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Hoerbuecher Fantasy - 20.000 Meilen unter den Meeren

Nach langer Zeit habe ich mal wieder mein Webmiles-Konto besucht, seit die Erträge von Dooyoo doch stark einbrachen, hatte ich auch das mit ihnen kooperierende Bonussystem vernachlässigt. Gerade noch rechtzeitig, denn einige der Miles standen kurz vor dem Verfall. Jules Vernes wohl bekanntester Roman in Hörspielform erschien mir sympathisch – also: ab in den Prämienkorb damit! Seltsamerweise ist die DVD-Version im Handel selbst bei den Branchenriesen kaum zu bekommen, meist befinden sich nur die (gekürzten) CDs und MCs im Bestellkatalog, von Amazon & Co ganz zu schweigen. Nehmen wir also das gute Stück mal unter die Lupe ...

Findet Nemo! - Zur Story
Ich denke, es dürfte wohl kaum jemanden geben, der die Geschichte nicht kennt. Oder doch? Okay, weil ihr es seid, noch mal eine kleine Gedächtnisauffrischung. Wir schreiben das Jahr 1866, genauer gesagt den 20. Juli 1866, als diese Geschichte beginnt. Seit geraumer Zeit macht ein seltsames Objekt von stattlichen Abmaßen die Schiffswege unsicher. Es wird allgemein angenommen, dass es sich um ein Seeungeheuer handelt und ein sehr schnelles noch dazu – es kann mehrere hundert Seemeilen scheinbar mühelos am Tag zurücklegen. Manche Überlebende der Attacken berichten auch von phosphoreszierenden Augen, was die Theorien, dass es sich lediglich um einen selten großen Narwal handelt, nicht gerade stützt. Ebenso wenig wie die Löcher, die dieses Objekt selbst in stählerne Schiffsrümpfe zu reißen vermag.

Der Pariser Professor Pierre Aronnax – seines Zeichens Biologe – erhält in New York ein Jahr später – 1867 - das Angebot, sich mit der Fregatte "Abraham Lincoln" einzuschiffen und auf die Jagd nach dem mysteriösen Phänomen zu gehen. Das "Ungeheuer" interessiert ihn aus wissenschaftlicher Sicht brennend, das ausgelobte Kopfgeld eher weniger. Tatsächlich stößt die Abraham Lincoln nach wochenlanger, ergebnisloser Fahrt auch auf das fragliche Objekt, das sie zunächst nur umkreist und seine Spielchen mit ihr zu treiben scheint.

Bis Kapitän Farragut es mit der Bordkanone unter Beschuss nimmt. Die Kanonenkugel richtet keinen Schaden an, sondern prallt mit einem metallischen "Plong" davon ab. Auch die Harpune des kanadischen Meister-Harpuniers Ned Land zeigt keinerlei Wirkung, außer dass es das vermeintliche Ungeheuer wohl so weit reizt, dass es zum Angriff übergeht und die Abraham Lincoln rammt. Professor Aronnax wird bei dem heftigen Stoß über Bord geschleudert, ihm hinterher springt sein treuer Diener Conseil. Freiwillig. Wassertretend müssen die beiden mit ansehen, wie sich die Fregatte von ihnen entfernt.

Ned Land ist ebenfalls von Bord gefallen und fischt die beiden – wundersamerweise aufrecht stehend – aus dem Wasser. Bestürzt müssen sie feststellen, dass sie sich auf dem stählernen Rücken des Ungeheuers befinden, das – wie ihnen nun schnell klar wird – eigentlich ein von Menschenhand erschaffenes Unterwasserschiff ist, das sich nun auch noch anschickt, in die Tiefe hinabzugleiten. Ihre Hilferufe werden jedoch erhört und bringt sie in die Hände des seltsamen Kapitän Nemo, auf dessen "Nautilus" sie eine Reise in Gefangenschaft antreten, die 20.000 (französische) Meilen betragen wird ... unter den Meeren.

Philanthrop contra Misanthrop - Kritik
Die Story ist naiv, aber zugleich auch sehr visionär. Als sie geschrieben wurde, tickten die Uhren noch ganz anders und vieles von dem, was Verne schreibt, war zu dieser Zeit pure Zukunftsmusik und im wahrsten Sinne des Wortes Science-Fiction. Es ist jedoch faszinierend, wie viel sich davon später als zutreffend herausstellen sollte – vor allem in technischer Hinsicht. Anderes hingegen erweist sich heute als überholt und falsch bzw. physikalisch nicht zutreffend. Doch vieles konnte er mit dem damaligen Kenntnisstand nicht wissen, sondern nur vermuten. Weniger fiktiv ist seine Gesellschaftskritik an der Menschheit selbst, auch hier beweist Verne sehr viel Voraussicht, denn bis in die Jetztzeit hat sich, was das angeht, nichts wirklich gravierend verändert.

Die Kernaussage: Macht korrumpiert und jedwede Technik kann zur Waffe pervertiert werden – unabhängig davon, welche (wenn auch eigentlich hehren) Motive und Ziele dahinter stecken. Gerade bei Nemo ist der Grat zwischen Genie und Wahnsinn extrem schmal, der selbst ernannte Racheengel hat nicht realisiert, dass er seinen damaligen Peinigern in seinen despotischen Methoden ähnlicher ist, als er es wahrhaben will. Dass Gewalt stets Gegengewalt erzeugt, ist ihm in diesem Zusammenhang ebenfalls irgendwie entfallen. Eine Binsenweisheit, die damals wie heute uneingeschränkt gilt - und das bereits seit Menschengedenken.

Ich kenne und besitze noch zwei weitere Hörspiele aus meinen Kindertagen (Die beiden Uralt-Dinger von EUROPA und von Disney aus den späten 70er bzw. frühen 80er Jahren – sogar auf Vinyl), demgegenüber schneidet diese Produktion in vielerlei Punkten logischerweise besser ab, schon alleine deshalb, weil sie sehr nah am originalen Werk orientiert ist und mit ihren 178 Minuten Laufzeit inhaltlich nur wenig gekürzt werden musste. So wahnsinnig lang ist der Roman nämlich auch nicht.

Nach unseren heutigen Standards fällt die Charakterzeichnung sehr stereotyp und schablonenhaft aus, Verne legte wesentlich mehr Wert auf die Beschreibung der phantastischen Unterwasserwelt und der Technik der Nautilus, als auf die detaillierte Ausarbeitung seiner Figuren. Zum Glück hat man diese ausufernden Ergüsse im Hörspiel weitgehend glatt gebügelt, ohne jedoch das alte, faszinierende Flair zu zerstören. Auch die aus heutiger Sicht unzutreffenden wissenschaftlichen Halbwahrheiten und Spekulationen Vernes blieben unangetastet, sein unvergleichlicher Stil sowie seine darin enthaltene Message sind klar erkennbar geblieben, wenn auch an einigen Stellen gestrafft. Insbesondere dort, wo einige der Inkonsistenzen oder Kanten am Original vorsichtig abgeschliffen wurden.

Die Umsetzung des MDR kann sich also mehr als hören lassen, das gilt im Besonderen für die um 30 Minuten längere Version in DD-5.1-Mehrkanalton, welche die zuvor im Handel befindliche Doppel-CD-Variante in Stereo zwar nicht komplett ablöst, jedoch ergänzt. Beide Fassungen finden sich auf der DVD als getrennt anwählbare Hörspiele und gliedern sich jeweils in zwei Teile. Als Bonbon können bei der Mehrkanal-Version zusätzlich die Original-Illustrationen von Edouard Riou und Alphonse de Neuville der französischen Erstausgabe auf dem Bildschirm dargestellt werden.

Insgesamt sind es 110 Bilder, die wie bei einer Diashow jeweils passend zum Gehörten auf dem Fernseher oder dem PC-Monitor eingeblendet werden. Das hat schon was, doch bevorzuge ich mein eigenes Kopfkino bei Hörspielen, weswegen ich lieber auf alle störenden Einflüsse verzichte und etwa auch das Licht lösche und sie in kompletter Dunkelheit am besten genießen kann. Im Endeffekt ist das aber wie immer Geschmackssache.

Wahlweise liegen die Bilder aber auch bequem im CD-ROM-Part (in diesem Falle ist es ein DVD-ROM) vor, sodass man sie sich auch losgelöst vom Rest einzeln – mittels Windows Explorer oder auch jedem beliebigen Bilddarstellungsprogramm - auf dem PC anschauen kann. Apropos DVD/CD-ROM: Das komplette Drehbuch/Manuskript sowie ein Produktionstagebuch und ein Essay über Jules Verne hat man im Adobe-PDF-Format ebenfalls mit draufgepresst. Das Essay kann man sich als Lesefauler aber auch über die DVD-Features im Bonusmaterial geben, dieser 25-Minuten-Text wird da nämlich komplett vorgelesen.

Das restliche Bonusmaterial ist im Übrigen ziemlich karg, eine kleines Making-of und einige wenige Bilder aus dem Studio – mehr nicht. Mir gefällt aber vor allem das vollständige Manuskript ausgesprochen gut, einige Sachen hätte ich beispielsweise anders betont, als es die Sprecher tun. Schön, wenn man mal die seltene Gelegenheit eines Vergleichs zwischen der Rohfassung und dem fertigen Hörspiel hat. Dieses Beispiel sollte unbedingt Schule machen. Damit wären wir über Umwege beim wichtigen Thema der Sprecher angelangt.

Viele Sprechrollen gibt es ja nun nicht zu besetzen, man griff beim MDR auf gestandene Mimen zurück, die bereits eine lange Karriere sowohl beim öffentlich-rechtlichen als auch beim privaten TV, oder Bühnenerfahrung beim Theater respektive als Synchronstimmen vorzuweisen haben. Eine kurze Biographie aller vier Hauptsprecher ist im Bonusmaterial abrufbar, weswegen ich darauf verzichte, hier eine ellenlange Liste herunterzuleiern. Urgestein Ernst Jacobi als Kapitän Nemo gefällt mir nicht ganz so gut, was nicht an seiner Leistung, sondern vielmehr an seiner – nach meinem Empfinden – zu hohen und leicht heiseren Stimme liegt.

Nemo sollte in meinen Augen – Pardon: Ohren – etwas volltönender und barscher klingen. Als Synchronstimme ist mir der ältliche Herr aus vielen Filmen positiv in Erinnerung, doch passt diese Figur nicht zu ihm. Vielleicht wäre es angebrachter gewesen, mit Gottfried John zu tauschen, der größtenteils in der Ich-Form in Gestalt Professor Aronnax die Geschichte souverän erzählt und natürlich auch dessen Dialoge übernimmt. Sein Diener Conseil (Hermann Lause) und Ned Land (Peter Gavajda) sind vorzüglich getroffen, vor allem Letzterer mit seinem tiefen, polternden Organ kann in der Rolle des rebellischen Harpuniers vollends überzeugen.

Die Geräuschkulisse lebt in der Hauptsache vom wohldosierten Surround, der das Geschehen auch räumlich darstellt, die Effekte sind ansonsten aber eher dezent und nicht überzogen. Auch die spärliche musikalische Untermalung ordnet sich der Dialoglastigkeit unter, es sei denn natürlich, Nemo greift in die Tasten seiner Orgel. Die Soundtechniker haben sich eine Menge einfallen lassen, um realistisch zu bleiben und den Bogen nicht zu überspannen, trotz des filigranen Hintergrundsounds, der ständig zu hören ist. Knalleffekte gibt es wenige, es geht recht beschaulich zu.

Einen Fauxpas hat man sich aber dennoch geleistet, obschon das ein Fehler der Regie ist: Der (sinngemäß korrekt dem Roman entnommene) Dialog am Ende des ersten Teils des Hörspiels zwischen Aronnax und Nemo, nachdem man ein Besatzungsmitglied der Nautilus auf dem Meeresgrund bestattet hat, findet hier an dessen Grab statt (im Roman erst zurück an Bord der Nautilus), wie man an den Atemgeräuschen der Lungenautomaten der Taucheranzüge eindeutig hören kann, doch sind diese nicht mit Sprechgeräten ausgestattet. Ansonsten verständigt man sich durchweg auf allen Exkursionen außerhalb des Schiffes umständlich mit Handzeichen und Gesten – auch hier im Hörspiel, mit Ausnahme dieses Dialogs.

Auf zu neuen Ufern - Fazit
Die DVD ist ein gelungenes Beispiel, wie Mehrkanalton ein Hörspiel durch Räumlichkeit aufwerten kann und man buchstäblich in andere Klangwelten abtaucht. Das hat Zukunft. Im Gegensatz zur ebenfalls als Dreingabe enthaltenen Stereo-Version eine deutliche Verbesserung in der Atmosphäre dieses Meilensteins. Die Umsetzung hält sich streckenweise wortwörtlich an die Vorlage und verschweigt nur Nebenhandlungen und Details von eher geringem Interesse. Natürlich ist der Roman im Zweifelsfalle immer vorzuziehen – nothing beats the original. Doch die MDR-Produktion ist schon verdammt nah dran, näher als jedes andere Hörspiel oder die Verfilmung von Walt Disney aus dem Jahre 1954, dessen unvergessliches Nautilus-Design das Cover ziert.

Zwei Sachen jedoch, die ihr die allerhöchste Weihe verwehren: Die eine ist Nemos Stimme, die ich als nicht besonders passend empfand, auch wenn Ernst Jacobi einen guten Job macht, zum anderen finde ich einen Ladenpreis von fast 30 Euro ziemlich happig, auch wenn es sich um gute drei Stunden Surround-Hörvergnügen, gewürzt mit ein paar Bonus-Goodies, handelt, von denen sogar einige ganz brauchbar ausfallen. Für das Making-of – so man es denn überhaupt so nennen kann – gilt das nicht wirklich. Trotzdem sehr solide gemacht und immer noch eine klare Empfehlung wert, wobei der Evergreen für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen geeignet ist. Ein Hörspiel hat zudem den Vorteil, dass auch diejenigen, die sonst nur ungern lesen, in den Genuss kommen, mitreden zu können - kennen sollte den Stoff sowieso jeder, der für sich beansprucht, in den Klassikern einigermaßen bewandert zu sein.

Weitere Informationen zu Produktion, Team und Sprechern:
http://www.mdr.de/kultur/mirag/1032457-hintergrund-1035450.html
http://www.hoerverlag.de/3-89940-287-1_3-89940-285-5.php?sender=genresuche

DVD-Daten auf einen Blick
Originaltitel: "Vingt Mille Lieues sous les Mers"
Nach dem Roman von Jules Verne
basierend auf einer anonymen, deutschen Erstübersetzung von 1875
Produktion: Mitteldeutscher Rundfunk und Radio Bremen
DVD-Version: 2003 - Der Hörverlag / MDR
DVD-Art: Typ 9 PAL, Regionalcode 0
Tonformat: wahlweise DD 5.1 oder Stereo*
Bildformat: 4:3 (1:1,33) / Bild- und Videoteil
Laufzeit: 178 Minuten (Mehrkanal)*, 141 Minuten (Stereo)*
ISBN: 3-89940-286-3

Bonusmaterial:
110 Illustrationen plus Bilder von der Produktion
Making-of-Video-Sequenz
Biografien und Essay über Jules Verne
DVD-ROM Teil mit Manuskripten und Produktionsnotizen

*) Die beiden Versionen liegen gesondert auswählbar auf dem Medium vor.

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Jürgen Pern
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Name: 20.000 Meilen unter den Meeren

Art: Hoerbuch für Hoerbuecher Fantasy; Audio-DVD;

Publikationsjahr: 2003

ISBN-10: 3-89940-286-3

ISBN-13: 978-3-89940-286-5

Kontakt: der hörverlag / MDR

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Letzte Änderung / Last modify: 2008-01-20