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Cthulhu - Lovecrafts Bibliothek 7: Die Opferung

In der letzten Zeit ist es David Williams schlecht ergangen. Die Gattin hat ihn verlassen und auch Danny, dem siebenjährigen Sohn, den Rücken gekehrt. Der Schock hat dem einst recht erfolgreichen Innenausstatter mit eigenem Geschäft in der englischen Küstenstadt Brighton erst gelähmt und dann in den Ruin getrieben. Nun wird das Geld knapp; David steht mit dem Rücken zur Wand. Da kommt ihm das Angebot des reichen Bryan Tarrant gerade recht. Dieser besitzt auf der Kanalinsel Wright ein stattliches Anwesen, Fortyfoot House genannt, das schon längere Zeit leer steht und daher fachkundig, aber möglichst kostengünstig instand gesetzt werden soll.

Dass Tarrant ihm entscheidende Fakten vorenthalten hat, erfährt David umgehend, als er mit seinem Sohn den kleinen Ort Bonchurch auf der Isle of Wright erreicht hat. Hier weiß jeder Bescheid über Fortyfood House, das offenbar keineswegs leer steht, seit hier vor einhundert Jahren der als Zaubermeister gefürchtete Mr. Billings und seine verrufene Gattin, die Hexe Kezia Mason, ihr Schreckensregiment ausgeübt haben.

Während in Bonchurch Uneinigkeit in der Frage herrscht, was aus dem unheiligen Paar geworden ist, sind sich die meisten Bürger sicher, dass Kezias dämonischer Gehilfe, der rattenhafte Brown Jenkin, Fortyfood House nie verlassen hat. Darin muss David ihnen notgedrungen zustimmen, als er auf dem vernachlässigten Dachboden nicht nur Hinweise auf ausgedehnte Geheimgänge und -räume findet, sondern auch besagten Brown Jenkin, dem er nur um Haaresbreite entwischen kann. Ein allzu neugieriger Kammerjäger hat später weitaus weniger Glück.

Als ob dieser unerfreuliche Hausgast nicht schon ärgerlich genug wäre, muss David bald feststellen, dass auch Mr. Billings und Kezia Mason ihr Heim noch bewohnen: Fortyfoot House existiert nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit und womöglich in der Zukunft. Zauberer und Hexe haben einen Weg entdeckt, frei auf dem Strom der Zeit zu manövrieren. Freilich hat dieses Wissen seinen Preis: In den Falten der vierdimensionalen Welt, wie wir sie kennen, hausen uralte, unendlich fremde und böse Wesen, die nur auf ihre Chance lauern, über die ahnungslose Menschheit herzufallen. Brown Jenkin ist der Mittler zwischen dem Jenseits und dem Diesseits; er treibt die Opfer ein, die jene Dämonen aus dem Urschleim des Universums von denen fordern, die sich ihres unglaublichen Wissens bedienen möchten.

David will lange das Drama nicht wahrhaben, das sich vor seinen Augen abzuspielen beginnt. Ihm fehlen die Mittel, seinen Auftrag zurückzugeben. Außerdem gibt es endlich wieder eine Frau in seinem Leben: Die junge Studentin Elizabeth zieht mit zu ihm und Danny in das verwunschene Haus, und auch der wagemutige und (allzu) neugierige Dorfpfarrer stellt sich dem Grauen. Doch Mut und Entschlossenheit allein genügen nicht, wenn man gegen die Mächte der Finsternis antritt. Viele bizarre und verstörende Abenteuer meistert David mit Bravour, aber als er dann feststellen muss, dass die Geister von Fortyfoot House durchaus nicht an ihr Heim gebunden sind, ist es fast zu spät; Kinder verschwinden seit jeher oft in Bonchurch, und nun hat Brown Jenkin sein Auge auf Danny geworfen ...

Bedeutung und Prominenz eines Schriftstellers lassen sich an der Zahl der Autorenkollegen ermessen, die sich von ihrem Vorbild inspirieren lassen, heißt es; wenn dies zutrifft, muss Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wohl einer der Großmeister seiner Zunft gewesen sein. Zu seinen Lebzeiten wurden ihm freilich keine Lobeshymnen gesungen. Lovecraft schrieb schließlich “nur” Gruselgeschichten, die zudem so eigentümlich waren, dass der durchschnittliche pubertierende US-Jüngling, welcher gemeinhin als typischer Leser der billigen “Pulps” (Groschenhefte) galt (Kennzeichen: Propeller auf der Baseballkappe), wenig damit anzufangen wusste. Auf Lovecrafts Lebensuntüchtigkeit, die ihn in eine ebenso legendäre wie tragisch-groteske Gestalt - den “Einsiedler von Providence” - verwandelte, soll hier nicht weiter eingegangen werden - sie ließ ihn jedoch endgültig zu einer kaum zur Kenntnis genommenen Fußnote der unheimlichen Literatur herabsinken.

Das sollte sich erst nach dem II. Weltkrieg ganz allmählich ändern. Männern wie August Derleth ist es zu verdanken, dass Lovecraft erst zur Kenntnis genommen, dann trotz unzweifelhafter stilistischer Schwächen von den meisten Kritikern als legitimer Nachfolger des großen Edgar Allan Poe gewürdigt und schließlich - heutzutage kaum zu vermeiden - zum Kultautor erhoben wurde. Heute ist zumindest im angelsächsischen Sprachraum jede der kaum fünf Dutzend Novellen und Kurzgeschichten Lovecrafts stets irgendwo im Druck, und die Kenner des Genres können sie quasi aus dem Gedächtnis zitieren.

“Träume im Hexenhaus” (“The Dreams in the Witch-House”), 1933 ohne besondere Resonanz im Pulp-Magazin “Astounding Stories” erschienen (und damit eine der ganz wenigen Storys, die Lovecraft zu Lebzeiten überhaupt verkaufen konnte), zählt zu den wohl besten und berühmtesten Erzählungen Lovecrafts, obwohl sie nicht oder nur marginal zu seiner Meisterschöpfung, dem Cthulhu-Mythos, gehört. Stattdessen mischt der Autor hier puren Horror - verkörpert durch die Hexe Kezia Mason und ihren Schutzgeist Brown Jenkin - mit Elementen der Science-Fiction: Lovecrafts unglücklicher Held Walter Gilman wird nicht von Dämonen aus der Hölle heimgesucht, sondern von den fremdartigen Bewohnern fremder Dimensionen, die auch noch durch die Zeit(en) reisen können. (“Träume im Hexenhaus” ist Teil der Lovecraft-Story-Kollektion “Das Ding auf der Schwelle” (erschienen als Suhrkamp-Taschenbuch unter der ISBN 3-518-36857-5), die jedem, der wirklich klassischen Horror kennen lernen möchte, nur ans Herz gelegt werden kann.)

Auf dem hier skizzierten Fundament konstruierte Graham Masterton 1992 seine Variation der alten Lovecraft-Geschichte. Klugerweise übernahm er gewisse Strukturen, ging aber ansonsten eigene Wege. Das Ergebnis kann zwar mit Lovecrafts unerhört dichten, geradezu delirierenden Story keineswegs mithalten, ist aber jederzeit lesenswert und legt darüber hinaus eine in der deutschdumpfen Horrorliteratur lange verschüttete Freude am guten, altmodischen, handfesten Grusel wieder frei.

Denn subtil geht Masterton nur selten vor in seinem Werk; dabei versteht er es sehr gut, eine verstörende Atmosphäre der Verunsicherung zu kreieren, als sein gar nicht heldenhafter David Williams nach und nach entdeckt, in welches Haus er da gezogen ist... Aber Masterton ist kein Stilist wie beispielsweise Peter Straub, der sich dem Phänomen Lovecraft literarisch nähert. Stattdessen bekommt der Leser ab dem zweiten Drittel den Horror mit der groben Kelle serviert. Detailliert geschilderte Schlachtplatten und Gekröse-Grusel wirken im sorgfältig angelegten Spannungsbogen ein wenig fehl am Platze, bis man sich “eingelesen” hat und erkennt, dass Masterton mit “Die Opferung” nicht das Prädikat “besonders wertvoll” gewinnen, sondern einfach nur unterhalten möchte.

Mit Lovecraft hat das bald nur noch wenig zu tun; insofern ist “Die Opferung” keine wirklich gelungene Wahl für Frank Festas “Bibliothek des Schreckens”. Graham Masterton war und ist ein guter Geschichtenerzähler, aber wirklich zeitlosen Horror wird er wohl niemals zustande bringen. Das ist auch kaum verwunderlich, gibt sich der Autor doch selbst keine Chance, es zu versuchen: Durchschnittlich drei Bücher wirft er pro Jahr auf den Markt, und das seit nun einem Vierteljahrhundert. Da bleibt für ausgefeilte Plots und tiefgründige Charaktere einfach keine Zeit. Die Figur des Brown Jenkin ist hier beispielhaft: Während Lovecraft weise genug war, diesen nie ins grelle Licht zu rücken, baut Masterton ihn nicht nur zentral in die Handlung ein, sondern sieht sich außerdem genötigt, Brown Jenkin “rational” zu erklären. Was anschließend bleibt, ist nur noch ein blutrünstiger Schlagetot, der jeden echten Schrecken verloren hat.

Mastertons Disziplinlosigkeit und seine Schlampereien sind es denn auch, die Anlass zu ernster Kritik geben. “Die Opferung” hätte sehr viel mehr werden können als nur ein weiterer turbulenter Horrorroman - die ersten einhundert Seiten machen dies deutlich. Aber dann scheint den Autoren die Lust verlassen zu haben. Das Tempo zieht an, aber leider auch die plakative Gewalt, die in ihrer ungeschickten Häufung demonstrativer Tabubrüche nur die im Geiste armen Kritiker schocken kann und bald langweilt. Das gilt auch für die pornografischen Einschübe, die an Mastertons frühe Schriftstellerjahre im Dienste diverser Herrenmagazine und Verfasser zahlreicher Sex-Leitfäden erinnern, aber dadurch auch nicht an Feuer gewinnen. Ein unerwartet origineller, das platte Happy-End meidender Schluss versöhnt aber mit vielen der beschriebenen Mängel.

Die über weite Strecken ungetrübte Freude an der Lektüre von “Die Opferung” wird unterstrichen durch die hochwertige Ausstattung der deutschen Ausgabe. Schon lange hatte sich der deutsche Gruselfreund eigentlich damit abgefunden, Unheimliches höchstens im Taschenbuch vorzufinden. Das gebundene Buch blieb im Horror den Verkaufskanonen (King/Koontz/Hohlbein) vorbehalten. Selbstverständlich ist es nicht wirklich wichtig, in welcher Gestalt eine gute Geschichte den Weg zum Leser findet. Trotzdem freut sich zumindest der Sammler über ein richtig schönes Buch, das den Schrank ziert. Über das im Detail ungelenke, weil ohne rechten Sinn für Ästhetik und Proportionen konzipierte Layout lässt sich da hinwegsehen.

Mehr über Leben und Werk des Graham Masterton lässt sich seiner vorzüglichen Website entnehmen: http://freespace.virgin.net/the.sleepless/masthome.htm

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Michael Drewniok
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Name: Lovecrafts Bibliothek 7: Die Opferung

Art: Roman für Cthulhu; Hardcover;

Publikationsjahr: 2001

ISBN-10: 3-93582-204-9

ISBN-13: 978-3-93582-204-6

Preis: 18 Euro

Kontakt: Festa
Homepage: www.festa-verlag.de

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Letzte Änderung / Last modify: 2008-01-20