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Romane Fantasy - Jenseitsapotheke

"Die Jenseitsapotheke" ist die Jahresanthologie 2006 und gleichzeitig die Jubiläumsausgabe 200 des Magazins Fantasia, das vom Ersten Deutschen Fantasy Club e. V. herausgegeben wird. 25 Geschichten von 25 Autoren aus allen Bereichen der Phantastik wurden hier von Frank W. Haubold zusammengestellt und von Gabriele Behrend mit zwölf ganzseitigen Schwarzweiß-Illustrationen versehen.

"Die Rückkehr" (Michael Siefener): Mehr als zehn Jahre ist es her, dass der Ich-Erzähler seine Eltern zuletzt gesehen hat. Nie wieder wollte er den düsteren Waldturm seiner Kindheit betreten. Doch ein drängender Anruf seines Vaters bringt ihn dazu, nach Hause zurückzukehren. Seine Eltern liegen im Sterben, ein fremder Mann hält sich bei ihnen auf. Noch ehe der Sohn klären kann, um wen es sich bei dem Fremden handelt, sterben seine Eltern. Und der Fremde hat merkwürdige Vorstellungen von der Beerdigung ...

"Sturmreiter" (Armin Rößler): Die Freunde Mercand, Bottrill und Dyn bilden ein eingeschworenes Team von Sturmreitern. Auf ihren Sagyen fliegen sie durch die Lüfte und machen Jagd auf Toncerleys. Bei einem ihrer Ritte taucht ein riesenhafter Vogel auf, der eine Katastrophe auslöst. Die Freundschaft der drei wird bald nie mehr so sein wie früher ...

"Eine Viertelstunde Sonne" (Heidrun Jänchen): Die einsame Sanne hat eine Erscheinung im morgendlichen Sonnenlicht auf ihrem Balkon: Ein seltsames Wesen, das in allen möglichen Farben schillert, stattet ihr kurze Besuche ab. Sanne ist überzeugt davon, dass es sich um einen Engel handelt. Mit jedem weiteren Mal fasziniert sie das fremde Wesen mehr und Sanne möchte am liebsten, dass es sie nie mehr verlässt ...

"Die Chronistin von Chateauroux" (Anke Laufer): Im Jahr 2121 reist die junge Chronistin Moira Mongulu mit einem zwanzigköpfigen Trupp als Beauftragte für die Neubelebung vergessener Güter im Namen des Revolutionsrates zum Schlosshotel Chateauroux. Die Welt hat sich stark verändert: Dank moderner Reproduktionstechnik sind Eltern überflüssig geworden, alternde Menschen gibt es nicht mehr und Moira ist mit ihren sechzehn Jahren bereits eine der ältesten der Truppe. Auf Chateauroux werden die Kinder mit unheimlichen Vorgängen konfrontiert ...

"Der Wolkentreiber" (Dimitrij Makarow und Erik Simon): Es ist Sommer und alle von Tims Freunden sind mit ihren Eltern in den Urlaub gefahren. An einem Tag schlendert der Junge von zuhause los, ohne bestimmtes Ziel. Unterwegs trifft er auf einen alten Mann, der ihn in ein seltsames Gespräch verwickelt ...

"Jackson-Gate" (Christian Schmitz): Leon Binzenberger tritt seinen neuen Job als Moral-Assistent beim ZDF an. Um Skandale bei Live-Sendungen zu vermeiden, werden alle Übertragungen mit zehnsekündiger Verspätung gezeigt, damit sie gegebenenfalls rechtzeitig unterbrochen werden können. Gleich an seinem ersten Arbeitstag gerät Leon in eine prekäre Lage während einer Debatte der beiden Kanzlerkandidaten ...

"Die Jenseitsapotheke" (Hartmut Kasper): Ullrich wird als Kind von einem Auto angefahren und trägt schwere Verletzungen davon. Einige Wochen später erzählt er seinem Klassenkameraden von der Jenseitsapotheke. Eines Abends machen sich die beiden Jungen auf den Weg dorthin ...

"Der Schattenprinz" (Jasmin Carow): Nach und nach zieht sich eine Frau aus der Öffentlichkeit zurück. Was bleibt, ist der Kontakt zu einem Internetfreund ...

"In der Dunkelheit Edens" (Jennifer Schreiner): Kurz nach der Erschaffung des Paradieses und der ersten Menschen streiten sich die Engel über Jahves Schöpfung. Während die Erzengel Michael, Gabriel und Raffael die Menschen verteidigen, lehnt sich der gefallene Engel Samiel auf ...

"An der Großen Marina" (Matthias Falke): Eine Gruppe von Freunden postiert sich vor der gewaltigen Festung eines Oberförsters, der Atomgranaten verschießt. Mit Rockmusik beschallen die Rebellen das Gebiet. Eines Tages schlagen ihre Gegner zurück. Nach vergeblicher Flucht werden die Freunde gefangen, in Zellen gesperrt und sehen einem ungewissen Schicksal entgegen ...

"Mein lieber Rene" (Stephan Peters): Rene und Viktoria sind ein junges Pärchen, das erstmals eine räumliche Trennung erlebt. Während Viktoria in Wilhelmshaven ihr gebrochenes Bein pflegt, richtet Rene bei Oldenburg ihr zukünftiges gemeinsames Haus ein. Um die Sehnsucht erträglich zu machen, schreiben sich die beiden regelmäßige Briefe. Nach und nach kristallisiert sich bei Rene ein Trauma aus der Vergangenheit heraus, das sich in der Moorgegend noch weiter verstärkt ...

"Das Großvater-Parodoxon" (Wilko Müller jr.): Da die Handlungen eines Zeitreisenden katastrophale Folgen haben könnten, ist der Bau von Zeitmaschinen verboten. Nicht zum ersten Mal hört Student Kevin in einer Vorlesung die Theorie vom Großvater-Paradoxon. Im Gegensatz zu seinem Dozenten glaubt Kevin allerdings, dass man das Paradoxon umgehen könnte. Nicht nur das: Er hat sich in den Kopf gesetzt, seinen Großvater per Zeitreise ausfindig zu machen ...

"Das Jesus-Attentat" (Achim Stößer): Ben erhält überraschend Besuch von seinem alten Highschool-Freund Tony. Tony hat ein verrücktes Vorhaben: Er will in die Zeit zurückreisen, um die Ermordung Jesu Christi zu verhindern. Ben wird gezwungen, ihn zu begleiten. Die Folgen dieser Reise sind ganz anders als erwartet ...

"Erbsünden" (Silke Rosenbüchler): Eine Selbsthilfegruppe von Jugendlichen bespricht ihre elterlichen Probleme, die sie mittels versteckter Kamera aufzeichnen und untereinander präsentieren. Studentin Marian erklärt ihnen die Verhaltensmuster ihrer Eltern. Zum Agressionsabbau dient die Stimulationskammer, in der sich die Teenager im Scheinkampf gegen ihre Eltern wehren können. Aufgrund einiger unglücklicher Vorfälle sind diese Kammern jedoch inzwischen offiziell verboten, sodass die Gruppe heimlich eine Testkammer nutzt ...

"Eva" (Alexander Amberg): Ein Journalist kämpft mit seiner Alkoholsucht, mit beruflichen Problemen, mit kriminellen Verfolgern und mit dem Verlust seiner verstorbenen Frau. Doch auch wenn Eva tot ist, heißt das nicht, dass er sie nicht mehr sieht ...

"Die Stadt der Träume" (Christel Scheja): Der kleine Tom ist ein Junge aus ärmsten Verhältnissen, der sich seinen Hungerlohn in den Kohlegruben verdient. In seinen Träumen flüchtet er sich in die märchenhafte Stadt Er'Ylin, von der ihm früher seine Großmutter erzählt hat. Dort sollen alle Menschen glücklich sein und in Wohlstand leben. Aber existiert die Stadt wirklich nur in seinem Traum ...?

"Eros hinter dem Vorhang" (Natalia Andreeva): Emilia und German sind ein ungleiches Geschwisterpaar. Emilias Vater kommt kurz vor ihrer Geburt durch einen Unfall ums Leben, und kaum ist das Mädchen auf der Welt, verstirbt auch ihre Mutter. Emilia wächst bei ihrem deutlich älteren Bruder auf. Schon in jungen Jahren wird Emilia von Männern umschwärmt und der Eros bestimmt ihr Leben - was ihrem Bruder ganz und gar nicht gefällt ...

"Um Kopf und Kragen" (Charlotte Engmann): Der Student Martin hat widerwillig einen Kater in Pflege genommen. Am Morgen überrascht ihn das Tier mit einem toten Papagei, den es gerissen hat. Kurz darauf findet Martin auch die Überreste von einem Fisch und Chinchillas, alles Haustiere aus der Nachbarschaft. Als der Kater auch noch ein Chaos in der Bibliothek anrichtet, ahnt Martin, dass er es mit keinem gewöhnlichen Tier zu tun hat ...

"Audio!" (Volker Groß): Filmore Mayers arbeitete an einer Biographie über den genialen Arthur William Blown, den Meister des Obskuren. Obwohl seit einer Ewigkeit niemand Blown mehr zu Gesicht bekommen hat, ist Filmore überzeugt davon, dass der geheimnisvolle Mann noch lebt. Um seine Biographie zu vervollständigen, besucht er Blown in seinem verfallenen Haus und macht eine folgenschwere Entdeckung ...

"Der Tausendäugige" (Frank W. Haubold): Ein Erkundungstrupp untersucht einen Raumsektor, der vor mehr als 200 Standardjahren gesperrt wurde. Offizielle Begründungen wurden nicht bekannt. Während Kommandant Nik Thornton die Expedition bedenkenlos einleitet, ahnt die Pilotin Liza Santini, dass ihnen ein Unheil droht. Je weiter die Gruppe in die verlassene Stadt vordringt, desto stärker werden Lizas Befürchtungen ...

"Das Fest der Einzelteile" (Stefan Pfister): Die Transplantationsmedizin hat ihre Grenzen mittlerweile ausgeweitet. Nicht nur Organe, auch Körperteile werden verpflanzt. Die staatliche Kommission für Sterilität und Hygiene untersucht jedoch einige mysteriöse Vorfälle, bei denen die behandelten Patientin sich die Körperteile selbst entreißen und teils schwer verletzt überleben, teils dabei sterben. Ein rotes Auge erteilt angeblich die Befehle, gegen die die Betroffenen sich nicht wehren können ...

"Ein kurzer Zwischenbericht der Evolution" (Wolfgang G. Fienhold): Das Neandertalervolk der Nandis sieht sich vom Stamm der Cro bedroht, die andere Denkweisen vertreten. Bei einer launigen Tavernensitzung diskutiert man mögliche Lösungsansätze ...

"Der Spielmann" (Sabine Mehlhaff): Eine Rattenplage liegt über der Stadt und kein Mittel scheint zu helfen. Bis eines Tages ein Fremder mit einer Flöte vortritt und verspricht, innerhalb einer Nacht die Ratten zu verjagen. Als Lohn fordert er, dass er ein paar Kinder mit sich nehmen darf, um sie das Spielmannshandwerk zu lehren. Der Meister der Stadt willigt ein und tatsächlich ist die Stadt am nächsten Tag von der Plage befreit. Doch der Preis dafür ist hoch ...

"Verbrechen aus Leidenschaft" (Malte S. Sembten): Ein Liebespaar plant in einer Vollmondnacht einen kaltblütigen Mord an jemandem, der zwischen ihnen steht - doch der Schein trügt ...

"Sternzerstörer" (Niklas Peinecke): Irgendwann in einer hochmodernen Zukunft: Sinan erhält den Auftrag, eine spezielle Waffe zu besorgen. Gemeinsam mit zwei Kollegen lässt er sich auf ein gefährliches Unternehmen ein, um an die gewünschte Anti-Helikopter-Waffe zu kommen. Seine Auftraggeberin Nika hat damit einen besonderen Plan ...

Die Jubiläumsausgabe 200 des Magazins Fantasia vereint 25 Geschichten aus dem Bereich der Phantastik, wobei die Untergebiete Horror, Fantasy und Science-Fiction quantitativ etwa zu gleichen Teilen bedacht werden. Diese bunte Mischung verspricht Abwechslung und hält mit Sicherheit für jeden Phantastik-Leser einen Favoriten parat.

Die Auftaktgeschichte "Die Rückkehr" besinnt sich auf traditionelle Horrorelemente. Ein einsamer Turm am Meer, ein düsterer Wald, eine dunkle Vergangenheit und ein mysteriöser Fremder lassen ein typisch unheimliches Setting entstehen, das nicht nur den Protagonisten, sondern auch den Leser in einen geheimnisvollen Bann zieht. Die dichte, beklemmende Atmosphäre hält sich von Beginn bis Ende und dürfte vor allem den Freunden altmodischer Schauergeschichten im Stil von H. P. Lovecraft gefallen, auch wenn der Schluss etwas uninspiriert wirkt.

Armin Rößlers "Sturmreiter"-Geschichte spielt in einer fremden Welt mit fremden Wesen und überzeugt durch flüssigen Stil, eine spannende Handlung und einen leicht nachdenklich stimmenden Schluss. Auf wenigen Seiten gelingt es dem Autor, seinen Charakteren Lebendigkeit einzuhauchen und den Leser in ihr Schicksal einzufangen. Dabei ist lediglich schade, dass die fremdartigen Gestalten der Sagyen und Toncerleys zu blass bleiben und man gezwungen ist, sich eine sehr eigene Vorstellung von den Wesen zu erschaffen. Ein paar weitere kleine Hinweise über ihr Aussehen hätten dem Text gut getan, der nichtsdestotrotz zu den besten der Sammlung gehört.

Heidrun Jänchen bietet mit ihrer kleinen aber feinen Geschichte ein weiteres Highlight der Anthologie. "Eine Viertelstunde Sonne" ist ein poetisches Kleinod, das auf nicht einmal sechs Seiten eine melancholisch-phantasievolle Atmosphäre verbreitet, die den Leser auf Anhieb berührt. In ruhigen Worten offenbart sich hier das Leben einer einsamen Frau, die Trost und Hoffnung in einer Engelsgestalt findet, die sie mit jeder Begegnung mehr in den Bann zieht. Einzig der vorhersehbare Verlauf der Geschichte trübt das Gesamtbild ein wenig - dennoch bleibt eine schöne Erzählung, die auch nach dem Lesen noch lange im Gedächtnis verweilt.

"Die Chronistin von Chateauroux" braucht eine kleine Anlaufzeit, ehe man sich als Leser eingewöhnt und einen Überblick über die Ausgangslage gewonnen hat. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist man jedoch gefesselt und verfolgt gespannt, wie sich die Ereignisse zuspitzen und die unheilvolle Stimmung auf den Höhepunkt zustrebt. Die Geschichte erhält gegen Ende einen leichten Horroreinschlag, der für eine intensive Nachwirkung sorgt. Insgesamt ist Anke Laufer hiermit eine bedrückende und überzeugende Erzählung über eine deprimierende Zukunft gelungen.

Melancholisch-nachdenklich ist auch der Tenor der Geschichte von Dimitrij Makarow und Erik Simon, die uns in die Zeit der Kindheit zurückversetzt. Erinnerungen werden wach an Sommertage, wie sie der Protagonist erlebt; stille Ferientage, die Freude im Urlaub, die Eltern auf der Arbeit, die Straßen leer und der Kopf voller seltsamer Gedanken. Es ist eine unspektakuläre, aber nachhaltige Begegnung, die der Junge mit dem "Wolkentreiber" macht. Die Geschichte überzeugt durch die Atmosphäre, die sie transportiert, auch wenn die Handlung auf ein Minimum beschränkt ist.

Christian Schmitz entführt den Leser mit seiner Mediensatire "Jackson-Gate" in eine ferne oder vielleicht doch nicht allzu ferne Zukunft, die ein unterhaltsames Lesevergnügen bietet. Allein die Namen der Kanzlerkandidaten, Oleg Müntefering und Monika Strauß-Berlusconi, laden zum Schmunzeln ein und es gelingt recht gut, sich mit dem Protagonisten und seinen Sorgen bezüglich des neuen Jobs zu identifizieren. Überraschende Wendungen garantieren, dass keine Langeweile aufkommt, und eine nette Pointe rundet den positiven Gesamteindruck ab. Negativ zu vermerken ist nur, dass der Protagonist sehr häufig mit sich selber spricht, was eine sehr unelegante Art ist, den Leser über seine Gedanken zu informieren.

Die Titelgeschichte von Hartmut Kasper reiht sich in die melancholisch orientierten Werke der Anthologie ein. Richtiger Horror will nicht aufkommen, dafür aber eine bizarre Atmosphäre mit kafkaesken Anleihen, die an einen fiebrigen Traum erinnern und für subtilen Grusel stehen.

Die Geschichte "Der Schattenprinz" der leider bereits verstorbenen Autorin Jasmin Carow fällt in eine ähnliche Sparte wie Heidrun Jänchens "Eine Viertelstunde Sonne". Der Text ist kurz gehalten und wird mit poetischen Worten erzählt. Der sanfte, schöne Stil entschädigt für die etwas dünn geratene Handlung, die man noch intensiver hätte gestalten können. Was bleibt, ist eine Erzählung mit wehmütiger Atmosphäre, die man gerne gelesen hat. Sehr schön ist das sehr persönlich gehaltene Nachwort, das sich ausführlich der Autorin widmet.

"In der Dunkelheit Edens" schildert die Beziehung zwischen dem Engel Samiel und Adams erster Frau Lilith sowie seinen dämonischen Fall. Ohne religiöse und mythologische Vorkenntnisse sorgt die Geschichte vermutlich vor allem für Verwirrung. Mit der entsprechenden Kenntnis liest sie sich unterhaltsam, vor allem durch die recht menschliche Darstellung der Engel und ihrem Verhalten untereinander. Die uralte Thematik ist allerdings eher für Liebhaber von Engels- und Mythengeschichten geeignet und lässt für Nichteingeweihte ein gewisses Flair vermissen.

"An der Großen Marina" gehört zu den actionlastigen Geschichten des Bandes. Nur wenige Atempausen gönnt Matthias Falke seinen Lesern und ebenso seinen Charakteren in einer expressionistisch-kafkaesk anmutenden Erzählung, die etwas mehr Geradlinigkeit verdient hätte.

Viel Licht und viel Schatten bietet die aus Briefen bestehende Geschichte "Mein lieber Rene" von Stephan Peters. Der Beginn ist verheißungsvoll, die Charaktere der beiden Hauptfiguren erscheinen lebendig durch ihre eigenen Schreibstile. Ein junges Paar, das eine räumliche Trennung durchmacht und sich schon sehr aufs Wiedersehen freut, scheint der positive Ausgangspunkt zu sein - doch nach und nach zeigt sich, dass der idyllische Schein bloß ein Trugbild ist. Bis dahin überzeugt die Geschichte, aber leider nimmt die Handlung einen sehr vorhersehbaren Lauf, der sich früh abzeichnet. Zu allem Überfluss wird der Leser gegen Ende beständig durch einen detaillierten Monolog Viktorias informiert, der leider komplett konstruiert wirkt und glaubwürdiges Verhalten vermissen lässt.

Auch wer nicht zu den regelmäßigen Science-Fiction-Lesern gehört, dürfte dem Großvater-Paradoxon, mit dem sich Wilko Müllers gleichnamige Geschichte befasst, bereits begegnet sein. Weitere Vorkenntnisse sind nicht notwendig, um der Handlung zu folgen; auf Fachchinesisch wird angenehmerweise verzichtet und der Plot verläuft in einem kompakten Rahmen. Der Schluss bringt zwar keine große Überraschung mit sich, aber solide Unterhaltung ist garantiert.

Die zweite Zeitreisegeschichte in diesem Band bietet ein weiteres Highlight. Sehr vergnüglich und kurzweilig wird mit einem eigentlich altbekannten Thema umgegangen. Hin und wieder übertreibt es der Autor Achim Stößer mit den humorvollen Einlagen, sodass die Geschichte einen satirischen Unterton erhält, etwa wenn der Protagonist in jeder noch so prekären Lage einen flotten Spruch auf den Lippen hat. Dennoch überzeugt die Story im Ganzen und bietet dem Leser gute Unterhaltung, auch für Nicht-Kenner der Science-Fiction. Etwas unglücklich ist die direkte Anordnung von zwei Zeitreisegeschichten hintereinander.

"Erbsünden" von Silke Rosenbüchler entwirft eine technisch ausgefeilte, aber emotional kalte Zukunftswelt. Nach verwirrendem Einstieg braucht es knapp zwei Seiten, bis der Leser sich über die Situation im Klaren ist. Inhaltlich wie stilistisch wird solide Unterhaltung geboten, die leider nicht wie erwartet mit einer überraschenden Pointe endet, sodass ein Rest Unzufriedenheit zurückbleibt.

In "Eva" präsentiert Alexander Amberg das Bild eines zerrütteten Protagonisten, ein Journalist mit Konflikten in allen Lebensbereichen, der sich schon bald von gefährlichen Kriminellen verfolgt sieht. Für die Kürze des Textes ist die Handlung recht überladen und raubt dem Leser die Konzentration auf einen Schwerpunkt. Durch das rasante Tempo, das die Geschichte anschlägt, lässt sich die Story rasch lesen; unterm Strich hätte sie jedoch etwas mehr Stringenz und Klarheit vertragen können.

"Die Stadt der Träume" entführt in das Reich der Fantasy. Die Geschichte besticht durch eine originelle Idee, die auf ein ungewisses Ende hinsteuert und den Leser dadurch bis zum Schluss fesselt. Anklänge an "Die unendliche Geschichte" werden wach, wenn sich zwei Welten miteinander vermischen und ein kleiner Junge dabei eine große Rolle spielt. Während die Handlung überzeugt, sind vor allem die Stellen, die in der Stadt Er'Ylin spielen, übertrieben schwülstig geschrieben, sodass der Stil einer Eingewöhnung bedarf.

Der "Eros hinter dem Vorhang" von Natalia Andreeva ist eine anspruchsvolle Geschichte über das außergewöhnliche und letztlich auch fatale Verhältnis einer Bruder-Schwester-Beziehung. Nach einer kurzen Orientierungsphase werden die grundverschiedenen Charaktere der beiden Geschwister vor den Augen des Lesers lebendig und man nimmt Anteil an der Gedankenwelt der Ich-Erzählerin und ihrem von Hassliebe geprägten Leben. Freunde von wortgewaltigen und poetischen Texten kommen dabei auf ihre Kosten, während der Rest sich von der Komplexität von Inhalt und Stil überladen fühlen könnte.

In Charlottes Engmanns Geschichte geht es im wahrsten Sinn "Um Kopf und Kragen", denn was als skurrile Handlung beginnt, nimmt bald böse Formen an. Die Story besticht durch eine gelungene Mischung aus Humor und fieser Pointe, lässt sich leicht herunterlesen und setzt den vielen melancholisch gehaltenen Geschichten mal eine andere Grundstimmung entgegen.

Horrorfreunde werden in "Audio!" gut unterhalten. Die unheilvolle Stimmung begleitet den Leser bis zum konsequenten Ende hin. Die Geschichte ist eine Mischung aus bewährten Gruselelementen und Wissenschaftshorror, dabei solide und flüssig geschrieben.

Mit "Der Tausendäugige" von Herausgeber Frank W. Haubold, dem amerikanischen SF-Autor A. E. van Vogt gewidmet, hält eine Hard-Science-Fiction-Geschichte Einzug, die für unerfahrene Leser des Genres sicher keine leichte Kost ist. Dennoch lohnt es, sich auf den komplexen Text einzulassen, der von Beginn an ein unterschwellig bedrohliches Flair aufbaut, das sich für Charaktere ebenso wie für den Leser im weiteren Verlauf intensiviert. Kleine persönliche Spitzen zwischen Liza und Nik sorgen für subtile Auflockerungen, die die Erzählung davor bewahren, aufgrund der vielen wissenschaftlichen Details zu trocken zu geraten.

"Das Fest der Einzelteile" von Stefan E. Pfister zeigt erneut eine hochtechnologisierte Zukunft, die von grausigen Hintergründen überschattet wird. Die morbiden Schilderungen geben der Geschichte ihren grotesken Charakter, der einerseits blutige Details enthält und andererseits satirisch überhöht ist. Der makabere Unterton versteht zu unterhalten, die Pointe allerdings hinterlässt einen eher blassen Eindruck.

Der "Kurze(r) Zwischenbericht zur Evolution" von Wolfgang G. Fienhold entpuppt sich als prägnante und sehr humorvolle Geschichte über das Leben der Neandertaler, der man die routinierte Erfahrung ihres vielveröffentlichten Autors anmerkt. Die kurze Erzählung, die sich nicht zu ernst nimmt, ist mit viel Wortwitz gespickt, wenn auch die modern-satirischen Anklänge teilweise übertrieben werden und manche Zote zu bemüht wirkt. Eine nette Pointe rundet das kleine Werk ab, das den Leser auf amüsante Weise gut unterhält.

Malte S. Sempten liefert mit seiner zweiseitigen Vignette die kürzeste Geschichte des Bandes und zugleich eines seiner Frühwerke ab. Der Text wird flott erzählt, ist aber ganz auf die Pointe ausgerichtet, die zwar nicht schlecht ist, aber keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Aufgrund der Kürze erwartet der Leser allerdings wohl auch kaum ein nachhaltiges Machwerk, sodass man von einem kurzen, wenn auch nicht weiter beeindruckenden Zeitvertreib sprechen kann.

Sabine Mehlhaffs "Spielmann" ist eine flüssig erzählte und atmosphärisch dichte Variante der bekannten Rattenfänger-Sage. Auch wenn der Grundplot altbekannt ist, liest sich die Erzählung unterhaltsam und bleibt bis zum Schluss spannend, da die Autorin es versteht, die berühmte Geschichte mit eigenen Elementen zu füllen.

Niklas Peineckes "Sternenzerstörer" bildet den düsteren Abschluss der Anthologie und steht somit sinnbildlich für die beklemmende Stimmung, die den Großteil der Erzählungen ausmacht. Auch wenn die Charaktere etwas an Intensität vermissen lassen, besitzt der Inhalt viel Potenzial, um den Leser zu beschäftigen und nachdenklich werden zu lassen.

Unterm Strich bietet die Anthologie ein enorm breites Spektrum der Phantastik, die wie alle Geschichtensammlungen Höhen und Tiefen bereithält, insgesamt aber für alle Freunde der phantastischen Literatur zu empfehlen ist. Die Mischung setzt sich aus jungen Talenten und erfahrenen Autoren zusammen, die verschiedene Thematiken und Stile aufbieten können. Eine wirklich schlechte Geschichte ist nicht vertreten, dafür aber einige Höhepunkte, die sich durch originelle Umsetzungen, ansprechenden Stil und intensive Atmosphäre auszeichnen. Von Humor bis zur Melancholie und purem Horror sind alle Stimmungen vertreten, sodass Abwechslung garantiert wird. Zwar sind in fast jeder Geschichte ein paar Tippfehler vorhanden, die sich aber lediglich auf Satzzeichen beziehen und daher beim Lesen so gut wie gar nicht auffallen. Erfreulicherweise setzen die Science-Fiction-lastigen Geschichten überwiegend keine große Sachkenntnis auf diesem Gebiet voraus, auch Einsteiger werden also ihre Freude daran haben. Die Schwarzweiß-Illustrationen von Gabriele Behrend erinnern durch ihren expressionistisch-surrealistisch anmutenden Stil meist an Traumsequenzen und unterstreichen den phantastischen Gehalt der Geschichten.

Der Herausgeber Frank W. Haubold, Jahrgang 1955, studierte Informatik und Biophysik. Seit 1989 veröffentlicht er in unterschiedlichen Genres. 1997 erschien sein Episodenroman "Am Ufer der Nacht". Weitere Werke sind u. a. die Geschichtensammlungen "Der Tag des silbernen Tieres" (mit Eddie M. Angerhuber), "Das Tor der Träume" und "Das Geschenk der Nacht". Parallel dazu gab er mehrere Anthologien heraus.

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Name: Jenseitsapotheke

Art: Roman für Romane Fantasy; 286 Seiten; Taschenbuch;

Publikationsjahr: 2006

ISBN-10: 3-93262-192-1

ISBN-13: 978-3-93262-192-5

Preis: 8 Euro

Kontakt: EDFC e.V.
Homepage: www.edfc.de

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Letzte Änderung / Last modify: 2008-01-20