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Romane Horror - Vampir in Legende¸ Kunst und Wirklichkeit

In vier Großkapiteln nähert sich Copper seinem komplexen Thema. "Der Vampir in der Legende" ist in erster Linie ein durch zeitgenössische Quellen gestützter historischer Rückblick. Der Glaube an nächtlich auftauchende Blutsauger kommt nicht von ungefähr, sondern hat seine Wurzeln, die weiter zurückreichen, als sich der Laie dies vorstellt. Copper unternimmt den Versuch, ein wenig Licht in das mythische Dunkel zu bringen. Er erinnert an den menschlichen Drang für jene Dinge, die er nicht versteht, eine "Erklärung" zu konstruieren. Seltsame Krankheiten, merkwürdige Umtriebe an Grabstätten, dazu Vorurteile, üble Nachrede, Dummheit und Furcht bildeten den Nährboden für den Glauben an "Wiedergänger" und "Nachzehrer", der in praktisch allen Kulturen präsent war, sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zog und die "gebildeten" Stände keineswegs ausschloss. Der Verfasser präsentiert außerdem "echte" Vampire - kleine Fledermäuse aus Südamerika – und einen kuriosen Schmetterling, der sich ebenfalls von Blut ernährt.

"Der Vampir in der Literatur" zeichnet in großen Zügen den Weg des Vampirs zur Kunst- und Kultfigur nach. Im späten 18. Jahrhundert schwand mit dem Aufschwung der Naturwissenschaft in den kultivierten Kreisen der Glaube an tote, Blut saugende Kreaturen. Der Vampir wurde zum unterhaltsamen Schreckgespenst, dem man zudem viele unschickliche aber faszinierende Charakterzüge unterschieben kann: Schon John William Polidoris Lord Ruthven (1819) war ein unwiderstehlicher Ladykiller. J. M. Rymers "Varney" (1847) wurde für ein Massenpublikum geschrieben und schon wesentlich deutlicher ein Wüstling, der die sexuelle Komponente des Vampirismus mit bemerkenswerter Drastik unter Beweis stellte. Bram Stokers "Dracula"‚ (1897) verknüpfte beide Aspekte zum klassischen Vampir, der Furcht und Faszination gleichzeitig verbreitet.

Neben dem Roman "eroberte" der Vampir auch die Kurzgeschichte. Copper beschäftigt sich mit der seltsamen Stoker-Story "Draculas Gast" (1914), preist Guy de Maupassants wahnhaften "Horla" (1887), erinnert an Joseph Sheridan Le Fanus "lesbische" Vampirfrau "Carmilla" (1872) und zitiert weniger bekannte Vampirstorys viktorianischer Erzähler wie M. R. James, F. M. Crawford und E. F. Benson. Auch Arthur Conan Doyle und die Sherlock-Holmes-Geschichte "Der Vampir von Sussex" (1924) findet Erwähnung. Kurz taucht Copper noch in die Vampirliteratur der 1930er bis 1970er Jahre ein, die sich geradezu inflationär doch selten innovativ der Kultfigur annehmen.

In "Der Vampir in Theater und Film" schlägt Copper ein weiteres Kapitel auf. Mit dem Erfolg des "literarischen" Blutsaugers konnte sein Auftritt auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, nicht lange ausbleiben. Lord Ruthven, Varney und vor allem Dracula suchten die Theater der westlichen Welt mit großem Erfolg immer wieder heim. Der Film wurde als neues Medium im frühen 20. Jahrhundert auf den Vampir aufmerksam. In Deutschland entstand der erste "richtige" Genrefilm: Friedrich Wilhelm Murnau schuf 1922 mit "Nosferatu" nach Stokers "Dracula" einen Kinoklassiker.

Mit dem Tonfilm siedelte "Dracula" nach Hollywood um. Der Ungar Bela Lugosi verlieh ihm ab 1931 Gestalt und Stimme. "Sein" Dracula prägt das Bild des Vampirs bis auf den heutigen Tag. Künstlerische Maßstäbe in Sachen Vampirfilm setzte 1932 Carl Theodor Dreyer mit "Vampyr – Der Traum des Allan Gray". Sein Werk blieb freilich die Ausnahme; wie schon in der Literatur sank der Vampir rasch zum bösen, dummen, geilen Kinobösewicht der B-Klasse ab. Die "Neuschöpfung" des Genres gelang Ende der 1950er in den britischen Hammer-Studios. Es stieß knapp zwei Jahrzehnte Blutsaugerepen in Serie aus, die indes oft von bemerkenswerter Qualität waren und von der schauspielerischen Präsenz eines Christopher Lee und Peter Cushing sowie von bis dato unbekannten, überaus blutigen Spezialeffekten profitierten.

Im abschließenden Kapitel "Der Vampir in der Wirklichkeit" berichtet Copper von jenen pathologischen Mitmenschen, die sich selbst für Blutsauger hielten. Blut besitzt seit jeher eine zentrale kultische Bedeutung in vielen menschlichen Kulten. Es wird nicht umsonst "Lebenssaft" genannt. Copper erinnert an Fritz Haarmann (1879-1925), den "Schlächter von Hannover", der als Serienmörder, Blutsauger und Kannibale in die Kriminalgeschichte einging. Weniger bekannt ist der Fall des französischen Sergeanten Bertrand, welcher Mitte des 19. Jahrhundert die Friedhöfe von Paris heimsuchte. Für Copper noch sehr präsent war der Fall John George Haigh, der in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg seine Opfer nicht nur "anzapfte", sondern auch umbrachte, beraubte und anschließend in einem Säurebad auflöste. Kurios mutet schließlich Coppers Schilderung einer modernen Vampirjagd auf dem Friedhof von Highgate an.

Basil Coppers Darstellung endet Anfang der 1970er Jahre. Für die aktuelle deutsche Ausgabe übernimmt es Uwe Sommerlad, den Bogen bis in die Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts zu schlagen. Vieles ist in drei Jahrzehnten mit dem Vampir geschehen. Dem Niedergang des "künstlerischen" Vampirs folgte seine "Auferstehung" in den 1990er Jahren in Filmen wie "Francis Ford Coppola's Dracula", "From Dusk Till Dawn" oder "Blade I-III", in epischen Romanserien von Fred Saberhagen, Anne Rice, Chelsea Quinn Yabro, P. N. Elrod oder Kim Newman sowie im Computerspiel ("Masquerade", dt. "Vampire: Die Maskerade"). Aus dem Überwesen von einst ist der höchstens exotische "Vampir von nebenan" geworden, den existenzielle Probleme ebenso plagen wie alltägliche Probleme und der uns womöglich ein wenig zu vertraut geworden ist, um uns noch erschrecken zu können.

Auch Coppers Literaturhinweise wurden aktualisiert. Eine deutschsprachige Primär- (Romane, Kurzgeschichten) sowie eine Sekundärbibliographie (Sachbücher und Artikel) erfassen Titel der Jahre zwischen 1975 und 2005. Ein Index, der seinen Namen verdient, d. h. reich an präzise paginierten Einträgen ist, welche "Der Vampir …" zu einem echten Nachschlagewerk reifen lassen, rundet das schlicht aber geschmackvoll layoutete Taschenbuch ab.

Ketzerische Frage: Ist es die Zeit sowie das Geld wert, ein Buch zu lesen, das bereits vor mehr als drei Jahrzehnten erschienen ist? Die Welt hat sich einige Mal gedreht seit 1973; der Vampir, eigentlich ein Geschöpf, das ursprünglich der Vergangenheit verhaftet war, blieb davon keineswegs ausgespart. In allen Medien, die Copper auf ihre Vampirträchtigkeit untersucht, hat sich viel und oftmals Gravierendes getan. Andere "Spielfelder" hat Copper durch Missachtung gestraft (Comics) oder noch gar nicht gekannt (PC-Games).

Allerdings hat Copper die Fülle des schon 1973 bekannten Stoffes gut gerafft und in eine lesbare Darstellung gebracht. Bücher wie "Der Vampir …" waren damals keineswegs so selbstverständlich und häufig wie heute. Der Verfasser musste wichtige Grundlagenarbeit leisten. Die Fakten für sein Buch trug er selbst zusammen. Es gab relativ wenige einschlägige Werke, auf denen er aufbauen konnte. Das muss man beachten, wenn man heute liest und irritiert immer wieder auf Fehler und Missverständnisse stößt: Copper hat so exakt gearbeitet wie er konnte. Er kann nichts dafür, dass sein Buch von der Zeit eingeholt wurde und zahlreiche Fakten schon lange Allgemeinwissen darstellen. Dies ist das Schicksal jedes Sachbuchs.

Natürlich war dies auch im Festa-Verlag bekannt. Auf eine Neuherausgabe wollte man dort nicht verzichten: "Der Vampir in Legende, Kunst und Wirklichkeit" gilt als Standardwerk des Genres. Diesen Status hat es verdient. Gleichzeitig wurde dem Alter des Werkes Rechnung getragen. Irrtümer und Fehler, die Copper mehrfach unterliefen, wurden in dieser neuen Ausgabe ausgebügelt. Dies geschieht nicht im Haupttext, was die Einheit des Textes wahrt und seiner Lesbarkeit zugute kommt. Korrekturen und Ergänzungen fasst Malte S. Sembten, der das Buch auch angenehm neutral und flüssig lesbar übersetzt hat, in teilweise sehr ausführlichen Fußnoten zusammen. So weist er beispielsweise auf den Seiten 69/70 darauf hin, dass und wieso Copper die Trennlinie zwischen dem Vampir der Legende und dem der Kunst manchmal unscharf und falsch zieht. Viele Eigenschaften und Verhaltensformen, die er den Blutsaugern der Vergangenheit zuschreibt, wurden zudem erst viel später von Schriftstellern, Theater- und Drehbuchautoren erfunden. Unverzichtbar ist im Hinblick auf eine Aktualisierung des Werks auch das Nachwort von Uwe Sommerlad, der Coppers Ausführungen quasi "fortsetzt". So gelingt es dem "Vampir", aus dem reinen Nostalgiewinkel zu entwischen.

Sobald Copper das für ihn sichere Terrain der Legende und der Kunst verlässt und "richtigen" Vampiren nachspürt, mag man ihm nicht mehr so bereitwillig wie bisher folgen. Dafür ist er nur zum Teil verantwortlich zu machen. Im Zeitalter privatfernsehlicher Seziershows und C.S.I., von "Körperwelten" und Internet ist wohl jeder Leser ein besserer "Profiler" als Copper. Altmodisch mutet außerdem des Verfassers Scheu an, die wirklich hässlichen Dinge beim Namen zu nennen. So ist längst sogar schon im Fernsehen gezeigt worden, wie gewisse Verwesungsprozesse Leichen in dralle, "lebendig" wirkende "Untote" verwandelt. Copper wollte entweder seine Leser Anno 1973 noch "schonen"; er deutet die Schauerlichkeiten sarginternen Geschehens sowie geisteskranken Mordens & Schändens nur an (wobei er es an leserlockenden Andeutungen freilich nicht fehlen lässt). Möglicherweise wusste er es vor drei Jahrzehnten auch gar nicht besser.

Was der Leser vermisst, sind Bilder. Man schreibt nicht (mehr) über Bücher und Filme, ohne den Text mit ausgewählten Beispielen zu illustrieren. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – dieses Sprichwort existiert mit gutem Grund (wie Christopher Frayling in seinem wunderbaren Sachbuch "Nightmare - The Birth of Horror", dt. 1996 als "Alpträume - Die Ursprünge des Horrors" erschienen, eindrucksvoll unter Beweis stellt). Andererseits wäre der erfreulich günstige Verkaufspreis eines Buches, das wohl nur einen beschränkten Leserkreis finden wird, wohl bei aufwändigerer Ausstattung nicht zu halten gewesen.

Basil Copper, geboren 1924 in London, gilt als Meister der unheimlichen Literatur. Sein einschlägiges Hintergrundwissen ist tatsächlich profund, wie die von ihm verfassten Standardwerke "The Vampire in Fact, Legend & Art" (1974) und "The Werewolf in Fact, Legend & Art" (1977) belegen. Auch als Schriftsteller ist er fleißig und hat mehr als achtzig Bücher praktisch aller Genres geschrieben, darunter zwischen 1966 und 1988 52 (!) Kriminalromane um den smarten Privatdetektiv Mike Farraday. Von H. P. Lovecrafts Schüler, Freund und Nachlassverwalter August Derleth (1909-1971) übernahm Copper die recht populäre Figur des Solar Pons, eine leicht parodistische Variation des Meisterdetektivs Sherlock Holmes.

Während Basil Copper als Autor im Mittelfeld rangiert, hat er sich als Sammler alter Filme große, allgemein anerkannte Verdienste erworben. Seit Jahrzehnten führt er die "Tunbridge Wells Vintage Film Society", eine Vereinigung von Filmliebhabern. Trotz seines hohen Alters ist Copper, der mit seiner Frau in Kent lebt, aktiv wie eh und je und fügt der langen Liste seiner Veröffentlichungen noch immer regelmäßig eines seiner mit leichter Hand verfassten Garne bei.

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Michael Drewniok
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Name: Vampir in Legende¸ Kunst und Wirklichkeit

Art: Roman für Romane Horror; 240 Seiten; Taschenbuch;

Publikationsjahr: 2004

ISBN-10: 3-93582-288-x

ISBN-13: 978-3-93582-288-6

Preis: 13 Euro

Kontakt: Festa
Homepage: www.festa-verlag.de

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