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Romane Fantasy - An den Ufern der Dunkelheit

London im Juli des Jahres 1706: Raue Sitten herrschen in der Hauptstadt des englischen Königreiches, dem zur Zeit mit Queen Anne (1665-1714) aus dem Haus der Stuarts seit vier Jahren wieder eine Frau vorsteht. Die Zeiten sind unruhig; Anfang des 18. Jahrhunderts sitzen Monarchen nie so fest auf ihrem Thron, wie sie es sich wünschen. Auch Anne muss auf der Hut sein. Religiöse Zwistigkeiten spalten das Land. Zwischen den protestantischen "Tories", der Regierungspartei, und den katholischen "Whigs" in der starken Opposition herrscht ein nur mühsam gewahrter Frieden. Anne selbst ist der anglikanischen Kirche treu ergeben. Das hält sie jedoch nicht davon ab, die Tories von der Regierung fernzuhalten. So sind ihr beide Parteien gram - und einen Thronerben gibt es auch nicht. Alle Kinder der Königin sind gestorben, und in ihrem Alter ist mit Nachwuchs nicht mehr zu rechnen. Das macht die Nachfolgefrage spannend. Die unterschiedlichen Parteien und politischen Interessengruppen haben ihre eigenen Kandidaten. Man belauert einander, intrigiert und spioniert, und das, während wieder einmal ein erbitterter Krieg mit Frankreich, dem alten Erbfeind, tobt, der beide Länder auszubluten droht.

Die verwickelten innen- und außenpolitischen Verhältnisse lassen den Kaufmann und Schriftsteller Daniel Defoe herzlich kalt, als er an einem verregneten Tag des besagten Julis am Pranger steht. Schon wieder ist er bankrott gegangen, hat hohe Schulden und darf sich sicher sein, nach seiner schmachvollen Zurschaustellung ins gefürchtete Newgate-Gefängnis geworfen zu werden. In dieser Situation wird er nach jedem Strohhalm greifen - und genau das wollen einige undurchsichtige Zeitgenossen ausnutzen.

Zunächst bittet ihn der schottische Adlige Livingstone von Kilsyth um Hilfe. Er sucht angeblich im Auftrag seines Clans eine junge Frau namens Anne Bard oder Bonny, die vor fünf Jahren nach London kam und dort spurlos verschwunden ist. Defoe kennt die Großstadt wie seine Westentasche; das muss er auch, ist es für ihn doch eine Überlebensfrage zu wissen, wie er seinen Gläubigern ausweichen kann. Daher weiß er, wie sinnlos es ist, in einer Stadt von der Größe Londons nach so langer Zeit einen Menschen finden zu wollen.

Defoe wird es aber versuchen müssen, denn auch die Regierung interessiert sich für Anne Bonny. Der mächtige Staatssekretär Robert Harley, neben Königin Anne die eigentliche Macht im Staate - viele behaupten sogar, die einzige -, zwingt ihn, sie zu suchen. Defoe bleibt keine Wahl. Er nimmt die längst erkaltete Spur am letzten bekannten Aufenthaltsort Anne Bonnys auf - in der Pension der Wirtin Effie Sly.

Doch die ist soeben ermordet worden. Seltsam ist, dass nur Papiere, aber kein Geld geraubt wurden. Effie war vermögend, und nun reist ihr Neffe Martin Millet, ein kriegsversehrter Ex-Soldat, aus dem Ausland an, um sein Erbe anzutreten. Er lernt Defoe kennen. Die beiden Männer freunden sich an und beschließen, gemeinsam das Rätsel um Anne Bonny zu lösen, in das Effie Sly offensichtlich verwickelt war. Sie gehörte als "Dunkle Laterne" zum weitgespannten Netz der Regierungsspitzel, mit denen Staatssekretär Harley "seine" Untertanen aushorcht. Aber sie war auch in ein gefährliches Komplott verwickelt: Millet und Defoe finden heraus, dass Anne Bonny eine Enkeltochter des Prinzen Rupert vom Rhein ist, der einst als Oberbefehlshaber der königlichen Dragoner eine hohe Stellung in der Regierung einnahm. Rupert ist aber auch mit dem Königshaus der Stuarts verwandt, was Anne zu einer Cousine der Königin macht - und aufgrund des verwickelten englischen Thronfolgerechts plötzlich zur legitimen Nachfolgerin der kinderlosen Königin! Als solche konnten sie die zahlreichen anderen Anwärter, die schon auf den Tod Queen Annes warten, natürlich kaum willkommen heißen. So hat man Anne Bonny offensichtlich verschwinden lassen, und alle Beteiligten im Spiel um die Macht waren zufrieden.

Doch im Jahre 1706 haben sich die politischen Konstellationen verschoben. Queen Anne und die Regierungspartei würden alles tun, um eine Enkelin Prinz Ruperts als Thronfolgerin zu benennen, um die Pläne der Opposition ein für alle Mal zunichte machen. Das wissen alle Beteiligten, und so versucht die eine Seite, Anne Bonny wiederzufinden, während die andere sie endgültig aus dem Weg räumen will.

Irgendwo im Netz der gigantischen Intrige zappeln auch Daniel Defoe - und Martin Millet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, der Enkeltochter des von ihm verehrten Rupert, für den auch er einst gefochten hat, zu ihrem Recht zu verhelfen. Ihm zur Seite stehen Livingstone von Kilsyth und "Fratz", eine junge Frau, die für Millets Tante gearbeitet hat und mehr über die Geheimnisse der Effie Sly weiß, als sie preisgeben möchte. Das Trio ist sich nicht bewusst, dass die Suche nach Anne Bonny zwölf Jahre dauern, sie über den halben Erdball und in ständige Lebensgefahr bringen wird. Ebenso mächtige wie unsichtbare Feinde verschwören sich gegen sie, doch auf der anderen Seite scheint es auch Verbündete zu geben, deren Motive allerdings ebenso undurchsichtig bleiben wie die der Gegner. Doch hinter den politischen Ränkespielen tritt allmählich ein Phantom mit einem wahnwitzigen Racheplan zu Tage, dessen Auflösung für Millet und seine Gefährten in einer Tragödie endet ...

Was wäre die Welt der Literatur ohne Überraschungen! Seit über einem Jahr warten die "Ufer der Dunkelheit" auf einem der vielen Bücherstapel in der Behausung Ihres Rezensenten darauf, dass sich die Aufmerksamkeit desselben auf sie richte. Das ist eine erstaunlich lange Wartezeit, die auf trübe Erfahrungen mit dem Genre "Historischer Roman" einerseits und auf die geradezu vorsätzlichen Versuche des Krüger- bzw. Fischer-Verlags, dieses Buch unter gänzlich falschen Voraussetzungen anzupreisen, andererseits zurückgehen.

Ein historischer Roman, der um das Jahr 1700 spielt ... Was hat der Leser (gleich welchen Geschlechts) da normalerweise zu erwarten? Schmucke Männer in weißen Flatterhemden und dralle Frauen im stramm geschnürten Mieder, die à la Shakespeare (in der Hollywoodschen “Sinn und Sinnlichkeit”-Kitsch-Version) über sonnengeflutete Wiesen tollen, dazwischen allerlei Tändeleien und Liebeskabalen? Aber halt: Die Handlung setzt ja in London ein. Das bedeutet wohl (zusätzlich) malerisches Elend, buntes städtisches Treiben auf schmutzig-idyllischen Gassen, Intrigen bei Hofe, in denen die Lieblingszofe der liebeshungrigen und ach so einsamen Königin eine zentrale Rolle spielt? Und dann: der Hof Ludwigs XIV., des französischen Sonnenkönigs! Musketier-Romantik und nächtliche Oh-la-la-Eskapaden im Schlafgemach? Dann geht’s auch noch in die Karibik: Piratenträume, tragische Sklavennot, feurige Mulattinnen, die stolz über Zuckerrohr-Plantagen schreiten?

Um es kurz zu machen: Keines dieser grusligen Klischees wird man in diesem Buch wiederfinden, obwohl Umschlaggestaltung und Klappentext es gefährlich in die Nähe dümmlicher Herz-Schmerz-Schwarten rücken. Stattdessen rollt vor den Augen des verblüfften Lesers ein in Inhalt und Form überragender historischer Thriller ab, der es in Sachen Spannung und Dramatik mit jeder modernen Komplottgeschichte mindestens aufnehmen kann (und John Grisham zeigt, was "Schreiben" wirklich bedeutet!).

Der Ton macht die Musik - das ist eine alte Weisheit, die bei den Autoren historischer Romane regelmäßig in Vergessenheit gerät. Sie meinen, die Handlung durch den Einsatz "zeitgenössischer" Sprache unterstützen zu müssen, und produzieren doch nur Schwulst und Schwafelei. Diana Norman schreibt sachlich, fast nüchtern, ohne jede Sentimentalität oder gar Gefühlsduseligkeit. Mit einer beiläufigen Souveränität, die wahres Talent verrät, wird die Geschichte mit knochentrockenen, sarkastischen Anmerkungen und beißendem Humor kommentiert. Da ist es ein echter Segen, dass der Übersetzer mit der Autorin jederzeit mithalten kann!

Die zahlreichen Schauplätze werden prägnant dargestellt, Ereignisse und Personen, seien sie nun historisch oder fiktiv, stehen völlig im Dienst der Handlung. Längen gibt es nicht in dieser Geschichte, die über 600 eng bedruckte Seiten läuft - schon das ist eine erstaunliche Leistung. Die Ereignisse werden erzählt, wie sie geschehen. Stimmung und Atmosphäre werden nie durch Wortgewaber herbei gezwungen, sondern entstehen aus der Situation heraus.

Wenn auch unter den Figuren die Schurken überwiegen, so kann man ihnen eines nicht vorwerfen: Sie sind niemals eindimensional. Auf die "Helden" trifft dasselbe zu. Millet, Livingstone von Kilsyth, Ludwig XIV. - sie sind Menschen mit allen menschlichen Facetten, keine papiernen Gestalten, denen versimpelte Charaktereigenschaften aufgeprägt werden. Das trifft sogar noch stärker auf die weiblichen Figuren zu, die eben nicht als "starke Frauen" um jeden Preis und wider alle historische Realität Kanonenboot-Feminismus in die ach so dunkle Vergangenheit tragen und mit hoch erhobenem Haupte und flatternder Haarmähne innerlich zitternd, aber niemals zagend allerlei bösem, auf jeden Fall aber dummem Mannsvolk - meist für die Kirche tätig - Paroli bieten müssen. Der "Fratz", die "Wahnsinnige", selbst Königin Anne wirken nicht nur jederzeit überzeugend, sondern setzen durchaus Signale in einer Welt, die nun einmal den Frauen nicht die Möglichkeiten gewährte, über die sie heute gebieten, was aber auf der anderen Seite auch nicht bedeutete, dass sie völlig ohne Rechte oder Einfluss bleiben mussten.

Der allseits positive Eindruck setzt sich natürlich auch in der Handlung fort. Sie schlägt schneller Haken als ein verängstigter Hase, doch der Autorin gerät nie der rote Faden aus den Augen. Vom Leser lange unbemerkt, entwickelt sich ein Drama auf gleich mehreren Ebenen, die im letzten Drittel unmerklich zueinander finden und in einem Finale münden, das nicht nur durch seinen Einfallsreichtum und seine Konsequenz beeindruckt, sondern tatsächlich überraschen kann.

Es gibt ihn also doch, den intelligenten u n d unterhaltsamen historischen Roman. "An den Ufern der Dunkelheit" ist keine große Literatur, aber ein Werk, das seine Leser nicht mit den stupiden Stereotypen einer Anne Perry, einer Elizabeth oder Ellis Peters (verflucht seien die ebenso unzähligen wie unsäglichen "Schlauer-Mönch-löst-Übeltat-in-einer-Welt-voll-abergläubischer-Dummköpfe-Reißbrett-Krimis"!) langweilen und verärgern wird.

Eine Rezension von



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Michael Drewniok
von www.buchwurm.info/
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Name: An den Ufern der Dunkelheit

Art: Roman für Romane Fantasy; Taschenbuch;

Publikationsjahr: 1999

ISBN-10: 3-59614-412-4

ISBN-13: 978-3-59614-412-9

Preis: 10 Euro

Kontakt: Fischer
Homepage: www.fischerverlage.de

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Letzte Änderung / Last modify: 2008-01-20