Romane Historisch - Die Wanderhure

Qualität Text: - | Qualität Optik: - | Nutzen/Spaß: - | Gegenwert: 8
(Wertung in Punkten 1=Schlecht bis 10=Exzellent; 0=Ohne Wertung)

Art: Roman für Romane Historisch; 606 Seiten; Taschenbuch;
Publikationsjahr: 2005
ISBN10:
ISBN13: 978-3-42662-934-5
Preis: 8.95 Euro
(ca. Preis, unverbindlich, ggf.gerundet)
Kontakt: Knaur


Das Medium Aevum, das "mittlere Zeitalter" oder das sogenannte Mittelalter umgibt von jeher die Aura des geheimnisvollen, düsteren und finster rückständigen Zeitalters menschlichen Daseins.
Die Antike markierte im Selbstverständnis vieler Generationen jene Phase menschlichen Daseins, da die Grundlagen jedweder kulturellen Ausrichtung der menschlichen Gesellschaft gelegt worden waren. Griechische Philosophen, Mathematiker, Histiographen etc. markieren Meilensteine der menschlichen Existenz und lieferten der ihnen nachfolgenden römischen Kultur so manche kulturelle Steilvorlage, die dankbar aufgegriffen und perfektioniert worden ist.
Das Medium Aevum nun schien diese Hochphase des fortschreitenden Aufschwungs unterbrochen zu haben und die Humanisten des 15. Jahrhunderts, die sich selbst wiederum in der Tradition ihrer antiken Vorbilder sahen, meinten sich das Recht herausnehmen zu können, ihre eigene historische Position zu erhöhen, indem sie jene, immerhin über achthundert Jahre währende Epoche der Menschheitsgeschichte, als eine Zeit des schleichenden Niedergangs bezeichnen zu dürfen. Es war in ihrem Selbstverständnis eine Zwischenzeit, zwischen den beiden Phasen absoluter Hochblüte menschlicher Kultur.
Gerade dieses doch sehr negativ behaftete Bild, welches vom Mittelalter über die Jahrhunderte hinweg tradiert worden ist, hat einen Vorurteilskanon begründet, der gerade heute Grundlage der breit gefächerten Rezeption, dieses Zeitalter betreffend, begründet.
Daher erscheint es auch kaum verwunderlich, dass gerade von dieser Zeit ein besonders tiefgründiger Reiz und eine entsprechend hohe Anziehungskraft auszugehen scheint. Die Anzahl von nichtwissenschaftlichen Abhandlungen, Romanen, Geschichten etc. zum Mittelalter ist enorm, jedoch ist das Bild, welches hier gezeichnet wird, nicht gerade als positiv zu bewerten, zumal die nicht unbedingt dicht gesäte Quellenlage, die uns Aufschluss über die tatsächlichen Gegebenheiten geben könnte, nicht dazu angetan ist, hilfreich demjenigen zur Seite zu stehen, der das Bild vom Mittelalter in ein vorteilhafteres Licht zu rücken sucht.
Nichtsdestotrotz oder vielleicht auch gerade deshalb bleibt die Faszination der Menschen, die sich für diese Zeit, wenn auch weitgehend vor dem Hintergrund der vorurteilsbehafteten Vorstellungen, die seitens vor allem der verklärenden Hollywoodrealität geniert wird interessieren, ungebrochen.
Gerade in letzter Zeit erlebt das Genre des historischen Romans einen ungewöhnlichen Aufschwung, der sich vor allem auf jene Literaten konzentriert, die ihre Geschichten im Mittelalter verorten.
Nicht zuletzt Iny Lorentz, die "Königin des historischen Romans", hat mit ihrer Erzählung "Die Wanderhure" und diversen vorhergehenden, wie auch nachfolgenden historischen Romanen dem Genre einen zusätzlichen Auftrieb gegeben.
Die Wanderhure erzählt das Schicksal der jungen Marie Schärer, Tochter eines Konstanzer Kaufmannes, die ob einer Intrige ihres zukünftigen Ehemannes; Ruppertus Splendidus; auf die vor allem Maries Vater, Matthis Schärer hereinfällt; dazu "verurteilt" ist, ihre Heimatstadt Konstanz zu verlassen und als herumwandernde Hübschlerin ihren Lebensunterhalt verdienen muss. Die Hure Hiltrud nimmt sich Maries an, versorgt ihre Wunden und führt die bis dato wohlbehütete Kaufmannstochter ihrer zukünftigen "Bestimmung" als Amüsierdame zu.
Der Weg, auf dem der Leser Marie begleitet, ist hart und steinig. Gerade die Unbill der Zeit, mit ihren undurchschaubaren machtpolitischen Grenzen, einem nach heutigen Maßstäben ungerechten und teilweise nicht nachvollziehbarem Rechtssystem und diversen anderen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und spirituellen Missständen, macht Marie und ihrer treuen Freundin Hiltrud das Leben schwer und somit für den Leser umso interessanter. Der konkrete historische Rahmen der Darstellung ist ebenfalls sehr interessant, denn die Handlung findet vor dem Hintergrund des Konstanzer Konzils von 1414 statt, eines der bahnbrechenden Ereignisse dieser historischen Epoche. Es ist eine Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche, der klerikalen Neuordnungen und machtpolitischen Auseinandersetzungen, in denen der Leser auf den Spuren einer jungen entrechteten Frau wandeln kann.
Sozusagen im Vorbeigehen liefert die Autorin, Iny Lorentz, historische Fakten und bindet sie gekonnt in die Handlung ein, so dass nie der Eindruck entsteht, es handele sich um eine bewusst trocken angelegte historische Abhandlung, sondern dem Leser wird stets das Gefühl einer lebendigen Darstellung einer vorurteilsbehafteten Zeit an die Hand gegeben. Lebendig, spannend und teilweise auch überraschend, stellt sich dem geneigten Leser dieses Romans derselbige dar.
Iny Lorentz hat es verstanden eine Geschichte zu erzählen, die ohne jegliche historische Vorkenntnis seitens des Lesers verstanden werden und auch gutiert werden kann. Die Fülle an neuen Eindrücken, die spezifische historische Epoche, vor deren Hintergrund die Geschichte ihren Verlauf nimmt, ist zwar groß, jedoch nicht erdrückend. Auch hat man nie den Eindruck, als wolle die Autorin durch massive Anhäufung von Faktenwissen ihrerseits dem Leser das eigene Können prahlerisch vor Augen führen, eine sehr wohltuende Eigenschaft, da oftmals andere Autoren hierbei anders verfahren.
So wird Iny Lorentz Roman auch zu einem lehrreichen Mittelalterroman, im Zuge dessen Lektüre man einiges über diese Zeit erfahren und lernen kann, was sicherlich nicht dazu angeraten ist, es als wissenschaftlich fundiert weiter zu verwenden, jedoch allemal dazu angetan ist, dem Leser Lust auf mehr zu machen, will sagen, den Leser dazu animieren sich andernorts intensiver informieren zu wollen.
Dennoch sollte nicht verschwiegen werden, dass einige Passagen innerhalb des Romans nicht ganz schlüssig sind, bzw. die Fragen aufwerfen, die seitens der Autorin unbeantwortet zu bleiben scheinen.
Dieser Kritikpunkt richtet sich vor allem gegen die Konzeption der einen oder anderen Figur, deren Stellenwert innerhalb des Geschichtsverlaufs eine Position einnimmt, die zu abrupt überraschend wirkt.
Ohne der Handlung ihre Spannung gänzlich nehmen zu wollen sei an dieser Stelle lediglich der Name einer Figur erwähnt und oberflächlich angemerkt, dass gerade die Rolle dieser Figur in ihrer Gänze nicht nachvollziehbar zum Ende der Erzählung hin erscheint; die Figur des Michel. Michel, der jüngste Sohn, eines Konstanzer Schankwirts, der offenbar eine tiefe Zuneigung Marie gegenüber empfindet und ihr nach ihrer Verbannung aus Konstanz zu folgen versucht, verschwindet aus der Wahrnehmung des Lesers. Erst gegen Ende des Romans, findet er ihn wieder. So wichtig seine Funktion an diesem Punkte der Darstellung auch wird, so marginal erscheint sie zum Anfang. Dies stellt für mein persönliches Dafürhalten einen gewissen Bruch dar, zumal Michels weiterführende Funktion in der Geschichte zusätzlich belastet wird, durch eine Aufgabe, die ihm dank des historisches Hintergrundes, des Konstanzer Konzils, zukommt, die aber für Maries Werdegang zumindest im Rahmen des Romans keine wirkliche Bedeutung zu haben scheint.
Generell wäre auch anzumerken, dass obwohl Iny Lorentz eine faszinierende Darstellung der historischen Epoche vorgelegt hat, auch diese nicht vollends vorurteilsfrei bleibt, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Autorin der Rolle der Frau im Mittelalter angenommen hat und dies nicht nur im Bezug auf den hier zu rezensierenden Roman, sondern bezogen auf ihr gesamtes Oeuvre.
So wichtig die Rolle der Frau auch ist, gerade da diese in der Vergangenheit oft seitens der Wissenschaft, aber auch der Literatur, sträflich vernachlässigt wird, so belastend kann diese sehr einseitige Fokussierung auch sein, denn nicht allein die Frauen waren ein entrechtetes Mitglied der damaligen Gesellschaft, sondern es galt dies für das Gros der Bevölkerung. Natürlich sei eingeräumt, dass gerade die Frauen hierbei eine negative Sonderstellung eingenommen haben. Doch kann dieser historische Feminismus, der hierbei offenkundig zur Schau gestellt wird, nicht zuletzt für eine männliche Leserschaft zum Teil eher abschreckend wirken, gerade weil die Entrechtung der Frau seitens des unterdrückenden Mannes derart überbetont wird.
Alles in allem ist "Die Wanderhure" jedoch ein mehr als lesenswertes Buch, was nicht zuletzt mit dem sehr gefälligen und flüssig zu lesenden Sprachstil der Autorin, bzw. um es präzise zu formulieren, des Autorenduos, welches sich hinter dem Pseudonym Iny Lorentz verbirgt, zusammenhängt. Der chronologische Aufbau ist schlüssig und damit leicht nachzuvollziehen, allerdings stolpert der Leser ab und an über eine Fülle an Personennamen, deren Zuordnung ob ihrer punktuellen Ballung eine Herausforderung an das Kurzzeitgedächtnis stellt. Dieses "Manko" wird allerdings allemal durch die Spannung, die wiederum parallel aufgebaut wird, wettgemacht.Unbesehen kann man dieses Buch zur Lektüre empfehlen, allerdings sollten zartbesaitete Leser diese mit Vorsicht angehen, da die Autorin nicht unbedingt den Schleier der verklärenden und zurückhaltenden situativen Abstrahierung, über die Handlung deckt, sondern sehr plastisch und anschaulich erzählt, was ab und an die Fantasie derart anregt, dass die fiktive Handlung allzu realistisch zu werden droht.

Dies ist eine Rezension von

Florian Kayser

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