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Romane - Villa der Schatten

Noch physisch und vor allem psychisch angeschlagen von seinem letzten Fall, der seinen Partner das Leben kostete und ihm selbst einige Schussverletzungen einbrachte, muss Kriminalpolizist Nic Costa einen bizarren Fall übernehmen: In einem kleinen Moor unweit der italienischen Hauptstadt Rom findet ein US-amerikanisches Touristenpaar die Leiche einer jungen Frau mit durchschnittener Kehle. Der Torfschlamm hat Eleanor Jamieson perfekt konserviert, obwohl sie dort seit 16 Jahren liegt. Eigenartigerweise ist sie im Stil der römischen Antike gekleidet und trägt einen Stab bei sich, der dem uralten Kult des Gottes Dionysius zugeordnet werden könnte.

Hat sich der Kult, dessen Riten Menschenopfer forderten, über zwei Jahrtausende halten können? Oder ließ ihn eine moderne Sekte wieder aufleben? Steckt gar ein banaler Gangsterkrieg hinter dem Mord? Eleanors Stiefvater entpuppt sich als ehemaliger Drogendealer, der sich zum Zeitpunkt des Verschwindens seiner Tochter mit dem brutalen Mafiaboss Emilio Neri angelegt hatte. Zudem ist Vergil Wallis ein Fachmann für die antike römische Geschichte, der indes wenig glaubhaft Unkenntnis über den Dionysiuskult vorgibt.

Der Fall gewinnt alarmierend an Aktualität, als in Rom die junge Suzi Julius verschwindet – sie gleicht Eleanor wie eine Schwester. Während ihres Aufenthalts hat sie einen sorgfältig vor der Mutter verborgenen Mann kennen gelernt, der sie in seltsame Kreise brachte. In Suzis Habseligkeiten finden sich Hinweise darauf, dass es sich dabei um den Kult handeln könnte. Alarmierenderweise erfüllt Suzi eine wichtige Voraussetzung, die sie zur idealen Figur eines dionysischen Rituals prädestiniert: Sie ist noch Jungfrau …

In zwei Tagen wird das große Kultfest stattfinden. Dies markiert die Frist, die Nic Costa und seinen Kollegen bleibt, um Suzi zu retten. Doch Costa & Co. kämpfen nicht nur gegen die Zeit: Die Mitglieder der Sekte sorgen sehr gewalttätig für ihre Anonymität. Auch der alte Neri mischt plötzlich wieder mit. Mögliche Zeugen sterben, die Ermittler geraten unter Druck. In einer finsteren Höhle treffen Freund & Feind schließlich aufeinander und lassen die Antike mörderisch aufleben …

Dieser Handlungsstrang um finsterboldige Halsabschneider ist es denn auch, der die Leser bei Laune hält. Hewson hat ihn zwar konventionell und mit gar zu vielen spannungsheischenden Szenenwechseln aber gleichzeitig sorgfältig aufgebaut und unterhaltsam entwickelt. Halb vergessene Geheimnisse und ebensolche Ruinen sowie Geheimgesellschaft kommen immer gut in diesen Tagen von "Illuminati" & Co., wobei auf die Logik des Erzählten nur bedingt Rücksicht genommen werden muss. Dass Dionysius alias Bacchus ein antiker Gott war, der es gern orgiastisch krachen ließ, ist sogar dem historischen Laien in der Regel bekannt. Bereitwillig lässt er sich deshalb auf das Spektakel ein, das munter über und unter der römischen Erde stattfindet und mit vielen hübschen Schauerlichkeiten in düsteren Winkeln und Labyrinthen aufwartet.

Weniger gelungen ist die Verklammerung dieses Mystery-Plots mit dem modernen kriminellen Geschehen. Allerlei Schurken diverser Sparten des organisierten Verbrechens wirken mit; ihre bedrohliche Allmacht erscheint bei Hewson freilich so realistisch wie in einem James-Bond-Film. Was immer auch geschieht, man kennt es aus anderen Geschichten und Filmen. Das ist zwar bei vielen Thrillern ähnlich, doch selten wird es so offensichtlich wie hier. Ganze Kapitel lassen sich - auch wegen zunehmender Längen im Text - überfliegen oder überspringen, ohne dass man der Story etwa nicht mehr folgen könnte; kein gutes Zeichen ist das!

Rom bleibt nur Kulisse. Mächtig müht sich der Autor um Authentizität; er kennt sich aus im komplizierten Gefüge der italienischen Ordnungsmächte, mit der römischen Geschichte und Geografie, geizt nicht mit typischen Details, die Rom zur "Ewigen Stadt" machen. In der Umsetzung wirkt das alles jedoch nur angelesen und bemüht zum Einsatz gebracht. Immer hat man bei der Lektüre den Eindruck, mit Nic Costa einen US-Cop im Auslandseinsatz zu beobachten.

Kommen wir vom Mysterien- zum Trauerspiel: In Sachen Figurenzeichnung fällt "Villa der Schatten" leider eindeutig in die letzte Kategorie. Da haben wir Nic Costa, den psychisch und physisch angeschlagenen, von den Vorgesetzten misstrauisch beäugten, mit sich selbst hadernden aber anständigen, fähigen, rücksichtsvollen Polizisten, der seine diversen Wehwehchen ausführlich vor den Lesern ausbreiten darf, denen derlei schon viel zu oft und meist besser präsentiert wurde. So begabt ist David Hewson als Schriftsteller nicht, dass er den Figuren Tiefe verleihen könnte.

Die Klischees nehmen bei den Nebenfiguren sogar an Intensität noch zu. Da haben wir also Gianni Peroni, den unkonventionellen Buddy-Cop, der die zweite Geige neben Costa spielt und durch seine offensive Art den reichlich langweiligen Hauptdarsteller konterkarieren soll. Siehe da, eine störrische Pathologin, die es nicht im Seziersaal hält, geistert ebenfalls durchs Geschehen. Natürlich ebenfalls anwesend: ein mürrischer Chef, der seine Untergebenen ordentlich knechtet – aber nur zu deren Besten, wie sich mehrfach herausstellt.

Die Bösen: bekannt bis zum Überdruss aus einschlägigen Kinothrillern und TV-Serien. Da haben wir den vertierten Mafiaboss, der sich exakt so zu benehmen pflegt, wie es für Strolche seines Schlages typisch ist; er lässt morden, erpresst und prügelt, um sich im nächsten Moment seufzend über die Leiden des Alters, den moralischen Verfall der Welt und diverse Alltagsprobleme zu verbreiten. Selbstverständlich hat er einen Sohn, der nur dumm und brutal ist, selbst Boss sein will, doch vom "Geschäft" nur das versteht, was ihn das wiederholte Anschauen von "Der Pate" gelehrt hat. Dritte im Bunde: die schöne aber durchtriebene Edelgattin des Alten, die es insgeheim mit dem Junior treibt und ihr eigenes Mafiasüppchen kocht.

Die Dionysius-Jünger: Sektenspinner auf Dan-Brown-Niveau, d. h. unter Berufung auf angeblich authentische historische Quellen schlecht erfundene Butzemänner, deren Heimlichtuerei für den Erfolg der Handlung wichtig ist, weil sie sich absolut lächerlich aufführen, sobald sie ins Zentrum des Geschehens rücken. Nein, selbst simple Feierabend-Lektüre sollte ein wenig interessanter sein als diese blasse Kopie eines Reißbrett-Bestsellers!

David Hewson wurde 1953 in Yorkshire, England, geboren. Schon früh, mit 17 Jahren, begann er als Journalist für ein lokales Blatt zu arbeiten, wechselte 1977 zur ehrwürdigen "Times", 1986 zum "Independant" und arbeitete später als freier Journalist für praktisch sämtliche britischen und nordamerikanische Zeitungen, was er bis auf den heutigen Tag fortsetzt. Sein Spezialgebiet ist die Computertechnologie, die er seinen Lesern in möglichst leicht verständlicher Form vorstellt.

Nach eigener Auskunft (nachzulesen auf der sehr professionellen, vom Autor selbst auf dem aktuellen Stand gehaltenen Website www.davidhewson.com) dachte Hewson, der Journalist, schon früh daran, sich als Romancier zu versuchen. Doch es dauerte bis 1994, um Worten Taten folgen zu lassen. Da Hewson als Spanien-Kenner (drei Bücher künden von seinen Reisen) dieses Land und seine Leute kennt, lag der Gedanke nahe, für den nun anstehenden Roman-Erstling den Exoten-Bonus zu nutzen. "Semana Santa", ein Thriller mit Mystery-Elementen, wie wir sie auch in "Villa der Schatten" finden, entstand 1994 und entwickelte sich binnen kurzer Zeit zu einem kleinen Bestseller, der Hewson einen (angeblich renommierten, aber wer weiß das schon so genau) "W. H. Smith Fresh Price", vor allem aber einen lukrativen Buchvertrag einbrachte. Inzwischen hat Hewson weitere Romane vorgelegt, die ihn als Verfasser wenig innovativer, aber thematisch abwechslungsreicher und kompetent geschriebener Unterhaltungsliteratur zeigen.

Die Nic-Costa-Reihe erscheint in Deutschland im Ullstein Verlag:

(2002) A Season for the Dead (dt. "Das Blut der Märtyrer")
(2003) The Villa of Mysteries (dt. "Villa der Schatten")
(2005) The Sacred Cut (noch kein dt. Titel)
(2006) The Lizard’s Bite (noch nicht erschienen)

Eine Rezension von



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Michael Drewniok
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Name: Villa der Schatten

Art: Roman für Romane; 446 Seiten; Taschenbuch;

Publikationsjahr: 2005

ISBN-10: 3-55008-612-1

ISBN-13: 978-3-55008-612-0

Preis: 25 Euro

Kontakt: Ullstein
Homepage: www.ullstein.de

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Letzte Änderung / Last modify: 2008-01-20