebastelten Bambusboot macht er sich mit seiner kleinen Gruppe und einigen weiteren Begleitern auf den Weg, den Fluss stromauf zu fahren. Auf ihrem Weg treffen sie die unterschiedlichsten Menschen, die in Stämmen, Königreichen, Stadstaaten und anderen sozialen Gemeinschaften sich zusammen gefunden haben. Frigate erkennt bald, dass hier die grösste Sammlung an sozialen und kulturellen Gemeinschaften beheimatet sind, die auf der Erde je an einem Fluss gesiedelt haben. Der Nachteil dieser kulturellen Gemeinschaften besteht darin, dass sie sich weder um Nahrung kümmern müssen, noch um die Aufzucht von Nachwuchs. Während sich einige wenige der Kunst hingeben, führen andere wiederum Kriege gegeneinander. Burtons Reisegesllschaft hält sich von den Despoten jedwelcher Art meist fern. Eines Tages auf ihrer inzwischen fünf Jahre dauernden Fahrt, geraten sie in den Konflikt zwischen Tullius Hostilius und Hermann Göring. Beide Tyrannen sind auf ihre eigene Art und Weise Wahnsinnig geworden (oder noch nie anders gewesen). Burton wird gefangen genommen und in Görings Festung geschleppt. Dort gelangt er zur Erkenntnis, das der Mensch auf dieser Welt nicht sterben kann. Natürlich kann Burton entkommen und macht sich auf den Weg, den schwarzen Turm zu finden und damit die Erbauer dieser Welt. Allerdings ist Hermann Göring nachtragend und entwickelt sich als fanatischer Verfolger. Sir Richard kann sich immer noch daran erinnern, wie er auf diese Welt kam und vor allem, was zwischen seinem Tod und der Ankunft lag. Damit ist er für die Erbauer der Welt eine Gefahr. Agenten der Erbauer sind hinter Burton und zwangsläufig seiner kleinen Reisegesellschaft her. Dabei können sie von einem Agenten erfahren, worum es geht und ein weiterer Agent gibt sich als einer der Erbauer, einer der zwölf Ethiker, zu erkennen. Das hilft Burton aber nicht wirklich weiter. Burton setzt sich auf seine Art mit dieser Welt und der Zwischenwelt, an die nur er sich erinnert, auseinander. Für einen Atheisten stellt sich nicht die Frage, ob das Himmel oder Hölle ist. Für einen Gläubigen ist das Ansichtssache. Gerade für jemanden aus dem prüden viktorianischen (oder ähnlichem) Zeitalter muss das Nackt sein schon eine Art Hölle sein. Mit Göring und den Agenten auf den Fersen ist Sir Richard Francis Burton immer eine gefährdete Person und hält damit die Spannung hoch. Seine unzähligen Tode, die er unterwegs erleidet dienen jedoch nur dazu, ihm seinem Ziel, dem schwarzen Turm näher zu bringen. Denn jeder Tote erwacht am nächsten Morgen an einer anderen Stelle des Flusses.

In Band zwei wechselt der Handlungsträger. Statt Sir Richard Francis Burton ist nun Samuel Langhorn Clemens (niemand anderes als Mark Twain) unterwegs. Vom Bambusboot geht es zu einem Dampfschiff. (Damit greift Philip José Farmer auf die Mississippigeschichten Mark Twains zurück). Sam ist zu beginn mit dem Wikinger Erik Blutaxt unterwegs auf dem Drachenschiff, dass den wohlkingenden Namen, die Blutgestählte, trägt. Wie die Wikinger so sind, nicht gerade die Liebenswürdigkeit in Person, suchen sie Metall für ihre Waffen. Metall ist jedoch rar, kommt es doch nur mit den seltenen Meteoreinschlägen auf die Flusswelt. Jeder der Metallvorkommen kennt ist dadurch ein Priveligierter. Samuel will sich ein Dampfschiff ganz aus Metall bauen, damit er zu der Quelle des Flusses vorstossen kann. Dazu benötigt er Helfer, wie etwa den vom Himmel gefallenen Lothar von Richthofen (den Bruder von Manfred, dem Roten Baron) oder Joe Miller. Joe hat seinen Namen von Sam erhalten und sieht aus wie eine Kreuzung aus grossem Affen und Vorzeitmensch (und erinnert damit an Kazz aus dem ersten Roman). Joe erhielt von Echnaton ein überragendes Wissen und kann sich zivilisierter Ausdrücken als manch anderer, der in der Folge zu Samuel dazu kommt. Der einzige Fehler, den Joe hat ist die Aussprache, denn er lispelt. Joe Miller erzählt, wie er die Expedition zur Quelle unternahm und dort auch ankam. Die Quelle ist ein See, in dessen Mitte sich ein riesiger schwarzer Turm erhebt (den Burton nie erreichte) und den Miller auch nicht erreichte. Bei einem Unfall, erschrocken über ein wasserndes Fluggerät, stürzt er in die Tiefe und findet sich viele Meilen weiter unten am Fluss. Dort schloss er sich den Wikingern unter Erik Blutaxt an. Im Laufe der Reise treffen Burton und Clemens aufeinander und Burton erzählt vom schwarzen Turm, den Agenten und den unter einander zerstrittenen Ethikern. Clemens sieht eine Chance, den Turm zu erreichen, und vielleicht auch seine Frau Livy und die Kinder zu finden.

In einer dunklen Nacht erfährt Sam, dass jemand ihm helfen wolle, ein Dampfschiff zu bauen. Dieser unbekannte Jemand hätte einen Meteor so umgeleitet, dass er auf einem bestimmten Stück Ufer nieder gegangen sei. Sam erobert mit Eriks Hilfe den entsprechenden Uferstreifen und gründet das Land Parolando. Damit sich alle, die früheren Bewohner, die Wikinger und alle neu hinzu gekommenen verstehen, führt er Esperanto als Sprache ein. Erik hat aber scheinbar keine Lust, sesshaft zu werden. Friedliche Herrschaft liegt ihm nicht und bevor Erik etwas unternehmen kann, gelingt es Sam und seinen Freunden, Erik zu töten. Es folgt eine Schlacht, die Sam nur mit Hilfe des plötzlich auftauchenden Königs John Lackland gewinnt. Wie schon auf der Erde entwickelt er eine Magna Charta. Damit ist Parolando vom Thema her eine Demokratie. Doch auch diese Freiheit musste mit Waffengewalt geschaffen werden. Sam muss nun die Herrschaft nicht mit Erik, dafür mit John teilen. Dafür gelingt es ihm in einem politischen Eiertanz, seinen Pazifismus durchzusetzen, obwohl oder gerade weil, er später Waffen herstellt. Jahre gehen ins Land, bis Samuel mit seinen Leuten eine Fabrik errichten und Material herstellen kann. Zum einen ist es das Material für den Bau des Dampfschiffes, andererseits sind es andere Waren und Waffen. Bald ist Parolando eine hochgerüstete Zone, die mit den Nachbarn Handel treibt. Gleichzeitig bemerkt Sam jedoch auch, dass die Nachbarn Kriege führen um selbst stark genug zu werden, Sams Land zu überfallen. Die Feinde sind ein Land, dass nur von Schwarzen unter der Herrschaft von König Hacking regiert wird und alle Weissen hasst. Er setzt die Preise für das von Parolando benötigte Holz ständig höher, so dass John Lackland darauf aus ist, den König zu überfallen, solange der andere Gegener noch schwach ist. (Hacking wie John sind beides Rassisten die die Menschen anderer Hautfarbe zutiefst ablehnen) John ist trotz seiner Magna Charta nichts anderes als ein Ex-König, der in den Verhaltensmustern sich nicht änderte. Ihm strebt der Sinn danach Hackings Soul City zu vernichten. Der zweite Gegner ist der japanische erste Shogun Ieyasu des 16ten Jahrhunderts auf der Erde. Sam jedoch beschwichtigt John und hält einen unsicheren Frieden aufrecht. Sams zögerliches Verhalten lässt das nahende Unglück nicht verhindern, sondern er zögert es nur heraus.

Hacking wird von Sam eingeladen um eben den Frieden zu wahren, doch entpuppt sich dessen Geleitschutz als Angriffsarmee. Ieyasu nutzt die Gelegenheit um sich ebenfalls am Angriff zu beteiligen und seine Interessen zu sichern. Die Überraschung für alle, auch für Samuel ist die Flucht von John. Mit Sam inzwischen fertig gestellten Boot zieht er davon.

Als Philip José Farmer seine erste Flusswelterzählung im Jahre 1953 veröffentlichte, war keinem recht bewusst, dass er mit seinem fünfteiligen Werk einen Klassiker schuf. Die Bände werden in diesem Jahr beim Piper Verlag neu aufgelegt. Ein Grund ist sicherlich der neunzigste Geburtstag (aber kein Dinner for one) des Autors. Der zweite Grund ist die in diesem Jahr stattfindende Sterilisation der Erde durch den Alien Monát. Hoffen wir, dass letzteres erst im Dezember stattfindet, weil Band vier und fünf der Flusswelt erst im November, neu überarbeitet erscheinen. Im Gegenzug dazu fand der 90ste Geburtstag bereits im Januar statt.

Die Bücher bieten neben einer abenteuerlichen Unterhaltung auch philosophisches Gedankengut. Jenes mag gerade dem Fan abenteuerlicher Unterhaltung nicht gefallen, denn die philosophischen Abhandlungen drängen sich plötzlich auf, unterbrechen die fesselnde Handlung und führen den geistigen Weg der Geschichte auf andere Art weiter. Philip José Farmer führt einige Gedankengänge durch die sich mit dem Verhalten des Menschen befassen. Dabei stehen Eigenschaften des Menschen im Mittelpunkt, wie etwa Toleranz und Achtung anders Denkender. Gerade die Toleranz und Nächstenliebe wird durch die Kirche der zweiten Chance gepredigt. Für andere Eigenschaften ersinnt der Autor immer wieder neue Figurne, die nichts anderes darstellen als historische persönlichkeiten, die diese Eigenschaften präsentieren. Gleichzeitig mit diesen vorhandenen eigenschaften zeigt uns Farmer, dass sich Menschen auch ändern können. Etwas Joe Miller aus Band zwei. Samuel ist der Meinung der Mensch bleibt wie er ist und wie er in eine bestimmte Situation hinein gewachsen wird.

Die künstliche Welt der Ethiker ist grausam. Das Gesetz des Stärkeren ist das Gesetzt, das vornehmlich eingehalten wird. Daher herrschen die Gesellschaftsformen vor, die die Gewalt unterstützen. Tyrannei, totalitäre Stadtstaaten, Königereiche und ähnliches mehr. Pazifistische Gemeinschaften wie das Parolando von Samuel Clemens bilden die Ausnahme und sind nicht überlebensfähig, wie die Geschichte zeigt.

Als Liebhaber intelligenter Phantastik habe ich die Romane gern gelesen. Sie sind ein Quell nachdenklicher Phantastik, die nicht auf den reinen Konsum ausgeht. Der Leser wird zum Nachdenken angeregt, muss sich entscheiden, welcher Phantastik er dem Vorzug gibt. Mit dieser Wahl entscheidet sich der Leser auch, welchem Handlungsträger er den Vorzug gibt. Bewundernswert ist die Kenntis über die geschichtlichen Personen, die Philip José Farmer an den Tag legt. Er muss wohl einiges an Biographien gewälzt haben, damit die Personen glaubwürdig sind. Das gleiche gilt für die Grundlagen zur Wirtschaft und Sozialpolitik, Religion und anderem mehr. Ich bewundere sein Allgemeinwissen, dass so spielerisch in die Romane eingeflossen ist.

Dies ist eine Rezension aus
Der phantastische Bücherbrief
dem monatlich erscheinenden Newsletter vom Club für phantastische Literatur, Erik Schreiber.



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Name: Flusswelt-Zyklus 3: Das dunkle Muster

Art: - für Romane; 291 Seiten; Taschenbuch;

Publikationsjahr: 2008

ISBN-10: 3-49226-659-2

ISBN-13: 978-3-49226-659-8

Preis: 9 Euro

Kontakt: Piper
Homepage: www.piper-verlag.de

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Letzte Änderung / Last modify: 13.06.2008