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Romane Horror - Chronik der Unsterblichen 6: Die Blutgräfin

Ein Frauenmörder stellt sich der Staatsanwaltschaft in New York. Die Routine der Ermittlungen wird gestört, als sich herausstellt, welche illustre Persönlichkeit sich hinter der unscheinbaren Gestalt verbirgt: Drake Báthory-Keresztur, ein Mann mittleren Alters, hat den kommunistischen Terror in seinem ungarischen Heimatland, den aggressiven Antisemitismus und den so schrecklich fehlgeschlagenen Volksaufstand von 1956 überlebt und konnte in die Vereinigten Staaten fliehen, wo er seither die Schrecken seiner Jugend zu vergessen sucht. Noch schwerer wiegt allerdings das Grauen der eigenen Familiengeschichte. Báthory-Keresztur ist ein Angehöriger des ungarischen Hochadels. Sein Stammbaum reicht zurück bis tief ins Mittelalter. Unter seinen Vorfahren finden sich Könige, Fürsten, Grafen ... und Elisabeth, die Blutgräfin, die den Verlust ihrer Schönheit zu verhindern suchte, indem sie im Blut geschlachteter Jungfrauen badete.

Die Geschichte von Elisabeth Báthory ist die Geschichte Ungarns zwischen Mittelalter und 30-jährigem Krieg - und gleichzeitig das Spiegelbild des 20. Jahrhunderts, wie Báthory-Keresztur es kennen lernen musste: eine Parallele, die womöglich nicht zufällig ist, wie wir noch erfahren werden. Zerrissen im Inneren durch Fehden, religiöse Unruhen und Volksaufstände, bedroht von außen durch die Türken, ist Elisabeths Ungarn ein Land, in dem brüchiger Frieden sogleich in brutalsten Krieg umschlagen kann. Schon als Kind wird die Gräfin mit der allgegenwärtigen Gewalt konfrontiert - und findet Gefallen daran! Die äußeren Umstände gestatten ihr auszuleben, was offenbar schon in ihrem Wesen angelegt ist: der psychopathische Drang, die Schwächeren zu dominieren, zu quälen und schließlich umzubringen; ein Drang, der stetig wächst, so wie auch Elisabeths Frustration stärker wird, als sie, eine höchst intelligente Frau mit ausgeprägten eigenen Vorstellungen eines erfüllten Lebens, sich in einer von Männern dominierten Welt in einer rein passiven Rolle gefangen sieht.

Dann entführt ein neuer Krieg Elisabeths Gatten für Jahre an die Front. Sie kann nun endlich nach eigenem Gusto schalten und walten - und foltern. Rasch verliert sie jede Kontrolle über sich. Doch das Ende des Schreckens bringt erst ein politisches Ränkespiel, das ihren Onkel, den mächtigen Pfalzgrafen Thurzo, dankbar die Gelegenheit ergreifen lässt, sich der Nichte, bei der er hoch verschuldet ist, zu entledigen. Ohne Prozess und damit ohne unerwünschtes Aufsehen wird Elisabeth gefangen gesetzt. Während sie in ihrer Zelle schmachtet, schmiedet sie Pläne für eine Zukunft, in der ihr Tod eine feste Konstante, aber beileibe keinen Endpunkt darstellt ...

Vierhundert Jahre später sieht sich Drake Báthory-Keresztur in seiner eigenen Privathölle gefangen. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches ist Ungarn im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umbruch. Bizarre Modelle für ein scheinbar neu geborenes Land werden ausprobiert, in dem doch die alten Kräfte immer noch präsent sind. Sogar über die Restauration der Monarchie wird nachgedacht. Führer der Revolutionäre, die dieses Ziel verfolgen, ist Klaus Méguéry, ein Jugendfreund Drakes, der diesen als Anwärter auf den Thron nach Ungarn einlädt. Drake leistet dem Folge, denn er möchte zwar nicht König werden, aber Eva, die Liebe seines Lebens, wiedersehen. Diese ist allerdings schon vor Jahren in eine katatonische Starre verfallen und nicht ansprechbar. Ihre Tochter Teresa kümmert sich gemeinsam mit Méguérys zwielichtigem Sohn Imre um den Gast aus den USA.

Báthory-Keresztur muss feststellen, dass sein alter Freund nicht nur mit obskuren Sekten, Neonazis und der örtlichen Mafia paktiert; er hat ihn auch vor seiner Flucht 1956 systematisch bespitzelt und an die Kommunisten verraten. Wenig erfreulich sind auch die Ergebnisse der Nachforschungen, die Drake über die eigene Familiengeschichte anstellt. Das Böse ist eine sehr reale Kraft, die wie bei Elisabeth Báthory über jene kommt, die ihr zufällig oder mutwillig zu nahe kommen. Diese recht esoterische Theorie vertritt die Historikerin Lilly Hangress. Drake ist spätestens geneigt ihr Recht zu geben, als er in einem seltsamen Gasthaus unweit des Báthory-Schlosses einen unheimlichen Mann kennen lernt, der womöglich der unsterblich gewordene Andras von Keresztur ist und plant, mit Drakes Unterstützung und Zauberei die Blutgräfin zurück auf diese Welt zu holen ...


Elisabeth Báthory (1560-1614) ging unrühmlich in die Geschichte ein als seltenes Beispiel einer psychopathischen Serienmörderin. Frauen töten selten, um krankhaft außer Kontrolle geratene sadistische Triebe zu befriedigen, aber sie tun es - und die Blutgräfin ist wohl die berühmteste Vertreterin ihrer ungeheuerlichen Gattung! Unter bösartiger Ausnutzung ihrer adligen Privilegien ließ sie sich junge Frauen und Mädchen zuführen, die dann in ihrer Anwesenheit und mit ihrer aktiven Mithilfe bestialisch zu Tode gequält wurden. Als Gattin und später Witwe des ungarischen Kriegshelden Franz Nádasdy und Nichte des mächtigen Pfalzgrafen Thurzo, über dem nur noch der König von Ungarn und der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches standen, war Elisabeth praktisch dem Gesetz enthoben. So konnte sie foltern und morden, bis ihre rat- und hilflosen Untertanen mit einem Aufstand drohten. Da war es endlich vorbei mit der Blutgräfin, denn nicht einmal der Einfluss ihrer Familie reichte aus zu vertuschen, was nun offenbar wurde: Die fast lückenlos erhaltenen Untersuchungs- und Prozessakten rekonstruieren das Schreckensbild einer Serienmörderin, die erst gestoppt werden konnte, als sie angeblich 650 Opfer zu verantworten hatte (wobei es heute schwierig ist zu entscheiden, ob diese ungeheuerliche Zahl korrekt ist, weil Elisabeths Sturz auch Teil einer politischen Intrige war und die Untersuchungsprotokolle entsprechend "frisiert" wurden). Die mörderische Gräfin fand ein relativ gnädiges Schicksal: Statt sie hinzurichten, sperrte man sie in eine Kammer ihres Schlosses in Kaschau (heute Slowakei) und mauerte die Tür zu. Vier Jahre hielt Elisabeth diese Haft aus; letztlich war diese Strafe vermutlich härter als ein relativ rascher Tod.

Andrei Codrescu ist (der Name verrät es bereits) zwar kein Landsmann des fiktiven Drake Báthory-Kereztur, obwohl er ebenfalls in den USA (in New Orleans) lebt und arbeitet, aber wie dieser das Kind zweier Kulturkreise, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Der 1946 in Sibiu geborene Rumäne kennt die Verhältnisse auf dem europäischen Balkan, dessen Geschichte sich durchaus als ununterbrochene Kette von Blut- und Gewalttaten darstellen lässt, woran sich bis auf den heutigen Tag nicht das Geringste geändert hat. Er bedient sich dabei vordergründig des Kriminalromans, den er kräftig mit Elementen des Schauerromans und des historischen Thrillers durchsetzt. Das Ergebnis ist anspruchsvolles, höchst unkonventionelles und gewiss nicht leicht zu lesendes Werk; der komplexe, tiefgründige und auch tiefsinnige Versuch, die Natur des Bösen verstehen zu lernen oder es wenigstens zu bannen, weil der Schrecken, den man spielerisch heraufbeschwört, an Intensität verliert.

Dabei ist Codrescu nicht zimperlich. Szenen sexueller Sadismen dieser Intensität würde man im Gewand der ehrwürdigen Scherz-Kriminalromane gewiss nicht erwarten. Doch jeglicher voyeuristischer "Unterhaltungwert" wird nachhaltig durch des Autoren quälend sachliche, klinische und spröde Darstellung der detailliert geschilderten Gräuel zerstört: Das Böse lässt sich vielleicht erklären und womöglich als Ausfluss einer krankhaften Störung deuten, aber es ist niemals faszinierend. Codrescus Elisabeth Báthory ist vielleicht ein weiblicher Dracula oder eine Werwölfin, wahrscheinlich aber nur ein Mensch, doch nie ein Hannibal Lecter der frühen Neuzeit. Erst auf einer zweiten, mehr philosophischen Ebene spielt Codrescu sein Modell vom Bösen als Naturelement durch, das wie die Schwerkraft oder die Zeit einfach "da" ist; nicht einmal als negatives Element, sondern zunächst als neutrale Kraft, die erst dort Unheil gebiert, wo sie von schwachen, ihr nicht gewachsenen, aber neugierigen Menschen unbedacht angezapft wird.

Keine leichte Lektüre also, aber auf ihre Art fesselnd, weil konsequent durchdacht, entwickelt und umgesetzt (und nicht zuletzt - man muss es heutzutage leider schon hervorheben - ausgezeichnet übersetzt). Auf 300 Seiten gibt es keinerlei Leerlauf, Codrescu drischt nie Stroh. Stattdessen gewinnt man den Eindruck, er habe im Gegenteil seine Geschichte wieder und wieder verdichtet, bis sie ihre fast bedrohliche Intensität erreichte.

Andrei Codrescu besitzt seine eigene, sehr informative und elegante Website. Sie zeichnet das Bild eines engagierten, fähigen und sehr aktiven Künstlers nach, der als Schriftsteller, Journalist, Dichter, Dokumentarfilmer etc. international einen ausgezeichneten Ruf genießt. Dieser dürfte mit verantwortlich dafür gewesen sein, dass "Die Blutgräfin" so erschien, wie wir sie hier kennen lernen: sehr blutig, sehr brutal. Normalerweise werden besonders Horror-Thriller hierzulande aus Furcht vor dem (geschäftsverderblichen) Verdikt der stets misstrauischen Zensur (unter welchem Namen auch immer sie jeweils auftritt) bereits mit der Schere im Kopf veröffentlicht, d. h. Werke, die Anstoß erregen könnten, lieber gar nicht erst ins Programm aufgenommen. Die Flucht unter die Fittiche der wahren Kunst bietet einen gewissen Ausweg, weil sich hier (auch wenn dieses unser Land immer rascher zu einer kulturellen Bananenrepublik degeneriert) noch immer genug kampfbereite Freigeister sammeln, die den Tugendbolden Paroli bieten können. Auf der anderen Seite muss man sich die Frage stellen, ob ein Roman wie "Die Blutgräfin", der eindeutig mehr ist als "nur" Unterhaltung und gewiss nicht der simple Fang-den-Strolch-Thriller, für den die "schwarzweißen" Krimis des Scherz-Verlags normalerweise stehen, eventuell nicht nur an der Zensur, sondern auch am eigentlichen Zielpublikum vorbei veröffentlicht wurde. Als Ferner-liefen-Lektüre ist er aber eindeutig zu schade.

Eine Rezension von



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Michael Drewniok
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Name: Chronik der Unsterblichen 6: Die Blutgräfin

Art: Roman für Romane Horror; 405 Seiten; Taschenbuch;

Publikationsjahr: 2004

ISBN-10: 3-80252-935-9

ISBN-13: 978-3-80252-935-1

Preis: 23 Euro

Kontakt: Vgs

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Letzte Änderung / Last modify: 2008-01-20